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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Ulrich von Lichtenstein

Gerhart Hauptmann: Ulrich von Lichtenstein - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
authorGerhart Hauptmann
titleUlrich von Lichtenstein
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Hass
year1965
isbn3549051437
firstpub1939
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160524
projectid1939
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Dritter Akt

Ulrichs Zelt. Vor dem Turnierplatz bei Bozen. Im Zelt sind Marchese Gino, Blondel, Manasse, zwei Pagen.

Marchese

zu Blondel

Was Ihr bringt, klingt nicht ersprießlich,
nein, und ist durchaus verdrießlich.
Denn Frau Minne, unsre liebe
Frau, die jetzt in Hoffnung schwimmet,
die von sel'ger Wut ergrimmet,
alles wirft mit Stoß und Hiebe,
wird, sobald sie dies verdaut hat,
ihre Manneskraft verlieren,
jeden Mut, dem sie vertraut hat.
Nun, die Kränze, die sie zieren,
sind ja allerdings schon heute
herrlich, unverwelklich, zahllos,
überreich die Siegesbeute.
Ob sie flugs fortan versagte,
bleibt gewonnen, was sie wagte;
ihre Opfer greift sie wahllos.

Blondel

Oh, Marchese, welches Wunder!
Die ihm jede Gunst verweigert
– sozusagen kalter Zunder –,
hat ihn so zur Glut gesteigert.
Die ihm keinen Heller schenkte,
hat ihn reich gemacht, zum Krösus.
Die ihn kreuzigte und kränkte,
macht ihn sanft und rein wie Jesus.
Wie bedaur' ich doch die Dame,
die solch Wunder nicht verwundert!

Marchese

Kämpen warf er mehr als hundert,
ganz Tirol erfüllt sein Name.
Ja, mir schreibt von Wien ein Vetter,
man vergolde schon die Bretter,
zimmre, nagle schon die Planke
für den Kampfplatz unsrer Fraue.
»Für Frau Venus eine Schranke!«
heißt der Leitspruch bei dem Baue.
Ja, es perlen schon die Gläser
ihr entgegen, heißt's, am Hofe.
Stechen spielen Pag' und Zofe,
Minneliedlein übt der Bläser.
Kammerfrauen tut man heben
auf die Rosse, steif wie Recken,
und man sieht sie Bärte kleben,
während, zu der Damen Schrecken,
Männer sich mit Zöpfen schmücken,
armesdick, nach Ulrichs Weise,
fallend über Brust und Rücken.
Köstlich bleibt doch diese Reise,
die ich aufs genauste buche,
weil ich Stoff für Lieder suche.

Blondel

Brav, Marchese, aber wißt:
auch ich bin nicht stumm geboren.
Und was mein wie Euer ist,
ist auch mir drum nicht verloren.
Solche süße Maienfahrt
gibt es nicht zum zweiten Male.
Ernster, nicht von beßrer Art
ist das Lied vom Heil'gen Grale.
Holder weiß ich keine Kunde,
außer etwa von Marien,
nicht von Tristan und Isolde,
nicht von Artus' Tafelrunde,
von Laurin nicht, dem Kobolde –
süßer keine Melodien,
als die um Frau Minne schwingen,
ihres Rosses Huf umklingen,
ihren Pfad und Zug durchdringen.
Herr, ich will ein Lied Euch singen,
lang und breit, voll lust'ger Reime
und voll honigbittrer Schwere,
wo das Lachen trinkt die Zähre,
ew'ge Liebe bebt im Keime.

