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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 30
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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30. Auf der Fährte

Der schönste Teil des Waldes von Wanstead ist der, welcher sich im Tal an der Seite des Steinbruchs hinzieht. Zwischen den Bäumen zeigen sich pittoreske Felsbildungen, hier und da liegt vereinzelt ein mächtiger Steinblock, vielleicht von Sprengungen hierher geschleudert, Moose überwuchern ihn, und zur Seite gedrückte Baumstämme scheinen ihn zu umarmen.

In dieser Umgebung wandelte im letzten Scheine der Abendsonne Miß Woodfield an der Seite eines Mannes, den sie Bruder nannte.

James Woodfield mochte in den sechziger Jahren stehen, sein Haar und der kurze Vollbart waren weiß wie die ganze Gegend, aus der er kam – aus den arktischen Gebieten Nordamerikas, dem Reiche des Eisbären – doch sonst konnte man ihm das Greisenalter nicht anmerken. Die Gestalt war noch hoch und stramm aufgerichtet, der Gang zwar langsam, aber fest und sicher, das Gesicht wettergebräunt und frisch, und das graue Auge blickte noch ungetrübt. Wie seine Schwester war auch er eine hagere, eckige Figur, und im Gesicht war derselbe Zug von harter Energie zu lesen, der sich besonders in den schmalen, immer festgeschlossenen Lippen ausdrückte.

Wer ihn so langsam spazieren gehen sah in modernem grauen Anzug und gelbem Sommerüberzieher, auf dem kurzgehaltenen Haar einen weichen Filzhut, der hätte ihn vielleicht für einen alten Offizier gehalten, am allerwenigsten aber für einen Mann, der einige Jahre seiner Jugend als Pelzjäger verbracht hatte, nicht um seine Abenteuerlust zu befriedigen, sondern allein als Kaufmann, um das Geschäft des Pelzhandels von Grund auf kennen zu lernen.

Wie der spätere Großkaufmann meistenteils auch erst als Lehrling oder Volontär die niedrigsten Kontorarbeiten und Ladendienste verrichten muß, will er das beurteilen können, was er einst von seinem Personal verlangen darf, so muß auch der große Pelzhändler im Norden Amerikas selbst eine Lehrzeit als Trapper, als sogenannter Voyageur, durchmachen – wie schon einmal erwähnt wurde –sonst kann er die Leistungsfähigkeit seiner Leute, vom Kommis bis herab zum halbwilden Jäger nicht beurteilen, und seine Spekulationen sind nicht sicher.

James Woodfield hatte dies alles durchgemacht; wie der gewöhnliche Pelzjäger hatte er das lange Ruder gehandhabt, die Boote über die Stromschnellen getragen, Bären geschossen und mit Indianern Tauschhandel getrieben, dann war er Kommis geworden und hatte es schließlich bis zum Direktor der Hudsonbaikompanie gebracht, deren Gebiet eine Fläche von 148 000 deutschen Quadratmeilen umfaßt, also größer als Europa ist. Aber auf diesem ungeheuren Gebiete gibt es nicht so viel ackerbaufähiges Land, daß sich von dem Ertrage der Früchte ein Dutzend Personen ernähren könnten.

Als der Sohn den Vater unterstützen konnte, hatte sich Woodfield von der Kompanie abgesondert und selbst Faktoreien gegründet, und jetzt befand er, sich in England, nicht nur um Pelzauktionen beizuwohnen, sondern um sein Unternehmen unter den Schutz der englischen Flagge zu stellen und dasselbe zu erreichen, was schon die Hudsonbaikompanie erzielt: nämlich eine eigene Gerichtsbarkeit.

Man sah es, wie gesagt, dem Manne nicht an, daß er einst Pelzjäger gewesen war und jetzt im Begriffe stand, sich förmlich als Selbständigen, unumschränkten König proklamieren zu lassen, der über Leben und Tod zu entscheiden hat. In jenen einsamen Gegenden, in denen auf eine deutsche Quadratmeile ein einziger Mensch kommt – ungefähr 140 000 Indianer und 10 000 Weiße – muß es einen Mann geben, der unumschränkte Richtergewalt besitzt, denn der Arm der Justiz reicht nicht bis dorthinauf.

Aus diesem Grunde hatten auch Dick und Charly den reichen Pelzhändler begleitet, nicht als Diener, sondern als die mächtigsten Zeugen, daß Woodfields Forderungen gerecht waren.

Was kein Mensch in England beurteilen konnte, darüber konnten nur die Aussagen der beiden unscheinbaren Pelzjäger entscheiden.

Als wichtig muß noch bemerkt werden, daß in jenen Territorien das französische Element stark vorherrscht, und daß daher auch die von den Pelzjägern durchweg gesprochene Sprache ein französisches Kauderwelsch ist, vermischt mit englischen und indianischen Brocken.

Diese Territorien gehörten nämlich früher Frankreich, im Jahre 1761 wurden sie von England erobert; aber die französischen Pelzkompanien blieben neben englischen bestehen, wodurch unter den Pelzjägern der beiden Nationen ein förmlicher Krieg ausbrach, den jeder auf eigene Faust führte, 1822 verschmolzen die Kompanien, sie wurden alle englisch, aber die Sprache ist dennoch, französisch geblieben; auch die Engländer akzeptierten letztere.

»Ich bitte dich Rachel,« sagte Woodfield auf eine Frage seiner Schwester, »mich nicht immer wieder an jenes unglückliche Ereignis zu erinnern. Es ist mir nicht gelungen, Nancy wiederzufinden, obgleich ich, wie du weißt, die ungeheuersten Anstrengungen gemacht habe. Ich habe jahrelang ganz Amerika von Norden nach Süden, von Osten nach Westen durchreift, ich habe selbst Nachforschungen in Frankreich angestellt, nichts gespart, eine Spur zu finden, und alles blieb erfolglos – nie habe ich weder etwas von meiner unglücklichen Nancy, noch von jenem schurkischen Franzosen gehört, der sich als Kapitän eines Pelzhändlerschiffes ausgab, aber dann, wie man erfuhr, gar keine Pelze einnahm, sondern sich von französischen Pelzjägern indianische Mädchen und, Kreolinnen eintauschte. Er war ein Sklavenhändler, es ist kein Zweifel, und die kleine Nancy ist ihm zum Opfer gefallen, denn als wir sie vermißten, war jenes Schiff abgesegelt. Kapitän, Schiff und Nancy sind verschwunden, und ich muß letztere für tot halten. Ach, möchte sie es sein!« fügte er seufzend hinzu.

»Ich wollte dir nur mitteilen,« entgegnete die Schwester, »wie sonderbar sich Monsieur Francoeur verhielt, als ich ihm vorgestellt wurde. Beim Nennen meines Namens schrak er furchtbar zusammen, und merkwürdig, er wußte auch meinen Vornamen! Ich dachte gleich an dich, weil er ja auch ein Franzose ist.«

»Eine unangenehme Erinnerung mag in ihm erwacht sein. Wie sollte er, der aus Indien kommt, jener Mann sein, den ich suche! Nein, Rachel, das sind ja waghalsige Vermutungen, und ich bitte dich, dich nicht mehr mit der Sache zu beschäftigen. Überdies sehe ich ihn ja morgen in der Kirche. Hätte ich gewußt, daß ich zu einer Trauung eingeladen werde, ich wäre nicht hierhergekommen, denn die Fröhlichkeit fremder Menschen erweckt nur meinen Schmerz, um so mehr hier, wo ich in Lady Carter eine Leidensgenossin gefunden habe. Ich wünschte wirklich, ich hätte meine Eisfelder nicht verlassen. Dort in der Einsamkeit fühle ich mich wohl; brave, ehrliche Menschen umgeben mich, und die Familie meines guten Sohnes macht mich glücklich.«

Die Geschwister mußten ein spärlich bewachsenes Felsplateau überschreiten, durch das sich breite, unregelmäßige Rinnen hinzogen und auf dem mannshohe Steinblöcke lagen.

Plötzlich erscholl neben ihnen hinter einem der Felsen eine laute Stimme: »James Woodfield, dies schickt Ihnen Monsieur Janvier.«

Hinter dem Felsen sprang ein Mann hervor, vor dem Gesicht eine schwarze Maske, in der erhobenen Hand eine Pistole; fünf Meter vor dem Amerikaner blieb er stehen, die Waffe auf Woodfield gerichtet; dem Laufe entfuhren kurz nacheinander zwei Feuerstrahlen.

Mit dem Krachen der beiden Schüsse vermischte sich der Schreckensschrei Rachels.

Woodfield stand einen Augenblick wie gebannt da, dann stürzte er mit ausgebreiteten Armen vorwärts, als wolle er den Meuchelmörder fassen, strauchelte am Rande einer Rinne, fiel und schlug mit dem Kopf schwer auf die scharfen Steine.

