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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 28
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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28. Ein nächtlicher Besuch

In tiefer, nächtlicher Stille lag die indische Villa da; nur ein einziges Fenster war noch erleuchtet, und dieses gehörte zum Schlafzimmer des Monsieur Francoeur. Er selbst schlief noch nicht, und dies wußte auch der Mann in dem langen Mantel, der unter einem Baume stand und dieses Fenster hinter der Maske hervor beobachtete, die sein Gesicht verhüllte. Er sah, wie sich dem Fenster ein Schatten bald näherte, bald sich davon entfernte, der Schatten des ruhelos auf und ab wandernden Francoeur.

»Ich glaube dir, daß du keinen Schlaf finden kannst,« murmelte der maskierte Mann. »Vor deinen Augen steht die Gestalt eines Mannes, dem du sein Kind geraubt hast, und du fürchtest seine Rache. Dein Gewissen hatte sich schon beruhigt, da begegnete er dir wieder, du konntest ihn täglich sehen, aber du vermeidest es, und doch stehst du immer am Fenster und beobachtest jeden Wagen und jeden Fußgänger auf der Landstraße, weil du fürchtest, er möchte nach deiner Villa abbiegen und von dir Rechenschaft verlangen. Ha, wie würdest du aber erst zittern, wenn du wüßtest, daß ich die Mittel in der Hand habe, den Vater auf die richtige Spur zu lenken! Francoeur, ich habe dich in den Händen wie der Geier ein Huhn in seinen Fängen, und ich will dich aussaugen, wie eine Spinne die Fliege. Arbeite, immer arbeite und mühe dich für andere ab! Alles, was du verdienst, fließt doch in meine Tasche.

Erst sollst du groß und reich werden, dann werde ich hervortreten und dir alles abnehmen, darum warte ich noch.«

»Kapitän, hier ist das Verlangte,« flüsterte neben ihm eine Stimme.

Eine vermummte Gestalt, die eine lange Stange und ein Bündel trug, hatte sich ihm genähert.

»Gut so, Gérard!« erwiderte die schwarze Maske. »Hilf mir die Strickleiter anlegen, dann entfernst du dich mit ihr und der Stange wieder. Ich werde sie dir hinunterwerfen; fange sie ohne Geräusch auf!«

»Aber wie kommt Ihr aus dem Hause?«

»Durch die Tür.«

»Das macht Lärm. Ich weiß, es klingelt, wenn die Haustür geht.«

»Man wird sie mir selbst öffnen, und mich mit dem herzlichsten Gruß entlassen.«

»Ihr spaßt, Kapitän! Ihr wollt doch einbrechen!«

»Nein, Gérard, der Zweck ist ein ganz anderer. Es gilt eine Brautwerbung.«

»Eine Brautwerbung?«

»Ich steige durchs Fenster ein und bin doch ein Freier,« lachte es leise hinter der Maske hervor. »Ich sage dir, Gérard, auf solch seltsame Weise, wie es heute nacht geschieht, ward noch nie ein Weib gefreit.«

»Laßt Euch nur nicht dabei ertappen, man könnte Euch die Kosestunde versalzen.«

»Ohne Sorge, Gérard, ich werde mir von dem Mann, der da in dem erleuchteten Zimmer auf und ab geht, selbst vorher den Ehebrief holen.«

Die Strickleiter war inzwischen an der Stange befestigt worden. Oben trug sie an einem Querholz zwei starke Haken, der Maskierte richtete die Stange auf und legte die beiden Haken auf den Sims eines dunklen Fensters.

»Häng dich mit daran,« flüsterte er.

Die Haken saßen fest, die Leiter trug alle zwei.

»So, nun warte, bis ich drin bin und die Leiter herunterwerfen kann!« sagte der Maskierte und gab dem Begleiter seinen langen Mantel.

Er stieg vorsichtig hinauf, trat auf den Sims und stand vor einem Fenster, welches unten geschlossen war, dessen oberer, rechter Flügel zum Zutritt der frischen Nachtluft aber offen stand.

