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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 19
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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19. Alte Liebe rostet nicht

Die beiden Liebenden hatten nicht geahnt, daß dieselbe Höhle, in der sie Schutz suchten, noch ein anderes Liebespaar barg.

Eine geheime Mechanik verschloß ein hinter der Felswand liegendes Gemach. Auf einem Tisch darin stand eine Lampe und beleuchtete einige Stühle, viele Kisten und Kästen, ein Gestell mit den verschiedensten Waffen, und schließlich ein bequemes Bett mit Matratzen und Decken.

Auf ihm saß eine Dame, die nicht in diesen Schlupfwinkel paßte – es war Phöbe. Mit müdem, abgespanntem Gesichtsausdruck stützte sie sich auf einen Arm.

Ihr gegenüber auf einem Stuhl saß die schwarze Maske, das Gesicht wie immer verhüllt.

Beide sprachen nicht, sie lauschten. Durch in der Wand befindliche, kleine Löcher drangen Stimmen.

»Sie gehen,« flüsterte der Räuber und trat an ein Loch, »sie gehen, die beiden Unschuldigen. Seltsam, zwei Liebespaare in dieser Höhle, aber welcher Kontrast!«

»In ihnen ist die Liebe zum ersten Male erwacht,« sagte Phöbe mit matter Stimme.

»Bei mir auch,« spottete der Maskierte.

»Ich glaube es Ihnen aufs Wort. Ist der Weg endlich frei? Die beiden haben mich viele Stunden lang hier gefangen gehalten.«

»Was mir sehr erwünscht kam. Bereuen Sie es, länger als geplant in meiner Gesellschaft verweilt zu haben?«

Phöbe blieb die Antwort schuldig. Sie sah sich in der Höhle um, und es überkam sie plötzlich ein unsagbarer Ekel. Sie stand auf.

»Ich will gehen. Was der Kutscher wohl denken mag?«

»Hat er Instruktion, so lange zu warten, bis Sie zurückkommen?«

»Er ist schon darauf vorbereitet, daß ich eventuell längere Zeit ausbleibe. Der Regen bietet überhaupt einen guten Vorwand für mein langes Ausbleiben. Der Mann, ein Indier, ist mir treu ergeben, er würde weder sprechen noch fragen, selbst wenn er das Ziel meines heimlichen Weges wüßte.«

Phöbe strich das Kleid glatt, trat dann vor den halb erblindeten Spiegel und ordnete mit ihrem Taschenkamm das Haar. Der Maskierte setzte sich rittlings auf einen Stuhl und sah ihr zu.

Ein leises Klirren ließ Phöbe den Kopf wenden. Der Räuber hatte ein langes Stilett aus der Brusttasche gezogen und ließ den Stahl im Scheine der Lampe funkeln.

Erschrocken hielt Phöbe inne.

»Was soll das? Wollen Sie mich fürchten machen?«

»Ich möchte Ihnen dieses Stilett zur Verfügung stellen.«

»Ich brauche keinen Bravo.« Name gedungener italienischer Meuchelmörder.

»Auch nicht für den Geliebten von Miß Bega?«

»Für Reihenfels?«

»Ja. Monsieur Francoeur meinte, ein Dolchstich könnte ihm nichts schaden.«

»Allerdings. Doch nun ist es schon zu spät. Sie würden zwar Reihenfels töten, doch nicht Begas Liebe zu ihm.«

»Das stimmt, es muß so operiert werden, wie Francoeur geplant hat. Reihenfels wird verdächtigt und verschwindet, ohne sich gerechtfertigt zu haben. Ich bin bereit, dies auszuführen, zu ersterem eignen Sie sich besser.«

»Was veranlaßt Sie, an dieser Sache Interesse zu nehmen?«

»Ich möchte überhaupt zusammen mit Ihnen und Monsieur Francoeur arbeiten; glückt es, so wird mir doch auch sicher eine glänzende Stellung in Indien zugänglich, etwa die eines hohen Beamten, wo ich die Leute plündern kann, ohne mein Leben in Gefahr zu bringen, und wo mich das Gesetz auch noch schützt.«

Mißtrauisch schaute Phöbe ihn an.

»Sie wissen mehr, als gut ist.«

»Ich weiß alles, und was ich noch nicht weiß, kombiniere ich mir. Räuber müssen dergleichen verstehen. Doch seien Sie ohne Sorge, das Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.