Die alte Dame glaubte anfangs, dies alles wäre nur ein Spiel ihrer Einbildung gewesen. Aber nein, der Mörder war zwar verschwunden, doch dort, allmächtiger Gott dort lag ihr Bruder mit ausgestreckten Armen tot am Boden; das Blut floß aus seinem Kopfe.

Rachel sprang hinzu.

»James! James!« schrie sie, und faßte den Bewegungslosen am Arm.

Woodfield rührte sich nicht. Aus der Wunde rieselte ein Blutbächlein über die Steine.

Rachel schrie laut um Hilfe; ihr Ruf wurde gehört, ein Mann erschien auf der Bildfläche, und dann noch ein anderer.

»Die schwarze Maske,« stieß Rachel verzweifelt hervor, »hat auf meinen Bruder geschossen – er ist tot!«

Die beiden Männer, ebenfalls furchtbar erschrocken, drehten Woodfield um. Das Blut floß ihm übers Gesicht; es kam aus einem Loch in der Stirn.

»Durch den Kopf geschossen!« sagte einer leise. »Er ist tot!«

Wieder erscholl das Verzweiflungsgeschrei der unglücklichen Schwester; es rief noch andere Leute herbei. Die Gegend war gar nicht so einsam; wie hatte der Räuber nur wagen können, hier am hellerlichten Tage einen Raubunfall zu versuchen! Es wurde die höchste Zeit, daß man ihn dingfest machte.

Rachel sollte eine Erklärung geben, sie vermochte es aber nicht.

»Mister Woodfield erschossen?« rief da eine Stimme; die Umstehenden wurden zur Seite gedrängt und Charly, Woodfields Begleiter, stürzte hervor.

»Ich habe die Schüsse gehört, sie galten also ihm! Was ist vorgegangen, Miß Woodfield?«

Die alte Dame war noch nicht fähig, die Frage des Pelzjägers klar zu beantworten, ebenso konnte Charly von den übrigen nichts Gewisses erfahren, denn er war der einzige, der nicht von lähmendem Entsetzen erfaßt wurde, weil er während seines wilden Lebens an derartige Szenen gewöhnt worden war.

Das erste war, daß er die angebliche Leiche untersuchte, und da ergab sich gleich etwas, was den Bann des Schreckens aufhob.

»Wer sagt da, Mister Woodfield sei tot?« rief er, die Hand auf die Herzgegend des Regungslosen legend. »Er atmet ja ganz regelmäßig.«

Als Charlys Aufforderung, Wasser zu holen, von den Umstehenden nicht schnell genug befolgt wurde, sprang er selbst davon, brachte in seiner Pelzmütze Wasser aus dem nächsten Tümpel, wie es solche bei Steinbrüchen immer gibt, und begann Mister Woodfields Kopf zu waschen.

Plötzlich brach er zur Verwunderung aller, in ein herzliches Lachen aus.

»Also durch den Kopf soll er geschossen sein, und gleich zweimal! Ein Loch in der Stirn ist allerdings da, aber das hat er nur bei dem Sturz auf die Steine davongetragen.«

»Er lebt also,« rief Miß Woodfield, »und er stirbt nicht?«

»Unsinn, an solch einem Loch im Schädel stirbt niemand und am allerwenigsten Mister Woodfield! Bewußtlos ist er freilich.«

Charly fand weiter, daß durch den nahen Schuß Kopfhaare, Bart und auch die Wimpern versengt waren; möglicherweise konnten auch die Augen verletzt worden sein, doch das konnte jetzt noch nicht bestimmt werden.

Der energische Charly ordnete an, daß vier kräftige Männer Mister Woodfield nach Lady Carters Haus trugen, einen anderen schickte er gleich zum Arzt, einen nach Moores Hütte, um Dick Red, der wahrscheinlich dort auf ihn wartete, sofort herbeizuholen.

Miß Woodfield wollte die Träger begleiten, Charly aber bestand darauf, daß sie ihm erst an Ort und Stelle alles erzählte. Vorher jedoch scheuchte er die Neugierigen davon, deren es freilich nicht viele gab, weil man die schwarze Maske in der Nähe wußte.

Miß Woodfield konnte nichts weiter sagen, als daß hinter einem Felsen ein schwarzgekleideter Mann, eine gleichfarbige Maske vor dem Gesicht tragend, hervorgesprungen sei und zweimal auf ihren Bruder geschossen habe. Sie selbst sei wie geblendet gewesen, und als sich der Pulverrauch verzogen, wäre der Räuber – bekannt unter dem Namen >die schwarze Maske< – wieder verschwunden gewesen.

Charly hielt die ihrem Bruder Nacheilende noch einmal fest.

»Nicht so schnell, Miß! Glauben Sie, daß der Schuft eine Beraubung beabsichtigte und durch irgend etwas, vielleicht durch Ihre Gegenwart oder weil er wußte, daß er gefehlt hatte, daran gehindert wurde?«

»Nein, nein, der Grund ist ein ganz anderer. Ich muß zu meinem Bruder.«

»Was für ein Grund ist es?«

»Ehe der Mann hervorsprang, rief er: James Woodfield, dies schickt Ihnen Monsieur Janvier.«

Charly stieß einen langen Pfiff aus.

»O, warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«

»Wissen Sie, wer dieser Janvier ist?«

»Wahrscheinlich der, welcher Nancy geraubt hat.«

»Sie kennen ihn?«

»Der Erzählung nach.«

»Vielleicht war es Janvier selbst.«

»Das wird sich finden. Haben Sie schon jemandem von diesem Ausruf gesagt?«

»Nein.«

»Dann dürfen Sie auch niemandem etwas davon sagen.«

»Die Sache muß gleich angezeigt werden.«

»Das werden Sie unterlassen; Dick und ich werden den Mörder fangen, ohne daß die Polizei vorläufig etwas davon erfährt. Verstehen Sie? Nun zeigen Sie mir noch, wo der Mann und wo Ihr Bruder gestanden hat, und wohin der Räuber verschwunden sein mag!«

Die alte Dame tat es, so gut sie es konnte.

»So, das genügt! Nun eilen Sie den Leuten nach, die Sie dort noch sehen, und vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe. Ihr Bruder wird bald wieder auf den Beinen sein.«

»Sie wollen die schwarze Maske fangen?«

»Ich hoffe es, mit Hilfe von Dick.«

Miß Woodfield rannte mit langen Schritten davon.

Mit gesenktem Kopf ging Charly dahin, wo der Räuber gestanden haben sollte, als er geschossen hatte, schritt die Umgegend ab, dabei vorsichtig nur auf felsigen Boden tretend, oft von einem Stein auf den anderen springend, und blieb schließlich stehen, einen Erdfleck scharf betrachtend.

Da erscholl in der Ferne ein gellender Pfiff; Charly steckte zwei Finger in den Mund und pfiff wieder, und nach einer Minute war Dick bei ihm.

Der kleine, rote Mann eilte jedoch nicht direkt auf seinen Gefährten zu, sondern blieb in gehöriger Entfernung stehen. Charly hob noch die Hand, zum Zeichen, daß er nicht näher kommen sollte.

»Tot?« fragte Dick.

»Nein, er ist gar nicht getroffen worden, sondern hat sich nur beim Sturz ein Loch in den Kopf geschlagen. Es hat gar nichts zu bedeuten.«

»Hast du etwas gefunden?«

»Die erste Spur. Jetzt kannst du kommen, aber von dieser Seite. Es ist überhaupt schon genug hier herumgetrampelt worden.«

»Verdammt!« knurrte der Rote, ging näher und ließ sich nun erst erzählen, was Charly wußte.

»Also Janvier hier!« brummte Dick phlegmatisch. »Das ist ja der Schuft. Hm, er selbst kann's nicht sein. Was hat das zu bedeuten? Nun, werden's ausfinden; noch vor Anbruch der Nacht muß der Kerl gefangen sein.«

Dick fragte nicht erst lange, wo der Mörder gestanden hatte, denn er meinte, daß Miß Woodfield doch keine genauen Angaben machen konnte. Nur wunderte er sich, wie jemand, und noch dazu ein Bandit, auf fünf Meter Entfernung zweimal fehlen konnte.

Dann besichtigte er das, was schon Charlys Aufmerksamkeit erregt hatte, den für das Auge eines gewöhnlichen Menschen nicht wahrnehmbaren Abdruck eines Stiefels auf der Erde.

