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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 24
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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24. Ein Skandalprozeß

Der große Saal unten hatte sich zwar stark geleert, die Bambushütten waren geschlossen, die Fakire und Gaukler verschwunden, aber noch immer strahlten die Kronleuchter und beleuchteten Spaziergänger und Gruppen in künstlichen Lauben und Grotten.

Die meisten Herren besaßen Saisonbilletts, waren also ständige Besucher und wurden von den kontrollierenden Dienern nicht hinausgewiesen. Wer nach seinem Billett gefragt wurde, mußte es vorzeigen; war es ein einfaches, so wurde er zum Verlassen des Saales aufgefordert; war es ein grünes Saisonbillett, so wurde der Besitzer unbelästigt gelassen.

Von vielen, welche den Kontrollierenden als ständige Besucher bekannt, wurde das Zeigen des Billetts gar nicht gefordert, und doch waren unter diesen sehr viele, die überhaupt keins besaßen – es waren Geheimpolizisten und Detektivs, welche sich hier so lange aufhielten, bis die letzte Person den Saal verlassen hatte.

Gestatte der Leser, einige Worte über diese Geheimpolizisten und Detektivs.

Dem Fremden fällt in London die enorme Zahl von uniformierten Konstablern auf, überall stehen und gehen sie herum; die Menge auf der Straße braucht sich nur einmal zu stauen, so eilen sie schon von allen Seiten herbei. Aber sie sind nicht die eigentlichen Feinde der Verbrecher, sie haben nur den Straßenverkehr zu überwachen und für die Sicherheit der Passanten, zu sorgen, besonders für die der Frauen und Kinder.

Denn selbst in weniger belebten Straßen Londons folgen sich die Wagen in dichter, endloser Reihe, nur Männer dürfen es wagen, zwischen ihnen hindurchzuschlüpfen. Eine Dame oder ein Kind wendet sich, wenn das Passieren der Straße nötig ist, an den nächsten Konstabler, dieser hebt den Arm, die Wagenreihe muß sofort stocken, und der Beamte führt die Dame oder trägt das Kind hinüber.

Auf jeden Konstabler kommen zwei Geheimpolizisten, diese gehorchen den Winken der Detektivs, welche wieder eine ganze, organisierte Armee bilden.

In London darf man in jedem Menschen, den man nicht kennt, einen Detektiven vermuten; vielleicht aber ist auch dein Freund, mit dem du schon jahrelang verkehrst, ein solcher, ohne daß du es weißt.

Der elegante Stutzer, der dich auf der Straße um Feuer bittet, kann ein Detektiv sein, ebenso wie der Bettler, welcher nur zum Schein Streichhölzer verkauft, um nicht wegen Bettelns arretiert zu werden. Vielleicht aber ist der noble Herr nur ein ganz gering besoldeter Beamter, während der Bettler den Titel eines Sergeanten führt, vielleicht sogar Offizier ist und ein recht stattliches Heim sein eigen nennt. Während er in Lumpen gehüllt, im Rinnstein steht und seine Augen rastlos umherwandern läßt, fahren seine Frau und Kinder, im eigenen Wagen spazieren – kein angenehmes Brot! Zahllos sind die Detektivs, welche ihre Aufmerksamkeit nur einem Punkte zuwenden und ihren Stand daher nie ändern. Den täglichen Straßenpassanten sind sie bekannt, nicht aber dem Fremden.

So zum Beispiel sitzt auf einer Bank der Liverpoolstation ein Mann in großkariertem Anzug, ein Plaid über der Schulter, neben sich einen Koffer und in der Hand eine Fahrkarte.

Der Zug kommt, aber der Reisende bleibt sitzen; er steigt überhaupt niemals ein, sondern beobachtet nur den Bahnhof. Abends nach dem letzten Zuge entfernt er sich, und morgens bei Ankunft oder Abfahrt des ersten sitzt er wieder auf seiner Bank. So sitzt er tagaus, tagein, Sommer und Winter, ohne jemals einen Zug zu benutzen. Es kann aber doch einmal vorkommen, daß er auf einen Herrn zugeht und zu ihm in ruhigem Tone sagt: »Im Namen des Gesetzes, Sie sind verhaftet!« Da braucht der Betreffende nur eine verdächtige Bewegung zu machen, und im Nu hat ihn der so unschuldig aussehende Reisende mit eiserner Kraft an den Handgelenken gepackt und übergibt ihn dem herbeieilenden Geheimpolizisten.

In der Oxfordstreet ist an einem Hause eine Uhr mit Figuren angebracht, welche beim Schlagen der Glocke sich bewegen. Von früh bis abends steht ein Stutzer davor, ein Stöckchen unterm Arm, und jedes mal, wenn die Männerchen mit dem Kopfe wackeln, lacht er, als wäre ihm das etwas ganz Neues. Und doch steht er schon Jahr und Tag davor – ein Detektiv, welcher das Treiben auf der Straße beobachtet.

