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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 3
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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senderGeorges Huberty
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3. Die Verfolgung

Wir kehren zu Lady Carter und ihrem Gatten zurück, nachdem beide die Entdeckung gemacht hatten, daß ihr Kind entführt worden sei, und die Mutter ohnmächtig zusammengebrochen war.

Einen Augenblick stand Frank Carter wie erstarrt da, doch schnell hatte er sich wieder gefaßt. Er ließ die Bewußtlose auf den weichen Teppich gleiten, sprang auf die Amme zu und packte sie am Arm.

»Weib, wo ist mein Kind? Wo ist Eugenie?« donnerte er sie an.

Ihr erschrockenes Gesicht sagte ihm alles – sie wußte von nichts, auch sie hatte heimlich der Vorstellung mit beigewohnt. Carter eilte hinaus und rief die Dienerschaft zusammen; zuerst kam Jeremy.

Schon wollte der unglückliche Vater diesen nach der nächsten Polizeistation schicken, .als ihn das Jammergeschrei der Amme in das Zimmer zurückrief. Seine Gattin wälzte sich dort in Krämpfen am Boden.

Doch Carter zeigte sich als tapferer Mann. Jeremy mußte erst zum Arzt, dann nach der Polizeistation eilen, das weibliche Personal blieb bei der Erkrankten, und er selbst suchte, nachdem er die Ausgänge verschlossen hatte, mit den männlichen Dienern das ganze Haus durch. Es wurde nichts gefunden.

Verzweiflung im Herzen, kehrte Carter an das Bett seiner Frau zurück, die noch immer in Krämpfen lag. Er konnte ihr nicht helfen. Glücklicherweise kam der Arzt sehr bald, und dank seinen verständigen Anordnungen, machten die Krämpfe bald einer tiefen Ohnmacht Platz.

Als Carter dem sich entfernenden Doktor selbst die Haustür öffnete, trat ein Mann mit eisenharten Zügen und klugen Augen durch dieselbe ein. Carter kannte ihn, es war Mister Wilkens, einer der gewieftesten Detektive Londons, den Jeremy auf der Wache getroffen hatte.

»Lassen Sie die Tür offen!« sagte er sofort, als Carter sie wieder schließen wollte. »Jeremy hat alles kurz, aber deutlich erzählt Ich bin vollständig orientiert.«

»Es könnte einer meiner Diener im Bunde sein und jetzt entfliehen wollen.«

,Desto besser, wenn er es täte, dann hätten wir den ersten Anhalt gefunden. Sir Carter, fassen Sie die Sache nicht zu tragisch auf! Dies Haus wird beobachtet. Niemand kann heraus.

Sie kennen unsre Schnelligkeit. In diesem Augenblick sind bereits alle Bahnhöfe Londons und alle Häfen besetzt. Der Kindesdieb kann nicht entkommen, es sei denn, er fliege mit seinem Raube durch die Luft, gehn Sie zu Lady Carter! Ich beginne die Untersuchung.«

Diese kurzen, mit größter Zuversicht gesprochenen Worte gaben Carter neuen Mut.

Auch der Detektiv konnte jedoch nichts anderes finden, als daß eine Glasscheibe im Oberlicht des Kinderzimmers zerbrochen war. Das Loch war kaum so groß, um einen Menschenkopf durchzulassen. War der Räuber hier eingedrungen, so mußte er auf irgend eine Weise zuvor aufs Dach gelangt sein. Aber der Gaukler hatte doch noch in der letzten Minute das Kind gehabt, das jetzt in Eugenies Bett schlummerte! Der Detektiv schüttelte immer bedenklicher den Kopf. Hier versagte auch sein Scharfsinn.

Dann ließ Wilkens die Dienerschaft zusammenrufen. Es ergab sich, daß alle auf dem Dache gewesen waren; keiner hatte gefehlt. Des Detektivs Blick ruhte mit durchbohrender Schärfe auf jedem einzelnen, aber auf keinem länger als auf dem andern. Nachdem er an einige Fragen gestellt hatte, die mit der Sache scheinbar in gar keinem Zusammenhange standen, trat er auch vor eine junge Indierin von etwa sechzehn Jahren, die als Stubenmädchen angestellt war.

Sie schaute den Detektiven mit großen, offnen Augen an.

»Hast du den Gaukler gekannt?« fragte dieser, und zwar, zur Verwunderung Carters, auf französisch. Noch seltsamer war die Antwort.

»Ich glaube an den lieben Gott, den Herrn Jesus und an den heiligen Geist,« plapperte das Mädchen. schnell.

