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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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449 Achtundvierzigstes Kapitel.

Es war bereits gegen sechs Uhr, als Carlo hinter dem Schließer her klopfenden Herzens durch die schmalen dunkeln Gänge des alten Kreisgefängnisses nach dem Zimmer tappte, in welches man Hans heute Morgen aus dem benachbarten Krankenhause überführt hatte. Vergebens hatte er bis zur Stunde auf die Rückkehr Herrn von Bohlens gewartet und sollte nun, ohne den erhofften Trost zu bringen, endlich ihn wiedersehen, zu dem ihn vom ersten Momente an das Herz mit wunderbarer Gewalt gezogen, und der ihm jetzt durch sein furchtbares Geschick doppelt ehrwürdig geworden war.

Richtig! brummte der Schließer, indem er vor einer der Thüren stehen blieb. Gehen Sie man dreist rein! Verschlossen ist nicht; weglaufen kann er nicht, sagt der Herr Kreisrichter. Richtig, sage ich; aber wenn Sie ihn sich heraus holen –

Ich? flüsterte Carlo.

Richtig, sagte der Alte; Sie sehen just danach aus. Na, meinetwegen – ich habe Frau und Kinder zu Haus –

Ich verstehe Sie nicht, flüsterte Carlo.

Richtig, sagte der Alte. Gehen Sie man dreist rein. Verschlossen ist nicht.

Der wunderliche Alte schlürfte davon. Carlo zögerte noch ein paar Minuten – der Freund sollte seine Aufregung nicht wahrnehmen – pochte leise an die Thür, und erkannte an dem Herein sofort die tiefe Stimme des Freundes. Er öffnete und trat in das Zimmer.

An dem einzigen vergitterten, und zum Ueberfluß in der unteren Hälfte mit einer Holzblende versehenen Fenster zur 450 Rechten des mittelgroßen dürftigen Gemaches saß, den er suchte, in einem Lehnstuhl. Das matte Licht des trüben Tages dämmerte von oben her auf sein Gesicht, soviel davon unter der Binde, die ihm das rechte Auge verdeckte, zu sehen war. Das linke, immer blinde, war auf den Eintretenden gerichtet. Sein schönes volles Haupthaar hatte die gräßliche Krankheit arg gelichtet. Und war es Täuschung, oder spannen sich durch den Bart, der jetzt wieder lang auf die Brust herabfiel, hier und da graue Strähnen? Ach, es war keine Täuschung, wie Carlo, näher tretend, sah; und jetzt spielte ein mildes Lächeln um den freundlichen Mund und die hageren Wangen; er streckte beide Hände aus:

Sie sind es, lieber Freund!

Ich bin's, sagte Carlo.

Um seine Festigkeit, die auf jeden Fall zu bewahren er sich eben noch gelobt, war es geschehen. Er weinte laut auf, indem er die weißen abgemagerten Hände an seine Brust drückte und dann dem Freunde an die Brust sank.

Lieber Lilien, lieber Carlo! sagte Hans, die Umarmung herzlich erwidernd; ich habe Sie wohl durch meinen Anblick erschreckt.

Verzeihen Sie, stammelte Carlo, sich aufrichtend. Es ist sehr unrecht von mir – Sie sind noch so schwach –

Ich bin freilich recht schwach, sagte Hans; aber sonst fühle ich mich wohl bis auf die bösen Schmerzen, die ich noch im Auge habe; und ich freue mich so, daß Sie gekommen sind. Bitte, holen Sie sich einen Stuhl und setzen sich zu mir.

Ich durfte leider nicht eher kommen, sagte Carlo, der Aufforderung Folge leistend.

Ich weiß, sagte Hans; und es ist eine besondere Vergünstigung, daß überhaupt jemand zu mir darf. Ich verdanke es der Güte des Herrn von Bohlen, der sich noch Ungelegenheiten machen wird durch alle die Freundlichkeiten, die er mir erweist. Auch der Herr Doktor ist so gut gegen mich. Er ist freilich ein alter Bekannter von mir, den ich doch erst jetzt eigentlich kennen gelernt habe. Er hat mich gepflegt, als ob ich sein einziger 451 Patient sei; und ich weiß doch, welch mühseliges Leben er führt bei seiner großen Praxis auf unsern erbärmlichen Wegen. Ihm verdanke ich auch, daß ich in meiner Einsamkeit nicht ganz von der Welt ausgeschlossen gewesen bin. Er kann nichts dafür, wenn er mir nicht mehr Erfreuliches mitzuteilen hatte. Und Sie, lieber Freund, Ihnen werde ich Ihre Liebe nie vergelten können!

Sprechen Sie nicht von mir! sagte Carlo.

Ja, lassen Sie mich von Ihnen sprechen! sagte Hans; habe ich doch nichts als Worte, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen. Seit sechs Wochen wohnen Sie hier in der kleinen Stadt, die für Sie, der Sie die ganze Welt gesehen haben, sicher ein recht trauriger Aufenthalt ist, nur, um mir nahe zu sein, nur, um jeden Augenblick wissen zu können, wie es mir geht. Ich frage nicht, wodurch habe ich das verdient? Man soll so nicht fragen, man soll nur Gott danken, wenn man dankbar sein kann. Es können es nicht viele.

