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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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442 Siebenundvierzigstes Kapitel.

Der Kutscher hieb auf die feurigen Tiere, die, des langen Stehens müde, mit mächtigem Satze ansprangen. Nun ging es in Galopp die Lindenallee hinab, in deren mächtigen Kronen der Wind sauste, aus dem Thor auf den Feldweg. Durch das offene Fenster der Kutsche spritzte das Wasser aus den Lachen und sprühte der Regen, ohne daß eine der drei darauf achtete. Hanne, die auf dem Rücksitze saß, weinte leise hinter dem Tuche, das sie sich über Kopf und Schultern gezogen; die beiden Damen lehnten jede still in ihrer Ecke. Ulrike wagte in Gegenwart des Mädchens nicht, um weitere Aufklärung in Hertha zu dringen; Hertha rang mit aller Kraft, sich gegen das neue Unheil zu waffnen, das sie herein drohen sah. Sie war längst überzeugt, daß Prebrow das entscheidende Wort sprechen könne; daß er, der zu jeder Tages- und Nachtzeit herumzustreifen gewohnt war, entweder selbst zugegen gewesen, oder doch das Furchtbare, so oder so, in genaue Erfahrung gebracht hatte. Mehr als einmal, wenn sie in diesen Wochen an seinem Bette saß, hatte er sie mit den halb erloschenen Augen lange angeblickt; in den verwitterten Zügen hatte es gezuckt; die welken Lippen hatten Unverständliches gemurmelt; dann hatte er sich nach der Wand umgedreht und gethan, als ob er schlafe, um es nicht sagen zu müssen. Um nicht sagen zu müssen: er that es, und ich freute mich dessen, denn ich haßte ihn, den ich einmal geliebt hatte, und dies sollte meine Rache sein. Nun, da ich weiß, daß er nicht Hannes Verführer, sondern ihr Wohlthäter und Beschützer ist, und auch du dich meines Kindes und meiner so annimmst, gäbe ich viel darum, wüßte ich es nicht, oder könnte ich es ungeschehen 443 machen. Das kann ich nicht; aber ich kann schweigen und will schweigen. Dafür sollst du mir dann die Augen zudrücken, wenn's mit mir vorbei ist, und für meine Kinder sorgen, die sonst verhungern würden. Das ist der Bund zwischen uns; halte du ehrlich deinen Part, wie ich den meinen!

Und nun, da er sein Ende fühlte, hatte er sich eines andern besonnen! und wollte es ihr sagen, und daß er den Bund gebrochen habe. Warum, großer Gott, warum? Kannte er Hans zu gut und wußte, daß es sich nicht verlohne, für ihn bis in den Tod zu schweigen und zu lügen, da er ja doch, sobald man ihn frage, die volle Wahrheit sagen würde? Mochten sie es für unmöglich halten, die ein reines Gewissen hatten: Ulrike – Hanne, die stets behauptet: er habe das nicht gethan; er könne das nicht thun! Sie hatte ihn ja auch geliebt, liebte ihn wohl noch! In dem engen Raum dieses Wagens sie alle drei – es war auch noch für eine vierte Platz: Isäa, die in den Armen des neuen Buhlen Zeit fand, an ihn zu denken, für ihn zu wirken: »den einzigen Mann!« den jede in seinem Wert erkannte: die Dame und die Dirne! nur sie nicht – sie! – es war zum Lachen –

Um Gotteswillen, was ist Dir? rief Ulrike.

Nichts, nichts! stöhnte Hertha in dem Weinkrampf, der sie jäh befallen; laß mich! laß mich! –

Der Wagen schwankte über den unebenen Boden des kleinen Hofes und hielt vor dem elenden Hause. Der Doktor, der in der Thür gestanden, war herzu gesprungen und half den Damen heraus. Hanne folgte und lief auf ihre Stiefmutter zu, welche, die Ellbogen aufgestemmt, auf der Bank an dem schiefen Tisch im Regen gesessen hatte, sich jetzt eilends erhob, die Faust gegen Hanne schüttelte und mit raschen Schritten über den Hof nach der Scheune ging. Das weinende Mädchen wandte sich wieder zu den anderen und betrat mit ihnen das Haus. In der dämmerigen Wohnstube zur Rechten sahen sie durch die geöffnete Thür die drei jüngern Kinder den Rest ihres Abendbrots, das ihnen Hannes Stiefschwester gereicht hatte, aus einer irdenen Schüssel kratzen. Durch den fast dunkeln Flur weiter tappend, gelangten sie zu der Hinterstube, in welcher der Kranke 444 lag. Die Thür war nur angelehnt; der Doktor, welcher bis dahin Hertha den Arm gereicht hatte, ließ sie jetzt los, drückte leise die Thür weiter auf, blieb aber auf der Schwelle stehen, den langen Arm ausstreckend, auch die anderen vom Eintreten abzuhalten. Der Thür gerade gegenüber zu Füßen des Bettes saß Herr von Bohlen; zu seiner Linken der Sekretär, beim matten Schein eines schwälenden Talglichtes eifrig schreibend. Der Kranke mochte eben eine Pause gemacht haben. Jetzt vernahmen sie aus den Kissen eine tonlose Stimme:

Das Steuerboot hielt auf den Strand zu; doch mochte noch immer eine Viertelstunde vergehen, bis sie gelandet sein konnten. Ich lief hinauf, Valianos zu warnen. In dem Augenblicke kam's von der andern Seite durch das Unterholz; wir dachten, es wären welche aus einem zweiten Boot, das wir nicht bemerkt hätten. Aber es war nur ein Mann: Baron Hans. Ich erkannte ihn genau in dem Lichte eines Blitzes, der ein paar Sekunden dauerte, und sah, daß sein Gang schwer und schleppend war, als wäre er sehr ermüdet. Auch warf er sich alsbald auf die Bank, die da steht, und dann hörte ich ihn laut stöhnen und weinen. Es schnitt mir ins Herz, obgleich ich ihm damals noch gram war und nicht wußte, warum er so weinte; hatte auch keine Zeit, darüber nachzudenken; denn jetzt kam's die Steinstufen und den Kiesweg aus dem Park herauf, wie einer, der ums Leben rennt. Er hatte es natürlich auch gehört und war aufgesprungen und schrie: Gustav! und noch einmal: Gustav, ich bin's! nun ist alles wieder gut! Das klang wie ein Freudenschrei. Der andre schrie auch: Du! du! aber das gellte, wie wenn ein Schweißhund auf der Fährte lautgibt: läufst du mir wieder über den Weg, verfluchter Schleicher? ich will Ruhe vor dir haben. Da knallt's, und in dem Pulverblitz sehe ich sein verzerrtes Gesicht und seine Augen, die funkelten vor Wut. Aber Baron Hans war nicht getroffen, wenigstens stand er aufrecht da, als der andre die Pistole fallen läßt und ihm an die Kehle springt wie ein wildes Tier. Nur war's ein Keuchen, Stampfen und Ringen in der Dunkelheit, aber Baron Hans hat doppelt und dreifach des andern Kraft, und da lag der 445 denn auch schon auf dem Rücken, Baron Hans knieete auf ihm und hielt ihn an der Kehle. Drück' zu, dachte ich; es geschieht ihm recht. Auf einmal schnellt er in die Höhe, hilft auch dem Gustav wieder auf die Beine und sagt zu ihm: Du sollst Ruhe vor mir haben, Gustav; ich gehe von hier fort – auf immer. Nimm das mit auf den Weg! schreit der, und – ich hab's in einem neuen Blitze deutlich gesehen, wie am helllichten Tage – und langt nach der Erde und schleudert ihm die Pistole an den Kopf auf zwei oder drei Schritte Entfernung mit aller Kraft, und Baron Hans stürzt hin wie ein Toter. Da war's mir, als wär's mein Sohn und es hätt' ihn mir einer vor den Augen totgeschlagen. Und dachte den Teufel an die Grünröcke und heraus aus dem Gestrüpp und packe den Mordbuben an der Kehle; hab' ihn auch schon beinahe nieder, trotzdem er sich wie ein Verzweifelter wehrte; da ist's in meiner Brust, als wenn etwas entzwei reißt; ich muß ihn loslassen und denk': jetzt geht's an dich, denn ich hatt' den Valianos schier vergessen in meiner Rage. Der aber hat nur auf einen Moment gelauert, wo er an ihn konnte und schießt ihm aufs Blatt, daß er hoch aufspringt und hinschlägt wie ein Baumstamm. Ich hätt' nun gern nach Baron Hans gesehen, aber es ging nicht mehr. Sie kamen vom Strande herauf – von derselben Seite, von der Baron Hans gekommen: wir konnten nur noch eben zu dem Wagen, wobei mich der Grieche halb hat tragen müssen. Dann hab' ich ihn und die Alte, die schon auf dem Wagen saß, doch noch um Alten-Prohnitz herum und hernach durch den Wald eine Meile bis zu dem Prorer Haken gefahren, vor dem sein Schiff unterdes gekreuzt hatte und die beiden aufnahm. Ich wußte, daß es mein Tod sein würde, denn in der Brust hatte ich fürchterliche Schmerzen; aber ich hatt's einmal versprochen, und den Grünröcken gönnte ich den Valianos auch nicht.

Das ist alles, Herr Kreisrichter. Und nun lassen Sie mich's unterschreiben; ich werde die Kritzelei wohl noch fertig bringen.

Herr von Bohlen war aufgestanden, hatte das Papier vom Tische genommen und war damit an das Bett getreten. Es schien, daß er dem Sterbenden die Hand führte. Er warf einen 446 Blick auf die Unterschrift, übergab das Protokoll dem Schreiber, der sich mit demselben entfernte, während er den Harrenden winkte, daß sie vollends herein kommen möchten, indem er selbst, zurück tretend, ihnen den Platz vor dem Bette frei machte.

Wer ist da? fragte die tonlose Stimme.

Ich bin's! sagte Hertha leise.