»Sie ist erst seit einem Jahre in England,« erklärte Carter, »und spricht nur wenig Englisch, französisch gar nicht. Ich habe sie erst vor kurzem aus einer Missionsanstalt genommen, wo man sie in unserer Religion unterrichtete. Sie ist der Meinung, Sie hätten sie nach ihrem Glauben gefragt, daher die Antwort.«

»Das Mädchen ist unschuldig,« sagte der Detektiv und wandte sich gleichgültig ab. Dabei hatte er aber doch einen Verdacht gefaßt.

Ein Mann trat herein und überreichte ihm einen Zettel.

»Timur ist vor einer halben Stunde in seinem Hotel angelangt und befindet sich in seinem Zimmer,« sagte der Detektiv nach dem Lesen zu Carter.

»Wie?« rief dieser halb erstaunt, halb freudig. »So haben wir Hoffnung, ihn noch heute abend zu bekommen? Aber er wird sich nicht lange dort aufhalten, sondern sofort die Flucht ergreifen.«

»Ohne Sorge! Das Hotel ist bereits umstellt; Timur wird beobachtet. Kommen Sie, ich habe den Haftbefehl schon in der Tasche.«

Carter wollte sich vorher noch nach dem Befinden seiner Frau erkundigen, zu der der Doktor bereits zurückgekehrt war. In der Tür trat ihm derselbe entgegen.

»Wie geht es ihr?«

»Gut, sehr gut!«

»Gott sei gedankt!« rief Carter erleichtert. »Ist sie aus ihrer Ohnmacht erwacht?«

»Ja, doch leider zu früh!«

Carter sah den Arzt groß an. Da entdeckte er in dessen Gesicht einen sonderbaren Zug.

»Doktor, um Gottes willen. Sprechen Sie – Sie verheimlichen mir etwas!«

Da hörte er im Zimmer ein Lied erklingen; seine Frau sang so heiter wie immer, wenn sie mit ihrem Kinde spielte. Carter drängte den Arzt zur Seite und betrat den Raum; sein Herzschlag drohte zu stocken.

Emily ging auf und ab, hatte das gelbbraune Kind auf dem Arme, liebkoste es und sang ihm ein Schlummerlied. Bei dem Anblick des Gatten eilte sie auf ihn zu.

»Sieh nur, wie süß Eugenie schläft,« sagte sie fröhlich, »mein Töchterchen wird so artig. Nimm es doch einmal auf den Arm, Frank!«

Dem Manne war es, als griffe eine eiskalte Faust an sein Herz; er las im Auge des Arztes die ganze Wahrheit – seine Frau war wahnsinnig geworden, sie lebte in der fixen Idee, das fremde Kind sei das ihrige.

Carter erlag fast diesem neuen Schlage; stöhnend lehnte er sein Haupt an das Fensterkreuz.

»Mein Gott, mein Gott, womit habe ich das verdient!«

Eine Hand legte sich ihm auf die Schulter.

»Hadern Sie nicht mit Gott, Sir!« sagte der Arzt. »Seien Sie ihm vielmehr dankbar. Ihre Gemahlin ist glücklich, sie erinnert sich nicht mehr der letzten Vorfälle und glaubt, ihr Kind noch zu besitzen. Ihr Wahnsinn ist vollkommen unschuldig, ich halte ihn für heilbar. Auf keinen Fall aber dürfen Sie ihr das Kind nehmen; Sie müssen vielmehr völlig auf ihre Gedanken eingehen, sonst stehe ich für nichts. Nennen auch Sie das Kind vorläufig Eugenie, später können wir es mit dem Namen Eugen versuchen.«

Carter griff sich an die Stirn. Was redete der Mann da? Wahrhaftig, alles, was der Gaukler gesagt, war in Erfüllung gegangen. Das braune Kind, ein Knabe, wurde erst Eugenie, dann Eugen genannt.

»Sind Sie bereit, mit mir zu kommen?« fragte der Detektiv den Unglücklichen leise. Auch sein Herz, durch den steten Umgang mit Verbrechern erhärtet, war erschüttert.

»Ich bin's,« entgegnete Carter, sich aufraffend.

Wilkens sprach noch etwas mit dem Arzt, dann entfernten sich die beiden.

»Ihre Gemahlin wird jetzt eine Krankenpflegerin bekommen, ich habe mit dem Arzt schon gesprochen,« sagte der Detektiv unterwegs.

»Wozu?« fragte Carter, über diese Bemerkung des Polizisten erstaunt.

»So lange wir von Ihrem Hause abwesend sind, ist es immer gut, wenn die Dienerschaft beobachtet wird. Ich habe auf die Indierin, die so unschuldig tut, einen starken Verdacht. Die Beobachtung derselben übernimmt die vorgebliche Krankenpflegerin, in Wirklichkeit ist sie eine Detektivin. Es muß alles ohne Aufsehen geschehen.«

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