Ich werde mit Monsieur Francoeur in Verbindung treten.«

»Versuchen Sie es, doch verraten Sie nicht, daß wir uns schon kennen.«

»Torheit! Wenn Sie die Höhle verlassen haben, sind Sie mir wieder eine Fremde!«

Phöbe war fertig. Sie stellte sich vor den Maskierten und schaute lächelnd auf ihn herab.

»Sie haben Ihr Wort nicht gehalten,« sagte sie, »Sie versprachen mir, sich mir ohne Maske zeigen zu wollen.«

»Ich versprach nur, die Maske abzunehmen, und habe ich es nicht getan? Haben Sie nicht meine glühenden Küsse verspürt?«

»Aber es war dunkel, ich habe Ihr Gesicht nicht gesehen.«

»Das war auch nicht ausgemacht.«

»Wollen Sie mir nicht jetzt Ihr Antlitz zeigen?«

»Nein, ich habe Grund, es nicht zu tun. Ich breche mein Wort deshalb nicht, und daß ich gewöhnt bin, es zu halten, will ich Ihnen beweisen. Sind Sie von meiner Liebe so berauscht, daß Sie ganz vergessen, mich an das versprochene Gegengeschenk zu erinnern?«

Phöbes Augen leuchteten auf. Sie hatte das Versprechen nicht vergessen, aber es unterlassen, den Räuber daran zu erinnern. Was bürgte ihr dafür, daß er, nachdem seine Leidenschaft befriedigt war, ihr nicht sein Stilett ins Herz stieß? Hier fand niemand sie so leicht, der Räuber konnte sich schnell in Sicherheit bringen.

»War Ihnen wirklich ernst damit?«

»Natürlich!« rief der Räuber erstaunt. »Oder glauben Sie, es in mir mit einem gemeinen Wegelagerer oder Einbrecher zu tun zu haben? Ich dächte doch, unsere süßen Kosestunden müßten Sie davon überzeugt haben, daß ich gewohnt bin, mit besseren Damen zu verkehren.

Sie sollen die 5000 Pfund Sterling haben. Leider fehlt mir die Gelegenheit, sie Ihnen in gefälliger Form, etwa in einem Bukett, zu übermitteln. Ich muß sie Ihnen in ganz nüchterner Weise einhändigen, schreiben Sie die Schuld den Verhältnissen zu.«

Der Maskierte hatte aus der Brusttasche ein Portefeuille gezogen und entnahm demselben fünf Banknoten.

»Voilà, 5000 Pfund Sterling!«

Mit Staunen betrachtete Phöbe die Banknoten, von denen jede, wie die darauf angegebene Zahl besagte, einen Wert von 1000 Pfund Sterling repräsentierte.

In England sind noch jetzt Banknoten von 50, 100 und 1000 Pfund Sterling keine Seltenheit. Von den drei Banknoten, welche im Werte von je 50 000 Pfund, also je von einer Million Mark ausgegeben wurden, sind noch zwei im Umlauf. Eine wurde vom Staat einkassiert und vernichtet, die zweite gehört zum Fond einer Lebensversicherungsgesellschaft und die dritte hängt als Schaustück unter Glas und Rahmen an der Wand im Speisesaale eines Palastes des Herzogs von Westminster.

Um die Schulden des Vaterlandes möglichst schnell zu decken, lieferte die reiche Aristokratie Englands oft freiwillige Beiträge von ungeheurer Höhe, und sie können es, diese Herren – gehört doch zum Beispiel der Grund und Boden des riesigen Londons ganz allein sieben Lords. Kein Quadratmeter wird verkauft, nur verpachtet für einen Zeitraum von 99 Jahren. Im 100. Jahre fällt der Boden an den Lord zurück, und er darf das Haus auf demselben abreißen lassen, gleichgültig, ob es ein Palast oder eine Hütte ist.

Natürlich bleiben die großen, soliden Häuser stehen, der Pacht wird erneuert; die kleinen Häuser aber werden nach 99 Jahren abgebrochen und neue aufgebaut. Dies ist die Ursache, daß die Häuser in London so leicht gebaut sind, wie man in Deutschland höchstens eine Scheune aufführen würde.

Fünf Tausendpfundnoten also hielt Phöbe in der Hand; sie staunte über die Freigebigkeit des Räubers.

»Echt?« fragte sie zweifelnd.

