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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 12
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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12. Die Waldfee

Nicht weniger als fünfzehn Jahre waren seit dem Kindesraub verstrichen, und von Eugenie wie auch von Sir Carter, Kiong Jang und Timur Dhar hatte man nichts wieder gehört.

Man stellt sich England häufig als eine Insel vor, der jede landschaftliche Schönheit abgeht – mit eng aneinanderliegenden Städten, deren unzählige Fabrikschlote Rauch und Ruß speien. Aber auch England besitzt genug landschaftliche Reize; große Seen mit wunderbarem Panorama, mächtige Wälder und wild zerklüftete Gebirgsmassen.

Noch heutzutage erstreckt sich ganz in der Nähe von London, das Dörfchen Wanstead einschließend, ein meilenweiter Wald. Nur eine Landstraße führt hindurch, sonst kein Weg und Steg, aber kein Verbot hindert das Betreten des Waldes oder das Abpflücken der Zweige.

Es ist noch ein kleiner Urwald, und der Engländer ist stolz auf dieses Stückchen Erde, auch ohne Verbot vermeidet er dort jeden Baumfrevel.

Knorrige Eichen bilden hier mit ihren Laubdächern Dome; keine Axt legt sie zur Erde, nur ihr Alter oder die Witterungsunbilden, und dann bleiben sie so liegen, wie sie umgefallen sind. Undurchdringliche Büsche versperren dem Wanderer den Weg, an ihnen winden sich wilde Rosen und Brombeerranken empor.

Hier war einst das Reich von Robin Hood, und noch gibt es Bäume, in die der Herrscher der freien Waldritter sein Zeichen eingeschnitten hat. Später wurde der Wald Besitz von einigen Privatleuten, jetzt ist er Gemeingut. – An einem heißen Sommernachmittag lag dort im Schatten einer Eiche ein junger Mann, neben ihm ruhte die doppelläufige Büchse im Gras.

Doch der Jäger mußte friedlichen Sinnes sein, sonst hätte er sich die Gelegenheit zum Schuß nicht entgehen lassen. Vor ihm auf einer Lichtung graste sorglos ein Rudel Rehe. Sie sahen den Jäger nicht, und dieser hütete sich, sie zu stören.

Den Kopf auf beide Hände gestützt schaute er sinnend den reizenden Tieren zu.

Man konnte ihn vielleicht auf achtzehn Jahre schätzen, wenn er nicht einen südländischen Typus besessen hätte. Die braune Haut war samtartig, die Nase leicht gebogen und die dunkeln Augen etwas geschlitzt. Die volle Oberlippe zierte ein schwarzes, seidenweiches Bärtchen.

Jetzt wurde seine Aufmerksamkeit von etwas anderem gefesselt.

Von seinem Platze aus konnte man zur rechten Hand die Landstraße sehen, wie sie sich gleich einem weißen Band durch Wiesen schlängelte, ab und zu hinter einem Hügel verschwand und schließlich sich ganz im Dunkel des Laubwaldes verlor.

An ihr lag zwischen zwei Hügeln ein Haus, dessen Aussehen auf hohes Alter deutete; aber es war doch vor gar nicht so langer Zeit erst aufgeführt worden. Man hatte nur alte, unbehauene Bausteine dazu verwendet und eine Art von Ritterburg geschaffen. Dieses Haus war zum Gasthof eingerichtet worden und hatte zum Andenken an den einstigen Herrscher des Gebietes den Namen Robin Hood erhalten.

Der Besitzer des Bezirks, in dem es lag, war ein französischer Marquis, der in England ein mütterliches Erbteil besaß, und er hatte, weil er sich nicht in England aufhielt, es ihm also auch gleichgültig war, ob die idyllische Schönheit seines Besitzes durch die Gegenwart eines lärmenden Gasthofes verlor oder nicht, dem Unternehmer den Bau gestattet.

Vor diesem Gasthof hielten eine Menge großer, schwerer Wagen von einer Konstruktion, wie der Beobachter unter dem Eichbaum sie noch nie erblickt hatte. Sie sahen aus wie Möbelwagen, waren aber anscheinend aus Rohr geflochten. Daß sie schwer waren, schloß er daraus, daß vor jeden drei Pferde gespannt waren. Aus ihnen wurden allerlei Gegenstände ins Haus getragen, die der großen Entfernung wegen nicht zu erkennen waren. Dann zogen die Pferde an, und die Wagen rollten die Landstraße entlang, bis sie im Walde verschwanden.

»Es mögen fremdländische Möbelwagen gewesen sein. Was aber wollen sie hier?«

murmelte der Jüngling. »Mir gleichgültig, nach unserem stillen Hause kommen sie keinesfalls.«

»Sein hübsches Gesicht nahm plötzlich einen traurigen Ausdruck an, wie Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem sprach es aus seinen dunklen Augen.

Seufzend drückte er die Jägerkappe auf das kurzgehaltene, schwarze Haar, faßte das Gewehr und sprang mit einem Ruck auf die Füße. Die erschrockenen Rehe flohen in weiten Sätzen davon.