Der Maskierte griff hindurch, öffnete den oberen Riegel, zog dann einen dünnen Stock hervor, den er im Beinkleid verborgen getragen hatte, und mit diesem gelang es ihm nach einigen Versuchen, auch den unteren Riegel zurückzuschieben.

Er mußte in dergleichen Sachen sehr bewandert sein, denn auch nicht das geringste Geräusch hatten alle diese schwierigen Manipulationen verursacht. Ebenso lautlos stieg er ins Zimmer, warf die Strickleiter hinunter und schloß das Fenster wieder.

In dem Raume war es vollständig dunkel; ein angenehmer süßlicher Duft durchzog ihn, schon dadurch verratend, daß sich der Maskierte in einem Damenkabinett befand.

Entweder mußte er im Dunkeln sehen können oder hier wie zu Hause sein. Die Hände vor sich ausstreckend schlich er auf den Zehen nach einer Wand und hatte bald ein Bett erreicht.

Er lauschte und hörte die regelmäßigen Atemzüge eines schlafenden Menschen.

Seine Hand tastete auf dem Kopfkissen umher, sie berührte Haare, und dann legte sie sich schnell und kräftig auf einen Mund.

»Phöbe, erschrick nicht! Ich bin's, Alfons,« flüsterte er eindringlich.

Das Weib, erschrocken aus dem Schlafe erwachend, hatte erst schreien und sich wehren wollen. Am Schreien wurde es indes gehindert, und nach der ersten schreckhaften Bewegung blieb es ruhig liegen.

»Bist du bei Besinnung? Erkennst du mich?« fragte der Maskierte.

Der festgehaltene Kopf nickte, und sofort löste sich die Hand vom Munde.

»Um Gottes willen, Alfons, wie kommst du hier herein?« flüsterte Phöbe.

»Durch das Fenster.«

»Nicht möglich!«

»Es ist so. Doch lassen wir das, ich habe Wichtigeres mit dir zu sprechen, als dir die Kniffe eines Einbrechers zu erklären. Bist du vollständig bei Besinnung?«

»Ja, sprich! Was treibt dich hierher? Fasse dich kurz! Francoeur ist noch wach und kann mich besuchen.«

»Sei ohne Sorge, seine Gedanken gelten jetzt nicht dir. Er wird dich nicht besuchen, um mit dir zu kosen, denn er denkt mit Entsetzen an den alten Mann mit dem weißen Haar, der seit zwei Tagen drüben im Nachbarhause wohnt.«

»Ja, du hast recht, Francoeur ist jetzt mit etwas anderem beschäftigt – aber woher weißt du denn,« unterbrach sich Phöbe bestürzt, »daß Francoeur den alten Mister Woodfield zu fürchten hat?«

»Sollte dir Monsieur Francoeur nichts von dem fehlenden Schmuck erzählt hoben?«

»So hast du ihn also erkannt?«

»Gewiß, und ich war jetzt in Frankreich und habe über Francoeur Erkundigungen eingezogen. Phöbe, ich sage dir, ich habe ihn in der Tasche.«

»Was willst du tun?« fragte sie nach langer Pause ängstlich.

»Ihn nicht vernichten. Daran liegt mir nichts; aber er soll mir behilflich sein, daß ich ein neues Leben beginnen kann. Willst auch du mir dazu helfen?«

»Ich« »Ja, du kommst mit mir!«

»Ich kann nicht, Alfons, so gern ich möchte! Francoeur läßt mich nicht gehen, er fürchtet mich, wenn er mich nicht in seiner Nähe weiß.«

»Bah, ich kann Francoeur zu allem bewegen, was ich will.«

»Allerdings, du kennst sein Geheimnis.«

»Nicht durch Drohen mit einer Enthüllung werde ich ihn zwingen, nein, denn Francoeur ist noch nicht so weit, daß er meine Verschwiegenheit ordentlich bezahlen kann. Sollte er mich nicht gebrauchen können?«

»Er sprach schon von dir.«

»Wegen Woodfields?«

»Ja.«

»Es handelt sich also, wie er einst sagte, um einen Dolchstoß. Gut, ich werde mich ihm zur Verfügung stellen.«

»Das darfst du nicht ohne weiteres, sonst schöpft er Argwohn, daß du um den Schmuck weißt.«

»Laß mich nur machen. Schon das Verlangen der Bezahlung für die an Reihenfels verübte Intrige ist ein Grund meines Besuches.«

Etwa eine Viertelstunde flüsterten beide zusammen, und immer noch konnten sie die Schritte des auf und ab gehenden Francoeur vernehmen.