»So echt wie meine Liebe zu Ihnen. Ich habe selbst früher Banknoten gefälscht und verstehe daher echte von falschen besser zu unterscheiden als der Direktor der City-Bank in London.«

»Sie sind also gestohlen.«

»Ich habe sie mir ehrlich verdient, allerdings nicht durch Hacken und Schaufeln in der Erde, auch nicht mit Zigarrenmachen oder Abschreiben, denn dabei müßte man, um sich eine solche Summe zu ersparen, einfach wie Diogenes leben und ein Alter wie der ewige Jude erreichen. Nein, ich habe sie mir mit Strickleiter, Dietrich und Brecheisen verdient, als niemand im Zimmer war.«

»Und Sie verschenken die Summe so ohne Weiteres?«

»O, bitte, verschenken? Eine kleine Aufmerksamkeit, weiter nichts! Die Gunst, die Sie, schöne Phöbe, mir gewährten, ist eigentlich tausendmal mehr wert.«

»Trotzdem bin ich mißtrauisch.«

»Und nicht ohne Grund. Ich will Ihnen reinen Wein einschenken: sehen Sie die Nummern auf den Banknoten?«

»Ja, jede derselben hat eine laufende Nummer.«

»Das ist mir äußerst fatal, denn es ist doch anzunehmen, daß der, dem die wertvollen Banknoten gehören, ihre Nummern kennt. Nachdem er den Raub entdeckt hat, zeigt er ihn und die Nummern natürlich sofort der Polizei an, und die Folge davon ist, daß ich festgenommen werde, wenn ich die Noten wechseln will. Kurz gesagt, keiner meiner Hehler, ob Jude oder Christ, gibt mir für die Dinger einen Schilling, die Wische sind für mich völlig wertlos.«

Phöbe biß sich auf die Lippen. Sie hörte den Spott aus den Worten heraus. Sie sah sich geprellt, obgleich der Räuber Wort hielt.

»So sind sie auch für mich wertlos,« sagte sie, sich zum Lächeln zwingend.

»Wieso? Sie haben sie ja nicht gestohlen.«

»Ich komme aber in Verdacht der Hehlerschaft, wenn ich diese Banknoten irgendwo präsentiere.«

»Ich denke, Sie wollen sie in Ihre neugegründete Sparkasse legen?« lachte er hinter der Maske. »Als unantastbarer Fond können sie nicht zum Verräter werden.«

»Genug, hier ist das Geld zurück! Sie haben mir eine Falle gestellt, und ich bin hineingegangen.«

»Behalten Sie die Dinger als Andenken von mir.«

»Das ist zu gefährlich. Stellen Sie die Banknoten dem Beraubten zurück, und lassen Sie sich eine Belohnung für Ihre Ehrlichkeit geben.«

»Ich werde Ihren Rat befolgen.«

Er steckte die Banknoten wieder zu sich.

Phöbe ärgerte sich gewaltig, verstand aber Gleichgültigkeit zu heucheln.

»Ich bin fertig, lassen Sie mich aus der Höhle!«

»Ich möchte nicht, daß Sie im Zorn von mir scheiden.«

»,Ich zürne Ihnen ganz und gar nicht. Daß ich die 5000 Pfund nicht behalten kann, ist nicht Ihre Schuld. Das Abenteuer mit Ihnen, einem Räuber, hat mich schon an sich befriedigt.

Jetzt lassen Sie mich fort, es wird zu spät.«

Nach einer zärtlichen Abschiedsszene setzte der Räuber den Mechanismus in Bewegung, der Stein verschob sich, und Phöbe verließ die Höhle.

»Kann ich Ihren Namen nicht erfahren?« fragte sie noch zuletzt.

»Nein, ebensowenig wie Sie mein Gesicht sehen dürfen. Aber bald werden Sie alles wissen.«

»Wann?«

»Vielleicht heute nacht noch. Träumen Sie süß von mir. Gute Nacht, schöne Phöbe!«

Diese fand den Wagen in Wanstead noch warten und war bald daheim.

Der Franzose empfing seine Maitresse nicht mit Vorwürfen, wohl aber gebärdete er sich, als er mit ihr allein war, wie ein Wahnsinniger.

»Endlich, endlich, Phöbe! Ich habe dich mit der furchtbarsten Ungeduld erwartet. Ich möchte mir am liebsten eine Kugel durch den Kopf jagen!«

»Was ist denn geschehen?« rief Phöbe bestürzt.