»Es kann nicht die Spur eines herbeigeeilten Arbeiters sein,« sagte Charly, »denn sie führt von hier weg, und sieh hin, der Mann hat große Sprünge gemacht.«

»Ich sehe es. Schneide mir dort einen geraden Stock von der Weide ab, ich verfolge die Spur!«

Charly tat, wie ihm geheißen. Dick ging schnell weiter, ohne auch nur einmal zu zögern, das Auge immer auf den Boden geheftet. Kein Jagdhund hätte die Spur schneller verfolgen können, als dieser in der amerikanischen Wildnis aufgewachsene Mann; nicht einmal auf steinigen Plateaus, wo die Spur unsichtbar wurde, blieb er zögernd stehen, sondern schritt weiter und fand sie auf dem Erdreich wieder.

Charly holte ihn ein und gab ihm zwei kurze, gleichlange Weidenstöcke.

»Dieser Tölpel!« lachte Dick geringschätzend. »Sieh nur, wie schön er hier seine Füße eingedrückt hat, gerade wie mit voller Absicht.«

Er kniete nieder und markierte Länge und Breite von Sohle und Hacke auf beiden Stöcken, von denen er einen Charly gab. Die Erde war hier weich, die Abdrücke ganz scharf.

»Es sind nicht die Schuhe eines Arbeiters,« erklärte Dick. »Ich halte Sie für Herrenstiefeletten. So, Charly, nun folge mir, bis ich dich brauche! Halte mir den Rücken frei.«

Er richtete sich auf und schritt wieder schnell weiter. Die Spuren führten durch eine mit Felsblöcken besäte Gegend, dann wurde der Grund immer steiniger, denn der eigentliche Steinbruch begann.

Es dauerte nicht lange, so konnte der nachfolgende Charly keine Abdrücke mehr erkennen, wohl aber Dick. Es zeigte sich bald, daß er der Meister, Charly ihm gegenüber ein Schüler war.

Letzterer hatte wohl gelernt, die Spur des Wildes im Schnee und auch im Walde zu verfolgen, aber er war nicht wie Dick ein Trapper des südlichen Amerikas, dessen Ohr das Laub der Bäume reden hört, der aus einem geknickten Zweig ersieht, wer daraufgetreten hat, dem jeder verschobene Stein lange Geschichten erzählt. Solch ein Trapper muß den Spürsinn eines Jagdhundes besitzen, oder er wird sich nicht lange in der Wildnis halten können, bald würde er Indianern zum Opfer fallen, welche diese Eigenschaften besitzen.

Dick konnte zwar nicht mehr so schnell wie vorhin gehen, doch die Spur verlor er nicht.

Sah er den Abdruck selbst nicht, so erregte ein geknickter Grashalm, der einsam in einer Spalte stand, seine Aufmerksamkeit, dann bückte er sich oder kniete sogar nieder, legte das Auge fest an den Boden, und so erreichte er endlich eine Höhle, in welche die Spur hineinführte.

Die Höhle selbst aber war leer.

»Er ist hineingegangen und nicht wieder heraus,« sagte Dick kopfschüttelnd.

Charly machte ein erstauntes Gesicht.

»Ja, wo ist er aber dann hingekommen? Diese Höhle ist ja nur ein kleines Loch, welches gar kein Versteck bietet.«

Der Raum war tatsächlich so klein, daß das Tageslicht vollkommen genügte, sie zu erleuchten. Die Wände waren ganz glatt wie der Hintergrund, kein abzweigendes Loch oder etwas Ähnliches war zu sehen, und doch behauptete Dick fest, der Räuber sei hineingegangen, aber nicht wieder heraus. Er zeigte Charly noch die Spur des Stiefels dicht an der hinteren Wand.

»Das ist mir ein Rätsel,« sagte Charly.

»Mir nicht. Der Bandit kennt irgend ein Geheimnis, einen Stein zu verschieben oder sonst etwas, wodurch ein Loch entsteht. Durch dieses ist er verschwunden. Aber wohin?«

Dick tastete an der Wand entlang ohne etwas zu finden.

»Ich habe genügend Pulver bei mir, diesen ganzen Felsen in die Luft zu sprengen,« brummte er dann; »aber das erfordert einmal sehr viel Zeit, und dann könnte der Schuft unversehens mit in die Luft fliegen, was mir sehr unangenehm wäre. Lebendig müssen wir ihn haben.«

Nach einem kurzen Zwiegespräch trennten sich die beiden. Dick verschwand links, Charly rechts zwischen den Felsen. Sie nahmen an, daß der Bandit die Höhle durch einen anderen Ausgang verlassen; hatte er aber die Schuhe gewechselt, so war wenig Hoffnung vorhanden, ihn heute noch zu fangen.

Ein Pfiff rief Dick zu Charly. Letzterer stand auf einem Rasenboden, nicht weit entfernt von der Landstraße, und hatte den Meßstock auf einen Maulwurfshaufen gelegt, der den leichten Abdruck einer Hacke zeigte.

»Ist er's oder ist er's nicht?« jubelte Charly förmlich auf.

»Natürlich, er ist's!« entgegnete Dick. »Da läuft ja die schönste Spur hin; ich brauche gar nicht erst zu messen, es ist die seinige.«

»Sie führt der Landstraße zu.«

Dick ließ seinen Blick prüfend diese entlang gleiten.«

»Geniert nicht; ich kann ihr folgen, so lange der Weg so ist wie hier. Jetzt schnell, wir müssen eilen oder er geht uns verloren.«

In dem Staub waren zwar viele Spuren von Wagenrädern, Pferdehufen und Fußgängern, doch Dick fand den Abdruck des von ihm beobachteten Stiefels immer wieder heraus; manchmal war er ganz deutlich zu sehen. Nach zehn Minuten schnellen Gehens schwenkte die Spur rechts ab in einen Seitenpfad, worüber Dick sehr erfreut war. Jetzt schien es nicht mehr, als hätte der Bandit sich nach Wanstead begeben wollen, wo die Spur in den Straßen natürlich verloren gegangen wäre.

Einen entgegenkommenden Mann hielt Dick an und fragte ihn, ob er einen schwarzgekleideten Mann, mit einer schwarzen Maske vor dem Gesicht, begegnet wäre.

Der Gefragte lachte.

»Das wäre ja dann die schwarze Maske gewesen,« sagte er; »so dumm wird der Räuber wohl nicht sein, daß er in seinem Arbeitskostüm auf der Landstraße spazieren geht.«

»Wem seid Ihr sonst begegnet?«

»Einer Bauersfrau und einem Herrn.«

»Wie sah letzterer aus?«

»Soll der etwa der Räuber gewesen sein?« lachte der Mann.

»Vielleicht!«

»Da seid Ihr nun freilich im Irrtum. Das ist ein Gentleman, den ich hier oft spazieren gehen sehe, ich glaube, es ist ein Londoner Kaufmann und mag hierherum wohnen.«

»Beschreibt mir ihn!«

»Er ist groß und schlank, hat dunkles Haar und einen kurzen, schwarzen Vollbart. Er ist wahrscheinlich brustkrank, denn er klemmt immer den Stock hinten auf dem Rücken zwischen die Arme, damit er tief atmen kann, und dann sieht er auch sehr bleich aus.«

»So, so! Wie ist er angezogen?« examinierte Dick weiter.

»Er trägt immer einen ganz hellgrauen Anzug mit langem Gehrock, und weißen Strohhut wenn es heiß ist: Aber die schwarze Maske ist es nicht, wenn Ihr die sucht.«

»Wann seid Ihr ihm begegnet?«

»Vielleicht vor zehn Minuten.«

»Danke,« sagte Dick kurz und schritt schnell weiter, die Spur im Auge behaltend.

»Ob er es sein mag?« fragte Charly. »Vielleicht, wird sich finden. Er kann sich ja in seinem Schlupfwinkel umgezogen haben.«

Nach etwa einem Kilometer verließ die Spur den Pfad. Der Mann war über den Graben gesprungen und quer durch den Wald gegangen, und zwar, wie die beiden sofort mit ihren Jägeraugen sahen, äußerst schnell, oft war er sogar gerannt.

»Aha, jetzt hatte er es eilig!« lachte Dick. »Go ahead, Charly! Ehe es finster wird, muß er unser sein.«

Dick begann einen Eilmarsch anzuschlagen, der so förderte, daß Charly ihm trotz seiner langen Beine kaum folgen konnte, weil sich der kleine Rote wie eine Schlange durch die Büsche wand.

Es ging immer geradeaus; Carters Haus blieb weit rechts liegen, dann schimmerte den beiden eine weiße Mauer entgegen; sie erreichten die Waldgrenze, und vor ihnen erhob sich die indische Villa.

»He, was ist das?« flüsterte Dick, sich noch im Walde haltend.

