Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Kraft >

Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/kraftr/kaiserk1/kaiserk1.xml
typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
correctorreuters@abc.de
senderGeorges Huberty
created20121123
Schließen

Navigation:

26. Der Pelzjäger

Wieder war ein Jahr verstrichen, und wieder prangte der mächtige Wald von Wanstead in vollem Laubschmuck.

Vor der efeuumrankten Kirche des Städtchens stand im Scheine der untergehenden Sonne ein Mann und weidete sich an dem schönen Anblick.

Die Vorübergehenden wiederum musterten erstaunt den Mann, und das will in der Nähe von London etwas heißen, wo abenteuerliche Gestalten, ob weiß, braun, schwarz oder rot, kein Aufsehen erregen.

Der Fremde war über sechs Fuß hoch und von herkulischem Körperbau. Ob alt oder jung konnte man nicht sagen, denn sein Gesicht glich einem braunen Stück Leder; unter der schiefen Nase saß ein struppiger Schnauzbart von unbestimmter strohähnlicher Farbe, wie das Haar sie bei fortwährendem Aufenthalte in jedem Wetter annimmt, und wie das Gesicht, so schienen auch die ansehnlichen Hände mit einem Lederüberzuge bedeckt zu sein.

Das seltsamste an ihm war sein Anzug; es schien fast, als sei er ein Mann, der zum ersten Male in eine zivilisierte Gegend gekommen wäre, Geld in der Tasche hätte und sich nun nach der Mode kleiden, wollte.

Der gelbe, großkarierte Anzug, ganz frisch vom Schneider, saß ihm wie angegossen, das heißt, er umschloß Waden, Schenkel, Arme und die gewölbte Brust so eng, daß man bei jeder Bewegung ein Platzen der Nähte befürchten mußte; die Hosen waren viel zu kurz; über den neuen mit Nägeln beschlagenen Schuhen sah man noch wenigstens drei Zoll von roten Strümpfen.

Auf dem mächtigen Kopfe saß eine braune Pelzmütze – ein in England ganz unbekanntes Ding – und so machte der Fremde den Eindruck eines Grislybären, der einen modernen Anzug gefunden und anprobiert hat.

Die scharfen, blauen Augen in dem gutmütigen Gesicht musterten mit Wohlgefallen die schöne Kirche.

»Gerade, wie vor siebzehn Jahren,« murmelte er, »nichts hat sich geändert! Ich habe sie nur einmal als Kind gesehen, als ich mit anderen Jungen zu Pfingsten hierher marschierte, aber ich habe sie nie vergessen können. Ob ich einmal hineingehe? Du lieber Gott, wie lange bin ich in keine Kirche gekommen! Ich kann mich gar nicht erinnern, jemals in einer gewesen zu sein!«

Es schien in dem Gotteshause gearbeitet zu werden, denn es tönten Hammerschläge und Krachen von Brettern heraus, während sonst überall die Arbeit eingestellt war.

Der Fremde ging auf das Portal zu, ganz langsam und mit geknickten Knien, aber dabei Schritte von fast zwei Meter Länge machend. Er nahm die Pelzmütze von dem struppigen Haar und trat ein.

Es wurde wirklich in der Kirche noch zu so später Abendstunde gearbeitet. Zimmerleute schlugen an den Wänden leichte Gerüste auf, auf denen Maler standen und die Farbe der Wände auffrischten.

Mit sichtlicher Neugier musterte der Fremde alles, während sich die Arbeiter anstießen und über den seltsamen Kauz lachten.

»Ihr habt wohl noch niemals eine Kirche gesehen?« fragte ihn einer.

»Nein, inwendig noch nie.«

»Woher kommt Ihr denn?«

»Von drüben,« war die kurze Antwort, von einer bezeichnenden Handbewegung begleitet.

»Von Amerika? Gibt es denn dort keine Kirchen?«

»Wo ich herkomme, nicht.«

»Wo wart Ihr denn?«

»Da, wo es nur Schnee und Eis gibt.«

»Und was habt Ihr denn da gemacht?«

»Schnee geschaufelt.«

Der Engländer sah den Amerikaner erstaunt an, schien aber seinen Worten zu glauben.

