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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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417 Fünfundvierzigstes Kapitel.

Zwei Uhr – bereits eine Stunde! murmelte Carlo, seine Uhr wieder einsteckend, die er zum Ueberfluß mit der Rathausuhr verglichen hatte, von welcher eben die zwei Schläge herabgedröhnt waren.

Er knöpfte seinen Rock zu, auch den Ueberzieher, da ein feiner herbstlich kalter Regen zu sprühen begann, und setzte seine geduldige Wanderung in der schmalen Vorhalle des Rathauses fort, von Zeit zu Zeit einen Blick, die Treppe hinab, auf den kleinen Markt werfend mit dem Dutzend jämmerlicher Leinwandbuden, die wenig Zuspruch fanden, während vor der Thür des gegenüber liegenden Gasthofs die Herren Inspektoren in Stulpenstiefeln lungerten, und vor der großen Ausspannung zur Linken zwischen den vollen oder schon entladenen Kornwagen die Statthalter und Knechte in dichten Gruppen standen.

Ein Herr kam aus dem Seitengäßchen und wollte mit langen Schritten am Rathause vorüber; Carlo, der in der dürren Gestalt, trotz des bis zu den Brillengläsern aufgeschlagenen Rockkragens den Doktor Bertram erkannt hatte, kam eilig die Stufen herab. Der Doktor wandte sich mürrisch, machte aber ein etwas freundlicheres Gesicht, als er sah, wer ihn angerufen.

Was treiben Sie sich hier in dem Regen herum, Herr Baron? sagte er.

Ich warte auf Herrn von Bohlen, erwiderte Carlo.

Ja so! sagte der Doktor.

Sie haben gestern die Erlaubnis gegeben zu einer ersten persönlichen Vernehmung meines unglücklichen Freundes –

418 Richtig! sagte der Doktor. Ich sah keinen Grund, die Sache länger hinaus zu schieben; im Gegenteil: aus dem Nervenfieber habe ich ihn glücklich soweit heraus; es ist die höchste Zeit, daß das Auge jetzt ernstlich in Angriff genommen wird, wenn er nicht Zeit seines Lebens blind bleiben soll. Das heißt, nach meiner Ueberzeugung ist es überhaupt schon zu spät; indessen, der Fall geht über meine Kompetenz, – ich mache, wie Sie sehen, aus den Lacunen meines Wissens keine Mördergruben, wie viele meiner Herren Kollegen – unter allen Umständen möchte ich ihn je früher je lieber nach Grünwald haben, wohin er, wenn die Voruntersuchung hier zu Ende ist, ja, so wie so, muß.

Sie glauben nicht an seine Unschuld? fragte Carlo schmerzlich.

Um die dünnen Lippen des Arztes zuckte ein ironisches Lächeln.

Ich halte es so weit mit den Jesuiten, sagte er, daß ich geneigt bin, das Absurde zu glauben, weil es absurd ist.

Können Sie in einer so ernsten Sache scherzen? sagte Carlo im Tone sanften Vorwurfs.

Ich scherze leider nicht, entgegnete der Arzt; au contraire! ich bin sehr traurig über diesen verfluchten Hang meiner Natur. Hypertrophie des Gehirns, Verknöcherung des Herzens – die schrecklichen Folgen der sogenannten Bildung. Fragen Sie herum bei Ihren höchst gebildeten Standesgenossen: Sie finden nicht drei, die ihn für unschuldig halten; fragen Sie die Kerle da in den kotigen Stiefeln und den verregneten Leinwandröcken: jeder ließe sich darauf totschlagen, daß Ihr Freund unschuldig ist. Ich kann Sie versichern, ich habe bereits früher, und heute wieder, von den Leuten Reden gehört – es fehlt nicht viel, und sie holen ihn mit gewaltsamer Hand aus dem Gefängnisse.

Volkesstimme ist Gottesstimme; sagte Carlo.

Der Arzt lächelte.

