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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 22
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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22. Ein leeres Grab

Der Detektiv holte auf der Landstraße Reihenfels ein, den er gut kannte, und zügelte sein Pferd.

»Wohin, Mister Reihenfels?«

»Nach Wanstead zum Bahnhof und von da nach London. Ich habe die Absicht, einige Tage bei meinen Eltern zu verbringen, die Mutter sehnt sich nach mir.«

»Steigen Sie auf, ich fahre ebenfalls nach dem Westen Londons. Geht es auch nicht so schnell, wie mit der Eisenbahn, so ist eine Fahrt im offenen Wagen doch angenehmer.«

Reihenfels nahm dankend auf dem Rücksitz Platz.

»Wie geht's daheim?« fragte Wilkens.

»Danke, gut! Meine Geschwister sorgen dafür, daß die Eltern nicht auf trübe Gedanken kommen.«

»Nichts wieder vom Großvater gehört?«

»Nein. Er soll ein menschenfeindlicher Sonderling geworden sein, der sich stetig im Auslande befindet.«

»Die Reiselust scheint bei Ihnen im Blute zu liegen. Auch Ihr Wunsch von klein auf war immer zu reisen und fremde Länder kennen zu lernen.«

»Jetzt ist das ein überwundener Standpunkt!« rief Reihenfels so fröhlich, daß sich der Detektiv umwendete und ihn lächelnd ansah.

»Was ist Ihnen denn passiert? Sie strahlen ja förmlich vor Glückseligkeit!«

»Finden Sie das wirklich?«

»Ich kenne Sie sonst nur mit einem ernsten Gesicht, und jetzt ist es eitel Sonnenschein.

Wissen Sie, wie Sie aussehen?«

»Nun?«

»Wie ein Verliebter, der eben von seiner Braut kommt.«

»Und wenn Sie sich nicht täuschten?«

»Dann weiß ich, daß Sie, ehe Sie sich auf den Weg nach London machten, von Miß Bega ein Lebewohl nahmen, als gelte es nicht eine Reise von zwei Tagen, sondern eine solche um die ganze Erde.«

Lachend hieb Wilkens auf das Pferd, daß es in eine noch raschere Gangart fiel.

Reihenfels war nicht darüber erstaunt, daß der Detektiv von seiner Liebschaft wußte.

»Ja, es ist so. Ach, Mister Wilkens, ich möchte dort die Lerche sein und gleich ihr jubilierend in den Äther steigen. Also auch Sie haben schon davon erfahren!«

»Schieben Sie dies nicht meiner Neugier zu. Ich bin gezwungen, über das Haus Sir Carters zu wachen!«

»Die arme Frau!« seufzte Reihenfels. »Jetzt wird sie vor dem Bilde ihres Mannes liegen und in namenlosem Schmerze jammern, aus Liebe zu ihm, während ich aus Liebe zu Bega jauchzen möchte. Wie liegen doch in der Welt Freud und Leid so dicht nebeneinander!«

»Sie haben recht. Oft wird uns aber auch ein falsches Gesicht gezeigt. Wir glauben, es vergehe jemand vor Kummer, während er im Innern triumphiert; ein anderer lacht, und dabei ist sein Herz mit Haß erfüllt. Meine Pflicht führt mich eben vor einen entsetzlichen Fall von menschlicher Heuchelei und tierischer Brutalität.«

»Sie haben einen Verbrecher zu verhaften?«

»Nein, ich muß die Ausgrabung eines Selbstmörders leiten. Vor etwa vier Wochen wurde dieser Mann in seinem Schlafzimmer erhängt aufgefunden. Kein Grund war vorhanden, warum er sich selbst getötet hatte; die Nachbarn und Freunde bezeichneten ihn als einen stillen, aber heiteren und fleißigen Menschen, der mit seiner noch jungen Frau im besten Einvernehmen lebte, und sie war über seinen Tod außer sich. Sie ließ es sich nicht nehmen, den Toten zum Grabe zu begleiten, was doch in England in ähnlichen Fällen selten vorkommt. Da begann der Schleier zu fallen, und er enthüllte Entsetzliches. Die Frau war eine Buhlerin, sie betrog den Mann und verkehrte heimlich mit einem anderen. Aus Worten des Geliebten, als dieser betrunken war, entnimmt man, daß beide den Mann erst vergiftet und dann aufgehängt haben, um den Verdacht des Mordes von sich abzulenken. Die Leiche wird ausgegraben und seziert, ohne daß die beiden davon wissen; durch eine plötzliche Anklage sollen Sie dann der Schuld überführt werden.«

