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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 11
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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11. Um seines Kindes willen

Es war eine schwüle Nacht gewesen; am Morgen öffnete der Himmel seine Schleusen und sendete einen Regen herab, wie man ihn nur in Indien erleben kann. Nach einer Stunde glich der Garten vor Stanhopes Villa einem See, doch als die Sonne hinter Wolken vorkam, wurde er ebenso schnell wieder ausgetrocknet. Der kurze Regen war ein langgefühltes Bedürfnis gewesen, die schlaffen Pflanzen richteten sich wieder auf, Menschen und Tiere sogen mit Wollust die frische Luft ein.

Man hatte im Frühstückszimmer vergebens auf Carter gewartet, er wie sein Diener, ließ sich nicht sehen, und Stanhope gab den Befehl, sie nicht zu wecken.

Der Gouverneur mußte ins Kabinett, es gab jetzt viel für ihn zu tun. Vor seiner Abfahrt ließ er die Weisung zurück, Sir Carter möchte ihn nach dem Frühstück aufsuchen, daß er mit Lord Canning noch am Vormittag zu Nana Sahib gehen könnte. Des Nachmittags war der Radscha nicht zu sprechen.

Stanhope war in seine Arbeit vertieft, als ihn einer seiner Hausdiener zu sprechen verlangte.

Der Hindu sah verstört aus, mit sichtlicher Scheu trat er vor seinen Herrn hin.

»Lady Stanhope sendet mich, Sahib möchten doch gleich nach Haus fahren,« meldete er.

»Was ist geschehen? Doch kein Unglück?« fragte Stanhope bestürzt, den Rock vertauschend.

»Der fremde Herr und der Chinese sind gestohlen worden.«

»Gestohlen? Du träumst wohl!«

»Sie sind fort.«

»Und darum diese Aufregung? Sie werden einen Morgenspaziergang gemacht haben.«

»Nein, Lady sagt, sie wären verschwunden. Sie wollten gar nicht aufstehen, und da sagte Lady, ich sollte sie wecken. Ich klopfte oft an die Tür, niemand antwortete, und schließlich machte ich dieselbe auf. Der fremde Herr war fort, der Chinese auch, das ganze Zimmer war in Unordnung.«

Jetzt wurde Stanhope doch besorgt. Er bestieg den Wagen und fuhr nach Hause.

Der Indier hatte ganz richtig erzählt. Die beiden mußten das Haus während der Nacht verlassen haben, obgleich niemand sie gesehen oder gehört hatte. Der Indier, der die Stelle eines Portiers vertrat, behauptete, die Haustür sei heute morgen geschlossen gewesen, der Schlüssel hätte inwendig gesteckt. Das war kaum möglich, die beiden konnten ihren Weg doch nicht durchs Fenster genommen haben.

Wohin mochten sie nur gegangen sein? Ihr Verschwinden war rätselhaft.

Mit bangen Ahnungen erfüllt, betrat Stanhope die Zimmer der beiden. Er dachte im Augenblick weniger an Carter als an die geheime Kabinettsorder, die dieser auf der Brust getragen. Das Zimmer des Chinesen war unverändert, das Bett zeigte die Abdrücke eines menschlichen Körpers, das Zimmer Carters dagegen machte, wie der Indier gesagt, einen unordentlichen Eindruck. Der Inhalt eines Koffers lag zerstreut am Boden, als hätte Carter vor dem Verlassen etwas Verstecktes gesucht, das Bett war unberührt. Der Verschwundene hatte bis spät in die Nacht geschrieben, auf dem Tische lagen Papiere, darunter ein angefangener, jäh abgebrochener Brief. Das Datum war das gestrige.

Ferner nahm Stanhope sofort einen schwachen Petroleumgeruch wahr, und es ergab sich daß die Lampe ausgebrannt war. Sie war wahrscheinlich gegen Morgen von selbst ausgegangen.

Stanhope trat an den Tisch und las ohne Bedenken den angefangenen Brief. Er war in zärtlichen Worten an Carters Gattin gerichtet und brach schon in der Einleitung ab.