In einer anderen Straße steht vor einem Bäckerladen ein schäbig gekleideter Mann und betrachtet mit lüsternen Augen die appetitlichen Erzeugnisse der Bäckerkunst. Man merkt es ihm ordentlich an, wie ihm das Wasser im Munde zusammenläuft, wahrscheinlich hat er keinen Penny bei sich, um seinen Hunger zu stillen. Auch dieser Mann ist ein Detektiv, er schaut nicht Brote und Torten an, sondern er blickt in die Spiegelscheiben des Ladens und übersieht durch sie die Straße.

Überall, wohin man kommt, darf man versichert sein, Detektivs in allen möglichen Stellungen zu treffen. Im Theater sind sie Programmverkäufer, im Hotel und in den Restaurationen Kellner, auf der Pferdebahn Kondukteure, auf den Themseschiffen Matrosen und so weiter, und oft wissen die Arbeitgeber selbst nichts davon.

So gingen auch die Diener an einigen Herren vorüber, welche im Saale der Olympia herumstanden, saßen oder sich mit Damen unterhielten.

Ein Mann mit langem Vollbart betrachtete schon seit längerer Zeit mit anscheinendem Interesse eine Grotte aus Tropfsteinen, als ein Diener in goldbetreßter Livree auf ihn zutrat.

»Ihr Billett, mein Herr?«

»Habe keins!« brummte der Mann.

»Detektiv?«

»Ja.«

»Ich kenne Sie nicht.«

»Ist auch gar nicht nötig.«

»Ich bitte um Ihre Marke.«

Der Herr trat etwas zurück und zeigte eine große Marke, worauf sich der Diener sofort entfernte.

»Wieder ein neuer,« dachte er. »Was diese Tagediebe hier eigentlich wollen, begreife ich nicht. Sie sehen nichts, sie hören nichts und der Staat ernährt sie doch!«

»Er könnte nun kommen!« brummte unterdessen der Herr mit dem Vollbart. »Um zwölf hat er mich hierher bestellt, und es ist schon ein Uhr. Ich fürchte, ich bin umsonst hier.«

Hinter ihm räusperte sich jemand – Monsieur Giraud.

»Ah, Mister Stores,« sagte der Fremde beim Anblick des Franzosen freudig. »Haben Sie ihn gefunden?«

»Ja. Seit wann sind Sie schon hier?«

»Ich kam zehn Minuten vor zwölf.«

»All right, er ist da!«

»Beschreiben Sie ihn mir noch einmal.«

»Er ist groß und breitschultrig und hat ein rotes, gemein aussehendes Gesicht. Sein Gang läßt vermuten, daß er viel zu Pferd sitzt. Der Bart fehlt.«

»Natürlich. Den hat er sich abnehmen lassen. Die übrige Beschreibung paßt auf um; kein Zweifel, es ist der Reitknecht vom Baron Ehrenthal. Wo finde ich ihn?«

»Fragen Sie den englischen Detektiven nach den kleinen Zimmern; nehmen Sie aber Begleitung, mit; der Kerl ist stark wie ein Bär und angetrunken. Machen Sie schnell, er ist eben im Zimmer Nummer 14.«

»Kommen Sie nicht mit?«

»Nein, mich ruft die Pflicht anderswohin.«

»Meinen besten Dank.«

»Bitte, wir müssen uns gegenseitig helfen. Eilen Sie nur.«

Der Franzose entfernte sich, und der Fremde ging nach einer Säule, wo ein elegant gekleideter Herr lehnte und sich mit einer Dame scherzhaft unterhielt.

»Ich bitte um ein Wort unter vier Augen,« sagte der Vollbärtige zu ihm.

Der Herr brach sein Gespräch kurz ab und entfernte sich einige Schritte.

»Mein Name ist Schönfeld, bin deutscher Geheimpolizist und bitte um Ihre Unterstützung,« sagte der Vollbärtige, zog ein Papier aus der Brusttasche und übergab es dem Herrn.

Dieser las es flüchtig und reichte es zurück. Es war ein Schreiben der englischen Polizei und sicherte dem deutschen Kriminalbeamten jede mögliche Hilfe zu. Kraft dieser Order mußte sich jeder englische Polizist, wenn er nicht gerade beschäftigt war, dem deutschen zur Verfügung stellen.

»Womit kann ich dienen?«

»Ich will einen von der deutschen Polizei verfolgten Dieb verhaften.«

»Hier?« fragte der Detektiv unangenehm überrascht.

»Ja, hier und sofort!«

»Sie brauchen Hilfe?«

»Ja.«

»Gut. Ich und meine Leute stehen Ihnen zur Verfügung. Wo befindet sich der Mann?«

»In einem der sogenannten kleinen Zimmer, in Nummer 14.«

Der Detektiv stutzte und zögerte.

