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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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39 Fünftes Kapitel.

Hans war die Lindenallee im Galopp hinab geritten. Als er am Ende derselben durch das große Hofthor auf den Weg bog, gab er dem Braunen die Sporen und ließ die Zügel schießen. Der Braune versuchte mit ein paar matten Sätzen in Karriere zu fallen; Hans zog die Zügel an und klopfte dem erschöpften Tiere, das alsbald wieder in Schritt ging, den nassen Hals. Seit heute Morgen um Vier – sechs Meilen bei der Hitze – es hatte schon vorhin nicht mehr gekonnt. Wenn er umkehrte und Herthas Figaro nahm, der frisch war? Aber das hätte wieder einen langen Aufenthalt gegeben. Und vielleicht sah ihn Hertha vom Fenster aus, wußte sich nicht zu erklären, weshalb er umgekehrt war, kam herab, ihn zu fragen, er mußte ihr dann in die Augen sehen, in ihren Augen das Glück lesen – Gott! Gott! – wer gönnte es ihr denn mehr? Wer hatte denn mehr dafür gethan – eben jetzt – fünf Minuten später, und sie wäre nicht mehr dagewesen – auf dem Wege nach Griebenitz – und in Griebenitz – nein, nein! Ich habe es ja nie geglaubt, obgleich sie alle es sagen. Aber, wenn nicht heute – wenn Gustav noch länger ausgeblieben wäre? Warum er nur nicht gleich die halbe Meile weiter gefahren ist? Zuerst nur mich sehen will? Fürchtet er, daß Hertha inzwischen – gewiß, gewiß! Das wäre denn freilich ein trauriges Wiedersehen gewesen. Und du hast das gelitten, Hans? Großer Gott, wenn er wüßte, was ich auch ohne das gelitten habe – was ich leide! Nein, nein, du sollst sie haben; sollst es nie erfahren – nie, nie! sowenig wie sie selbst – es wäre mein letzter Augenblick. Freilich, es sähe dann nicht mehr wie 40 Zufall aus. Später! Später, wenn alles in Ordnung ist, wenn ich ihnen nicht mehr nötig bin – dann eines Morgens vor dem Gewehrschrank – beim Reinigen – oder am Abend auf dem Anstand –

Sein Blick heftete sich auf die Ecke seines Waldes, da drüben jenseits der Weizenbreite. Die Breite war sein Stolz – eine schönere gab es auf der ganzen Insel nicht; und der Wald – wie oft hatte er ihn schlagen lassen wollen, wenn es in seiner Kasse leer war, und hatte es nie übers Herz bringen können. Die Riesentanne, dicht an der äußersten Spitze, wie hoch sie über die anderen ragte, die schon im blauen Schatten lagen, während ihr Wipfel noch im Widerscheine der untergesunkenen Sonne rötlich herüber grüßte. An ihrem Fuße, auf ihren mächtigen, moosumsponnenen Wurzeln, da hatte er so oft von ihr geträumt, als sie noch ein halbes Kind war. Und dann heranblühte, wundersam, wonniglich – sein Kind! Es hatte ja niemand auf der weiten Welt, der es hätte schützen können. Und sein anderes Kind – der schöne, wilde Junge! Er selbst mit seinen achtzehn, seinen zwanzig Jahren damals ihm Bruder, Vater, Beschützer – alles! Und die beiden Kinder, die sich neckten, zankten, liebten, küßten unter seinem Auge – er brauchte ja nur eines zuzumachen – Gustavs alter Scherz, zu dem er jedesmal lachte, damit die Kinder nicht merkten, wie es in ihm aussah, da hinter dem Auge und der Stirn, an der die Adern so wild pochten, und in dem Herzen, das so rasend klopfte und dann so schwer in der Brust hing, zentnerschwer. Ja, ja, unter der Tanne – ein kurzer Knall, der durch den Wald hallte, und er lag unten hingestreckt, und war ihm so wohl nach der langen, mühseligen, leeren Jagd. Und sie – nun, sie kommen schon drüber weg – sie haben dann sicher mehr zu thun, als an den alten, schwerfälligen, dummen Hans zu denken, der ihnen ja nur noch im Wege stand und endlich so gescheit gewesen ist, sein eines Auge für immer zuzumachen. Ei, Hans, schämst du dich nicht?

