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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Ulrich von Lichtenstein

Gerhart Hauptmann: Ulrich von Lichtenstein - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorGerhart Hauptmann
titleUlrich von Lichtenstein
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Hass
year1965
isbn3549051437
firstpub1939
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160524
projectid1939
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Zweiter Akt

Burg Runkelstein. Ein Saal. An einem weitgeöffneten Fenster stehen Hund vom Stier und sein Knappe Rebstock. Sie blicken auf den Schloßhof. Man hört ein Hornsignal.

Hund vom Stier

Geh und schaue, was sich tut!

Der Knappe ab.

Weiß es Gott, mich packt die Wut!
Seit der ausgeputzte Laffe
Bozen auf den Kopf gestellt,
juckt's mich ständig nach der Waffe.
Aller Augenblicke bellt
vor dem Burgtor Lup und Rüde,
einen Gecken anzukünd'gen,
einen sogenannten Recken.
Mögen sie den Steiß mir lecken!
Alle sollte man entmünd'gen
oder in Verliese stecken.
Dieses Unfugs bin ich müde.

Der Knappe kommt wieder.

Rebstock

Euer Gnaden sei zu wissen:
von Frau Minne, heißt es, komme
mit Gefolgschaft dieser fromme
Ritter, und weit aufgerissen
ward vor ihm das große Tor,
ohne irgendwen zu fragen.

Hund vom Stier

Durfte das der Torwart wagen,
soll man um die Ohren schlagen
dreimal ihm das Schlüsselbund,
dem gedankenlosen Hund.
Weil er den Verstand verlor,
schickt ihn dem verlornen nach!

Isabella kommt und tritt neben Hund vom Stier ans Fenster.

Isabella

Welcher Lärm und welch Gepränge!

Hund vom Stier

Welches neue Ungemach!

Isabella

Ritter, Knappen! Welch Gedränge!
Rosse, Decken, bunt gesprenkelt,
süße Pagen, schön geschenkelt.

Hund vom Stier

Gräfin, macht der Spuk Euch lüstern?
Wißt, auch mir erregt er Kitzel.
Wo, laßt mich's ins Ohr Euch flüstern,
denn Ihr liebt ja mein Gewitzel.
Wo am spitzesten mein Degen,
dort beginnt es sich zu regen.
Mit Gefahr selbst, Euch zu kränken,
diese Spitze, diese Schneide
möcht' ich gern ins Eingeweide
von Herrn Ulrichs Boten senken,
und noch lieber in das seine!

Isabella

Solches brächt' Euch wenig Segen.
Aber schließlich, meinetwegen!
Trotzdem, hübscher Pagen Beine
werden stets mir Lust erregen.

Hund vom Stier

Und wie denkt Ihr über meine?

Isabella

Hölzerne, geknickte Degen!

Hund vom Stier

Wer sie kennt, wird dies nicht sagen,
nicht mein Pferd, nicht meine Sporen.

Isabella

Eure Späße sind verloren.
Höret auf, Freund, mich zu plagen!
Wenn nicht Eure Beine ... eines
Eurer Glieder schätzen alle,
nämlich, Ritter: Eure Galle.
Außer diesem wüßt' ich keines.

Hund vom Stier

Hierin bin ich wen'ger strenge,
wenn ich Euch ins Auge fasse.
Wenn ich Euer Mundwerk hasse,
drunter gibt es eine Menge
Dinge, die ich gelten lasse.
Etwa Eure zwo Bastionen,
welche fast gefährlich trotzen,
Eure Schenkel, welche strotzen,
und mir würde sich's verlohnen,
diese Plätze zu berennen
und die Burg mir zu gewinnen.
Sengen würd' ich, würde brennen,
bis sich Außen, bis sich Innen
nicht mehr voneinanderkennen,
da durchs Burgtor, längst gesprenget,
hin und her die Mannschaft dränget.

