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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 16
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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16. Eine edle Tat

Bereits am frühen Morgen betraten Miß Woodfield und Reihenfels die Hütte Moores, unsers Bekannten aus London. Jetzt lebte die Familie in Wanstead in dürftigster Armut. Die älteste Tochter war vor kurzer Zeit mit Hinterlassung eines Mädchens gestorben.

Miß Woodfield hoffte, in so früher Morgenstunde auch den Vater treffen zu können, denn sonst war er niemals zu Haus zu finden. Doch sie hatte sich abermals getäuscht.

In der unsauberen, dumpfigen Stube wurden die beiden von einer alten, häßlichen Frau empfangen, der Verkommenheit und Stumpfsinn aus den Augen sprachen. Sie war damit beschäftigt, ein kleines Mädchen von etwa drei Jahren anzuziehen, oder besser gesagt, in Lumpen zu wickeln – es war ihre Enkelin, der letzte Sproß der Familie.

»Ist Mister Moore nicht zu Hause?« fragte Miß Woodfield.

»Nein, er ist im Wirtshaus,« entgegnete die Alte.

»Wie? Morgens um zehn Uhr schon im Wirtshaus?« rief die alte Dame entrüstet.

»Er hat wieder gewonnen.«

»Ist das etwa ein Entschuldigungsgrund?«

»Für ihn, ja.«

»Hat er Ihnen nichts von dem Gelde abgegeben?«

»Freilich, er mußte es.«

»Und was haben Sie damit gemacht?«

»Dasselbe, wie er.«

»Das heißt. Sie haben es vertrunken.«

»Natürlich, was soll ich denn sonst damit anfangen? Etwa sparen, damit er mich dann so lange schlägt, bis ich es herausrücke und er es auch noch vertrinkt? Nein, da tue ich das lieber selbst und spare die Schläge.«

»Sie sollten Ihren Mann zur Arbeit anhalten.«

»Jawohl, der wird sich hüten, auf mich zu hören. Ja, wenn noch ein erwachsenes Kind da wäre!«

Die Frau hatte noch nicht jedes Gefühl verloren; sie wischte sich mit dem Ärmel die Augen.

»Liebt denn Ihr Mann seine Enkelin gar nicht? Er sollte ihr wenigstens Kleider kaufen, wenn er Geld hat.«

»Das tut er auch.«

»Wo sind sie denn?«

»Die müssen immer wieder verkauft werden, damit das Kind nicht verhungert.«

»Es ist am besten, wir lassen Ihren Mann einmal holen. Vielleicht gelingt es mir doch noch, sein Gewissen zu rühren. Mister Reihenfels,« wandte sie sich an den am Fenster Stehenden, »würden Sie nicht die Güte haben?«

Reihenfels verbarg mit Mühe seinen Unwillen.

Die Frau selbst kam ihm zu Hilfe.

»Bemühen Sie den Herrn nicht,« rief sie schnell; »eher könnten Sie den Teufel in den Himmel bringen, als meinen Mann aus dem Wirtshaus, solange er noch Geld hat. Ich glaube, das Haus könnte brennen, er würde nicht herbeikommen, wenn Peggy bei ihm ist.«

»Warum gerade Peggy?«

»Nun, für seine Enkelin zeigt er doch noch etwas Liebe. Wenn ich aber verbrennte, da würde er sich nur freuen.«

»So bleibt uns nichts anderes übrig, als selbst nach dem Wirtshause zu gehen,« entgegnete Miß Woodfield und zog die Mantille fester um die mageren Schultern.

»Lassen Sie nur!« sagte die Frau jetzt mit einem Anflug von Gutmütigkeit. »Ich weiß ein Mittel, um ihn nach Hause zu bekommen. Ich schicke Peggy hin, die kann ihn zu allem bewegen, nur nicht zur Arbeit.«

Die Frau zog das Mädchen vollends an.

»Nun geh hinüber und sage dem Vater, er soll gleich nach Hause kommen, der Geldbriefträger wäre da.«

»Das ist aber eine Lüge!« rief Miß Woodfield.