Er hatte die große Tanne, er hatte nichts mehr gesehen durch einen dichten Schleier, der ihm über dem Auge hing.

41 Indem er die Thränen zwischen den Wimpern zerdrückte, rührte er zugleich dem Braunen die Weichen, der einen leichten, unwillkürlichen Ruck am Zügel sich in der ihm bequemen Weise ausgelegt hatte und stehen geblieben war, nun aber in einen munteren Trab fiel.

Ist recht, Brauner! Nur noch die zweitausend Schritt, sollst dann Ruhe haben. Die Strecke nach Prora gehe ich, und Clas Wenhak soll uns dann ein Paar von seinen Postgäulen geben. Wer weiß, was dir morgen zugemutet wird – was er dir zumutet. Er pflegte dich nicht zu schonen, und bist seitdem drei Jahre älter geworden. Ob er sich wohl verändert hat, der liebe Junge. Ob er noch so schön ist, wie damals –

Vor seines Geistes Auge stand das Bild eines Jünglings, der im Begriffe war, von dem Ende des langen, hölzernen Steges, an welchem im Frühjahre die Schafe gewaschen wurden, in das Wasser zu springen und dann in einem Zuge über den breiten See zu schwimmen. Die helle Nachmittagssonne bescheint den Körper, daß er sich schimmernd weiß von der blauen Fläche des Sees abhebt: den hochgewachsenen Körper mit den kräftigen Schultern, der gewölbten Brust und den schlanken Hüften. Nun wiegt er sich elastisch auf den Fußspitzen, hebt die Arme und wendet den Lockenkopf über die Schultern. Kommst du, Hans? Eins, zwei, drei! – Ach, die helle, klangvolle Stimme! und dann der Satz von dem Brett ins Wasser, daß der ganze Steg zittert und der Lockenkopf erst wer weiß wie weit von dem Steg aus dem Wasser taucht! – Wie stolz war ich auf den Jungen; hatte ja auch ein Recht dazu: hatte ihn Schwimmen gelehrt, Schlittschuhlaufen und Reiten, Schießen, Rudern, Segeln – alles; nur daß er freilich alles wie von selbst konnte und es nach kurzer Zeit besser machte, als es der Lehrer je zuvor oder nachher gekonnt – bis aufs Schießen. Darin war ich dir immer über und bin es wohl noch, trotz meines einen Auges.

Der Huf des Braunen schlug auf das Pflaster des Dammes, der von der Landstraße zwischen den Scheunen und dem Viehstall auf den Hof führte, und Hans schlug das Herz hoch 42 in der Brust, als er vor der Hausthür Clas Wenhaks Holsteiner sah, der eben erst vorgefahren sein konnte; den nassen Pferden flogen noch die Flanken. Hatte Gustav den Wagen herüber geschickt, ihn holen zu lassen? War er selber gekommen – Gustav!

Hans war mit einem Sprunge aus dem Sattel und in den Armen des Bruders, der, kaum in das Haus getreten, den Hufschlag gehört und sich wieder umgewendet hatte.

Lieber, lieber Junge!

Guter, alter Kerl!

Bist Du's wirklich?

Freilich bin ich's, aber nicht hier vor allen Leuten! Komm' herein!

Und Gustav versuchte den Bruder, den er jetzt an den Händen gefaßt hatte, mit sich fort ins Haus zu ziehen.

Einen Augenblick, sagte Hans mit noch immer vor Freude zitternder Stimme, ich will nur Bescheid sagen, daß angespannt wird. Du kannst nach Hause fahren, Jochen!

Nein, nein! Er soll hier bleiben – ich muß – Du siehst ja, ich habe gar keine Sachen – wie ich gehe und stehe – ich erkläre Dir das – aber so komm' doch nur endlich herein!