Isabella

Wohl, Ihr seid ein kalter Schuft!
Was Ihr anblickt, macht Ihr häßlich.
Liebt Ihr, seid Ihr doppelt gräßlich.
Lieber läg' ich in der Gruft
als mit Euch in einem Bette!
Lieber läg' ich an der Kette,
als von Eurem Arm umschlossen,
als gequetscht an Eure Brust!

Hund vom Stier

Doppelt hätt' ich dich genossen,
Teufel, wenn ich das gewußt!
Und das eine laß dir sagen:
will es dieser Blondel wagen,
irgendwie sich dir zu nähern
– ich vertraue meinen Spähern –,
werden ihm entzweigeschlagen
beide sangesfrohen Kiefern.
Statt zu jauchzen, mag er ziefern,
und was Mann an ihm, desgleichen
soll auf ewig ihm entweichen!

Isabella

Mensch, verdrücke deine Roheit!
Denn es naht sich Ihre Hoheit.

Die Herzogin Maria, von dem Kammerherrn Trostelin begleitet, rauscht herein.

Herzogin

Dieser Mann ist ganz von Sinnen,
vom Verstande nicht zu reden.
Ihn vermißt von je man, jeden.
Mag er, was er will, beginnen!
Wenn sie wirklich Wahrheit sprechen,
daß zu Bozen sei ein Stechen
angesagt auf übermorgen,
wo der Narr in Zöpfen prangen
wird und so sich produzieren,
als ein Weib zu Roß turnieren,
müssen wir beizeiten sorgen
– brech' er meinethalben Stangen –,
daß er uns nicht hier beläst'ge
und sich in dem Wahn befest'ge,
daß mir Narrendienst genehm sei.
Steckt es ihm, und ganz entschieden,
daß er mir höchst unbequem sei,
so mit Stechen als mit Lieden!

Isabella

Gnäd'ge Frau, Ihr seid berichtet,
wie hier Drohn und Bitten fruchtlos.
Sein verrücktes Hirn erdichtet,
was es will, und wuchert zuchtlos.
Was man ihm auch mag versichern,
nichts als seine Dichtung glaubt er,
Eitelkeit und Hochmut schnaubt er.
Und zu immer lächerlichern
Sprüngen, wildern Kapriolen
treibt den Narren jeder Einwand.
Unzugänglich sei die Steinwand:
fällt's ihm ein, Ihr habt befohlen
– selbstverständlich nur im Traume –,
von dem allerhöchsten Saume
Enziane Euch zu holen:
nun, er macht im Augenblick sich
auf, und bräch' er das Genick sich.

Herzogin

Warum sagst du stets das gleiche?
Willst du etwa mich beschwatzen
nach der Art von Schmeichelkatzen,
weil du meinest, man erreiche
mehr für einen, den man liebhat,
wenn man seinen Feind sich lüget
und zum Schein ihn schmäht und rüget?
Mit der Schlauheit, die ein Dieb hat,
nimmt man so dem Feind die Waffe.
Solches wird dir nie gelingen.
Mag er sich ums Leben bringen,
bleibt er doch ein eitler Laffe.

Hund vom Stier

Recht so, und aus vollem Herzen
sag' ich, hohe Dame: Amen!
Seht die Boten, welche kamen!
Die Frau Gräfin wünscht mit Scherzen
ihren Onkel zu entschuld'gen.
Und sie tut's auf schlaue Weise,
gibt ihn preis, um ihm zu huld'gen,
hart ihn tadelnd, ihm zum Preise.
Doch wer kennt nicht solche Schliche!
Seht Euch vor, erhabne Herrin!
Leicht sonst zwischen Narr und Närrin
dieses Hauses Ruf erbliche.
Sagt mir nur ein Wort, ich zücke
meinen Flederwisch wahrhaftig,
und gebt acht, gleich dröhnt die Brücke
von dem Rückzug dieser Gecken.
Schimmel, Isabellen, Schecken
jagen fort in wildem Schrecken,
denn die Schläge hageln saftig.

