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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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62 Achtes Kapitel.

Von dem Türmchen der Parkkapelle schlug die klappernde Uhr. Hertha, die am offenen Fenster ihres Zimmers stand, zählte die Schläge und wendete sich zu Frau Pahnk, welche beim Scheine der Lampe an dem Tische vor dem Sofa strickte.

Jetzt ist es zehn, sagte sie, ich gehe zu Bett.

Sie gehen ja doch sonst nie vor elf, murmelte Frau Pahnk.

Und gerade heute will ich's.

Die alte Vertraute seufzte leise und strickte weiter, ohne aufzublicken. Hertha war an den Tisch getreten.

Hörst Du nicht, Pahnk? Ich will zu Bett gehen. Packe Deine Sachen zusammen!

Ich muß doch wegen der alten Herrschaften aufbleiben, sagte Frau Pahnk, wiederum ohne aufzublicken. Unten im Speisesaale steht auch noch alles, wie wir's zurecht gemacht haben. Sie können ja jeden Augenblick kommen. Noch eine halbe Stunde, Fräulein Herthing!

Keine halbe Minute!

Wenn man drei Jahre gewartet hat, murmelte Frau Pahnk und suchte nach einer herabgefallenen Masche; kam aber nicht damit zustande vor ein paar dicken Thränen, die ihr in die Augen getreten waren. Sie ließ das Strickzeug in den Schoß fallen, legte das Gesicht in die Hände und weinte still vor sich hin. Hertha ging ungeduldig im Zimmer auf und ab, blieb dann wieder neben der Weinenden stehen, und sagte:

Du meinst es gut, Pahnk, ich weiß es. Das heißt, eigentlich meinst Du es nur gut mit ihm: an mich denkst Du nicht oder nur so nebenbei; ich aber muß an mich denken, und ich 63 sage Dir, eines Engels Geduld wäre erschöpft. Ich bin kein Engel, will keiner sein. Und nun zum letztenmale, nimm Deine Sachen und geh'!

Das war in so festem Tone gesprochen; die Pahnk legte mit zitternden Händen ihre Sachen in das Körbchen.

Sie kommen sicher, murmelte sie, sicher; was soll ich ihm nur sagen, Fräulein Herthing?

Daß ich zu Bett gegangen bin, ich dächte, das wäre einfach genug.

Und sonst nichts? Nichts? Fräulein Herthing, sonst nichts?

Sie hatte sich erhoben und blickte, indem sie das Körbchen gegen den Busen drückte, flehend ihrer jungen Herrin in die Augen. Aber die schönen Augen blieben streng und finster, und von den feinen Lippen, die sich kaum bewegten, klang es kurz und scharf: Nein, nichts! Gute Nacht!

Die Frau hatte das Zimmer verlassen, aber es dauerte einige Zeit, bis Hertha den schweren Schritt den Korridor hinab vernahm. Sie hatte wohl noch vor der Thür gestanden und gewartet, ob sie nicht doch wieder hereingerufen würde.

Es ist besser so, sagte Hertha, ich bin es mir schuldig.

Sie war an das Fenster getreten, es zu schließen, that es aber nicht, sondern blieb so stehen, sich an das Brett lehnend. Der beinahe volle Mond schien matt durch dichtes Gewölk; in schwachen Umrissen hoben sich die breiten Massen der Baumgruppen aus dem Dunkel; selbst den weißen Turm der Kapelle umdämmerte nur ungewisse Helle. Die Luft war schwül und schwer, manchmal zog ein Raunen und Flüstern durch die Wipfel, dann wieder war alles grabesstill.

Eine unsägliche Traurigkeit erfüllte das Herz des jungen Mädchens. Sie hätte sich gern in Thränen erleichtert, aber die brennenden Augen blieben trocken, während sie so in die Nacht hinein starrte und auf das Bellen eines Hundes horchte, das aus der Ferne dumpf und klagend in ungleichen Intervallen an ihr Ohr schlug.

Wenn man drei Jahre gewartet hat, murmelte sie, jawohl! Sie hat recht, jeder darf es jetzt sagen: sie hat drei Jahre auf 64 ihn gewartet! Wäre sie sonst zu Hause geblieben – heute? Und hat weiter gewartet in die Nacht hinein, und er hat sie warten lassen. Warum auch nicht? Sie hat ja zu warten gelernt! Muß sie doch zufrieden sein, wenn er morgen kommt. – Daß ich nicht mitgefahren bin, ihm morgen sagen zu können, ich danke dir, eine Hertha läßt man nicht ungestraft drei Jahre warten! Lächerlich! Er wußte ja nur zu gut, daß ich warten würde, geduldig wie ein Hund vor der verschlossenen Thür, bis es dem Herrn gefällt, zu kommen und die arme, zitternde Kreatur mit hineinschlüpfen läßt.

Das dumpfe Hundegebell, das zuletzt nur noch ein schmerzliches Heulen gewesen, war verstummt.

Ich wollte, ich wäre tot, sagte Hertha.

Ein großer Nachtfalter kam herangeflattert, setzte sich auf das Fensterbrett, hob und senkte die breiten Schwingen und verschwand wieder im Dunkel.

Oder könnte so in Nacht tauchen, und wüßte keiner, wo ich geblieben.