»Ich bin beraubt worden.«

»Beraubt? Von wem? Wann?«

»In der Zeit von gestern abend bis heute nachmittag.«

»Was hat man dir gestohlen?«

»Alles, mein Geld und mein Geheimnis.«

»Die zweihundert Pfund?«

»Es war viel mehr.«

»Dann hast du mir gestern morgen die Unwahrheit gesagt.«

»Ja, jetzt muß ich es gestehen.«

»Wieviel war es denn?«

»5000 Pfund Sterling in fünf Banknoten, zu je 1000 Pfund.«

Phöbe erschrak erst, dann aber mußte sie sich schnell umdrehen, um mit Mühe ein lautes Lachen zu unterdrücken. Im Augenblick wußte sie, wer der Räuber gewesen war – die schwarze Maske.

Er hatte sie also mit dem Gelde bezahlen wollen, das er erst dem Franzosen, ihrem Geliebten, raubte. Fürwahr, das war ein freches Stückchen gewesen! Phöbe stellte sich namenlos bestürzt.

»Wo hattest du das Geld aufbewahrt?«

»In dem geheimen Mauerfache meines Schlafzimmers,« stöhnte der Franzose.

»Ist das so leicht zu öffnen?«

»Daß ein Uneingeweihter den Mechanismus findet, ist ganz unmöglich. Ich stehe vor einem Rätsel.«

»Dann kannte der Räuber das Geheimnis.«

»Marquis de Lacoste hat mir geschworen, daß außer mir nur er den Mechanismus kennt, er hat ihn selbst gefertigt.«

»Gehörte das Geld dir?«

»Nein, es war indisches Agitationsgeld. Doch das bleibt sich gleich, ich könnte es ersetzen, aber auch der Schmuck ist gestohlen worden!«

Francoeur war dem Weinen nahe, und jetzt erschrak auch Phöbe furchtbar. Mit entsetzten Augen starrte sie den Jammernden an.

»Was? Die schwarze Maske hat auch das Geschmeide entwendet?« hauchte sie.

Mit einem Sprunge stand der Franzose vor ihr.

»Was sagst du da, Weib? Die schwarze Maske? Was weißt du von dem Diebstahl?« schrie er sie an.

Im Nu hatte sich Phöbe wieder gefaßt. Sie stellte sich nicht gleichgültig, Sie behielt ihre Erregung bei.

»Nun ja; wer anders als die schwarze Maske hat dich bestohlen?«

Francoeur ließ sich täuschen.

»Du hast recht, die schwarze Maske ist es gewesen. Ich muß ihn unbedingt sprechen. Das Geld will ich ihm schenken, aber das Geschmeide muß er mir zurückgeben, oder ich bin hier keinen Augenblick mehr sicher.«

»Lag es auch in dem Mauerfache?«

»Ja, der Schmuck und das Geld, sonst nichts weiter.«

»Willst du mir den Mechanismus jetzt zeigen?«

»Komm mit!«

Er führte sie in sein Schlafkabinett, erklärte ihr den Mechanismus und setzte ihn in Tätigkeit.

»Wann hast du dich das letztemal von dem Vorhandensein der Papiere überzeugt?«

»Gestern, ehe ich schlafen ging.«

»Und wann bemerktest du den Raub?«

»Erst heute nachmittag, als du eben fortgegangen warst. Die Tat ist diese Nacht geschehen; wir haben vor dem Fenster sogar die Fußabdrücke dreier Männer gefunden.«

»So war der Räuber in diesem Zimmer, während du schliefst?« rief Phöbe erstaunt.

»Es kann nicht anders sein. Doch ich habe nicht das geringste gehört.«

»Das Fenster war offen?«

»Ja. Aber wie kann man glauben, daß jemand in dieses in der ersten Etage gelegene Zimmer steigen kann, wo die Wand doch ganz glatt ist und kein Baum in der Nähe steht?«

»So haben sie eine Strickleiter benutzt, die sie auf irgend eine Weise von unten am Fensterkreuz befestigt haben.«

»Mir ist alles unerklärlich; es hilft auch nichts, darüber zu grübeln. Die 5000 Pfund kann ich verschmerzen, aber der Schmuck, der Schmuck! Ich bin verloren!«

Wieder begann der Franzose händeringend im Zimmer auf und ab zu gehen.