Isabella

Nun – hier spricht ein bäuerlicher
Hinz und Kunz, von Neid geschlagen.
Nicht der Geist, ein säuerlicher,
galleüberfüllter Magen
ist Geburtsort solcher Roheit.
Es verzeih' mir Eure Hoheit:
gebet mir Befehl, ich bitte,
in den Hof hinabzusteigen,
wo die Boten harrend schweigen,
die mein Oheim hergesandt,
um nach edler Frauen Sitte
Euren Willen anzuzeigen,
dem sich ja in Ehrfurcht neigen
alle im Tiroler Land.

Herzogin

Geh, und heiß sie ihre Klepper
wenden, ohne abzusteigen!
Ekel ist mir Reimgeläpper
und das Kritz-Kratz pieps'ger Geigen!

Isabella

Und so wollt Ihr Ulrichs Boten
also keinesfalls empfangen?

Herzogin

Geht mir doch mit seinen Noten,
mit den kurzen, mit den langen,
den Tanzweisen und den Leichen,
Albernheiten sondergleichen!

Isabella

Nur ein Kästchen, goldbeschlagen,
wirkte köstlich anzuschauen,
ganz mit Steinen, roten, blauen,
von zwei Knäblein schön getragen.
Keine Lieder bringt der Bote.

Herzogin

Der für mich doch Mausetote
soll mir nicht Geschenke schicken!

Isabella

Immerhin, es lohnt vielleicht doch,
wenigstens es anzublicken.

Herzogin

Werd' es diesmal überreicht noch!
Doch zum allerletzten Male!
Und der Bote soll mir schwören
klar und laut in diesem Saale,
niemals wieder uns zu stören,
auch mein Wort darauf empfangen:
ohne Gnade, kam' er wieder,
werd' er draußen aufgehangen
überm Burgtor, unterm Flieder.

Isabella entfernt sich.

Trostelin

Ein Orangenwasser würde
Euer Hoheit sicher guttun,
würde Kühlung ihr ins Blut tun.
Hoher Stand ist hohe Bürde.
Ist die Schönheit ihm verbunden,
zehnfach drücken ihn die Pflichten.
Stand und Schönheit schlagen Wunden.
Wollet allzuscharf nicht richten,
wenn der Wunde fiebernd frieret
oder den Verstand verlieret.
Gnädigst, hochgeborne Herrin,
übet Langmut, übet Milde,
denn so ziemt's dem Gnadenbilde.

Herzogin

Deshalb werd' ich nicht zur Närrin.

Unter Vorantritt Isabellas erscheint Blondel, hinter ihm ein Page, der feierlich ein goldenes Kästchen trägt, und vier schön gezierte Mohren. Der Page kniet nieder, erhebt das Kästchen und hält es der Herzogin entgegen. Blondel läßt sich auf ein Knie nieder.

Herzogin

Rede!

Blondel

Zum Beginne denn
Dank und Dank für Eure Gnade!
Diese schlichte, kleine Lade
möge Euch bezeugen, wenn
je an Eures Ritters Treue
irgend Zweifel Euch gekommen,
daß Euch gern und sonder Reue
jeder Zweifel ward benommen
so durch Tat wie durch Beweisstück:
hier, von schönem Schrein umschlossen,
eines Meisters süßem Preisstück,
steingeschmückt, in Gold gegossen.
Hohe, wollet mir nicht wehren,
dieses Kleinod zu erklären.
Einem Särglein sieht es ähnlich,
und fürwahr, es liegt darein
auch ein süßes Leichelein.
Auferstehung hofft es sehnlich.

Herzogin

zu Isabella

Siehst du wohl, da hast du's wieder:
einen Leich und fade Lieder.

Blondel

Wenn das Knäblein aufersteht,
wird es mutig Worte singen,
die Euch süße Märe bringen,
Minneruhm, der nie vergeht.
Ach, der Duft von diesem Leichlein
schmeckt gewiß nicht wie Verwesung.
Minnekranken bringt's Genesung.
Mehr, ein kleines Himmelreichlein
ist dies Särglein, als ein Särglein
leuchtend von viel tausend Sönnlein.