Marchese

Tut das, Sänger Blondel, tut das!
Und vergeßt nicht den Triumphzug,
den Frau Minne fort als Trumpf trug
gestern hier in Bozens Gassen
hin zum Dom, zum höchsten Gut, das
kein Verstand vermag zu fassen,
als die Frauen aller Stände
wogten um Frau Minnes Schimmel,
roter Rosen voll die Hände,
aller Blumen ein Gewimmel,
aller Stoffe ein Gefunkel,
Scharlach, Hermelin und Seide.
Ja, mir schien die Sonne dunkel
vor so manchem Frauenkleide.
Wie ein einziges Geschmeide
sintflutartig schwoll's zur Pforte!
Singt, was sind hier trockne Worte!
Wohl, ich sah schon Prozessionen;
doch hier war von Frauenhaaren
breit ein Strom, drauf schwammen Kronen,
goldne Reife, diamanten-
übersät, rubinenblitzend,
von Millionen unbekannten
Farben, bunte Flammen schwitzend.
Oh, wie quält's, dergleichen sehen
und im selben Nu erkennen,
daß die Flammen nutzlos brennen,
daß wir gleich dem Narren stehen,
der es unternimmt, mit Töpfen
Seen und Meere auszuschöpfen.
Schließlich schenk' ich Euch die Kränze,
Schappel, Reife und Juwelen.
Doch wer sah wohl solche Weiber
– der Verstand hat seine Grenze –
und die Leiber dieser Seelen
und die Seelen dieser Leiber,
ohne daß ihm schwarz und grüne
vor den Augen müßte werden?
Was ein Mann sich auch erkühne,
kann ein Mann zu tausend werden?
Ulrichs selige Verkappung
schützt ihn doch nicht vor Ertappung.
Und er ist ertappt. Gott weiß es.
Dies beweisen tausend Augen,
die sich in die seinen saugen.
Alle diese Aufgestörten
einen sich in stumme Schreie
zu dem heißen, lustbetörten:
»Nimm uns, nimm uns, bunter Reihe!
Denn mit dir das Lager teilen
ist Gewinn und Glück und alles.«
Wenn Herr Ulrich dieses Falles
– der so trefflich, ihn zu heilen,
Blondel, gebt es zu, sich schicket –
sich doch möchte frisch bedienen.
Sel'ge Stiche solcher Bienen
töten ab, was jetzt ihn zwicket.
Jene Frucht, nach der's ihn jucket,
hätt' ich zehnmal ausgespucket
und vergessen ganz vor diesen
tausend offnen Paradiesen!

Blondel

Dieses ist ein alter Text:
welcher liebt, der ist verhext,
blind für alles, ohne sie,
die ihm alles ist alleine,
nachtumhüllt im Sonnenscheine,
leuchtet ihm nicht jene eine
Sonne seiner Phantasie.
Und er hungert, dürstet, schmachtet,
ob die Tafel bricht von Speisen,
perlende Pokale kreisen.
Lieb' und Leben wird verachtet,
außer wenn es dem Idole
auf dem Altar brennt als Kohle.

Ulrich, als Frau Minne gekleidet, stürmt herein. Hinter ihm Pagen und Knappen.

Ulrich

Speere, Speere, Lanzen, Lanzen!
Dreißig hab' ich schon verstochen.
Mancher fühlt wohl seinen Ranzen,
mancher spürt wohl seine Knochen.
Lanzen, Lanzen, Speere, Speere!
Denn ich habe mehr versprochen,
und ich halte Wort, auf Ehre!
Oh – wie meine Adern kochen!
Gott – ich weiß –, Gott selbst hat Freude,
daß uns nicht die Säfte stocken.
Faule Hunde kriegen Räude.
Wenn die mut'gen Klepper bocken,
froh in alle Winde fürzen,
Recken aus den Sätteln stürzen,
Splitter, Helme, Schaumesflocken
den Turnierplatz überdecken –
ja, das heißt sein Leben schmecken!
Dieses sind der Minne Weihen,
sel'gen Minnedienstes Taufe.
Hört, wie brünst'ger Hirsche Schreien
übertönt es das Geraufe
und wie Krachen von Geweihen.
Sel'ger Ulrich, schnaufe, schnaufe!
Fort den Harnisch meinetwegen,
weg ein Weilchen auch die Brüste!
Lasset, eh ich neu mich rüste,
einen Augenblick mich pflegen!
Blondel, Blondel – bist denn du es
wirklich, der im Aug' mir flimmert?
Hab' ich Hoffnung? Wenn sie schimmert,
so erlös mich, Bester, tu es!

Es entsteht eine lange Pause, in der Ulrich gespannt und erstarrt auf Blondel blickt, der traurig mit gesenktem Haupte dasteht.

Marchese

Ulrich, goldnes Herz, geliebter
Freund in gut und bösen Tagen,
wolle Blondeln jetzt nicht fragen;
morgen dann die Nachricht gibt er.

Ulrich

Nun, so ahn' ich, was geschehen:
ohne Huld ward er empfangen,
ohne Huld ließ man ihn gehen.
Freund – wie bleich sind deine Wangen!
Laß es gut sein, ich verdiene
jedes Ungemach der Liebe,
ob es euch auch anders schiene.
Denn ich gleiche einem Diebe,
welcher heil'ges Gut zu rauben
vom Altare sich vermessen,
wolfsgleich Gottes Leib zu fressen.
Wer mich kennt, der wird mir glauben.
Und so sag nun deine Märe,
sei sie noch so trüb und traurig;
ach', daß sie doch tödlich wäre!