»Das Kind lernt sowieso lügen, ob nun eher oder später, das macht nichts!« war die höhnische Antwort.

Die Kleine war schon hinausgesprungen, sie freute sich auf den Spaziergang.

»Geh aber nicht über den Baumstamm, du könntest in den Bach fallen,« rief die Mutter dem Mädchen nach, »mach den Umweg über die Brücke.«

»Die Großeltern lieben das Kind doch,« flüsterte die alte Dame Reihenfels zu. »Ob man es nicht als Mittel zur Besserung dieser Menschen gebrauchen .könnte?«

»Ich sehe keine Liebe darin, wenn Sie dem Kinde einmal Spielsachen und schöne Kleider kaufen und es dann wieder hungern lassen. Es ist ganz natürlich, daß das Weib dem Kinde die Warnung auf den Weg mitgibt, etwas Verantwortung hat sie doch, etwa so viel, wie ein Hirte für sein Schaf.«

»Hat Charly nichts wieder von sich hören lassen?« fragte Miß Woodfield.

»Wie sollte er! Der ist auch schon lange tot.«

»Haben Sie die Gewißheit? Es kann doch einmal ein Brief von ihm ankommen. Vielleicht hat er es im fernen Lande zu etwas gebracht.«

»Ein Brief?«« lachte die Frau. »Charly hat ja gar nicht Schreiben und Lesen gelernt; wir hatten kein Geld zu so etwas.«

Es verging eine Viertelstunde, und es kam noch niemand.

»Wie weit ist es denn bis nach dem Bierhaus?«

»Höchstens fünf Minuten.«

»Dann könnten sie schon zurück sein.«

»Ja, sie könnten wohl, aber wenn mein Mann gerade einen guten Bekannten getroffen hat, dann ist er nicht so leicht fortzubringen. Vielleicht denkt er auch, der Briefträger kann ja wiederkommen, das heißt, wenn er noch Geld hat.«

Reihenfels stand am Fenster. Nicht weit vom Hause floß ein Bach vorbei, dieser machte dann einen großen Bogen und verschwand im Walde. An der Ecke desselben, für Reihenfels nicht mehr sichtbar, trieb das Wasser eine Mühle, und daneben stand ein Wirtshaus. Dort mußte der Vater sein, denn das Kind hatte die neben dem Bach hinführende Landstraße benutzt.

Da stieß Reihenfels einen Ruf aus, der auch die beiden anderen ans Fenster lockte.

Er hatte gesehen, wie plötzlich zwei Männer über den Weg eilten, dem Bache zu, und ihre Bewegungen verrieten Schreck und Eile.

»Da muß ein Unglück passiert sein!« rief Miß Woodfield.

»Es war mir, als vernähme ich Hufschläge« entgegnete Reihenfels. »Ein Pferd wird durchgegangen sein!«

Um die Ecke bog ein Zug von Arbeitern, Frauen und Kindern, es schien, als würde etwas wie eine Bahre zwischen ihnen getragen. Doch man konnte nichts Deutliches erkennen.«

»Eugen! Dort kommt Eugen!« schrie Reihenfels, plötzlich totenblaß werdend. »Er ist zu Fuß, er ist mit Bega ausgeritten. Wo ist diese?«

»Dort ist sie ja!« rief Miß Woodfield. »Aber, mein Gott, wie sieht sie denn aus? Sie ist ja wie aus dem Wasser gezogen!«

Der Zug näherte sich schnell dem Hause, jetzt konnte man alles unterscheiden.

Vier Männer trugen einen zerlumpten Kerl, welcher ebenfalls ganz naß war und laut jammerte. Es war Peggys Großvater, er wurde in seine Hütte getragen. Eine Frau hielt Peggy auf dem Arm, ihr Kleid troff von Wasser, ebenso wie das von Bega.

