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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Ulrich von Lichtenstein

Gerhart Hauptmann: Ulrich von Lichtenstein - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
authorGerhart Hauptmann
titleUlrich von Lichtenstein
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Hass
year1965
isbn3549051437
firstpub1939
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160524
projectid1939
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Vierter Akt

Ein Raum im Schloß Runkelstein, sehr prunkvoll. Eine besondere, sehr prächtige Tür, mit Damasten verschlossen, die oben in einer goldenen Krone zusammenlaufen. Es ist der Eingang zum Schlafzimmer der Herzogin.

Beginnende Abenddämmerung am Johannistag; 24. Juni.

Es treten ein: Isabella und Blondel, wie er vom Pferd gestiegen ist.

Isabella

Welche Freude, Blondel! Sag,
wie bekamst du Urlaub, Guter?

Blondel

Heute ist Johannistag,
und im Stall ein ausgeruhter
Rappe, der mehr fliegt als rennt,
reizte mich unwiderstehlich
– und ein Fräulein, das Ihr kennt –,
einen scharfen Ritt zu wagen.

Isabella

Liebster Freund, du machst mich selig.

Blondel

Schnell den Hengst ließ ich beschlagen,
und wir rasten wie auf Funken,
beide, schien es, minnetrunken
in Karrier' dahin, drei Stunden,
bis wir unser Ziel gefunden.
Und mein Rappe war von Schweiß
nun ein Schimmel, blendend weiß.

Isabella

Freund, du kommst wie auf Geheiß.
Niemand weiß, warum, wieso
vor der Nacht der tausend Feuer
unsre Burg brennt lichterloh.
Fast erscheint mir's nicht geheuer:
Flöten, Pauken und Posaunen
quäken, donnern, schmettern, schreien.
Es ist wirklich zum Erstaunen,
daß im Sturme der Schalmeien
nicht die ganze Burg ertaubt.
Doch du bist vom Ritt bestaubt,
Blondel. Komm in meine Kammer!

Blondel

Auch mir legte eine Klammer,
Isi, sich um beide Ohren,
als ich auf dem Hofe stand,
noch den Zügel in der Hand,
und der Page mir die Sporen
von den Fußgelenken band.
Alles schien dazu verschworen,
Gockelhahn und Schwein und Rind,
Mädchen, Weiber, Mann und Kind,
dergestalt und so zu lärmen,
daß man's fühlte in den Därmen.

Isabella

Nun, du bist der Mann, den Trubel
in ein ruhig Bett zu leiten.

Blondel

Und warum denn dieser Jubel?

Isabella

Briefe melden hohe Zeiten
unsrer Herrin an von Wien.
Bald darf sie von dannen ziehn.
Fürstlich wird man sie geleiten.
Denn ihr Gatte, wie es heißt,
hat ein Erzamt überkommen,
und den höchsten Rang, du weißt,
hat ein solcher Fürst erklommen,
wo man von Demanten gleißt
und nur noch von Golde speist.

Blondel

Und sonst wäre nichts zu künden,
von der süßen Herrin nämlich?
Liebe also macht sie grämlich,
heiter Würden oder Pfründen?

Isabella

Wege führen viel nach Rom.
Aber alle deine Worte,
tumber Mann, zu meinem Ohm.
Nun, so wisse: euer Streich
mit Marias Lieblingstauben
und die Frechheit, sie zu rauben,
ist geglückt. Sie las den Leich,
den sie eingebunden brachten
an den Hälslein, und sie lachten
alle drei, die rückgekehrten
Boten und die hohe Dame.

Blondel

Hochgelobet sei ihr Name!

Isabella

Und sie sagte etwa dies:
»Schade, solchen Taubendieben
ist man gut. Noch im Verlies
möcht' ich solche Diebe lieben.
Nur nicht diesen alten Racker,
diesen eklen Fingerhacker.«

Blondel

Aber wie erklärst du nun,
daß ihr Bote ihn geladen?

Isabella

Gutes will sie ihm nicht tun,
doch auch wieder ihm nicht schaden.
Hat sie etwa wohl im Sinn,
ihn vom Wahne zu kurieren?
Nun, um Kuren zu probieren,
richtet mancher manchen hin.
Doch was hilft es? Unterdessen
ist sie ganz darauf versessen.
Wenn er doch den Braten röche
und ihr auf den Leim nicht kröche!

Blondel

Dunkel ist mir deine Rede.
Aber eines ist mir klar:
droht Herrn Ulrich hier Gefahr,
übermannt sogleich ihn jede.
Denn die Botschaft Trostelins
schien – wir sahen's fast mit Grauen –
ihm den Helm vom Haupt zu tauen,
alles Eisenwerk, so schien's,
ihm vom Leibe abzulösen.
Dolch und Schwert wie Wachs zerrann,
fast zugleich der ganze Mann.
Und jetzt, wie entführt vom Bösen,
und im Nu, verschwand er dann
unsichtbar aus unserm Kreise,
und zu euch ging seine Reise.

Isabella

Liebster Blondel, leise, leise!
Halte Wache vor dem Tor,
laß ihn nicht die Burg betreten!
Warne, warne ihn davor!
Ich indes will für ihn beten.

Blondel

Beten willst du, lieber Schatz?
Gib mir lieber einen Schmatz!
Und dann wollen wir beraten.
Alles duftet hier nach Braten,
Wein und Freude um und um –
aber nicht nach Missetaten.

Isabella

Ja – so scheint es. Sei es drum.

Blondel

Und die Burgfrau, sagt man, treibe
diesen ganzen Mummenschanz.

Isabella

Ja, sie führt Gesang und Tanz,
schießt mit Bolzen nach der Scheibe.
Doch dies tut sie alles so,
daß es niemand will gefallen.
Niemand macht es wahrhaft froh.

Blondel

Ich durchschritt die Waffenhallen,
stieß allda auf Trostelin.
»Alles, was du hörst erschallen«,
sprach er, »Blondel, ist für ihn!
Und sein unentwegtes Lieben
ist nicht ohne Frucht geblieben.«

Isabella

Wär' es so! Man schlägt nicht Sturm,
wenn man des Geliebten wartet.
Etwas ist hier abgekartet,
in dem Apfel steckt der Wurm.
Freilich hat sie Ulrichs Werben
irgendwie im Kern verwirrt,
all ihr Denken ist verirrt.
Die jetzt jauchzet, sie will sterben
fast im gleichen Augenblick.
Ulrichs Gattin haßt sie glühend,
und schon schwärmt sie, sie sei blühend,
sei verführerisch und schick!
Hat sie Ulrich eingelassen,
kämpft in ihr ein Ja und Nein.
Kann sie nicht sein Liebchen sein,
wird sie ihn als Katze fassen
– o ich schwöre Stein und Bein –
als ein armes Mäuselein.

Blondel

Nun – du redest ziemlich klug.
Weiberherzen sind voll Trug,
den sie selber nicht bemerken
oder erst in seinen Werken!
Haßt sie meinen lieben Herrn –
Liebe steht dem Haß nicht fern.
Oft im brennenden Gemüte
ist der Haß die Liebesblüte,
rot und giftig wie der Mohn.

Isabella

Um der Spannung Bann zu brechen,
der seit Monden ein sie zwängt,
fesselgleich sie fast beengt,
will sie wohl – an wem? – sich rächen,
einmal ihre Macht genießen
über jenen Minnetollen
und, womöglich aus dem vollen,
Sprit in seine Wunden gießen!
Und zugleich in tiefen Zügen
ihrer Eifersucht genügen
an Kathrinen unterm Scheine,
daß sie's herzlich mit ihr meine,
und wenn Mann und Weib sich dunkel
finden, lüstern, mit Gemunkel,
etwa durch die Ritze gucken,
um vielleicht vom Liebestranke
etwas diebsweis mitzuschlucken?

