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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 20
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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20. Der Trauring des toten Gatten

Mister Westerly ließ sich bei Lady Carter melden. Sein Gesicht hatte eben noch in triumphierender Freude gestrahlt, beim Eintritt in das Boudoir legte er es schnell in ernste Falten.

Dennoch entging der schönen Frau, welche im leichten Morgenanzug am Nähtisch saß, nicht der Glanz seines Auges.

»Bringen Sie gute Nachrichten aus London mit?« rief sie, eine einladende Handbewegung nach einem Stuhle machend. »Hat Eugen sich zurechtgefunden? Sind seine Vorgesetzten zufrieden mit ihm?«

Westerly führte ihre weiße Hand an seine Lippen und setzte sich, ohne den Hut aus der Hand zu legen. Sein Benehmen beängstigte Sie.

»Doch nichts Schlimmes?« fragte sie bestürzt.

»Nein, Emily, ich habe über Eugen nur Gutes zu berichten. Die drei Wochen strenge, militärische Zucht haben ihm gut getan, er sieht gesund und blühend aus; und der vertraute Umgang mit frischen Jünglingen scheinen den Schmerz bereits gelindert zu haben, den er von hier mit fortnahm. Freilich, es ist schlimm für einen jungen Mann, wenn er sieht, daß er die Gunst derjenigen verscherzt hat, welche er liebt. Doch Eugen ist noch sehr jung und lebenslustig, er wird Bega ebenso schnell vergessen haben, wie er sie liebgewonnen hat.«

»Es liegt wenigstens etwas Tröstliches in Ihren Worten, Edgar. Gab er Ihnen keinen Brief für mich mit?«

»Keinen Buchstaben, nur mündliche Grüße. Schon daraus können Sie ersehen, wie sehr er von der neuen Umgebung eingenommen ist.«

»Er wird auch mich vergessen,« seufzte Emily.

»Das ist nicht zu befürchten. Die Liebe zu Ihnen beruht auf Hochachtung, wie die meine, und diese ist nicht auszurotten.«

Emily antwortete nicht, sie beugte sich erglühend über die Arbeit. Sie schien jetzt einen Antrag zu fürchten, wie sie schon manchen zu hören bekommen, und es muß gesagt werden, daß Emily Westerly wirklich zugetan war. Dieser war ein Kenner von Frauenherzen, er wußte sich so bescheiden und zartfühlend zu benehmen, er hatte Emily in ihrem ersten Schmerze so selbstlos getröstet und immer mehr und mehr durchblicken lassen, daß er sie liebe, fast acht Jahre lang blieb er nur ein gerngesehener Hausfreund, dann warb er eines Tages offen um ihre Hand.

Emily war ihm nicht kalt begegnet, sie hatte geweint und ihm erklärt, auch sie fühle zu ihm Neigung, aber nimmermehr würde sie zum zweiten Male heiraten, so lange ihr Gatte nur als verschollen gelte.

Daraufhin markierte Westerly den platonisch Liebenden mehrere Jahre hindurch, kam und ging, immer gern gesehen, aber ohne zu einer neuen Aussprache aufgemuntert zu werden.

Er fand trotzdem wieder Gelegenheit, Emily seine Liebe mit zarten Worten zu verstehen zu geben, und sie wurde von dieser Geduld wirklich gerührt. Auch sie liebte Westerly, aber zwischen ihnen stand Sir Carter wie ein Gespenst. Oft erschien er ihr im Traume, zwar noch lebend, aber zum Gerippe abgezehrt, und hob warnend die fleischlose Hand gegen sie auf.

Sie wußte sich keinen anderen Rat, als Westerly hinzuhalten. Wenn sie die definitive Nachricht von dem Tode Sir Carters erhielt, dann wollte sie dem neuen Werber ihre Hand reichen, das hatte sie ihm fest versprochen.

Jetzt ergriff er ein auf dem Tische liegendes, aufgeschlagenes Buch.

»Was lesen Sie?« fragte er, die Dramen Shakespeares erkennend.

»König Richard III.«

Leichenblaß ließ Westerly das Buch plötzlich sinken. Ein schneller Blick belehrte ihn, daß Emily sein Entsetzen nicht bemerkt hatte.«

»Das ist keine Lektüre für Sie,« murmelte er.