»Warum wird denn hier noch gearbeitet?« fragte nun seinerseits der Fremde.

»In acht Tagen soll eine Hochzeit gehalten werden, und bis dahin muß alles fertig sein.«

»Hochzeit, was ist das?«

»Wie? Das wißt Ihr nicht? Eine Trauung!«

»Trauung? Ach so, Ihr meint eine Heirat So, so, und die feiert man also in der Kirche.

Wird hier auch gegessen und getrunken?«

»Gott bewahre, die richtige Feier findet natürlich im Hause statt.«

»So, so. Wer will sich denn verheiraten?«

»Eine Dame, Lady Carter. Ihr zukünftiger Mann ist Mister Edgar Westerly.«

»Lady Carter?« sagte der Fremde nachdenkend und legte den Finger an die Nase. »Den Namen sollte ich doch kennen.«

»Sie ist die Witwe Sir Frank Carters, der vor siebzehn Jahren in Indien gestorben ist.«

»Richtig, jetzt entsinne ich mich, ich war damals ein kleiner Bube. Die Geschichte drehte sich auch mit um so einen indischen Gaukler. Aber sagt einmal, mein Freund, seid Ihr in Wanstead bekannt?« »Gar nicht, wir kommen alle aus Seeresbrook.«

»Dann gute Nacht und nichts für ungut, daß ich Euch von der Arbeit abgehalten habe!«

Er drehte sich um und ging.

»He, Fremder!« rief ihm der Arbeiter noch einmal nach.

»Was gibt's?«

»Eure Hosen sind verdammt kurz.«

»Sie gefielen mir aber, und so habe ich mir sie genommen.«

Habt Ihr die beim Schneider Preskott in Wanstead gekauft? Ihr habt aber zu viel für den Anzug bezahlt, drei Pfund ist er nicht wert, kaum die Hälfte.«

»Ja, aber woher wissen denn nur alle Leute, wo ich den Anzug gekauft und wieviel ich bezahlt habe?«

»Wir Londoner haben einen eigentümlichen Scharfblick für so etwas,« grinste der Arbeiter.

Kopfschüttelnd verließ der Amerikaner die Kirche und ging auf der Landstraße weiter.

An einer Ecke fragte er einen Jungen nach dem Gasthaus Robin Hood. Er wurde zurechtgewiesen, aber wieder ertönte es hinter ihm lachend: »Der hat beim Schneider Preskott einen Anzug für drei Pfund gekauft, der nur ein Pfund wert ist. Hahaha, so ein Dummtopf!«

Der Junge riß schnell aus, der Fremde zeigte jedoch, daß er durchaus nicht so langsam war, wie seine bedächtigen Bewegungen sonst andeuteten. Mit ein paar großen Sprüngen hatte er den Jungen eingeholt und am Kragen gepackt.

»Du verdammter Schlingel, woher weißt du das?«

»Lassen Sie mich los, Sir!« heulte der Bengel.

»Ich will erst erfahren, woher du weißt, wieviel ich für den Anzug bezahlt habe.«

»Das kann doch jeder sehen.«

Kopfschüttelnd ließ der Mann ihn los.

»Die sind ja in den siebzehn Jahren furchtbar schlau geworden,« brummte er, »so weit haben wir es früher doch noch nicht gebracht.«

Nach einer langen Wanderung durch den Wald, der sich neben Wanstead hinzog, stand er endlich vor dem Haus, das ihm als Robin Hood bezeichnet worden war. Er wollte nicht glauben, daß dies ein Gasthof sei, weil es wie eine zerfallene Ritterburg aussah.

»He, Freund, ist dies das Gasthaus Robin Hood?« fragte er einen Mann, der eben herauskam.

»Ja, dort steht es ja angeschrieben.«

»Wo?«

»Dort, auf dem Schild.«

»Was steht denn da drauf?«

»Gasthaus zum Waldkönig Robin Hood, gutes Ale, Porter Englische Biere. und, so weiter,« lachte der Gefragte. »Seht Ihr so schlecht? Die Buchstaben sind doch groß genug.«

»Ich sehe wie ein Luchs, sogar im Finstern.«

»Dann könnt Ihr wohl nicht lesen?«

»Nein,« war die offene Antwort.