»Entsetzlich!« hauchte Reihenfels.

Der schöne Tag erschien ihm nicht mehr in so sonnigem Glanze wie vorhin; die Erzählung des Detektivs hatte einen zu düsteren Schatten geworfen. Doch nach und nach tauchte wieder das Antlitz Begas vor Oskars geistigen Augen auf; in süße Träume versunken, lehnte er sich zurück, und als nach einer Stunde schneller Fahrt der Wagen vor einem mächtigen, ehrwürdig aussehenden Gebäude hielt, wollte der junge Mann kaum glauben, daß dies schon das britische Museum sei.

»Grüßen Sie Ihre Eltern von mir,« sagte Wilkens, ihm die Hand reichend. »Good-bye, Mister Reihenfels!«

Der Detektiv fuhr nach der nächsten großen Polizeistation, gab den Wagen ab und ließ sich dem Chef melden, der ihm ein eben eingelaufenes Schreiben einhändigte. Dasselbe gab dem Detektiven die Vollmacht, das Grab öffnen zu lassen. Die Gräber der Selbstmörder führen keinen Namen, sondern nur Nummern, doch kann man den Namen aus einem besonderen Buch erfahren.

Wilkens versah sich mit allem, um den ans Tageslicht gehobenen Sarg sofort versiegeln zu können, und wartete auf den Polizeiarzt, der ihn begleiten mußte. Als dieser gekommen, verließen beide die Station und begaben sich nach dem nicht weit entfernten Friedhof der Selbstmörder.

Der Totengräber empfing die Beamten respektvoll und wurde von ihrem Vorhaben in Kenntnis gesetzt.

»Wann ist der Mann begraben worden?« fragte er.

»Vor etwa vier Wochen; hier ist meine Vollmacht und die Nummer des Grabes!«

Der Mann entfaltete das Schreiben, las es und schüttelte den Kopf.

»B 266,« las er laut, schüttelte wieder den Kopf und deutete mit dem Finger auf den Buchstaben.

»Das soll wohl ein R, aber kein B sein,« sagte er lächelnd zu Wilkens.

Der Detektiv beugte sich herab.

»Nein, das ist unverkennbar ein B. Doktor, für was halten Sie das?«

»Natürlich, für ein B!« entgegnete der Polizeiarzt. »Dann ist das ein Versehen!« sagte der Totengräber. »Jeder Buchstabe enthält tausend Nummern, die unter B sind also schon vor vielen, vielen Jahren begraben worden.«

»Fatal!« meinten Wilkens und der Arzt zugleich.

»Wann sind die unter B beerdigt worden?« fragte letzterer.

»Fünfzehn bis achtzehn Jahre mögen vergangen sein.«

»Was sollen wir tun?« wandte sich der Doktor an Wilkens.

»Es muß ein neuer Befehl ausgefertigt werden!«

»Wie lange dauert das?«

»Einige Tage!«

Der Detektiv nahm das Schreiben wieder vor.

»Ja, es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als nach der Polizeistation zurückzugehen und die Sache zu erklären. He, Totengräber, Sie haben ja die Register! Sehen Sie doch einmal nach, ob R 266 richtig ist.«

Der Mann willfahrte dem Wunsche. Er schloß einen Schrank auf, entnahm ihm einen noch ziemlich neuen Band und schlug die Nummer auf.