»Die indische Villa, so genannt, weil ein Radscha mit vielen indischen Dienern drin wohnt. Der Kerl ist taubstumm und läßt sich fast gar nicht sehen.«

»Das weiß ich. Aber auch zwei Franzosen wohnen drin.«

»Monsieur Francoeur und seine Schwester.«

»Und der Bandit ist bei ihnen. He, Charly, was sagst du nun?«

»Er ist bei den Franzosen. Hm, daraus kann man viel schließen.«

»Sieh, hier ist er über den Graben gesprungen,« erklärte Dick, »da die Spur über die Landstraße; er ging über die Wiese, und was siehst du dort auf dem gelben Wege?«

»Er ist vor kurzem geharkt worden, nur ein Männerschuh ist in dem gelben Sande abgedrückt, und er führt direkt auf das Haus zu.«

»Aber nicht wieder heraus! Hurra, Charly, wir haben ihn! Ich sehe schon von hier aus, daß es derselbe Stiefel ist wie im Steinbruch!«

Die beiden Jäger besprachen sich leise, dann ging Charly in den Wald zurück, während Dick über den Graben sprang und den Weg zur Villa einschlug. Er trat jedoch nicht auf den Kies, sondern ging auf dem Rasen, und als dieser von Blumenbeeten ersetzt wurde, trat er auch auf diese.

Er befand sich mitten im Garten, nicht weit von dem Hauptportal ab, als ein zorniger Ruf erscholl und ein Indier, einen Rechen in der Hand, auf den sonderbar gekleideten Fremden zueilte, der so gleichgültig über die dem Gärtner anvertrauten Blumenbeete schritt.

»Was soll das heißen?« rief der Mann drohend in mangelhaftem Englisch. »Wollen Sie gleich da herunter!«

Er hob drohend den Rechen, was Dick veranlaßte, stehen zu bleiben.

»Tut Euch das weh, wenn ich auf die Blumenbeete trete?« fragte er kaltblütig.

»Herunter da!« herrschte ihn der Gärtner an. »Was haben Sie hier überhaupt zu suchen? Hier wird nicht gebettelt.«

Dick lachte und trat jetzt auch auf den Weg.

»Nun, was wollen Sie hier?«

»Ich wollte Monsieur Francoeur einmal besuchen. Der wohnt doch hier, nicht wahr, mein Junge?«

»Weiß nichts! Was wollen Sie?«

»Ihr wißt nicht, daß Monsieur Francoeur hier wohnt? Das ist ja komisch. Na, da will ich selbst einmal anfragen.«

Er wollte weitergehen, aber der Indier vertrat Ihm den Weg.

»Keinen Schritt weiter! Fremde dürfen nicht ins Haus, Bettler gleich gar nicht!«

»Höre, Bursche, wenn du mich noch einmal Bettler nennst, dann spiele ich mit dir Fangeball! Verstanden?«

Der Indier war ein großer, dicker Mann; verächtlich musterte er den kleinen Roten.

»Ich sage, der Herr hat uns verboten, Bettler oder überhaupt Fremde einzulassen. Gehen Sie aus dem Garten und ziehen Sie die Klingel am Tor, dann werden Sie gefragt, was Sie wünschen.«

»Das dauert mir zu lange. Ich will dir aber sagen, was ich wünsche. Weißt du, was ich bin?«

»Das geht mich nichts an!«

»Ich bin ein Räuber, ein Mörder und Einbrecher und möchte deinem Herrn einen Besuch machen. Vielleicht kann er mich gebrauchen. Anbetteln will ich ihn jedenfalls nicht.«

Der Indier wußte nicht, was er von diesen Worten denken sollte. Mit großen Augen glotzte er den gleichmütig Sprechenden an.

»Was?« fragte er dann.

»Ja, ja, ich bin ein Räuber!« wiederholte Dick. »sage deinem Herrn, es wäre noch einer da, der ihn sprechen wollte.«

»Noch einer?«

»Na ja, noch ein Räuber außer mir. Er hätte einen schwarzen Anzug an und eine schwarze Maske vorm Gesicht, weswegen man ihn in dieser Gegend die schwarze Maske nennt.«

Dick sprach immer sehr laut. Er sah, wie am Parterrefenster der Villa einige braune Gestalten standen und zuhörten.

Der Gärtner glaubte, es entweder mit einem Verrückten oder mit einem äußerst frechen Bettler zu tun zu haben. Drohend erhob er den Rechen.

»Wollen Sie jetzt gehen?«

»Ja, aber nur ins Haus.«

»Zurück oder ich schlage ...«

Plötzlich wurde der Indier von zwei kräftigen Armen gepackt, emporgehoben, er wirbelte in der Luft herum und flog dann in weitem Bogen in ein Blumenbeet, wo er zwischen Tulpen, Nelken und Veilchen sanft gebettet lag.

»So, da kannst du ausschlafen, geniere dich nicht!« lachte Dick und eilte dem Hause zu.

Ebenso schnell verschwanden die Köpfe am Fenster; denn die Diener wollten den Eindringling nicht festhalten, sondern nur ihrem Herrn von dem Geschehenen Mitteilung machen.

*

Monsieur Francoeur hatte eine Visitenkarte mit einem ihm unbekannten, französischen Namen erhalten. Er hatte den in Grau gekleideten Herrn den Garten durchschreiten sehen, er kannte ihn nicht, und da er mit seiner Schwester eben eine Unterredung führte, so ließ er den Fremden warten.

Als er endlich das Bibliothekzimmer betrat, stand er einem schlankgewachsenen Mann gegenüber, mit schönem, etwas bleichem Gesicht, schwarzem Vollbart und stechenden Augen.

»Kennen Sie mich noch, Monsieur Francoeur?« fragte der Fremde mit gedämpfter Stimme.

»Nein, mit wem habe ich die Ehre?«

»Ich verstellte früher meine Stimme, mein Gesicht haben Sie noch nie gesehen, aber wir sprachen uns schon einmal. Ich habe den Auftrag ausgeführt, lieber Schwager!«

Francoeur prallte zurück.

»Wie? Sie wären ...«

»Die schwarze Maske;« lächelte der Bandit. »Sie sehen jetzt mein Gesicht. Kennen Sie es?«

»Nein.«

»Desto besser. Also ich mahne Sie an Ihre Schuld.«

Es dauerte lange, ehe Francoeur seine Fassung wiederfand. Die Sache kam ihm doch überraschend.

»Sie hätten es wirklich getan?« flüsterte er dann leise.

»Den Beleidiger unserer Ehre niedergemacht? Natürlich! Mit so etwas zögere ich nicht lange. Mich wundert es, daß die Nachricht noch nicht hierher gelangt ist. Ja, Mister Woodfield ist durch meine Kugel gefallen!«

»Nicht so laut! Das dürfen selbst meine treuen Diener nicht vernehmen! Wo?«

»Im Steinbruch.«

»Wann?«

»Vor noch nicht einer halben Stunde.«

»Mensch, und Sie wagen sich zu mir? Wenn man Sie hat hierher gehen sehen!«

»Ohne Sorge! Jetzt bin ich ein anderer Mann als vorhin! Sie müßten mich überhaupt bereits kennen, wir sind uns manchmal auf Spaziergängen begegnet.«

»Richtig, jetzt entsinne ich mich!« sagte Francoeur erstaunt. »Also, Sie führen ein Doppelleben! Aber immerhin, ein Mord darf nicht ungesühnt bleiben. Man könnte Sie doch finden. Sie müssen fort!«

»So schnell wie möglich! Gestatten Sie mir nur eine Unterredung mit Ihrer Frau Schwester, dann verschwinde ich und treffe dort mit ihr zusammen, wo ich es ausmache.

Haben Sie schon mit ihr gesprochen?«

»Ich habe ihr Andeutungen gemacht; sie ist jedoch nicht geneigt, einem ihr Unbekannten zu folgen.«

»Ich bin ihr nicht unbekannt, ich bin ihr Jugendfreund aus Paris.«

»Ah!«

»Sie wird mir also folgen. Doch ich habe keine Zeit, ich muß schleunigst fort! Führen Sie mich zu Madame Dubois, dann mache ich Sie mit dem Weiteren bekannt.«

»Erst beantworten Sie mir noch eine Frage, damit ich beruhigt werde. Ist Woodfield wirklich tot?«

»Ich hoffe es.«

»Sie wissen es nicht bestimmt?«

»Ich konnte natürlich nicht erst eine ärztliche Untersuchung halten. Ich sah ihn stürzen, er lag mit einem blutenden Loche in der Stirn am Boden. Genügt das als Beweis seines Todes?«

Francoeur atmete auf.

»Sind Sie gesehen worden?«

»Wahrscheinlich von seiner Schwester, die bei ihm war.«

»Teufel!«

»Das ist sehr gut, man fahndet jetzt auf die schwarze Maske. In mir vermutet diese niemand.«

»Sie haben recht. Kommen Sie!«

Er führte ihn in das Zimmer, in dem sich Phöbe befand. Sein Herz war zu voll, als daß er der Besprechung hätte beiwohnen können, er kehrte in die Bibliothek zurück.