Gustav war, ohne Hans' Antwort abzuwarten, voran gegangen; Hans lächelte. Das war, obgleich er ja mit dem Barte und in der halb fremdartigen Kleidung ganz anders aussah, der alte Gustav. Und seine Ungeduld konnte nur einen Grund haben, und er – er hatte das Wort, diese schlimme Stimmung in helle Freude zu verwandeln.

Ja, er ist es! sagte er freundlich, als Antwort auf die fragenden Gesichter der umher stehenden Knechte, die von dem nahen Platze vor dem Pferdestalle, wo sie die letzten Heuwagen abluden, neugierig herangetreten waren und verwundert drein schauten, daß »der junge Herr«, mit dem ein paar von ihnen aufgewachsen, keinen Blick und kein Wort für sie gehabt hatte. Morgen, Leute, wird er Euch ordentlich guten Tag sagen. Für heute könnt Ihr noch nicht Feierabend machen. Die Wagen müssen abgeladen werden, es wird über Nacht regnen. Und, 43 Jochen, lege Deinen Pferden Decken auf, wenn Du auch hier nicht lange zu halten brauchen wirst.

Hans war nun auch hinein gegangen, die Knechte entfernten sich einer nach dem andern, Jochen hatte die Decken aus dem Kasten genommen und den Pferden aufgelegt. Er sollte nicht lange hier zu halten brauchen, hatte der Baron gesagt, und Jochen meinte, daß es ihm und den Mähren auch nur schlecht passen würde, hier bis in den späten Abend zu warten nach der schweren Arbeit; aber eine Pfeife Tabak konnte er sich inzwischen immer gönnen, wenn er sie auch aus Vorsicht nur halb voll stopfen wollte.

So fing denn Jochen an, in aller Gemächlichkeit seine halbe Pfeife Tabak zu rauchen und über die Sache nachzudenken, um nach einigen Zügen heraus zu bringen, daß er nicht viel davon verstand; freilich auch, als ein Sundiner, der seinem Jugendfreunde und jetzigen Herrn erst vor einem Vierteljahr hierher nach Prora gefolgt war, kein besonderes Interesse an derselben haben konnte. War er doch noch nicht einmal hier auf Neuen-Prohnitz gewesen, trotz der nur halbstündigen Entfernung, sowenig wie in Alten-Prohnitz. Weshalb der Herr Baron nur nicht dort wohnte, wo ja ein schönes Schloß sein sollte und ein großer Park, sondern hier in dem einstöckigen Hause, das doch nicht viel besser war als ein ganz gewöhnlicher Kathen, und auf dem kleinen Hofe mit seinen paar alten verwitterten Scheunen und Ställen aus Olims Zeiten? Na, bei Uhlenhans war es eben nicht ganz richtig da oben – das hatte ja Clas Wenhak gestern noch gesagt und hatte bei der Gelegenheit auch von dem »tollen Gustav« gesprochen. Kurios war es doch, daß der nun nach vierundzwanzig Stunden hier war, und daß er ihn fahren mußte, ohne ihn zu kennen.

Sollten sie noch nicht bald heraus kommen? Da in der Stube linker Hand von der Hausthür mußten sie sein; er hörte wie sie sprachen; das heißt, eigentlich sprach bloß der junge Herr mit seiner hellen Stimme, oder konnte man die von dem Herrn Baron nur nicht hören? Verstehen konnte man so wie so nichts, sie hatten die Fenster zu, trotzdem es in dem kleinen 44 Hause, auf dessen Strohdach die Sonne bis zuletzt geschienen, eine schlimme Wärme sein mußte. War es doch hier draußen noch schwül genug, daß man ordentlich aufatmete, wenn mal ein Luftzug vorüber ging, und es oben in den Linden für einen Moment rauschte und knisterte, und die Spatzen, die schon längst Feierabend gemacht hatten, wieder zu priestern anfingen.

Warum sie in der Stube wohl kein Licht ansteckten? Es mußte ja hinter den dicken Wänden mit den niedrigen Fenstern unter den breiten Linden stichdunkel sein. Jetzt – aber es war kein Licht von drinnen, es war der Mond, der mittlerweile aufgegangen war und auf dem kleinen Teich glitzerte, und da fiel ein bißchen von dem Mondenschein auf die Fenster.