Plötzlich erweiterten sich die Augen des Gouverneurs, er sah auf dem Tisch neben einem Kuvert aus Reispapier ein anderes Schreiben liegen, und der Beamte hatte es schon mit einem flüchtigen Blick überflogen.

»Was ist dir?« rief Lady Stanhope erschrocken, als ihr Mann das Papier mit zitternden Händen hielt und die Augen nicht von ihm wenden konnte. Sein Gesicht war totenbleich geworden, die Augen traten fast aus dem Kopf.

»Nichts, nichts!« sagte Stanhope, sich zur Ruhe zwingend, aber seine bebende Stimme strafte ihn Lügen. »Verlaß das Zimmer! Ich bitte dich! Schick nach dem Büro! Die Sekretäre sollen sofort hierherkommen.«

Er antwortete nicht auf die besorgten Fragen seiner Gattin.

In einer Viertelstunde waren der erste Sekretär, Lord Canning und Westerly bei ihm, sie fanden ihren Chef noch immer in der größten Aufregung.

»Meine Herren,« empfing Stanhope sie mit dumpfer Stimme, »ich wage kaum auszusprechen, was ich soeben entdeckt habe. Ich bitte zu Gott, daß ich mich im Irrtum befinde. Sir Carter ist diese Nacht nebst seinem Diener, dem Chinesen, aus meinem Hause verschwunden, auf seinem Tische lag dieser Brief.

Er faltete das eben gefundene Schreiben auseinander. Es war indisch geschrieben, das Datum war das gestrige.

»Sire. – Sie reisen vergebens unter der Maske eines geheimen Kuriers durch Indien, Ihr Kind werden Sie nicht finden. Ich besitze den Schlüssel des Geheimnisses, und Sie sollen Eugenie schon heute abend wiedersehen und besitzen dürfen, wenn Sie gewillt sind, uns die geheime Order auszuliefern, die Sie bei sich tragen. Fürchten Sie nicht, daß Sie deswegen des Hochverrats angeklagt werden. Wir arrangieren einen Überfall und nehmen Ihnen das Dokument scheinbar mit Gewalt. Ich weiß bestimmt, daß Sie kommen, und erwarte Sie also. Am Ausgang des Gartens werden Sie einen Hindu finden; folgen Sie ihm, er führt Sie zu Ihrem Kinde. Kommen Sie ohne Begleitung!«

Eine Unterschrift fehlte.

Der erste Sekretär, ein pedantischer Büro-Schreiber, sank ächzend auf einen Stuhl, Canning stand wie vom Donner gerührt da, und nur Westerly fand Worte.

»So ist Sir Carter zum Hochverräter geworden!«

Da richtete Canning sich plötzlich empor.

»Nicht Sir Carter, sondern der hat den Hochverrat begangen, der ihn als geheimen Kurier denunziert hat,« rief er Westerly mit blitzenden Augen zu.

»Bezeichnen Sie mich etwa als Schuldigen?« fuhr dieser auf, und sein Gesicht entfärbte sich plötzlich.

»Wer sprach von Ihnen? Sie stellten sofort eine Behauptung auf, welche mich empört.

Wie können Sie Sir Carter als einen Hochverräter bezeichnen, obwohl noch gar nichts erwiesen ist?«

»Keinen Streit, meine Herren,« unterbrach der Gouverneur Sie ernst. »Lord Canning hat recht, es ist noch gar nichts erwiesen. Ich kann den Gedanken nicht fassen, daß Carter in die plumpe Falle gegangen sein soll.«

»Es ist gar nicht möglich!« stöhnte der Sekretär. »Ich möchte Sir Carter lieber verteidigen, als verurteilen,« nahm Canning wieder das Wort, »und doch muß ich gestehen, daß eine Auslieferung des Dokuments von seiner Seite nicht unmöglich ist. Versetzen Sie sich in seine Lage. Er ist ein Vater, der sein Kind sucht, und es gibt keine stärkere Triebfeder als die Elternliebe. Daß ein Vater aus Liebe zum Vaterland sein Kind aufgibt, ist eine Ausnahme, die selten vorkommt, ich möchte eine solche Handlung als ein Verbrechen gegen die göttliche Natur bezeichnen. Nein, in erster Linie trägt der die Schuld, welcher das Geheimnis des Kuriers verraten hat, und hätte ich den geheimen Kurier zu wählen gehabt, ich hätte niemals Sir Carter vorgeschlagen.«