»Gut, ich bin die Deine!« sagte zuletzt Phöbe freudig. »Ich gehe auf alle deine Pläne ein! Schon lange habe ich gewünscht, diese Fesseln von mir abzuschütteln und frei zu werden. Mit dem größten Vergnügen werde ich an deiner Seite gegen diesen schurkischen Francoeur operieren. Nur daß eine gefällt mir nicht. Wenn du Woodfield getötet haft wirst du als Mörder verfolgt, und in Gesellschaft eines solchen zu reisen, ist gefährlich.«

»Ich Woodfield töten?« lachte der Maskierte leise. »Hahaha, daß ich ein Narr wäre!«

»Ich denke, du willst es tun?«

»Den Versuch unternehmen, nichts weiter; denn dann kann ich, ohne mein Geheimnis vorher verraten zu müssen, Francoeur auch noch als den bezeichnen, der gegen Woodfield Mörder geworben hat. Gute Nacht, Phöbe! Also vergiß nicht, daß wir uns noch nicht gesehen haben!«

Leise klinkte er die Tür auf und schlich dorthin, wo durch ein Schlüsselloch ein Lichtstrahl in den finsteren Korridor fiel.

Erschrocken fuhr Francoeur zusammen, als plötzlich, mitten in der Nacht, da doch alles im Hause schlief, derb an seine Tür gepocht wurde. Er war so überrascht, daß einige Augenblicke vergingen, ehe er Worte, zu fragen, fand.

»Wer ist draußen?«

»Der, an den Ihr denkt!« klang, es zurück.

Francoeur erschrak nochmals, dann faßte er sich. Er war durchaus kein furchtsamer Mensch, er hatte schon unzählige Male drohenden Gefahren ins Auge geblickt, und so öffnete er jetzt kurz entschlossen die Tür.

Er prallte zurück.

»Die schwarze Maske!« stammelte er.

Der Bandit trat schnell ein und schloß hinter sich sorgfältig die Tür.

»Ja, die schwarze Maske! Ich brauche mich nicht erst vorzustellen, die Maske gibt mir meinen Namen, und wir kennen uns auch schon näher. Bitte, Monsieur Francoeur, fassen Sie sich, schielen Sie nicht nach jenen Pistolen dort an der Wand, ich komme nicht als Räuber, sondern als Freund!«

»Wie gelangten Sie herein?«

»Durch die Tür.«

»Kaum glaublich.«

»Weil es nicht geklingelt hat? O, wir Räuber verstehen es, den Weg auch durchs Schlüsselloch zu nehmen. Monsieur Francoeur, sind Sie gewillt, mir eine Viertelstunde zur vertrauten Unterredung zu schenken?«

»Ich bin bereit, doch vorher müssen Sie mir erlauben, einige Fragen zu stellen.«

»Fragen Sie!«

»Woher wußten Sie, daß ich vorhin an Sie dachte?«

»Taten Sie dies wirklich?« lachte der Räuber. »O, meine Antwort kam mir ganz unbewußt über die Lippen. Wir Räuber sind gezwungen, unsere Taten und Worte in Rätsel zu kleiden, damit uns das dumme Volk mit einem Nimbus umgibt.«

»Also die Antwort war gang zufällig?«

»Ich versichere es Ihnen.«

»Gut, ich glaube Ihnen, Nun zweitens: Woher wissen Sie das Geheimnis jenes Wandschrankes dort?«

»Sie können sich denken, daß ich nicht immer Räuber gewesen bin. In meiner guten Zeit machte ich die Bekanntschaft eines Alfons de Lacoste, dessen Vater früher Besitzer dieses Hauses war. Er erzählte mir einst so nebenbei, wie er diesen beim Anlegen des geheimen Wandschrankes beobachtet habe, teilte mir das Geheimnis des Mechanismus mit, und vor etwa einem Jahre war ich so frei, auf Ihre Kosten hin die Wahrheit seiner Angabe zu prüfen.«