Blondel

Herr, ich tat, Ihr könnt mir glauben,
vor der hohen Frau mein Bestes.
Niemals sang ich süßre Note,
ohne Ahnung, was mir drohte.

Ulrich

Freund, du bringst den Tod des Festes.
Denn mir scheint, dort steht das Kästlein
wieder, das ihr zugedachte,
mit dem armen Fingerrestlein.
Hab Erbarmen, sachte, sachte!
Ach, es schlägt der große Töpfer
seinen weichen Ton gewaltig,
Schmerzen formt er tausendfaltig,
dieser unbarmherz'ge Schöpfer!
Rede, rede! Willst du schweigend
wohl dein Mütchen an mir kühlen?
Freilich, freilich, laß mich's fühlen,
keine Gnade mir erzeigend,
was dir in die Hand gegeben,
Richter über Tod und Leben!

Ulrich sinkt auf einen Stuhl, fällt in sich zusammen und weint hemmungslos.

Marchese

Pagen und Knappen hinausweisend

Lasset uns allein, ich bitte!
Denn Frau Venus ist ermattet,
ja, von Trauer tief beschattet.
Laßt ihr Zeit, nach Rittersitte,
neuen Glanzes sich zu fassen.
Geht, ihr Lieben, geht, ich bitte!

Alle außer Blondel, Ulrich und Marchese Gino entfernen sich.

Ulrich, noch bei manchem Ritte,
was dein Herz auch jetzo litte,
wirst du froh in Tjostes Mitte
deine Banner wehen lassen.

Er legt seinen Arm um Ulrichs Schulter und weint mit ihm.

Blondel

Weinet, weinet, starke Männer!
Denn ein Held sein und ein Flenner,
dieser Fall ist gar nicht selten.
Manche Träne ist geflossen
vor den Schlachten, in den Zelten,
eh das Streitroß ward bestiegen
und der Held sich den Geschossen
bot, zu sterben und zu siegen
gleich bereit mit den Genossen.
Sollte wohl ein Streich nicht gelten,
den man knirschend führt in Tränen,
trennt er unsres Feindes Sehnen
oder beißt in sein Gehirne?
Solchen Hieb wird man nicht schelten.
Erlaucht, eine freche Stirne
droht Euch auf dem Runkelsteine,
untergräbt dort Euer Ansehn.
Nun – Ihr wißt wohl, wen ich meine.
Täglich könntet Ihr den Mann sehn
Hohn und rohen Spott ergießen
über Euch, ins Ohr der Fraue,
der jetzt Eure Tränen fließen.

Ulrich

Hui, dies fährt mir in die Klaue!
Ulschalk ist es, Hund vom Stiere,
dem ich wie der Natter traue.
Daß ich nur nicht Zeit verliere!
Denn nun kommt mir ein Gedanke:
eben ritten in die Schranke
Runkelsteiner Ritter viere.
Und mit ihnen jener Schwarze
ist es; hinter dem Visiere
sah ich seine große Warze.
Um ihn roch's nach Schnaps und Biere.
Vorwärts, vorwärts zum Turniere!
Bringt den Rapphengst, der geruht hat
und mein edles, wildes Blut hat!
Und es soll der Ohrenbläser,
eh er wird zu Kraut und Rüben,
purpurn färbt des Platzes Gräser,
erst mir Purzelbäume üben!

Blondel

Nein, Erlaucht, ich widerspreche!
Dieser bleibt mir vorbehalten,
denn mir schuldet er die Zeche.
Dieser Stier hat Wort gehalten:
er versprach es mir, zu kommen.
Sollt' ich nun das Wort ihm brechen?
Schnell die Tartsche vorgenommen,
mich und Euch an ihm zu rächen!
Und es soll mein Fiedelbogen
ihm den Kehraus gründlich geigen;
eben ist er frisch bezogen.
Wart, du sollst die Fersen zeigen!
Deine Lenden will ich schroten,
Hund vom Stier, bis rote Noten
dir aus Maul und Nüstern tropfen!