Er hatte auch das Letzte, das doch in seinem Munde eine so schwerwiegende tragische Bedeutung hatte, mit einer kindlichen Bescheidenheit gesagt, die Carlos Augen aufs neue Thränen entlockte. Mußte doch wahrlich die Herzensgüte eines Menschen, der nach allem, was er erlebt, so sprechen, so denken konnte, unerschöpflich sein. Und zu dieser Ueberzeugung, die er freilich mitgebracht hatte, kam jetzt ein Eindruck, den er bei der ersten Begegnung nicht annähernd in diesem Maße empfunden: der Eindruck einer wunderbaren Hoheit und Klarheit, zu der sich der Geist des einfachen Mannes in der schweren Krankheit und aus dem tiefsten Weh geläutert und aufgeschwungen zu haben schien, und die sich selbst in dem ruhigen Fluß seiner Worte widerspiegelte und aus dem bei aller Milde festen Ton seiner Rede herausklang. Noch nie war er jemand begegnet, der seinem Ideal eines guten Menschen so durchaus entsprochen hätte. Aber diesmal gelang es ihm, seine tiefe Bewegung zu meistern; er sagte, auf den Gedankengang des Freundes einlenkend:

Leider ist es so, obgleich es mit der Ueberzeugung von der 452 Allgüte Gottes schwer vereinbar ist: was kann es Unseligeres geben, als ein Gemüt, das keine Dankbarkeit zu empfinden vermag!

Dennoch scheint es in größerem oder geringerem Maße der natürliche Stand des Menschen, erwiderte Hans, und das Gegenteil eine Ausnahme, wie wenn jemand sehr stark oder sehr klug ist, oder weiter und schärfer sehen kann als andere Leute, wie ich zum Beispiel, bevor ich nun erblindete. Ebenso heißt es umgekehrt, daß, wer Dank begehrt, seinen Lohn dahin hat, was ich auch nicht recht verstehe, denn wie kann man überhaupt, früher oder später, diesseits oder jenseits, Lohn dafür erwarten, daß man jemand etwas Gutes erwiesen hat, erweisen durfte, was ja wieder schon an sich eine Vergünstigung ist, ebenso wie die Fähigkeit, dankbar sein zu können.

Die deshalb Gott in seiner Güte vorzugsweise den Armen und Schwachen verliehen hat, sagte Carlo.

Ganz gewiß, erwiderte Hans; man weiß erst, welcher Segen ein Stück Brot ist, wenn man, halb verhungert, es in der Jagdtasche findet. Es gibt freilich auch Undankbare genug unter den Armen. Ich kenne ihre Tugenden und ihre Schwächen; bin ich doch selbst einer von ihnen.

Weil Sie stets alles weg gaben, was Sie hatten; sagte Carlo.

So meine ich es nicht, entgegnete Hans, aber wie soll man sich nicht arm fühlen, wenn man, wie ich, fast ohne Unterricht aufgewachsen, nie etwas Ordentliches gelernt hat, vielleicht auch beim besten Unterricht nichts Rechtes gelernt haben würde mit einem Kopf, dem das Lernen so schwer fällt. Ich habe später versucht, es nachzuholen: es ging nicht. An einer Seite Vokabeln, die Gustav nur einmal zu lesen brauchte, um sie vorwärts und rückwärts hersagen zu können, mühte ich mich stunden-, tagelang und konnte sie doch nicht behalten. Da drückt man sich denn scheu auf die Seite, und sucht die Gesellschaft von Leuten, die einem aus seiner Unwissenheit keinen Vorwurf machen, oder noch lieber die Einsamkeit. Uhlenhans! jawohl, sie hatten recht, wenn sie mich so nannten, nicht bloß deshalb, 453 weil ich nur ein Auge hatte! Das kam denn freilich noch dazu. Sie sahen mich immer darauf an, oder ich redete mir es wenigstens ein. Das drückte mich und machte mich noch befangener und schwerer, als ich es schon von Natur war. Draußen in Feld und Wald sah mich keiner darauf an; und die armen Hühner und Hasen, Rehe und Hirsche mußten es entgelten, daß ich nur ein Auge hatte. So wurde ich der Halbwilde, für den, was die anderen schätzen, keinen Wert besaß und den es deshalb nichts kostete, es wegzugeben: an meinen lieben unglücklichen Bruder, der mein Stolz war, und dessen Hang zur Verschwendung ich so auf die thörichtste Weise begünstigte: an meine gute Großmama, die es wieder dem Stiefgroßvater gab, der es nicht verdiente; an jeden, der mich ansprach, oder auch nicht anzusprechen brauchte, weil ich ihm schon vorher gab. Ich bin auch ein paar Tage lang geizig gewesen – ich muß jetzt darüber lachen. Das war, wo ich mir ein eigenes Leben aufbauen wollte – es ist mir schlecht geglückt; ich hätte es voraus wissen können, wäre ich nicht eben der dumme Uhlenhans. Das hat mir denn schlimme Stunden bereitet. Sie, lieber Freund, haben die ersten mit mir durchgemacht. Und schlimmere sind gefolgt, an die ich jetzt nur zurückdenke wie an einen wüsten Traum. Ich wollte mich selbst, ich wollte meinen Bruder töten – was will man nicht in einem wüsten Traum! Dann ist die schwere Krankheit gekommen und meine gänzliche Erblindung. Da habe ich mich wieder auf mich selbst besinnen können. Das hat mir sonderbar wohlgethan. Mir ist, trotz meiner Augenschmerzen, so leicht im Kopf und so frei ums Herz. Selbst an meinen armen Bruder denke ich nur mit Wehmut, als wäre er an meiner Seite vom Blitz erschlagen. Und ich selbst? Wenn man mich verurteilt – ich habe mich nie vor dem Tode gefürchtet; im Gegenteil, mich nur zu oft danach gesehnt; jetzt werde ich es nicht mehr thun. Wenn ich freigesprochen werde – und ich denke, es geschieht – nun, jetzt kann ich mich nicht mehr vor den Blicken der Menschen auf die Seite stehlen, kann niemand mehr aus dem Wege gehen. Das wird mich mutiger machen, zuversichtlicher; und das ist vielleicht für mich mehr 454 wert, als wenn ich beide Augen hätte. Und wenn ich auch nichts mehr sehe – ich kenne jeden Quadratfuß auf meinem Felde und weiß zu jeder Zeit, was darauf wachsen kann und was nicht; da kann ich mich immer noch ein wenig nützlich machen. Dann habe ich meinen treuen Stut, meine gute Riekmann; auf die darf ich mich verlassen, wie auf mich selbst. Gewiß werden recht viele einsame Stunden kommen; aber die Einsamkeit und ich – wir kennen einander von lange her. Es wird kein Leben sein, das ich einem anderen zumuten möchte; aber für mich wird es schon langen. Sie brauchen keine Sorge um mich zu haben, Sie lieber, Sie einziger Freund!