Herzogin

zu Isabella

Drinnen, wett' ich, liegt ein Quärglein.

Blondel

Nochmals, dieses holde Tönnlein,
schließet Höchstes in sich ein,
allerhöchstem Gut vergleichbar,
wie es blüht in Brot und Wein.
Euch allein ist's so erreichbar.
Nun, du kleines Leichlein, sprich
zu der Herrin, zu der hehren:
Woll' in Huld dich zu mir kehren,
denn ich litt und starb für dich!

Die Pagen heben das Kästchen. Die Herzogin öffnet es zögernd, schließt es wieder, öffnet es nochmals und starrt lange und schweigend ins Innere.

Herzogin

Kammerfrau, mir schwindelt, halt mich!
Mir wird übel, ein Gefäß her!
Nicht bezwing' ich mit Gewalt mich!
Höll und Teufel, ein Gesäß her!
Ins Verlies den Überbringer!
Bin ich doch zuschwerst verhöhnt,
denn hier liegt ein Leichenfinger.
Seine Frechheit ist gekrönt.
Diesen Ekel, dies Erbrechen,
mein Gemahl, er wird es rächen!

Sie wird von Isabella hinausgeführt. Diese kommt sogleich wieder.

Hund vom Stier bricht in ein ungeheures, rohes Gelächter aus, wobei ihn das Schlucken mehrmals unterbricht.

Blondel

zu Isabella

Ich bin gänzlich aus dem Lot,
ich begreife nicht das kleinste,
oder aber in den Kot
zieht man hier das Höchste, Reinste.
Sprach mein Wort, mein Mund nicht rein
gut, so laßt mich unterm Beile
büßen, leiden Todespein.

Hund vom Stier

Aufgemerkt, das Ding hat Eile!
Denn sonst wird der reine Spülicht
weiter eimerweis entleert,
und der Duft von Aas und Spühlicht
wird als Gottesluft verehrt.
Seht, ich rülpse; dreimal wehe
über meinen schwachen Magen!
Finger kann er nicht vertragen,
der so manche Knoblauchzehe
schon verputzt bei seinen Tagen.

Blondel

Nun, was Euch betrifft, Herr Ritter,
ferne liegt Euch feine Sitte.
Zeigt zu Bozen Euch, ich bitte,
auf dem Plane, hinterm Gitter!
Ungehobeltes zu hobeln,
könnt Ihr dort bereit mich finden,
wenn wir unsre Schwerter binden,
wie es Brauch ist unter Nobeln.

Hund vom Stier

Topp, nicht zweimal sagt man Gleiches
einem nackenmächt'gen Tiere,
einem Bullen, einem Stiere.
Zu den Fröschen deines Teiches,
in den Tümpel ihres Laiches
werd' ich mich hinabbequemen
und ein Bad im Blute nehmen.

Blondel

Gut gesagt, es soll mich reizen,
dieses Bad Euch einzuheizen.

Gräfin Katharina von Lichtenstein, im Reitkleid, tritt hastig ein, eilt auf Isabella zu.

Katharina

Ah – da bist du! Jesus Christ
sei gelobt, daß ich dich fand,
weil du mir so nötig bist
fast wie meine rechte Hand.
Nun, warum ich von Tarvis
grades Weges hergekommen,
solche Reise unternommen,
Nichte, ahnet dir gewiß.
Ach, sie ward mir schwer genung,
und den Mut dazu zu finden
und bei allem einen Sprung
in das Ungewisse wagen
war nicht leicht, bei meinen Tagen.

Isabella

Seid willkommen, Muhme, nehmt
Platz und ruhet aus zuvor!