Marchese

Laßt ihn mir, ich will ihn klopfen!
Freunde, nehmt mir nicht mein Anrecht,
einzustehn mit meinem Blute
für des Freundes hochgemute
Minne und mein Teufelsbannrecht!

Hund vom Stier, gefolgt von vier Rittern, tritt roh und lärmend ins Zelt.

Hund vom Stier

Nun, da bin ich, süßen Herrlein
unwillkommen meinetwegen,
und dies sind vier wackre Degen.
He, wo ist hier nun das Närrlein,
das sich wünscht, die Bahn zu fegen?
Gut, ich brauche keinen bessern
Lappen, Kehrwisch oder Besen!

Marchese

Königin – hier riecht's nach Fässern.

Hund vom Stier

Zartes Maidlein auserlesen,
ist's erlaubt, mit Euch zu spielen?
Keine Furcht als wie vor Häschern
oder gar vor Menschenfressern!
Unters Röcklein Euch zu schielen
ist das Höchste, was wir hoffen.
Etwa zwischen Euren Brüstlein
laßt uns das bescheidne Lüstlein,
und die Brüstlein laßt uns offen,
uns ein Ringlein aufzufischen
und hernach das Maul zu wischen.
Ah, Ihr meint, wir sind besoffen?
Mag wohl sein, es schiert uns gar nichts.
Seid Ihr nüchtern wie ein Hering,
so vertragt Ihr offenbar nichts.
Sagt, wie geht es Eurem Eh'ring?

Ulrich

Was beginnst du, Ungeschlachter?
War je einer unbedachter,
als du heut bist – Hund vom Stiere?

Ein Ritter

Unser Kleeblatt: das sind viere!

Hund vom Stier

Was dein Eh'ring macht, mein Liebchen,
war – vergiß nicht – meine Frage.
Stehst du nicht dem kleinsten Hiebchen,
wie denn stehst du Hieben, sage?
Denn ich denke dich zu fragen,
ob du nicht der Untreu' fröhnest,
und wie du dein Weib entlöhnest,
wollen wissen deine Magen.
Guts hat sie dir zugetragen,
und du hast es ihr gestohlen.
Dafür denk' ich unverhohlen,
Wicht, dir ins Gesicht zu schlagen!

Er und die vier Ritter ziehen Schwerter. Das gleiche tun Ulrich, Gino und Blondel.

Ulrich

das Schwert zurücksteckend

Nein, steckt ein den reinen Stahl,
daß ihn nicht ein Blut entweihet,
das ein Schandenleib ausspeiet.
Daß Mordbuben, vier an Zahl,
Brauch und Rittersitte brechen,
mag der Meister vom Turniere,
wie sich's ziemt, an ihnen rächen.
Mir gereicht es nicht zur Ehre,
daß ich solche Magen habe,
und ich weiß, was ich verliere,
muß ich meine guten Speere
an ehrlosem Leib verstechen.

Hund vom Stier

Stechen wirst du, und ihr werdet
alle stehen meinem Stoße,
wie ihr immer euch gebärdet.
Narr, ich lache, wenn du große
Worte mir entgegenkollerst,
wie ein Truthahn gluckst und bollerst.
Was du auch für Unsinn mengst hier,
Antwort höchstens gibt mein Hengst dir,
der hier draußen scharrt und rüttelt,
wenn er stallet, wenn er kuttelt!

Stier mit den vier Rittern brüsk ab. Gino folgt ihnen.