Er streckte tastend seine Hand aus, die Carlo schnell ergriff und herzlich drückte. Daß Hans so viel sprach, ängstigte ihn eigentlich, und doch war es ihm ein solcher Genuß, der schlichten Rede des Freundes zu lauschen. Er hatte nicht den Mut, die Unterredung abzubrechen und sagte:

Ich kann Ihnen nicht ausdrücken, wie innig ich mich freue, Sie so zu hören: so getrost, so starkmutig, so ergeben in das, was Gott über Sie verhängt hat. Und ich lebe der festen Zuversicht: er wird nicht alle die Opfer der Entsagung fordern, die Sie ihm zu bringen bereit sind; ich bete und hoffe, daß er Ihnen durch der Aerzte Kunst das Licht Ihres Auges zurückgibt. Das steht bei ihm – lassen wir es da in frommem Vertrauen, bis die Stunde gekommen ist, und nehmen das Bild Ihrer Zukunft, wie es jetzt Ihr geistiges Auge schaut. Werden Sie mir zürnen, wenn ich in demselben einen Zug schmerzlich vermißt habe? Sie denken an alles – an Ihre Freunde denken Sie nicht.

Ein wehmütiges Lächeln spielte um Hans' Lippen. Ich habe Sie eben meinen einzigen genannt, entgegnete er leise; es ist wohl meine Schuld, wenn ich nicht mehr habe, wie es wahrlich nicht mein Verdienst ist, daß Sie mir eine Liebe gewähren, für die ich dankbarer bin, als ich sagen kann.

Und der Fürst? sagte Carlo zaghaft.

Er ist ein zu großer Herr, erwiderte Hans; auch sind wir im Alter zu verschieden; und, wie ich ihn kenne, wird er über 455 das Unheil, das Gustavs schlimmer Leichtsinn in unsern Kreisen angerichtet hat, und von dem ja nun die Griebens, wenn auch durch Axels eigene Schuld, so schwer betroffen sind, nicht wegkommen. Seinem Beispiel aber folgen die anderen; für sie alle war ich immer der Uhlenhans, über den sie hinter seinem Rücken spotteten, und den sie nur so nebenher bei großen Gelegenheiten gelten lassen mußten, weil er aus einer alten Familie stammte. Jetzt, wo sie einen so guten Grund haben, mich ein für allemal fallen zu lassen, werden sie es thun. Glauben Sie mir!

Carlo hätte gern widersprochen, aber seine Wahrheitsliebe machte ihn verstummen. War es doch, als ob der blinde Mann da vor ihm durch die Wände seines Krankenzimmers, seines Gefängnisses die schlimmen Reden gehört hätte, mit denen man sich über ihn in dem vornehmen Kreise trug, wo man ihn offen einen Betrüger schalt, der um alles gewußt, der die schimpfliche Komödie, welche der Bruder gespielt, so lange als möglich begünstigt habe, und, als es nicht mehr möglich war, und er sich darüber mit seinem Bruder entzweit, um die Schuld von sich abzuwälzen, zum Mörder geworden sei. Und konnte er von einer so kleinlichen, so lieblosen, so ungerechten Denkungsart selbst den sonst von ihm hochverehrten Fürsten nicht völlig freisprechen, der, wenn er auch nicht in das Verdammungsurteil der anderen einstimmte, doch in der ganzen Angelegenheit eine Zurückhaltung beobachtet hatte, die mit seiner früheren erklärten Sympathie und Hochachtung für Hans und seiner sonstigen humanen Beurteilung der menschlichen Dinge nicht in Einklang zu bringen war. Es war nicht anders: der blinde Gefangene hatte unter den Genossen seines Standes, vor deren Augen sein unschuldiges Leben von jeher offen gelegen, keinen Freund.

Nicht im stande, für die traurigen Gedanken, die er in seiner Seele wälzte, einen Ausdruck zu finden, saß Carlo schweigend neben dem Schweigenden, während der Regen gegen die in Blei gefaßten trüben Fensterscheiben klapperte und die rasch zunehmende Dämmerung das öde Zimmer mit Dunkel zu füllen begann. Vom benachbarten Markte schallte in das Gäßchen herein dumpfes Geschrei von Trunkenen oder Streitenden, 456 Carlos Mißbehagen vermehrend. Es war ihm, als wollte die brutale Welt draußen den Frieden verhöhnen, welchen sich der arme Gefangene in seinem Busen geschaffen hatte.