»Lord, Sie tadeln unser Ministerium!«

»Ist dieses etwa über Tadel erhaben? Es hätte wissen sollen, daß gerade Carter die Person war, der am besten Schlingen gestreut werden konnten. Gleich als ich hörte, daß er zum Überbringer der geheimen Order gewählt war, fühlte ich Besorgnis. Ich hielt sie geheim, jetzt spreche ich sie aus.«

»Ist das Dokument in den Händen von unzufriedenen Indiern, dann wehe uns!« sagte Westerly. »Dann ist ein neuer Aufstand zu erwarten. Wahrhaftig, ich würde eher mein Kind geopfert, als ein Geheimnis preisgegeben haben, wodurch Unglück über Taufende von Familien kommt.«

»Genug, meine Herren rief Stanhope unwillig. »Noch ist Sir Carters Schuld nicht erwiesen. Jeder mag seine Meinung darüber, was er um seines Kindes willen tun würde, für sich behalten. Ich schlage an meine Brust und sage: Herr, führe mich nicht in Versuchung! Ehe wir die Sache veröffentlichen, lassen Sie uns eine Untersuchung beginnen.«

Sie ergab kein Resultat. Sir Carter und der Chinese waren verschwunden. Allem Anschein nach hatte sich ersterer anders angezogen und sich dabei in großer Aufregung befunden. Die Kleider waren aus dem Koffer gerissen worden. Nur die Weste fehlte, aus deren Innentasche Carter im Kabinett das Dokument gezogen hatte; das Dokument selbst wurde nicht gefunden, so sehr die Herren auch danach suchten.

Rätselhaft war, wie oder von wem Carter den belastenden Brief bekommen hatte. Auf des Portiers Aussage, die Tür sei noch am Morgen von innen geschlossen gewesen, konnte man gar nichts geben. Die Fenster von Carters Zimmer waren geöffnet, Spuren im Garten konnte man nicht finden. Der Regen hatte dieselben vollkommen verwischt.

Stanhope durfte nicht länger zögern, die Polizei mit der Tatsache bekannt zu machen, denn es galt ja, sobald wie möglich in den Besitz des Dokuments zu gelangen.

Die Bemühungen der Polizei, aus Engländern und Indiern bestehend, waren erfolglos – Sir Carter und Kiong Jang blieben verschwunden. Niemand hatte beide gesehen, in Akola war während der Nacht kein Kampf, kein Streit, nichts Außergewöhnliches vorgefallen. Keine Spur verriet, wohin die beiden verschwunden waren.

Als Nana Sahib vor Stanhope hintrat, musterte letzterer den Indier mit argwöhnischen Blicken. Sollte dieser von dem Dokument etwas gewußt haben? Sollte seine Hand vielleicht mit im Spiele sein? Doch keine Muskel zuckte in dem häßlichen Gesicht des Radschas.

Er erklärte sich bereit, die Vermißten suchen zulassen, er stellte sofort einen Befehl aus, wodurch jedes Haus in Berar, das einem Indier gehörte, gleichgültig, ob Palast oder Hütte, der englischen Polizei zur Untersuchung offen stehen sollte, ja, er fragte sogar mit spöttischer Miene, ob man auch bei ihm Haussuchung halten wolle.

Man machte von seiner Erlaubnis nur vorsichtigen Gebrauch, um nicht die sowieso schon hitzigen Gemüter zu reizen.

Endlich mußte Stanhope sich dazu entschließen, die Tatsache amtlich nach England zu melden, denn schon hatten sich auch dort Gerüchte verbreitet. Er tat es mit schwerem Herzen.

Westerly erklärte sich bereit, die Botschaft zu überbringen, und reiste mit der Aufnahme des Tatbestandes, dem Briefe von unbekannter Hand und mit den Effekten Carters und des Chinesen nach England ab.