Blondel

Schauerlich ist dein Gedanke!
Doch noch seh' ich nicht genau,
was sie planet, deine Frau.

Isabella

In ihr eignes Schlafgemach
will sie Ulrichs Gattin legen
und den Ritter nach und nach
mit gespielter Gunst erregen,
bis er glauben muß, sie sei
willens – kost' es ihr das Leben –,
sich ihm gänzlich hinzugeben.
Mit dem Onkel ist's vorbei
– wer ist leichter zu nasführen? –
vor verschlagner Weiber Türen.
Trifft er auf Betrügerei,
ist er ganz und gar verloren.
Glaubt er sich von der erkoren,
der sich seine Dienste weihn,
geht er blind auf alles ein.
Zweifeln wird er nicht daran
als ein dünkelhafter Mann,
daß sie vor Begierde ächze
und nach der Umarmung lechze.
Schleicht er in der Dunkelheit
ins Gemach, dazu bereit,
rasend, blindlings und vermessen
aller Ehre zu vergessen,
wird er das Verbot nicht brechen,
das ihm ward, kein Licht zu schlagen,
wird nach Wie und Was nicht fragen.
So wird ihn der Haber stechen.
Und wenn schließlich das geschehen,
was des Minnedienstes Sinn,
wird er keine Königin,
aber jemand vor sich sehen,
altgewohnt und brav und traut,
die ihm schon vier Knäblein schenkte:
seine Gattin, die gekränkte,
und erneut nun seine Braut.
Und es ist der Plan der Herrin,
sozusagen Narr und Närrin,
diese unter Hochzeitsschleiern,
allgemein und laut zu feiern.

Blondel

Nun, wenn dies Dämonen brüten,
müssen Engel es verhüten ...

Isabella

... und so halt' ich dich, den einen,
Ulrichs, Katharinens, meinen,
und vor allem auch den ihren,
unsrer hohen lieben Fraue,
der ich hänge an der Braue.
Möge sie sich nicht verlieren!

Beide schreiten im Gespräch ab. Durch eine andere Tür treten ein Herzogin Maria und Trostelin.

Herzogin

Nun – was bringst du, Trostelin?

Trostelin

Was ich bringe, Fraue? Ihn,
der gefolgt mir auf dem Fuße.
Lebet wohl, und Gott zum Gruße!

Herzogin

Du bist kurz, mein weiser Freund.
Und wie hast du ihn getroffen?

Trostelin

Von der Sonne tief gebräunt,
das Visier wie meistens offen,
frei und herzlich, mild und gütig
und in allem edelmütig.
Träf' ihn Unheil, wär's mir schmerzlich.

Herzogin

Soll Herrn Ulrich Unheil blühen
hier, wo meine Stimme gilt,
alle sich für ihn bemühen,
alles lobt und niemand schilt?
Wird er nicht empfangen werden
wie ein schöner Bräutigam,
der auf seine Hochzeit kam,
mit Posaunen, Harfen, Pferden?
Ist er also in den Mauern?
Nun, so wird ein Wunder wahr.
Wo denn drohet hier Gefahr,
und was gibt es zu bedauern?
Sechs der schönsten Edelknaben
– wenn Ihr richtig ihn geleitet –
sind dabei jetzt, ihn zu laben,
ihn zu schrubben und zu schaben,
und ein güldner Herold reitet
um die Burg mit lautem Schall
und verkündet überall
seinen ruhmbedeckten Namen.
Vor dem Hall und Widerhall
schweigt erschreckt die Nachtigall
und erschauern unsre Damen.
Er inzwischen planscht im Bade,
und man überschüttet ihn
drin mit Rosen ohne Gnade.
Toller treibt man's nicht in Wien,
wenn er einzieht, will ich wetten.
Dicker sind die Rosenketten
dorten auch und länger nicht,
die man um sein Prunkbett flicht.
Närrischer, als meine Frauen
mit Holunder und Jasmin
diesen Allerwertsten hauen
werden, streicheln, kitzeln, schmücken,
wird ganz Wien ihn nicht beglücken.

Trostelin

Eure Augen, Herrin, blicken
so, als stünden sie im Fieber ...

Faßt ihr Handgelenk

Pulse, die gemächlich ticken,
nicht wie Eure, sind mir lieber.
Jene Worte, die Ihr mir
jüngst an Ulrich aufgetragen,
schienen anderes zu sagen,
Stilleres, als heute hier
sich begibt ... Das Ziel nun aller
– und verhüt' es Gott: das Spiel –
kam hierher als schlichter Waller,
meinend, daß es Euch gefiel,
seiner Liebe reines Regen
heimlich Euch ans Herz zu legen,
ihre holde Phantasie,
ihre süße Melodie.
Um ein Nichts vor Euch zu sein,
ganz nur von Euch hingenommen,
zog er fast als Bettler ein.
Ja, mir war recht wunderbar,
so verwandelt ihn zu schauen.
Kaum den Augen mocht' ich trauen:
Der im Silberharnisch gleißte,
ungebändigt frei im Geiste
seine Schar von Helden führte,
in die Schranken galoppierte
wie ein Sturmwind, eisenrasselnd,
auf den Gegner niederprasselnd,
kommt zu Euch mit nackten Füßen
büßergleich.

Herzogin

mit zusammengebissenen Zähnen

So soll er büßen!

Trostelin

Hat er Euch so schwer gekränkt?

Herzogin

Nein, nicht mich! Allein sich selber,
und zwar schwerer, als man denkt!
Ward nicht zu Tarvis ein gelber
Mantel über ihn gehalten
unterm Hochamt, am Altare,
einer geilen Gräfin Kleid?
Diese, heißt es, ging so weit,
ihn zu küssen auf die Haare!
Und so sagt mir doch, was galten
ihm Gelübde, die bekannten,
mir zum Überdruß genannten,
als er auf den Mund sie küßte,
ja – man sagt: auf beide Brüste,
aller Welt zum Ärgernis!
So das Stücklein von Tarvis!
Nein, wir wollen mit Humor
Ordnung in sein Leben bringen.

Trostelin

Stellt Euch das zu leicht nicht vor!

Herzogin

Wollen zur Vernunft ihn zwingen!
Geht es, wie ich mir geschworen,
kürz' ich seine langen Ohren.

Trostelin

Aber, Herrin, süße, gute,
sorget, daß er nicht verblute!

Die Herzogin geht unruhig hin und her. Isabella tritt ein.

Isabella

Ulschalk ist zurückgekehrt,
und es ist ihm schlecht bekommen,
was er prahlend unternommen.
Und nun kocht sein Herz vor Wut,
und er lechzt nach Ulrichs Blut.

Herzogin

Hund vom Stiere ist zurück?

Isabella

Ja, und nicht zu unserm Glück.
Denn der Possen, den wir planen,
kann sich leicht zum Ernste wenden,
und mir will nichts Gutes ahnen.

Herzogin

Was beschlossen, muß ich enden!
Meine Absicht ist ja rein:
Will ich nicht sein Engel sein?
Weit entfernt, ihn zu verhöhnen,
ihn mit seinem Weib versöhnen,
ihn von seinem Wahn befrein? –
Schick mir Katharina – dann,
Isabell, den tumben Mann!

Isabella geht und kommt mit Ulrichs Gemahlin wieder herein.

Nun, wie geht's uns, Katherin?
Besser, scheint mir, ganz gewiß.
Solch ein bißchen Ärgernis
darf uns nicht gleich niederziehn.
Außerdem, ich möchte wetten,
unsichtbare Rosenketten
werden bald dich selig betten
wie zur Brautnacht neben ihn.

