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Um die indische Kaiserkrone I.

Robert Kraft: Um die indische Kaiserkrone I. - Kapitel 10
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typefiction
authorRobert Kraft
titleUm die indische Kaiserkrone I.
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10. Der geheime Kurier

In goldener Pracht lag die Morgensonne auf den Dächern der Häuser und Hütten von Akola und zauberte auch in den Straßen, wie draußen in Wald und Flur, ein tätiges Leben hervor.

Mit fröhlichen Gesichtern eilten die halbnackten Kulis zur täglichen Arbeit; Männer, auf den Schultern lange Stangen, an deren Enden Eimer herabhingen, ließen ihr melodisches >fâkin<, Milch, ertönen, braune Diener öffneten die Türen und nahmen ihnen ihr tägliches Quantum ab, und tiefverschleierte Weiber, mit Körben voll Früchten und Gemüse, strebten dem Marktplatze zu.

Überall herrschten Heiterkeit, Lachen und Scherzen, nur im Innern des Mannes, der im grauen Staubmantel und Schlapphut mit müdem Schritt durch die entlegensten Gassen schlich, sah es öde und trostlos aus.

Nicht die ausschweifende Nacht war es, die Edgar Westerly so niederbeugte, der heute morgen entdeckte Betrug und hauptsächlich das Bewußtsein, ein Dienstgeheimnis ausgeplaudert zu haben, lasteten mit Zentnerschwere auf seinem Gewissen.

Je mehr es tagte, desto tiefer zog er den Hut über die Augen, bei jedem ihm begegnenden Eingeborenen sah er scheu zur Seite, und erblickte er in der Ferne eine weiße Kleidung und einen Tropenhelm, die Tracht der Europäer, so bog er schnell in eine Gasse ab.

Endlich war es ihm gelungen, das Gouvernement zu erreichen, ohne einen ihm Bekannten getroffen zu haben. In tiefer Stille lag das Haus da; er schloß die Tür auf, auf der Treppe begegnete ihm kein Diener – sie brauchten hier nicht zu wachen, denn überall befanden sich diebessichere Schlösser – und so gelangte er auch unbemerkt in sein Schlafzimmer.

Mit einem Fluch warf er Mantel und Hut ab und legte sich aufs Bett. Nur zwei Stunden blieben ihm noch zur Ruhe, denn die Bürostunden beginnen im heißen Indien zu einer ganz ungewöhnlich frühen Zeit, endigen dafür aber auch schon spätestens ein Uhr.

Doch dem Todmüden blieb der Schlaf vertagt; immer wieder gaukelte ihm seine Phantasie das vor, was er diese Nacht getan und gesprochen. Mit Schrecken gewahrte er den Abgrund, vor den sein Leichtsinn ihn gebracht hatte.

Dieses Weib war eine Teufelin in menschlicher Gestalt gewesen; Sie hatte ihn mit Verführungskünsten umstrickt, wie vorher noch keine andere. Er hielt ihre Fragen für unschuldige Neugier; er beantwortete sie erst, so weit er es durfte, dann, als sie verfänglicher wurden, versuchte er Ausfluchte zu machen, aber es gelang ihm nicht. Des Weibes Schönheit und Schmeichelei waren unwiderstehlich gewesen. Dazu hatte er den betäubenden Tabak von Schiras geraucht, der in keinem Harem fehlt, Mastix, Sangarih-Punsch, Scherbet und andere Sachen getrunken, die anfangs unschuldig wie Zuckerwasser schmecken, später aber vollkommen das Bewußtsein rauben, einen seligen Taumel herbeiführen.

Kurz, Westerly hatte geplaudert, alles verraten, wonach er gefragt worden war, und als er heute morgen erwachte und den Betrug bemerkte – da kam er zur Besinnung.