Katharina

nimmt Platz

Ja, man fühlt sich halb gelähmt.
Und ich hielt mich unterm Tor
kaum noch leidlich auf dem Zelter.
Unsereins wird eben älter.
Mancher bleibt ein Kind zeitlebens,
ihm ergraut das Haar vergebens.
Beispielsweise mein Gemahl
ist wie Most, kaum aus der Kelter,
spottet seiner Jahre Zahl.
Wie die Lilie auf dem Felde,
die nicht erntet, die nicht säet
– ach, sie welket wohl in Bälde –,
lebt er sorglos seine Stunden,
zehrt getrost von Gut und Gelde,
unbesorgt und ungebunden.
Eine Herrschaft nach der andern
heitren Herzens wird verpfändet,
und wenn sich das Blatt nicht wendet,
müssen in die Fremde wandern
Weib und Kinder auf den Bettel,
weil er Speere braucht und Sättel,
Helme, Panzer, Waffenröcke,
Felle, Samte und Damaste.
Manchmal kommt ihm eine Quaste,
ein Karo auf seiner Decke
einen Meierhof, auch zwo.
Nun – ich lobe solch Karo,
solche Quaste, auf dem Stroh,
das er mir vielleicht noch lässet,
wenn die Frucht gar ausgepresset.

Sie bricht in Weinen aus.

Blondel

zu Isabella

Gebt mir Urlaub, süße Frau!
Eure weißen Hände küss' ich,
denn ich bin hier überflüssig,
und mir wird ein wenig flau.
Lasset mich ins Dunkel treten,
wenn es sein kann, seid gebeten.

Katharina

Sind wir uns nicht schon begegnet?

Blondel

Zu Venedig, in der Gondel.

Katharina

Richtig, ja! Ihr seid Herr Blondel,
dessen Leier Zucker regnet,
Honigplätzchen, Safranküchlein,
und Ihr schreibt gar leckre Büchlein.
Ihr versteht das Garn zu spulen,
delikat es zu verknüpfen,
daß die Buhle ihrem Buhlen
nicht so leichtlich wird entschlüpfen.
Wohl bekomm' Euch meiner Kinder
Morgenbrot und Mittagessen
und ihr Becher Wein nicht minder,
auch ihr Wams nicht zu vergessen.
Und was mich betrifft, ich lege
meinen Brautschmuck noch daneben,
mögt Ihr nur recht fröhlich leben
und gut prassen allerwege,
Gurgeln spülen und Euch mästen!
Heil und Sieg zu Euren Festen!

Blondel entfernt sich schnell.

Isabella

Um des Himmels willen, Muhme,
fasset Euch und hemmt die Tränen!
Es gereicht Euch nicht zum Ruhme,
den zu kränken, will mich wähnen,
der Euch nie ein Härlein krümmte.
Wenn mein Onkel Gut verschwendet,
sei's durch Zierat, Sättel, Kümte,
und zuletzt in Schulden endet,
wird Herr Blondel nicht gepfändet.
Denn er reiset hin und wieder
als ein Dienstmann, höchst bescheiden,
und versteht's, durch seine Lieder
sich zu nähren und zu kleiden.
Und so rat' ich Euch, Ihr wollet
nach der Fahrt erst Ruhe pflegen.
Immer hat die Welt getollet,
doch man stirbt nicht gleich deswegen.
Kommt, ich will zu Bett Euch legen.
Morgen, wenn Ihr ausgeschlafen,
seht Ihr alles wen'ger düster.

Katharina

Nein, der Spaß wird immer wüster.
Wen wir unterwegs auch trafen,
jeder redete gewiß
nur von diesem Ärgernis,
daß ein Mann – es ist der meine –,
ausstaffiert mit Weiberröckchen
und mit tausend Narrenglöckchen,
öffentlich im Sonnenscheine
durch die Lande sich beweget,
einen Troß von Gauklern um sich,
um in diesem Herzogtum sich
schamlos überall zu zeigen.
Nichte, nein, ich will nicht schweigen!
Allzuviel hab' ich gelitten,
und ich muß bestimmt dich bitten,
gleich dem Herzog anzuzeigen,
daß ich eintraf und inständig
um Gehör den Edlen bitte;
denn sein Machtspruch muß es wenden,
was so gegen Zucht und Sitte.
Er nur kann den Unfug enden.