Bringen Sie das Ihrem Freunde, dem Herrn Kreisrichter bei, sagte er; die Herren vom königlichen Hofgericht in Grünwald nicht zu vergessen. Und nun verzeihen Sie mir, Herr 419 Baron; aber meine Frau wartet schon seit anderthalb Stunden mit dem Essen auf mich.

Ich habe um Verzeihung zu bitten, sagte Carlo, daß ich Sie so lange aufgehalten.

Keine Ursach', sagte der Arzt; das ganze Leben ist nur ein Aufenthalt zwischen nichts und nichts um nichts.

Carlo war wieder in die Halle getreten, in welche jetzt der heftiger gewordene Regen hereinschlug. Er dachte an die eben stattgehabte Unterredung. Wieder einmal einer jener Scheinunheiligen, die sich lächerlich zu machen glauben, wenn sie zugeben, daß sie ein Herz haben. Und der Mann hat ein Herz; er hat den Freund, der auch sein Freund ist, mit Aufopferung gepflegt; sie sagen, daß er um die Wette mit demselben der Trost und die Hilfe der Armen hier und in der ganzen Umgegend ist. Und darin hat er nur allzusehr recht: wer von uns glaubt fest an seine Unschuld? höchstens die Baronin Nadelitz, die freilich keiner zu den Gebildeten rechnen würde; und selbstverständlich die herrliche Ulrike. – Selbst der Fürst ist in letzter Zeit wieder schwankend geworden – ich finde ihn überhaupt sehr verändert. Die Nadelitz behauptet, er habe die Unglückliche geliebt. Das erklärte dann freilich die tiefe Verstörung. – Da ist er!

Aber mein Gott, warum stehst Du denn hier im Regen, rief Herr von Bohlen; warum bist Du denn nicht wenigstens hinüber in meine Wohnung gegangen?

Ich hatte versprochen, daß ich Dich hier erwarten würde; erwiderte Carlo.

Wollte Gott, alle Menschen wären so gewissenhaft, sagte Herr von Bohlen; aber nun mach', daß wir ins Trockene und zu Tisch kommen. Ich habe einen barbarischen Hunger.

Und –

Später, lieber Freund, später!

Die Haushälterin hatte die Junggesellenmahlzeit auf einmal herein bringen müssen, damit die Herren ungestört sprechen könnten, aber, während Carlo die Speisen kaum berührte, dauerte es lange, bis der breitschultrige Freund den mächtigen Appetit gestillt hatte. Jetzt schenkte er sich ein letztes Glas 420 Rotwein ein, trank es auf einen Zug aus, entzündete die Flamme unter der Kaffeemaschine, die bereits auf dem Tische stand, nahm die lange Pfeife zur Hand, die er vorsichtig an seinen Stuhl gelehnt, setzte dieselbe in Brand, that ein paar mächtige Züge und sagte:

So, nun bin ich bereit. Aber, Carlo mio, nicht zu vergessen: was ich Dir mitteile, geschieht unter Bruch des Amtsgeheimnisses; also Diskretion, Carlo mio! strengste Diskretion!

Ich habe gewiß nicht die Absicht, indiskret zu sein, erwiderte Carlo, aber ich möchte auch um alles in der Welt Dich nicht zu etwas veranlassen, was –

Mir der Herr Präsident in Grünwald sehr verübeln würde, wenn er es erführe. Nun, er wird es nicht erfahren, und so bring' Dein sensibles Gewissen wieder zur Ruhe. Offen gestanden, ich selbst habe das entschiedenste Bedürfnis, mit jemand, will sagen: mit einem so lieben Kerl, wie Du, über den Fall zu sprechen, um so mehr, als Du ja selbstverständlich für nichtschuldig plaidierst, während ich, wie Du weißt, leider das Gegenteil behaupte.

Noch immer? sagte Carlo erschrocken; noch jetzt, nach der Vernehmung?

Gerade nach der Vernehmung, erwiderte der andere, mehr als je, genauer: eigentlich erst jetzt.

Aber wie ist das möglich? rief Carlo schmerzlich. Er kann sich doch nicht zu etwas bekannt haben, was er zu begehen gänzlich unfähig ist!