Die Sache kam an die Öffentlichkeit, und die Aufregung in England war keine geringe – Sir Frank Carter, der Held von Nursingpur, erst vor zwei Jahren begnadigt und zum Baronet erhoben, war zum Hochverräter geworden. Carter besaß in England keine Feinde, höchstens Neider, doch auch diese vergaßen nie, wenn sie von ihm sprachen, hinzuzusetzen um seines Kindes willen hat er den Hochverrat begangen.

Nach einem halben Jahre hatte sich folgendes Urteil gebildete: Sir Carter wurde mit geheimer Order vom Ministerium nach Indien geschickt. Zugleich verfolgte er den Zweck, sein von einem Indier geraubtes Kind dort zu suchen. Feinde Englands erhielten Kenntnis davon, daß Carter eine geheime Depesche bei sich trug. Sie spiegelten dem Vater vor, er solle sein Kind wiedererhalten, wenn er ihnen die Depesche ausliefere. Der betreffende Brief ward gefunden, Carter hatte vergessen, ihn einzustecken. Er begab sich mit der Absicht zu dem Rendezvous, die Depesche gegen sein Kind einzutauschen. Entweder nahm er Kiong Jang mit, oder dieser war ihm nachgeschlichen. Es war ihm eine Falle gestellt worden, er hat sein Kind wahrscheinlich gar nicht gesehen, man hat ihm die Depesche mit Gewalt abgenommen, ihn getötet und spurlos beseitigt, wahrscheinlich ebenso Kiong Jang. Tauchte Carter wieder auf, so würde ihm der Prozeß gemacht. Belastend für ihn war noch, daß er sich schon einmal von seiner Leidenschaft hatte hinreißen lassen und ungehorsam gegen einen Vorgesetzten gewesen war.

Die Königin und das Parlament ließen nochmals Gnade walten, Sie ließen die Gemahlin des Verschwundenen im Besitze des verliehenen Titels und Vermögens, einmal, weil man mit der unglücklichen, wahnsinnigen Frau Mitleid fühlte, und dann eben, weil Carter den Hochverrat aus Liebe zu seinem Kinde begangen hatte. Seine Wahl zum Kurier war ein Mißgriff gewesen.

So dachte das Volk; die aber, die den Inhalt der geheimen Order gekannt hatten, dachten noch ganz anders. Man hatte gewartet, wie sich die Indier verhalten würden, wenn die Order, die langsame Verminderung der militärischen Macht des Radschas, doch durchgeführt würde.

Man begann damit, man setzte es fort, und die Radschas fügten sich willig, ohne Mißtrauen zu zeigen. Nach Ablauf von zwölf Jahren war die Umwandlung vollzogen, die indischen Soldaten waren nur noch uniformierte Puppen, welche nach der englischen Pfeife tanzen mußten, und die Radschas bildeten sich nur noch ein, befehlen zu dürfen.

Hatte Sir Carter also den Hochverrat wirklich begangen, hatte er die Depesche ausgeliefert? Gar mancher sprach ihn im Herzen frei, doch der Verschwundene mußte im Verdachte des Hochverrats bleiben, weil belastende Umstände gegen ihn vorlagen, vor allen Dingen der Brief.

*

Lady Carter wohnte seit der Abreise ihres Gemahls auf der Besitzung zu Nottingham. Der Hausstand setzte sich aus einem Detektiven, der die Rolle eines Hausverwalters spielte, einem Arzt und männlichem und weiblichem Dienstpersonal zusammen, darunter auch das indische Dienstmädchen, Jeremy nicht zu vergessen.

Das Amt des Detektivs war ein ganz überflüssiges, er konnte wegen des Kindesraubes nicht den geringsten Verdacht auf irgend einen der Diener werfen, auch von Hedwig, der getauften Indierin, durfte er kaum noch glauben, daß Sie mit dem Gaukler unter einer Decke gespielt habe. Er hatte sie scharf und unausgesetzt beobachtet und keinen Argwohn geschöpft.

Doch da Carter ihn bis zu seiner Rückkehr engagiert hatte, mußte er bleiben.

Der Frohsinn war aus dem Hause noch nicht verschwunden. Emily wähnte sich in ihrem glücklichen Wahnsinn im Besitze ihres Kindes, sie fuhr mit dem Knaben, der an der Brust der Amme prächtig gedieh, spazieren, sie erging sich mit ihm in den Waldungen, sie machte Besuche und empfing welche, und freute sich auf die Wiederkehr ihres Gatten, den sie in einer dienstlichen Angelegenheit für nur wenige Monate in Indien glaubte.