Isabella

Leider, leider ist, Frau Tante,
Herzog Heinrich jetzt nicht hier.
Als erfahrne Gouvernante,
liebe Tante, rat' ich dir:
übereile nicht die Sache!

Katharina

Ist die Herrin unterm Dache,
melde dann mich ihr sogleich!

Isabella

Hier ist höfischer Bereich,
und so leicht nicht, mir nichts, dir nichts,
wie du weißt, erreicht man hier nichts!

Die Herzogin tritt wieder hervor.

Herzogin

stolz aufgerichtet

Ah, was gibt's, was geht hier vor?
Lärm und Unruh' vor dem Tor
und zugleich vor meiner Türe!
Kaum, daß ich mir Rache schwor,
wie sie meinem Stand gebühre,
hör' ich eine wohlbekannte
Stimme schon im Vorsaal flennen.
Nun auch sie, sie muß mich kennen,
die, so scheint mir, Wutentbrannte.
Nun, sie kommt mir recht gelegen,
und man braucht sich nicht verzetteln.
Ist man schon beim Tennefegen,
braucht um Besen nicht zu betteln,
kehrt man lustig Stroh und Weizen
vor das Tor und Katz und Maus,
und so wird denn Ruh' im Haus.
Solche Arbeit kann uns reizen.
Kommt sie her, mich zu verklagen,
Klatsch dem Herzog zuzutragen,
nun, bei Gott, so soll sie wissen,
daß ihr Laffe von Gemahl
mir zwar nie das Herz zerrissen,
doch das Zwerchfell manches Mal.
Meint sie, daß ich sie bestahl
um die Liebe ihres Eh'manns,
dieses wahren Ach- und Wehmanns?
Nun, ich schenk' ihn ihr mit Zinsen,
dies Gericht von sauren Linsen!
Nein, es ist, bei Gott, genug,
daß der Mann mit seinem Span
Spott und Tort mir angetan.
Kommt das Weib nun auch in Zug,
pack' sie ihre Siebensachen
und Frau Venus obendrein!
Wenn's beliebt, den goldnen Schrein
samt dem süßen Leichelein,
alles soll ihr eigen sein,
so das goldne Fingerlein,
all's, was eh'mals dran gehangen.
Ich trug nie danach Verlangen!

Katharina

Was Ihr sprecht, Frau Herzogin,
summt und rauscht mir vor den Ohren,
will mir gar nicht in den Sinn.
Nicht wie Ihr so hochgeboren,
werd' ich dennoch es nicht dulden,
daß Ihr meines Eh'herrn denket
so wie eines schlechten Gulden
und an seiner Ehr' ihn kränket.
Denn im Land Tirol und weiter
fort, durch Östreich, Ungarn, Polen
wird an Ritterschaft kein zweiter
Ritter Ulrich überholen.
Seine Güte, seine Milde,
seine Mannestreu' und Stärke
leuchten weit von seinem Schilde,
und ihn loben seine Werke.
Einen Helden so zu schmähen,
ziemet einer Fürstin nimmer.
Wenn Euch seine Augen sähen,
wäret Ihr beschämt für immer.
Wessen Farbe er auch trüge,
wem zu Ehren auch sich schlüge,
wär' es eine Kaiserinne –
ruhmvoll wär' ihr solche Minne!

Herzogin

Ei der Tausend, was ist dieses?
Bin ich denn nicht mehr bei Sinnen?
Denn ganz anders, scheint mir, hieß es,
was zum Ohr mir drang dort drinnen.
war ihr nicht ihr Mann ein Nichtsnutz,
Schellennarre und Verschwender,
der sein Gut verpraßt auf Bänder?
Plötzlich nimmt sie her die Lichtputz-
scher' und putzt die schmauch'ge Ehre
ihm. Zum Satan ihre Schere!
Trägt ihr Gatte meine Farben –
ist's für sie der rote Lappen!
Hat er Schulden, muß berappen,
und sie dessentwegen darben –
ist's, weil ich ihn dazu reize!
Und daß sich ihr Gatte spreize –
ist mein Wunsch und ist mein Wille,
unten auf dem Plan zu Bozen!
Speere muß er mir verstechen,
nur von mir läßt er sich lotsen!
Sei's genug! 's ist zum Erbrechen!