»Das war nicht schön, die armen Tiere so zu erschrecken,« sagte da hinter ihm eine helle Mädchenstimme in einem eigentümlich akzentuierten Englisch.

Schnell drehte der Jäger sich um, und ließ erstaunt die Büchse fallen Er griff sich an die Stirn, er glaubte zu träumen. Gab es denn hier im Walde noch Zauberinnen oder Feen? Vor ihm stand eine wunderbare Erscheinung, ein junges Mädchen, welches entweder in ein orientalisches Frauengemach oder aber auch in eine Seiltänzergesellschaft eher gepaßt hätte, als in diesen Wald.

Unter einem nur bis an die Knie reichenden weißen Röckchen sahen weite, weißseidene Beinkleider hervor, reich mit Gold gestickt, die an den feinen Knöcheln zusammengeschnürt waren. Man sah noch das Muster von durchbrochenen Strümpfen, dann umschloß ein goldgelber Schuh den kleinen Fuß. Den Oberkörper verhüllte ein faltiges, ebenfalls weißes Hemd, den Hals und den obersten Teil der Brust freilassend, den zarten Busen jedoch verhüllend. Darüber trug die Unbekannte ein kurzes Jäckchen aus rotem Samt mit weiten Ärmeln, mit goldenen Stickereien übersät. Es war vorn offen und ließ das weiße Obergewand sehen. Um den Kopf schlang sich eine Art von rotem Turban, der weiße Schleier war Zurückgeschlagen und hing auf den Rücken herab.

Das Mädchen war mittelgroß, schlank und zart gebaut, aber kräftig und zeigte die graziösesten Formen.

Ihr Gesicht, Hals und Brust und die freigelassenen Arme zeigten eine braune Haut von samtartigem Glänze, ähnlich der des vor ihr stehenden Jünglings. Unter dem Turban stahlen sich kurze, schwarze Locken hervor, die Nase war nach griechischem Muster, klein und gerade, der kleine Mund voll, die Ohren zierlich wie alle Gliedmaßen.

Mit einem Ausdruck von Spott hatte sie die schwarzen Augen, aus denen Geist und Frohsinn blitzten, auf den Jüngling geheftet. Sie weidete sich augenscheinlich an seiner namenlosen Überraschung.

»Wer bist du?« brachte er endlich hervor. Er war nahe daran, vor ihr auf die Knie zu sinken und sie anzubeten.

»Ich bin die Königin des Waldes,« entgegnete ihre weiche Stimme.

Der junge Mann merkte nicht den Spott, er schien geneigt, daran zu glauben.

»Die Königin?«

»Ja, ich heiße Begum.«

»Begum ist ein indischer Name und bedeutet zugleich Königin,« murmelte er.

»Du bist Indier?«

»Ja.«

»Wie kommst du hierher?«

»Wir wohnen dort,« entgegnete er willenlos, eine Handbewegung nach rückwärts machend.

»Wer sind deine Eltern?«

»Meine Mutter ist die Lady Carter, mein Vater ist tot.«

»Engländer?«

»Ja.«

»Das ist ja nicht möglich, wenn du ein Indier bist!«

»Sir Carter hat mich adoptiert.«

»Bist du Christ?«

»Ja.«

Der kleine Mund verzog sich unwillig. »Das ist nicht recht, daß du Buddha verleugnest.«

»Ich bin so erzogen worden,« entschuldigte er sich demütig, als wäre er bereit, sofort seine Religion zu wechseln.

»Wohnst du weit von hier?«

»Fast eine Meile.«

»Weißt du, auf wessen Gebiet du dich befindest?«

»Es gehört dem Marquis von Lacoste.«

»So hast du also auf fremdem Gebiete gejagt.«

»Ich habe nicht gejagt.«

»Ich habe dich mit dem Gewehr darauf getroffen. Ich müßte es dir eigentlich wegnehmen.«

Da wurde der Jüngling stutzig. Wer war sie denn, daß sie ihn so ausfragen und so auftreten durfte? »Und wer bist du?«

»Du bist ein Indier, und ich bin eine indische Königin,« rief sie hoheitsvoll, die Hand gebieterisch ausstreckend, »also hast du mir zu gehorchen!«

Er wurde wieder eingeschüchtert. Sein Auge hing trunken an der schönen, fremdländischen Erscheinung. Er bemerkte dabei nicht, daß der gebietende Ernst des Mädchens nur ein erkünstelter war, daß es mit Mühe ein Lächeln unterdrücken konnte.

»Ich müßte dir, wie gesagt, jetzt eigentlich dein Gewehr wegnehmen,« fuhr sie fort, »denn du hast es auf fremdem Revier getragen. Aber ich will es dir lassen, wenn du mir zeigst, daß du es zu gebrauchen verstehst. Wie ist dein Vorname?«

»Eugen.«

»So nimm dein Gewehr und ziele dort nach dem Astloch,« sagte sie und deutete vorwärts.