Niemand hätte Emily im Verkehr und in der Unterhaltung für eine Wahnsinnige gehalten, nur daß sie den Knaben für ihre Tochter hielt und ihn auch Eugenie nannte, daß sie sich manchmal über die braune Hautfarbe des Kindes wunderte, bewies ihren Wahnsinn.

Das Kind wurde auch von dem Dienstpersonal Eugenie genannt, so wollte es der Arzt, und wohin Emily auch kam, nie begegnete sie einem Widerspruch oder dem geringsten Erstaunen. Der Arzt sorgte dafür, daß jeder Fremde sofort instruiert wurde; er überwachte auch den Briefwechsel mit Freundinnen, und so hörte und las sie nie etwas, was im Gegensatz zu ihrer irrigen Meinung gestanden hätte. Nur der Arzt selbst versuchte es ab und zu, um ihren Geisteszustand zu prüfen, aber er brauchte nur das Kind Eugen zu nennen oder eine Andeutung zu machen, daß es ja ein Knabe, kein Mädchen sei, so erregte er stets Emilys höchstes Erstaunen. Ja, es konnte sogar vorkommen, daß sie, die Wahnsinnige, den Arzt nicht für ganz geistesnormal hielt.

Eins machte Emily viel heimlichen Kummer: sie hatte ihrem Gemahl gleich nach seiner Abreise einen Brief nachgesandt und wartete vergebens auf eine Antwort – es kam keine.

»Sir Carter ist viel beschäftigt oder hält sich gerade in Gegenden auf, wo es keine Postverbindungen gibt,« tröstete der Arzt. »Während der langen Seereise kann ein Brief ja auch leicht verloren gehen. In Bombay ist Ihr Gatte gesund angekommen, die amtliche Depesche ist in London bereits eingetroffenen.«

Emily hoffte und harrte von Tag zu Tag, keiner brachte den ersehnten Brief.

Dann sendete das Schicksal wieder Schlag auf Schlag auf das unglückliche Haus herab.

Durch England lief ein Gerücht, böse Zungen brachten es zuerst auf, dann nahmen die Zeitungen es an, und zuletzt fand es auch seinen Weg in das einsame Waldhaus, dort ein lähmendes Entsetzen verbreitend.

Sir Frank Carter steht im Verdacht des Hochverrats. Er hat den Feinden Englands die geheime Depesche preisgegeben, um sein Kind wiederzubekommen. Er ist getötet worden oder er hält sich aus Furcht vor Strafe verborgen, nachdem er den Betrug eingesehen. Jede Spur fehlt von ihm. Taucht er wieder auf, so wird über ihn der Stab gebrochen, er ist ein ehrloser Verbrecher, den England aus seinen Grenzen stößt. Man hofft, daß er für immer verschollen bleibt.

Der ehrliche Jeremy wurde am meisten von dieser Nachricht getroffen. Als das Gerücht bestätigt wurde, ging er auf sein Zimmer, schloß die Tür und packte seine Sachen ein. Eine silberne Medaille betrachtete er lange, wischte sie mit dem Ärmel ab, buchstabierte die Schrift und legte die Auszeichnung dann mit einem Murmeln in den tiefsten Winkel der Kiste. Er hatte sie für den Sturm auf die Schanzen von Nursingpur erhalten.

Jeremy wollte das Haus des Hochverräters verlassen, aber er ging nicht. Er setzte sich auf die geschlossene Kiste, stützte den Kopf in die Hände, und so blieb er zwei Tage und zwei Nächte sitzen, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, ohne auch nur das Klopfen an seiner Tür zu hören.

Am dritten Tage endlich erhob er sich, packte die Sachen wieder aus und hing die Medaille an die Wand. Als er sein Zimmer verließ, fuhren die ihm Begegnenden erschrocken zurück, sie glaubten ein Gespenst zu sehen. Jeremy war plötzlich ein alter Mann geworden; seine Züge waren eingefallen, die große Nase mit dem Haarbüschel trat wie eine Klippe aus dem Gesicht hervor, und sein sonst nur leicht ergrautes Haar war plötzlich schneeweiß geworden.