Ja, wer es so bequem hätte! sagte Herr von Bohlen mit einem gutmütigen Lachen. Da könnte man das ganze Triennium hindurch fidel sein. Corpus juris, Pandekten, gemeines Recht, preußisches Landrecht – alles für die Katz'! Dieses Kerls Nase gefällt mir nicht, folglich – dieser Mann sieht so ehrlich aus, ergo! – Im Ernst, lieber Freund, das geht doch wirklich nicht. Und übrigens bekennt sich Dein Klient allerdings mindestens halb zu der That. Er hat heute buchstäblich dasselbe gesagt, was er bereits Herrn von Kieritz, der ihn fast in flagranti fand, gesagt hat: ich habe ihn töten wollen.

421 Töten wollen! nicht: ich habe ihn getötet! rief Carlo eifrig. Also habe ich recht. Töten wollen! es ist ja schon schrecklich genug, daß ein so entsetzlicher Gedanke Eingang fand in sein verstörtes Herz; aber zwischen Wollen und Vollbringen einer grausen That hat Gott in seiner Gnade eine tiefe Kluft gelegt, die für gute Menschen unüberspringbar und unüberwindlich ist. Und er ist ein guter Mensch, mehr noch, er ist ein edler – ein selten edler Mensch, er ist –

Der edelste Mensch von der Welt, unterbrach den Eifrigen der Kreisrichter. Ja, lieber Freund, auf diese Weise kommen wir aber wirklich nicht weiter.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte Carlo.

Ist nicht nötig, sagte der andere; ich begreife Deinen Enthusiasmus. Wenigstens hat der Baron auch auf mich den Eindruck eines wahrhaften Gentleman gemacht, der einer Lüge unfähig ist. Nur daß leider die Darstellung des Falles, wie er sie gibt, Lücken, Unwahrscheinlichkeiten, Unmöglichkeiten enthält, die nicht bloß für den juristischen, sondern den ganz gewöhnlichen gesunden Menschenverstand unannehmbar sind, wie Du mir zugeben wirst, wenn Du mich gehört hast.

Der Kreisrichter gab nun in großen Zügen eine Relation der Aussage, wie sie eben Hans gemacht hatte. Carlo hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu, wobei der andere deutlich zu bemerken glaubte, daß die ruhige Zuversicht, welche anfangs das feine, durchgeistigte Gesicht des Freundes zur Schau getragen, immer mehr einer Miene ängstlicher Spannung wich, bis zuletzt die furchtbare Katastrophe ihn völlig zu entmutigen schien. Eine so entschiedene Wirkung hatte er selbst nicht erwartet, vielmehr mit Sicherheit auf eine Reihe von Einwürfen gerechnet, die er zu beseitigen haben würde. Um so mehr war er überrascht, als Carlo jetzt den gesenkten Kopf hob und mit seiner sanften Stimme sagte:

Und Du glaubst wirklich jetzt – jetzt noch, daß er ihn getötet hat? nach dieser seiner Darstellung, die in jedem Worte den Stempel der lautersten Wahrhaftigkeit trägt? Dieser rührenden Geschichte des leidenvollen Kampfes einer hart 422 geprüften Menschenseele, die sich aus der schwersten Versuchung losringt und noch einmal losringt im letzten entscheidenden Augenblicke unter Umständen, die für jedes minder edle Herz verderblich geworden wäre! Ich habe alles, während Du es erzähltest, mit ihm durchgelitten. Und Du solltest es nicht gethan haben? Ich bitte Dich, laß mich nicht einen Augenblick länger in einem Zweifel, der mir fast wie eine Beleidigung an Deinem eigenen guten Herzen und nicht minder an Deiner Einsicht vorkommt!

Da hört aber alles auf, sagte der Assessor.