Phöbe war erstaunt über die Kühnheit, mit der die schwarze Maske den Diebstahl ausgeführt hatte.

»Du kennst die Nummern der Banknoten?«

»Natürlich.«

Er nannte sie, und Phöbe, die ein gutes Gedächtnis für Zahlen besaß, erinnerte sich ganz genau, dieselben Nummern auf den Banknoten gelesen zu haben, die sie dem Räuber zurückgab. Der letzte Zweifel war geschwunden.

»Du hast den Diebstahl angezeigt?«

»Ich habe sofort einen Boten nach London geschickt und die Nummern bekanntmachen lassen. Von dem fehlenden Schmuck habe ich selbstverständlich nichts erwähnt.«

»Das war nicht klug von dir,« meinte Phöbe nachdenkend; »beim Wechseln der Banknoten wird der Räuber festgenommen und kann zum Verräter – « »Das habe ich alles schon überlegt,« unterbrach sie der Franzose; »nein, derartiges ist nicht zu fürchten. Der Räuber gibt sich nicht mit solchen Sachen ab, dafür hat er seine Hehler.«

»Und wenn ein solcher festgenommen wird, und man findet bei ihm den Schmuck?«

»Auch das ist kaum glaublich. Diebe verteilen ihre Beute möglichst schnell. Selbst den Schmuck wird der Räuber zerstören und unkenntlich machen, wenn er ihn verkaufen will.«

»Ja, was hast du denn da zu fürchten?«

»Törin, begreifst du denn nur gar nicht?« rief Francoeur unwillig. »Wenn der Räuber oder einer seiner Hehler nun den Schmuck erkennt?«

»Die Beschreibung desselben in den Zeitungen erfolgte vor fünfundzwanzig Jahren, über die Geschichte ist schon längst Gras gewachsen.«

»Das ist kein Trost. Die Hehler der Räuber sind meist alte Juden mit gutem Gedächtnis und mit wunderbarem Scharfblick für Goldarbeiten und Edelsteine.«

Phöbe zuckte die Schultern.

»Warum hast du das Geschmeide nicht längst verschwinden lassen?«

»Warum, ja, warum nicht!« lachte der. Aufgeregte bitter. »Hundertmal schon hob ich den Hammer, es zu zerschmettern, und hundertmal packte ich es wieder weg. Ich konnte es nicht ausführen, eine unerklärliche Macht hielt mich ab. In diesem geheimen Schubfache hielt ich es endlich für ganz sicher aufgehoben. Sei nicht so gleichgültig, Weib,« fuhr er dann die ruhig Dastehende an, »rate, hilf!«

»Was soll ich dabei helfen?«

»Ich muß den Räuber finden, ihn zur Herausgabe des Schmuckes bewegen, und,« fügte er leise hinzu, »ihn dann stumm machen.«

»Ich weiß keinen Rat, wie du ihn aufspüren kannst.«

»Durch dich muß es geschehen!«

»Durch mich?«

»Die schwarze Maske soll ein Frauenverehrer sein.«

»Ach so. Doch du bist heute abend zu aufgeregt, um klare Gedanken fassen zu können.

Wollen wir morgen weiter darüber sprechen?«

»Ja, das wollen wir,« flüsterte Francoeur. »Jetzt laß mich allein, ich will überlegen.«

Phöbe begab sich in ihr Schlafgemach. Lachend warf sie sich dort auf das Sofa. Bald jedoch wurde sie wieder ernst.

Wer war die schwarze Maske? Woher wußte sie, daß Francoeur die 5000 Pfund empfangen hatte? Nun, professionelle Räuber haben überall bezahlte Spione; er brauchte nur einen Vertrauten an der Post zu haben, so war er über große Geldsendungen instruiert.

Woher aber kannte er den Mechanismus des geheimen Schubfaches? Das blieb ein Rätsel.

Er war eingestiegen, während Francoeur, der bei jedem Geräusch erwachte, schlief; er mußte sich also ganz leise im Zimmer bewegt haben. Ein langes Suchen und Tasten war dabei nicht möglich; nein, die schwarze Maske mußte die Räumlichkeiten und das Geheimnis genau gekannt haben.