Katharina

leicht angeheitert

Ach – es gehe, wie es mag.
Ulrich hin und Ulrich her!
Ulrichs denk' ich heut nicht mehr!
Fink und Drossel lärmt im Hag
und im Feld der Wachtelschlag,
und vom Ringtanz komm' ich her.
Oh – ich hatte einen Tänzer,
einen Allerweltsscharwenzer!

Herzogin

Ja – heut ist Johannistag,
jeder tut, was jeder mag.
Wir vergessen alle Sorgen.
Heut ist heut, es gibt kein Morgen.
Kind ... wie bist du echauffiert!

Katharina

Gott – er hat mich so traktiert
mit Sorbett und Pfeffernüssen
und, ich glaube gar, mit Küssen!

Sie kichert verschämt.

Herzogin

Kind ... wer war denn dieser ziere
Bursche? Zu Beginn des Festes
raubt' er sich bereits sein Bestes.

Katharina

Mizzi, ach, ich hanseliere.
Alles seh' ich nur verschwommen,
und mein Kopf ist ganz benommen.
Doch ich muß zurück zum Tanz.
Dieser Junge ist ganz närrisch!
Ringelreihenrosenkranz!

Dreht sich um sich selber.

Läppisch, launisch, grob und herrisch
ich bin ganz in seiner Macht.
Ach, was haben wir gelacht!

Herzogin

Kind, was soll man von dir denken?
Deine Tugend läuft Gefahr.
Binde dir doch nur dein Haar!

Katharina

Ach – ich muß ihm etwas schenken.
Mizzi, gib mir was in bar!

Herzogin

Was denn willst du ihm bezahlen?

Katharina

Mizzi – oh, er ist zum Malen,
solche Tänzer sind sehr rar!

Herzogin

Du hast recht in jedem Stücke,
und wer gönnt dir nicht dein Glücke?
Aber wär' ich jetzt wie du,
gönnt' ich mir ein wenig Ruh'!

Katharina

lacht verschämt

Ach, im Hofe geht es zu!

Herzogin

Ruh dich aus, um dann von neuem
dich an Spiel und Tanz zu freuen!
Denn sonst, wett' ich, bleibt vom Fest
dir nur noch ein winziger Rest.

Katharina

Schlafen soll ich gehn, Marie,
die ich wach wie eine Lerche?
Jetzt zu Bette? Niemals, nie!

Herzogin

Überm Rauchfang klappern Störche!
Bleibst du wach ... ich fürchte die.

Katharina

Schlafen soll ich gehn, Marie?
Jetzt sogleich, und noch vor Tische?

Herzogin

Man serviert dir Fleisch und Fische
in der kleinen Galerie.
Ruh in meinem Schlafgemach,
und auf meines Prunkbetts Decken
laß dir kurze Ruhe schmecken,
und bald wirst du wieder wach.

Katharina

Doch wie komm' ich zu der Gnade,
mich in deinem Bett zu räkeln?

Herzogin

Weil es nah ist. Willst du mäkeln?

Katharina

Nein, es ist für mich zu schade.
Und ich fühle ja zur Zeit
nicht die Spur von Müdigkeit!

Herzogin

Glaubst du das, so tut's mir leid.
Denn du hältst ja kaum die Lider
offen, und in jedem Nu
fallen sie dir wieder zu.

Katharina

Wär' es wirklich, hätt'st du recht?
Gott – mir wird beinahe schlecht.
Seid ihr Zauberinnen, wie?
Eben war ich frisch und munter,
und nun wanken mir die Knie,
und mir scheint, die Welt geht unter.

Isabella fängt die halb Bewußtlose auf.

Herzogin

So – nun geh! Es ist zum Lachen.
Isabell, jetzt, wie es steht,
kannst du alles mit ihr machen.
Immer, ob auch Zeit vergeht,
bleiben wir dieselben Leute.
Und ich weiß, als wär' es heute,
wie wir in der Klosterschule,
alle noch mit offnen Haaren,
übermüt'ge Bälger waren,
daß Kathrinchen auf dem Stuhle
munter saß, und wir beschlossen
– immer war's der gleiche Possen –,
sie wie eben zu beschwören,
weil wir ihre Schwäche kannten,
einzuschläfern, zu betören,
bis der Unfug ruchbar ward
und die Obrin ihm gesteuert.
Nun, wohlan und gute Fahrt!

Mit Kopfschütteln führt Isabella die hypnotisierte Katharina durch das Portal in das Schlafzimmer der Herzogin. Man erkennt dort das goldene Prunkbett. Die Herzogin selbst schließt hinter beiden die Türflügel.

Alsdann geht sie unschlüssig auf und ab und klatscht schließlich in die Hände, worauf Trostelin erscheint.

Ist dein Schützling nun gewaschen,
gut gebürstet und gekämmt,
in den Samtrock eingeklemmt,
neu bewehrt zum Mückenhaschen,
diese narrensel'ge Sphinx?

Trostelin

Ja, sie wartet Eures Winks.

Herzogin

Oder wollt Ihr lieber, daß
ich ihn Ritter ohne Tadel
nenne, Mann vom reinsten Adel,
Artus, Roland, Athamas?
Nun, gleichviel, ich muß ihn sehen
und will endlich Schlag auf Schlag
dieses Fabeltier bestehen.

Trostelin mit Verbeugung ab. Die Herzogin klatscht abermals in die Hände. Kammermädchen und Kammerfrauen erscheinen.

Heute ist Johannistag.
Alles jubelt, alles lacht!

Die Frauen

durcheinander

Schon bereits Johannisnacht,
tausend Feuer sind entfacht!
und von aller Berge Spitzen
sieht man die Fanale blitzen.
Ja, auch unser Holzstoß loht
allbereits mit großer Pracht
riesenhaft und blutigrot.

Herzogin

Eilt euch, keine Zeit verlieret!
Meinen Krönungsmantel bringt mir,
und verhüllt mich ganz in Schleier!
Bin ich also dann gezieret,
leise Hymnen, Mädchen, singt mir,
quasi wie zur Hochzeitsfeier!

Alles geschieht schnell.

Wer mich so verkleidet schaut,
nimmt mich wohl für eine Braut.
Nun, der Irrtum ist nicht groß ...
Heut'gen Tags vor sieben Jahren
trug ich Myrten in den Haaren,
ward mit Herzog Heinz getraut,
und wir wollen dem zu Ehren
einen Sünder Mores lehren,
ihn in eigner Schlinge fangen,
der am Eh'stand sich vergangen!
Fort, huschhusch, hinaus mit euch!
Nun beginnt der Narrenstreich.

Alles entweicht, sie bleibt allein. Ulrich, häuslich bequem umgekleidet, aber mit Muschelhut und Pilgerstab, und Trostelin treten ein.

Trostelin

Bis hierher, und weiter nicht,
führt mich, Ritter, meine Pflicht.
Mag nunmehr Euch Gott behüten!

Ulrich

Oh – er hat es stets getan,
bleibt der heilige Minnewahn
auch ein Dornenkranz mit Blüten.
Doch nun weilet oder geht!
Denn ich bin zu Gott gedrungen,
dessen Mutter vor mir steht.

Trostelin ab. Ulrich kniet nieder und faltet die Hände.

Herzogin

Mann, steh auf! Du bist nicht bei dir!
Solch ein Greuel der Vergottung
ist des Göttlichen Verspottung.
Und mir waren Weihrauchsschwaden
nie die Flut, um drin zu baden.
Sei es drum! Ich rief dich her,
doch nicht, um – da irrst du sehr
für dein Tun dich zu belohnen
oder gar dich zu bestärken
in dem »Dienst«, wie du es nennst,
und in jenen Narrenwerken,
die du liebst und sattsam kennst.