Sie bricht in hysterisches Schluchzen aus.

Katharina

ebenfalls weinend und schluchzend

Mizzi, Liebste, sei gescheit!
Denk an unsre Jugendzeit,
wo die Karmeliterinnen
uns gemeinsam beten lehrten,
kochen, nähen, waschen, spinnen
und wir Klosterzellen kehrten.
Denk an Wien, Sankt Stephansdom,
als wir uns hinaufgeschlichen
auf den Turm, dem jugendlichen
Pfäfflein nach – es kam von Rom.
Denk an unsere vielen Streiche,
o du Hohe, Gnadenreiche,
Mizzi! Du erklommst die Stufen
selig zu den Höhn des Lebens ...
mein Geschick war das des Klebens.
Von tief unten hör mich rufen.
Beuge mild dich zu mir nieder,
schenk mir meinen Ulrich wieder!

Herzogin

Wie? Du bleibst auch jetzt dabei?
Schiebst die Schuld mir zu an allen
Sachen, welche vorgefallen,
an Herrn Ulrichs Narretei?

Katharina

Tausend Eide, Mizzi, nein!
Niemals fiel mir solches ein.
Du nur hast davon gesprochen,
hast mich furchtbar angefahren.
Oh, noch fühl' ich alle Knochen.
Denk dran, als wir Kinder waren!

Herzogin

Katharina, schon als Mädchen
hatten wir recht heft'ge Zwiste
gleichsam in der Puppenkiste,
um ein Knöpfchen, um ein Fädchen!
Als du deinen kleinen Ritter
Ulrich, der voll Sägespäne
steckte, ausgeschmückt mit Flitter
und ihn preßtest an die Zähne,
damals hast du schon gezittert,
daß ich ihn dir wolle stehlen.
Höre auf nun, mich zu quälen,
denn ich bin genug erbittert!

Katharina

Tausend Eide, kein Verdacht,
noch so schwach, ist je erwacht
in Kathrinens lautrem Herzen,
hohe Frau, dich anzuschwärzen.
Nein, ich bin hierhergeritten,
meinen gnäd'gen Herrn zu bitten,
mir in Gnaden seinen Beistand
gegen Ulrich zu gewähren,
ihn womöglich zu bekehren ...

Herzogin

... was dir, Katharina, freistand.
Nun, geschätzte Kammerfrau,
bring die Gräfin auf ihr Zimmer.
Was auch nützet dies Gewimmer?
Nachts sind alle Katzen grau.
Dieser Satz ergreift mich plötzlich,
wie ein Lichtblitz in der Irrung.
Auch die traurigste Verwirrung
endet manchmal ja ergötzlich.
Mein erlauchtigster Gemahl,
weißt du ja, ist leider fern.
Auch mir fehlt er. Ach wie gern
säh' ich ihn im Waffensaal!
Doch es mag noch lange währen,
eh er denkt zurückzukehren.
Katharina, deine Hand!
Auch mir fehlt's nicht an Verstand.
Minder noch an gutem Willen,
Liebste, deinen Schmerz zu stillen.
Wo ich mir auch Hilfe leih'
und die heilsam bittre Pille:
Narretei mit Narretei
zu vernichten ist mein Wille.
Solches hat man oft probieret,
manchen Mann damit kurieret.