»Also hatte Phöbe doch recht,« murmelte Francoeur. »Nun noch eins: Sie schickten mir zwar die fünf Tausendpfundnoten zurück – das war für einen Räuber sehr großmütig – was aber begannen Sie mit dem entwendeten Schmuck?«

»Das ist eine seltsame Frage,« lachte der Bandit ungezwungen. »Natürlich habe ich ihn verkauft und mir mit dem Erlös einige gute Wochen gemacht.«

»Sie haben ihn verkauft, so, wie er war?«

»Schade, daß ich dies nicht durfte, um mich nicht zu verraten! Leider mußte ich ihn vorher zertrümmern, und natürlich erhielt ich dann nur den Wert der Steine, der Perlen und des Goldes. Überdies habe ich Ihnen dies alles geschrieben, warum fragen Sie noch einmal? Ist Ihnen an dem Geschmeide so viel gelegen?«

»Sehr, sehr viel! Es war das einzige Andenken an meine geliebte Mutter. Ich würde jede geforderte Summe zahlen, könnte ich den Schmuck zurückerhalten.«

»Das ist leider unmöglich. Vielleicht könnte ich Ihnen einige Steine davon noch verschaffen.«

»Nein, das ganze Geschmeide müßte es sein.«

»Wie gesagt, das ist unmöglich.«

»So wäre dies also erledigt,« sagte Francoeur erleichtert, weil er an den Worten des Räubers nicht zweifelte. »Was führt Sie nun eigentlich hierher? Es ist sehr keck von Ihnen, sich bei Nachtzeit in ein Haus zu schleichen und den Besitzer zu einer Unterredung förmlich zu zwingen.«

»Ich habe Sie nicht zu fürchten, denn Sie müssen bedenken, daß jene Verdächtigung von Mister Reihenfels durch einen meiner Leute in Ihrem Auftrag geschah. Doch fassen Sie diese Erinnerung nicht als eine Drohung auf!«

»Ach so. Sie kommen, um sich die Belohnung für Ihre Mühe zu holen. Ich habe zwar nicht viel Geld im Hause, glaube aber, Ihre Forderung befriedigen zu können. Wieviel verlangen Sie?«

»Hm; nicht so schnell! Sie sprachen vorhin den Namen Phöbe aus. Wer ist das?«

»Habe ich ihn genannt? So habe ich laut gedacht – richtig, ich entsinne mich! Es ist der Name meiner verwitweten Schwester, Madame Phöbe Dubois. Warum?«

»Dann bitte ich um die Hand Ihrer Frau Schwester.«

Francoeur staunte nicht, er glaubte, nicht richtig gehört zu haben.

»Wie meinten Sie?«

»Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Frau Schwester; den Witwenschleier hat sie ja wohl abgelegt. Sie Schwager nennen zu dürfen, soll meine einzige Belohnung sein.«

»Was?« schrie aber jetzt Francoeur. »Sie treiben wohl nur Scherz mit mir?!«

»Behüte mich der Himmel! Wie könnte ich mit solch einer ernsthaften Sache Scherz treiben, um so mehr, als es sich um Ihre Frau Schwester handelt! Monsieur Francoeur, ich bitte Sie hiermit nochmals um die Hand Ihrer Frau Schwester, Madame Phöbe, verwitwete Dubois.«

Francoeur nahm die Sache für Ernst, er ging überlegend im Zimmer auf und ab.

»Also es ist Ihnen wirklich daran gelegen, meine Schwester zu besitzen?« fragte er dann, vor dem Maskierten stehen bleibend.