Emily erfuhr von dem neuen Unglück nichts. Im Hause durfte kein Wort darüber fallen; die wenigen Freundinnen, die ihr geblieben, erwähnten nichts; sie sprachen von Sir Carter, als hatte er seine Mission noch nicht beendet, und es fiel Emily nicht besonders auf, daß sie bei ihren Besuchen in der Nachbarschaft mit einem Male so viele Familien nicht zu Hause traf.

Man verleugnete sich, um mit dem wahnsinnigen Weibe des Hochverräters nicht verkehren zu müssen.

Nur über eins konnte man sie nicht täuschen es kamen keine Briefe aus Indien an, obgleich Emily öfter an ihren Mann schrieb. Der Verwalter, der Arzt und Jeremy mußten zu immer unglaublicheren Ausflüchten greifen, um sie darüber zu trösten; Jeremy schlug vor, Briefe zu fälschen, fand aber keinen Anklang.

Seit Sir Carters Abreise war ein Jahr verstrichen, der indische Knabe lernte schon laufen und sprechen, als abermals ein Unglück hereinbrach, das Sir Carters Haus für immer zu vernichten drohte.

Eine Post war angekommen und hatte einige Briefe gebracht. Jeremy nahm sie dem Überbringer ab und ging zum Verwalter, aus dessen Händen Emily die Briefe empfing. Unterwegs studierte Jeremy die Adressen und war nicht wenig erstaunt, unter ihnen einen Brief aus Indien zu finden.«

»Hier ist ein Brief mit dem Poststempel Kalkutta,« sagte er zum Verwalter, »es wird doch nicht ...«

»Leise,« warnte der Detektiv und nahm hastig den betreffenden Brief, »Lady Carter ist im Nebenzimmer.«

Da erschien schon Emily in der offenen Tür und eilte auf den Verwalter zu.

»Wo, wo ist der Brief aus Indien?« rief sie mit geröteten Wangen.

Es war zu spät, der Detektiv konnte den Brief nicht mehr verbergen, er mußte ihn ihr aushändigen.

Emily ging in ihr Zimmer zurück und machte die Tür hinter sich zu.

Wie von einer bösen Ahnung erfaßt, sahen sich die beiden Männer mit bestürzten Gesichtern an.

»Das haben wir dumm gemacht,« knurrte Jeremy. »Es war eine Damenhandschrift.«

»So? können Sie das gleich sehen?«

»Ja. Welche Dame mag in Indien an Lady Carter schreiben?«

»Wenn ich das wüßte! Ich kenne keine.«

Sie lauschten; im Nebenzimmer war es ganz unheimlich still geworden. Dann plötzlich erscholl ein fröhliches Lachen.

»Gott sei Dank,« seufzte Jeremy, sie freut sich.«

»Es wird eine Freundin sein.«

Das Lachen dauerte schließlich fort; es schien gar kein Ende nehmen zu wollen.

»Das muß ja ein furchtbar lustiger Brief sein,« meinte Jeremy.

Da sah er das verstörte Gesicht des Detektivs, und schon kam auch der Arzt hereingestürzt und verschwand im Nebenzimmer. Sein Hilferuf brachte Leben in die beiden Erstarrten.

Emily saß in einem Lehnstuhl den Kopf hinten übergebeugt, den Mund weit geöffnet und lachte, lachte so fürchterlich, daß sich den Männern die Haare sträubten. Neben ihr auf der Erde lag der eben empfangene Brief.

Der Arzt brachte die von dem Lachkrampf Befallene in ihr Schlafgemach, der Detektiv hob den Brief auf. Er las nur die Unterschrift, den Namen Isabel, und erriet schon den teuflischen Inhalt.

Mit einem beißenden Spott, dessen nur ein beleidigtes Weib fähig ist, führte die Schreiberin der Schwester alles Geschehne noch einmal vor Augen; sie begann mit dem Ballabend, sie wiederholte ihre Flüche und schilderte nun, wie diese in Erfüllung gegangen seien: das Kind, welches Emily als das ihrige bezeichne, ein Bastard, ihr Mann ein Hochverräter, er sei tot, aber vor seinem Ende habe er sein Geheimnis verraten und so weiter.