»Das ist zu weit, ich kann es kaum sehen.«

»Schieße danach, ich will es haben.«

Mechanisch hob er das Gewehr auf und legte an. Das Astloch in der Eiche war fünfzig Meter von seinem Platze entfernt und so klein, daß er es nicht gesehen hätte, wenn es ihm von dem Mädchen nicht beschrieben worden wäre.

Seine Hand zitterte, es flimmerte ihm vor den Augen. Wie hätte er jetzt treffen können! »Schieß! »befahl es hinter ihm.

Er schoß. sicher, gefehlt zu haben.

»Gefehlt!« lachte die helle Stimme, und gleichzeitig ertönte hinter ihm ein Geräusch, als ob sie mit den Fingern schnalzte.

Eugen erwartete jetzt nichts anderes, als daß sie ihm sein Gewehr abverlange, und er hätte es gehorsam hingegeben. Aber es kam keine solche Aufforderung, und als er sich umdrehte, war das Mädchen verschwunden.

Blitzschnell schoß es ihm durch den Kopf, wie unbeholfen er sich benommen. Er hatte sich ausfragen lassen, ohne selbst gefragt zu haben. Wer war das schöne Mädchen in dem reichen, orientalischen Kleide? Eine Indierin, hatte sie gesagt. Wie kam sie hierher? Wo wohnte sie? Wie konnte sie hier so gebieterisch auftreten? Er wollte nachholen, was er versäumt hatte. Sie fragen und zur Rede stellen. Eugen war erst fünfzehn Jahre alt, aber schon ein Mann dem Geist und Körper nach, denn seine Heimat war Indien, wo in diesem Alter die Söhne schon Familie haben. Das junge Mädchen hatte auf Eugen einen übermächtigen Eindruck gemacht.

Er sprang hinter die nächsten Bäume, hinter die Büsche, er eilte immer weiter, bald vor-, bald rückwärts, er spähte umher, aber vergebens – die schöne, weiße Gestalt war verschwunden.

Das Blut des Indiers begann zu kochen, er jagte durch die Büsche, daß die Dornen seine Jagdkleidung zerfetzten, bis er schließlich erschöpft zusammensank.

Doch gleich sprang er wieder auf.

Dort an jenem Baume hatte er gestanden, als er geschossen hatte, an ihm befand sich, nur wenige Fuß über dem Boden, das Ziel, das Astloch, und er sah, daß in dasselbe eine Kugel eingedrungen war.

War es die seinige? Unmöglich, das Loch war viel zu klein. Er zog sein Jagdmesser und grub zu seinem Erstaunen eine kleine Bleikugel aus dem Holze. Sie war nur erbsengroß.

Wie kam Sie hierher? Da erinnerte er sich, daß er gleich nach seinem Schuß ein Geräusch gehört hatte wie das eines ganz schwachen Peitschenschlages. So mußte also das Mädchen geschossen haben; aber was für eine Waffe war das, die nicht knallte? Er dachte nicht lange darüber nach; er steckte die Kugel als Andenken ein und ließ wieder seine Phantasie spielen. Immer wieder gaukelte diese ihm die holdselige Erscheinung vor mit dem kurzen Röckchen, den schwarzen Augen, die ihn halb gebieterisch, halb schelmisch angefunkelt hatten.

Ein Knacken des Buschwerkes weckte ihn aus seinem Brüten.

Vor ihm stand schwanzwedelnd ein gescheckter Jagdhund. Dann knackte wieder das Gebüsch, und ein einfach gekleideter junger Mann trat hervor.

Eugen sprang auf; er erkannte seinen Hauslehrer und Erzieher, vor dem er große Ehrfurcht besaß.

»Sie liegen hier und träumen?« rief der junge Mann etwas ärgerlich. »Wir erwarten sie schon seit einer Stunde vergebens zum Essen, und so machte ich mich schließlich selbst auf die Suche. Hätte ich nicht Brutus auf Ihre Fährte gehetzt, ich würde Sie in diesem undurchdringlichen Walde nimmermehr gefunden haben.«

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und warf sich ins Gras.

»Fünf Minuten Pause, dann machen wir uns auf den Rückweg. Doch, Eugen, Sie sehen ja ganz verstört aus! Und wo ist denn der Braten, den Sie mitbringen wollten?«

»Ich habe nichts geschossen, Mister Reihenfels!« entgegnete Eugen und legte sich ebenfalls wieder hin. »Ich befinde mich hier auf fremdem Gebiet!«

»So, und warum? Nun, meinetwegen schweifen Sie herum, wo Sie wollen, wenn Sie Ihre Arbeiten erledigt haben. Ich bringe Ihnen übrigens eine frohe Nachricht, Eugen. Ich habe vorhin ernstlich mit Ihrer Frau Mutter über Ihren Wunsch gesprochen, und sie ist nicht abgeneigt, im Herbst nach London zu ziehen und Sie in die Gesellschaft einzuführen.«

»Ich mag nicht mehr, ich will hierbleiben!« murmelte Eugen.