Es wäre jetzt vielleicht ein leichtes gewesen, den Räuber festzunehmen – Phöbe kannte ja seinen Schlupfwinkel, in dem er sicher auch diese Nacht verbringt. Doch sie dachte nicht daran. Francoeur hätte ihr Abenteuer erfahren müssen, sein Mißtrauen, daß sie mit dem Räuber unter einer Decke gespielt, wäre erwacht, und dem wollte sie sich nicht aussetzen.

»O, ich werde die schwarze Maske, diesen verliebten Galan, dennoch zu der Herausgabe des Schmuckes bewegen,« tröstete sie sich, »und zwar, ohne daß Francoeur von meinem heutigen Abenteuer erfährt. Vielleicht morgen schon werde ich einen Ausflug nach der Räuberhöhle machen und ihn sprechen.«

Sie klingelte ihrer Kammerjungfer, einer Indierin, um sich entkleiden zu lassen. Während das braune Mädchen Heftel und Bänder löste, rief sich Phöbe träumend die Erlebnisse in der Räuberhöhle zurück.

»Ich kann das Band nicht aufmachen, es ist ein Knoten darin,« sagte die Indierin einmal.

»Zerschneide es, und mach ein andermal keine Knoten, sondern Schleifen!«

Das Mädchen unterdrückte eine Bemerkung und tat, wie ihr geheißen. Als sie das Korsett öffnete, sah sie etwas Weißes zu Boden fallen. Sie hob es auf, ohne daß Phöbe die Bewegung sah.

»Eine Karte;« sagte das Mädchen.

»Lege sie auf den Tisch!«

»Sie fiel aus Ihrem Korsett.«

»Aus meinem Korsett? Sonderbar, ich weiß doch nicht, daß ich eine Karte hineingesteckt habe. Zeig her!«

Sie brachte diese in den Schein der Lampe. Plötzlich erweiterten sich ihre Augen, eine Blutwelle übergoß ihr Gesicht und Hals bis hinab zum Busen.

»Hast du die Karte gelesen?« fragte sie die Indierin mit bebender Stimme.

»Nein.«

»Wirklich nicht?«

»Kein Wort!«

»Schwöre!«

»Ich will der Nirwana verlustig gehen und Bharvati Bharvati oder Kali ist die Göttin der Vernichtung, sie haßt die Erde und alles Lebendige. in alle Ewigkeit dienen, wenn ich nicht die Wahrheit spreche!« sagte das Mädchen feierlich.

Phöbe war beruhigt.

»Laß mich jetzt allein!«

Als sie allein war, las sie noch einmal, mit derselben Erregung wie vorhin, die Karte. In gedruckten Lettern stand darauf: Marquis Alfons de Lacoste – und darunter mit Bleistift: Alte Liebe rostet nicht.

Es dauerte lange, ehe Phöbe ihrer Erregung Herr wurde.

Als Alfons de Lacoste vor zehn Jahren in Paris ihr Liebhaber war, war er wahrscheinlich schon ein Räuber gewesen. Heute war sie ihm abermals in Liebe begegnet, ohne ihn zu erkennen. Nun konnte sich Phöbe allerdings erklären, wie der Räuber so schnell den Mechanismus des Wandfachs fand. Der Dieb war der Sohn des früheren Hausherrn, er kannte das Geheimnis, hatte es dem Vater wahrscheinlich abgelauscht, ohne daß dieser es wußte.

Alfons galt für verschollen, und dabei machte er schon seit zehn Jahren als Räuber Großbritannien unsicher. Phöbe nahm an, daß sie die einzige war, die ihn jetzt in seiner richtigen Gestalt kannte, und von ihr sollte der einst Heißgeliebte keinen Verrat zu befürchten haben.

Dann aber schrak sie heftig zusammen. Sie gedachte einer Stunde, zehn Jahre zurück, als Sie Arm in Arm mit Alfons durch die Straßen von Paris spazieren ging. Sie blieben vor einem Juwelierladen stehen und besichtigten die Schaustücke. Da stieß Alfons plötzlich einen Ruf der Überraschung aus, dann lachte er. Auf die verwunderte Frage Phöbes gab er die Erklärung, Wort für Wort konnte sie sich seiner Rede noch entsinnen.