»Warum nicht?«

»Wenigstens jetzt nicht.«

Wie gebannt hing sein Auge an den Zeilen der aufgeschlagenen Seite.

Es war die Szene, in welcher König Richard III. dieses hinkende Scheusal, den nur ein Shakespeare so schildern konnte, daß man bei seinem Tode noch Mitleid für ihn empfindet, um die Hand Annas wirbt, und zwar am Sarge ihres Gatten, den er ermordet hat.

Richard scheut sich nicht, sich selbst als Mörder des Gatten der Geliebten zu bezeichnen, und so siegesbewußt ist er, daß er ihr sein Schwert gibt und sie auffordert, ihn zu töten.

»Du warst es, der den Gatten mir gemordet!« ruft Anna und hebt die Waffe.

»Ich tat es.«

Anna will den Stahl in seine Brust graben.

»Ich tat's nur aus Liebe zu dir!« fährt Richard schnell fort, und Anna läßt das Schwert sinken.

O, Richard III. kannte die Frauenherzen, und Westerly nicht minder. Kaltblütig wollte er seine Rolle weiterspielen.

Er klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch.

»Etwas anderes ist es noch, über was ich Sie sprechen wollte,« begann er dann. »Durch den jahrelangen, freundschaftlichen Umgang mit Ihnen bin ich Ihrem Hause kein Fremder mehr; ich fühle es förmlich als Pflicht, mich mit Verhältnissen zu befassen, die sonst eigentlich niemanden etwas angehen.«

»Sie dürfen es,« sagte Emily, freundlich aufblickend.

»Es handelt sich um Reihenfels. Eugen ist fort. Sie haben die beiden anderen Hauslehrer entlassen, nur er hält sich noch ohne Beschäftigung, aber unter Fortbezug seines Gehaltes in Ihrem Hause auf.«

»Er ist mir ein sehr angenehmer Mensch. Mein Verkehr ist nur unbedeutend, und ich vermisse ungern einen daraus. Gern möchte ich Reihenfels dauernd an mein Haus fesseln.«

»Es wundert mich, daß er, ein so stolzer Charakter, dieses Gnadenbrot angenommen hat.«

»Nennen Sie es nicht so. Es kostete mich viele Mühe, ihn zum Bleiben zu bewegen. Erst als ich ihn herzlich bat, ihm offen sagte, daß mir an seiner Gesellschaft viel gelegen sei, beschloß er, zu bleiben und teilt sich nun mit dem Hausverwalter in dessen Arbeiten.«

Westerly runzelte die Brauen.

»Seinetwegen brachen unsere Nachbarn ihren liebenswürdigen Verkehr mit uns ab.«

»Kann ich dafür, wenn Reihenfels und Bega sich lieben? Ich finde das Betragen dieser französischen Familie überhaupt sehr sonderbar, fast beleidigend für mich. Sie geben mir zu verstehen, daß sie mein Haus nicht betreten können, solange Mister Reihenfels darin weilt.

Warum aber dulden sie, daß Bega und er täglich gemeinsam Spaziergänge unternehmen? Es ist geradezu ungezogen, von mir zu verlangen, ich solle Reihenfels entfernen, damit die Liebschaft ein Ende nimmt. Als ob sie dadurch überhaupt abgebrochen würde.«

»Aus den Augen, aus dem Sinn!« entgegnete Westerly.

»Diese Regel würde wohl bei Reihenfels und Bega eine Ausnahme finden. Nein, er bleibt erst recht! Ich bedaure nur, daß ich nun so selten mit Bega zusammentreffe, das Mädchen war mir ans Herz gewachsen.«

Emily seufzte, Westerly horchte plötzlich auf. Sein Gesicht nahm den Ausdruck großer Spannung an.

»Im Hofe fuhr ein Wagen vor,« sagte Emily. »Wer mag das sein? Doch was haben Sie?«

fragte sie ängstlich, die Erregung Westerlys jetzt erst bemerkend.

Dieser trat zu ihr.

»Emily,« sagte er mit weicher, bebender Stimme, »ich habe Sie auf etwas vorzubereiten!«

»Sie erschrecken mich, sprechen Sie schnell!«

»Nicht doch. Eine plötzliche große Freude kann wie ein großer Schreck den Tod herbeiführen.«

Plötzlich fiel er vor ihr auf die Knie und ergriff, sie innig anblickend, ihre Hände.