Es war unterdessen dunkel geworden. Francoeur war sonst ein mutiger Mann, aber jetzt überflog ihn ein Grauen; die weißen Marmorfiguren blickten ihn so seltsam an, sie schienen sich im Dämmerlicht zu bewegen, ein steinerner Apollo, eine Lyra in der Hand haltend, schien ihm mit dem erhobenen Arme zu drohen – Francoeur bebte zusammen.

Obgleich es dazu doch noch zu hell war, brannte er selbst die niedrige Studierlampe an, und das Glas klirrte beim Abnehmen heftig, so zitterte seine Hand.

Da schrak er zusammen, draußen auf dem Korridor entstand ein Laufen, Diener schrien.

Sollten die Häscher schon kommen? Teufel, wenn man den Mörder bei ihm fand, wenn er Geständnisse machte! Francoeurs Zähne klapperten hörbar.

Da stürzte ein indischer Diener herein.

»Sahib, draußen auf dem Korridor ist ein roter Mann, er hat den Gärtner niedergeschlagen, jetzt will er den Radscha totmachen!«

»Ein roter Mann?«

»Ja, ein Bettler oder ein Räuber, er sagt es selbst.«

Francoeur riß einen geladenen Revolver von der Wand und eilte hinaus.

»Fünf für sie, eine für mich! – sollten sie es sein,« knirschte er, »lebendig bekommen sie mich nicht!«

Auf dem dunklen Korridor sah er Radscha Tipperah stehen, der einem kleinen Mann, den Francoeur nicht gleich erkennen konnte, den Weg zu versperren suchte.

»Na, alter Priester,« sagte der Kleine eben zu dem dicken Indier, »wo ist denn nun Monsieur Francoeur? Ach so, das ist ja der taubstumme Kerl, der Radscha oder Dingsda.«

Wer war das? »Wer wagt es, in mein Haus einzudringen und sich hier so zu benehmen?« schrie Francoeur, schob den Indier zur Seite und hielt dem Kleinen den Revolver entgegen.

»Ich!« entgegnete Dick kaltblütig.

»Wer ist das?«

»Dick Red, auch der rote Dick genannt. Im übrigen bin ich der Begleiter von Mister Woodfield und fange in meiner Freizeit Bären, Wölfe und Füchse.«

Jetzt wußte Francoeur, wem er gegenüberstand. Was wollte dieser Mann hier? War schon ein Verdacht vorhanden? Doch gleichgültig, jetzt galt es, seine Ruhe zu bewahren, den Unwissenden zu spielen, und dem Franzosen gelang dies von Anfang bis zu Ende meisterhaft.

»Das ist mir gleichgültig, ob Sie der Diener eines Gentleman sind oder nicht. Sie sind mit Gewalt in mein Haus gedrungen! Kennen Sie die englischen Gesetze?«

»Ja: Stehlen ist erlaubt, aber man darf sich dabei nicht erwischen lassen.«

»Sie sind betrunken! Entfernen Sie sich, oder ich mache von dem Rechte Gebrauch, einen mit Gewalt in mein Haus Eindringenden niederzuschießen.«

»Unsinn! Steckt das Spielzeug ein! Ich habe Euch eine wichtige Mitteilung zu machen.«

»Noch einmal: entfernen Sie sich!«

»Fällt mir nicht ein! Ihr kennt vielleicht Mister Woodfield, der bei Lady Carter wohnt? Ich soll Euch einen schönen Gruß bestellen, heute abend zehn Minuten nach sieben ist er erschossen worden.«

»Mensch, Sie sind betrunken!«

»J wo! Es ist wirklich so. Mister Woodfield ist vor einer halben Stunde im Steinbruch von Wanstead von der schwarzen Maske totgeschossen worden, zweimal sogar, mausetot, er lebt nicht mehr.«

Jetzt schien Francoeur zu erschrecken.

»Was? Sprechen Sie die Wahrheit?«

»Was denn sonst! Wollt Ihr mich nun anhören?«

Francoeur steckte den Revolver ein und führte den Roten in das Bibliothekzimmer.

»Setzen Sie sich,« sagte er, auf einen Stuhl deutend. »Durch Ihre seltsame Ausdrucksweise wurde ich gezwungen, an der Wahrheit Ihrer Behauptung zu zweifeln. Das wäre allerdings schrecklich!«

Dick setzte sich und streckte die Beine von sich, Francoeur nahm Platz auf einem Stuhl, wo ihn das Licht der Lampe nicht traf.

»Ja, es ist schrecklich, gleich zweimal totgeschossen!« sagte Dick und erzählte, wie die Sache sich zugetragen, verschwieg aber, daß Woodfield gar nicht getroffen war und jetzt wahrscheinlich bewußtlos im Hause der Lady Carter lag.

»Das ist ja entsetzlich!« hauchte Francoeur mit guter Verstellung. »Nun endlich wird der schwarzen Maske wohl das Handwerk gelegt werden. Der arme Woodfield!«

»Ja, er ist zu bedauern! Der Polizei scheint diese schwarze Maske zu schlau zu sein, mir aber nicht!«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, ich habe ihren Schlupfwinkel aufgespürt.«

»Das wäre!«

»Ja, deshalb bin ich eben hier und wollte mit Euch sprechen.«

»Mit mir? Deswegen?«

»Die schwarze Maske hält sich nämlich bei Euch versteckt.«

Francoeur sprang auf, jedoch nicht erschrocken, sondern sich entrüstet stellend.

»Ich beginne wieder an Ihrem Verstande zu zweifeln!« rief er. »Überhaupt verbitte ich mir Ihre vertrauliche Anrede. Ich bin gewohnt, mit Sie angeredet zu werden.«

»Ach was, das macht den Menschen auch nicht besser!« sagte Dick, sich nicht aus der Ruhe bringen lassend. »Ihr seid im Irrtum, wenn Ihr glaubt, ich wäre im Oberstübchen nicht gang richtig. Ich behaupte, die schwarze Maske, die Woodfield ermordet hat, befindet sich gegenwärtig in diesem Hause.«

Francoeur fand es am besten, die Sache ins Lächerliche zu ziehen. Gleichgültigkeit oder Zorn hätten den Argwohn dieses Mannes erregt, wenn er nicht schon solchen hegte. Aber woher nur? Es war eine furchtbar schwere Rolle, die Francoeur spielte, denn in seinem Innern stritten sich Angst und Verzweiflung. Was wußte dieser Mann? Was verheimlichte er? Es war doch nicht etwa das Spiel der Katze mit der Maus? »Gehen Sie, Sie wollen mich erschrecken!« lachte er sorglos. »Wie in aller Welt kommen Sie auf die unsinnige Vermutung, der Räuber solle sich hier versteckt haben? Oder, hahaha, halten Sie mich etwa für die schwarze Maske?«

»Euch halte ich nicht gerade dafür, aber vielleicht könnte er sich unter Euren Dienern befinden.«

»Schon dieser Verdacht ist schrecklich. Nein, Sie irren, meine Diener verlassen das Haus nicht, es sind alles Indier, mit englischen Verhältnissen unbekannt. Aber so sprechen Sie doch, woher haben Sie nur den ungeheuerlichen Verdacht bekommen?«

»Es ist kein Verdacht, sondern Tatsache, daß sich der Mörder in Eurem Hause aufhält. Ich fand seine Spur am Ort der Tat, habe sie verfolgt und kam hierher.«

Francoeur lachte laut auf.

»Hören Sie, mit solchen Sachen bleiben Sie mir vom Leibe! Sie sind hier nicht in der Prärie oder im Urwald, sondern in der Umgebung von London. Wenn Sie so etwas vor Gericht aussagen wollten, würden Sie das ganze Haus zum Lachen bringen.«

Doch Francoeur täuschte sich, wenn er glaubte, den Roten einschüchtern zu können.

Bedächtig zog dieser ein Weidenstäbchen hervor.

»Hier sind Marken darauf. seht, sie geben Länge und Breite der Schuhe an, welche der Mörder getragen hat, ich habe die Maße im Steinbruch genommen, wo der Räuber gestanden hat, und ganz genau dieselben Spuren sind im gelben Sande auf dem Kiesweg abgedrückt, der zur Tür dieses Hauses führt – sie sind funkelnagelneu, kein anderer Schritt ist daneben.«

Francoeur wollte das Stäbchen nehmen, doch Dick zog es schnell zurück.

»Das kommt nicht aus meiner Hand.«

»Also Sie behaupten, die schwarze Maske sei in meinem Hause?« fragte der Franzose jetzt scharf.