»Ich mag ein Kind von zehn Jahren gewesen sein,« hatte er gesagt. »Es war damals in Amerika ein fünfjähriges Mädchen gewaltsam entführt worden, und zwar, behauptete man, von einem französischen Abenteurer. Das Kind, festlich gekleidet, hatte einen kostbaren Schmuck getragen, dessen sonderbares Aussehen in allen Zeitungen der Erde genau beschrieben wurde, um auf die Spur der Vermißten zu kommen. Zufällig besaß meine Mutter ein Armband, das dem beschriebenen ähnlich war, jedoch für den vollen Arm eines Weibes bestimmt. Ein übereifriger Polizist glaubte eine Spur entdeckt zu haben und brachte meinen Vater in Unannehmlichkeiten. Die Sache wurde natürlich sofort niedergeschlagen, aber das Gespräch kam in unserer Familie noch oft auf den betreffenden Schmuck; ich hörte seine Beschreibung so oft, daß ich ihn noch jetzt malen könnte. Sieh dort das Armband, wenn es kleiner und die Anordnung der Steine enger wäre, wenn in der Mitte statt des Saphirs ein heller Diamant säße, so würde ich darauf schwören, es gehöre zu dem Schmuck des geraubten Mädchens.«

Jetzt befand sich der vollständige Schmuck in den Händen des Marquis. Würde er sich seiner noch erinnern können? Sicherlich. Würde er von seiner Entdeckung Gebrauch machen? Phöbe zweifelte nicht daran.

Alfons war ein Räuber – scharfsinnig und gewissenlos. Er ließ keine Gelegenheit ungenützt vorbei. Er würde wahrscheinlich auf den Besitzer des Schmuckes einen furchtbaren Druck ausüben.

Mit schweren Sorgen legte Phöbe sich zu Bett, und am nächsten Morgen schrak sie empor, als heftig an ihre Tür gepocht wurde.

»Mach auf, mach auf, ich muß dich sprechen!« rief draußen Francoeur.

Phöbe seufzte; sie sah einem schweren Tag entgegen.

Francoeur trat hastig ein, er hielt einen Brief in der Hand.

»Gerettet!« jubelte er. »Dieser Räuber ist ein exzellenter Mensch, ich möchte ihn umarmen, ihn küssen!«

Er trat an das Bett.

»Sieh hier, er schickt mir die fünftausend Pfund zurück!«

.Er zeigte die fünf grünen Scheine.

»Und den Schmuck auch?«

»Nein.«

»Dann ist nichts gewonnen!«

»Doch, doch, es ist alles gut! Ich erhielt heute mit der ersten Post diesen Brief, denke dir, und wie ich ihn aufmache, fallen mir die fünf Banknoten in die Hände! Nun lies das beiliegende Schreiben und freue dich. Dieser Räuber ist ein prächtiger Kerl!«

Phöbe nahm das Schreiben, das in französischer Sprache geschrieben war.

»Sehr geehrter Monsieur Francoeur! – Ihrer in alter Freundschaft gedenkend – ich machte Ihre werte Bekanntschaft vor zehn Jahren in Paris – stattete ich Ihnen gestern nacht einen Besuch ab, fand Sie aber zu meinem Bedauern im tiefsten Schlaf, den ich nicht zu stören wagte.

Als ich mich an die Wand lehnte und überlegte, ob ich Ihnen nicht ein Zeichen meines Besuches zurücklassen sollte, empfand ich plötzlich einen Stoß gegen den Rücken, ich wendete mich um, und siehe da, eine geheime Tür war aufgesprungen, deren Mechanismus ich zufällig in Bewegung gesetzt hatte. – »Das klingt sehr unwahrscheinlich!« unterbrach Phöbe ihr halblautes Vorlesen.

»Natürlich ist es nur Spott. Später bekennt er sich offen als Räuber!«

»Ich sah in dem Fach grüne Scheine liegen,« fuhr Phöbe im Lesen fort; »dahinter blitzte und funkelte etwas, und nun muß ich Ihnen gestehen, daß ich für alles, was grün ist, blitzt oder funkelt, eine ganz merkwürdige Vorliebe besitze. Ich steckte die Sachen zu mir, verabschiedete mich von Ihnen – Sie haben es leider nicht gehört – und verließ das Haus wieder auf einer selbstgefertigten Treppe von Stricken.

Als der Morgen graute, erkannte ich, daß auf die grünen Papiere Nummern gedruckt waren, und das war mir äußerst fatal. Sollten Sie nicht wissen, warum, so erkundigen Sie sich bei einem Londoner Polizisten darnach. Ich sende Ihnen daher die grünen Zettelchen zurück.