Ulrich

Freunde – welche bittre Wahrheit
lehrte diese Kumpanei uns!
Solches tut der Gottseibeiuns:
wenn der süßen Freude Klarheit
ihn zu Wut und Wahnsinn reizet,
wenn der Schönheit Glanz ihn beizet,
ruft er auf das Rohe, Schlechte,
das, was neidisch ist und hämisch,
boshaft, häßlich, übelnehmisch,
kurz, er schickt uns Höllenknechte,
daß sie, wie er meint, das Reine
uns mit Dreck und Kot entweihen,
uns in die Pokale speien.
Doch er irrt sich insgemeine!
Unverletzlich ist die Reinheit,
ob das Schlechte auch allmächtig
und allmächtig die Gemeinheit.
Zwar mein Aufzug, bunt und prächtig,
juckt mich jetzt als wie ein Schandkleid.
Zopf und Haarnetz scheint mir läppisch,
die Verkleidung albern, deppisch.
Doch ich weiche keine Handbreit
von dem vorgesetzten Ziele,
denn dies ist die wahre Treue:
treu dem Minnedienst und Spiele
zu geleben ohne Reue.
Und dies ist der Freude Stärke,
daß sie Schmerz und Gram besiege,
ja, mit Blei im Busen fliege
und den Dorn im Fuß nicht merke.
An den Felsen blüht der Ginster.
Bricht das Herz mir auch im Leibe,
zeiht mich, blick' ich deshalb finster,
Hochverrats an Mann und Weibe.
Dieser Stier zerstampft die Saaten,
schaffet Not und Weh den Bauern;
Mord und Brand sind seine Taten.
Freilich wohl, ich sollte trauern
über ausgebrannte Flecken.
Überall im Lande Steier
Aas und Äser aller Ecken,
dran sich mästet dieser Geier.
Dieser widerliche Mage,
Räuber, Dieb und Frauenschänder
ist ein Schandfleck unsrer Tage,
eine Pest für unsre Länder.
Weinen sollt' ich seinetwegen
und der Armut, die ihm fluchet.
Doch ich muß der Freude pflegen,
die ich suche, die mich suchet,
daß ich sie den Menschen bringe,
die nach ihr so bitter schmachten,
von ihr spreche, von ihr singe
und ihr höchsten Leumund mache.

Marchese Gino kommt wieder.

Marchese

Ulrich, edler Freund, nun laß dich
weiter nicht den Tort verdrießen
und in alter Weisheit faß dich,
denn Triumph magst du genießen!
Dieser schwarze Unhold hat sich,
wie du's wünschen kannst, betragen,
und er setzte selber matt sich.
Kurz und bündig laß dir sagen:
Eine Flasche zu entkorkeln
stand er still vor deinem Zelte
und geriet dabei ins Torkeln.
Als man dann ihn aufrecht stellte,
seine Notdurft zu verrichten,
und ihn mahnten die Kumpane
laut an seine Ritterpflichten,
schlug er langhin auf die Plane.
Weithin flog die Eisenmütze,
und er liegt in seiner Pfütze.

Ulrich

Steht ihm bei, dem Unglücksel'gen!
Solche Schmach betrifft uns alle.
Sie besudelt uns Unzähl'gen
in der Freude Ruhmeshalle.
Wär' ich nicht als Weib verkleidet,
spräng' ich selbst ihm bei.

Blondel

in der Zelttür

Wie gräßlich!

Ulrich

Schrecklich ist es, wie er leidet.

Blondel

Und vor allen Dingen häßlich.

Volksgejohle.

Ulrich

Gott, er wird zum Hohn der Gasse.

Marchese

Und er spielt die schönste Posse
für die Gasse in der Gosse.
Denn die Gasse liebt das Krasse.

Blondel

Er erhebt sich, flucht, haut um sich,
welch frenetisches Geschreie!
Plumps, pardauz, verwühlet stumm sich
mit den Fingern in die Kleie.

Ulrich

Unser Marschalk, unser Keye,
soll dem argen Unfug steuern
und des Armen Blöße decken.

Marchese

Es gelingt nicht, ihn zu wecken,
diesen wundervollen Recken,
den Kumpanen, seinen teuern.
Nein, ich gönne diesem Fechter
wahrhaft seine Niederlage.
Seht, schon bringt man eine Trage.
Welch frenetisches Gelächter!

Blondel

Ach, es gilt dem Eslein, seht doch,
noch im Maul die letzte Hachel,
das mit Knüttel man und Stachel
nun herzutreibt, ihr versteht doch.
Welch ein Streitroß ohnegleichen!
Nüstern fliegen ihm und Weichen.
Armer Ulschalk du vom Stiere!
Rittlings sitzt er auf dem Tiere.
Stier und Eslein – welche Kreuzung!
Treiber trocknen ihm das Blut ab
und besorgen ihm die Schneuzung!
Tusch, Trompeter! Ritter, Hut ab!

Tusch und allgemeines Gelächter draußen.

Und die andern jetzt, die viere,
balgen, schlagen sich im Sande,
und der Stier betrachtet's stiere.
Tod und Hölle dieser Bande!

Ulrich

Speere, Speere! Neu hinaus!
Über Unflat und Gespeie
schütt' ich silbernes Geschneie
neuer Ruhmestaten aus.
Später an der Tafelrunde
will ich euch davon berichten,
wie aus einer schwarzen Wunde
Lilien drängen sich zum Lichten
und entblühen meinem Munde,
Silberlilien, goldne, rote,
wenn ich mich, der kaum noch Tote,
neuer Kraft renativiere
und an Glück und Glanz verliere.