»Ja.«

»Nur aus jenen elenden Spuren zu schließen?«

»Ja.«

»Wie soll der Kerl ausgesehen haben?«

»Ganz Schwarz gekleidet, eine Kappe über dem Kopf und vor dem Gesicht eine Maske.«

»Ich werde Ihnen den Herrn vorstellen, welcher vor etwa einer halben Stunde mein Haus betreten hat. Nur gegen diesen könnten Sie dann die Anschuldigung erheben.«

Francoeur ging hinaus, blieb höchstens fünf Minuten und kam mit dem graugekleideten Herrn zurück, welcher eine unwillige Miene und ein barsches Wesen zur Schau trug.

»Das also ist der Kerl, welcher eine so ungeheure Beschuldigung aufstellt?«

»Ja, das ist der Kerl!« entgegnete Dick. »Monsieur Francoeur hat mir erzählt, um was es sich handelt, Ihre Behauptungen sind einfach lächerlich. Nach Ihren Aussagen müßte ich ja die schwarze Maske sein. Halten Sie mich vielleicht dafür?«

»Dem Anzug nach nicht.«

»Mensch, das klingt fast, als hätten Sie dennoch Verdacht gegen mich!« brauste der Graue auf.

»Der Anzug macht bei mir gar nichts aus. Zeigt mir einmal Eure Stiefelfohlen, geniert Euch nicht.« Der Graue lachte und hob willig den Fuß. Dick legte den Maßstab an und machte ein ganz verdutztes Gesicht.

»Nein, das ist ein anderes Maß,« murmelte er.

»Vielleicht paßt mein Schuh in die Spuren!« lachte Francoeur und legte das Knie auf den Stuhl.

»Natürlich.« schrie Dick nach dem ersten Messen.

»Das ist ganz genau der Fuß, der im Steinbruch abgedrückt ist.«

»Hören Sie,« sagte Francoeur gutmütig und klopfte dem Roten auf die Schulter, »Ihre Behauptungen sind hirnverbrannt. Erheben Sie einmal gegen mich die Anklage, daß ich die schwarze Maske bin, das ich Mister Woodfield ermordet habe, und Sie werden sich unsterblich blamieren.«

Dick wurde immer unwirscher. Er rückte an seiner Pelzkappe, wühlte in den Hosentaschen und sah verlegen umher.

»Hm, aber die Spuren auf dem Kiesweg?« brummte er.

»Sind die meinigen,« entgegnete Francoeur; »ich war kurz vorher, ehe Sie kamen, im Garten. Richtig, ich entsinne mich! Als ich fortging, harkte der Gärtner, und als ich zurückkam, mußte ich über den frischgeharkten Weg gehen.«

»Aber wo sind die Spuren dieses Herrn?«

»Die sind eben weggeharkt worden. Monsieur Latreaux, mein zukünftiger Schwager war schon hier, als ich in den Garten ging. Genügt Ihnen das?«

»Aber die Spur im Steinbruch?«

»Daß Sie dort auf dem steinigen Boden eine gefunden haben, klingt überhaupt sehr unglaublich.«

»Ich bin Pelzjäger, war früher Trapper, verstehe also Spuren zu verfolgen.«

»An solche Indianergeschichten wird hier nicht geglaubt,« lachte Francoeur.

»Ich entferne mich wieder, die Sache hat sich ja aufgeklärt,« nahm der Graue das Wort, und sich dann an Dick wendend: »und Sie, mein Lieber, verschonen Sie uns mit Ihren Spuren.

Wenn Sie derartiges vor Gericht bringen, werden Sie gehörig ausgelacht. Immerhin könnte uns aber ein von Ihnen ausgesprochener Verdacht in Unannehmlichkeiten bringen und das möchten wir natürlich vermeiden. Gestehen Sie ein, daß Ihre Spurenkenntnis Sie getäuscht hat?«

»Es muß wohl sein,« brummte Dick kopfschüttelnd.

»Es ist so. Hier glaubt überhaupt kein Mensch, was man von den Kunstfertigkeiten der Trapper liest. Das sind alles, wenn nicht Unwahrheiten, so doch Übertreibungen. Adieu!«

Der Graue ging, und Francoeur nötigte den ganz niedergeschlagenen Dick noch zu einer Flasche Wein, welche Einladung er nach einigem Zögern annahm.

Francoeur vermied es, noch mehr von der Unschuld des Grauen zu sprechen, er ließ sich vielmehr von Dick die Einzelheiten des Mordes erzählen, unterbrach den Erzähler mit Ausrufen des Entsetzens, der Entrüstung und des Bedauerns und fragte zuletzt, was den Räuber wohl veranlaßt haben mochte, den Amerikaner einfach niederzuschießen, ohne ihn dann zu berauben.

»Woodfields Schwester, die alte Dame, kann ihm dabei doch nicht hinderlich gewesen sein! Sollte es sich um einen Racheakt handeln?«

»Das ist mir auch unerklärlich,« entgegnete Dick; »wenn Woodfield noch lebte, könnte er wohl die Erklärung geben. Uns ist es ein Rätsel.«

»Richtig, Sie haben ja einen Freund! Wo ist er?«

»Charly hält bei meinem Herrn Leichenwache,« sagte Dick und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen.

Francoeur ehrte den Schmerz seines Gastes. Dann fragte er ihn über seine Erlebnisse aus, und Dick gab einige zum besten.

Plötzlich erscholl draußen, in weiter Ferne, ein lauter Pfiff, so gellend, daß Francoeur zusammenschrak.

»Was war das? unterbrach er den Erzähler.

»Ein Junge, der sich im Pfeifen übt, denke ich.«

»Muß der aber eine Lunge haben!«

Dick stand auf.

»Nichts für ungut, Monsieur, daß ich Euch belästigt habe. Ich habe mich geirrt, aber freilich die Spur ...«

»Schon gut,« unterbrach ihn der Franzose, »jeder Mensch kann sich einmal irren.«

Die beiden trennten sich im besten Einvernehmen.

*

Der Graue hatte nach dem Verlassen des Bibliothekzimmers sofort wieder Phöbe aufgesucht, die ihn mit angsterfüllten Zügen empfing.

»Nun?«

»Mein Plan war gut,« lachte der Mann leise, »der Dummkopf geriet in Verwirrung und sah dann sein Unrecht ein. Francoeur bearbeitet ihn noch und hält ihn vor allen Dingen zurück, bis ich mich entfernt habe. Deshalb adieu, liebe Phöbe, ich muß sofort gehen.«

»Du bist in einer furchtbaren Gefahr!«

»Durchaus nicht! Ich gehe nach London; das Schiff, welches mich nach Frankreich bringt, fährt heute nacht, mein Paß ist in Ordnung; spätestens morgen abend bin ich in Paris, wo ich dich an dem bestimmten Ort übermorgen erwarte.

Francoeur machte keine Einwendungen, er hat mich jetzt zu sehr zu fürchten, und dann, Phöbe, soll er uns beide erst recht fürchten lernen. Aus sicherem Hinterhalt wollen wir unsere Pfeile gegen ihn abschießen und ihn ausnutzen, bis er den letzten Blutstropfen für uns hergegeben hat.«

»Wenn er nun erfährt, daß Woodfield nicht tot ist?«

»Desto besser für uns, desto mehr hat er uns zu fürchten, um so weniger kann er deine Abreise hindern! Gute Nacht, Phöbe! Auf Wiedersehen!«

Er hatte es sehr eilig. Ein Kuß, eine Händedruck, und er ging.

Schnell schritt er durch den Garten der Landstraße zu und schlug die Richtung nach Wanstead ein. Dort wollte er den ersten, nach London fahrenden Zug benutzen.

Zu beiden Seiten der Landschaft lag der stille, dunkle Wald, auf den Laubdächern schimmerte der Schein der Mondes. Eben passierte der einsame Fußgänger den Schatten eines an der Straße stehenden, großen Baumes, als sich ihm plötzlich von hinten zwei Arme um den Oberkörper legten.

»Widersetzt Euch nicht,« flüsterte es ihm ins Ohr, »sonst muß ich Euch nieder schlagen!«

Der Überfallene schrie nicht, er rief nicht um Hilfe, sondern suchte sich nur mit Aufbietung aller seiner ganz ansehnlichen Kraft von der umstrickenden Umarmung zu befreien und mit der rechten Hand in die Brusttasche zu fahren.

»Ergebt Euch! Ihr entkommt nicht!« raunte es ihm wieder ins Ohr.

»Du oder ich, eine andere Möglichkeit gibt es nicht,« knirschte der Gefangene und wütete wie ein Verzweifelter.

»Dann du!«

Ein Arm des Angegriffenen löste sich, blitzschnell fuhr die freie Hand in die Brusttasche, sie hielt ein funkelndes Stilett, doch noch schneller sauste mit schmetterndem Schlag eine harte Faust auf den Kopf des Mannes herab; bewußtlos brach er zusammen.