Sie schritt neben dem besorgt aussehenden Eugen, ihr durchnäßtes Reitkleid, dessen lange Schleppe sie über den Arm geschlagen, schmiegte sich eng an die schlanke Gestalt an. Den Hut hatte sie verloren, die schwarzen Locken, aus denen Wasser tropfte, hingen wirr um ihr bleiches Gesicht.

Allen voran betrat sie die Hütte und wurde von Miß Woodfield und Reihenfels mit Rufen des Schreckens empfangen.

*

Wie vereinbart fand sich Eugen am andern Tage vor dem Hause des Radschas ein, um Bega zum Spazierritt abzuholen. Diese hieß ihn herzlich willkommen.

Mit ritterlicher Galanterie half Eugen seiner schönen Begleiterin in den Sattel. Monsieur Francoeur und seine Schwester standen am Fenster und winkten den Davonreitenden Abschiedsgrüße nach.

Es wurde ausgemacht, daß Wanstead zu passieren war.

Die Unterhaltung wurde einsilbig geführt. Bega schien sich ganz dem schönen Morgen und der prächtigen Landschaft zu widmen, und Eugen genügte es, heimlich von der Seite die schlanke Gestalt des Mädchens zu bewundern.

Das schwarze, lang herabwallende Reitkleid saß ihr wie angegossen, jede Linie trat sanft abgerundet hervor. Das kleine Barett mit wehenden Straußfedern diente nur zum Schmuck, nicht zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen, denn ihr Teint bedurfte keiner Schonung. Die mit langstulpigen, gelben Handschuhen bekleideten Hände wußten die Zügel so sicher zu führen, so graziös saß das junge Mädchen im Sattel, daß Eugen die Blicke nicht von ihm abwenden konnte.

Sie hatten Wanstead passiert, manches Fenster war geöffnet worden, gar mancher hatte dem schönen, jugendlichen Paare nachgeschaut; Eugens Herz war mit heimlichem Stolz erfüllt worden. Der heißblütige Jüngling war sich nicht mehr im Zweifel darüber, daß Bega ihn liebe, er betrachtete sie schon jetzt als die Seine. Von den Verwandten fürchtete er keine Einwendungen, sie kamen ihm offenbar in jeder Weise entgegen.

»Wohin führt diese Straße?« fragte Bega nach dem Verlassen von Wanstead.

»Sie macht einen großen Bogen, nähert sich wieder der Stadt und führt dann an einem Steinbruch vorbei. Die Gegend ist dort sehr malerisch, man glaubt sich in ein wildes Gebirge versetzt.«

»So wollen wir hin; vielleicht erinnert mich die Landschaft an meine Heimat. Ich habe solange keine Felsen mehr gesehen.«

»Die Wege sind nicht günstig für Pferde.«

»Desto besser, so können wir unsere Tiere probieren!«

»Ihre Heimat ist gebirgig?« fragte Eugen.

»Sehr. Zwischen himmelhohen Bergen liegen wildromantische Talkessel, kaum passierbare, meterbreite Pässe verbinden sie miteinander, und ich kannte kein größeres Vergnügen, als zu Pferd und zu Fuß darin umherzustreifen. Nur schade, daß man in Indien immer von zahlreichen Dienern umgeben sein muß, einsame Spazierritte habe ich nicht kennen gelernt. Es erfordert einmal die dortige Sitte, daß man stets ein Gefolge bei sich hat, die Sicherheit erheischt es.«

»Auch hier sind in letzter Zeit, kurz bevor Sie herzogen, mehrere räuberische Überfälle vorgekommen. Eine einsame Villa ist geplündert und mehrere Reisende sind auf der Landstraße angehalten und ihrer Barschaft beraubt worden.«

»Wie ist das möglich?« rief Bega erstaunt. »Hier, wo man in jedem Menschen, ob arm oder reich, in Lumpen oder elegant gekleidet, einen Detektiv vermuten kann!«

Bega zügelte ihr Tier zum langsamen Schritt, sie wollte das vor ihr sich ausbreitende Panorama mit Muße genießen.