Er hatte die Mission Sir Carters als geheimer Kurier verraten, und jenes Weib hatte ihn nur ausgehorcht, um aus seinem Verrat Nutzen zu ziehen. Es war eine Agentin der Gegenpartei Englands gewesen, vielleicht gar keine Indierin, sondern nur eine raffinierte Abenteurerin.

Stöhnend wälze sich Westerly auf seinem Lager. Was würde die Folge dieses Verrates sein! Er wagte kaum daran zu denken.

Als er sich nach zwei Stunden erhob, hatte sein Gesicht einen furchtbar entschlossenen Ausdruck angenommen. Jetzt gab es keine Umkehr mehr, er mußte auf dem einmal betretenen Wege weiterschreiten.

Die Einladung des Weibes hatte Lord Canning gegolten – die Karte besaß er noch – Ayda fühlte sich tief beleidigt, daß Canning ihr liebebedürftiges Herz verspottet haben sollte – sie würde sicher keine Gelegenheit zur Vergeltung sich entgehen lassen. Die Bajadere hatte ihn Lord Canning genannt. Ja, selbst der Offizier gestern abend hatte ihn für Canning gehalten.

Gut, Westerly war entschlossen, wenn der Verrat ans Tageslicht käme, die Schuld auf seinen Freund zu wälzen. Die Karte war eine mächtige Anklage; er selbst wollte sein Alibi schon beweisen, und etwaige Diener, die ihn gesehen – bah, wer gab hier etwas auf das Zeugnis eines Kulis! Niemand, so lange sie nicht in Masse auftraten.

Der falsche Freund beruhigte seine Nerven durch einige Glas Kognak und begab sich ins Büro, wo er bereits Lord Canning vorfand. Es machte ihm durchaus keine Schwierigkeiten, dem, den er verraten, offen ins Auge zu schauen und ihm Glück zu seinem frischen, blühenden Aussehen zu wünschen.

»Das Fieber wieder überstanden?«

»Gott sei Dank, und zwar ohne Benutzung Ihrer Ratschläge. Und haben Sie sich akklimatisiert, Westerly? Sie sehen angegriffen aus.«

»Ich habe gestern abend gegen das Schicksal gefrevelt,« lachte Westerly. »Kaum war ich von Ihnen fort, so packte auch mich ein Schüttelfrost, ich glaube, Sie haben mich angesteckt.

Ich habe es wie Sie gemacht, mich ins Bett gelegt und geschwitzt. Aber sagen Sie aufrichtig, Lord, waren Sie gestern abend noch einmal fort?«

»Ich? Wo denken Sie hin! Ich konnte mich kaum aufrecht halten.«

»Merkwürdig, dann habe ich mich getäuscht.«

»Wie kommen Sie auf diese Frage?«

»Ich glaubte, gestern abend, als ich im Bett lag, Ihren leichten Schritt auf dem Korridor gehört zu haben, und ebenso wieder heute morgen.«

»Sie haben geträumt!« lachte Canning.

Der erste Sekretär, ein stiller, ernster Mann, betrat das Kontor. Die Bürostunden begannen, aber die Unterhaltung ward deswegen nicht unterbrochen. Es war sehr wenig zu tun; die laufenden Arbeiten wurden schnell erledigt, und dann besprach man wieder die Tagesereignisse und anderes.

Die Post brachte eine Abwechslung.

Mit dem Verkehr sah es damals in Indien schlimm aus. An der Westküste wurde die erste Eisenbahn gebaut. Sonst dienten Wagen und Pferde zur Reise auf den guterhaltenen Landstraßen, wenn man sich auf dem Wege von einer großen Stadt zur andern befand.

Kleinere Ortschaften konnte man oft nur zu Fuß erreichen, denn der Weg führte durch Urwälder und Dschungeln, für Pferd und Wagen nicht passierbar.