»Emily!« rief er flehend. »Gedenkst du deines Versprechens?«

»Edgar!« antwortete sie bestürzt.

»Du versprachst, die Meine zu werden!«

»Nur unter einer Bedingung!«

»Sie ist erfüllt!«

Einen Augenblick starrte sie den Sprecher an, dann schrie sie auf und sank in den Lehnstuhl zurück.

»Sie ist erfüllt!« wiederholte Westerly. »Mein voriges Gespräch sollte nur die Zeit ausfüllen, bis der Bote kam, der die Nachricht brachte.«

»Welche Nachricht?« hauchte Emily.

»Nach deren Empfang du die Meine zu werden versprachst. Zürne mir nicht, daß ich in diesem Augenblick an meinen Vorteil denke!« fuhr er schnell fort, als Emily ihm ihre Hände entziehen wollte. »Ich tu's nur aus Liebe zu dir.«

»Das sind die Worte, die Richard am Sarge zu Anna sprach,« murmelte Emily tonlos.

Westerly erhob sich, nachdem er ihre Hand geküßt hatte.

»Zürne mir nicht!« wiederholte er. »Ich tat's nur aus Liebe zu dir!«

Er schritt zur Tür und öffnete sie.

»Mister Wilkens.« sagte er, einen Herrn eintreten lassend. Er selbst ging hinaus.

Der Detektiv war in den fünfzehn Jahren nicht gealtert. Das Auge blickte noch ebenso klar und scharf wie früher, die hohe Stirn durchzog noch keine Falte, kein Zug hatte sich in dem eisernen Gesicht geändert.

Er ging auf Emily zu, die ihn mit stockendem Herzschlag erwartete.

»Lady Carter, hat Mister Westerly Sie auf meine Botschaft vorbereitet?« fragte er weich.

»Sie bringen etwas Entsetzliches!« stöhnte Emily.

»Nichts Entsetzliches, sondern etwas Tröstliches für Sie. Können Sie die unverhüllte Wahrheit ertragen?«

»Sprechen Sie!«

Wilkens öffnete die eine, bis jetzt verschlossen gehaltene Hand. Sie enthielt einen breiten, goldenen Ring. Mechanisch nahm und betrachtete ihn Emily.

Auf der Innenseite waren ein Monogramm und die Inschrift eingraviert: >Wohl mir, daß ich dich fand'.

Mit einem Aufschrei sank Lady Carter abermals zurück.

»Es ist der Trauring meines Mannes.«

Sie bedeckte die Augen mit der Hand und saß minutenlang bewegungslos da. Kein Schluchzen verriet ihren Schmerz, wohl aber sah Wilkens zwischen ihren Fingern Tränen hervorperlen.

»Woher?« fragte sie endlich leise.

»Man fand ihn bei Ihrem toten Gatten.«

Wieder entstand eine lange Pause.

»Also tot!« flüsterte sie dann.

»Schon seit fünfzehn Jahren.«

»Wo fand man seinen – seinen –« Sie wagte das Wort >Leichnam< nicht auszusprechen.

»Man fand sein zerschmettertes Gerippe in einer Schlucht bei Akola. Er ist in jener verhängnisvollen Nacht hinabgestürzt. Sein Tod muß sofort eingetreten sein.«

»Woraus schließt man, daß es die – die Knochen von Sir Carter sind?«

»An einem Finger fand man diesen Ring.«

»Es ist mein Trauring. Wo ist der andere?«

»Ich weiß, daß Sir Carter an der rechten Hand noch einen Siegelring trug. Man konnte ihn nicht finden, er ist zwischen den Steinen verloren gegangen.«

»Er sollte doch auch noch am Finger stecken.«

»Die Knochen lagen sehr verstreut umher,« sagte der Detektiv düster.

»Wie kommt das? Bei einem Sturz?«

»Raubtiere haben sie verschleppt.«

Emily schauderte zusammen – ihr Gatte hatte wilden Tieren zum Fraß gedient.