»Sir, das ist mir unangenehm zu hören.«

»Wieso?«

»Wir müssen die Zimmer als Beamte betreten.«

»Nun, und?«

»Dann müssen wir wahrscheinlich alle verhaften, welche sich dort befinden. Wir werden sie bei unerlaubten Handlungen antreffen.«

»So verhaften Sie sie alle.«

»Das ist mir unangenehm, es sind angesehene Männer darunter.«

»Das Gesetz kennt keinen Unterschied.«

»Allerdings, auch hier in England, aber ...«

»Mein Herr, ich verstehe Sie nicht!« sagte der deutsche Beamte kurz. »Darf ich auf Ihre Hilfe rechnen oder nicht?«

Jetzt war es mit der Unentschlossenheit des Detektivs vorbei, er durfte sich als Beamter nicht bloßstellen. Er begab sich zu einem anderen Herrn und sprach mit ihm.

»Teufel!« knurrte dieser. »Wir tun nur unsere Pflicht, aber fatal ist es doch. Warum kann der verdammte Deutsche nicht warten und die Verhaftung draußen vornehmen?«

»Ich darf ihn wegen des Warum nicht fragen.«

»Wir können die Herren warnen.«

»Das ist zu riskant, wenn es entdeckt wird.«

»Wir halten den Deutschen auf.«

»Geht nicht, er besteht energisch auf sofortiger Verhaftung.«

»Warum überträgt man diese nicht uns?«

»Das geht mich nichts an.«

»Los denn in des Teufels Namen! Die Schuld an dem Skandal falle auf diesen Deutschen! Ich lachte bloß, er fände den Gesuchten gar nicht.«

Schnell waren einige Männer, zwischen ihnen der Vollbärtige, versammelt. Dann ging es die Treppe hinauf nach den kleinen Zimmern.

Scheu betrachteten die Diener diese schnellgehenden Männer, Sie ahnten, was jetzt kam, durften indes nicht wagen, die zu Überraschenden zu warnen. Es kam selten vor, daß eine Untersuchung der Nebenzimmer erfolgte; geschah es aber, dann fanden die Skandalblätter in London stets reiche Nahrung.

Der Diener, welcher an der Tür zum kleinen Saal Wache hielt, erschrak, aber er öffnete dieselbe; schnell drangen die Männer ein.

In dem Saale entstand große Aufregung. Die Mädchen schrieen, und die Herren sprangen erschrocken auf. Nur einige, denen nichts mehr überraschend kam, blieben ruhig.

»Polizei! Detektivs!« erklang es von allen Seiten.

»Ah, meine Herren, ich komme wohl zu einer recht unangenehmen Zeit?« sagte der Führer der Polizisten. »Ich hätte allerdings nicht geahnt, daß mein Besuch, zu dem ich gezwungen wurde, mir solche Bilder zeigen würde!«

»Spielen Sie nicht den Erstaunten,« sagte ein Herr phlegmatisch und legte den Arm wieder um die Taille einer Bajadere. »Machen Sie es kurz, damit ich bald wieder herkommen kann.«

»Sie müssen mich zur Wache begleiten.«

»Das weiß ich. Wollen wir wetten, daß ich in einer Stunde wieder hier bin?«

»Das können Sie halten, wie Sie wollen. Meine Herren, Sie sind verhaftet!«

Die Aufregung hatte sich gelegt. Die Herren, alles bekannte Roués von London, ließen ruhig, ja sogar lachend die Verhaftungsbefehle über sich ergehen, desgleichen die Mädchen.

Den meisten der Herren war eine solche Verhaftung nichts Neues und nichts Unangenehmes.

Sie durften Wagen nehmen und fuhren nach der Polizeistation, mußten ihre Namen angeben und Bürgschaft stellen, und wurden sofort wieder auf freien Fuß gesetzt. Hatten Sie nicht genügend Geld bei sich, so bürgte ein Herr für den anderen, ebenso für die Mädchen, deren Geldstrafen sie später auch noch bezahlten.

Denen, die sich noch nie in einer solchen Situation befunden hatten, war das Ganze ein angenehmes Abenteuer, mit dem sie später prahlen konnten, und nur sehr wenige dachten mit bangem Herzen an die Folgen ihres Leichtsinnes, denn morgen wurden ihre Namen in den Skandalblättern gebrandmarkt.

»Wem haben wir diesen Besuch eigentlich zu verdanken?« fragte ein Herr den Detektiven.

Dieser deutete auf den deutschen Krimmalbeamten.

»Einem Deutschen.«

Schönfeld war sofort an die Tür getreten, welche die Nummer 14 trug, und hatte sie zu öffnen versucht – sie war geschlossen. Drinnen ertönte jetzt das Zetern eines Weibes und eine zornige Männerstimme.

»Wie schade! Sie stören das Pärchen zur unrechten Zeit,« lachte ein Herr, »es ist eben erst verschwunden.«

Der Beamte klopfte stark.

»Geöffnet, im Namen des Gesetzes!« rief er.