Reihenfels richtete sich halb empor und blickte seinen Pflegebefohlenen scharf an. Er war selbst noch sehr jung, hatte das zwanzigste Jahr kaum überschritten, bildete aber zu Eugen einen Gegensatz, wie ein erfahrener Mann zu einem Kinde.

Das ernste, männliche Gesicht zeigte einen Ausdruck von unbeugsamer Energie; hinter der hohen Stirn mußten ideale Gedanken ruhen, und die blauen Augen blickten so klar und scharf, als könnten sie das Unergründlichste enträtseln.

»Mein lieber Eugen, dieser Wankelmut gefällt mir durchaus nicht. Seit einem halben Jahr bedrängten Sie Ihre Frau Mutter mit Bitten, ihren geliebten Waldaufenthalt aufzugeben und mit Ihnen nach London zu ziehen, und nun, da sie aus Liebe zu Ihnen nachgibt, ändern Sie Ihren Entschluß. Was soll das?«

»Ich habe eine Waldfee erblickt, und ihren Aufenthalt will ich entdecken!« rief Eugen enthusiastisch.

Wieder schaute Reihenfels seinen Zögling scharf an, diesmal aber mehr besorgt als unwillig.

»Eine Waldfee? Mein lieber Eugen, die Zeiten der Feen und Gnomen sind vorüber. Als Philosophen zuerst ihre Existenz bezweifelten, haben sie sich tief beleidigt in eine Einsamkeit zurückgezogen und erschienen nur noch gläubigen Menschenkindern; als Chemiker die Irrlichter für leuchtende Gase erklärten, entflohen sie ganz, und als die erste Lokomotive pfiff, sind sie gestorben. Sie konnten das Getöse dieser Ungeheuer und die mit Rauch erfüllte Luft nicht vertragen.«

»Spotten Sie nicht, mir ist eine erschienen!«

Eugen erzählte offen, was er erlebt hatte, und als er so begeistert die schöne Gestalt der Fremden schilderte, da wurde das Gesicht Reihenfels' noch besorgter. Er ahnte, was in dem Herzen seines Zöglings vorgegangen war, doch er ließ sich nichts merken.

»Also geschossen hat sie auch?« lachte er zuletzt. »Na, dann ist es nicht schlimm. Feen schießen niemals!«

»Aber es knallte nicht!«

»Es knallte nur schwach, wie Sie sagten. Zeigen Sie mir die Kugel!«

Er untersuchte diese und die Stelle, wo sie eingeschlagen war.

»Sie hat sich einer sogenannten stummen Taschenpistole bedient, das ist alles,« sagte er dann.

»Aber bedenken Sie diese Entfernung, dieses kleine, kaum sichtbare Ziel, und dazu noch eine Pistole.«

»Mir erscheint es nicht so besonders bewundernswert, mit einer Pistole gut zu schießen.

Es gibt schwerere Sachen. Das kann jeder Dummkopf, wenn er eine ruhige Hand und ein sicheres Auge besitzt und sich lange genug übt.«

»Wie können Sie das Mädchen einen Dummkopf nennen!« rief Eugen entrüstet.

»Ich sprach ja gar nicht von ihr. Doch kommen Sie, Eugen, ich will Ihnen eine Erklärung zu Ihrer rätselhaften Waldfee geben.«

»Sie könnten es wirklich?«

Schnell sprang Eugen auf, ergriff sein Gewehr und folgte dem Erzieher. Während sie sich durch die Büsche drängten und über gestürzte Baumstämme setzten, sagte Reihenfels: »Das Mädchen meinte, Sie wären auf fremdem Gebiet?«

»So sagte Sie.«

»Sie werden auf ihrem Gebiet gewesen sein. Haben Sie noch nicht gehört, daß unser Nachbar, der Marquis von Lacoste, seinen Besitz mit der hübschen Villa verpachtet oder verkauft hat?«

»Keine Silbe!«

»Es ist so; Jeremy erzählte es mir. Schon seit einigen Tagen bewohnt ein Franzose mit wenigen Dienern das leere Haus; sie haben sich eingerichtet, so gut es ging, und die Möbel sollen täglich eintreffen.«

»Und das Mädchen?«

»Mag die Tochter des Franzosen sein.«

»Sie war eine Indierin.«

»Das glauben Sie, weil sie es sagte. Wie war ihr Name?«

»Sie nannte sich Begum.«

»Begum heißt zwar Königin, als Vorname ändert man ihn aber in Beguma oder Bega um.

Wie alt war sie?«

»Ich schätze sie auf fünfzehn Jahre.«

»Wenn sie eine Indierin war, dann müßte sie Ihrer Beschreibung nach erst zehn bis zwölf Jahre alt sein. Ihr Vater, der Franzose, kann ja auch eine Indierin zur Frau haben oder sie ist gar nicht seine Tochter.«

Eugen war unbefriedigt von dieser Erklärung. Er seinerseits glaubte, daß das Mädchen mindestens eine indische Königstochter sei, die England einmal besuche.