»Hier, R 266, John Frederik Kingston.«

»Das ist der Name des Selbstmörders, den wir ausgraben lassen sollen. Nun schlagen Sie doch einmal B 266 auf!«

Der Totengräber brachte ein altes, abgegriffenes Buch mit vergilbten Blättern zum Vorschein. Die Nummer hatte er bald gefunden, konnte aber den Namen nicht lesen.

»Das ist ja ein vertrackter Name, Si – Sin –« Der Detektiv trat heran und las mit wachsendem Erstaunen laut vor: »Sinkolin, genannt Timur, indischer Gaukler, seinerzeit auftretend in der Alhambra. Des Kindesraubes verdächtigt, tötete er sich im Untersuchungsgefängnis durch Verschlucken der Zunge.«

»Das ist ja der Mann, der in der Sache Sir Carter eine Rolle spielte!« rief der Arzt. »Gerade jetzt wird die Erinnerung an ihn durch die Auffindung der Leiche des Unglücklichen wieder wachgerufen.«

Der Detektiv klappte das Buch zu, ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, blieb stehen, las das Schreiben der Behörde, räusperte sich und setzte den Weg wieder fort.

»Wir wollen zurückgehen und den Irrtum anzeigen,« sagte der Arzt zu ihm.

Wilkens stellte sich vor ihn.

»Woher wußten Sie denn, daß es ein Irrtum ist?«

»Der Totengräber sagt es ja!« entgegnete der Arzt erstaunt.

»Er weiß gar nichts. Nur durch unsere ganz unnötigen Fragen kam er auf die Vermutung.

Wir hatten gar nichts in den Büchern zu suchen, sondern uns nur strikt an die Vorschrift zu halten.«

»Mister Wilkens, es scheint fast, als hätten Sie die Absicht, das Grab B 266 öffnen zu lassen?«

»Allerdings!«

»Ich aber gehe nach der Polizeistation und kläre dort den Irrtum auf. Mir die Leiche des alten Gauklers anzusehen, habe ich keine Lust!« rief der Arzt ungeduldig.

»Meinetwegen. Die gestempelte Vollmacht ist in meinen Händen, nicht einmal der Chef der Station darf den Befehl eigenmächtig aufheben. Totengräber,« wandte sich der Detektiv an diesen, »ich verlange von Ihnen im Namen Ihrer Majestät die Öffnung des Grabes B 266!«

»Wie Sie befehlen!«

»Rufen Sie Ihre Leute!«

Der Mann verließ das Zimmer.

»Doktor, ich bitte Sie, wohnen auch Sie der Öffnung des Grabes des Gauklers bei,« sagte Mister Wilkens. »Vielleicht erfahren wir etwas äußerst Interessantes.«

»Sie machen mich neugierig!«

»Ich will meine Vermutung jetzt noch für mich behalten. Wollen Sie bleiben? Wir begehen keine Pflichtverletzung; im Gegenteil, wir handeln streng nach unserer Vorschrift!«

»Wenn Sie es durchaus wünschen, gut, ich bleibe!« lachte der Arzt. »Ich bin ja auch gespannt. Vielleicht finden wir eine Mumie statt eines Gerippes!«

»Meine Gehilfen sind zur Stelle!« meldete der eintretende Totengräber.

»Einen Augenblick noch! Rufen Sie einen Ihrer Leute herein, ich möchte ihn einen kurzen Weg schicken. Wollen Sie mir Tinte und Feder geben!«

Wilkens schrieb einen kurzen Brief.

»Gehen Sie nach dem britischen Museum,« sagte er zu dem Arbeiter, »nach der indischen Abteilung, und fragen Sie nach Mister Reihenfels. Sein Name steht auf dem Kuvert. Geben Sie ihm den Brief; Antwort ist nicht nötig. In zehn Minuten können Sie zurück sein.«

Der Arbeiter ging, und die übrigen begaben sich unter Führung des Totengräbers nach einem verlassenen Teile des Friedhofes.

Kleine, nackte Erdhügel deuteten an, daß hier Menschen die ewige Ruhe gefunden hatten, nur blecherne Schilder mit weißgemalten Nummern steckten darauf, sonst nichts – kein Stein, kein Kranz, keine Blume.