Die Gaststube war stark besetzt. Der Fremde, dessen Eintritt auch hier Verwunderung hervorrief, nahm in einer Ecke Platz und bestellte bei dem Schenkmädchen ein Glas Bier. Er sah überall lächelnde Gesichter auf sich gerichtet, und jetzt wurde der sonst gutmütige Mann wirklich unwillig.

»Was lachen denn die Kerle eigentlich alle?« fragte er das Mädchen. »Ihr selbst macht auch einen Mund, als wolltet Ihr Euch die Ohren abbeißen.«

»Ich freue mich, daß ein so hübscher Mann zu uns kommt,« kicherte die Gefragte.

»So, bin ich wirklich so hübsch? Das habe ich noch gar nicht gewußt. Ich kalkuliere aber, die lachen aus einem anderen Grunde, und das Donnerwetter soll sie holen, wenn sie mich lächerlich finden.«

»Ihr solltet bei dem heißen Wetter aber auch keine Pelzmütze aufsetzen.«

»Das kann ich machen, wie ich will.«

»Und drei Pfund für diesen Anzug ist ein bißchen viel,« lachte die Dirne und lief flink weg.

Der Fremde wurde jetzt ganz unwirsch. So etwas war ihm noch nie passiert.

Es kamen verschiedene Leute, auch Kinder, aus naheliegenden Häusern und holten hier Bier. Einmal erscholl hinter dem Fremden ein lautes Lachen, und als er sich umwandte, sah er ein kleines Mädchen stehen, den gefüllten Bierkrug in der Hand und aus Leibeskräften lachend.

»He was lachst du denn, kleine Kröte?« rief der Fremde und haschte das Kind.

»Ach, das ist ja zu drollig, man hat Euch einen Zettel auf den Buckel geklebt.«

»Auf den Buckel? Seit wann habe ich denn einen Buckel? Mach das Ding einmal ab!«

Die Kleine nestelte ihm auf dem Rücken herum, es rissen Fäden, und dann zeigte sie ihm eine und bedruckte und beschriebene Karte.

»Was steht denn da drauf?« fragte er.

»Ich kann noch nicht lesen.«

»Dann geht's dir gerade so wie mir.«

Die Kellnerin, welche ebenso wie viele andere Gäste die kleine Szene gesehen hatte, trat lachend an seinen Tisch.

»Nun will ich Euch sagen, warum Ihr uns so komisch vorkamt. Seht, auf dieser Karte steht die Adresse des Schneiders, bei dem Ihr den Anzug gekauft habt, und darunter hat er über den Empfang von drei Pfund quittiert. Er hat die Karte an den Rock gesteckt, und Ihr habt ihn wahrscheinlich gleich angezogen, ohne sie vorher abzumachen.

»Natürlich, was ich kaufe, ziehe ich auch gleich an. Also darum lachen die Leute mich aus, weil ich den Beweis auf dem Rücken trage, daß ich den Anzug bezahlt habe? Hm, seltsame Mode hier in England!«

»Ihr seid aber auch arg betrogen worden. Der Anzug ist nicht die Hälfte wert.«

»Ich bin schon um mehr als zwei Pfund betrogen worden. Na, Kleine,« wandte er sich an das Mädchen und griff in die Tasche, »weil du mir gesagt hast, warum du über mich lachst, sollst du auch was bekommen. Hier, hast du einen Sixpence, stecke ihn in die Sparbüchse.

Wie heißt du denn?«

»Peggy.«

»Und kommst allein in der Nacht hierher?«

»O, meine Großeltern wohnen gleich in der Nähe.«

»Wie heißen denn deine Großeltern?«

»Die heißt – die heißen eben Großvater und Großmutter.«

»Es ist die Enkelin von dem alten Moore,« erklärte die Kellnerin.

»Von wem? Vom alten Moore?« rief der Fremde, und sein braunes Gesicht wurde plötzlich dunkelrot. »Doch nein, es ist nicht möglich!«

Er betrachtete das etwa fünfjährige Mädchen, welches einfach, aber sehr sauber und sorgfältig gekleidet war.