»Erzählen Sie ausführlich!«

»Vor zwei Monaten verfolgten eingeborene Jäger einen Panther und bemerkten, daß er die Schlucht bei Akola zu gewinnen suchte. Sie blieben ihm dicht auf den Fersen und gelangten auf einem bisher unbekannten Pfade auf den Boden der Schlucht, wo sie wahre Nester von Raubtieren trafen. Die Indier verrieten ihre Entdeckung jagdlustigen Engländern, und diese begaben sich nach der Schlucht. Die letzteren wurden an Stricken hinabgelassen und machten dem Raubgesindel den Garaus. Am Grunde der Schlucht fanden sie auch einen Haufen Menschenknochen, an einem Finger diesen Ring. Die Engländer sammelten die Reste und ließen sie hinaufschaffen. Man erkannte an dem Ringe, daß man die sterblichen Überreste Sir Carters vor sich habe, durchsuchte noch einmal die Schlucht und fand noch mehr Beweise für seine Identität.«

»Den Siegelring?«

»Nein, ich sagte Ihnen schon, den konnte man nicht finden. Aber seine Brieftasche.«

»Sie war unversehrt?«

»Nur leicht durch Alter, Nässe und Insekten beschädigt; sie enthielt gut erhaltene Papiere, darunter auch die Geleitsbriefe der Gouverneure, auf den Namen Sir Carters ausgestellt.«

»Fand man nichts anderes?«

Emilys Augen hingen gespannt an den Lippen des Detektivs.

»Ich verstehe, was Sie meinen; doch ich muß Ihnen leider antworten: Nein, die geheime Order fand man nicht.«

»Sie kann wie der Siegelring verloren gegangen sein.«

»Es wäre möglich, aber sehr unglaublich.«

»Dann wäre er zum Hochverräter geworden?«

»Das kann nicht bewiesen werden. Trösten Sie sich, die Anklage wegen Hochverrats wird nicht wieder erneuert werden.«

Nach einer langen Pause fragte Emily: »Was ist mit den Knochen geschehen? Wo ruhen sie?«

»Der Gouverneur von Akola hat sie in einem Sarg nach London gesendet. Die irdischen Überreste Ihres Gatten stehen Ihnen zur Verfügung.«

»Mister Wilkens, Sie haben sich stets für mich interessiert, wollen Sie mir weiter behilflich sein?«

»Befehlen Sie!«

»Dann bitte ich, daß seine – Leiche hierherkommt. An diesem Ort, auf dem er sich eine neue Heimat schaffen wollte, soll sie ruhen.«

Wilkens bejahte mit einer stummen Verbeugung.

»Ist sein Tod schon beglaubigt?« fragte sie dann wieder.

»Das Protokoll wurde in Indien an Ort und Stelle aufgenommen, der Gouverneur von Akola unterzeichnete es, und auf Grund desselben wird der Tod Sir Carters in den nächsten Tagen öffentlich bestätigt werden.«

»Man hat keinen Anhalt für das gefunden, was sich in jener verhängnisvollen Nacht ereignet hat?«

»Nicht den geringsten. Alles ist noch in das selbe mystische Dunkel gehüllt. Von Kiong Jang fehlt jede Spur, und mit der Auffindung der Leiche Sir Carters werden die Akten über diesen Fall geschlossen.«

Emily fragte nicht nach ihrem geraubten Kind; sie hatte jede Hoffnung verloren. Sie reichte dem Detektiven die Hand.

»Ich kann Ihnen nicht vergelten, was Sie an mir getan. Sagen Sie nicht, es sei nur Ihre Pflicht gewesen. Sie haben sich wie ein Freund bemüht, das Glück unseres Hauses wieder aufzurichten, doch Gott hatte es anders beschlossen. Ich danke Ihnen, Mister Wilkens, Gott segne Sie! Nehmen Sie dies Andenken von mir und meinem unglücklichen Gatten. Er schenkte es mir einst in einer frohen Stunde.«

Sie streifte einen Smaragdring vom Finger und reichte ihn dem Detektiven. Wilkens nahm ihn stumm und küßte bewegt ihre ausgestreckte Hand.

Emily lehnte sich müde zurück, sie sehnte sich danach, jetzt allein zu sein.

Wilkens verabschiedete sich schnell.

Lange saß Emily da und betrachtete den Trauring ihres Gatten. Eine Träne nach der anderen stahl sich aus ihren Augen.

Was sagte ihr dieser Ring? Sollte er eine Aufforderung sein, mit der Vergangenheit abzuschließen und ein neues Leben zu beginnen? Ach, Emily fühlte sich noch so jung!

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