Das Licht von dem Tisch fiel in ihr bleiches Gesicht und die angsterfüllten Augen.

Gott sei Dank! sagte die tonlose Stimme, und eine große abgezehrte Hand streckte sich ihr entgegen.

Geben Sie mir Ihre Hand, Fräulein Hertha; Sie dürfen es. Ich wollt' meine alte Haut nicht noch zu Markt tragen; – nun hab' ich's endlich herunter von der Seele, es ist alles aufgeschrieben; er soll um eines alten schlechten Kerls willen nicht länger im Gefängnis sitzen. Grüßen Sie ihn von dem alten schlechten Kerl, der ihn doch lieb gehabt hat, weiß es Gott! Und nehmt Euch meiner armen Kinder an, Hanne und der andern!

Durch die abgezehrte kalte Hand, welche Hertha jetzt mit warmem Druck in der ihren hielt, ging ein krampfhaftes Zucken. Die hagere Gestalt richtete sich mit dem Oberleib von den Kissen auf; aus den tiefen Höhlen glänzten die Augen wie die Lichter eines Wildes aus Waldesdunkel; die eben noch tonlose Stimme klang frisch und hell wie Weidmannsruf und Waldhornton:

Hans, Hans! der Sechzehnender! Duck' dich! so! sein Korn, Hans! Paff! da liegt er! aufs Blatt, Hans! aufs Blatt!

Eine Viertelstunde später trat Herr von Bohlen aus dem Hause zu Ulrike, die, Herthas harrend, bereits in der Kutsche saß.

Nun? fragte Ulrike; haben Sie die Briefe gelesen?

Ja, gnädige Komtesse, erwiderte Herr von Bohlen; und ich danke Ihnen herzlich für die Mitteilung und für die Erlaubnis, von denselben den betreffenden Gebrauch machen zu dürfen. Den Passus von der Borniertheit der Behörden hätte ich allerdings lieber weg gewünscht, nicht meinethalben, nur wegen der Herren in Grünwald. Aber das ist nun ganz gleich: die Aussage des Barons und die des Toten drinnen greifen so 447 vollständig und genau ineinander und finden in dem Briefe aus London eine so willkommene und überzeugende Erläuterung und Ergänzung – wir dürfen von diesem Augenblicke an den Baron als einen freien Mann betrachten – es sind nur noch ein paar Formalitäten, für deren schleunige Erledigung ich Sorge tragen werde. Fahren die Damen in Gottes Namen nach Bergen. Ich habe Ihnen hier einen Erlaubnisschein geschrieben, den Sie gütigst vorzeigen wollen. Aber – ich muß es Ihnen sagen, gnädige Komtesse, und darf es jetzt noch sagen – ich glaube nicht, – ich bin gar nicht sicher – enfin, ich fürchte, er wird sie – klein geschrieben, gnädige Komtesse! – nicht empfangen. Ich fragte ihn heute, ob er vor seiner Ueberführung nach Grünwald jemand zu sehen wünsche. Er antwortete: ja, Herrn von Lilien – sehr, sehr gern. – Sonst niemand? – Nein, niemand! – Und dieselbe Antwort auf meine absichtlich wiederholte Frage. Wie gesagt: ich glaubte, der gnädigen Komtesse diese Mitteilung machen zu müssen.

Und ich danke Ihnen für dieselbe; erwiderte Ulrike. Ich danke Ihnen überhaupt, auch im Namen meiner Freundin, die es in der Aufregung vergessen möchte, für alle die Güte und Liebenswürdigkeit, die Sie –

Bitte, Gnädige, kein Wort weiter! unterbrach sie Herr von Bohlen. Ich habe nichts gethan, was diesen Dank verdient. Im Gegenteil: an mir liegt es nicht, wenn ich den Baron nicht aufs Schafott gebracht habe. Ich habe mir die erdenklichste Mühe nach dieser Richtung gegeben – mein Freund Carlo kann es bestätigen. Und – ich höre das gnädige Fräulein kommen.

Herr von Bohlen zog die mächtigen Schultern aus der Kutsche zurück, wandte sich zu Hertha, die eben, von der weinenden Hanne begleitet, aus der Hausthür trat und half ihr an Ulrikens Seite in den Wagen.

Wir – der Doktor und ich – haben hier noch ein paar Minuten, oder so zu thun; sagte er. Fahren die Damen ohne Sorge für die armen Kinder. Der Tod ist ein Schiedsrichter in Ehesachen, vor dem selbst Megären Respekt zu haben pflegen. Uebrigens weiß die Person ganz gut, daß ich sie wegen 448 Mithehlerschaft in zahllosen Steuer-Defraudationen in der Hand habe. Also, Gott befohlen! Und auf Wiedersehen in Bergen! Hoffentlich kommen wir mit Ihnen gleichzeitig. Auf den schlechten Wegen gelten unsere Mähren ebensoviel wie Ihre Rassepferde.

Er schloß, sich tief verbeugend, die Wagenthür. Die Pferde zogen an; der Wagen schwankte davon.

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