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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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410 Vierundvierzigstes Kapitel.

Unterdessen war oben im Ballsaale die Française doch zustandegekommen, nachdem Hinrich, der seine angebetete Emilie engagiert hatte und seinen Lieblingstanz um keinen Preis aufgeben wollte, seine Schwester Emma, die sonst nicht mehr zu tanzen pflegte, in der Eile überredet, für die vergeblich erwartete Dame des Hauses einzutreten: Wir haben wahrhaftig schon übrig lange gewartet – En avant deux! Demie chaine anglaise!

Und die Paare bewegten sich gegeneinander und wieder zurück, aneinander vorüber, durcheinander im kräftigen Takte der schmetternden Musik mit jener Präzision, die nur möglich war, wenn Hinrich kommandierte. Und heute gar übertraf er sich selber. Man hatte geglaubt, mittlerweile sein ganzes Tourenrepertoire zu kennen – man hatte sich getäuscht. Der Tausendkerl! und eine Tour immer noch hübscher und lustiger wie die andere! – Nun ist er mit seinem Latein zu Ende. – Attention, mesdames et messieurs! – Ist es möglich? Bravo, Hinrich! unerhört, unglaublich; – aber famos, ganz famos, genial! – Ein bißchen zu arg? wie? – Schadet nichts! morgen sind wir nicht mehr so jung!

Und weiter tollt die ausgelassene Schar und schleift und hüpft und springt und wirrt in lachendem, jauchzendem Durcheinander; und die Musikanten, angesteckt von der bacchantischen Lust, fiedeln und blasen, daß der alte Saal erdröhnt und die Kristalle an dem großen Kronenleuchter aneinander klirren, während die Mütter und Tanten, die sich längst von ihren Sitzen auf den Divans erhoben, den wirbelnden Kreis 411 umstehen, ängstlich die einen, lachend die andern; und die älteren Herren, die der Lärm von den Spieltischen aufgetrieben hat, sich in den Thüren drängen, einander mit den Ellbogen berührend, auf die Schulter klopfend, schmunzelnd: Was meinen Sie, Nachbar, besser haben mir den Rummel unserer Zeit auch nicht verstanden. – Die auch nicht! – Wer? – Die alten Perücken und Brokatröcke da in den Goldrahmen: lauter Prohns! einer toller wie der andre! Haben auch alle die Lippen und Augen dazu! Da, der linker Hand: der Urgroßvater, ein toller Christ! hieß auch Gustav und gleicht dem Gustav, wie ein Ei dem andern! wo ist denn der Junge? – Kann ihn nicht entdecken. – Kurios! und die junge Frau? – Ebensowenig. – Und die Alten dazu! Na, das ist lustig! tanzt und tobt das hier bei Prohns auf Prohnitz ohne Prohns, außer den gemalten an den Wänden – Heidi, wie das blitzt! – Wetter! und der Schlag! – Hoffentlich ein kalter! – Das ist selbst dem jungen Volk in die Glieder gefahren! oder, – Herr des Himmels, es wird doch nicht wirklich –

Es war jemand zur großen Thür, die nach dem Treppenflur ging, herein gestürzt mit lautem Gekreisch, mitten in die Tanzenden, Jubelnden hinein, daß sie, die von dem Blitzen nichts gesehen, von dem krachenden Donner nichts gehört, erschrocken auseinander fuhren: Fräulein Hertha! lassen Sie mich durch, um Gotteswillen! Fräulein Hertha! wo ist mein Fräulein? Fräulein Hertha!

Was gibt's? – Hat es eingeschlagen? – Brennt's?

Lassen Sie mich durch! Fräulein Hertha!

Da steht Hertha auf der Schwelle der Thür zu den Gemächern des kranken Kammerherrn. Sie ist eben eingetreten, von Isäa zu bitten, zu fordern, daß sie dem Fest ein Ende mache. Die Pahnk hat sie erblickt und stürzt auf sie zu:

Tot! tot! mein Gusting, tot! – unten! – sie haben ihn eben gebracht! – Hans hat ihn erschossen!

Hertha taumelt zurück gegen die Thür, an deren Pfosten sie sich hält: weiß, wie ihr Ballkleid, mit schreckensgroßen stieren Augen. Ein paar Damen eilen ihr zu Hilfe; aber schon hat 412 sie sich wieder aufgerichtet, mit ausgestreckten Armen alle von sich weg gedrängt und rennt durch die dichten Gruppen, die sich scheu vor ihr auseinander thun, um sich wieder hinter ihr zu schließen, hinter ihr her zu rennen: zum Saale hinaus, auf den Treppenflur; aber nur wenige Beherzte ihr weiter nach, die gewundene Treppe hinab, während die anderen sich um die eiserne Balustrade drängen, festgebannt dort von Entsetzen vor dem Anblick da unten in der Flurhalle: vor dem Anblick des Fürchterlichen, das da liegt – auf den Fliesen, bedeckt mit ein paar Mänteln der Zollbeamten, die ihn gebracht und hier niedergelegt haben, ratlos, wohin in dem fremden, lärmdurchtobten, lichterfüllten Hause mit ihrer dunkeln, stillen Last, sich den Schweiß von den Gesichtern wischend, auf ihren Chef sehend, der eben Hertha erblickt hat und ihr, wie sie auf ihn zufliegt, verlegen entgegen tritt:

Mein gnädiges Fräulein – Sie selbst! – ich bin außer mir – ich wußte mir nicht zu helfen, Gott sei Dank, daß die gnädige Frau – Sie haben schon –

Wo ist er?