Halten Sie es nicht für Trotz, wenn ich mich freundlos nenne, begann Hans von neuem. Ich suche mir nur meine Lage klar zu machen, wie ein Landmann, der eine Mißernte gehabt hat, die Vorräte überschlägt und einteilt, mit denen er sich den Winter durchbringen muß. Und so arm bin ich ja, Gott sei Dank, nicht. Da ist meine gute Großmama. Sie wird mir, wenn der Großpapa wirklich sterben sollte, alle Liebe erweisen, die sie so viele Jahre in sich hat verschließen müssen. Und dann spiele ich schon in Gedanken mit der kleinen Eua. Das ist ja jetzt, nachdem nun auch ihre Mutter sie verlassen hat, von Gottes und Rechts wegen mein Kind. Da habe ich wieder etwas zu lieben und auf lange hinaus. Dann werden auch Sie von Zeit zu Zeit einmal von Sundin herüber kommen und ein paar Wochen bei mir zubringen. Sie sollen bei mir so ruhig arbeiten können, wie in Sundin; und am Abend erzählen Sie mir von Ihren Reisen. Ich bin selbst ein großer Reisender, müssen Sie wissen – in der Phantasie.

Einen günstigeren Augenblick, sein großes Geheimnis anzubringen, konnte Carlo nicht erhoffen, und der heitere Ton, in welchem Hans zuletzt gesprochen, machte ihm vollends Mut. So sagte er denn, wenn auch mit starkem Herzklopfen:

Ich werde, Sie zu besuchen, lieber Freund, gar nicht die beschwerliche Reise von Sundin hierher nötig haben; ich werde in Ihrer nächsten Nähe bleiben; ich – ich habe mich mit Komtesse Ulrike verlobt.

Wie? fragte Hans, der sich verhört zu haben glaubte.

Carlo erschrak.

Ich wußte, daß es Sie wundern, aber ich glaubte auch, daß es Sie freuen würde, sagte er kleinlaut.

Und das thut es, wahrhaftig, rief Hans, seine beiden Hände darreichend; ich wüßte nichts, was mich mehr freuen könnte. Aber erzählen Sie mir doch! wie hat sich das so glücklich gemacht? ich dachte, Sie und Ulrike kennten sich gar nicht?

457 Ich kenne die Komtesse bereits seit zwei Jahren, sagte Carlo, wo sie mit Lady Cleveland, ihrer englischen Tante, in Italien reiste, und ich den Damen ein paar Aufmerksamkeiten erweisen durfte. Freilich ahnte ich damals nicht, daß jemals eine Zeit kommen könnte, in der ich für die schöne stolze Dame etwas anderes sein würde, als ein gleichgültiger Bekannter; und das wäre ich auch sicher geblieben, wenn wir, die Komtesse und ich, uns nicht in der Freundschaft für Sie, in der Sorge um Sie gefunden hätten, uns näher getreten wären in dem täglichen Verkehr, der nun seit sechs traurig schönen Wochen zwischen uns stattfindet. Lieber Freund, ich weiß alles; sie ist eine viel zu großherzige, offene Seele, um aus dem Grundmotiv, das für sie entscheidend gewesen ist, ein Geheimnis zu machen. Daß ich Sie liebe, hat mich ihr wert gemacht; wie ich wiederum in der jahrelangen hoffnungslosen Liebe der Vielumworbenen zu Ihnen die Bürgschaft sehe, daß sie nur das Edle und Gute lieben kann; und daß, wer sich redlich bestrebt, nach Kräften gut zu sein, ihrer Liebe sicher sein darf, wenn die Leidenschaft auch wohl eine Flamme ist, die in einem Menschenleben so wenig zweimal aufleuchtet, wie das Morgenrot an ein und demselben Tage. Wie dem auch sein mag – auch mir ward die Gottesgabe der Dankbarkeit; und schon jetzt danke ich ihm in der Aussicht auf die Zukunft an der Seite einer Gattin, deren Herzensgüte mich noch mehr entzückt, als ihre Schönheit; und deren Reichtum ich, der Arme, ohne Veschämung hinnehmen darf, da ich mir bewußt bin, daß ich denselben für mein Teil viel, viel lieber entbehren würde. Und nun, um mein Glück vollkommen zu machen: die Aussicht auf den trauten Verkehr mit einem liebsten Freunde, der wiederum die liebste Freundin meiner Gattin die seine nennt. O, mein Freund, wahrlich ich hätte Ursache für mein Glück zu zittern, hätte ich mich nicht von jeher bestrebt, mit der stolzen Selbstgerechtigkeit des Heiden auch die heidnische Furcht vor dem Neide der Götter von mir zu thun.

Carlo hatte in der Freude seines Herzens so eifrig gesprochen, und die Dunkelheit in dem Gemache war bereits so 458 vorgeschritten, daß er erst jetzt, als Hans nichts erwiderte, aufblickend, zu seinem Schrecken bemerkte, daß derselbe den Kopf tief auf die Brust gesenkt hatte und seine Hände, die er gefaltet auf dem Schoß hielt, zuckten.

Um Himmelswillen, lieber Freund, sagte er; ich rede und rede und bedenke nicht, wie schwach Sie sind, wie sehr Sie es angreifen muß. Es ist unverzeihlich; ich ziehe mich augenblicklich zurück, wenn ich Ihnen nicht, wie ich hoffe, noch einen und den anderen Dienst leisten kann.