Die Tür, ging auf. Der Beamte stand einer unzulänglich bekleideten Frauengestalt gegenüber, deren Gesicht Angst ausdrückte, und Reihenfels, jedoch nicht dem, den er hier vermutete. – Nachdem der Franzose das Zimmer so schnell verlassen und die Tür hinter sich zugeworfen hatte, war Reihenfels, von einer bangen Ahnung erfaßt, sofort zu dieser gesprungen, fand aber weder Klinke, Hebel noch Riegel daran.

»Was soll das heißen?« rief er., »Will man mich hier fangen?«

Er eilte nach der Tür an der entgegengesetzten, Seite, aber schon öffnete sich diese, und eine in weiße Gaze gehüllte Gestalt trat herein. Sie schlug den Schleier zurück und ein hübsches, dunkelbraunes Gesicht kam zum Vorschein.

»Mister Reihenfels?«, fragte das Mädchen sofort auf englisch.

»Das ist mein Name. Sie sind jene – jene Miß, welche mir Enthüllungen über indische Fakire machen wollte?«

Das Mädchen lachte, warf die Tür hinter sich zu, setzte sich auf ein Sofa und zog den jungen Mann ungeniert neben sich.

Reihenfels wurde verlegen; auf einen solchen Überfall war er nicht vorbereitet.

»Ja, ich bin Mirzi, und Sie sehen, wieviel mir an Ihrer Bekanntschaft, gelegen ist, daß ich Ihrer Aufforderung ohne weiteres gefolgt bin. O, ich habe Sie schon vorhin unter den Zuschauern beobachtet, und, aufrichtig gestanden, Sie. gefallen mir.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen,« stammelte Reihenfels verwirrt »Ich ließ Sie durch Monsieur Giraud um eine Unterredung bitten ...«

»Wer ist das, Monsieur Giraud?«

»Wie, Sie kennen ihn nicht?«

»Sie meinen den Franzosen? Ach so, den kenne ich! Mir gegenüber nennt er sich natürlich anders, das tun die Herren hier alle.«

»Enthalten Sie sich derartiger Freiheiten,« sagte Reihenfels trocken und machte sich unsanft von dem Arm los, der ihn umschlungen hielt. »Ich kam nicht hierher, um mit Ihnen zu tändeln.«

Das Mädchen blickte ihn erstaunt an.

»Aber wozu denn sonst?«

»Hat Ihnen Monsieur Giraud nicht gesagt, aus welchem Grunde ich Sie sprechen wollte?«

»Allerdings.«

»Nun?«

»Sie wollten mit mir über – über – wie hießen doch gleich die Leute?«

»Fakire,« entgegnete Reihenfels und stand unwillig auf. »Ich sehe, man hat mir eine Falle gestellt. Sie sind nicht einmal eine Indierin, sonst müßten Sie wenigstens den Namen der Fakire kennen.«

»Hahaha!« lachte das Mädchen. »Wollen Sie denn durchaus eine Indierin haben? Nehmen Sie doch mit einer Malteserin fürlieb, ich bin eine. Die Frage nach den Fakiren war ja nur ein Vorwand, um meine Bekanntschaft anzuknüpfen.«

Reihenfels erkannte jetzt, welches Spiel man mit ihm treiben wollte. Er war außer sich vor Zorn.

»Öffnen Sie die Tür! Sofort!« rief er mit starker Stimme.

»Sie sind jetzt mein Gefangener,« lachte das Mädchen, »Sie können mir nicht entfliehen.«

»Sie betrachtete die Sache scherzhaft, sprang auf den an der Tür stehenden jungen Mann zu, umschlang und küßte ihn. Er konnte sich von der Angreiferin nicht befreien, so fest hielt sie ihn unter Lachen umklammert, es entstand ein förmlicher Ringkampf, denn Mirzi, an derartige Szenen schon gewöhnt, glaubte, einen Mann vor sich zu haben, der auf galante Abenteuer ausging.

Sie drückte Reihenfels auf das Sofa nieder. Die Gazegewänder wurden dabei zerrissen und verschoben, aber sie klammerte noch immer die Arme um seinen Hals.

»Ich bin Potiphars Weib,« rief sie lachend, »doch du kannst nicht fliehen wie Joseph. Du bist mein Gefangener.«

»Weib, du zwingst mich, Gewalt anzuwenden!« keuchte Reihenfels, ihre Arme pressend.

»Öffne die Tür, oder ich erwürge dich!«

Sie schrie laut auf; Reihenfels hatte ihr wehe getan. Da klopfte es an die Tür, sie gab ihn frei und richtete sich auf.

»Geöffnet, im Namen des Gesetzes!« rief es draußen.

»O weh, Polizei!« murmelte Mirzi, und eilte, ohne erst ihre Kleidung zu ordnen, nach der Tür. Reihenfels war vor Schrecken so gelähmt, daß er seine Absicht, das Mädchen zurückzuhalten, nicht ausführen konnte.

Blitzähnlich schossen ihm die Gedanken durch den Kopf – Polizei, diese Situation, das Mädchen, eine Verhaftung, die Skandalblätter, seine Eltern – und schließlich auch Bega.