Während ihrer Unterhaltung hatten beide das Waldhaus erreicht, das nach den früheren Plänen Sir Carters entworfen worden war und das Aussehen eines kleinen Jagdschlosses erhalten hatte, viel zu groß für die einsame Frau, die nun schon seit zehn Jahren den Witwenschleier trug.

Eugen erkundigte sich im geheimen, wer die Villa des Marquis de Lacoste bezogen habe, und erfuhr, es sei ein Franzose und eine Dame mit zahlreicher Dienerschaft, die durchweg aus Indiern bestände, also mußte der fremde Herr wohl auch aus Indien kommen. Die Möbelwagen wären die seinigen gewesen. Von einer Tochter wollte man nichts wissen, wie überhaupt nur wenig über die neuen Herrschaften bekannt ward. Sie hatten sich noch nicht sehen lassen, und im Carterschen Hause lebte man selbst zurückgezogen.

Endlich faßte Eugen einen Entschluß; er wollte sich in die Nähe des Hauses schleichen, vielleicht war ihm das Schicksal günstig und führte ihm das Mädchen wieder in den Weg.

Eines Morgens schützte er Kopfschmerz vor; er wollte einen Spaziergang machen und wanderte die Landstraße hinab, an der etwas abseits die Villa des Franzosen lag. Als Eugen das weiße Gebäude durch das Laub des Waldes schimmern sah, begann ihm das Herz zu schlagen. Sollte er es wagen und den Seitenweg betreten, der ihn nach dem Hause führte? Nein, er durfte es nicht; er mußte jedoch mit Gewalt seine Schritte ablenken, so wurde er angezogen.

In England ist es schwer, eine Bekanntschaft anzuknüpfen, und nun gar ohne einen triftigen Grund einen Fremden in seinem Hause zu besuchen, gehört zu den Unmöglichkeiten.

Mit schwerem Herzen wanderte Eugen also an dem Gebäude vorüber, das in tiefer Ruhe dalag.

Da erblickte er in einiger Entfernung vor sich auf einer am Wege stehenden Bank zwei Gestalten, einen Herrn und eine Dame, und sofort glaubte Eugen, die Hausbesitzer vor sich zu haben.

Ohne den Kopf zu wenden, wollte er vorüberschreiten, als sein Blick noch einmal die Dame streifte, und wie gebannt blieb er plötzlich stehen.

War es möglich? War das wirklich dasselbe Mädchen? Ja, das waren dieselben schwarzen Locken, dieselben Züge, dieselben Augen, so schelmisch auf ihn gerichtet. Heute trug sie ein weißwollenes Kleid, das sich eng an die schlanken Formen schmiegte, und ein breitrandiger Strohhut mit einfachem Bande beschattete das dunkle Gesicht. Sie betrachtete lächelnd den jungen Mann, der auf der Landstraße stand und keinen Fuß mehr rühren zu können schien.

»Guten Morgen, Sir Carter!« rief sie lachend. »Wollen Sie nicht nähertreten und unsere schon einmal gemachte Bekanntschaft erneuern?«

Eugen trat mit klopfendem Herzen näher.

Der neben der Dame sitzende Herr war ein Mann von gewinnendem Äußeren, sehr stutzerhaft gekleidet, der schwarze Knebelbart gut gepflegt. Nur sein faltiges Gesicht hatte ein etwas verlebtes Aussehen, wodurch man auf ein höheres Alter schließen durfte, als die lebhafte Sprache und Gebärden sonst zuließen.

Bei Nennung des Namens hielt er ein Lorgnon vor die Augen und betrachtete den jungen Mann mit vielem Interesse, es war sogar fast, als wäre er zuerst erschrocken.

Die junge Dame stellte Eugen ihrem Begleiter als einen alten Bekannten vor.

»Hier, lieber Onkel, ist Sir Eugen Carter; von meiner Begegnung im Walde mit ihm habe ich dir schon erzählt – mein Onkel, Monsieur de Francoeur!«

Sofort streckte sie Eugen die behandschuhte Hand hin, die dieser mit den Fingerspitzen ehrfurchtsvoll ergriff.

»Seien Sie mir gegrüßt,« lachte de Franzose ungeniert, Eugen ebenfalls die Hand gebend.

»Bega hat mir schon erzählt, welchen losen Streich sie ausgeführt hat. Sie hat Ihnen gegenüber die Rolle einer Waldfee gespielt, und, wie ich glaube, mit gutem Erfolge. Ihre Kleidung war auch dazu angetan.«

»Es wurde in unserem Hause eingeräumt,« erklärte das Mädchen, »und ehe ich meine Haustracht hatte ablegen können, scheuchte man mich schon aus den Zimmern. Sie verzeihen mir doch den Scherz Sir Carter?«

»Er bereitete mir die größte Freude. Warum aber verschwanden Sie so schnell?«

»Ich hielt die Gelegenheit nicht für geeignet, eine längere Unterhaltung anzuknüpfen. Jetzt können wir das nachholen.«

Eugen mußte zwischen beiden Platz nehmen.