Ulrich

Himmlische, ich suche Lohn
also wenig, also viel
wie der Gottesmutter Sohn.
Und im Dienst mich zu bestärken
für das eine, das ich meine
– Hilfe dafür brauch' ich keine.
Sprach man dir von Narrenwerken,
dieses taten böse Zungen
üblen Atems fauler Lungen.
Solche haben umzulernen
nicht von Gottes Thron die Gnade.
Nicht auf Erden, in den Sternen
drang ich vor auf meinem Pfade.
War's Euch Ernst, mich zu erblicken,
mußtet Ihr gen Himmel schauen:
tages in den offnen, blauen,
nächtens in den purpurdunkeln,
wo die Sternenwiesen funkeln.
Wie dort meine Federn nicken,
meine Himmelsrosse bäumen
und in weißen Wolken schäumen,
des Turnieres Lanzen knicken,
wie gesagt, läßt sich erblicken
gleichsam wie in wachen Träumen.
Nein, Madam, Ihr seht mich hier
ohne Helmbusch, unbewehrt,
doch von keiner Schuld beschwert.
Denn auch ohne alle Zier
bleibt ein Ritter ehrenwert.
Auch ein Heimlichkeitenzettler
bin ich nicht, erst recht kein Bettler.
Alles dieses widerspräche
meinem Dienst. Und ich zerbräche
lieber ihn als eine Bürde,
eh der hohen Fraue Würde
im geringsten ich verletzte,
die im Empyreum wohnt
und mich ohne Lohn belohnt.
So, nun wißt Ihr, wer ich bin,
Königin und Kaiserin!

Herzogin

entschleiert ihr Gesicht, wie um besser zu sehen. Etwas aus der Fassung

Was Ihr da in schlanker Rede,
werter Ritter, hingesprochen,
wird nicht jeder und nicht jede
ohne weiteres verstehn.
Weiber, die wir Suppe kochen,
nach dem Hühnerstalle gehn,
Hemden bügeln, Polster klopfen,
Linnen weben, Strümpfe stopfen,
sind ein wenig stumpfen Sinns.
Ich zum wenigsten – ich bin's.
So zum Beispiel weiß ich jetzt
nicht, ob ich Euch gar verletzt?
Nun, das hätt' ich nicht gewollt ...
Und was heißt, Ihr seid kein Bettler,
seid kein Heimlichkeitenzettler?
Wenn Ihr so die Worte rollt,
liegt es nahe, Euch zu fragen:
was denn hat sich zugetragen?
Und was Eure Wolkenritte
angeht, Ritter, und Turniere:
nun, es macht mir wahrhaft bang!
Nicht, daß es mir übel klang,
beinah war es wie Gesang.
Doch der kleine Mensch verliere
nicht den Boden unterm Tritte.
Und das ist auch kaum geschehn.
Wollt Ihr Hund vom Stiere sehn,
der entstellt und blutbedeckt
gleichsam seine Wunden leckt,
die ihm Eure Braven machten?
Stammen sie aus Sternenschlachten?
Ritter, längst vergangne Tage
tauchen auf wie eine Sage,
wo ich einen Jüngling kannte,
der wie Ihr sich Ulrich nannte.
Wenn er in dem gleichen Raum war,
ich ihn hörte nicht und sah,
fühlt' ich dennoch: er war da.
Solches ward mir unbequem
mit der Zeit, ein ewiger Aufpaß.
Deshalb gab ich ihm den Laufpaß.

Ulrich

Gabt den Laufpaß, Huldin? Wem?

Herzogin

Der jetzt fraget: ebendem!
Doch so groß die Welt auch sei,
so im Wachen wie im Traume
fühlt' ich ihn im gleichen Raume.
Ob mir das nun lästig sei
oder nicht: weit fortgezogen,
ferne bis zum Rand der Welten,
blieb er an mich festgesogen.
Alles Wehren, alles Schelten
war vergebne Mühe bloß.

Ulrich

Dame ... das ist unser Los,
und das Schicksal läßt man gelten.
Ja, wer gegen der Planeten
Ratschluß jemals aufbegehrt,
ward aufs härteste belehrt.

Herzogin

Richtig, ja! Und die Trompeten,
die Posaunen, Pauken, Zinken,
die Euch durch das Land begleitet,
die Turniere, die Ihr reitet,
dieses Balgen, Tanzen, Hinken,
ist bereits des Himmels Strafe!

Ulrich

Ritter weiden keine Schafe.

Herzogin

Unser Heiland hat's getan.
Seht Euch doch die Erde an
und die Nöte, die sie leidet,
sich den Himmel blutig röten.
Stehlen, Rauben, Brennen, Töten,
blinde Wut und blinder Wahn
peitschen auf die Menschheit nieder –
und Ihr dudelt Minnelieder?

Ulrich

Huldin, wollt' ich damit warten,
bis der ew'ge Krieg vorbei,
bis der Paradiesesgarten
und darin der ewige Mai
neu erobert hat die Erde –
würde wohl die Zeit mir lang.
Gut, Ihr spracht von einem Hang
meines Geistes, meiner Seele,
ihrem ewig gleichen Drang,
und den Liedern meiner Kehle,
die sich ihm und also Euch
immer innig suchend weihen.
Ist mein Lied an Künsten reich,
dank' ich Gott, sonst würd' es schreien!
Nun – ich kenne Eure Art.
Süße Beeren schützen Stacheln,
Dornen fürcht' ich nicht noch Hacheln.
Was im Innern überzart,
muß sich füglich so betragen.
Frau, Ihr konntet mehr nicht sagen,
als Ihr sagtet. Euern Mund
laßt mich dafür küssen und
ihm bestätigen: wir waren
eins bereits vor vielen Jahren;
nehmet hin, was Gottes Wille!

Er küßt die Verblüffte auf den Mund.

Herzogin

einigermaßen fassungslos, drängt Ulrich von sich

Ulrich, Frevler! Stille, stille!

Ein Edeling tritt lebhaft ein und stutzt, als er die beiden im Kuß bemerkt. Die Herzogin hat ihn gesehen.

Bube, wer erlaubte dir,
in das Fraungemach zu treten?

Ulrich

zurücktretend

... sozusagen ungebeten!

Edeling

O vergebt, vergebt es mir!
Doch die Nacht voll Feuerflammen,
die aus Höll' und Himmel stammen,
hat auch mich in Brand gesteckt.
Ja – ich brenne lichterloh,
und ich suche irgendwo
sie, der ich verschworen bin!
Denn sie soll mich meinetwegen
ganz und gar in Asche legen,
die entlaufne Tänzerin!

Isabella kommt und sucht den Edeling hinauszuziehen.

Isabella

Hört nicht, was der Bursche schwätzt!
Ja, er ist in Brand gesetzt,
und der Kellermeister hat
dann noch Öl daraufgegossen.
Komm nur, komm und laß die Possen!
Deiner Tollheit ist man satt.

Herzogin

Werft den Wildfang ins Gewahrsam!

Isabella

Ach, er weiß nicht, was er tut.
Ihn zerreißt der Übermut!

Ulrich

Seid heut mit der Lust nicht sparsam
und verzeiht dem jungen Mann!
Wer sein Lieb nicht finden kann,
sei's im allgemeinen Jubel,
dessen Freude ist vertan.

Herzogin

Ach, mich widert dieser Trubel!

Edeling

Aug um Auge, Zahn um Zahn!
Wen ich treffe im Gedränge,
der mit Katherin scharmutzt,
wird dermaßen ausgeputzt ...