Auf ihm kniete ein großer, herkulischer Mann; im Nu hatte er den Bewußtlosen an Händen und Füßen gebunden, stand dann auf und stieß einen gellenden, weithin tönenden Pfiff aus.

Dann warf Charly – denn kein anderer war es – den Gefesselten über seine breite Schulter, als wäre es nicht ein großer Mann, sondern etwa ein Federbett, sprang mit dieser Last über den Straßengraben und drang in den Wald.

Auf einer vom Mond beschienenen Lichtung ließ er den noch immer Bewußtlosen zu Boden gleiten und setzte sich selbst geduldig neben ihn.

Charly brauchte nicht lange zu warten, bald teilte sich das Gebüsch, und mit unhörbarem Schritt trat Dick Red heraus.

»Hast du ihn?«

»Hier liegt er. Da er sich nicht gutwillig binden lassen wollte, mußte ich ihm eins auf den Schädel geben. Ich mußte schnell machen, sonst hätte er mich mit diesem langen Dinge gestochen.«

Dick betrachtete das ihm gereichte Stilett.

»Hm, jetzt weiß ich bestimmt, daß wir den Richtigen haben. Du hast ihn doch nicht etwa totgeschlagen?«

Der Gefesselte gab die Antwort selbst. Erst stöhnte er, dann wälzte er sich, bis er auf dem Rücken lag.

»He, alter Freund, aufgewacht?« fragte Dick.

»Wer seid ihr? Was wollt ihr?« keuchte der Gefangene, der zum Bewußtsein seiner Lage gekommen war, aber den Roten noch nicht erkannte weil dieser im Schatten stand.

»Plündert mich, wenn ihr Räuber seid, dann laßt mich laufen, ich verrate euch nicht.«

»Das glaube ich,« lachte Dick, »eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus! Aber wir sind keine Räuber, wie du glaubst. Kennst du mich nicht mehr, mein Schatz?«

Er trat aus dem Schatten ins Mondlicht, der Gefangene zuckte bei seinem Anblick zusammen, krümmte sich wie ein Aal und machte sichtbar die gewaltigsten Anstrengungen, sich seiner Banden zu entledigen.

»Gib dir keine Mühe, mein Junge!« höhnte Dick. »Das sind keine Bindfädchen, sondern Riemen aus Büffelleder, und wenn du die zerreißen kannst, dann darfst du mir auf der Stelle auch noch die Nase abbeißen.«

»Warum habt ihr mich gebunden?« knirschte der Mann.

»Da fragst du noch lange? Weil du sonst ausreißt! Die Riemen genieren dich wohl ein bißchen? O, du wirst sie schon noch mehr zu kosten bekommen, kalkuliere ich.«

»Was habt ihr mit mir vor?«

»Wir sind neugierig, zu erfahren, ob du die schwarze Maske und der bist, der Woodfield töten wollte, aber vorbeigeschossen hat, vielleicht mit Absicht.«

Wieder krümmte sich der Mann am Boden.

»Ihr werdet euch dafür zu verantworten haben, daß ihr mich so behandelt. Laßt mich los, ich will euch dann noch einmal verzeihen.«

»Sie sind sehr gütig, mein Herr!« lachte Dick und machte eine Verbeugung. »Sag mal, mein Lieber, warum schreist du eigentlich gar nicht um Hilfe? Geniere dich ja nicht. Siehst du, du Schuft, wir durchschauen dich. Du bist so sicher die schwarze Maske und hast auf Woodfield geschossen, wie ich weiß, daß du vorhin mit Monsieur Francoeur die Stiefel gewechselt hast. Hahaha, ihr dummen Narren, ihr wolltet dem roten Dick eine Nase drehen!«

Dick lehnte sich an einen Baum und lachte, daß ihm die Tränen in den Bart liefen.

Der gefangene Räuber gab vorläufig den Versuch auf, sich zu befreien, er blieb still liegen.

»Wir müssen ins Haus zurück,« ermahnte Charly seinen Gefährten. »Ist Mister Woodfield zu sich gekommen und hat von seiner Schwester erfahren, daß wir hinter dem Räuber her sind, so erwartet er uns sicherlich mit der größten Spannung. Du weißt, was er von diesem Kerl erfahren kann.«

»Ich weiß es, aber wir dürfen noch nicht gleich hin, wenigstens nicht mit dem Kerl hier, denn das Verhör wird nicht ohne Skandal ablaufen, und du mußt bedenken, morgen ist da eine Hochzeit. Mister Woodfield wird das Fest nicht stören wollen.«

Das sah Charly ein. Nach einer kurzen Beratung blieb er mit dem Gefangenen im Walde versteckt liegen, während Dick sich nach Lady Carters Haus begab, woselbst er etwa gegen zehn Uhr eintraf.

Das Haus war nicht wie sonst um diese Zeit still, reges Leben herrschte darin, denn es galt noch, alles für die morgige Hochzeit vorzubereiten.

Dick betrat den Hausflur, traf gleich auf Jim und erfuhr von diesem, was sich unterdes ereignet hatte.

Mister Woodfield war bald aus seiner Betäubung erwacht, der Arzt hatte die Wunde am Kopf für unbedeutend erklärt, und jetzt saß der Alte allein in seiner Stube und wartete auf seine beiden Begleiter; denn seine Schwester hatte ihm von deren Vorhaben erzählt. Er ließ Lady Carter noch den ausdrücklichen Wunsch zukommen, daß seinetwegen alles im Hause den Gang nähme, den es sonst genommen hätte – er fühle sich wohl, glaube jedoch nicht, morgen der Trauung beiwohnen zu können. Schon der entstellende Verband um den Kopf ließe dies nicht gut zu.

Woodfield saß auf dem Sofa, grübelte über die Worte nach, welche ihm der Meuchelmörder zugerufen hatte, und wartete sehnsüchtig auf das Kommen wenigstens eines seiner Leute.

Da, endlich, trat Dick ein.

»Wie geht's, Sir?«

Woodfield machte eine abwehrende Handbewegung.

»Habt ihr ihn?« fragte er hastig.

»Ja, er liegt im Walde unter Bewachung von Charly.«

Woodfield sprang hastig auf.

»Warum bringst du ihn nicht gleich mit?«

»Habt Ihr auch bedacht, Sir, welche Aufregung das hervorbringen würde, wenn wir die schwarze Maske, den gefürchteten Räuber – denn er ist es – hierher schleppen? Wir sind in einem hochzeitlichen Hause, und wir sind Gäste.«

»Richtig, Dick, du hast recht!« murmelte Woodfield und sank auf seinen Platz zurück.

»Aber ach, ich kann es nicht erwarten, diesen Mann zu sprechen, welcher mir solche Andeutungen gemacht hat.«

»Ihr müßt Euch gedulden.«

»Geduld, das ist manchmal ein schreckliches Wort!«

»Ihr habt aber gezeigt, daß Ihr Euch gedulden könnt. In Texas war es einst, wo wir achtundvierzig Stunden in einem Versteck lagen und von der Sonne gebraten wurden. Wir litten an entsetzlichstem Durst, und vor uns rieselte hell und frisch ein Quell. Ein Schritt hätte genügt, und wir hätten das köstlichste Wasser schlürfen können, aber wir geduldeten uns, um unser Versteck nicht zu verraten, denn dann wären unsere Schutzbefohlenen verloren gewesen. Das war eine Geduldsprobe zu nennen.«

»Nun wohl, ich werde warten. Wann kann ich den Mann sehen?«

»Sobald im Hause Ruhe wird, vielleicht gegen Mitternacht.«

»Also doch schon bald? Ich dachte erst morgen, wenn das hochzeitliche Paar fort ist.«

»Sehen könnt Ihr ihn heute schon, denn wir werden ihn sofort hereinbringen, und zwar in unser Zimmer, wenn es unbemerkt geschehen kann. Aber Ihr werdet ihn nicht sprechen können.«

»Warum nicht?«

»Er wird auf Eure Fragen nicht antworten.«

»Wir zwingen ihn dazu.«

»Das geht ohne Lärm nicht ab.«

»Dann wird er geknebelt, sobald er schreit.«

»Mit einem Knebel kann er nicht sprechen.«

»Du hast abermals recht, Dick,« entgegnete Woodfield nach kurzem Nachdenken. »Ja, ich muß mich eben gedulden. Oder, Dick,« fuhr er leise fort, »wird er reden, wenn ich ihm die Freiheit verspreche, ihm zusage, ihn entschlüpfen zu lassen?«

»Bedenkt, Sir, was Ihr tun wollt! Er ist ein Räuber, eine Pest der Menschheit, er muß unschädlich gemacht werden.«

»Gut denn, ich werde bis morgen warten. Wenn er nun aber trotz aller Maßnahmen nicht antworten sollte?«

Woodfield war infolge der Gehirnerschütterung und in Erwartung des Bevorstehenden, fieberhaft aufgeregt, er besaß nicht die gewöhnliche Kaltblütigkeit, seine Stimme zitterte und klang ängstlich, und ebenso hatte sich das Benehmen Dicks geändert. Sein Antlitz hatte den pfiffigen Ausdruck verloren, es war düster, und seine Worte klangen unheilvoll.