Anfangs hatten die Engländer für die Post Kavalleristen verwendet, dann aber gefunden, daß sich Eingeborene besser dazu eigneten. Die nackten Kulis rannten im glühenden Sonnenschein oder endlosen Regen unermüdlich von Ort zu Ort, die englischen Pflanzer, Kaufleute und Beamten pünktlich mit Briefen und Zeitungen aus dem auf ihren Rücken geschnallten Sack versehend. Die Buschen waren treu und zuverlässig, nur selten kam eine Betriebsstörung vor, und dann war jedesmal ein blutdürstiger Tiger oder ein Panther daran schuld, der den Briefträger bis auf Postsack und Lendenschurz aufgefressen hatte.

Eben brachte man die Nachricht, eine ganze Gegend von Berar sei schon seit einigen Tagen ohne Post gewesen, und das Rätsel war bald gelöst, als man nach und nach in den Dschungeln vier volle Postsäcke neben ebenso vielen Blutlachen fand. Ein Königstiger schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, alle Postboten Indiens zu verspeisen; aber beim Sprunge auf den fünften traf ihn die sichere Kugel eines Engländers ins Auge.

Westerly bedauerte lebhaft, daß ihm ein Jäger zuvorgekommen, sonst wäre für ihn eine herrliche Gelegenheit gewesen, seinen Jagdtrophäen eine neue hinzuzufügen.

Unter solchen Verhältnissen war es natürlich, daß, wenn unter den Gouverneuren wichtige oder geheime Dokumente zirkulieren sollten, eine andere Post gewählt werden mußte. Dann reiste ein Sekretär selbst im Lande umher, umgeben von englischen und eingeborenen Soldaten, sogenannten Sepoys, und sein Gefolge, alle Bequemlichkeiten für eine beschwerliche Reise mit sich führend, glich dem eines Fürsten. – Neben dem Gouvernementsgebäude stand die leichtgebaute Kaserne des in Akola liegenden englischen Bataillons. Von den Fenstern des geheimen Kabinetts aus konnte man die Rotröcke nach den Kommandos von Unteroffizieren und einigen Leutnants leichte Übungen vornehmen sehen. Der Höchstkommandierende jeder Provinz war der Gouverneur selbst. Der Handel lag damals in den Händen der ostindischen Kompanie, und diese wandte sich in drohenden Zeiten an den Gouverneur um Hilfe, der die Regierung vertrat.

Über den Gouverneuren stand ein Generalgouverneur, der in Delhi residierte.

Außer den wenigen englischen Bataillonen war über ganz Indien noch ein stehendes Heer von eingeborenen Soldaten verstreut. Diese standen unter direktem Befehl von indischen Offizieren, diese wieder unter dem der Radschas, diese wieder unter dem des Großmoguls Bahadur, welcher ebenfalls seinen Sitz in Delhi aufgeschlagen hatte.

Die indischen Offiziere waren von den Engländern vollkommen unabhängig. Radscha Nana Sahib allein befehligte über 8000 Infanteristen und 2000 Reiter, und eifersüchtig wachte er darüber, daß kein englischer Befehl an seine Truppen erging. – Wie schon seit einigen Tagen, aber ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, kam auch heute der Gouverneur bereits zu sehr früher Stunde in das Kabinett, begrüßte die Herren und begab sich in sein Privatkontor. Arbeit für ihn lag nicht vor, und man hörte ihn heute ungeduldiger als je auf und ab schreiten. Er unterbrach seinen Weg nur, um am Fenster stehen zu bleiben und an den Scheiben zu trommeln.

»Ich wette, er kommt heute!« flüsterte Westerly dem ersten Sekretär zu.

»Möglich, wir erwarten ihn ja jeden Tag!«

»Ich habe eine Ahnung, daß er gerade heute eintrifft!«

»Sie werden in letzter Zeit recht von Ahnungen und Träumen geplagt,« lächelte Lord Canning.

Im Nebenzimmer hörte man den Gouverneur heftig durch das Zimmer eilen, eine Glocke ertönte, Diener kamen herbeigestürzt.