Sie können mir keinen besseren leisten, sagte Hans, den Kopf hebend, als wenn Sie ruhig sitzen bleiben und uns unser Gespräch fortführen lassen. Ich fühle, daß ich es nicht ertragen würde, von Ihnen verkannt zu werden, und die größte Gefahr laufe, es zu werden, wenn ich jetzt nicht sage, was ich Ihnen doch einmal werde sagen müssen: Ihnen und Ulrike, keinem Menschen sonst auf der weiten Welt.

Der Ton, in welchem Hans jetzt sprach, war so tief traurig – Carlo erbebte das Herz. Der Freund hatte gesagt: er hoffe freigesprochen zu werden, nicht: daß er unschuldig sei. Es schien ja ein ungeheuerer Widerspruch mit allem, was er sonst gesagt und seiner ganzen Haltung; aber in seiner Bestürzung war Carlo nicht im stande, sich das völlig klar zu machen, und erwartete voll bangen Zagens, was der Freund weiter sagen würde. Hans fuhr in demselben traurigen Tone fort:

Sie haben sich vergeblich auf den trauten Verkehr zwischen zwei eng befreundeten Gattenpaaren gefreut: ich werde nicht heiraten.

Sie werden – stammelte Carlo.

Nicht heiraten, wiederholte Hans. Und bin Ihnen eben schuldig, den Grund dafür zu sagen. Nicht, weil ich überhaupt völlig am Leben verzweifelte – Sie wissen: ich thue es nicht; auch nicht, weil ich Hertha nicht mehr liebte – wenngleich jetzt mit einer anderen Liebe als zuvor: als wäre sie tot und ich säße an ihrem Grabe – auch nicht, weil ich ihr etwas vorzuwerfen hätte. Denn, daß sie mich nicht liebt und nimmer lieber wird, ist kein Vorwurf für sie – ist nur ein Unglück, mit dem ich 459 geboren bin, und das ich ja auch vordem still getragen hatte. Und so weiter getragen haben würde, wäre nicht der schlimme Augenblick gekommen, wo Hertha, betrogen um das Gluck ihres Lebens, verzweifelt, versprach, was sie nicht versprechen durfte; und ich, dummer Hans, das glaubte, und dem armen Kinde traurigste Tage, vielleicht einen Kummer für ihr ganzes späteres Leben bereitete. So, lieber Freund, nun ist es heraus. Und da es doch wohl noch recht lange dauern möchte, bis ich es Hertha selbst sagen könnte, bitte ich Sie, sagen Sie es in Ihrer lieben feinen Weise Ihrer Braut, die es dann Hertha wieder sagen muß. Das arme Kind hat jetzt schon Sorgen und Kummer genug. Ich möchte gerne, daß sie dieses ledig wird und gegen ihren besten Freund – denn das werde ich doch bleiben – wieder ein freies Herz bekommt. Und damit Sie nicht etwa glauben, lieber Freund, es sei das nur so ein hypochondrischer Gedanke, den die Krankheit und die Einsamkeit in mir erzeugt, und damit auch Hertha nicht versucht, gegen ihr Gefühl, aus falscher Großmut, sich zu mir zu zwingen, lassen Sie ihr durch Komtesse Ulrike weiter sagen, daß ich es aus ihrem eigenen Munde habe. In der Nacht, als ich mich von Ihnen in Prora getrennt hatte und zwischen den Dünen umherirrte, nach alter Gewohnheit unter Gottes freiem Himmel mit mir zu Rate zu gehen, was in diesem Falle das Rechte sei, und was ich thun solle. Da lag ich in dem langen Grase; sie kamen an mir vorüber und ich hörte alles – alles! Das arme Kind! Er hatte ihr die Unwahrheit gesagt über mich – eine schlimme Unwahrheit, die sie nicht hätte glauben dürfen. Und die sie doch glaubte, weil sie ihn liebte und mich nicht liebte – niemals lieben könne. Sie wollte es mir sagen – sie braucht es jetzt nicht mehr.

Die tiefe sanfte Stimme, die zuletzt nur noch geflüstert hatte, schwieg. Wieder saß er, wie vorhin, das blinde Haupt tief geneigt, die Hände auf dem Schoß gefaltet. Carlo war bis in die tiefste Seele erschüttert. Jetzt erst wußte er, was der Mann gelitten hatte; wie er mit sich gerungen haben mußte, bis in seinem zerrissenen Herzen diese Ruhe, diese Milde, diese Vergebung ihre heilige Stätte fanden.

460 Aber war es denn in alle Ewigkeit das Los des Guten, Edlen von einer Welt, die es nicht versteht, und nicht weiß, was sie thut, verraten und verhöhnt und gemartert zu werden? War es ein Gott der Liebe, der zulassen konnte, wogegen sich sein Herz, das er bescheiden wußte, empörte?

Es ist unmöglich, sagte er laut.

Was, mein Freund? fragte Hans.

O, mein Gott! rief Carlo, was Sie mir da mitteilen, ist so unsäglich schmerzlich für mich, daß sich alles in mir sträubt, es hinzunehmen als etwas, das ist. Aber ist es? kann es sein? Ich verkehre doch nun mit Fräulein Hertha fast täglich; bin Zeuge gewesen, wie der Tod Ihres Bruders und all das Traurige, Peinliche, Erschütternde, das ein so schrecklicher Fall in seinem unmittelbaren Gefolge hat, bei ihr, ich möchte sagen, völlig unterging und verschwand in der sorgenden Angst um Sie. Das wäre doch unmöglich gewesen, wenn Ihre Befürchtungen der Wirklichkeit entsprächen. Sie müssen sich getäuscht, abgerissenen Worten eine Bedeutung beigemessen haben, welche dieselben im Zusammenhang nicht hatten. Und wenn das nun alles geschehen mußte, ein Herz, das verschlossen war, zu öffnen? Sie wären doch der Letzte, der sich von ihm abwendete, weil es sich so spät geöffnet?