Doch er war ja unschuldig! In der Tür stand ein vollbärtiger Herr, musterte ihn und untersuchte das Gemach.

»Ich bin getäuscht worden,« sagte er dann zu dem englischen Detektiven. »In Zimmer Nummer 14 ist der Gesuchte nicht, vielleicht in einem anderen?«

»Sie find jetzt alle leer, ihre Besucher stehen ohne Ausnahme hier. Finden Sie ihn darunter?«

»Nein. Entschuldigen Sie, daß ich Sie umsonst bemüht habe; übrigens ist Ihnen dadurch Gelegenheit geboten worden, Übertreter der Landesgesetze zu finden.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden dafür,« sagte der Detektiv ironisch. Er konnte seinen Ärger kaum verbeißen. »Wer machte Ihnen überhaupt die Mitteilung, daß Sie den Einbrecher hier finden würden?«

»Ein englischer Geheimpolizist namens Stores. Kennen Sie ihn?«

»Nein, wer sollte auch diese Leute alle kennen! Hat er sich Ihnen als Polizist legitimiert?«

»Ja.«

»Viele Strolche, welche selbst zur Verbrecherwelt gehören, besitzen Legitimationsmarken.«

»Möglich, daß man mich getäuscht hat,« entgegnete Schönfeld achselzuckend. »Was machte das aber weiter? Eine Zeitversäumnis von einer Stunde, sonst nichts.«

Er grüßte und verließ den Saal, es wurden ihm böse Blicke nachgesandt Der Detektiv trat jetzt auf Reihenfels zu, der sich wieder gesammelt hatte.

»Ihr Name?«

»Ich weiß nicht, wieso Sie ...«

»Ihren Namen will ich wissen!« unterbrach ihn der Detektiv barsch. »Ich stehe hier als Vertreter des Gesetzes.«

»Oskar Reihenfels. Man hat mich ...«

»Schweigen Sie, bis ich Sie frage!« unterbrach ihn der Detektiv abermals. »Sind Sie Engländer?«

»Ja.«

»Kein Deutscher?«

»Nein.«

»Aber der Sohn eines solchen?«

»Ja« »Sie sind verhaftet.«

Reihenfels prallte zurück.

»Aus welchem Grunde?« stieß er schnell hervor. »Ich habe nichts Unrechtes getan, ich wollte »nur dies Mädchen, welches sich als Indierin ausgab über Fakire fragen.«

Ein teuflisches Hohngelächter erfüllte den Saal.

»Ich wollte mein Mädchen nur fragen, ob sie wirklich eine Indierin sei,« lachte ein Herr.

»Und mir sollte sie ein Küchenrezept mitteilen,« ein zweiter.

»Und mir einen Knopf annähen,« ein dritter.

»Detektiv, nehmen Sie den Verhaftungsbefehl zurück, ich bin unschuldig wie ein neugeborenes Kind!«

»Sie sind verhaftet!« wiederholte der Detektiv zu Reihenfels gewendet, als sich der Lärm gelegt hatte.

»Warum? Ich habe nichts begangen.«

»Ich habe nicht nötig, Ihnen den Grund anzugeben. Folgen Sie mir!«

»Ich lasse mich nicht von hier fortführen, erfahre ich nicht den Grund der Verhaftung.«

»Sie wissen ihn nicht?« lächelte der Detektiv höhnisch. »Seltsam! Nun denn; ich verhafte sie wegen Unzucht in einem öffentlichen Haus – Sie und Ihr Mädchen.«

»Das ist eine schamlose Verleumdung!« brauste Reihenfels auf. »Dieses Mädchen ist Zeuge.«

»Ich konnte mich seiner kaum erwehren, so toll war er,« log Mirzi frech.

»Dirne!« schrie Reihenfels und wollte sich auf sie werfen, doch der Detektiv vertrat ihm den Weg.

»Können Sie einen Wagen bezahlen?« fragte der Beamte ihn.

Er bejahte.

»All right, Sie dürfen ihn benutzen, jedoch nur unter meiner Begleitung, und wenn Sie versprechen, keinen Fluchtversuch zu machen.«

»Ich denke nicht daran,« entgegnete Reihenfels bitter.

»Ich hoffe, sie bezahlen auch mir einen Wagen,« wandte sich Mirzi an ihn.

Reihenfels wandte ihr verächtlich den Rücken.

»Der Deutsche ist kein Gentleman, vielleicht hat er auch kein Geld,« sagte ein Herr. »Ich nehme dich unter meinen Schutz, Mirzi.«

Man bestieg die Wagen; in langer Reihe rollten diese der Polizeistation zu, wo der Fall schon bekannt war. Ein höherer Gerichtsbeamter, wie auch die benachrichtigten Freunde der Herren, erwarteten die verhaftete Gesellschaft.

Der Detektiv sprach mit dem Beamten abseits, dann wurden die Namen festgestellt und die Bürgschaften angenommen, wobei keine Schwierigkeiten vorkamen.