Isabel gab sich offen als die Anstifterin all dieses Unheils aus.

Ob Emily den Inhalt vollständig verstanden? Sie konnte es nicht sagen, sie erwachte nur aus Ohnmachten, um von neuem in Lachkrämpfe zu verfallen.

Der Detektiv übergab den Brief der Polizei, und als aus ihm nichts ermittelt werden konnte, nicht einmal der Aufenthalt der Absenderin, wurde er zu den Akten gelegt, welche über Sir Carters Fall handelten.

Zwei Monate schwebte Emily zwischen Tod und Leben, sie ging ihrer Auflösung entgegen. Am Tage lag sie in einem teilnahmslosen Zustande da, sie sprach nicht, sie verlangte nach nichts, auch nicht mehr nach dem Kinde; das Essen mußte ihr eingeflößt werden, und in der Nacht wurde sie vom Fieber geschüttelt. Sie glaubte sich stets auf den Ball versetzt und hörte die Flüche Isabels. Dann bekam sie ruhigere Nächte, aber der apathische Zustand am Tage blieb.

Eines Morgens erwachte sie aus langem, tiefem Schlafe. Der Arzt konstatierte eine Besserung, er redete sie an, sie antwortete nicht, dann aber öffnete sie plötzlich von selbst den Mund zur Frage, seit zwei Monaten zum ersten Male.

Sie verlangte Jeremy zu sprechen, aber nur ihn, ganz allein.

Der verwunderte Arzt holte den Alten. Des Dieners Augen füllten sich mit Tränen, als er das bleiche, abgemagerte Gesicht seiner Herrin sah.

»Du hast dich sehr verändert, Jeremy,« empfing Emily ihn mit schwacher Stimme und streckte ihm die Hand entgegen, die er innig küßte, »du hast weißes Haar bekommen.«

»Ich werde alt,« entgegnete er, vor Erwartung zitternd. »Wie befinden Sie sich?«

Emily legte die Hand auf die Stirn. »Ich habe einen langen Traum gehabt, und ich glaube, ihr habt mich nicht geweckt. Setze dich und erzähle mir, was sich in der letzten Zeit ereignet hat. Ach, es ist mir so dunkel, ich möchte gern alles wissen. Man hat mir viel verheimlicht.«

»Sir Carter ist noch in Indien und wird bald ...«

Eine Handbewegung verschloß des Dieners Lippen. »Täuscht mich nicht länger! Isabels Brief hat mir alles offenbart. Hat man von Sir Carter nichts wieder gehört? Ist noch keine Spur meines entführten Kindes gefunden worden?«

Es war kein Zweifel mehr, Emily war aus ihrem Wahnsinne erwacht. Jeremy weinte vor Freude und Schmerz zugleich, dann begann er zu erzählen, alles, was er wußte, und Emily hörte aufmerksam zu, durch gelegentliche Bemerkungen bezeugend, daß sie bei vollem Verstande war.

»Sollte Sir Carter wirklich ein Hochverräter sein?« fragte sie endlich seufzend.

»Niemand darf ihn so nennen,« rief Jeremy eifrig, »denn er steht nur im Verdachte des Hochverrates. Zum Beweise ist es nötig, daß er zurückkehrt.«

»Und wenn er es nicht mehr kann?«

Jeremy blieb die Antwort schuldig.

»Gesetzt nun den Fall,« fuhr Emily fort, »seine Schuld wird bewiesen, was geschieht dann mit ihm, wenn er zurückkehrt?«

Der Diener antwortete wieder nicht.

»Oder wie spricht man über ihn, wenn er nicht wiederkommt, aber seine Schuld wird bewiesen?«

»Ich weiß nicht wie die Menschen sprechen werden,« murmelte Jeremy.