Sofort blickten die Herren durch das Fenster und sahen in diesem Moment eine Reiterschar um die Waldecke biegen. Sie bestand aus zwei englischen Kavalleristen und einigen eingeborenen Dienern, die viel Gepäck auf den Pferden bei sich führten. An der Spitze des Zuges ritt ein Mann im Tropenanzug, jedoch nicht in Uniform.

»Er ist es, Sir Carter!« rief Westerly, und eine flammende Röte flog dabei über sein Gesicht.

»Mäßigen Sie sich!« warnte der Sekretär.

»Soll ich mich nicht wundern, den Mann, der durch sein Unglück berühmt geworden ist, plötzlich hier auftauchen zu sehen?« entgegnete Westerly.

Die Reiter waren in den Hof gesprengt und saßen ab. Carter eilte sofort ins Innere und wurde vom Gouverneur schon auf der Treppe bewillkommt.

Der alte Beamte, dessen Haar im Dienste ergraut war, streckte Sir Carter mit tiefstem Mitleid die Hand entgegen. Er hatte diesen vor noch nicht drei Jahren als den lebenslustigsten Offizier kennen gelernt, heiter im Zeltlager, heiter inmitten des heftigsten Schlachtgewühls.

Er hatte von seinem Glück im fernen, Vaterland gehört, ihm zur Hochzeit und zur Geburt seines Kindes gratuliert. sich im stillen mit ihm gefreut. Der junge Offizier mit dem fröhlichen Gesicht und den strahlenden Augen hatte immer vor seiner Seele geschwebt, und nun stand er ihm gegenüber. Wie hatte er sich in kurzer Zeit verändert! Der Frohsinn war aus Frank Carters schönem Antlitz entschwunden, und jener harte Zug von unbeugsamer Entschlossenheit, welcher früher nur an einer tiefen Falte zwischen den Auge zu lesen war, herrschte jetzt vor.

Sir Stanhope, der Gouverneur, begrüßte Carter kurz. Sein Mitgefühl verbot ihm alle Zeremonie, und führte ihn dann in das Kabinett.

»Sie treffen bekannte Herren, wenigstens einen – Lord Canning,« sagte er.

Hinter Carter drängte sich ohne Aufforderung ein kleiner Chinese, fast noch ein Kind, durch die Tür.

»Es ist Kiong Jang, mein Begleiter!« erklärte Carter.

Der Gouverneur wußte schon, daß der Kleine dem Reisenden als Führer und Ratgeber in Indien beigegeben war. Er duldete daher dessen Eintritt in das Kabinett.

Die Herren wurden einander vorgestellt.

»Sie waren der erste, der mir Glück wünschte, als nach trüben Tagen die Sonne mir wieder zu strahlen begann!« sagte Carter, Lord Canning die Hand schüttelnd. »Ich fasse es als ein gutes Omen auf, Ihnen hier wieder zu begegnen.«

»Haben Sie noch keine Spur gefunden, die an das Ziel führen könnte?« mengte sich Westerly dazwischen.

»Leider noch nicht, doch ich stehe ja erst am Beginne meiner Nachforschungen!«

»Das ist trotzdem entmutigend.«

»Traurig wohl, aber nicht im geringsten entmutigend für mich!«

»Erst etwas für Sie, was Sie am meisten interessieren wird!« sagte der Gouverneur. »Ein Brief ist Ihnen vorausgeeilt!«

Hastig öffnete Carter das Schreiben, es kam von seiner Gemahlin. Beim Lesen stellte er sich ans Fenster, so daß man sein Gesicht nicht sehen konnte. Das Schreiben enthielt nichts, was ihn hätte betrüben können, aber eben deswegen erfüllte es Carter mit bitterer Trauer.

Emily schrieb so heiter, als wäre sie in der glücklichsten Stimmung. Wohl habe sie oft Sehnsucht nach ihrem Gatten, doch Eugenie, ihr Töchterchen, erfülle sie mit Trost.