Neben der Landstraße schlängelte sich ein breiter, reißender Bach hin, in der Ferne zur rechten Hand sah man kleine Hütten stehen, noch zu Wanstead gehörend, und auf der linken Seite erhob sich eine Mühle, daneben ein kleines Haus, anscheinend eine Schenke, denn es standen mehrere Fuhrwerke davor.

Schäumend ergoß sich das Wasser auf die Mühlräder, sie in schnelle Umdrehung bringend. Dahinter führte eine einfache Brücke über den Bach, doch vor der Mühle lag auch noch ein nach oben abgeplatteter Baumstamm über dem Wasser, den Mühlknappen als Steg dienend.

Eugen deutete auf eine Hütte.

»Dort ist das Haus, welchem heute morgen Miß Woodfield und mein Lehrer einen Besuch abstatten wollten. Es ist eine vergebliche Mühe.«

»Trotzdem, Miß Woodfield hat eine edle Gesinnung, ich wünschte, sie hätte Erfolg. So ist sie jetzt dort im Hause?«

»Wahrscheinlich, und liest aus der Bibel vor. Aber die Leute wollen Geld von ihr haben, das gibt sie ihnen nicht, und so ist sie nicht gern gesehen.«

»Mister Reihenfels ist auch dort?«

»Ja, er begleitete Miß Woodfield.«

»So besitzt er also auch ein gegen Armut und Unglück mitleidiges Herz,« sagte Bega mehr zu sich selbst.

»Das mag er wohl haben, aber solche Leute, deren Unglück ihre eigene Schlechtigkeit verschuldet hat, bemitleidet er nicht. Tun Sie es Miß Bega?«

»Ja, und ich helfe gern, auch wenn mir meine Religion es nicht vorschriebe. Wir müssen einem Unglücklichen beistehen, auch wenn er noch so tief gesunken ist.«

»Wenn das Miß Woodfield hörte, würde Sie sich sehr freuen.«

»Wieso?«

»Nun, gestern abend, als wir zu Hause waren, sprach sie nicht besonders gnädig über Sie.

Sie hält es für unpassend, wenn ein junges Mädchen sich mit körperlichen Hebungen abgibt.

Ihr Ideal ist ein Mädchen mit dem Strickstrumpf in der Hand, die Augen niedergeschlagen und nur ja und nein antwortend, wenn es gefragt wird.«

Bega brach in ein heiteres Lachen aus.

»Sprach sie davon zu Lady Carter?«

»Nein, zu ihrem Liebling, zu Mister Reihenfels. Weil er ernst und kein Freund von Zerstreuungen ist, hält Sie ihn für einen frommen Menschen und zeigt ihm besonderes Vertrauen.«

»Und was sagte Mister Reihenfels?« fragte Bega, wieder ernst werdend.

»Nur wenig, wie er gestern abend überhaupt sehr wortkarg war. Er nickte nur immer zu ihren Auseinandersetzungen.«

»Also hält auch Mister Reihenfels mich für ein herzloses Geschöpf, das sich mehr für ihre Pferde als für den Mitmenschen interessiert?«

»Das hat er nun nicht gerade gesagt; allerdings schien es, als dächte er so. Machen Sie sich aber nichts daraus. Ich achte Reihenfels, doch er mißt alle Menschen nach einem sehr altväterischen Maßstabe. Sehen Sie, dort kommt der Mann, von dem ich Ihnen vorhin erzählt habe, aus der Schenke, er trägt seine Enkelin auf dem Arme. Er ist betrunken. Wie er wankt! Na, da werden die beiden Bekehrer einen schweren Stand haben.«

Bega hatte das Pferd wieder in Trab gesetzt, ihr Gesicht war gerötet, ihre Lippen waren fest zusammengepreßt, als hätte sie etwas Unangenehmes oder Beleidigendes gehört.

Jetzt sah sie den Mann, und er gab ihren Gedanken eine andere Richtung.