Der letzte war Reihenfels; über ihn hatte der Detektiv längere Zeit mit dem Stationschef gesprochen.

»Sie haben sich bei der Verhaftung verdächtig benommen. Ich verlange von Ihnen die doppelte Bürgschaft – 100 Pfund.«

»Ich kann diese Summe nicht aufbringen.«

»Tut mir leid, dann muß ich Sie bis zur Verhandlung in Haft behalten.«

»Wann findet dieselbe statt?«

»Weiß nicht. Vielleicht schon morgen, vielleicht erst in einigen Wochen. Will einer der Herren für diesen Gentleman bürgen?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Ich selbst würde die Bürgschaft gern für Sie übernehmen,« fuhr der Chef, ein freundlicher Mann fort, »aber als Beamter darf ich es nicht. Das einzige, was ich für Sie tun kann, ist, daß ich Ihre Familie benachrichtige.«

Reihenfels war der Verzweiflung nahe.

»Wie lautet die Anklage gegen mich?« fragte er leise.

»Unzucht in einem öffentlichen Lokal. Überall sah Reihenfels nur die ernsten Gesichter der Beamten und die höhnischen der Herren und Mädchen.

»Geben Sie mir die Adresse Ihres Vaters,« sagte der Beamte, »und ich werde ihm den Sachverhalt dienstlich depeschieren. Mehr kann ich nicht tun. Sie sind vielleicht schon in einer Stunde frei.«

Nach einigem Zögern nahm Oskar das Anerbieten dankend an, obgleich er nicht glaubte, daß sein Vater die genannte Summe, für ihn ein Kapital, gleich aufbringen könnte, wenn er es überhaupt zu tun beabsichtigte. Was würde wohl der sittenstrenge Mann von ihm denken? Oskar wurde in eine Untersuchungszelle abgeführt, und dort wanderte er, in trübe Gedanken versunken, auf und ab. Es war das erstemal, daß er mit dem Gericht zu tun bekam, und noch dazu in solch ekelhafter Angelegenheit.

Mit Schrecken gedachte er der Worte des Franzosen, wie die Skandalzeitungen sich mit Wonne mit jeder anrüchigen Sache beschäftigten; er selbst hatte nur einmal eine derartige Gerichtsverhandlung gelesen und das Blatt mit Ekel aus der Hand gelegt, mit solch zynischer Offenheit war alles breitgetreten worden.

Doch er war ja unschuldig, das mußte an den Tag kommen.

Aber das Verhör, die Untersuchung, die Aufnahme des Tatbestandes! Diese durften die Blätter veröffentlichen, selbst seinen vollen Namen. Um Gottes willen, wenn Bega davon erfuhr! Und sie mußte es, er selbst fühlte sich förmlich verpflichtet, ihr alles zu erzählen, sonst konnte ein furchtbarer Verdacht auf ihn fallen.

Ha, dieser Franzose, dieser Schurke! Er hatte ihn mit Absicht in eine solche Situation gebracht. Warum nur? Oskar blieb plötzlich stehen.

Sollte Monsieur Francoeur hier seine Hand im Spiele haben? Er betrachtete Oskars Liebschaft mit Bega mit scheelen Augen; sie selbst hatte es ihm gesagt. Dem Willen des Mädchens gegenüber war er machtlos. Sollte Francoeur zu einer Intrige gegriffen haben, um Oskar in den Augen der Geliebten verächtlich zu machen? Ja, so war es. Er glaubte fest daran. Nun, er wollte die Schlinge, in die er geraten, schon zerreißen.

Von diesem Entschluß getröstet, wollte er die Matratze aufsuchen, als seine Zelle geöffnet und er in das Bureau vor den wachthabenden Polizeioffizier geführt wurde.

»Sie sind aus der Untersuchungshaft bis auf weiteres entlassen, Mister Reihenfels,« sagte dieser. »Ich bitte um Ihre Adresse!«

»Hat mein Vater die Bürgschaft gestellt?« fragte Reihenfels erstaunt nach Nennung seines Hotels.

»Ich weiß nichts davon, aber es ist anzunehmen. Ihr Verhör wird übrigens schon morgen nachmittag stattfinden. Sie werden die Vorladung morgen früh nach Ihrem Hotel geschickt erhalten. Gute Nacht!«

Reihenfels war entlassen. Am anderen Morgen sah er mit bangem Herzen den Vater in sein Zimmer treten.

»Auf die Depesche des Polizeichefs bin ich sofort von Oxford abgereist,« sagte dieser kurz, »und habe mit ihm bereits gesprochen. Fertige dich mit dem Gericht ab, so gut du kannst; jetzt verantworte dich vor mir! Erzähle offen!«

Oskar berichtete die Wahrheit.