Er stand auf, schenkte sich an einem Nebentische ein Glas voll Kognak, leerte es auf einen Zug, kam wieder an seinen Platz zurück und sagte:

Aber Carlo, Mensch, ist denn mit euch Gemütsfanatikern wirklich kein logischer Bund zu flechten? Da geht einer des Morgens aus dem Hause in der zugestandenen Absicht, sich oder den Bruder, oder meinetwegen sich und den Bruder zu töten. Er hat dazu Ursachen, über die wir gleich sprechen werden. Er nimmt zu diesem Zweck – wiederum eingestandenermaßen – eine geladene Pistole mit –

Die er – seiner heutigen Aussage genau entsprechend – im Gerstitzer Walde abschießt, wegwirft; und die bereits vor vier Wochen von dem Manne, der den Schuß gehört hat, gefunden und dem Gerichte eingeliefert ist; warf Carlo ruhig ein.

Nun ja, rief der Assessor ärgerlich; woraus ich notwendig den Schluß ziehe, daß er nicht eine Pistole, sondern zwei mitgenommen hat.

Worauf beruht die Notwendigkeit dieses Schlusses? fragte Carlo.

Einfach darauf, erwiderte der Assessor eifrig, daß eine zweite, die zu der ersten gehört, an dem Thatorte gefunden wird – inklusive diverser Zündhütchen in der Westentasche des Ueberlebenden. Der Ueberlebende ist schwer verwundet – ein Beweis, daß ein heftiger Kampf vorhergegangen, währenddessen der andere zeitweilig im Besitz der Pistole, notabene: der abgeschossenen, gewesen sein muß, mit der er den fürchterlichen Schlag oder Wurf ausgeführt und den Aermsten nun auch wohl 423 noch um sein zweites Auge gebracht hat. Aber eben, obgleich schwer verwundet, er lebt. Und der andere liegt tot auf dem Platze, durchbohrt von einer Kugel –

Die nicht zum Vorschein gekommen –

Weil sie, aus nächster Nähe abgefeuert, durch den Körper geschlagen ist –

Und einen Wundkanal gemacht hat, von dem Doktor Bertram behauptet, daß er von einer Kugel des Kalibers der aufgefundenen Pistole nicht herrühren könne –

Welcher Behauptung die des Kreisphysikus entgegensteht –

Ich halte mich an die des Doktors, um so mehr, als von den zwei Schüssen, welche die Steuerbeamten gehört haben, der zweite viel stärker gewesen ist, als der erste.

Nur schade, daß ein Teil der Beamten, – unter ihnen der Steuerrat selbst – überhaupt nur einen Schuß gehört haben wollen.

Also jedenfalls nur den zweiten stärkeren, während sie den ersten schwächeren eben überhörten. Wiederum Behauptung gegen Behauptung, und von der man doch der umfassenderen und positiven mehr Glauben schenken muß, als der eingeschränkten, welche die Hälfte der ersten negiert.

Bravo! rief der Kreisrichter; in anbetracht Deiner juristischen Laienschaft sogar bravissimo! Nun erkläre mir aber auch gefälligst die zwei Schüsse aus einer Pistole, für deren zweiten – selbst wenn die Zwischenzeit, was ich leugne, zum Laden hingereicht hätte – die nötige Munition nicht vorhanden war.

Die Erklärung ist sehr einfach: es muß in dieser Zwischenzeit ein Dritter auf dem Platze gewesen sein, welcher mit einer anderen Pistole – mit einer von größerem Kaliber – den tödlichen Schuß abgefeuert hat.

Der Assessor war wieder im Begriff aufzuspringen, zwang sich aber diesmal sitzen zu bleiben, und sagte, die Pfeife, die ihm im Eifer der Rede ausgegangen war, wieder entzündend, mit einem Lächeln der Ueberlegenheit, welche er in diesem Augenblicke keineswegs empfand:

424 Da wären wir also glücklich bei dem geheimnisvollen Unbekannten angekommen, der in fast jeder Kapitalsache seine tragikomische Rolle spielt, bis er unter dem Kreuzfeuer richtig gestellter Fragen spurlos verduftet. Hier nur ein paar dieser Fragen: wer in der Welt sollte die kurze Spanne Zeit, um die es sich überhaupt nur handelt, zu der That benutzt haben? wer in der Welt hatte ein Interesse daran, es zu thun? Es gibt nur einen: den mit der griechischen Abenteuerin durchgebrannten Grafen Grieben, dessen zeitweiligen Aufenthalt das Gericht leider bis jetzt nicht hat ermitteln können; der aber, nach den übereinstimmenden Aussagen aller Zeugen, zur Zeit, als die That geschehen sein muß, bereits seit einer halben Stunde unterwegs war. Außerdem etwa noch die alte griechische Vettel, die seitdem ebenfalls verschwunden ist, und die wir schon noch irgendwo im Walde finden werden, wo sie sich erhängt, oder in einem Teiche, in dem sie sich ersäuft hat – offenbar aus Verzweiflung darüber, daß ihre Herrin, die ihr vermutlich Mitnahme zugesichert, sie so schmählich im Stich gelassen. Hatte aber sonst auf der Welt kein Mensch einen Grund, den jungen Baron zu töten, sein Bruder hatte einen; er hatte sogar, wie Du gleich hören wirst, mehrere, wenigstens zwei. Den einen kennt niemand besser, als Du selbst. Du hast freilich ausgesagt und zu Protokoll gegeben, daß er durch Deine Mitteilungen zwar auf das schmerzlichste bewegt worden sei; Du aber keineswegs den Eindruck gehabt habest, als werde diese Empfindung bei ihm sich in einer gewaltsamen Weise nach außen, das heißt: gegen den Bruder Luft machen; vielmehr, daß der Schmerz über die so schmählich kompromittierte Familienehre bei dem hochgradigen Ehrgefühl des Mannes sich bis zur Selbstzerstörung, vulgo Selbstmord steigern könne. Damit stimmt denn ja auch der Inhalt Deines Briefes, der in der Tasche des Toten gefunden wurde, völlig überein. Eine bis zur Exaltation überreizte Empfindung scheint also konstatiert. Empfindungen – besonders in diesem Stadium – schlagen bekanntermaßen leicht um und dann sofort in das Gegenteil. Man will sich selbst töten. Der, welcher die Veranlassung dazu gegeben hat, läuft einem über 425 den Weg. Eine Auseinandersetzung, ein Streit erfolgt, bei dem das beleidigte Rechtsgefühl, die wieder entflammte Selbstliebe das letzte Wort behalten; man die Strafe gegen den wendet, den man für den Schuldigen hält, und ihn tötet, vielleicht nur, um nicht von ihm getötet zu werden. Das kann nicht nur vorkommen; das ist schon tausende von Malen dagewesen. Indessen, ich gestehe Dir, daß mir besagtes Motiv von vornherein nicht ausreichend für eine so schwere That erschienen ist, ich vielmehr die Ueberzeugung hatte, es müsse noch ein zweites vorhanden gewesen sein, das entweder in Verbindung mit dem ersten den Ausschlag gegeben hat, oder an und für sich stark genug war, um zur That zu reizen, eventuell zur Vollführung derselben zu treiben. Ich habe ihn also heute gefragt, ob er noch vielleicht einen zweiten Grund gehabt habe, dem Bruder zu zürnen, wobei ich ihn selbstverständlich auf das Schwerwiegende der Frage aufmerksam machte, und daß er keineswegs gehalten sei, dieselbe zu beantworten, ebensowenig wie irgend eine andere, welche ihm verfänglicher scheine. Er erwiderte, daß er diese Frage erwartet habe, und wenn er dieselbe nicht vollständig beantworte, es nur deshalb sei, weil er damit den Kreis der Selbstbekenntnisse überschreiten würde, innerhalb dessen er sich notgedrungen halten müsse. Ja, er habe einen solchen zweiten Grund gehabt, und im Vergleich zu dem der bis jetzt berührte verschwindend klein sei. Ich hütete mich natürlich, weiter in ihn zu dringen; brauchte es auch nicht, weil ich mir ohnehin sagen konnte, daß hier, wie überall in solchem Falle, eine Frau im Spiele sei, die dann natürlich keine andere ist, als die Dame, mit welcher er verlobt war, nachdem sie notorisch den jüngeren Bruder geliebt hatte.