Ein wehmütiges Lächeln spielte um Hans' Lippen.

Ich mich von Hertha wenden, sagte er innig: eh' könnte die Sonne am Himmel umkehren. Aber muß man sich denn geliebt wissen, um zu lieben? Nein, lieber Carlo, das weiß ich besser. Ich bin ja auch überzeugt, daß Hertha mit ihrem klaren Sinn früher oder später über mich denken wird, wie ich freilich wünsche, daß sie es thun möge. Aber mich lieben? o, mein Gott, nein! das möge ihr, das möge mir erspart werden! Es wäre Seligkeit gewesen – vorher. Jetzt –

Seine Stimme zitterte; er schwieg ein paar Momente und fuhr in einem Tone fort, durch dessen Milde die festeste Ueberzeugung hindurch klang:

Jetzt wäre es eine Qual, die zu ertragen ich nicht die Kraft hätte, und die auch Hertha, wenn sie auch stärker ist, als ich, 461 nicht ertragen würde. Jetzt ist geschehen, was die Jahre nicht verwischen könnten, und was zwischen uns treten und zwischen uns stehen würde, wie auch die Herzen sich sehnten, frei und fröhlich aneinander zu schlagen. Könnten wir Hand in Hand ihren Ruheplatz betreten, wo sein blutiger Leichnam lag, den sie geliebt mit der Ueberseligkeit einer ersten jungfräulichen Liebe? den ich geliebt mehr als mich selbst? Und wenn wir in die Wüste flöhen – die Eiche, die sein Todesröcheln hörte, wüchse auch da. Sagen Sie mir nicht: er war es nicht wert. Wert oder nicht: wir haben ihn geliebt nach unsern besten Kräften; wir können miteinander nicht mehr glücklich sein, nachdem er so geendet. Wenn Sie mich so ruhig sehen, lieber Freund, so gefaßt und heiter – es ist ja nur, weil ich auf Glück im Menschensinne verzichtet habe. Und ich kenne Hertha viel zu gut, um nicht überzeugt zu sein, daß sie darüber nicht anders denkt als ich. Wir, Hertha und ich, wir können fürder nichts, als uns bestreben, glücklos brav zu sein. Das wäre denn auch ein Glück, lieber Freund, und, wenn ich es recht bedenke, das höchste, das uns kein böser Mensch und kein böser Zufall rauben kann.

Sie haben recht! sagte Carlo; und – ich schäme mich meines Glückes.

Das sollen Sie nicht, rief Hans; das dürfen Sie nicht! Sie sollen Ihr Glück ganz und voll genießen, und den schlechten und neidischen Menschen beweisen, daß man auch im Glücke gut sein kann. Ich wollte ja nichts weiter sagen, als daß es ein Etwas geben muß und gibt, das uns das Glück entbehren lehrt. – Was ist aber nur das?

In seiner tiefen Erregung hatte Carlo nicht gehört, daß jenes dumpfe Geräusch verworrener Stimmen, welches schon mehrmals vom Markte her in das stille Seitengäßchen hinein geschallt war, in den letzten Minuten lauter und lauter geworden. Jetzt kam es das Gäßchen herauf – eisenbeschlagene Stiefel, die schwer auf das Pflaster traten – ein großer Haufe, durcheinander murrend, grollend, schreiend in heftigen rauhen Stimmen. Und jetzt donnernde Schläge gegen eine Thür in der Nachbarschaft und wilderes Schreien und Rufen und wieder 462 donnernde Schläge und Stöße; und abermals unter dem Fenster vorüber zurück in der Richtung nach dem Markte mit schweren Schritten und lautem wüsten Geschrei.

Was mag das bedeuten? fragte Hans noch einmal, während Carlo, der sich vergeblich bemüht hatte, über den Holzverschlag des Fensters in die Gasse zu blicken, nach der Thür lief, um draußen nachzufragen, und in derselben mit dem alten Schließer zusammen traf, der eben so eilig in das Zimmer wollte.

Was gibt es? rief Carlo.

Richtig! sagte der Alte; sie wollen ihn.

Wen?

Den Herrn Baron – richtig!

Wer?

Wer? alle: an die hundert Stück mit Knüppeln und Wagendeichseln – richtig!

Die Unsinnigen! rief Hans.

Er hatte sich schnell erhoben.

Carlo! bitte, geben Sie mir Ihren Arm! Dies darf nicht sein. Die armen Menschen! sie sollen sich um meinetwillen nicht unglücklich machen. Wo sind sie jetzt?

Vor dem Rathause – richtig! sagte der Alte. Sie konnten hier nicht herein, die Thür war ihnen zu dick – richtig! Man kann auch durch das Rathaus hierher – der Herr Bürgermeister mag sich vorsehen – richtig!

Bitte, lieber Carlo, schnell! rief Hans. Sie, Martin, gehen voraus und zeigen dem Herrn den Weg.

Ich hab' Frau und Kind, murrte der Alte.

Die draußen auch, rief Hans; so mancher von ihnen! Carlo, um Himmelswillen, lassen Sie uns eilen!