»Nein, es ist nicht möglich!« wiederholte er köpfschüttelnd.

»Was ist nicht möglich?« fragte die neugierige Kellnerin.

»Daß es die Enkelin des alten Moore ist.«

»Ich versichere es Euch. prägt doch die Gäste!«

»Es mag noch andere Moores in Wanstead geben.«

»Vielleicht. Welchen meint Ihr denn?«

Der Fremde antwortete nicht. Er nahm die Kleine zwischen die Knie, ihren Kopf zwischen die schwieligen Hände und schaute ihr lange ins Gesicht.

»Wahrhaftig, das sind Augen die ich kenne!« rief er dann erregt. »Peggy, wie heißt deine Mutter?«

»Die Mutter ist tot,« sagte das Mädchen ängstlich.

»Wie hieß sie denn?«

»Ich weiß nicht. Laßt mich los!«

»Hat man dir einmal von deinem Onkel Charly erzählt?«

»Ach ja, Großvater spricht manchmal von ihm. Der ist schon lange tot. Er ist einmal als kleiner Junge fortgelaufen.

Der Fremde sprang auf, hob das Mädchen zu sich empor und küßte es.

»Nein, er ist nicht tot,« rief er mit bebender Stimme, »Charly lebt noch! Komm, ich trage dich, und du zeigst mir den Weg. Fürchte dich nicht!«

Er verließ, das Mädchen auf dem Arm, eiligst die Gaststube.

»Das war der Charly, von dem Moore so oft spricht,« rief ein Gast erstaunt; »wenn der wiederkäme, dann fehlte seinem Glücke nichts mehr.«

Mit großen Schritten rannte der Fremde davon; er fragte die Kleine nur manchmal nach dem Weg, denn sein Herz war übervoll. Endlich deutete Peggy auf eine Hütte, deren verhangene Fenster erleuchtet waren; der Fremde öffnete die unverschlossene Tür des von Reblaub umsponnenen Häuschens und trat in die freundliche Stube, in deren Kamin Feuer brannte.

Die beiden alten Leute, welche am Tisch beim Abendessen saßen, fuhren beim Eintritt des Fremden erschrocken auf, denn der moderne Anzug vermochte sein wildes Aussehen nicht zu mildern.

Er aber setzte das Kind vorsichtig auf den Boden und ging mit ausgestreckten Armen auf die alte Frau zu.

»Mutter, kennst du mich nicht mehr?« Da lag die Alte schon an der Brust ihres Sohnes, sie hatte ihn sofort an der Stimme erkannt. Beim Vater bedurfte es erst noch einiger Worte, ehe er in dem großen Manne seinen ehemaligen Buben Charly wiederfand.

Es war ein Wiedersehen, wie es eben nur zwischen Eltern und einem seit vielen Jahren verschollenen Sohne vorkommt. Dann ging es ans Erzählen, so kurz wie möglich, denn sonst hätte es bis zum anderen Morgen gedauert.

Charly hatte sich als achtjähriger Junge, des Hungerlebens und der Schläge zu Hause überdrüssig, an Bord eines Schiffes versteckt, war nach Kanada gesegelt. Dort der Absicht des Kapitäns entgegen, welcher ihn zurückbringen wollte, weggelaufen und nach langen Irrwanderungen endlich an die Hudsonbai gekommen, wo sich seiner ein alter Pelzjäger annahm und ihn wie seinen Sohn behandelte. Er fand Gefallen an dem wilden, ungebundenen Leben, und als er Büchse und Axt tragen konnte, folgte er den Pelzjägern auf ihren abenteuerlichen Fahrten in unwirtliche Territorien, ruderte mit in den ledernen Booten gegen Stromschnellen an, trug die Kanus auf den Schultern meilenweit über Schneefelder, überwinterte manchen Monat in einer Schneehütte, schoß Bären, Auerochsen und Wölfe, jagte auf Schneeschuhen den flüchtigen Elch, tauschte von Indianern Pelze ein, verteidigte die ihm anvertrauten Waren mit Büchse und Messer gegen den roten Sohn der Wildnis – kurz, er führte das Leben eines Pelzjägers.