Carlo schüttelte den Kopf und sagte:

Das ist mir völlig unbegreiflich. Noch im Augenblick, als wir uns trennten, war seine Klage, daß ein herzlichstes brüderliches Verhältnis so getrübt werden müsse in einem Augenblick, wo sich sein Leben zu hellestem Glück verklärt, er jeden Tag als den schönsten seines Lebens gepriesen habe. Das war um elf Uhr in der Nacht; dann hat er sich zu Fuß auf den 426 Heimweg gemacht – durch die Dünen – jedenfalls, dort in der nächtlich erhabenen Einsamkeit die erregte Seele zur Ruhe zu bringen – ist gegen ein Uhr nach Hause gekommen, um halb zwei bereits von dort wieder aufgebrochen, hat von da bis zuletzt niemand gesprochen als die Försterfrau. Was kann denn inzwischen geschehen sein, seine Gesinnung so zu verändern?

Ich weiß es nicht, entgegnete der Kreisrichter; aber etwas muß geschehen sein. Damit Punktum – für mich. Ich schließe meine Akten und schicke sie mit dem Gefangenen morgen nach Grünwald, heilfroh, die Sache los zu sein. Sie verdirbt mir meine ganze neue Stellung hier von vornherein. Als Märker und Beamtenkind, das zufällig ein paar Jahre in Sundin auf der Schule gewesen – die mir nebenbei keinen anderen Gewinn gebracht hat, als die innige Freundschaft zu Dir – bin ich den Leuten, so wie so, ein Fremder, das heißt: verdächtig. Dennoch kamen sie mir im Anfang nicht unfreundlich entgegen. Jetzt nimmt kein Hund mehr ein Stück Brot von mir. Als ob ich schuld daran wäre, daß ihr Abgott im Gefängnis sitzt! Der Mann muß einen Zauber auf die Leute ausüben. In den Bauerkriegen hätten sie ihn nolens volens zu ihrem Führer gemacht, wie den braven Götz weiland, an den er mich nebenbei schon mehr als einmal erinnert hat, womit ich seine nahe Verwandtschaft mit dem Edlen aus der Mancha nicht in Abrede gestellt haben will, dem er sogar heute mit dem schönen, durch die schwere Krankheit abgezehrten Gesicht gewissermaßen auch äußerlich glich. Dazu die hilflose Blindheit! Ich glaube, wenn ihn die vornehmen Herren und Damen, die, wie sie es ja fast ohne Ausnahme thun, so weidlich auf den Uhlenhans losziehen und drei Kreuze vor ihm schlagen, ihn sehen könnten, wie ich ihn heute gesehen habe – na, laß sie! Ich sage Dir: dürfte ich, wie ich möchte, noch heute wäre er auf freien Füßen, und hätte er in einem vermutlich nur zu berechtigten Zorn ein halbes Dutzend nichtsnutziger Brüder erschlagen. Aber hier bin ich nicht Udo von Bohlen, hier bin ich der Kreisrichter, und als solcher ärgere ich mich schmählich, daß meine Voruntersuchung in dieser Kapitalsache, alles in allem, doch nur ein sehr 427 zweifelhaftes Resultat ergeben hat, um so mehr, als das in der Schmuggler-Affaire gleich null ist. Ich könnte den Kieritz baumeln lassen. Wenn er seiner Sache nicht sicherer war, so hätte er sie vorher nicht an die große Glocke hängen sollen. War ihm das Schiff verdächtig, so mußte er noch im Hafen von Sundin Hand darauf legen trotz der französischen Flagge und der Papiere, die scheinbar in Ordnung waren. Nun hat ers auslaufen lassen, anstatt die sauberen Patrone in flagranti zu ertappen – weg ist das Schiff! er hat Mühe und Not, vor dem ausbrechenden Sturm mit heiler Haut ans Land zu kommen und bringt uns, anstatt seiner Schmuggler, den armen Baron, der ihn gar nichts angeht und ohne seine unzeitige Dazwischenkunft von den Seinen gefunden, in Sicherheit gebracht, oder auch auf derselben Stelle an Verblutung gestorben wäre – welches letztere ihm unzweifelhaft persönlich weitaus das Liebste gewesen sein würde. Der Kuckuck danke dem übereifrigen Herrn für sein Einbrocken von Suppen, die der Teufel ausessen mag. Lamentiert darüber, daß die ganze Insel voll von Schmugglern steckt, wie ein Ei voll Dotter, und kann mir nicht einmal einen Fingerzeig geben, wie ich dem alten Hallunken, dem Prebrow, an den Kragen kommen kann, der obenan auf der Liste steht und ganz sicher in die Affaire mit dem französischen Schiff verwickelt ist, nur daß wir ihm diesmal wiederum nichts anhaben können, und er ja auch, nach Doktor Bertrams Aussage, sein Lieblingsgeschäft demnächst an einem andern Orte weiter zu treiben gezwungen sein wird. – Was gibt es, Frau Garloff?