Der Bader tritt heran, und Ulrich, als Frau Venus, wird rasiert.

Marchese

Unsre süße Königinne
gönne jetzt sich kurze Rast!
Ungeheuer ist die Last,
die da auf sich nahm Frau Minne.

Manasse tritt hervor.

Manasse

Und hier ist der strenge Mann,
dessen Wort für Euch Gebot ist,
der Euch nicht entlassen kann,
eh nicht Leib und Seel im Lot ist.
Und so greif' ich in das Rad
Eures goldnen Siegeswagens.
Jetzt der Bader – dann ein Bad,
dann die Füllung Eures Magens,
eine kurze Beinvertretung
dann und schließlich eine Knetung.

Ulrich

Nun, so geb' ich mich dahin,
folgsam und mit Kindersinn.

Er nimmt Platz. Der Bader bindet eine Serviette vor und rasiert Frau Minne.

Pflege, Ruhe, noch so flüchtig,
macht zu neuer Arbeit tüchtig.
O Manasse, braver Meister,
mach zwei Beine mir wie Säulen,
mach mir Arme wie zwei Keulen,
Bauch und Brust von Amboßhärte,
und beim Festen alles schmiegsam,
schlank wie eine Weidengerte!
Bader, schnell, mich beißt dein Kleister!
Wer nicht brechen will, sei biegsam!
Und ich werde nicht zerbrechen!
Schreiber, nimm den Griffel, schreibe
eine Zeile meinem Weibe!
Aber Reime will ich sprechen,
trotz zehntausend Trunkenbolden,
zahllos, zahllos, meiner Holden.

Ein Käfig mit Brieftauben wird hereingebracht. Gleichzeitig tritt Trostelin ein, der Kammerherr der Herzogin Maria, bleibt im Hintergrund stehen.

Blondel

Singet, singet, hohe Fraue!
Wenn ich meiner Ahnung traue,
ist die große Ungenannte
Euch nicht solcher Weise feindlich,
daß sie alles ganz verbannte,
was von Euch kommt. Wenn vermeintlich
sie Euch haßt, sagt Eure Nichte,
bleibt sie doch mit Euch beschäftigt.
Sendet heimlich ihr Gedichte,
Euer Einfluß wird gekräftigt.
Seht, die allerliebste Kleine,
es zu fördern, gab mir diese
Tauben: Täubrich ist die eine
und die andre eine Tiese.
Beide liebt die Herrin innig.
Denn sie brachten vom Gemahl ihr
manch Billettlein, süß und sinnig,
Liebesgrüße ohne Zahl ihr.
Schaut sie sehnlich vom Altane
über blütenweiße Auen,
wird sie diesen Täubrich schauen,
dieser Tiese ros'ge Klauen
und zum Söller gehn, im Wahne,
ihres Gatten Gruß vom Bändchen
an des Vogels Fuß zu lösen
mit dem schwanenweißen Händchen.
Zwar – sie nennt Euch einen Bösen
und was weiß ich sonst, im Zorne.
Doch sie wird mit heißen Lippen
heimlich von der Sünde nippen,
von dem Liederliebesborne!

Ulrich

Dort im Winkel steht ein Mann,
den ich hier noch nicht erblickte.
Manchmal sieht er starr mich an,
manchmal ist's, als ob er nickte.
Zwar sein Blick ist höflich mild,
recht manierlich sein Betragen ...
Tritt heran, mein schönes Bild,
Red' und Antwort mir zu sagen!
Welch Geheimnis lastet dir,
stummer Fremdling, auf dem Herzen?
Nicht unedel scheinst du mir.
Doch er steht erstarrt – wie erzen.

Ulrich springt auf, wischt sich die Seife ab und jagt alle hinaus.

Fort, hinaus, bei Gottes Licht!
Wie ein Blitz durchfährt mich Klarheit.
Gebe Gott, daß nicht der Wahrheit
Gnadenstrahl mich jetzt zerbricht!
Weicht, der Augenblick ist heilig!
Fort, entfernt euch eilig, eilig!
Sprich!