»Hat sich Ihnen meine Nichte denn wenigstens schon vorgestellt?« fragte Francoeur.

»Nur als Waldfee und als indische Königin,« sagte er lachend.

»Eine Königin ist sie freilich nicht, wenn sie auch Bega heißt, doch vielleicht kann sie noch Ansprüche auf den Thron von Bengalen machen,« scherzte der Franzose. »Sie ist das einzige Kind des Radschas von Tipperah. Kennen Sie diese Provinz?«

»Es ist der östliche Teil von Bengalien.«

Bengalien gehörte seinerzeit noch nicht den Engländern, sondern stand noch unter selbständigen, eingeborenem Fürsten. Doch schon ging man im Parlamente mit dem Plane um, auch Bengalien der englischen Krone Untertan zu machen, nachdem den Radschas die militärische Macht aus den Händen genommen war. Englands Konkurrent in Bengalien war Frankreich.

»Sie sind gut über Indien orientiert,« sagte Francoeur, »doch ja, Sie sind ja selbst ein Indier, wie Bega mir erzählte.«

»Habe aber mein Vaterland nie gesehen. Ich kam als kleines Kind nach England, verlor meine Eltern und wurde von Sir Carter adoptiert.«

»Wie kommt es, daß Sie, ein Franzose, der Onkel von Miß Bega sind?« fragte er jetzt seinerseits.

»Der Radscha von Tipperah heiratete meine Schwester. Wundert Sie das? Derartige Heiraten kommen häufig vor. Meine Besitzungen liegen in Tipperah, und so lernte der Radscha meine Schwester kennen. Sie ist tot.«

»Sie haben keine Mutter mehr?« wendete sich Eugen an das Mädchen.

»Nein, und ich kann mich auch nicht mehr auf sie besinnen. Doch mein Vater lebt noch, er befindet sich sogar mit hier.«

»Ah, Ihr Herr Vater ist auch hier?«

»Der Radscha von Tipperah hat keine politische Bedeutung mehr,« erklärte der Franzose, »er will in der Nähe seiner Tochter sein, die nach meinem Wunsche eine englische Erziehung erhalten soll. Ich bin mehr ein Freund Englands als Frankreichs, deshalb habe ich hier Aufenthalt genommen. Ich hoffe, Sie werden bald Gelegenheit haben, mit uns nähere Bekanntschaft zu machen. Ah, dort kommt meine Schwester! Sie will sich uns anschließen.«

Aus einem Seitenwege kam eine Dame auf die Bank zu. Es war eine Frau von höchstens dreißig Jahren, eine üppige Schönheit mit pikanten Zügen.

Sie betrachtete den jungen Mann erst etwas von oben herab; kaum aber hatte sie seinen Namen erfahren, so war sie die Freundlichkeit selbst. Sie wurde ihm als die zweite, verwitwete Schwester des Franzosen, Madame Dubois, vorgestellt.

Eugen folgte mit Vergnügen der Einladung, an dem gemeinsamen Spaziergange teilzunehmen. Es war unverkennbar die Absicht des Franzosen, die beiden jungen Leute allein zu lassen. Er schritt mit der Schwester weit voraus. Eugen und Bega folgten in beträchtlicher Entfernung, bogen aber bald in den Wald ab.

Er mußte seine Schicksale erzählen, und Bega war erst außer sich vor Staunen, dann bedauerte sie den elternlosen Jüngling, obgleich dieser versicherte, er habe eine Mutter gefunden, die ihm die wirkliche nicht vermissen ließe.

»Auch ich habe die Kindheit ohne Eltern verlebt,« erzählte sie. »Onkel und Tante mußten sie vertreten und so kommt es, daß ich ganz europäisch erzogen worden bin, jedoch im Glauben meiner Väter. Nehmen Sie daran Anstoß, daß Sie mit einer Buddhistin verkehren?«

fragte sie lächelnd.

»Mir ist von meinem Erzieher die Ansicht eingeprägt worden,« entgegnete Eugen eifrig, »daß nicht die Religion, sondern allein das Herz des Menschen Charakter macht. Ich kenne Buddhas Lehren ganz genau, und sie sagen mir oft mehr zu als die christlichen, vor allen Dingen sind sie edler, denn sie schützen auch die Tiere, was unsere Bibel nicht tut.«

»Woher kennen Sie den Buddhismus?«

»Mein Erzieher oder besser gesagt, einer meiner Lehrer hat mich davon unterrichtet.

»Er ist Indier?«

»Nein, ein Deutscher, der indische Studien treibt.«

»Dann muß dieser Deutsche ein edler Mensch sein.«

»Ja, das ist er, und ein grundgescheiter dazu. Doch Sie wollten mir erzählen, wie es kam, daß Sie Ihre Kindheit fern von Ihrem noch lebenden Vater verbrachten.«

»Als er die Herrschaft über Tipperah antrat, war seine Stellung eine sehr unsichere. Ein entfernter Verwandter von ihm glaubte Ansprüche auf den Thron zu haben, er befeindete ihn, es entstanden im Lande zwei Parteien, und wegen der Unruhe wurde ich als zweijähriges Kind zu meinem Onkel gebracht. Ich war fünf Jahre alt, als ich meinen Vater zum ersten Male sah, und da war er stumm und taub.«

»Taubstumm?« rief Eugen erschrocken.