Als der Direktor der Hudsonbai-Kompanie seinen Posten aufgegeben hatte, um selbst eine Pelzniederlage zu gründen, gehörte Charly zu den Trappern, welche ihm ihre Dienste anboten, und als der neue Herr nach London ging, um Pelzauktionen beizuwohnen, bat Charly, ihn in sein Heimatland mitzunehmen.

Nach Beendigung seiner Erzählung kratzte Charly sich in den struppigen Haaren und schaute sich argwöhnisch in der schmucken Stube um.

»Hm, Vater, hast du wieder auf ein Pferd gewonnen?«

»Nein, Charly, damit ist es vorbei. Was du hier siehst, das habe ich mir durch meine Hände verdient. Höre, wie es uns ergangen ist!« – Mit Freude und Stolz erzählte Moore auch, wie Miß Bega Peggy gerettet hatte und noch jetzt fast jeden Tag zu ihnen käme und manche Stunde in ihrem Hause zubrächte.

»Willst du nun bei uns bleiben?« fragte dann Moore seinen Sohn.

»Ich weiß nicht, ob ich es lange aushalten kann; ich habe mich schon zu sehr an das wilde Leben gewohnt. Ich passe nicht mehr hierher, die Kinder lachen mich ja auf der Straße aus, weil meine Hosen nicht die richtige Länge haben, und solcher Unsinn behagt mir nicht. Ja, da komme ich nun freilich zu spät, aber so ist es um so besser.«

»Was meinst du damit?«

»Nun, ich habe mir etwas Tüchtiges gespart, ich wollte es hier irgendwo abgeben, damit ihr, solltet ihr noch leben, ein ruhiges Alter hättet. Na, vielleicht könnt ihr es auch noch brauchen, etwa um ein kleines Geschäftchen anfangen?«

»Potztausend, ist es denn so viel?«

»So ungefähr zweitausend Pfund,« schmunzelte der Sohn.

»Was,« riefen die Eltern, »so viel verdienen die Pelzjäger?«

»Das ist Glückssache, und ich habe Glück gehabt. Wer sich wacker hält, kann immer viel verdienen, aber ihr müßt bedanken, daß man dabei jede Minute sein Leben aufs Spiel setzt.«

»Wo ist denn jetzt dein Herr?«

»In London; ein anderer Pelzjäger, der ihn nie verläßt, ist bei ihm. Den müßt ihr kennen lernen, der hat Haare auf den Zähnen, aber freilich nicht auf dem Kopfe. Indianer haben ihn einmal skalpiert und ihm auch noch die Ohren abgeschnitten. Als sie ihm auch noch die Nase abschneiden wollten, riß er sich von dem Baum los, an den er gebunden war, und schlug den Indianern mit ihren eigenen Tomahawks die Schädel ein.«

»Dort bei euch muß es ja grausig-wild zugehen!«

»Ja, etwas anders freilich als hier. Aber Dick Dick ist der englische Kosename für Richard. ist kein Pelzjäger von Profession, sondern ein richtiger Scout, so ein Waldläufer und Pfadfinder, der zu ersticken glaubt, wenn er in einem Hause schläft. Solche wilde Indianer und Weiße gibt es bei uns im Norden nicht, die sind nur in südlicheren Gegenden zu finden. Dick hat Mister Woodfield vor vielen Jahren einmal in Texas getroffen und ihn seitdem nie wieder verlassen.«

»Mister Woodfield sagst du? Ist das dein Herr?«

»Ja, so heißt er.«

»Herrgott, das wird doch nicht der Bruder von Miß Woodfield sein, den sie immer erwartet? Der ist Pelzhändler.«

Die Alten erzählten von ihr.

»Natürlich, das ist die Schwester von Mister Woodfield,« rief Charly, »die will er in London aufsuchen. Sie wohnt also hier ganz in der Nähe? Na, dann kommt er sicher mit Dick heraus, und ich kann für längere Zeit bei euch bleiben.«

Dadurch kam man auf das Haus der Lady Carter und ihre Gäste zu sprechen. Man gedachte ferner der früheren Besuche von Reihenfels und kam dadurch auf die Neuigkeiten.