Trostelin

Verzeiht – ich bin von andrer
Art, Frau Minne, als die beiden,
die Ihr saht voll Freuden scheiden.
Bin ein schlichter Lebenswandrer.
Darum heißt getrost willkommen
ihn, der anders als wie jene
Trost Euch bringt. Und das Geschehne
sei Euch vom Gemüt genommen.
Wie gesagt, von Trostelinen
sollt Ihr sel'gen Trosts genießen.
Was kaum Wüste Euch geschienen,
Milch und Honig soll's ergießen!
Schweigt, ich bitt' Euch, fragt zuviel nicht
und verderbt das sel'ge Spiel nicht,
wenn ich Euch vom goldnen Knäule
nun des Fadens Ende reiche.
Irgendwo ragt eine Säule
– nirgendwo steht eine gleiche –,
blaugeädert, alabastern,
rühmt sich solchen Kapitäles
goldner Last wie keine zweite.
Hört mich, Fraue, ich erzähl' es,
daß ich eine Spur Euch leite
in das köstliche Gesträuche,
wo die Säule klingt und harret.
Manchen Mann hat es genarret,
der, vernehmend ihr Getöne
und voll Brunst nach ihrer Schöne,
auf der Spur der Ambraräuche
eindrang in die heil'ge Wildnis.

Ulrich

Zeige, zeige mir dies Bildnis,
diese Säule und von Golde
dieses Kapitäl! Ich kenn' es,
glaube es zu kennen, nenn' es
meiner Wunde Wunderpflaster,
Ausbund aller Instrumente.
Laute, Dudelsack und Geige,
Gussel, Flöte, Orgel schweige,
wenn der himmlische Pilaster
seine Seele läßt erklingen.
Ach, mir pochen zum Zerspringen
– und es ist, als ob ich brennte –
alle Adern meines Leibes.
Was ich leide ... Schreiber, schreib es!

Trostelin

Sachte, sachte, edle Fraue;
nichts von Zeigen, nichts von Nennen!
Wo Frau Minnes Fackeln brennen,
heißt es: ohne Augen schaue,
kenne, wisse ohne Nennen!
Könnte jemand mir entpressen
mehr, als mir zu sagen ziemet,
an den Schandpfahl selbst geriemet,
wär' ich zucht- und ehrvergessen.
Darum ward ich auserkoren,
allerhöchster Huld beschenket
– das erkennet, das bedenket –,
weil ich, schlicht und wohlgeboren,
jener bis zum Tod getreu bin,
die mein Herz so klar durchschaut hat
und ihr Tiefstes mir vertraut hat.

Ulrich

Herr, ich ahne, Herr, ich spüre
– so begreift, daß ich voll Reu' bin –
etwas, eine Himmelstüre.
Glaubt, daß ich voll heil'ger Scheu bin
und die Klinke nicht berühre.
Nein, zurück die Hand, Verwegner!
Denn ein Seraph will erscheinen
und sich niedrem Stoffe einen.
Willst du mir, allmächt'ger Bote,
der du gleich dem Weltenrichter
Höll' und Himmel hältst im Lote
– der so bittet: ein Verwegner –,
willst du mir, der zum Gelichter
dieser niedern Welt verstöret,
etwas von dem Glanz gewähren,
der da zuckt in andern Sphären,
ist es Demut, die dich höret.

Trostelin

Diesen Reim hab' ich zu sprechen,
danach geh' ich, wie ich kam.

Ulrich

Mann, mein Leben war nur Gram,
trotz Puneis und Speerebrechen.
Fügt in meines Lebens Nacht
das, was sie zum Tage macht!

Trostelin

»Du sollst treten an die Pforte,
die allein dein Herz dir zeiget,
du sollst harren ohne Worte,
wenn sie auf dein Pochen schweiget,
bis sich dir mein Engel zeiget
und zuletzt am heil'gen Orte
sich die Heil'ge selbst dir neiget.«

Ulrich

»Du sollst treten an die Pforte,
die allein dein Herz dir zeiget ...«

Trostelin

»... du sollst harren ohne Worte,
wenn sie auf dein Pochen schweiget ...«

Ulrich

»... du sollst harren ohne Worte,
wenn sie auf dein Pochen schweiget ...«

Trostelin

»... bis sich dir mein Engel zeiget
und zuletzt am heil'gen Orte
sich die Heil'ge selbst dir neiget.«

Ulrich

»... bis sich dir mein Engel zeiget
und zuletzt am heil'gen Orte
sich die Heil'ge selbst dir neiget.«

Während Ulrich dies memoriert, ist Trostelin unauffällig verschwunden.