Ulrich

Ja, du nimmst ihn in die Fänge,
und du wirfst ihn ohn' Erbarmen
auf den Holzstoß, diesen Armen.

Edeling

Herr, Ihr sprecht mir aus der Seele.
Ich zerdrücke ihm die Kehle,
eh die Flamme ihn verschlingt!

Ulrich

Dies ein Lied, das mancher singt ...

Isabella

Onkel, willst du ihn bestärken,
wenn der Bursche Übles sinnt?

Sie zieht den Edeling hinaus.

Herzogin

Nun, Herr Ritter, scheint's, wir sind
von dem Thema abgekommen,
das wir in Betracht genommen.

Ulrich

Doch nicht schwer ist der Verdruß.
Der gestörte zweite Kuß
ist ja leichtlich nachzuholen!

Tut es.

Herzogin

Beide habt Ihr mir gestohlen!
Doch ich will es Euch verzeihn
im Johannisfeuerschein.
Will sogar Euch eins versprechen:
Eure Dame will ich sein
auf dem großen Wiener Stechen.
Siegt Ihr, wie ja allgemein
man voraussetzt, auf dem Sand,
unterm Blick der Majestäten,
werdet Ihr heraufgebeten,
gibt der Kaiser Euch die Hand.
Dann erst wird von wahrem Ruhme,
Ulrich, Euer Haupt erglänzen,
und ich werde es bekränzen.

Ulrich

kniet abermals vor ihr nieder

Hohe, heilige Himmelsblume!

Die Herzogin hat dem Knienden die Hand auf den Scheitel gelegt. Ulrich leise innig

Hab' ich mehr noch zu erwarten?

Herzogin

Oh, mein Gott, was fällt dir ein?
Mehr noch zu erwarten? Nein!

Ulrich

Kaiserin ... Ihr lebt allein!

Herzogin

Doch ich liebe meinen Gatten,
bin sein Alles und sein Schatten.

Ulrich

Auch ich treffe ja in Wien
meine Gattin, die Kathrin.

Herzogin

ziemlich aus der Fassung

Ja ... nun freilich, freilich, freilich,
mancherlei ist ja verzeihlich ...
doch die Ehe, Freund, ist heilig,
und du gingst mit deines Weibes
Gütern etwas lose um.
Ja, ich ward dir gram darum.
Magst du sie denn gar nicht leiden?!

Ulrich

O gewiß ... nach Brauch und Pflicht.
Doch Maria ist sie nicht!

Herzogin

... und auch sonst kein Kirchenlicht.
Doch ich würd' es gerne sehen,
würdet ihr euch mehr verstehen.

Ulrich

Werdet Ihr sehr scharf bewacht?
... Nun, ich meine ... in der Nacht.

Herzogin

Dies geschieht nach meinem Sinne.

Ulrich

Also steht der treuen Minne
ein verborgner Schlupf wohl frei?

Herzogin

sehr unsicher

Freund ... ich schlafe nebenbei ...
Doch nun muß ich dich beschwören,
lasse dich durch nichts betören!
Wenn dir jemand sagt: Marie
wartet dein, so glaub ihm nie!
Denn er lügt, lügt eigenmächtig
und verrät uns niederträchtig.
Und nun geht, Herr Ulrich, mischt
jetzt Euch in des Festes Gischt,
in gemeiner Freude Schaum
und des ew'gen Lebens Traum!
Und zum Gutenacht am Schluß
blüht Euch noch ein letzter Kuß!

Sie geht, sozusagen auf leisen Sohlen, in das Schlafzimmer. Isabella kommt herein.

Isabella

Onkel, kniest du? stöhnst du? weinst du?
Außer dir, nicht bei dir scheinst du!

Ulrich

Kind, ich war in das verliebt,
was es nie und nirgend gibt.
Jetzo halt' ich's in der Hand,
und das raubt mir den Verstand.
Tritt ein Gott aus der Umhüllung,
ist's des so Beglückten Tod.
Wünschen, wünschen tut uns not!
Bleib' uns ferne die Erfüllung!
Doch Geduld! Schon wird mir freier.
Nur zu plötzlich riß der Schleier.
Allzu feurig, allzu helle
drang es durch die offne Stelle.
Nun zur Sache, nun zur Tat!
Niftel, gib mir deinen Rat!
Denn als Hämling mich zu schänden,
wahrlich, bin ich nicht geneigt.

Isabella

O um Gottes willen, schweigt!
Lauscher lauschen in den Wänden.

Ulrich

faßt Isabella unter und geht mit ihr auf und ab

's ist ein Wagnis ohnegleichen,
geb' ich zu, in jedem Sinn.
Doch ich darf vom Dienst nicht weichen
als ihr Ritter, der ich bin.

Isabella

Onkel, mach mich nicht erbleichen!
Wieder kommen wir in Streit.

Ulrich

Kind, sie gab mir klare Zeichen.

Die Herzogin kommt aus der Tür des Schlafzimmers lustig geschlichen – hinterm Rücken der Sprechenden – und schlüpft ungesehen hinaus.

Isabella

Onkel Ulrich, sei gescheit!
Hund vom Stiere rast im Zwinger.
Denk, o denke an den Finger!
Tu nicht, was du oft getan,
häng dich nicht an einen Wahn!

Ulrich

Mag ein Kuß in deinen Augen,
auch ein zweiter, Wahn bedeuten,
auch der dritte mir gelobte?
Der im Frauendienst Erprobte
kennt sich aus im Zeichendeuten.
»Hab ich mehr noch zu erwarten?«
fragt' ich, und sie sagte: »Nein!«
und dazu: »Was fällt dir ein!«
Und nach einem Ach und Wehe
endlich sprach sie von der Ehe
und erklärte: »Freilich, freilich,
mancherlei ist ja verzeihlich ...!«
Darauf ich: »Der treuen Minne
heimlich steht ein Schlupf wohl frei?« –
»Freund, ich schlafe nebenbei!«
hieß es drauf. Nun aber kam,
was noch niemand mißverstand
in der Minne Zauberland,
wo sie schenkend gleichsam nahm,
als sie sprach: »Laß dich beschwören
und durch nichts, durch nichts betören!
Wenn dir jemand sagt: Marie
wartet dein, so glaub ihm nie!
Denn er lügt, lügt eigenmächtig
und verrät uns niederträchtig!«

Isabella

Dich verrät die Phantasie
immer wieder und aufs neue.
Der Verrätrin ohne Reue
dienst du trotzdem fort und fort.
Onkel, höre nun mein Wort!
Mag es sein, daß dir die Fraue
plötzlich wohler nun gesonnen
und, was sie geheim gesponnen,
nicht mehr zuzufügen traue.
Die zu dir gesprochne Warnung
könnte die Vermutung stützen,
eine Art Gewissenstarnung ...

Ulrich

Kind, was soll dein Faseln nützen?

Isabella

Weißt du, daß sich in der Burg
Katharina aufhält, Bester?
Burgen sind oft Wespennester,
Ulschalks Leute haben Spieße.
In den Türmen gibt's Verließe,
und er scheut mit seiner Horde
nicht vor ganz gemeinem Morde.

Ulrich

Katharina? Welche wäre
hier? Warum nicht irgendeine?

Isabella

Onkel Ulrich, nein, die deine!

Ulrich

Meinen Halsberg, Speere, Speere!
Denn hier wittr' ich ein Komplott,
und ich bin kein Hottentott!
Wär' nur Ulschalk, diese Kröte,
wert, daß sie ein Ritter töte,
gäb' ich ihr den Gnadenstoß!
Nein, mein Schwert ist nicht erbötig,
sich derweise zu beschmutzen,
hat es wahrlich auch nicht nötig!
Doch ich will die Lichter putzen,
die hier im geheimen rauchen.