Machen Sie guten Gebrauch von ihnen. Das Geschmeide dagegen fand meinen äußersten Beifall, gerade ein solches hatte ich mir schon immer gewünscht. Meine Freude dauerte jedoch nicht lange. In einem Anfall von Zerstörungswut ergriff ich Hammer, Zange und Blechschere und hörte nicht eher auf zu wüten, als bis der schöne Schmuck in lauter kleinen Stücken vor mir lag; keinen Stein ließ ich in seiner Fassung. Als ich wieder zur Besinnung kam, reiste ich nach London und verkaufte, um durch den Anblick der Folgen meiner Zerstörungswut nicht immer wieder unangenehm berührt zu werden, ein Stück nach dem anderen, das Gold hier, die Steine dort, die Perlen wieder bei einem anderen Abnehmer. Ich bitte Sie deswegen um Verzeihung; sobald ich kann, werde ich Ihnen den Schmuck ersetzen. Mich Ihnen zu gelegentlichen Diensten empfehlend, bei denen Dolch und Pistole die Hauptrolle spielen, zeichne ich als Ihr ergebener und aufrichtiger Freund: Die schwarze Maske.«

»Nun, was sagst du dazu?« rief der Franzose erfreut. »Er ist zwar ein Räuber, aber doch ein Kavalier. Gott sei Dank, die Besorgnis wegen des Schmuckes bin ich los; mag er sich mit dem daraus gelösten Gelde amüsieren.«

»Ja, es ist ein großes Glück, daß er die Bedeutung des Schmuckes nicht kennt!« seufzte Phöbe.

Aber sie dachte ganz anders. Sie glaubte nicht, daß Alfons, der den Schmuck ganz sicher erkannt, ihn zertrümmert und verkauft habe.

»Rätselhaft bleibt nur, wie der Räuber den Mechanismus gefunden hat!« sagte sie.

»Ich kann es mir nicht erklären.«

»Fast scheint es, als ob er ihn gekannt habe.«

»Kaum glaublich!«

Phöbe stellte sich, als überlege sie.

»Apropos,« begann sie dann wieder, »könnte nicht der Sohn vom Marquis de Lacoste Alfons heißt er wohl – von dem geheimen Fach gewußt haben?«

»Der? Er ist bereits seit zehn Jahren verschollen; sein Tod kann sogar bewiesen werden, denn das Schiff, das den wegen Duells Verfolgten nach Indien trug, ging unter, und sein Name stand nicht auf der Liste der Geretteten.«

»Er kann aber doch davon gewußt haben, ohne daß sein Vater es ahnte, und das Geheimnis einem anderen mitgeteilt haben.«

»Das wäre die einzige Erklärung. Nun, sei es, wie es will, ich habe das Geld zurück, und der Schmuck ist vernichtet. Ich bin zufrieden.«

»So laß uns jetzt von Eugen und Bega sprechen! Unser Wachthund, Radschah Tipperah, könnte mit seinen schielenden Augen bemerken, daß wir uns mehr mit Privatsachen, als mit denen seines Vaterlandes beschäftigen. Ich habe dir große Enthüllungen zu machen.«

»Ich weiß es, Bega liebt Reihenfels. Ich habe einer innigen Abschiedsszene beigewohnt, als sie sich vor meinem Hause trennten.«

»Und ich der Szene, als sie sich fanden!«

Phöbe begann zu erzählen. Im Steinbruch sei sie vom Regen überrascht worden und in eine Höhle geflüchtet, in welcher die Liebeserklärung der beiden erfolgte.

»Wir wollen beim Frühstück weiter darüber sprechen,« entschied Francoeur; »jetzt bin ich zu aufgeregt. Die schwarze Maske geht mir noch zu sehr im Kopfe herum. Ich werde sehen, ob ich ihn gebrauchen kann, um ihn dann womöglich verschwinden zu lassen. Der Räuber ist vogelfrei, nach ihm kräht kein Hahn, und Tote sind stumm.«

Höhnisch blickte Phöbe dem Hinausgehenden nach. »Adieu, Monsieur Francoeur,« murmelte sie, »ich habe einen anderen Ankergrund gefunden. Dich gebe ich auf. solange ich an deiner Seite lebe, wirst du der schwarzen Maske wenig anhaben können. Du hast recht, mein Alfons: Alte Liebe rostet nicht.«

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