»Stumm und taub,« wiederholte Bega traurig. »Sein Feind war vernichtet, aber auch seine Frau, meine Mutter, war unterdes gestorben, und sei es, daß er aus Schmerz über den Verlust seiner Gattin so erkrankte, daß er Sprache und Gehör verlor, oder sei es, daß er das Gelübde tat, nicht mehr zu sprechen – kurz, er verständigt sich jetzt nur schriftlich mit seiner Umgebung. Seit sieben Jahren habe ich kein Wort aus dem Munde meines Vaters gehört, und Monsieur Francoeur behauptet, er habe die Sprache jetzt wirklich verloren, ebenso vielleicht auch das Gehör. Ich hoffe, daß Sie ihn kennen lernen. Er hat die Regierung in andere Hände gegeben und will nur bei mir sein.«

»Sie waren fünf Jahre, als Sie Ihren Vater kennen lernten. Sieben Jahre ist er bei Ihnen, so sind Sie erst zwölf Jahre?« fragte Eugen staunend.

»Hielten Sie mich für älter?« lachte Bega. »Damals im Walde für fünfzehn, jetzt, in der modernen Kleidung, wenigstens für siebzehn.«

»So kennen Sie Indien nur aus Büchern. Täusche ich mich, wenn ich Sie auf fünfzehn Jahre schätze?«

»Sie täuschen sich nicht, meine Lehrer zeigen oft Neigung, mich noch als ein Kind zu behandeln.«

»Kehren Sie sich nicht an diese Kurzsichtigen. Apropos, Sie lernen Deutsch?«

»Nein.«

»Sie haben aber einen Deutschen zum Lehrer?«

»Ja, er lehrt mich Französisch.«

»Der Onkel wollte für mich einen deutschen Lehrer engagieren, konnte aber keine geeignete Person finden.«

»Dann lerne ich es auch,« rief Eugen; »Mister Reihenfels gibt uns zusammen Unterricht.«

»Da muß ich meinen Onkel erst fragen, ob er einverstanden ist.«

»O, bitte, bitte, überreden Sie ihn dazu!«

»Warum?«

»Damit wir oft zusammen –« Eugen brach ab, er wurde verlegen. Auch Bega wurde zurückhaltender, doch nur für wenige Minuten, dann fing sie wieder ein weiteres Gespräch an.

Für Eugen verflossen die Stunden wie Minuten; entzückt lauschte sein Ohr der hellen, weichen Stimme; entzückt hing sein Auge an der schönen Gestalt, die sich mit solcher Grazie und Sicherheit bewegte.

Der Weg durch den Wald bot Schwierigkeiten; bald mußte man sich durch Büsche winden, bald über gefallene Bäume klettern, bald auf einem Stamm über einen Graben balancieren.

Mit einer Leichtigkeit, die einer Zirkusreiterin Ehre gemacht hätte, schwang Bega sich über die hohen Stämme, und manchmal bot sie sogar lachend ihrem Begleiter hilfreiche Hand.

»Ich glaube, Sie sind im Walde groß geworden,« rief er einmal.

»Ich habe mich wenigstens viel im Walde aufgehalten, und Sie müssen bedenken, daß dieser hier gegen einen indischen Wald noch ein Park zu nennen ist.«

»Und Sie haben auch mit der Pistole schießen gelernt?«

»Haben Sie meine Bleikugel gefunden?«

»Ja. Wie aber konnten Sie bei der weiten Entfernung das kleine Ziel treffen?«

»O, vielleicht werden Sie bald sehen, daß ich noch mehr kann. Ich habe gute Lehrmeister.«

Sie traten auf eine Lichtung und standen vor dem Haus, wo sie von dem Franzosen und seiner Schwester erwartet wurden. Mit Schrecken erkannte Eugen, daß es schon Mittag war; er wollte schnell Abschied nehmen, doch Monsieur Francoeur ließ ihn nicht gehen. Er mußte am Mittagessen teilnehmen, und Eugen fügte sich gern.

Vor dem Betreten des Hauses sah er noch, daß in dem Garten fleißig gearbeitet wurde, und daß alle Arbeiter Diener des Hauses, also Indier waren.

Sie schufen in dem parkähnlichen Garten einen freien Platz und auf ihm unverständliche Einrichtungen, fast einer Kegelbahn ähnelnd, er hörte in einem Stall Pferde wiehern, dann betrat er das Innere des Hauses.

Die Villa war nur klein, aber mit der Pracht eingerichtet, mit der indische Fürsten sich umgeben. Nichts erinnerte da an die alte Welt; alles waren Produkte Indiens oder des Orients, die Möbel, die Teppiche, die Portieren statt der Türen, der Zimmerschmuck und so weiter.