»Ich habe die Absicht, einen eigenen Herd zu gründen. Phöbe soll nicht etwa in eine Räuberhöhle kommen, mir dort Essen kochen, mir die Wunden verbinden und mich in Schlaf singen, sondern sie soll in einem fernen Weltteile, wo ich unbekannt bin, die Frau des Hauses repräsentieren.«

»Kennen Sie denn Phöbe überhaupt?«

»Dem Ansehen nach. Mit kurzen Worten, sie gefällt mir, ich habe mich in sie verliebt, und ich bin gewöhnt, alles das zu besitzen, was mir gefällt – es ist der Wahlspruch eines jeden Räubers.«

»Nun, ich wäre nicht abgeneigt, auf Ihren Wunsch einzugehen; vor allen Dingen müßte man jedoch erst erfahren, was Phöbe selbst dazu sagt.«

»Sie meinen, ob sie mich liebt?«

»Ja.«

»Gewähren Sie mir eine halbe Stunde zu einer Unterredung unter vier Augen mit ihr, und sie ist die Meine.«

»Sie scheinen sehr siegesbewußt zu sein,« lächelte Francoeur ungläubig.

»Auf Grund vieler Erfahrungen erkläre ich mich Frauen gegenüber für unwiderstehlich,« war die selbstbewußte Antwort.

Wieder wanderte Francoeur einigemal nachdenkend im Zimmer auf und ab. Der Antrag mußte ihm nicht ungelegen kommen, denn sein Gesicht drückte heimliche Freude aus.

»Gut denn, so versuchen Sie Ihr Glück! Ich will Ihnen keine Hindernisse in den Weg legen; im Gegenteil, ich werde für Sie sprechen, und meine romantisch angelegte Schwester wird nicht nein sagen ...«

»Bitte, Ihre Bemühungen sind gar nicht nötig!« unterbrach ihn der Bandit. »Darf ich Sie schon meinen zukünftigen Schwager nennen?«

Er hielt ihm die schwarzbekleidete Hand hin; Francoeur ergriff sie indes noch nicht.

»Ich knüpfe Bedingungen an meine Zustimmung.«

»Ist es mir möglich, so werde ich sie erfüllen!«

»Ich gebrauche Sie nochmals in Ihrem alten Beruf, den Sie aufzugeben gedenken.«

»Als Räuber? Wohlan, lassen Sie hören!«

»Ich bedarf Ihres Dolches.«

»O, einen Mord also verlangen Sie von mir!«

»Sprechen wir offen miteinander,« sagte Francoeur vertraulich; »als Schwäger können wir uns dies erlauben. Ja, ich bitte Sie, ehe ich Sie definitiv als Verwandten begrüße, um eine Gefälligkeit, und Sie erweisen sich selbst einen Dienst, wenn Sie meine Bitte erfüllen.«

»Mir selbst? Was wäre das?«

»Wir beide, Bruder und Schwester, haben einen Feind, den wir tödlich hassen. Er hat einst meine Schwester in Paris furchtbar beleidigt; ihr Gatte war schon tot, er konnte sie nicht rächen, und so nahm ich ihre Verteidigung auf, das heißt, ich forderte den Beleidiger. Aber der Engländer besaß die törichten Vorurteile seiner Nation gegen das Duell, er schlug es mir in einem höhnischen Briefe ab, und gleich darauf reiste er nach Amerika und entging der Züchtigung durch mich. Ich hasse diesen Mann, aber hier in England ist ein Duell nicht möglich. Hm, Monsieur, würden Sie die Ehre meiner Schwester wiederherstellen?«

»Ist der Frevler denn hier?«

»Ja, nicht weit von hier!«

»Gewiß werde ich Sie und meine künftige Gemahlin rächen. Aber Sie sagten eben selbst, ein Duell wäre in England ganz unmöglich, jeder Engländer stellt den, der ihn gefordert hat, öffentlich an den Pranger.«

»Nun, es läßt sich anders arrangieren. Sie kennen doch unseren großen Philosophen Rousseau?«

»Gewiß! Welcher Franzose oder überhaupt welcher Mensch kennt ihn nicht!«

»Ich bin nach langem Studium seiner Werke zu derselben Ansicht gekommen, die er zwar nicht offen ausspricht, aber in seinem Roman >Emile< andeutet.«

»Ah, ich verstehe. Er sagt da: Halte ich mich moralisch gerechtfertigt, einem das Leben zu nehmen, so ist es Dummheit, es noch darauf ankommen zu lassen, ob er etwa besser schießen oder fechten kann als ich. Das Duell ist nichts weiter als ein Mord, ebenso wie der Meuchelmord, dieser ist aber klüger und des Menschen würdiger. Ist es nicht so?«

»So hat Rousseau wenigstens angedeutet.«

»Nun, Monsieur Francoeur, lassen Sie alle Umschweife! Ich soll also diesen Mann töten, und ich bin bereit dazu. Wo ist er?«

Francoeur führte ihn an das Fenster und deutete in die Nacht hinaus.