»Der Mann will doch nicht etwa mit dem Kind über den schmalen Stamm gehen?« rief sie erschrocken. »Er ist ja total betrunken; er wird ins Wasser stürzen!«

»Ein kaltes Sturzbad könnte ihm nichts schaden.«

»Aber die Mühlräder –« Bega gab dem Pferde plötzlich so heftig die Sporen, daß es hoch aufbäumte und dann den Weg in langen Sprüngen hinabjagte. Eugen sprengte ihr nach, konnte sie aber nicht mehr einholen.

Er wurde Zeuge einer Szene, die ihm das Blut in den Adern stocken ließ. Der Mann hatte wirklich den schmalen Baumstamm betreten, ohne die Gefahr zu bemerken, der er sich dadurch aussetzte. Einige Schritte ging er sicher, dann schien er das Wasser rauschen zu hören, blieb stehen, schaute unter sich, ging schwankend weiter; plötzlich strauchelte er und stürzte.

Er fiel mit der Seite auf den Baumstamm, versuchte sich festzuklammern, stieß einen Jammerruf aus und ließ das Kind ins Wasser stürzen. Ihm selbst gelang die Rettung ebenfalls nicht, auch er verschwand unter der brodelnden Wasseroberfläche.

Aus der Schenke und aus der Mühle eilten Leute mit Stangen herbei, hatten den Unglücksfall gesehen; doch schon jagte Bega an ihnen vorbei. Mit einem Sprung war sie vom galoppierenden Pferd herab und stand am Ufer, nahe am Mühlrad.

Der Mann ward inzwischen von den Herbeigeeilten gerettet. Von dem Kind war vorläufig noch nichts zu sehen.

Da tauchte aus der schäumenden Flut etwas Weißes auf, nicht weit von dem tosenden Mühlrad entfernt. Die Männer schrieen und fischten mit den Stangen danach – vergebens.

Nur eine halbe Minute noch, dann mußte es zwischen den Rädern zermalmt werden.

Schon war es wieder untergetaucht.

Bega war mit einem Satze verschwunden, etwas stromabwärts von dort, wo vorhin das Kind aufgetaucht war.

Die Männer standen erst wie erstarrt da, sie hielten das tollkühne Mädchen für verloren.

Doch da hob sich schon wieder ihr Kopf aus dem Wasser, neben ihm erschien der des Kindes. Sie hielt es im Arm; vom Ufer streckte man ihr Stangen entgegen, und eben, als der sprudelnde Gischt sie verschlingen wollte, bekam sie mit der freien Hand eine zu fassen und wurde ans Ufer gezogen. Der unterdes ebenfalls abgesprungene Eugen half ihr den Damm herauf, weil das lange, nasse Reitkleid sie am Gehen hinderte.

Das Kind wurde ihr abgenommen. Hochaufatmend strich sie sich die triefenden Haare aus dem Antlitz.

»Ist der Mann auch gerettet?« war ihre erste Frage.

»Dort liegt Moore,« entgegnete einer. »Er hat sich beim Sturz auf den Baum das Bein gebrochen oder verrenkt.«

»Schade, daß der Lump nicht ertrunken ist!« fügte ein anderer hinzu.

»So tragt ihn nach Hause, ich komme selbst mit!« entschied Bega.

Einige Männer suchten die frei umherlaufenden Pferde zu fangen, die anderen schlossen sich dem Zuge an, der sich Moores Hütte zubewegte.

Allen voran schritt Bega. Mit stiller Bewunderung blickte man ihr nach, und auch Eugens Augen hingen an der schönen Gestalt, deren nasses Kleid die Formen ihres Körpers deutlich erkennen ließ.

Bega blieb plötzlich stehen und maß ihn mit finsteren Augen. Sie ahnte, was seine Aufmerksamkeit fesselte.

»Sie werden sich erkälten!« stammelte er.

»Ich hoffe nicht, und wenn, so schadet es nichts« entgegnete Bega kalt. »Wollen Sie nicht nach unseren Pferden sehen?«

»Ich kann Sie jetzt nicht verlassen!«

»So kommen Sie mit!«

Bega begab sich zu dem Kinde. Es lebte und war bei Bewußtsein. Des Mannes Rausch war verflogen. Er jammerte und wand sich in den Armen seiner Träger.