Isabella

Onkel – du wirst Scheren brauchen,
dieses Übel abzustellen ...
und in Sälen, Küche, Ställen
Katzen gibt's, die nicht nur fauchen.

Ungesehen schleicht der Edeling wieder herein und verschwindet in die Schlafzimmertür.

Ulrich

Katharina wäre hier?

Isabella

Und die Herrin hält zu ihr,
läßt sie überall verwöhnen,
ja, sie wünscht euch zu versöhnen,
aneinander euch zu ketten,
ja, euch Leib an Leib zu betten.

Ulrich

Weißt du solcher Märlein mehr?

Isabella

Märlein nicht, doch wahre Mär!
Dränge sie in dein Gemüte,
stündest du nicht in Gefahr,
daß dein Wahn ein Bein dir stellt
und dein Kitzel, dein Geblüte,
Ulrich, dich, du großer Held,
fasernackt und bloß und bar
zum Gelächter macht der Welt.

Ulrich

Nun genug! Du redest wahr.
Aber jetzt, so wie es steht,
schließe mich in dein Gebet.
Geh und sei nicht indiskret!

Drängt sie entschieden hinaus. Er hat Kichern, Gegirr und allerhand Laute im Schlafzimmer gehört. Nun bleibt er steif mitten im Zimmer stehen, ohne sich herabzulassen und durch Horchen zu erniedrigen. Alsdann aber reißt es ihn gleichsam fort, und er dringt ins Schlafzimmer ein. Ab. Blondel und Isabella treten im Gespräch wieder ein.

Blondel

Dies ist Unfug, mit Verlaub.

Isabella

Sag's der Herzogin, du Guter!

Blondel

An ihr selbst von ihr ein Raub!

Isabella

Und er? Hab und Gut vertut er,
lebt dahin in Saus und Braus,
ruinieret Weib und Kinder,
untergräbt sein ganzes Haus!

Blondel

Wärt Ihr lustiger, als Ihr seid,
übermütiger weit und toller,
hättet Ihr den Frühjahrskoller
wie Frau Venus und Geleit,
wäre dieser arge Streich
mir am Ende wohl begreiflich,
ja verständlich und verzeihlich.
Daß er's jetzo ist, bezweifl' ich.
Nun – Ihr wißt es anders freilich,
und es ist auch wohl recht üblich,
daß man den Geliebten quält,
ihn und sich mit Geißelhieben
martert, die man nicht mehr zählt,
eh man sich mit ihm vermählt.

Isabella

Mann, ich fliehe! Die Lawine,
scheint's, ist nicht mehr aufzuhalten.

Blondel

Lassen wir das Schicksal walten.

Hund vom Stier tritt ein, am Kopf und da und dort bandagiert. Knappe Rebstock hinter ihm.

Hund vom Stier

Ha, hier ist noch jemand?

Blondel

Ja,
wenn's erlaubt ist: ich bin da.

Hund vom Stier

Ritter Blondelin? Aha,
der mit allen vettermichelt
und den Weibern Hemdlein stichelt.

Blondel

Tu' ich's – ist es meine Sache.

Hund vom Stier

Blondel, der im Fraungemache
so zu Haus ist wie ein Floh.
Er verbirgt sich nachts im Stroh.
Wenn die Dienstmagd drauf sich streckt,
wird sie oft von ihm geneckt.
Und sie wimmert aufgeschreckt:
»Was denn brennt mich am Popo?«

Isabella

Wenn ein Hund von Flöhen spricht,
wundert's einen Menschen nicht.
Er erwehrt sich ihrer nie.
Ihm im Felle
jeder Stelle
krabbeln, jucken, stechen sie,
selbst in seiner Phantasie!
Ja, sein Reden, sein Gebelle
wird durchaus zur Floherie.

Hund vom Stier

Ach, man trägt das kleine Kreuzchen
gerne, nämlich Euer Schnäuzchen.
Wenn wir erst auf andre Weise,
Kleine, unsre Sträuße fechten,
in gewissen hellen Nächten,
wird der Kampf zur Himmelspeise!

Isabella

Wohl, Ihr bleibt ein kalter Schuft.
Was Ihr anblickt, macht Ihr häßlich,
liebt Ihr, seid Ihr doppelt gräßlich.

Rebstock

Edler Herr, die Zeit verpufft.

Hund vom Stier

zum Knappen

Also sage, was du weißt
und geheim hier ausgemittelt!

Rebstock

Eingeschlichen hat sich dreist
hier ein namenloser Strolch.
Ihm am Gurte hing ein Dolch.

Hund vom Stier

Nun, wenn man den Kerl erwischt,
irgend mit der Angel fischt,
wird er flugs hinausgeknittelt.
Und was weißt du mehr, mein Knappe?

Rebstock

Herr, ich nehm's auf meine Kappe:
in Verkleidung schlich er ein;
irgendwo hier muß er sein,
ob in einen Schrank verkrochen
oder hinter einer Tür.

Hund vom Stier

Rebstock, faß, zieh ihn herfür!
Wer ins Fraungemach sich drängt,
ist so gut wie aufgehängt.
Solches rächet nur der Tod.
Dies ist meines Herrn Gebot.

Isabella

Doch wir haben über uns
hier die Richtrin unsres Tuns,
unsre hohe Herzogin,
deren Kammerfrau ich bin.
Und so sag' ich dir ihr Wort:
»Wenn sich Hund vom Stier erfrecht
und sich, wie ja meist, bezecht
in die Fraungemächer wagt,
sei ihm dies hiemit gesagt:
dies ist nicht für ihn der Ort
seiner üblen Wüstlingstaten,
und er wäre schlecht beraten,
wenn er trotzdem mir zum Tort
täte, was ihm streng verboten.«
Also geht und macht Euch fort!

Hund vom Stier

Was verboten und geboten,
wird von Wien mir vorgeschrieben.
Und so schweig, du böse Sieben!

Rebstock

findet den Pilgerhut und Pilgerstab und hält beides hoch

Herr, hier kann kein Zweifel walten.
Könnt' ich sonst in Händen halten
des gesuchten Prachers Habe?
Schlich er mit dem Bettelstabe
doch sich ein und Bettlerhut!

Isabella

Nehmt Vernunft an! Was Ihr tut,
ist dem Sinn des Fests zuwider,
und Ihr kennt genau den Mann,
dessen Speere, dessen Lieder
niemand übersehen kann,
dem die Herrin diese Nacht
sozusagen dargebracht.

Hund vom Stier

Diesen Lichtensteinerrummel
will ich weiter nicht mehr dulden,
öffneten die goldnen Gulden
ihm auch dieses höchste Haus,
nun, ich werfe ihn hinaus.

Blondel

Ob dies oder nicht geschehn kann,
mach' ich vorher mit Euch aus.
Mitten hier in Saus und Braus
so ein kleiner blutiger Strauß
– warum nicht, und nicht versuchen,
Ritter, ob man Euch bestehn kann?
Sicher könnt Ihr besser fluchen,
aber Schwerter blitzen stumm,
und der Tod regiert durch Schweigen!

Hund vom Stier

Liederwinsler! Sei es drum!

Katharina kommt wie von Sinnen aus dem Schlafzimmer gestürzt.

Isabella

Katharin, was stieß dir zu?
Hierher, hierher, Katharine!

Katharina

fällt ihr um den Hals

Gott sei Dank, du bist es, du!

Isabella

Was geschah dir? Welche Biene,
sage mir, hat dich gestochen?

Katharina

Isi – ich bin ganz zerbrochen!
Halt mich fest – hier sind Gespenster –,
denn sonst spring' ich aus dem Fenster!

Isabella

Nur gemach, du bist von Sinnen!
Was begab sich denn dort innen?