»Wieviel sind in jedem Grabe beerdigt?« fragte Wilkens den Totengräber.

»Hier liegt nur einer in jedem Grabe. Später wurden sie zu viert beigesetzt, jetzt finden gleich Massenbegräbnisse statt. London wächst, und die Zahl der Selbstmörder auch.«

Er hielt vor dem Erdhügel, die Arbeiter faßten die Hacken.

»Grab B 266!«

»Hier also soll der Gaukler Timur liegen?« sagte der Detektiv. »Los denn, Leute, tut eure Pflicht!«

Die Hacken lockerten das Erdreich auf, dann begannen die Arbeiter zu schaufeln.

»Wie tief liegt der Sarg?«

»Nur zwei Meter. In einer Stunde sind wir unten.«

Das Loch war noch nicht tief, als drei Männer ankamen – der abgeschickte Arbeiter, der alte Reihenfels und sein Sohn Oskar.

Der Vater war sehr erregt.

»Mister Wilkens, Sie lassen das Grab Timurs öffnen?« rief er schon von weitem.

»Ja.«

»Doch nicht auf meine Veranlassung?«

»Ich habe die Order dazu!«

»Auch nicht auf meine frühere Behauptung hin?«

»Nein. Es liegt eine Verwechslung vor, durch einen Schreibfehler hervorgerufen.«

Er erklärte, warum er das Grab Timurs öffnen lassen durfte.

Der Gelehrte seufzte tief auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Dieser Weg wird mich meine Stellung kosten. Ich befand mich mit meinem Sohne in den Sälen, als jener Mann mir Ihren Brief brachte. Ich wurde natürlich furchtbar erregt, als ich las, Timurs Sarg sollte ausgegraben werden. Erst bat ich meinen nächsten Vorgesetzten, mich für einige Stunden zu beurlauben – er schlug es rund ab. Dann ging ich zum Direktor und bat ihn um dasselbe – er erklärte mir in kurzen Worten, Privatgeschäfte sollte ich in meiner Freizeit erledigen. Dennoch ging ich, ich konnte nicht anders. Ich nahm meinen Sohn mit und eilte so schnell hierher, daß ich den Boten noch einholte. Ich glaube, ich habe eine große Torheit begangen!«

Auch Oskar befand sich in gedrückter Stimmung. Er hatte seinen Eltern sein Verhältnis zu Bega mitteilen wollen und sich in der rosigsten Stimmung befunden, als der Bote eingetroffen war. Er kannte die Ansicht des Vaters, glaubte aber nicht daran. Allem Anschein nach hatte dieser einen verhängnisvollen Schritt getan. Der Direktor des Museums würde die eigenmächtige Entfernung ganz sicher mit sofortiger Entlassung bestrafen.

Die Männer standen um die immer tiefer werdende Grube herum, bald mußte der Sargdeckel zum Vorschein kommen. Der alte Reihenfels zitterte vor Aufregung.

Jetzt stieß die Hacke auf Holz.

»Das sind die Stützen,« sagte der Totengräber, »legt sie bloß und werft sie heraus!«

»Sie haben sich arg verschoben,« meinte unten ein Arbeiter, »sie liegen alle auf einer Seite.«

»Das Grab ist eilig gemacht worden!«

Der alte Reihenfels war schon bei diesen Worten wie freudig aufgefahren.. Wilkens blickte nur auf ihn, nicht in das Grab.

Der Sargdeckel erschien; er war noch gut erhalten. Man ersparte sich das vollständige Ausgraben, machte nur hüben und drüben tiefe Löcher, schob Stricke unter den Kasten; die Arbeiter sprangen aus der Grube und zogen den Sarg empor.

»Donnerwetter, ist der Kerl aber leicht!« rief einer.

Die Herren umdrängten den Kasten.

»Wollen Sie nicht das Siegel anlegen?« fragte der Arzt den Detektiven.

»Der Deckel sitzt ja nur leicht auf!« rief der Totengräber.