Bei der Hütte angekommen, hieß Bega nur den Mann hineintragen, alle übrigen sollten draußen bleiben. Sie selbst nahm das Kind auf den Arm und betrat nebst Eugen das Innere.

»Miß Bega,« rief Miß Woodfield erstaunt, »Sie haben ein Menschenleben gerettet!«

»Ich habe nichts weiter getan, als was ich tun mußte« war die ruhige Antwort.

Ohne die übrigen, am allerwenigsten Reihenfels, zu beachten, ließ sie den Mann auf das Bett legen, wo sein Jammern sofort aufhörte, und begann selbst das Kind zu entkleiden, nachdem Sie von der Frau trockene Kleider gefordert hatte.

Die Frau rannte schreiend in den zweiten Raum der Hütte, man hörte sie dort herumlaufen, aber sie kam nicht wieder heraus. Bega hielt das entkleidete Kind auf dem Schoß; Miß Woodfield rang ganz überflüssigerweise die nassen Sachen aus, und Reihenfels und Eugen beschäftigten sich mit dem Mann.

Nach einem Arzt war schon geschickt worden.

»Wo bleibt denn die Frau mit den trockenen Sachen?« fragte Bega schließlich.

»Mein Gott, daß ich nicht gleich daran gedacht habe,« rief Miß Woodfield und schlug sich vor die Stirn.

»Die Leute besitzen ja nichts, als was sie auf dem Leibe haben.«

»Daran hätten Sie eher denken können, wenn Sie öfter in diesem Hause verkehren.«

Die alte Dame nahm diese Zurechtweisung von dem jungen Mädchen demütig hin, sie kam sich plötzlich ihm gegenüber so furchtbar überflüssig vor.

Da trat eine Bauernfrau herein mit einem Bündel Sachen unter dem Arme.

»Hier sind Kleider für das arme Wurm und auch für Sie, Miß,« sagte sie gutmütig.

»Ziehen Sie sich schnell um, sonst holen Sie sich den Tod. Überlassen Sie mir das Kind einstweilen!«

Bega ging in das Nebenzimmer. Nach einigen Minuten kam sie, wie ein Bauernmädchen gekleidet, wieder heraus.

Miß Woodfield war, das Kind auf dem Arme, zu dem Manne getreten, der ruhig, anscheinend ohne Schmerzen, dalag, die Augen scheu bald auf das Kind, bald auf die alte Dame richtend.

Sie hielt die Zeit für günstig, auf das Herz des Trunkenbolds einen energischen Angriff zu machen.

»Sehen Sie nun, wozu Ihr lasterhaftes Leben führt?« begann sie. »Hätte sich Gott in seiner Allgüte nicht Ihrer angenommen, so wären Sie zum Mörder an diesem Kinde geworden.

Entweder hätten Sie selbst sofort vor seinen Richterstuhl treten müssen, oder Sie hätten sich Zeit Ihres Lebens als Mörder anzuklagen. Mensch, haben Sie denn gar kein Gewissen mehr? Kommt Ihnen beim Anblick dieses unschuldigen Kindes nicht Ihr furchtbares Lasterleben vor Augen, so sind Sie auch nicht wert, es fernerhin zu behalten, ich werde es ...«

»Das Kind gehört mir und nicht Ihnen, denn ich habe es dem Leben erhalten und nicht Sie!« sagte hinter Miß Woodfield eine Stimme, und die sich umwendende Dame sah Bega vor sich stehen, die Sie mit zornigen Augen anfunkelte. »Lassen Sie sich meine Worte nachher von Mister Reihenfels erklären. Und damit Sie nicht wieder verderben, was das Schicksal zum Besten gewendet hat, muß ich Sie auffordern, dies Haus zu verlassen. Hier, nehmen Sie Ihre Bibel mit!«

Miß Woodfield glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen.

»Was – was sagten Sie?« stammelte sie.