»Dort liegt ein Haus, etwa eine englische Meile von hier entfernt. Kennen Sie es?«

»Es gehört Lady Carter, welche sich übermorgen mit Mister Westerly verheiratet.«

»Sie sind gut orientiert.«

»Ein Räuber muß das sein!«

»Wissen Sie, welche fremden Gäste das Haus sonst noch beherbergt?«

»Eine alte Dame namens Miß Woodfield.«

»Weiter?«

»Einen alten Herrn mit schneeweißen Haaren; seinen Namen habe ich noch nicht erfahren können.«

»Der ist es!« rief Francoeur. »Den schaffen Sie aus der Welt, und Sie sollen Phöbe haben, und wenn ich sie dazu zwingen sollte!«

»All right, es wird besorgt! Wie heißt der Mann?«

»Es ist der Bruder der Miß Woodfield.«

»Also Mister Woodfield! Bis wann soll er tot sein?«

»Erst nach der Hochzeit von Lady Carter gehen Sie ans Werk, denn ich möchte nicht, daß die Trauung seines Todes wegen vielleicht verschoben wird. Doch nein,« unterbrach sich Francoeur hastig, »er muß früher sterben, sonst begegne ich ihm in der Kirche; ich darf die Einladung nicht abschlagen. Meinetwegen kann die Hochzeit auch ganz ausfallen, nur vernichten Sie diesen Mann – der uns so furchtbar beleidigt hat,« setzte Francoeur nach einer kleinen Pause hinzu.

»Also noch vor der Hochzeit! Gut!«

»Können Sie nicht gleich ...«

»Nein, aber morgen oder vielmehr noch heute, denn es ist bereits nach Mitternacht.«

»Wohlan, also bis spätestens morgen abend.

Wie gedenken Sie es auszuführen?«

»Sehr einfach, ich lauere ihm auf und schieße ihn nieder. Mir ist schon bekannt, daß er jeden Abend bei Sonnenuntergang spazieren geht, und sein Ziel ist gewöhnlich der Steinbruch. Dort soll es mir ein leichtes sein, ihn unschädlich zu machen.«

»Können Sie ihn nicht lieber verschwinden lassen?«

»Auch das, ich stürze ihn in eine Schlucht. Überlassen Sie mir nur das alles. Sie werden mit mir zufrieden sein. Und der Preis?«

»Wie ausgemacht, meine Schwester!«

Der Maskierte hielt Francoeur wieder die Hand hin, und diesmal schlug er ein.

»Abgemacht, wir sind Schwäger!« lachte er gezwungen. »Nun darf ich wohl aber auch Ihr Gesicht sehen?«

»Nein, das möchte ich noch vermeiden. Später! Doch wir können über Familienverhältnisse sprechen. War der Gatte der Madame Dubois wohlhabend?«

»Ah so, nun kommt die Geldangelegenheit! Nein, Monsieur Dubois hat nichts hinterlassen als Schulden.«

»Auf deren Übernahme verzichte ich. Und Ihre Schwester?«

»Hat dabei alles zugesetzt!«

»Das arme Weib! Aber meine Liebe zu Phöbe ist so stark, daß ich sie auch heiraten würde, und wäre sie noch so arm!«

»Daran tun Sie recht; wahre Liebe fragt nicht nach Geld!«

»Glücklicherweise ist dies nicht der Fall.«

»Was?«

»Daß Phöbe arm ist!«

»Sie besitzt nichts, versichere ich Ihnen, vielleicht einige kleine Ersparnisse.«

»O, Sie hat ja einen reichen, unverheirateten Bruder.«

»Ah so, also auf diese Weise! Hm, meine Schwester hat nichts mehr von mir zu verlangen.«