Ulrich

War dies ein Gespenst?! Wo ist er?
Höfling? Cherub? Gottseibeiuns?
Gott im Himmel gnädig sei uns
und den Satan überlist' er!
Nein, ich bin gesegnet. Alle
kommt herbei! Mit Quinquelieren
sollt ihr mich akkompagnieren,
ja mit frohem Donnerschalle!

Das Zelt füllt sich. Ulrich geht heftig auf und ab. Draußen Musik.

Ulrich

im Hin- und Herschreiten, memoriert laut

»Du sollst treten an die Pforte,
die allein dein Herz dir zeiget,
du sollst harren ohne Worte ...«

Marchese

Liebster Ulrich, was geschah dir?
Seltsam scheinst du mir verwandelt!
Was denn hast du hier verhandelt?

Ulrich

Laß mich, komme nicht zu nah mir!
»... wenn sie auf dein Pochen schweiget ...«

Marchese

Wer denn schweiget auf dein Pochen?

Ulrich

»... bis sich dir mein Engel zeiget ...«

Marchese

Was hat dich denn, Freund, gestochen?

Ulrich

»... und zuletzt am heil'gen Orte
sich die Heil'ge selbst dir neiget.
Du sollst treten an die Pforte,
die allein dein Herz dir zeiget,
du sollst harren ohne Worte,
wenn sie auf dein Pochen schweiget,
bis sich dir mein Engel zeiget
und zuletzt am heil'gen Orte
sich die Heil'ge selbst dir neiget.«

Blondel

Werte Herren, werte Leute,
laßt den Meister nun allein!
Ritterschaft für jetzt und heute
mag genug geübet sein.
Unsrer Königin hoher Geist
scheint nun anders eingenommen.
Speere sind genug gespreißt,
und nun mag der Schreiber kommen.
Neue Minnelieder wollen
aus Frau Minne selbst entspringen,
wollen fluten, wollen klingen
in der Blüten Wüstenei,
in der Vöglein Tandaradei,
in den hochgelobten Mai!

Alle außer Blondel und dem Marchese Gino haben das Zelt verlassen. Ulrich geht noch immer auf und ab.

Ulrich

Jetzt nun hört, so ist's, ich will es:
Blondel wird mich hier vertreten
wie Patroklos den Achilles,
wenn ich eile, anzubeten,
wie die Heilige mir geboten
durch den rätselhaften Boten.
Meine Zöpfe wird er tragen,
meine Krone, meine Röcke,
reiten wird er meine Schecke
und für mich sein Leben wagen.

Blondel

Dies, Frau Venus, allverehrte,
mich für dich herumzuschlagen,
braucht man mir nicht zweimal sagen.

Ulrich

Ich indes, auf heil'ger Fährte
und im härenen Gewande,
dringe in die Zauberlande,
wo Merlinens Geister wohnen
und auf Felsen Feen thronen
und vor allem sie, die eine,
die mir winkt im Mondenscheine,
sie, die hohe, holde, reine
Burgfrau auf dem Runkelsteine.
Gebt die Kutte mir, die braune,
gebt mir Muschelhut und Stab,
so als ging's zum Heil'gen Grab!

Marchese

Ulrich, ist es wahr? Ich staune!
Welche wunderliche Laune!

Ulrich

Was ein Dieb begreift, ist diebisch,
ein Betrüger, das ist bübisch,
was ein Hund begreift, ist hündisch,
was ein Kind begreift, ist kindisch.
Wenn der Elben Stimmen rufen
und mit blinkend goldnen Hufen
Flügelpferde silbern schnauben,
die der Vorzeit Helden tragen,
die im Reiten Laute schlagen,
muß man fühlen, muß man glauben!
Wenn verwunschne Seelen klagen
und der Mondnacht heilige Sagen
über Berg und Tal verbreiten,
muß man sie als Gott durchschreiten,
was kein Sterblicher vermag
ohne Artus' Ritterschlag.

Ulrich hat eine Truhe geöffnet, sich selbst eine Mönchskutte übergezogen, den Pilgerhut aufgesetzt, den Stab in die Hand genommen.

So! Nun sind wir, was wir sind:
nichts als einer Mutter Kind.
Und so wollen wir probieren,
ob uns Gottes Auge sieht
und in seine Himmel zieht.
Fahret fort ihr, zu turnieren!

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