Der ganze Brief handelte fast nur über das Wohlergehen des indischen Kindes, das Emily für das ihrige hielt, Eugenie nannte und mit Zärtlichkeit überhäufte, noch ganz so, wie Carter sie vor wenigen Monaten verlassen hatte, sonst vollkommen bei Vernunft erscheinend, litt sie an dem stillen Wahn, der indische Junge sei ihre Tochter.

Carter hatte sie unter dem Schutze eines Arztes und ganz besonders unter dem seines treuen Dieners Jeremy zurückgelassen. Sie lebte nicht mehr in London, sondern auf einer Besitzung in Nottingham. Der Wechsel des Aufenthaltsortes konnte ihr Leiden vielleicht bessern. Auf Anraten des Polizeidirektors hatte Carter sein Haus unter die Verwaltung eines Detektivs gestellt, der auf die Dienerschaft, ganz besonders aber auf das indische Dienstmädchen, ein scharfes Auge behielt.

Carter steckte den Brief in die Tasche und wandte sich um. In seinem Gesicht war nichts von dem Schmerz zu lesen, der in ihm wühlte.

»Sie sind doch unterrichtet, wie es in meinem Hause steht« fragte er.

»Vollkommen. Die Zeitungen bringen oft mehr, als man wissen will, und als die Rücksicht auf die Mitmenschen erlaubt.«

»Es ist alles noch beim alten. Was ich früher für einen furchtbaren Schicksalsschlag hielt, erkenne ich jetzt als eine Wohltat. Ich danke Gott, daß meine Gattin nicht die Schwere der Sachlage fühlt.«

»Und Sie haben noch keinen Anhaltepunkt betreffs des Verbrechens gefunden?« fragte jetzt auch der Gouverneur.

»Nicht den geringsten. Ich betrat Indien in Bombay und konnte dort nichts weiter erfahren, als daß Timur Dhar ein Gaukler gewesen sei, der vor etwa vier Jahren noch bettelnd und sich produzierend im Lande herumgezogen sei. Seitdem ist er verschwunden. Mit einem Geleitsbrief des Gouverneurs von Bombay versehen, reiste ich durch Nizam, berührte Warungul, wo sich der Gouverneur gerade aufhielt, und wandte mich dann direkten Weges hierher. Wie gesagt, ich stehe erst am Beginn meiner Unternehmung und verzage deshalb nicht. Sir Stanhope, ich darf Sie wohl um einen Begleitbrief durch Berar und um Empfehlung an den Gouverneur der Zentral-Provinzen, mein nächstes Ziel, bitten.«

»Ich stehe Ihnen vollkommen zur Verfügung;« entgegnete Stanhope; »doch mache ich Ihnen den Vorschlag, sich einen Schutzbrief von Nana Sahib, dem Radscha von Berar, ausstellen zu lassen. Dieser Radscha ist, so klein sein Reich auch sein mag, der Mächtigste in Indien, weil er ein Enkel des Großmoguls ist. Gerade in den Zentralprovinzen würde Ihnen ein englischer Paß nur wenig nützen, dort sind die Engländer zu sehr verhaßt, ein Brief von Nana Sahib dagegen öffnet Ihnen Türen und Herzen.«

»Wann könnte ich den Radscha darum angehen?«

»Lord Canning, der mit ihm am meisten geschäftlich verkehrt, wird Sie ihm vorstellen.

Doch ich hoffe, daß Sie sich bei mir erst von den Reisestrapazen ausruhen.«

»Nicht länger, als unumgänglich notwendig ist, meine Kräfte zu ersetzen. Und Sie, meine Herren, können Sie mir keine nützlichen Mitteilungen machen?«

Wie überall, so begegnete Carter auch hier nur mitleidsvollem Achselzucken.

»Mir ist der Name Timur Dhar noch niemals zu Ohren gekommen,« meinte Stanhope.