Auf dem Diwan hockte ein alter, dicker Indier, bei dessen Anblick Eugen sich fragte, wie dies der Vater der schönen Bega sein könnte.

Sein Gesicht war von Pockennarben entstellt, und seine Augen besaßen die häßliche Eigenschaft, voneinander unabhängig zu sein. Das eine musterte den Eintretenden, das andere las den Zettel, auf den der Franzose einige Worte geschrieben hatte. Der Radscha gab Eugen die Hand und deutete dann kopfschüttelnd auf Mund und Ohr – stumm und taub.

Eugen mußte zwischen Bega und dem Franzosen Platz nehmen. Während der nach französischem, luxuriösem Geschmack zubereiteten Mahlzeit drehte sich das Gespräch um die Familie Carters. Die Anwesenden hatten von seinem Schicksale noch gar nichts erfahren, und bedauerten lebhaft ihn und seine unglückliche Gemahlin. Ab und zu reichte Francoeur oder seine Schwester dem Indier einen beschriebenen Zettel oder sie empfingen von ihm einen. Eugen hatte sich bald an diese seltsame Korrespondenz gewöhnt. Die Zettel wurden jedesmal sorgsam eingesteckt, und als Madame Dubois einmal im Eifer des Gesprächs neben ihrem Teller einen liegen ließ, bemächtigte sich der Franzose sofort desselben. Seine erste Frage im Hause war gewesen, ob Eugen indisch lesen und schreiben könnte, worauf dieser bejahend geantwortet hatte.

Als Bega von dem deutschen Lehrer Eugens sprach, war Francoeur sofort Feuer und Flamme. Er wollte sich mit Lady Carter in Verbindung setzen ob nicht ein gemeinsamer Unterricht möglich sei.

Für Eugen verging die Zeit viel zu schnell. Doch endlich mußte er Abschied nehmen, denn zu Hause wußte niemand, wo er sich befand. Zu einem Besuch durfte er die Herrschaften allerdings nicht auffordern, dazu hatte er nicht das Recht, er konnte nur die Hoffnung aussprechen, sie bald wiederzusehen.

Von frohen Hoffnungen erfüllt, eilte er heimwärts, er fühlte noch den letzten Händedruck der schönen Indierin.

Als die Gesellschaft allein war, entfernte Madame Dubois, von Bega Tante genannt, das Mädchen unter einem Vorwand in den Garten.

Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, als der Franzose mit vor Freude glänzenden Augen sagte: »Es geht alles schneller und besser, als wir zu hoffen gewagt haben. Sirbhanga hat bereits Feuer gefangen, er verleugnet seine südliche Natur nicht.«

Beim Nennen des Namens hob der alte Indier wie warnend die Hand, ein Zeichen, daß er recht gut hörte, und wie wäre Eugen erstaunt gewesen, wenn er ihn auch jetzt hätte sprechen hören! »Nicht diesen Namen!« flüsterte Tipperah.

»Gut, also Eugen! Er kommt uns in jeder Weise entgegen.«

»Ob Lady Carter uns einladen wird?« fragte die Schwester.

»Sicherlich, wenn sie nur einigermaßen Takt besitzt,« entgegnete der Franzose, »und dann gilt es noch, für beide einen gemeinsamen Unterricht herbeizuführen. Womöglich verlegen wir ihn nach unserem Hause.«

»Sie dürfen aber auch nicht zu vertraulich werden,« flüsterte die Schwester,« das könnte plötzlich einen Gefühlsumschlag bewirken.«

»Wir müssen sie unter steter Aufsicht behalten, ohne daß sie es wissen, und etwaige Situationen vereiteln, welche unseren Plänen schaden. Eugens bin ich sicher; was aber hältst du von Bega?«

»Das Mädchen hat auch an ihm bereits Wohlgefallen gefunden; ich sah, wie sie beim Abschied errötete und wie sie lange dem Fortgehenden nachblickte.«

»Gut, so haben wir nur noch nötig, vorsichtig zu operieren. Alles ist uns günstig; das Schicksal selbst ist uns behilflich; das beweist schon das zufällige Zusammentreffen Eugens mit Bega im Walde, welches wir gar nicht beabsichtigt hatten. Es gilt, die Sinne des leicht erregbaren Jünglings durch Bega völlig gefangenzunehmen, bis er uns gehorcht wie ein folgsamer Pudelhund. Dann wird es uns ein leichtes sein, ihn unseren Zwecken dienstbar zu machen. Instruiere du nur Bega gut, daß sie Eugens Ehrgeiz entflammt.«

»An mir soll es nicht fehlen,« lachte die Dame leise, »du weißt, wie geschickt ich mit Bega umgehen kann.«

»Sie darf nicht merken, daß sie nur unser Werkzeug ist.«

»Gott bewahre!«

»Dann müssen wir ruhig abwarten, bis Lady Carter uns zu einem Gegenbesuch einladet.«

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