Die Stimme hat einen so sonderbaren heiseren Klang, und die großen Augen stieren ihn so graß an: hat sie der Schrecken wahnsinnig gemacht, daß sie nicht sieht, was da, zwei Schritte von ihnen, auf dem Boden liegt? Er wendet die Augen dahin, hoffend, daß ihr Blick dem seinen folgen wird, und sagt:

Wir fanden ihn hinten im Park – ich war mit meinen Leuten eben gelandet – wir hörten die Schüsse oben von der Höhe – sonst wären wir vielleicht – er war bereits – wohin sollen wir den Unglücklichen –

Jetzt muß sie ihn gesehen haben: sie hat sich für einen Moment dahin gewandt. Ein Beben geht durch den schlanken Leib; sie streicht sich mit beiden Händen über das weiße Gesicht. Und wieder fragt sie in demselben heisern Ton:

Wo ist er?

Und dann mit einem Schrei, der durch die Halle gellt:

Wo ist Hans?

Der Steuerrat ist zurückgezuckt: der Schrei hat so gräßlich 413 geklungen; aber er faßt sich alsbald wieder und sagt mitleidsvoll:

Der Baron ist auf dem Wege nach Bergen – er bat dringend, daß man ihn nicht hierher – ein paar von meinen Leuten begleiten ihn – wir haben unten im Dorf einen Wagen – er ist selbst schwer verwundet – sehr schwer – indessen – wohin befehlen gnädiges Fräulein, daß wir –

Diesmal hat sie seinen Blick verstanden: sie deutet auf die Thür eines der Vorderzimmer; der Steuerrat, erleichtert aufatmend, wendet sich schnell und winkt seinen Leuten; sie heben ihre fürchterliche Last wieder auf; Hinrich Salchow, Ernst Krewe und ein paar andere Freunde, die schaudernd vor Entsetzen daneben gestanden, greifen mit zu; Hertha thut ein paar unsichere Schritte hinter dem langsam sich nach der bezeichneten Thür bewegenden Knäuel her; plötzlich schwankt sie; der Steuerrat springt herbei:

Gnädiges Fräulein! es ist zu viel – überlassen Sie das uns, ich flehe Sie an! es ist Ihr Tod!

Ein irres Lächeln fliegt über das weiße Gesicht.

Wohl möglich, murmelt sie kaum vernehmlich; wohl möglich.

Und dann mit einer Stimme, der man es anhört, daß sie sich nicht überwältigen lassen will, trotz alledem:

Sie sagen, Hans hat ihn getötet?

Liebes, gnädiges Fräulein –

Ich will es wissen! muß es wissen! Sind Sie zugegen gewesen?

Ich kam vielleicht fünf Minuten später und fand den – Toten und den Baron, neben ihm knieend, in offenbarer, schrecklicher Verzweiflung über die That, zu der er sich selbst bekannte, – wenigstens halb –

Das ist nicht wahr: er thut nichts halb. Er hat ihn getötet.

Er sagte: ich habe ihn töten wollen. Wollte der Allmächtige, der Wille wäre nicht zur That geworden!

Verwundet, sagten Sie? schwer?

Ich fürchte. Eine Wunde an der Schläfe, die auch das Auge verletzt zu haben schien –

414 Sein gesundes Auge?

Ich weiß es nicht – ich glaube –

Blind, sagen Sie es: blind?

Hoffen wir: nicht für immer! Erlassen Sie mir – liebes gnädiges Fräulein, ich flehe Sie nochmals an –

Es ist gut. Ich danke Ihnen. – Nach Bergen?

Ja.

Ich danke Ihnen; aber zuerst muß ich zu seiner armen Großmama. Entschuldigen Sie mich!

Sie nickt und geht, mit den starren Augen einer Nachtwandlerin vor sich hin blickend, quer über den Korridor nach einer Seitenthür, um die sich ein kleiner Haufen Mägde herumdrückt, welche in ihre Schürzen hinein heulen, ohne von den Vorgängen auf dem Flur die gierigen Augen abzuwenden.

Für den Moment ist der Flur leer; auch der Steuerrat ist in dem Zimmer verschwunden, in das man die verhüllte Last getragen. Da, wo sie gelegen, ist nur ein großer unregelmäßiger schwarzer Fleck.

Die heulenden Mägde zeigen ihn einer der anderen; die jüngste soll hingehen und ihn entfernen; sie läuft mit gellem Geschrei davon; eine zweite erklärt: ehe sie das thäte, wolle sie selber tot daliegen; aber sie bleibt und starrt mit den andern weiter auf den großen schwarzen Fleck, der in den paar Sekunden schon wieder seine Form geändert hat. Und an dem doch die Herrschaften vorüber müssen, wenn sie, die jetzt von oben herab drängen, in ihre Equipagen wollen.