»Aber Sie werden sie doch sicher nicht ohne Mitgift von sich gehen lassen. Sie Sind ein reicher Mann.«

»Da wissen Sie mehr als ich.«

»Verstellen Sie sich doch nicht, lieber Schwager! Erst gestern haben Sie die Kleinigkeit von 50 000 Francs bekommen.«

»Hat Ihnen der, welcher Ihnen davon erzählte, auch gesagt, daß es gar nicht mein Geld war?«

»Das nicht, aber er hat mir versichert, daß die 2 000 000 Francs, welche Sie beim Bankier Auverne, Paris, Rue Morgue, auf Ihren Namen stehen haben, wirklich Ihnen gehören.«

Francoeur kniff die Lippen zusammen. Der Bandit wollte für den Meuchelmord keine Belohnung, verlangte aber eine Mitgift für seine Frau.

»Also, lieber Schwager, lassen Sie sich nicht lumpen!« fuhr der Maskierte ironisch fort.

»Dort ist Feder und Papier, setzen Sie sich und stellen Sie eine Anweisung auf 100 000 Francs aus.«

»Sie verlangen viel für Ihre Arbeit!« murmelte Francoeur.

»Ich? Gott bewahre mich davor, daß ich von meinem Schwager für eine Gefälligkeit Geld annehme. Nein, stellen Sie die Summe auf den Namen Ihrer Frau Schwester aus!«

Der Räuber machte also mit seiner Werbung doch Ernst.

»Erheben Sie die Summe selbst?«

»Nein, sondern Ihre Frau Schwester tut das.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Sehr einfach. Morgen abend verrichte ich meine Arbeit, und eine Stunde später reise ich mit meiner Braut nach Paris ab. Einverstanden?«

»Wenn dies bei Phöbe zu erreichen wäre ...«

»Lassen Sie mich nur morgen abend eine halbe Stunde mit ihr sprechen, dann ist die Sache allright. Ich schwöre Ihnen, sie kommt sofort mit. Also bitte, die Anweisung!«

»Erst die Arbeit, dann der Lohn.«

»Ich verlange die Mitgift, nicht den Lohn, schon jetzt.«

»Das ist ein unbilliges Verlangen.«

»Wieso, lieber Schwager? Sie müssen doch einsehen, daß ich Sie nicht hintergehen will; ich bin selbst doch nicht einmal imstande, die Anweisung flüssig zu machen, sondern nur Ihre Schwester oder meine Braut.«

»So soll Sie auch die Anweisung erhalten.«

»Darauf lasse ich mich nicht ein. Es ist überall Sitte, daß der Mann die Mitgift empfängt und damit nach Belieben schalten und walten kann. Das Gegenteil ist schimpflich. Ich bestehe darauf, daß ich den Scheck jetzt empfange.«

Nach einigem Zögern stellte Francoeur die verlangte Anweisung auf den Namen Phöbe Dubois aus; der Maskierte las, faltete das Papier zusammen und steckte es mit einem befriedigten Kopfnicken in die Tasche.

»Well, lieber Schwager, Sie sollen kulant bedient werden! Sonst noch etwas?«

»Wir sind fertig. Also morgen abend!«

»Morgen abend, oder ich will Ihrer Schwagerschaft verlustig gehen.«

Francoeur brachte den Räuber selbst die Treppe hinunter und öffnete ihm die Tür.

»Wie sind Sie eigentlich hereingekommen?« fragte er.

»Sehen Sie das Schlüsselloch? Durch dieses bin ich geschlüpft,« lachte der Räuber. »Gute Nacht, lieber Schwager, wir werden noch näher bekannt werden.«

Lachend entfernte er sich und verschwand im Walde.

»Der hat den Teufel im Leibe!« brummte Francoeur, als er sich wieder in sein Schlafzimmer begab.

Die Unterredung hatte ihn beruhigt Er traute dem Räuber; dieser würde sein Wort schon halten, und wegen Phöbes mußte er noch überlegen. Wußte er Woodfield tot. So sollte ihm dieser Preis auch nicht zu teuer sein; bah, es gab noch andere Weiber.

Nur das letzte Lachen des Räubers gefiel ihm nicht, es hatte so höhnisch geklungen.

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