»Timur Dhar ist ein Lump, ein großer, großer Spitzbube,« ließ sich der Chinese aus der Ecke vernehmen, wo er bis jetzt teilnahmslos gesessen hatte, »ein viel größerer Halunke, als ich früher gewesen bin.«

»Selbsterkenntnis ist der Anfang aller Weisheit,« lachte Westerly. »Hast du mit Timur Dhar früher Kompaniegeschäfte gemacht?«

»Nein. Willst du welche mit ihm machen?« kam es schlagfertig zurück.

Carter bemerkte, wie die Augen des Gouverneurs mit seltsamem Ausdrucke unverwandt auf ihm ruhten, und er hatte ihn verstanden. Er nickte leicht und wurde in das Privatkontor geführt. Der erste Sekretär folgte.

Westerly war bei der Antwort des Chinesen zusammengezuckt. Finster musterte er den Burschen, dessen Züge den Stempel der größten Verschlagenheit trugen.

»Höre, Bursche,« sagte er drohend, »deine Dreistigkeit ist hier nicht am Platze. Wenn du dich ungehörig benimmst, lasse ich dich hinauswerfen.«

»Du hast hier ebensowenig zu befehlen, wie ich,« entgegnete der Chinese gleichmütig.

Westerly sprang zornig auf, doch Lord Canning mengte sich ein.

»Lassen Sie den Jungen zufrieden, ich bitte Sie. Sie wissen doch, daß er keine unwichtige Rolle spielt, und es ist natürlich, daß er sich etwas darauf einbildet.«

Der aufgeregte Engländer setzte sich mit einem unverständlichen Murmeln wieder und beugte sich über seine Papiere.

»Du bist also der Mann, der in London zum Detektiv ausgebildet worden ist und dem sich Sir Carter anvertrauen soll?« fragte Canning, den kindlichen Chinesen mit unverhohlener Verwunderung.

»Ja, Kiong Jang ist Detektiv.«

»Bist du in China aufgewachsen?«

»Nein, meine Heimat ist Indien. Timur Dhar hat mich als kleines Kind gestohlen und mich zu seinen Kunststücken verwendet.«

»Ah, so kennst du Timur Dhar persönlich?«

»Freilich kenne ich ihn.«

»Glaubst du auch an seine Allmacht?«

»Timur Dhar ist ein geschickter Gaukler, weiter nichts.«

Canning hörte zum ersten Male aus dem Munde eines Eingeborenen diesen Zweifel aussprechen. Alle anderen, die sich Timur Dhars noch von früher her entsinnen konnten, redeten von ihm wie von einem geheimnisvollen Wesen, am liebsten aber überhaupt nicht.

»Ist es dir denn nicht aufgefallen, daß ein Indier, der sich Timur nannte, in London als Zauberkünstler auftrat?«

»Ich habe den Mann gesehen, ich erkannte ihn nicht als Timur Dhar, er arbeitete auch nicht besonders geschickt. Timur ist ein häufiger Name, und ich glaubte, er hätte sich nach dem bekannten Gaukler so genannt, wie es sich auch herausgestellt hat. Aber dennoch ...«

Der Chinese brach ab und war nicht wieder zum Sprechen zu bringen. Er zog unter seinem blauen Jäckchen eine an einer Lederschnur hängende Porzellanfigur hervor, einen sitzenden Menschen von entsetzlicher Häßlichkeit darstellend, und begann damit zu spielen.

Fast jeder Chinese besitzt solch einen Götzen, den er immer mit sich herumträgt. Er gibt ihm keinen Namen, er betrachtet ihn auch nicht als das Bild eines höheren Wesens, er ist eben nur ein Fetisch, und zwar eine Art von Wünschelrute. Hat der Chinese einen Wunsch, so trägt er ihn dem Götzen vor; geht die Sehnsucht in Erfüllung, dann streichelt und küßt er die Figur, andernfalls bekommt sie Prügel, wird an die Wand geworfen und mit Füßen getreten.