Da drängte sich der alte Reihenfels vor, packte die Bretter an und warf sie ohne Mühe ab.

Die Umstehenden prallten zurück und stießen Rufe der Überraschung aus – der Sarg war leer. Er enthielt nichts weiter als ein halbvermodertes Hemd, das zusammengerollt in einer Ecke lag.

Die Blicke des Detektiven und des alten Reihenfels begegneten sich.

»Was habe ich gesagt!« murmelte letzterer mit glänzenden Augen.

»Wunderbar! Sie haben recht!«

Reihenfels wühlte in den Lumpen und brachte eine bleierne Büchse zum Vorschein.

Schnell öffnete er sie; sie enthielt ein Stückchen Pergamentpapier mit Buchstaben bedeckt.

»In diesem Sarge wurde Timur Dhar, der König der Gaukler, begraben und lag darin zwölf Tage. Die Erde durfte ihn nicht behalten,« stand in englischer Sprache darauf. Es war ein Andenken an Timur Dhar.

Das Pergament wanderte von Hand zu Hand, überall maßloses Staunen hervorrufend, nur bei dem alten Reihenfels nicht. Er untersuchte noch den Sarg.

»Sein Leichnam ist gestohlen worden, wahrscheinlich von indischen Freunden, die ihn in heiliger Erde bestatten wollten!« unterbrach der Arzt zuerst das Schweigen.

»Timur Dhar ist nicht tot gewesen!« fuhr da Reihenfels auf. »Er ist lebendig begraben worden und hat sich von Freunden ausgraben lassen!«

»Das ist eine kühne Behauptung, Sir!«

Reihenfels beachtete diesen Einwurf nicht.

»Dort steht der Mann,« fuhr er fort, auf den Detektiven zeigend, »der bezeugen kann, daß ich schon vor sechzehn Jahren behauptet habe, es gäbe indische Fakire, welche sich lebendig begraben lassen und bis zu vier Wochen wie tot unter der Erde liegen können. Ich sprach auch damals schon die Vermutung aus, Timur Dhar, oder Timur könnte sich dieses Kunststücks bedienen, um der Justiz zu entgehen. Ist es nicht so, Mister Wilkens?«

Dieser mußte es bestätigen.

»Nicht nur ich, sondern auch andere wissen von der Behauptung des Mister Reihenfels,« sagte er, »da ich mit mehreren Gelehrten darüber gesprochen habe. Überall begegnete ich Unglauben oder verächtlichem Lachen, und ich selbst fand es sehr komisch, wie jemand annehmen könnte, ein Mensch wäre imstande, vier Wochen ohne Luft zu leben. Ich beginne fast zu glauben – es müßte allerdings erst bewiesen werden – daß Timur Dhar wirklich längere Zeit hier begraben gelegen hat und dann noch lebte.«

»Ich werde es beweisen!« rief Reihenfels mit starker Stimme. »Alle meine Kräfte werde ich von jetzt ab diesem Beweise widmen. Er soll nicht Timur Dhar gelten, es wird auch noch andere Fakire oder Gaukler geben, welche sich begraben lassen können; Sie behalten das Geheimnis nur für sich.«

Wilkens nahm ein Protokoll auf.

»Mister Reihenfels,« wandte er sich dann an den aufgeregten Gelehrten, »ich fühle zwar sonst keine Gabe in mir, in die Zukunft zu sehen, diesmal aber doch. Sie werden Ihre bisherige Stellung allerdings verlieren, doch ich kalkuliere, Sie werden eine andere ausfüllen, in der Sie Ihre Fähigkeiten besser verwerten können. Brauchen Sie Zeugen, welche Ihre vor fünfzehn Jahren gestellte Behauptung wiederholen – ich und noch viele andere stehen Ihnen zur Verfügung.« – – Lange Zeit hielt man es für ganz unmöglich, daß sich ein Mensch tief unter die Erde begraben lassen und da ohne Nahrung und ohne Zutritt von Luft liegen könnte. Man lachte und spottete darüber, man verhöhnte die, die solche Behauptungen aufstellten und jetzt sind sie als Tatsachen bewiesen.