Nur daß es dabei mit dem eifrigsten Wollen, fortzukommen, nicht gethan ist.

Denn draußen rast der Gewittersturm und bläst die Windlichter, die auf den Treppenwangen der Rampen und auf den Pfeilern der Hofthore gebrannt haben und löscht die Lampen-Flämmchen in den kleinen Laternen der Wagen und in den großen, mit welcher die Jockeys den Wagen voraus leuchten sollten. Die von den blendenden Blitzen, den unaufhörlich krachenden, rollenden Donnern, dem stromweise hernieder rauschenden Regen, dem heulenden Sturm entsetzten Pferde bäumen 415 sich, schlagen aus, zertrümmern hier und da das Geschirr – die vom langen Warten erschöpften, bis auf die Haut durchnäßten, von dem Lärm betäubten Kutscher und Reitknechte haben den Kopf verloren; sie meinen, es müsse alles zu Grunde gehen.

Auf dem weiten Flur, in welchem sich jetzt die Herrschaften zusammengedrängt haben, steht es nicht besser. Durch die weit offene Hausthür rast der Sturm und treibt den Harrenden, die sich nur notdürftig und oft genug mit fremden Sachen, wie sie den Geängsteten gerade in die Hände fielen, umhüllt haben, den aufgewirbelten Sand und sprühenden Regen in die bleichen Gesichter. Der Gegensatz zwischen dem wilden Taumel der Lust da oben und der Todesstimmung hier unten in dem Rasen der Elemente, angesichts des fürchterlichen schwarzen Fleckens, den keiner dem andern erklärt und den sie doch alle zu deuten wissen, ist zu gräßlich. Hier starren welche dumpf vor sich hin; da bemühen sich andre um eine Dame, welche plötzlich ohnmächtig niedergesunken, dort um eine zweite, die, in Weinkrämpfen sich windend, heult und schreit – großer Gott! ist es die junge Frau? sie war schon vorhin nicht wohl und nun – die Aermste! – Nein: es ist Louise Gerstitz, die junge Frau ist nirgends zu finden, sie suchen sie überall. – Sie hat es gewiß nicht überleben wollen! – Ich sage Ihnen: sie kann noch von nichts wissen, sie – Um Himmelswillen, habt Ihr es schon gehört? – Was noch? – Soeben – Hinrich Salchow – er sagte, er wolle drauf schwören, sie ist mit Axel Grieben – Unsinn! sie hat's mit dem Mörder gehalten, das ist ja auch die einzige Erklärung – ich sprach eben Herrn von Kieritz: er soll ebenfalls gräßlich zugerichtet sein: das gesunde Auge ausgeschlagen – keinen Schimmer – Aber, so schweigen Sie doch! die Damen – Da kommt die Silmnitz: haben Sie sie – Keine Spur: in ihren Zimmern alles durcheinander: das Kind, schreiend in der Wiege – auch die Hexe von Wärterin ist fort – ich habe der Pahnk gesagt, sie solle das arme Wurm – da! – sie trägt es in ihre Stube. – Wie es weint: als ob es wüßte, daß da eben noch – Jawohl! und die Pahnk sagt, der 416 Kammerherr liegt auf den Tod – Gott! Gott! wären wir doch nur fort! Da ist mein Bruder: Karl! Karl! hast Du den Wagen? – Keine Möglichkeit! man kann nicht die Hand vor Augen – Dann wollen wir zu Fuß – Unsinn! Ihr kommt nicht zehn Schritt' – Ist mir alles eins, ich kann es nicht mehr – So sieh' doch nicht immer hin! Es ist auch gräßlich – sie hätten doch wenigstens ein paar Hände Sand – aber, Marie, so nimm doch Vernunft – da! ich dachte es mir –

Und wieder drängt man sich um eine Ohnmächtige. Eine Stimmung, die an Wahnsinn grenzt, bemächtigt sich mit jeder Sekunde mehr der unglücklichen Warter auf der Flurhalle, in welcher der Sturm bald die letzte der an den Wänden befestigten Reverbere-Lampen ausgelöscht haben wird.

Nur ein paar der Mutigsten haben ihre Geistesgegenwart behalten: Hinrich Salchow, dessen helle Stimme jetzt draußen auf dem Hofe mit dem Donner und Sturm um die Wette schmettert und wettert, und dem es nach und nach gelingt, den Knäuel der ineinander geratenen Wagen zu entwirren; Ernst Krewe, der das Kommando in der Halle übernommen hat, und die Kopflosen, schier Verzweifelnden in die Equipagen beordert, sobald wieder eine, die frei geworden, auf der Rampe vorfährt. Ob's die der betreffenden Herrschaften ist, oder nicht, gilt ihm gleich. Und ebenso den Geängsteten. Man will nur fort. Fort aus der Halle mit dem gräßlichen schwarzen Fleck; fort aus dem Hause, in welchem der Brudermord wohnt.

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