»Du verheimlichst mir nichts?«

»Auf mein Ehrenwort, nein!«

»Dann hast du von mir und deiner Mutter keinen Vorwurf zu erwarten, selbst wenn deine Aussagen vor Gericht keinen Glauben finden sollten und du verurteilt würdest. Meiner Ansicht nach hast du sogar richtig gehandelt. Ich halte nun einmal nicht viel von einem jungen Manne in deinem Alter, der sich schon wie ein gewandter Weltmann zu bewegen und allen ihm gestellten Schlingen auszuweichen weiß. Du kennst das englische Gerichtswesen; sage die Wahrheit, aber beteure nie deine Unschuld, sonst verbietet der Richter dir das Wort; denn nach den englischen Gesetzen muß nicht die Unschuld, sondern die Schuld des Angeklagten bewiesen werden. Dein Verteidiger verlangt nur die Beweise deiner Schuld; können die nicht gebracht werden, so bist du frei. Du scheinst das Opfer einer Intrige geworden zu sein; aus welchem Grunde wohl?«

Oskar teilte dem Vater seinen Verdacht betreffs Francoeurs mit.

»Von dem Verhältnis habe ich ja noch gar nichts erfahren!«

»Ich wollte es dir mitteilen; deshalb kam ich nach London, aber die letzten Ereignisse ließen es nicht zu. Die Mutter weiß davon.«

»Nun gut! Ich werde mich über die französische Familie und Bega erkundigen. Du liebst also das Mädchen?«

»Ich würde nicht von ihr lassen.«

»Ich werde deiner Neigung nichts in den Weg legen. Nur handelt es sich darum, ob du deinen Verdacht auch dem Gerichtshof mitteilen willst.«

»Auf alle Fälle!«

»Hast du dir das reiflich überlegt?«

»Es steht zu vermuten, daß jener angebliche Monsieur Giraud nicht vor Gericht erscheinen wird, um meine Aussagen zu bezeugen. Nach allem Vorangegangenen wäre das seiner Absicht, mich zu verdächtigen, entgegen. Meine letzte Hoffnung beruht somit auf einer Befragung des Monsieurs Francoeur.«

»Auch dein Verhältnis zu Bega käme an die Öffentlichkeit.«

»Was schadet das?«

Der Vater zog ein rotes Zeitungsblatt aus der Tasche, reichte es Oskar und deutete auf eine Stelle.

Oskar erbleichte erst, dann bedeckte sich sein Gesicht mit Zornesröte. Er las die Verhaftung in Olympia, alle Details und Namen waren angegeben, Zuletzt sein eigener, in welcher Situation man ihn gefunden, was er gesagt und so weiter.

»Das ist eine schändliche Gemeinheit!« brachte er endlich hervor, das Blatt in den Händen zerknitternd. »Das werde ich nicht auf mir sitzen lassen!«

»Lieber Oskar,« entgegnete der Vater ruhig, »es sind schon andere Männer, als du, während ihres Lebens verleumdet, geschmäht und verhöhnt worden, und nach ihrem Tode hat man sie in den Himmel gehoben. Spricht dich dein Gewissen frei, so laß die Leute reden, was sie wollen, und vor allen Dingen diese Zeitungen. Auch mein Name, als der deines Vaters, steht darin – das läßt mich gleichgültig. Nach deinem Verhör werden noch ganz andere pikante Sachen von dir veröffentlicht werden, und du kannst gegen die Redaktion nichts, gar nichts machen, denn sie bringt nur das, was im offenen Gerichtssaale verhandelt wird. Mir und dir soll das also gleichgültig sein; aber nicht alle Leute denken so frei. Würde es dir angenehm sein, wenn der Name deiner Braut, vielleicht gar ihr Bild, in diesen Blättern stände, und wie würde Bega selbst darüber denken?«

»Du hast recht,« murmelte Oskar. »Nein, ich werde ihren Namen nicht in den Schmutz ziehen lassen, und sollte ich, wegen meines Schweigens auch verurteilt werden.«

»Du wirst freigesprochen werden. Zwar bin ich kein Justizbeamter, aber ich kenne das englische Recht und den Gang der Verhandlung genau. Erscheint Giraud nicht, und macht das Mädchen – dessen Aussagen aber wenig gelten – dich belastende Aussagen, so spricht dich der vollkommen unparteiische Richter schuldig. Dein Verteidiger beantragt darauf Untersuchung deines Vorlebens, und die Geschworenen sprechen dich frei – wegen Mangels an Beweis.«

»Wegen Mangels an Beweis! Wie das klingt!« sagte Oskar bitter.

»Laß dir daran genügen. Mir liegt viel daran, daß du die Sache sobald wie möglich hinter dir hast. Nur wenn du schuldig befunden wirft, nehmen wir einen Rechtsanwalt. Aber bedenke, daß der unbekannteste Solicitor Der Rechtsanwalt, englisch Solicitor, trägt im Gerichtssaal wie die Richter eine Perücke nach altherkömmlichem Brauch. Englands seine Perücke nicht unter 20 Pfund Sterling aufsetzt. Diese Kosten würde ich dir eventuell von deinem Gehalt abziehen.«

»Von meinem Gehalt?« fragte Oskar erstaunt.