Katharina

Ach, mir springt der Kopf entzwei.
Isi, Isi, Zauberei!

Isabella

Welcher Art ist sie gewesen?

Katharina

Hexen reiten drin auf Besen.
Warum legtest du mich, Schlimme,
in das Höllenkabinett,
auf das goldne Himmelbett,
wo ein Dämon ohne Stimme
unsichtbar mich eingepreßt,
ob ich wütend mich auch sträubte
– o was ist das für ein Fest! –,
und mich ganz und gar betäubte.

Isabella

Liebste, ordne die Gedanken!

Katharina

Wenn mir alle Mauern schwanken,
unter mir die Dielen brechen:
mir von Ordnung da zu sprechen,
Isi, macht mich doppelt toll!

Hund vom Stier

Legt sie schlafen, sie ist voll!

Katharina

fährt auf Hund vom Stier los

Mensch, was willst du damit sagen!
Etwa, daß ich mich betrunken?
's ist erlogen und erstunken!
Man gerät in schlimme Lagen,
ohne Schuld hineingestoßen,
soll dazu die Schuld noch tragen
und dabei sich nicht erbosen?

Isabella

Welche schlimme Lage, sage,
meinst du denn?

Katharina

Nun, denk: ich schlage
um mich noch, vom Alp umstrickt,
als ein Lichtschein mich umquillt
und ein Antlitz niederblickt:
meines Ulrichs Ebenbild!
Und im selben Augenblicke
werd' ich meinen Quälgeist los,
Ulrich faßt ihn beim Genicke,
und er gibt ihm einen Stoß.
Als ich ihn gesehen habe,
schien er mir ein Edelknabe.

Blondel

Die Verwirrung scheint hier groß.
Ulrich, was dir zugedacht,
diese Strafe, dieser Tort
setzt sich eigenmächtig fort.
Schöpferisch ist diese Nacht.
Doch ich gratuliere dir,
so gefällt es besser mir,
als wenn alles nach dem Plan
richtig sich ereignet hätte.

Isabella

Ach, sie hanseliert, ich wette.
Denn man hat ihr mitgespielt
mehr, als recht ist und erlaubt ist
selbst in solchen Zaubernächten.
Einen Kranz kann ich nicht flechten
ihr, die diesen Streich ersann,
so erhaben auch ihr Haupt ist.
Lasset uns jedoch nicht rechten,
wenn der Gute sich des Schlechten
nicht erwehret dann und wann!

Sie führt die schluchzende Katharina hinaus.

Hund vom Stier

nach einem wilden und rohen Gelächter

Dieser Schuß war gut gezielt.

Blondel

Doch er hat nicht gut getroffen.

Hund vom Stier

Ganz genugsam steht zu hoffen:
Lichtenstein hat ausgespielt.
Kurz und lang und lang und kurz:
dieses Stücklein ist sein Sturz.
Nun, man wird's zu Wien erfahren,
was der Bauer hier versucht,
erzgemein und erzverrucht:
dieser Geck von vierzig Jahren,
der davor zurück nicht schreckt
in Gedanken und im wahren
ärgsten Sinne sich erkeckt
und mit seiner schmutz'gen Minne
einer Kaiserstochter Namen,
ja sogar ihr Bett befleckt!

Blondel

Schwarz das Bild und schwarz der Rahmen,
wie Ihr beides ausgeheckt!

Hund vom Stier

Ja, ich bin ein wahrer Richter,
kein Scharwenzler und kein Dichter.

Er stößt in eine Trompete.

Rebstock, mach die Türen dicht,
wer hier drin ist, bleibt gefangen!

Rebstock ab.

Jetzt herein, ihr tollen Rangen!

Jünglinge und Mädchen dringen ein. Sie ziehen ein Tuch auseinander und spannen es.

Ihr begreift, was dies bedeutet.

Blondel

Sicher eine Torheit nur!

Hund vom Stier

Weit gefehlet: eine Kur,
allverehrter Troubadour!
Hund vom Stier kann nicht nur bellen.
Der jüngst, geb' ich zu, Geprellte,
dem ein Bein man eben stellte,
daß er leider kam zu Fall,
wird heut einen andern prellen,
spielt mit seinem Feind heut Ball.
Nun, was macht's: wir sind im Drall.
Tritt er vor, so faßt ihn an,
macht den Wicht zum Hampelmann!

Der Raum ist nur noch durch die außen brennenden Feuer erleuchtet.

Der Edeling tritt hervor, wird mit allgemeinem Maskengequietsch gepackt, auf das gespannte Leilach geworfen und unter allgemeinem Geschrei geprellt. Nachdem dies eine Weile getobt hat, wird es plötzlich stille. Die Herzogin mit Isabella und einer kleinen Gefolgschaft ist eingetreten.

Herzogin

Unfug, Unfug! Auf der Stelle
sei dies Treiben eingestellt,
und es hat die Narrenschelle
wahrlich nun genug geschellt!
Schweige Pauke nun und Flöte!
Draußen steht die Morgenröte,
die den Osten schon erhellt.
Hund vom Stier, was tust du hier?
Dies ist Unfug, sag' ich dir!
Unten mögen deine Rotten
sich nach deinem Sinn betragen.
Doch, mein Freund, wie darfst du's wagen,
jeder Sitte so zu spotten,
jeden Anstand zu vergessen?
's ist empörend, 's ist vermessen!

Hund vom Stier

Wer den Anstand hat verletzt,
Herrin, in der Kemenate
– geh' ich jetzt mit mir zu Rate –,
wahrlich, bin ich selbst zuletzt.
Dieser sogenannte Ritter,
der als Geck im Maskenflitter
auf Schindmähren galoppiert,
da und dort zum Schein turniert,
er zertrat die Sitte bitter!
Nun: er hat sich menagiert,
und hier wird er Euch serviert!

Man hat das Prelltuch auf die Erde gelassen, der Edeling sucht emporzukrabbeln, aber Schwindel hat ihn befallen, er taumelt und muß gestützt werden.

Herzogin

Hund vom Stier, du redest irr,
und mir selber flimmert's wirr
vor dem Aug'. Der Edeling,
den sich deine Rotte fing,
ist ja doch in keinem Stücke.
das von dir gesuchte Ding,
sondern höchstens eine Mücke!
Mückenseiger, Mückenfänger,
überlärm uns nun nicht länger!

Da sich Hund vom Stier überzeugt hat, durch täppisches Tasten usw., daß er nicht Ulrich, sondern einen Edelknaben vor sich hat, ist er einen Augenblick wie vor den Kopf geschlagen.

Dann haut er ihm eine schallende Ohrfeige.

Edeling

Soll dies meine Strafe sein,
Herr, so bin ich wohl zufrieden.

Hund vom Stier

Deine Strafe, Bube? Nein!
Diesen kräft'gen Backenstreich,
ihn verdient von mir nur einer,
und dies ist der Lichtensteiner!
Nun – mir ist schon alles gleich.
Und so sei es nun geschieden.
Wird Verdienst doch nie belohnt!

Der Edeling ist hinausgesprungen, Hund vom Stier brüsk abgegangen, die Masken sind ihm nachgefolgt, Maria, Isabella und Blondel allein zurückgeblieben im Raume.

Herzogin

Sagt mir nun – ich weiß es nicht –,
Liebste, was hier vorgegangen?
Bringt mir in die Sache Licht!

Blondel

Herrin, was Ihr angefangen
guter Meinung, ist mißglückt.
Eure Planung ist mißlungen.
Schicksalswege sind verschlungen.
Aller Hausrat ist verrückt.
Wie, warum und wo und weil,
bleibt nun besser wohl im Dunkeln,
und man läßt die Leute munkeln.