»Sie möchten das Haus verlassen. Dort kommt ein Wagen, er bringt den Arzt – Ihre Gegenwart ist überflüssig.«

Das Mädchen wies mit der Hand nach der Tür, und ehe Miß Woodfield noch zur Besinnung gekommen, legte Reihenfels seinen Arm in den ihren und zog sie hinaus.

»Mister Carter,« wandte sich Bega an Eugen, »die Pferde sind eingefangen, wie ich sehe.

Wollen Sie das Ihre besteigen und Monsieur Francoeur von dem Vorgefallenen benachrichtigen, damit er mir einen Wagen schickt? Ich bitte Sie darum!«

Eugen ging still hinaus.

»Was sagen Sie nun dazu?« begann endlich Miß Woodfield zu ihrem Begleiter, aus halber Betäubung erwachend.

»Ich finde, daß mir und ganz besonders Ihnen recht geschehen ist.«

»Wieso?«.

»Sie haben gestern abend nicht günstig über Bega gesprochen. Sie haben sie ein herzloses Geschöpf genannt, und ich, ich habe Ähnliches gedacht. Jetzt zeigt sich, daß wir beide im Irrtum gewesen sind.«

»Es fragt sich überhaupt noch, ob Miß Bega ferner Anteil an denen nimmt, die sie gerettet hat. Vielleicht hat sie das Rettungswerk nicht aus Nächstenliebe getan, sondern nur, um ihren Mut zu zeigen, wie es so häufig vorkommt. Solche Taten gelten bei Gott nichts.«

»Kennen Sie die indischen Religionen?«

»Nein.«

»Dann verstehen Sie auch nicht, was Bega zu Ihnen sagte: Dies Kind gehört von jetzt ab mir!«

»Nein, Sie sollten es mir erklären.«

Die Indier betrachten alle Wesen, Tiere und Pflanzen als einen Teil ihres eigenen Ichs und rufen sich dies durch das sogenannte große Wort, durch die Mahavakya, immer wieder ins Gedächtnis. Dieses große Wort lautet >Tat-twam asi< dies bist du, man hört es in Indien jeden Tag unzählige Male. Ob man einen Menschen quält, ein Tier schindet oder eine Blume zwecklos bricht, ist bei dem strenggläubigen Buddhisten ganz dasselbe. Der Hindu, dem die Gelegenheit geboten worden ist, irgend ein Geschöpf, Mensch oder Tier, vom Tode zu erretten, hat sein eigenes Ich gerettet, und die Religion gebietet ihm, dieses Geschöpf fernerhin ganz als sich selbst zu betrachten. Er muß es noch mehr lieben, als sich selbst, auch wenn es früher sein Todfeind war.«

»So glauben Sie, Miß Bega würde sich dieser Familie noch fernerhin annehmen?«

»Wenn sie eine wahre Buddhistin ist, ja. Sie muß dann das Kind wie ihre Schwester, den Mann wie ihren Vater behandeln.«

»Nun,« sagte Miß Woodfield energisch, »habe ich mich in ihr getäuscht, so will ich die erste sein, welche sie öffentlich um Verzeihung bittet!«

In den nächsten Tagen ließ Bega sich weder im Hause von Lady Carter sehen, noch durfte Eugen, zu seinem maßlosen Kummer, den Unterricht mit ihr teilen. Sie hatte eine Erkältung davongetragen und mußte das Bett hüten.

Als sie genesen war, trat eine Änderung der Verhältnisse ein, welche Reihenfels schwer kränken mußte, doch der stolze, junge Mann ließ sich nichts merken.

Auf Begas Bitte hatte Monsieur Francoeur aus London einen anderen deutschen Lehrer für sie und Eugen kommen lassen. Besuchte Sie Lady Carter, was auf der letzteren dringende Bitte oft geschah, so ignorierte sie Reihenfels vollkommen, so daß sich dieser von der Gesellschaft bald völlig abschloß und das Haus des Radschas gar nicht mehr betrat. Er grübelte nicht mehr darüber nach, wodurch er sich diese Verachtung Begas zugezogen hatte, und schlug sich das Mädchen aus dem Sinn.

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