Katharina

Wirklich? Wolltest du dies tun?
Habe Dank! So geh' ich nun.
Doch du machst mich fast betroffen,
füllst mein Herz mit süßem Hoffen
und erschreckst mich wiederum
durch dein spöttisch An und Um.
Ist es Irrtum, was mir dauchte,
so vergib, vergib, Erlauchte!
Kannst du ihn zurück mir geben,
freilich, schenkst du mir mein Leben.
Doch ich will ihn lieber lassen,
zehnmal lieber als ihn kränken,
weiter Land und Geld verprassen.
Sei so lieb, das zu bedenken!
Dank und Bitte sei das Ende,
und so küss' ich deine Hände.

Sie entfernt sich mit einem Hofknicks.

Herzogin

allein geblieben, geht aufgeregt hin und her. Isabella kommt wieder.

Isi, fertig ist mein Plan,
wie er plötzlich mich berückt hat,
mich beglückt hat und entzückt hat.
Werde endlich abgetan,
ausgerissen mit der Wurzel,
dieser Unfug ohnegleichen!
Dieser Nichtsnutz, dieser Purzel,
soll mir bald die Segel streichen!
Einen Speer soll er verstechen
solcher Wut und solcher Hitze,
daß ihm brechen Schaft und Spitze!
Oh, man weiß sich schon zu rächen!
Aus dem Stegreif soll er rollen,
allen Frauen zum Gelächter,
dieser zähe Spiegelfechter,
den wir schon kurieren wollen!

Isabella

O erlauchte Herrin, ich
zittre fast, ich fürchte mich.
Erst zum zweiten Male seh' ich
Euch auf diese Art erzürnt,
seit der Ritter war getürnt,
damals zu Triest, gesteh' ich.
Euren Edelknaben schlug er,
und mit Recht die Strafe trug er.
Doch mein Ohm, der arme Schlucker,
trägt nur Gutes Euch im Sinn.

Herzogin

Trotzdem muß mit einem Ruck er
auf den Sand, ich werf ihn hin!

Sie bricht in ein unaufhaltsames Gelächter aus.

Komm, sitz nieder auf die Ritsche!
Nichts von Zorn und nichts von Drohung,
von Gewalt und von Verrohung.
Unsre Waffe sei die Pritsche!
Und gewißlich nicht von Übel
ist ein voller Wasserkübel.
Schwör's, daß du mich nicht verrätst!
Ewige Ungnad', wenn du's tätst!
Und vor allem nicht an ihn,
den ich denke zu kuranzen
und nun hoffe aufzuziehn,
daß er hüpfen soll und tanzen
und es endlich soll erfassen,
daß man ungestraft nicht edle
Fraun austrägt auf Markt und Gassen.
Husch, mein Liebchen, wenn ich wedle! –
Dies geschieht: du bringst dem Narren
einen Brief. Du wirst ihn schreiben,
sagend, daß Wir seiner harren,
innigst ihm gewogen bleiben,
ja, in Sehnsucht, ohne Gatten,
auf dem hochgetürmten Linnen
lange Uns verzehret hatten.
»Komme, komme, die zu minnen ...«
Schreibe so, und meinethalben
dümmres Zeug noch, wie's dir vorkommt! –
»... die zu minnen, die vors Tor kommt
oder auch im Fraungemache
lämmchenduldsam deiner wartet.«
Schreib: »Ich bin so sanft geartet
und vor dir nur eine Sache
wie ein Bäuschlein Schwanenfedern ...«
und so weiter, möglichst ledern.

Isabella

Nun, und dann?

Herzogin

Dann wird er kommen
wie ein Entrich angestoßen,
angerudert, angeschwommen,
und Wir lehnen, Unsern großen
Herzogsmantel umgenommen,
übern Söller, ungesehen,
wenn er heimlich steigt im Mondschein
durch des Schlafgemaches Fenster.
Welch ergötzliche Gespenster!
Freilich muß es ihm gewohnt sein
bis zum Ekel, was er findet,
wenn ihn Weibesarm umwindet!
Doch er wird sie so umschließen,
in der schwarzen Nacht, die alte
Ehefrau, und so genießen,
wie als ob er jene halte,
die ihm niemals wird zuteile.
Spute dich, das Ding hat Eile!

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