Ja, wie lange hielt er denn hier? Das war schon die zweite volle Pfeife nach der ersten halben. Wenn er das gewußt hätte, würde er doch ausgespannt haben. Es war mittlerweile längst Zeit zum Abendbrot. Drüben die Knechte im Leutehause hatten das ihre; an ihn hier auf dem Wagen und an seine müden, hungrigen Mähren dachte niemand. Und da sprach Clas Wenhak immer, was für ein guter Herr der Herr Baron sei. Guter Herr! Jawohl. Die taugen alle nichts.

Jochen war vom Wagen gestiegen und ging neben seinen Pferden auf und ab. An dem Himmel, der sich immer mehr mit Wolken bedeckte, verschwanden die Sterne, während der Mond, der vorhin durch eine Lücke zwischen zwei Gebäuden hell genug geschienen, in gelbem Dunst über den Dächern hing. Die Spatzen schwiegen, trotzdem es jetzt manchmal laut genug in den Linden rauschte; dafür schrie ein Käuzchen aus den Pappeln an der Einfahrt, und ein Nacht-Aar kam so dicht an Jochens Gesicht heran geflogen und schlug so plötzlich im Fluge um – wenn er nun nicht bald wieder heraus kommt, sagte Jochen, ich warte keine fünf Minuten mehr, hier kann ja einem Menschen graulich werden. Endlich!

Er hatte die Stubenthür gehen hören; gleich darauf traten die beiden Herren heraus. Der Baron pfiff gellend auf dem Zeigefinger, worauf aus dem Leutehaus der Statthalter kam, den Jochen vorhin schon über den Hof von einem zum andern 45 Hause geschäftig hin und her hatte gehen sehen. Der Baron sagte ihm ein paar Worte, die Jochen nicht verstand. Untereinander sprachen die Herren nicht eine Silbe. Der Baron hatte jetzt einen langen Rock über seinem Reitanzug; der jüngere Herr nahm seinen Mantel, der auf dem Hintersitz des Wagens gelegen, hing sich denselben um und stieg ein, der Baron nach ihm. Jochen wendete sich, zu fragen, wohin er denn eigentlich fahren solle? Er bekam keine Antwort. Und, war es der Mond, der ihnen so ins Gesicht schien – die beiden Herren, die hinter ihm, jeder in seiner Ecke, lautlos saßen, sahen ganz anders wie vorhin und wie tot aus, bloß, daß die Augen in dem gelben Lichte glitzerten, was ihnen, in Jochens Meinung, noch ein viel schauderhafteres Ansehen gab. Die Frage, die er hatte wiederholen wollen, war ihm im Munde stecken geblieben; er hieb wie toll auf die Pferde und fuhr auf gut Glück vom Hof hinunter auf den Weg nach Prora. Es mußte wohl der richtige sein, wenigstens that keiner von den Herren den Mund auf, ihm eine andere Weisung zu geben; aber sie sprachen auch nicht miteinander, nicht ein sterbendes Wort, das Jochen, und wäre es noch so leise gesprochen worden, sicher gehört hätte, da er ja dicht vor ihnen saß. Auch war es sonst totenstill, außer daß die Räder in dem Sande knirschten, die Riemen am Wagen quietschten, die Grillen am Wegrande zirpten, und einmal in der Weizenbreite rechts ein Rebhahn lockte. Ein wahres Glück, daß der Mond jetzt hinter ihnen stand und den Herren doch nicht in die bleichen, stillen Gesichter und in die starren Augen schien.

Jochen hieb ein Mal über das andere auf die Braunen, trotzdem sie jetzt nach Hause von selber liefen, was sie konnten. Und er atmete erleichtert auf, als ihre Hufe auf das Pflaster des kleinen Platzes aufschlugen, und die zuletzt Galoppierenden vor der Thür des »Königs von Preußen« mit einem mächtigen Ruck zum Stehen brachte.

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