»Diese beiden Reihenfels, Vater und Sohn, haben ihr Glück gemacht,« sagte der alte Moore, »die sind jetzt berühmte Leute geworden. Vor einem Jahre gingen sie nach Indien, um einen sogenannten Fakir zu finden, der sich lebendig begraben lassen kann; denn der alte Reihenfels hatte es behauptet und wollte es beweisen. Nun ist der junge Reihenfels zurückgekehrt und hat wirklich einen solchen Kerl mitgebracht, der sich lebendig tief unter die Erde begraben ließ. Nach vier Wochen ist er wieder ausgegraben worden, und Oskar Reihenfels hat ihn durch Aussprechen eines Wortes wieder lebendig gemacht. Unsereins hat natürlich nichts davon zu sehen bekommen, da waren nur die allerhöchsten Personen und Gelehrten dabei, aber man hört und liest nichts anderes mehr als immer nur von Reihenfels und von dem Fakir.

Jetzt will ersterer ihn noch einmal begraben und dann wieder nach Indien gehen, um noch mehr solche Wundermenschen zu suchen.«

»Wie ist mir denn?« murmelte Charly. »Reihenfels – Reihenfels – den Namen sollte ich doch schon einmal gehört haben!«

»Das könnte schon sein,« meinte die Mutter; »weißt du, Vater, dieser Reihenfels ist jener Mann, dem wir damals den Brief brachten, den Charly fand. Ich denke nicht mehr gern daran.

Du weißt doch, Reihenfels sollte ihn übersetzen; du holtest ihn aber wieder ab, weil du eine Belohnung dafür zu bekommen hofftest. Dann war er mit einem Male verschwunden. Damals habe ich den alten Reihenfels gesehen und auch seinen Sohn, einen hübschen Jungen von fünf Jahren, der seiner kranken Mutter gerade vorlas.«

»Ach, ja, jetzt entsinne ich mich!« sagte der Vater.

Charly war aufgestanden, hatte den Finger an die Nase gelegt und schaute sich mit pfiffigem Lächeln in dem Zimmer um.

»Und ich entsinne mich auch auf etwas – das wäre ja seltsam! Sind das noch unsere alten Möbel?«

»Freilich sind sie es.«

»Du hattest sie aber doch einmal versetzt und sie nicht wieder eingelöst.«

»Ja, das ist eine merkwürdige Geschichte. Sie waren verfallen, und sechzehn Jahre habe ich sie nicht mehr gesehen, da plötzlich stehen sie in Wanstead vor einem Trödlerladen. Ich glaubte erst, sie sahen den unseren nur ähnlich; die Mutter aber behauptet steif und fest, es wären unsere alten. Sie wollte sie durchaus wiederhaben, na, da habe ich unser Erspartes angegriffen und sie gekauft; man hängt doch an dem alten. Aber ich bin noch immer der Ansicht, daß es nicht die unsrigen sind.«

»Es sind unsere,« behauptete die Mutter.

»Das müßtest du beweisen. Unsere sahen überhaupt nicht so alt aus. Das Sofa hatte geschweifte Beine.«

»Nein, gerade!« behauptete die Mutter. »Charly, was meinst du? Ist das nicht unser altes Sofa?«

»Das weiß ich nicht mehr, will aber mal probieren, ob ich etwas finde; dann könnte ich's gleich sagen.«

Er beugte sich über das Möbel und versuchte in die Ritze zwischen Sitz- und Rückenpolster die Hand zu schieben.

»Geht nicht mehr,« sagte er, »meine Hand ist unterdes zu groß geworden. Vater, versuch du's einmal.«

»Hast du etwas hineingesteckt?«

»Ich will noch nichts verraten, probiere erst!«

Auch des Vaters Hände erwiesen sich als zu dick, die der Mutter waren vor Gicht steif, sie brachte nur die Fingerspitzen hinein, und Peggy konnte nicht bewogen werden, in die Ritze zu greifen, weil sie durch das geheimnisvolle Gebaren des Onkels eingeschüchtert worden war.