Sie dürfen sich in Ihrem Zustande nicht hinaus wagen in Regen und Wind, rief Carlo; es wäre Ihr Tod. Lassen Sie die Leute kommen – hierher! Lassen Sie sie gewähren! lassen Sie sich weg führen! Es ist recht, daß sie's nicht dulden wollen, daß der beste Mann unschuldig im Gefängnisse sitzt.

Carlo!

463 Ja, tausendfach haben sie recht, die braven Menschen! Dies ist wahrlich Gottes Stimme!

Carlo, Sie rasen! Führen Sie mich, oder ich taste mich allein hin!

Er wollte seinen Arm aus Carlos Arm ziehen; Carlo hielt ihn fest.

Verzeihen Sie, murmelte er; ich gehorche Ihnen.

Der Schließer schlürfte voraus; Hans an Carlos Arm folgte ihm auf engen dunkeln Gängen, bis er in einer Thür verschwand, die sich aus dem Kreisgefängnisse in das Rathaus öffnete, wo in den steingepflasterten Korridoren das Geräusch ihrer Schritte bereits übertönt wurde von dem Lärmen, welcher in die Halle von dem Marktplatze herein schallte. In der Halle irrten angstvoll ein paar städtische Beamte, die, durch den Tumult aus ihren Wohnungen aufgeschreckt, aus Neugier oder Pflichtgefühl auf das Rathaus geeilt waren, und nun nicht wußten, was sie beginnen, wohin sie sich flüchten sollten vor der Menge, welche bereits in die Halle zu dringen begann, vorbei an dem alten Bürgermeister, der, in dem großen Eingang stehend, ihnen mutig den Weg zu versperren suchte und sie wieder und wieder im Namen des Gesetzes aufforderte, nach Hause zu gehen. Aber seine schwache Stimme verhallte ohnmächtig in dem Brüllen derer draußen:

Schlagt ihn tot! schlagt ihm den Schädel ein! schlagt die Leuteschinder alle tot!

Und plötzlich lautlose Stille.

In dem Thürbogen, wo sie eben noch den kleinen verwachsenen Bürgermeister gesehen, im letzten Lichte des trüben Abends, umsaust vom Winde, der um das Rathaus fuhr und ihm den sprühenden Regen entgegen trieb, barhaupt, das Gesicht halb mit der Binde bedeckt, stand die mächtige Gestalt des Mannes, der ihr Abgott war, den aus dem Gefängnisse zu holen sie sich zugeschworen; und hatte die beiden Hände bittend gegen sie erhoben:

Leute! lieben Leute!

Hurra! rief einer aus der Menge; hurra für Uhlenhans!

464 Und hurra! hurra für Uhlenhans! donnerte es aus hundert rauhen Kehlen. Und abermals durch das Heulen und Sausen des Windes und Regens die tiefe, herzliche Stimme:

Lieben Leute und Nachbarn! Ihr meint es gut mit mir, und ich danke Euch von ganzem Herzen; aber, was Ihr vorhabt, ist nicht gut, und ich kann Euch Euern Willen nicht thun. Denn es ist gegen das Gesetz.

Ein lautes Murren ging durch die Menge. Einzelne schrieen: hol' der Teufel das Gesetz! – das die ehrlichen Leute ins Gefängnis bringt – und die Schurken frei herum laufen läßt – Schindergesetz!

Lauter tönte die tiefe Stimme:

Ja, lieben Leute, das ist nun nicht anders: Gesetz, ob gut oder schlecht, bleibt Gesetz, das wir respektieren müssen, soll es nicht noch schlechter in der Welt werden und alles zu Grunde gehen. Und ich fürchte mich nicht vor dem Gesetz. Ich hab' das nicht gethan, weswegen man mich in Verdacht hat, und über kurz oder lang wird es an den Tag kommen. Bis dahin aber muß ich hier bleiben. Also, lieben Leute, danke ich Euch noch einmal recht sehr! Und nun, wenn Ihr mich wirklich lieb habt, geht nach Hause! Denn die Wege sind schlecht und es wird schwarze Nacht werden, bis ihr nach Hause kommt. Und, was mich betrifft, seht, ich bin von schwerer Krankheit noch kaum genesen und habe eine Wunde an der Schläfe, die nicht heilen will, und mich, während ich hier so laut spreche, grausam schmerzt. Es kann leicht mein Tod sein, wenn ich hier noch länger in Wind und Regen stehen muß. Das wollt Ihr doch nicht? nicht wahr?

Nein, das wollen wir nicht, riefen einige; kommt Leute! Aber andere schrieen: Er fürchtet sich! – Kehrt Euch nicht an ihn! – er soll mit! – holt ihn aus dem Loch! – er soll mit!

Gehen Sie um Gotteswillen, Herr Baron! flehte der Bürgermeister, der hinter Hans getreten war. Es gibt sonst Mord und Totschlag!

Kommen Sie herein, Hans! rief Carlo außer sich; es ist Ihr Tod!

465 Lassen Sie mich, sagte Hans. Die armen Teufel sollen nicht um meinetwillen ins Zuchthaus.

Er war einen Schritt vorgetreten und rief mit einer Stimme, die den wüsten Lärm übertönte:

Ich schwöre Euch, ich gehe nicht freiwillig von hier – unfreiwillig auch nicht, eh' sollt Ihr mich in Stücke reißen! Lieben Leute, nehmt doch Vernunft an! Mir könnt Ihr nichts dadurch nützen, daß Ihr mich von hier wegholt: man würde mich bald genug wieder gefangen haben; aber Euch mit mir. Das soll nicht sein! denkt an Eure armen Weiber und Kinder zu Haus! sollen sie Uhlenhans fluchen? Denkt an Euch selbst! ist Euer Leben nicht schon hart und mühselig genug?