Lauter rauschte es in den Bäumen, als riefe es: Komm! Sie war von dem Fenster zurückgetreten. Da auf der Stuhllehne hing ihr Shawl; sie schlang ihn um den Hals und eilte aus dem Zimmer.

In dem Korridor brannte an der Glasthür nach dem Hauptflur eine einsame Lampe; die nach dem Garten hin führende steile Treppe war dunkel, und die alten vermürbten Stufen knarrten unter jedem ihrer Schritte, wie leise sie auch auftrat; die Thür unten war wie immer nur von innen verschlossen; sie trat hinaus.

Zwischen den Bosketts, die, hier von Schlangenwegen durchzogen, bis dicht an die Hauswand reichten, war es finster, doch wurde es heller, als sie, sich rechts haltend, auf den halbrunden Platz vor der Freitreppe kam, welche aus dem Speisesaale im Mittelbau in den Garten hinab führte. Die Fenster und die Glasthür waren matt erhellt. Sie stieg die Stufen hinan und sah, wie Frau Pahnk den Tisch abräumte, der nun bereits seit zwei Stunden gedeckt stand, und den sie selbst mit den 65 schönsten Blumen des Gartens geschmückt hatte. Also auch die treue Seele hatte keine Hoffnung mehr, daß ihr Liebling, ihr Herzblatt, ihr alles heute noch kam! Hatte die Zuversicht, die sie zur Schau getragen, nur geheuchelt und zeigte jetzt, wo sie sich allein glaubte, ihr wahres Gesicht, auf dem die Thränen glänzten, so oft der Schein des Lichtes darauf fiel, während sie so an dem Tische kramte. Jetzt lauschte sie, ein paar Teller in den Händen, den Kopf halb gewendet – nach einem Geräusch wohl, das sie vom Hofe her gehört haben mochte, und schüttelte den Kopf und trug die Teller nach der Anrichte in der Tiefe des Saales.

Hertha hatte das Herz bis in den Hals geschlagen; wenn er hereingetreten wäre, dort zu jener Thür, in seiner herrlichen Schönheit, sie wäre ihm entgegen geflogen, hätte an seinem Halse gehangen, an seinen Lippen – o, des Glückes, o der Seligkeit – o, der Schmach und Schande!

Wieder irrte sie durch den Garten, jetzt zwischen Beeten, von denen der Duft der Reseda und der Rosen aufstieg in betäubender Süßigkeit; jetzt unter dem niedrigen Dache der verschlungenen Zweige des Laubenganges, in welchem auch der letzte Lichtschimmer erloschen war; jetzt in der hohen Buchenallee, durch deren mächtige Kronen der Nachtwind seufzend strich. Es durchschauerte sie kalt, während ihre Wangen brannten. Sie zog den Shawl dichter um sich und schritt eilig weiter, fiebernd, wilde Träume träumend. Sie sah sich im großen Festsaal von Griebenitz am Arme des schlanken Axel, der glückstrahlend auf sie herabblickte, während sie alle sich herandrängten, gratulierend, Schmeicheleien flüsternd – Hunderte geputzter Damen und Herren im blendenden Schein der Kronenleuchter von der Decke und beim Schalle der Musik vom Orchester über den Säulen, deren Stuckmarmor in dem Lichte der Kandelaber flimmerte. Und eine Donnerstimme ruft: Verräterin! und all die Herrlichkeit versinkt in finstere, sausende Nacht.

Vom Meere her kam es, dumpf anschwellend, und rollte jetzt über sie hin. Ein plötzlicher Sturmwind sauste durch die 66 ächzenden, knarrenden Bäume; rings umher raschelte, zischelte, knisterte es. Und jetzt das gleichmäßige Klappern und Trommeln des Regens auf das Laubgewölbe oben, durch dessen Spalten einzelne kalte Tropfen ihr in das glühende Gesicht schlugen. Sie eilte nach dem Hause zurück, über den halbrunden Platz, die Stufen hinauf durch die Glasthür in den Speisesaal, wo zu ihrer Verwunderung auf dem abgeräumten und wieder mit der dunklen Decke versehenen runden Speisetisch die Lichter an dem dreiarmigen Leuchter noch brannten und in dem starken Luftzug hin und her flackerten, der durch das Oeffnen der Glasthür entstanden war. Denn auch die Thür nach dem Korridor hatte aufgestanden, stand noch auf, und durch dieselbe vernahm sie Stimmen: die der Pahnk und eine gedämpfte, männliche. Sie hörte die Pahnk sagen: sie ist oben, einen Augenblick – ich will nur eben die Lichter im Speisesaale austhun. In einem Nu war sie wieder an der Glasthür; die aber hatte sich eingeklemmt; vergebens rüttelte sie daran. Von der andern Seite ertönte ein lauter Schrei; die Pahnk, als sie so plötzlich jemand in dem noch eben leeren Speisesaale sah, hatte ihn ausgestoßen und schrie nochmals, als sie ihre junge Herrin erkannte. In dem Momente erschien auf der Schwelle hinter ihr eine große Mannsgestalt.

Gustav! rief Hertha in jauchzender Lust, sich der Gestalt entgegen stürzend. Und zuckte schon ganz in der Nahe derselben, wie vom Blitz getroffen, zurück.

Du bist es? Du!

Ja, ich! sagte Hans, indem er sie mit seinem traurigen Blick mitleidsvoll ansah und zugleich der Pahnk winkte, den Saal zu verlassen.

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