»Fatal,« sagte Charly, »ich möchte zu gern dahineinlangen. Was machen wir denn da?«

»Was ist denn darin?«

»Ich verrate noch nichts.«

»Warte noch ein paar Minuten,« meinte die Mutter, »Nelly muß gleich zurückkommen.

Sie holt nur Gemüse ein.«

»Wer ist denn Nelly?«

»Ach so, das weißt du ja noch gar nicht! Im vergangenen Winter fanden wir eines Morgens ein junges Mädchen vor der Tür liegen, in Lumpen gehüllt und halb erfroren. Die Ärmste hatte in der kalten Nacht im Freien geschlafen. Wir nahmen sie herein, tauten sie auf und behielten sie bei uns, denn ich werde alt und steif und Nelly ist mir eine gute Stütze.«

»Woher kam sie denn?«

»Sie war aus einem Arbeithaus in Irland entlaufen und hatte sich bis hierher durchgebettelt, sie wollte nach London. Wenn wir Sie nicht aufgetaut hätten, wäre sie erfroren.«

»Sie ist aber ordentlich aufgetaut,« brummte der Vater.

»Na ja, sie ist manchmal ein tolles Ding, aber sonst brav und willig,« verteidigte sie die Mutter; »Ich fürchte nur, wenn sie so weit ist, daß man sie zu allem gebrauchen kann, dann heiratet sie.«

Die Tür wurde stürmisch aufgerissen, und die Besprochene trat oder stürzte vielmehr ins Zimmer – ein junges Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren, aber noch nicht oder eben erst zur Jungfrau entwickelt, mit einem hübschen, frischen Gesicht, aus dem die Stulpnase lustig in die Welt sah. Ebenso lustig funkelten die grauen Augen, und die vielen kurzen schwarzen Zöpfchen, mit Papierwickeln durchflochten, flogen wie Schlangen um den Kopf. Das Unreife ihrer Erscheinung wurde noch dadurch gehoben, daß der Kattunrock ihr eben nur bis über die Knie reichte und so die weißen Strümpfe frei ließ. Ein Rußfleck an der Nasenspitze, ein anderer an der Backe vervollständigten das Bild.

Einen Augenblick stand Nelly bewegungslos da, die Augen auf den Pelzjäger geheftet, dann ließ sie plötzlich den am Arm hängenden Gemüsekorb fallen, warf sich in einen Lehnstuhl und wollte sich vor Lachen ausschütten, so daß die vielen Zöpfchen einen Wirbeltanz begannen.

Unwillkürlich griff sich Charly an den Rücken ob dort noch der Zettel des Schneiders wäre.

»Was hat sie denn nur?« fragte er dann.

»Es ist ein dummes Ding, sie lacht über alles,« erklärte die Mutter. »Hör auf, Nelly! Das ist der Charly, von dem wir dir erzählt haben. Er ist aus Amerika zurückgekommen.«

»Der Charly!« lachte das Mädchen. »O, Gott – der hat ja – einen Pelzhut auf dem Kopfe – und Knöpfe hat er – auch nicht am Hemd.«

Endlich hatte sie sich über diese Eigentümlichkeiten beruhigt, es wurde ihr von Charly klargemacht, daß sie mit ihrer kleinen, aber kräftigen Arbeitshand einmal in die Ritze hineingreifen sollte.

»Dahinein?« rief das Mädchen und streckte wie erschrocken beide Arme von sich. »Jesus Christus, nicht für alle Schätze der Welt – nein, das tue ich nicht!«

»Es ist doch nichts weiter dabei.«

»Nein, ich tu's nicht – nicht für alle Schätze der Welt!«

Charly holte einen Penny aus der Tasche. In England herrscht die Sitte, ganz unbekannten Kindern, selbst Säuglingen, und dem Dienstpersonal bei jeder Gelegenheit Kupfermünzen zu schenken.

»Ich gebe dir einen Penny, wenn du hineingreifst,« ermunterte Charly.

»Erst her damit!«

Sie ließ die Münze in der Tasche verschwinden und steckte jetzt gleich die Hand zwischen die Polster.