Die Wirtin war ins Zimmer getreten mit einem Zettel in der Hand. Ein barfüßiger Junge habe ihn abgegeben; der Herr Kreisrichter möchte doch sogleich lesen; es sei von größter Wichtigkeit.

Natürlich! sagte Herr von Bohlen brummend, immer! Na, geben Sie mal her!

Er fing an zu lesen, schüttelte den Kopf, sah nach der Unterschrift, die auf der andern Seite stand, stutzte, begann von neuem, blickte, als er zu Ende war, starr vor sich nieder 428 und reichte das Blatt, welches offenbar aus einem Kinderschreibheft gerissen war, schweigend dem Freunde. Carlo nahm es und las:

Ich beschwöre Sie, angesichts dieses, ohne eine Minute zu verlieren, sofort in Begleitung Ihres Gerichtsschreibers zu mir nach Wüstenei zu kommen, da ich Ihnen in Sachen des Baron Hans Prohn Mitteilungen zu machen habe, die keiner außer mir machen kann, und von denen das Leben des Genannten abhängt.

Ein Sterbender.

Gelobt sei Gott! murmelte Carlo leise.

Was sagst Du? fragte der Kreisrichter.

Daß Du sofort aufbrechen mußt, sagte Carlo laut, errötend und sich eilfertig erhebend. Und bitte, nimm den Herrn Doktor mit, wenn es möglich ist!

Anspannen lassen! schrie der Kreisrichter die Wirtin an; zum Doktor herumspringen! und schicken Sie mal den Jungen her!

Die erschrockene Frau eilte davon und schob Adolf Prebrow zur Thür hinein.

Armer Schelm! sagte der Kreisrichter von seiner Höhe herab den barfüßigen, barhäuptigen Jungen, dessen zerlumpte Kleider vom Regen trieften, mitleidig betrachtend. Da, trink erst einmal! Immer dreist! wenn's auch brennt! So! Und nun sag', wie steht es mit deinem Vater?

Schlecht! sagte Adolf, sich mit den schmutzigen Händen über die Augen fahrend; sehr schlecht!

Wie lange fährt man nach Wüstenei?

Das kommt darauf an, sagte Adolf.

Wie man fährt – sehr richtig, mein weiser Thebaner.

Du wirst wohl eine Stunde brauchen, sagte Carlo vom offenen Fenster her. Da ist der Doktor schon!

Na, dann los! rief der Kreisrichter.

Stehen die Herren auf der Mensur, fragte der Doktor durch das Fenster herein.

Allerdings! rief der Kreisrichter lustig, der da und ich! Und ich poniere den Herren eine Bowle Sekt, wenn ich gründlich abgeführt werde.

429 Was ich Ihnen dann unter sothanen Umständen hiermit von Herzen gewünscht haben will, sagte der Doktor.

Wenige Minuten später rasselte der offene Holsteiner mit den beiden Herren und dem Jungen, der zwischen dem Gerichtsschreiber Fabius und dem Kutscher eingeklemmt saß, über das holperige Pflaster.

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