»Sir,« entgegnete er auf die letzte Frage seines Herrn, »wenn ich selbst einen abgestumpften, an Schmerz gewöhnten Sioux zum Reden bringen kann, so werde ich wohl diesem Halunken bald die Zunge geschmeidig machen. Damit Euch aber die Zeit vergeht, werde ich Euch mittlerweile erzählen, wie ich des Schurken habhaft geworden bin.«

Gewöhnt, keine Rücksichten zu üben, übrigens von Woodfield nicht als Diener, sondern als Gefährte betrachtet, setzte sich Dick neben den alten Mann und erzählte.

Nach Schluß der Schilderung der letzten Erlebnisse drückte Woodfield ihm die Hand.

»Dick, sagte er leise, »wenn deine Bemühungen den Erfolg hätten, daß meine Herzenssehnsucht erfüllt würde, dann solltest du meine Dankbarkeit erfahren. Mehr kann ich nicht sagen.«

Stumm saßen die beiden Männer nebeneinander. Im Hause wurde es stiller und stiller, zuletzt hörte man nur noch einen Schritt auf den Korridoren; es wurden Türen geschlossen; dann ging derselbe Schritt die Treppe hinab und schloß auch die Haustür.

»Das ist Jeremy,« sagte Dick und stand auf, »er schließt als Letzter die Türen. Jetzt ist es Zeit, den Gefangenen ins Haus zu bringen. Wartet nur eine halbe Stunde, dann bin ich wieder zurück.«

Leise schlich der Jäger die Treppe hinunter. Es ward ihm nicht schwer, sich mit Jeremy zu verständigen, da es nötig war, ihn in das Vorhaben einzuweihen. Der alte Diener war sofort einverstanden, er versprach, zu warten.

Dick ging in den Wald. Jeremy hörte einigemal das Heulen und Fauchen von Nachttieren, wodurch sich die beiden Gefährten verständigten, und dann kamen diese zurück. Charly trug einen Mann auf der Schulter, der, obgleich nur gebunden, nicht geknebelt, keinen Laut von sich gab.

Alles schlief im Hause. Ohne daß jemand es merkte, wurde der Gefangene von den beiden Jägern in das Zimmer gebracht, wo Woodfield mit Ungeduld harrte.

Der Gefesselte – wir wollen ihn gleich bei seinem richtigen Namen, Lacoste, nennen – wurde wie ein Kind auf das Sofa gesetzt, und, der Mann, dessen Kopfwunde er verschuldet, trat mit unheilverkündendem Gesicht vor ihn hin.

Dick und Charly hielten sich hinter ihrem Herrn zu sofortigem Beistand bereit.

Das Licht der Lampe fiel voll auf das Antlitz des Banditen, das jetzt noch blasser als sonst war; seine Augen begegneten denen des ihn Musternden mit einem trotzig entschlossenen Ausdruck.

Woodfield wollte versuchen, schon jetzt etwas aus dem Gefangenen herauszubringen.

Vielleicht gelang es in Güte.

»Sie also sind der Mann, der heute zweimal auf mich geschossen hat,« begann Woodfield.«

Die festgeschlossenen Lippen des Gefangenen öffneten sich zum ersten Male.

»Daß ich es gewesen bin, müßte erst bewiesen werden,« entgegnete er ruhig. »Ich leugne es!«

»Ich habe den Beweis. Wenn er auch nicht vor Gericht gültig wäre, so ist er es doch für mich. Diese beiden Männer behaupten es, und ich glaube ihnen.«

»Und wenn ich getan hätte, was Sie mir vorwerfen?«

»Leugnen Sie es gar nicht erst, es hat doch keinen Zweck. Es handelt sich für mich darum, von Ihnen eine Erklärung der Worte zu erhalten, die Sie riefen, ehe Sie hinter dem Felsen vorsprangen und auf mich schossen. Sie riefen: James Woodfield, dies schickt Ihnen Monsieur Janvier! Aus welchem Grunde riefen Sie dies?«

»Aus gar keinem, denn ich kenne Sie überhaupt nicht. Ich weiß nicht, was Sie meinen!«

Woodfield zog seine Uhr hervor.

»Ich gebe Ihnen fünf Minuten Bedenkzeit; ob Sie mir antworten wollen oder nicht.«

»Und was dann, wenn ich es nicht tue?«

»Das wird sich finden.«

Lacoste ließ die fünf Minuten vorbeigehen, ohne zu antworten; bald fixierte er Woodfield; bald Dick, bald Charly. Man wußte nicht, was in seinem Inneren vorging; nur Dick merkte an dem Augenausdruck des Banditen, daß er zu einem plötzlichen Entschluß gekommen war.

»Die fünf Minuten sind vorbei!« sagte Woodfield und steckte die Uhr ein.

»Und ich will antworten.«

»Ah, das ist gut!«

»Jedoch, nur unter einer Bedingung.«

»Und die wäre? »Lassen Sie erst diese beiden Leute sich entfernen.«

»Sie bleiben auf jeden Fall hier! Ich habe keine Heimlichkeiten, die sie nicht hören dürften.«

»All right, so mögen sie bleiben! Ehe ich Ihnen jedoch auf alle Ihre Fragen die wahrheitsgemäßen Antworten, und zwar für Sie sehr wichtige Antworten gebe, die Ihre Erwartungen noch übertreffen, müssen Sie mir schwören, mich sofort auf freien Fuß zu setzen, wenn ich Ihnen nichts mehr zu gestehen habe.«

Woodfield ging einigemal durchs Zimmer und blieb dann mit verschränkten Armen vor dem Gefangenen stehen.

»Nein, auf diese Bedingungen gehe ich nicht ein. Sie sind der Einbrecher und Straßenräuber, der unter dem Namen >die schwarze Maske< zahllose Schandtaten ausgeführt hat, und diese müssen gesühnt werden. Ich werde Sie der Justiz auf jeden Fall ausliefern.«

»All right, so erfahren Sie nichts von mir,« sagte der Räuber höhnisch.

»Ist das Ihr letztes Wort?«

»Mein letztes. Nehmen Sie Vernunft an, Mister Woodfield, schwören Sie mir die Freiheit zu, und ich will Ihnen sagen, wo Sie Monsieur Janvier zu suchen haben, der Nancy geraubt hat. Ich kann Ihnen sogar sagen, wo und wie Sie diese finden können.«

Woodfield zuckte zusammen.

»Sie lebt also noch?« murmelte er.

»Sie lebt und hofft, daß Ihr Vater sie befreit.«

Der alte Mann richtete sich auf.

»Nein, ich überliefere Sie doch der Polizei!«

»Dann werden Sie nichts von mir erfahren. Die Zeiten sind vorüber, da man die Menschen folterte, um sie zum Geständnis zu bringen, und ich kann schweigen. Übrigens denken Sie nicht, daß meine Strafe gar zu groß sein wird oder daß ich etwa gar gehangen werde. Ich habe mich gegen die von mir Überfallenen stets chevaleresk und großmütig benommen, einen Mord habe ich nicht auf dem Gewissen.«

»Sie haben auf mich geschossen!«

»Ja, mit einem Pfropfen.«

»Sie können nicht beweisen, daß die Pistole nicht geladen war!«

»Aber ich kann beweisen, daß ich mein Ziel selbst auf fünfzig Meter nie verfehle.«

»Warum haben Sie einen Mordanschlag auf mich fingiert?«

»Darauf antworte ich ebenfalls nicht.«

»Gut, ich gehe jetzt. Überlegen Sie sich bis morgen, ob Sie mir doch vielleicht ohne Bedingung antworten.«

Woodfield entfernte sich mit Charly, nur Dick blieb, bei dem Gefangenen zurück.

Der Rote drehte diesen rücksichtslos um, untersuchte seine Fesseln, hob ihn vom Sofa und legte ihn an die Erde.

»So, mein Püppchen, nun schlafe recht gut,« sagte Dick gemütlich, »aber schnarche nicht so laut, das stört mich!«

Damit drehte er die Lampe aus und streckte sich selbst auf dem Sofa zum Schlafen aus.

»Für diese Behandlung werde ich euch noch eine Nuß zu knacken geben,« knirschte der Gefangene.

»Maul gehalten, oder es gibt einen Knebel!«

Lacoste wagte nicht, an den Fesseln zu reißen, denn die ganze Nacht hindurch sah er die Augen des Wächters wie glühende Kohlen leuchten, er wurde beobachtet.

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