»Ich fühle nichts.«

»Da mußt du tiefer hineinfahren.«

»Nicht für alle Schätze der Welt!«

Charly mußte ihr noch einen Penny geben, dann griff sie tiefer hinein, fuhr aber gleich mit einem gellenden Schrei zurück, daß alle zusammenschraken, und rannte schreiend im Zimmer umher.

»O Gott, da steckt ja etwas darin!« rief sie ein übers andere Mal, dadurch die Eltern nur noch neugieriger machend.

»Das sollst du eben herausholen,« sagte Charly.

»Nicht für alle Schätze der Welt!«

»Ich habe keinen Penny mehr.«

»Ich kann wechseln.«

»Nimm doch Vernunft an, Mädchen! Hol das Ding heraus, und ich schenke dir ein buntes, seidenes Tuch!«

Nelly blieb stehen.

»Ist das wirklich wahr?«

»Ganz gewiß!«

»Ist das Tuch rot?«

»Nein, blau.«

»Dann will ich's nicht haben. Es muß rot sein.«

»Ich lasse es dir färben.«

»Wollt Ihr das wirklich tun?«

»Wahrhaftig.«

»Schwört!«

»Weiß Gott, – ich tu's!«

Jetzt ließ die vorsichtige Nelly sich bewegen, noch einmal die Hand in die Ritze zu versenken.

»Ich fühle was! Ich fühle was!« schrie sie. »Es ist ein Stück Papier.«

»Ja, ein Liebesbrief.«

Schnell zog Nelly die Hand zurück und hielt in dieser ein Stück Papier, einen Brief, hoch empor.

»Ja, warum habt Ihr denn das nicht gleich gesagt, daß es ein Liebesbrief ist? Dann hätte ich ihn sofort herausgeholt. Das Tuch bekomme ich aber doch; Ihr habt geschworen.«

Mit feierlicher Miene nahm Charly den Brief und hielt ihn in die Höhe.

»Hier ist der Beweis, daß dieses Sofa wirklich unser altes ist, also hatte es auch gerade Beine. Diesen Brief steckte ich vor siebzehn Jahren in die Ritze, denn ich hatte die fremdländische Briefmarke abgemacht und dachte, ihr suchtet den Brief der Marke wegen.

Um keine Schläge zu bekommen, ließ ich ihn verschwinden. Nun, Vater, ist es unser altes Sofa?«

»Ja, jetzt ist es bewiesen,« entgegnete der Gefragte, nahm den Brief und las die Adresse, »Mister Timur, Hotel Royal, Oxfordstreet, London.«

Das Kuvert enthielt wirklich noch das Pergament mit den krausen Buchstaben.

»Der alte Reihenfels wollte es mir gar nicht wiedergeben,« sagte die Mutter, »er hätte es zu gern behalten und übersetzt. Es gibt solche Menschen, die nichts lieber tun, als ein Rätsel lösen. Als er es mir gab, sagte er noch: >Sie werden in London niemanden finden, der Ihnen diese Geheimschrift übersetzen kann.< »Ja, Reihenfels ist ein kluger Kopf.«

»Ob sein Sohn es wohl könnte?«

»Hm!« brummte der Alte. »Wie wär's, wenn wir mit dem Briefe einmal zu ihm gingen und ihm alles erzählten? Vielleicht bringt er ihn seinem Vater, oder er selbst übersetzt ihn!«

»Was haben wir aber davon? Nur die Reise müssen wir noch bezahlen.«

»Sprich nicht so, Mutter! Das ist eine Gefälligkeit, und dabei bekommen wir Gelegenheit, den Fakir einmal zu sehen. Ich bin auf so etwas furchtbar neugierig; mich gruselt's gern. Nun, wollen wir morgen nach London fahren und den jungen Reihenfels aufsuchen?«

»Na, meinetwegen, ich komme auch mit.«

»Du mußt bedenken, daß der Brief doch vielleicht etwas enthält, was Aufschluß über den Kindesraub von damals gibt oder auch über Timur Dhar, den Reihenfels sucht. Zuletzt werden wir gar noch berühmt«

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.