Herzogin

Isabella, mir zum Heil
hat die Sache so geendet.
Denn ich hatte mittlerweil'
mich von ihr schon abgewendet,
haßte meinen plumpen Streich,
unter den Johannisfeuern
Ulrichs Ehe zu erneuern.
Nein, ich segne den Kobold,
der dies anders hat gewollt.
Doch der tolle Troubadour,
sagt mir doch: wo bleibt er nur?
Wenn er diesen Edelknaben
wirklich mit Kathrin ertappt,
mag's ihn tief getroffen haben!

Isabella

Über ist er schon geschnappt,
sonsten wäre keine Rettung
bei so grusliger Verkettung!

Herzogin

Von dem Fenster meiner Stube
stürzt man hundert Ellen tief.

Isabella

Onkel springt nicht in die Grube,
Siegel geb' ich drauf und Brief.

Herzogin

So begib dich doch hinein,
sieh, ob du ihn drin noch findest!

Isabella

Oder du!

Herzogin

Um Gott, nein, nein!

Isabella schleicht leise ins Schlafzimmer und kommt ebenso zurück.

Isabella

Onkel schläft, fest wie ein Stein.

Alle drei lachen herzlich.

Blondel

Sein Gewissen, scheint's, ist rein.
Doch mir ist, man muß den Recken
auf dem goldnen Prunkbett wecken.

Herzogin

Schnell, o schnell! Wo bleibt mein Ruf,
wenn ihn dort von ungefähre
wer entdeckt, und meine Ehre?

Isabella

So viel Plage, als er schuf,
schafft wohl keiner seiner Dame.

Blondel

Hochgelobet sei ihr Name!
Jedenfalls, dies ist der Schluß,
daß man jetzt ihn wecken muß.

Er geht ins Schlafzimmer.

Herzogin

Sollen wir ihn noch erwarten,
oder gehn wir in den Garten?

Isabella

Mizzi, sag ihm noch ein Wort,
und dann schicken wir ihn fort.

Blondel führt den noch etwas verschlafenen Ulrich herein. Er reibt sich die Augen.

Ulrich

Blondel, dies ist Schicksalstücke.
Glaub mir: ich verschlief mein Glücke.
Doch ich habe schön geträumt!

Blondel

Ob du gut geträumt, ob nicht –
wisse: du hast nichts versäumt.
Höchstens eines Schurken Rache!

Ulrich

Wenn ich nun die Rechnung mache,
so bedarf ich einer Klause,
einer stillen Siedelei.
Mehr als Weichaweich-Geschrei
lockt mich nun des Waldes Stille,
eines kühlen Quells Gequille ...
Und statt andre auf Gelände
mit Gerassel hinzustrecken,
möcht' ich still die Hände recken,
friedlich reine Beterhände.
Möchte selber mich erwecken
aus des wilden Wahnes Schlaf,
ja – mich selber erst entdecken!
Denn was mich im Traume traf,
dieser brennend goldne Strahl,
war ein Gruß vom Heiligen Gral.
Und die Burg von Montségur
wölbte sich hoch über mir.
So hat meiner Venusfahrt
tiefster Sinn sich offenbart.
Solchen Heilschlaf mußt' ich schlafen
auf des Kaiserbettes Gold.
Wahrlich, dies war gottgewollt.
Höre, Freund, und sei verschwiegen:
Engel haben mich umhegt
und mich hold betreut im Liegen.
Und sie stellten vor mich hin –
mich zur Liebe neu bewegend –
meine süße Frau Kathrin!
Oder nein, ich fand sie regend
sich im Bette gleichsam vor.
Gott hat sie hineingelegt.
Doch sie sprang sogleich empor
und entschwand mir wie ein Schatten.
Sie bestrafte ihren Gatten.
In des Traumes Ungeschick
nahm ich sinnlos einen Engel
mit den Worten »Lauf, du Bengel!«
sakrilegisch beim Genick.
Danach war ich ganz allein,
schlief, schon träumend, nochmals ein.
Träume sind so wunderbar,
süß und leicht und weich und rein,
Bilder ohne Fleisch und Bein!
Blondel, Freund, ich glaube gar,
durch des Paradieses Tore
läßt man nur die Träume ein,
die Gewölklein zaubermächtig
und der höchsten Wonnen trächtig
und zugleich des höchsten, wahren
Guts der Sichtbar-Unsichtbaren!
Doch nun fass' ich mich beim Ohre:
schlaf ich immer noch? Ich sehe
dich, die Herrin, Isabell!
Um mich ist's fast tageshell,
doch ich weiß nicht, ich gestehe,
ob ich nicht trotz alledem
immer noch in Schlaf verstrickt.

Herzogin

Ritter Ulrich, Eure Rechte!
Nennt mich eine böse, schlechte
Hausfrau, Hexe meinethalben!
Aber nehmt von mir den Alben
und verzeiht mir, edler Mann,
was ich Übles Euch getan!

Ulrich

Nun, ich mußte Euch vermissen
auf des Kaiserbettes Kissen.
Doch mich mied die Ungeduld.
Hat uns doch des Himmels Huld
nach dem höhren Plan geleitet.

Herzogin

Wenn Ihr nun von dannen reitet
und dann weiter bis gen Wien,
lass' ich Euch zwar ungern ziehn,
doch Ihr seid von mir begleitet.
Und mein Herze pocht mit Eurem,
allen edlen Frauen teurem,
das gleich einer Himmelsblume
in Euch blüht und Eurem Ruhme
allerhöchsten Sinn verleiht:
Eures Herzens Lauterkeit!
Und so schlag' ich dich allhier,
Lichtenstein, zu meinem Ritter,
meinem echten Kavalier!

Sie nimmt Blondels Schwert und legt es dem knienden Ulrich auf den Kopf.

Ulrich

aufstehend

So noch einmal soll der Flitter
mich umtanzen, mich umgaukeln!
Nochmals soll das Roß mich schaukeln,
mich umsausen Speeressplitter!

Herzogin

Hier, nun nimm mein Tuch und trag' es
an dem weltenweiten Herzen!

Ulrich

Hohe Frau – habt Dank! Ich wag' es,
nochmals durch das Reich zu scherzen.
Putze nochmals Euch die Kerzen.
Ja, Ihr werdet von mir hören!
Hundert Ritter werden schwören:
Zwei Marien gibt es nur:
eine, die das Leben mir,
und die andre, die es dir,
süßer Heiland, hat gegeben.

Herzogin

Lebet wohl!

Da Ulrich, der schon einige Schritte gegangen ist, sich umwendet, stehen bleibt und sie fragend ansieht

... wollt Ihr noch mehr?

Ulrich

Ein Gedanke quält mich sehr.

Herzogin

Welcher?

Ulrich

Schwierig jederzeit:
der von der Dreieinigkeit ...

Herzogin

Mann, Ihr macht mich ratlos! Wie?
Daß Ihr auch Theologie
in den Satteltaschen tragt,
hat mir niemand noch verraten.

Ulrich

Aus ihr blühen alle Taten,
alle Seligkeiten auf,
Herrin, und ich poche drauf:
ohne sie sind wir nicht einig,
unser Bündnis fadenscheinig.

Herzogin

Wenn ich nur ein Wort verstehe ...

Ulrich

Aber, Herrin, ich bestehe
auf dem dritten, letzten Kuß,
den – Ihr habt ihn mir versprochen –
ich jetzt haben will und muß!

Herzogin geht auf ihn zu, schüttelt ihn am Schläfenhaar und Ohr und küßt ihn auf den Mund.

Herzogin

So. Nun ist mein Fehl gerochen,
und wir beide sind nun quitt.
Meinen Segen nimmst du mit!

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