Der Vater begann mit auf dem Rücken verschränkten Händen im Zimmer auf und ab zu gehen und sein sonst so ernstes Gesicht wurde von einem freudigen Lächeln verklärt.

»Ja, Oskar, von deinem Gehalt. Du bist von jetzt ab nicht mehr der unbekannte Hauslehrer, sondern mein Mitarbeiter und ein Mann, auf dessen Erfolge die wissenschaftliche Welt mit der größten Spannung wartet. Ich werde von einer Oxforder Gesellschaft, die sich die Erforschung Indiens zur Aufgabe macht, dorthin geschickt, um mich mit dem Leben und den Gewohnheiten der Gaukler und Fakire zu beschäftigen. Ich darf mir einen Mitarbeiter wählen, und meine Wahl ist auf dich gefallen, weil ich dich für befähigt dazu halte. Heute, reise ich noch einmal nach Oxford, dann komme ich zurück und treffe Vorbereitungen, mit meiner Familie nach Bombay überzusiedeln. Du begleitest mich sofort; mache deine gerichtliche Sache also kurz ab, löse deine Verbindlichkeiten und halte dich bereit. Nun, freust du dich nicht? Es wird dir Gelegenheit geboten, dich um die Wissenschaft verdient und dir einen Namen zu machen. Ach so, du denkst an Bega!«

»Es gilt eine Trennung!« murmelte Oskar.

»Sie schadet nichts. Was würde Bega denken, wenn sie diese Zeitung lesen würde?«

Oskar richtete sich hoch auf.

»Ich werde mit ihr sprechen, wenn das Urteil gefällt ist. Und zweifelt sie an meinen Worten, so zweifelt sie auch an meinem Charakter. Was ich dann tun würde, weißt du.«

»Du würdest mit ihr brechen?«

»Ich würde sie vergessen.«

»Recht so! Es ist ein Prüfstein, an dem du Begas Liebe zu dir erkennen kannst. Tu, wie du gesagt hast. Natürlich begleitest du mich auf jeden Fall nach Indien.«

»Ja. Entweder werde ich dort mit freudigem Herzen arbeiten, im Heimatlande Begas, immer in den Gedanken, daß der Verdienst für meine Bemühungen ihr gilt, oder ich werde in strenger Arbeit meinen Schmerz zu vergessen suchen.«

»Lebe wohl, Oskar,« sagte der Vater weich, dem Sohne die Hand gebend. »Ich wünsche dir Glück oder vielmehr Gerechtigkeit, und sollte sie dir nicht werden, so verzage nicht – du findest sie in Liebe bei mir und den Deinen.« – Am Nachmittag fand das Verhör statt und nahm lange Zeit in Anspruch. Mirzi erzählte der Wahrheit gemäß ihren in Gegenwart des Detektivs gemachten Ausruf zugunsten des Angeklagten auslegend. Monsieur Giraud habe ihr gesagt, ein reicher Deutscher wolle ihre Bekanntschaft machen, und sie sei darauf eingegangen. Reihenfels wunderte sich nicht wenig, als sie sogar eine Visitenkarte von ihm zeigte.

Monsieur Giraud konnte nicht aufgefunden werden, weder jetzt noch später, und Reihenfels allerdings verweigerte jede Auskunft darüber, weshalb der Betrüger ihn nach Olympia gelockt habe.

Das Urteil wurde einige Tage verschoben.

Reihenfels verbrachte diese Zeit in gedrückter Stimmung in seinem Hotel; mit Entsetzen und Zorn las er den Zeitungsrapport; durch die verfänglichen Fragen der Richter, zum Beispiel, wie oft er schon mit Mirzi verkehrt habe, wo er den Schmuck gekauft habe, den er ihr geschenkt, und so weiter, alles Fragen, mit denen die englischen Richter den Angeklagten in Verlegenheit bringen wollten, schien es, als ob Oskar der verworfenste Wüstling Londons sei. Am niederträchtigsten war es, daß die Zeitungen selbst sein wohlgetroffenes Porträt brachten.

Nachdem die übrigen Angeklagten, Herren und Mädchen, ohne Widerspruch zu Geldstrafen verurteilt waren, sprach der Richter auch über Reihenfels ein schuldig, was von den Geschworenen nicht anerkannt wurde. Jetzt erst durfte man – um vorher den Richter nicht zu beeinflussen – die unterdes eingezogenen Erkundigungen über das Vorleben des Angeklagten veröffentlichen; es war tadellos, und Reihenfels wurde einstimmig von der Schuld, in einem öffentlichen Etablissement Unzucht getrieben zu haben, freigesprochen, weil nicht zu beweisen war, daß er Monsieur Giraud aufgefordert hatte, ihm mit Mirzi eine Zusammenkunft zu diesem Zweck zu verschaffen.

Die Zeitungen brachten wieder getreulich alles, vergaßen aber nicht hinzuzusetzen: freigesprochen wegen Mangels an Beweisen.

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