Des kleinen Chinesen Gott mußte schon eine schlimme Behandlung erlitten haben, denn Ohren und Nase waren abgebrochen und die Figur auch sonst beschädigt. Jetzt hockte er am Boden und unterhielt sich murmelnd mit seinem Fetisch, Lord Cannings Fragen gar nicht beachtend. – Unterdes hatte im Nebenzimmer der Gouverneur von Carter ein sorgsam mit Gummi umwickeltes Pergament erhalten. Beim Lesen desselben verdüsterten sich die Züge des alten Mannes; die Gouverneure der einzelnen Provinzen Indiens wurden mit einem schweren Auftrage betraut.

Den Radschas sollte das Oberkommando über die eingeborenen Truppen genommen werden, die indischen Offiziere blieben in ihrer Stellung, wurden aber abhängig vom Gouverneur.

Diese Änderung nach und nach vorzubereiten, ohne daß ein Aufstand der in ihren Rechten gekränkten Indier zu befürchten wäre, war die Aufgabe der Gouverneure.

Die englische Regierung verlangte nichts Unmögliches, nicht mit einem Schlage sollte die Änderung durchgeführt werden, sondern man erwartete, daß es eines Zeitraumes von etwa zehn Jahren dazu bedürfe. Das Schreiben führte genau aus, wie vorzugehen war, Jahr für Jahr, und zwar bediente man sich schlauer Mittel.

Das erste war, daß man sich die Radschas verpflichtete, und dies geschah, indem die englische Regierung die Besoldung und Montierung der indischen Truppen zum Teil übernahm. Dies schlugen die Radschas sicher nicht ab, und war man erst so weit, konnte man nach und nach alles nach englischem Geschmack organisieren.

Der Sekretär nahm eine Abschrift des Befehls, und nachdem Stanhope das Dokument unterzeichnet, verbarg Carter es wieder im Innern der Weste.

»Es ist eine schwere Arbeit, sie erfordert die größte Vorsicht,« sagte Stanhope. »Fiele dieses Schreiben in die Hände eines Radschas, so flammte der Aufstand sofort lichterloh empor.«

»Wer vermutet es bei dem Vater, der sein Kind sucht!«

»Ja, die Wahl des Kuriers war eine gute. Wollte Gott, die militärische Macht der Radschas wäre schon gebrochen. Solange diese heißblütigen Indier über Soldaten zu befehlen haben, sitzen wir immer wie auf einem Pulverfasse.«

»Wie denken Sie? Soll ich Nana Sahib um den Geleitsbrief bitten, bevor Sie ihn gesprochen haben?«

»Vorher! Gerade Nana Sahib ist einer der Mißtrauischsten; er wittert immer eine geplante Unterdrückung seiner Macht, und ehe ich ihm mein Anerbieten mache, bedarf es einer reiflichen Überlegung. Wenn Sie damit einverstanden sind, so wird schon morgen Lord Canning Sie vorstellen.«

»Je eher, desto besser; mir brennt der Boden unter den Füßen.«

Carter nahm das Anerbieten an, in des Gouverneurs Villa, die dieser mit Familie bewohnte Quartier zu nehmen. Westerly versuchte vergebens Ihn zu einem Besuch bei englischen Familien zu bewegen, Carter wollte Fragen ausweichen, die seinen Schmerz aufrührten; er wollte allein sein.

Er verbrachte den Tag in Stanhopes Familie, während Kiong Jang in der Stadt und Umgegend umherstrich und Erkundigungen einzog. Er brachte aber nichts mit, was beide nicht schon wußten.

Abends gingen sie zeitig zur Ruhe, sie waren von der Reise ermüdet. Ihre Zimmer lagen nebeneinander im ersten Stock. Kiong Jang war nicht nur trotz seiner Jugend ein gewandter Detektiv, er war dem, der ihm anvertraut, auch ein treuer Diener und wachte über die Sicherheit seines Herrn.

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