»Die Menschen mögen reden, was sie wollen,« rief Emily fast heftig und richtete sich auf, »Sie mögen ihn als einen Hochverräter verurteilen, aber einst wird ein Gericht kommen, vor dem er freigesprochen wird! Hat er den Hochverrat begangen, so hat er es um seines Kindes willen getan, und wehe dem, der einen Stein auf ihn wirft! Es gibt noch ein anderes Gesetz, als das von Menschen gemachte, und ungestraft wird keiner es verspotten, und wenn man meinen Mann an den Pranger stellte, ich würde neben ihn treten und fragen, wer ihn zu schmähen wage!«

Erschöpft sank Emily zurück, Jeremy drückte ihre Hand.

»Sehen Sie mich an,« bat er, »ich bin ein alter Mann, mein Haar war in Ehren grau geworden. Als ich von dem Hochverrat Sir Carters erfuhr, wollte mein Herz vor Schmerz und Scham brechen. Mein Haar ist darüber weiß geworden. Dann bin ich zur Einsicht gekommen; nein, habe ich gerufen, Sir Carter ist kein ehrloser Verbrecher, er hat nur nach dem Befehl gehandelt, den Gott ihm ins Herz geschrieben, und seitdem gehe ich wieder mit erhobenem Haupte unter die Leute.«

»Ich danke dir, Jeremy!« flüsterte Emily. »Jetzt rufe den Arzt und den Verwalter; auch das fremde Kind will ich sehen.«

Die Gerufenen erschienen mit frohem Erstaunen. Der Arzt trug das Kind. Es schlang die Ärmchen um Emilys Hals und nannte sie Mutter.

»Ja, ich will deine Mutter sein und bleiben,« sagte Emily und küßte es; »mein Erwachen zur Wirklichkeit soll dich armes Kind nicht zur Waise machen. Du sollst Eugen heißen und mich immer an meine Tochter erinnern. Vielleicht fügt Gott, daß ich sie und meinen Gatten noch in dieser Welt wiedersehe.«

Einige Tage später verlangte Emily den Verwalter zu sprechen.

»Der Aussage des Arztes nach ist meine völlige Genesung bald zu erwarten,« sagte sie; »ich selbst fühle das Leben in mir zurückkehren. Ich möchte nicht hier bleiben, wo mich alles an mein vergangenes Glück erinnert, ich möchte mir eine neue Heimat schaffen. Ehe Sir Carter nach Indien abreiste, ging er mit der Absicht um, in der Nähe von Wanstead einen großen Waldbezirk zu erwerben und dort ein Haus aufführen zu lassen.«

»Das Grundstück ist auch gekauft und der Bau bereits begonnen, aber seitdem unterbrochen worden,« entgegnete der Verwalter sichtlich zögernd.

»Ich bitte, den Bau nach den Plänen Sir Carters vollenden zu lassen.«

»Das dürfte Schwierigkeiten haben ...«

»Vorsicht! Sie bedarf der Schonung,« raunte der Arzt dem Verwalter zu.

Doch Emily hatte die leisen Worte und auch ihre Bedeutung verstanden. Seufzend wendete sie das Gesicht der Wand zu.

»Ich hatte vergessen, daß der Besitz eines Hochverräters vom Staate eingezogen wird,« murmelte sie.

In diesem Augenblick trat Jeremy ins Zimmer, er hielt ein Schreiben mit dem königlichen Siegel in der Hand.

Die Königin erkundigte sich teilnehmend nach dem Befinden der Kranken, wünschte Glück zur baldigen Genesung und versprach, wenn sie in den nächsten Tagen durch Nottingham reise, mit dem Prinz-Gemahl Lady Carter einen Besuch abzustatten.

Jeremy sagte nichts, er pfiff eine lustige Melodie, bürstete seine besten Sachen aus, zog sie an, hing sich die Medaille an die Brust und schritt dem nächsten Städtchen zu. Der heiße Tag mußte bei ihm einen ganz gewaltigen Durst erzeugt haben; er verließ ein Wirtshaus nur, um sofort ins andere zu gehen, und überall erzählte er so nebenbei, als etwas ganz Selbstverständliches; daß Ihre Majestät die Königin und der Prinz-Gemahl in den nächsten Tagen Lady Carter besuchen würden.

Jetzt waren die bösen Münder mit einem Male für immer gestopft. Wer hätte über das Haus; das die Königin betrat, noch schlecht zu sprechen gewagt!

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