Ja, ja! schrie es aus dem Haufen. Einer rief: Ich hab' heut' dreißig Malter Korn drei Treppen hoch buckeln müssen!

Und ist Dir doch nicht so schwer geworden, rief Hans zurück, als mir es wäre, nur bis dreißig zu zählen. Kinder! ich will's versuchen, ob meine Kraft noch so weit reicht: laut und deutlich. Wer von Euch dann noch auf dem Platze ist, über den komme mein Blut. Eins! – zwei! – drei! – vier! –

Abermaliges wüstes Geschrei und grobes Gelächter. Ein paar freche Gesellen zählten mit: fünf – sechs – sieben –

Aber das Geschrei verstummte allgemach und das Gelächter. Es zählte auch keiner mehr mit: Hans allein. Und jetzt nur noch dumpfes Murmeln: laßt uns gehen! fort! um Gotteswillen, fort! – Hans zählte weiter. Ein Regenguß sauste hernieder, heulend fuhr der Wind durch die Pfeiler der Halle – Hans zählte weiter.

Sie gehen schon! es sind nur noch ein paar da! rief Carlo; Hans, ich beschwöre Sie!

Hans zählte weiter: siebzehn! – achtzehn!

Es ist niemand mehr, der Sie hört! Hans!

Neunzehn! – zwanzig! –

Carlo glaubte vor Angst vergehen zu sollen. Er sah, daß Hans schwankte; er hörte das Keuchen des krampfhaft nach Atem Ringenden. Er wollte ihn mit Gewalt in das Haus reißen; er wagte es nicht. Seine Haare sträubten sich in 466 Grausen und Ehrfurchtsschauder vor dem blinden Mann, der in den verödeten Marktplatz hinein rief: einundzwanzig! – zweiundzwanzig! –

Sie hatte Gott gesandt!

Carlo hatte sie aus dem Wagen steigen sehen, der an der Ecke des Rathauses stillgehalten. Er lief ihnen entgegen: Fräulein Hertha – Ulrike – eilen Sie – es ist sein Tod!

Neunundzwanzig –

Hans!

Ein Zucken fuhr durch die Glieder des zum Tod Erschöpften beim Klang der geliebten Stimme, bei der Berührung der geliebten Hände. Die bebenden Lippen hauchten tonlos die letzte Zahl.

Hans, geliebter Hans! Du bist unschuldig – Du bist frei!

Sie hatte sich an seine Brust geworfen. Mit dem letzten Rest der Kraft preßte er sie an sich und sank rückwärts in die Arme Carlos, der, zu schwach, den mächtigen Körper zu halten, ihn auf den Boden gleiten ließ.

Laß mich, mein Junge! rief Herr von Bohlen, der eben mit Doktor Bertram herzu eilte, und, den Niedergesunkenen mit gewaltiger Kraft umfangend, ihn in die Halle schleppte, während der Doktor die Thür schloß und nun zu dem Kranken trat, den Herr von Bohlen inzwischen mit Carlos Hilfe bis zu einer Bank in der Halle getragen und dort niedergelegt hatte. Er beugte sich über ihn, beim Schein eines Windlichtes, mit dem einer der Ratsdiener eben in den nun dunklen Raum getreten war. Er fühlte nach dem aussetzenden Pulse, er legte sein Ohr auf die röchelnde Brust.

Es geht zu Ende? flüsterte die Stimme des Sterbenden.

Ja, flüsterte der Doktor zurück.

Bitte, Herr von Bohlen!

Der Doktor richtete sich auf und winkte Herr von Bohlen, der sofort heran trat.

Den Leuten wird nichts geschehen?

Nichts. Wo kein Kläger ist, ist kein Richter. Ich werde dafür sorgen. Meine Hand darauf!

467 Ich danke Ihnen. Ist es wahr, daß ich frei –

Prebrow hat sterbend alles bekannt – ein griechischer Schurke hat es gethan – Sie sind unschuldig, und Ihre Unschuld ist bewiesen –

Ich danke Ihnen – für alles! Carlo, Ulrike – da seid Ihr – Gott segne Euch! – Hertha!

Sie waren alle zurück getreten; Hertha knieete an seiner Seite, der Schatten eines der Pfeiler der Halle fiel auf sie beide.

Hans, geliebter, geliebter Hans!

Geliebtes Kind; ich weiß es jetzt, daß Du mich liebst. Es hat nicht sein sollen – es wäre zu viel des Glücks gewesen für den armen Uhlenhans. Trag's in Demut, wie ich's getragen habe, und küss' mich noch einmal. Und laß meinen Kopf an Deinem Busen ruhen – ruhen so sanft, so süß –

Ein Schrei tönt durch die Halle; sie hat sich über den Toten geworfen; Ulrike knieet neben ihr, sie umschlingend, Worte des Trostes, an den sie selbst nicht glaubt, murmelnd. Von den Männern wagt sich keiner zu rühren. Plötzlich summt es über ihnen und klirrt und schwirrt. Die Uhr über dem Portal hebt zu schlagen an, es dröhnt durch die Halle: eins, zwei –

Und dröhnt durch die Männerherzen, als wär's die Stimme des guten Menschen, die sie nie wieder hören werden auf Erden.

Und sie rufe aus der Ewigkeit mit ehernem Klang:

Seid gut! seid Menschen!

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