Als die ersten Entdeckungen über den magnetischen Schlaf, die Hypnose, gemacht wurden, schilderte der phantastische, amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe in einer Erzählung, wie ein Sterbender hypnotisiert wird. Der Mann scheint tot zu sein und wird begraben; später wird er wieder aus der Erde geholt, man versucht ihn zu wecken, es gelingt, und nachdem erst stirbt er wirklich. Ob Poe wohl in die Zukunft blicken konnte? Es scheint fast so.

Das erwähnte Phantasiegebilde des jungen Dichters ist zur Wirklichkeit geworden; vielleicht ist manchem der Leser selbst Gelegenheit geboten gewesen, einen indischen Fakir sterben, begraben und auferstehen zu sehen. Die Wißbegier des unermüdlich forschenden Gelehrten, die Schaulust des Publikums und die Geldgier der Indier haben die Schranke niedergebrochen, durch welche eine religiöse Schwärmerei der Fakire jahrtausendelang in mystisches Dunkel gehüllt wurde.

Unlängst reisten zwei indische Fakire von Hauptstadt zu Hauptstadt. Eine Täuschung war ganz ausgeschlossen, denn das Publikum hatte Tag und Nacht Zutritt zu ihren Särgen und Begräbnisplätzen, und außerdem wurden sie noch von den bedeutendsten Ärzten unausgesetzt bewacht und jede ihrer Handlungen protokolliert.

Es sind dies der Fakir Bhim-jen-Praklay aus Lahore und der Poyal Krishma aus Kanpur.

Sie dürfen wohl niemals wieder nach Indien zurückkehren, wollten sie nicht ihr Leben in Gefahr bringen, denn sie haben das Geheimnis ihrer Kaste verraten; dafür erhält aber auch jeder von ihnen einen täglichen Gehalt von fünfhundert Mark – gewiß eine hübsche Summe, die sie sich durch schlafen verdienen.

Praklay schläft vierzehn Tage lang in einem Glassarge. Doch das Wort >Schlafen< ist schlecht gewählt, denn er atmet nicht, seine Brust hebt sich nicht im geringsten, und Herz- und Pulsschlag stocken. Das Publikum strömt Tag und Nacht an dem Glasssarge vorüber, und kann den Indier darin liegen sehen. Der andere Fakir, Krishma, läßt sich gar sieben Meter unter der Erde einscharren und bleibt da dreißig Tage lang liegen. Schon daß die Erweckung nur nach Aussprechen eines vorher ausgemachten Wortes erfolgen kann, läßt darauf schließen, daß eine Hypnose vorliegt, und die Fakire bestätigen dies durch ihre eigenen Aussagen. Das Stichwort allein genügt allerdings nicht, denn es werden dem zu Erweckenden heiße Brotkuchen auf den Scheitel gelegt, gleichzeitig die nach hinten zurückgeschlagene Zunge nach vorn gezogen, und weiter müssen die Wachspfropfen aus Ohren und Nase entfernt werden. Von Natur aus schon sehr willensstark, haben diese Männer eine Erziehung erhalten, welche nur darauf bedacht war, ihre Willenskraft auszubilden, und so weit haben sie es darin gebracht, daß sie sich selbst hypnotisieren können. Der wissenschaftliche Ausdruck dafür ist Autosuggestion. Wenn man aus dem Munde der Fakire hört, welche Übungen sie vornehmen mußten, um eine solche ungeheure Willenskraft zu erlangen, fühlt man ein kaltes Entsetzen über den Rücken rinnen. Wir werden später noch Gelegenheit haben, Einblick in das Leben dieser religiösen Fanatiker zu nehmen.

Diese Erklärungen sollten nur darlegen, daß das >Lebendigbegrabenwerden< der indischen Gaukler und Fakire kein Märchen ist, sondern auf Tatsachen beruht, ebenso, daß man jene Gauklerkunststücke, wie sie geschildert werden, in Indien und gelegentlich auch in Europa wirklich zu sehen bekommt.

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