Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

402 Dreiundvierzigstes Kapitel.

Hier wurden sie, wie auch die vor ihnen Gekommenen, von Gustav und Isäa empfangen, die von einem Abbrechen des Festes nichts wissen wollten. Dazu sei auch nicht der mindeste Grund vorhanden. Der Zufall, der den Großpapa betroffen, sei eine ganz gewöhnliche Ohnmacht gewesen – kaum soviel: ein plötzliches Versagen der Kräfte, höchst erklärlich bei einem alten Herrn, der durchaus nicht Wort haben wolle, daß er kein Jüngling mehr, und zwei Festabende hintereinander des Guten zu viel für ihn seien. Uebrigens sei er längst wieder zu sich gekommen, befinde sich ganz wohl in seinem Bett unter Obhut der Großmama, die alsbald wieder erscheinen werde. Von einer Störung des Patienten – wolle man ihn doch einmal so nennen – sei keine Rede: drei Zimmer mit festschließenden Thüren befänden sich zwischen seinem Schlafgemach und diesem Saal, in welchem, wie man sehe, alles zu einem munteren Nachtischetanz für die Jugend vorbereitet sei, während die älteren Herrschaften in den Zimmern links die jedenfalls längst ersehnten Spieltische hergerichtet finden würden. Man möge ihnen den Kummer nicht anthun, ein Fest, das so schön begonnen, mit einem übereilten, völlig unmotivierten Aufbruch zu beenden in einem Augenblicke, wo das Vergnügen, wenigstens für die jungen Leute, erst so recht beginnen solle.

Indessen fanden so gefällige Worte nur da ein willigeres Entgegenkommen, wo sie von Isäas schönen Lippen gesprochen wurden, und durch ihre, auch in diesem kritischen Augenblicke sich bewährende sanft lächelnde Ruhe unterstützt wurden, während Gustavs Bemühungen geringeren Erfolg hatten, ja oft 403 das Gegenteil von dem, was sie erstrebten, zu bewirken schienen. Man wollte gebeten sein; man wollte sich nichts kommandieren lassen. Und von seinen zuckenden Lippen klang alles wie ein Befehl, dem man zu gehorchen habe. Dazu die funkelnden Augen, die, wo sie auf Widerstrebende fielen, zornig entflammten, und so die gastfreundliche Rede Lügen straften, in Verein mit der roten Wolke auf der Stirn und den zu blauen Aesten angeschwollenen Adern an den Schläfen. Das schreckte denn freilich so manche nicht ab, die in dem allem nur den löblichen Eifer des besorgten Wirtes sahen, oder auch so wie so zum Bleiben entschlossen waren; andere dagegen beeilten den beschlossenen Aufbruch nur um so mehr, für welchen sich überdies ein vortrefflicher Vorwand fand, den man in einer ländlichen Gesellschaft gelten lassen mußte. Es waren einige Herren, die sich nach ihren Equipagen umgesehen hatten, wieder in den Saal gekommen mit der Nachricht, das Unwetter, welches bereits seit gestern Abend gedroht, werde unfehlbar heute Nacht und vermutlich in aller Kürze ausbrechen. Der Himmel sei im Westen völlig mit einem grauen Schleier bedeckt, während im Osten eine schwarze Wolkenwand bis beinahe in den Zenith rage; die Luft sei zum Ersticken schwül; die Kutscher hätten alle Mühe, die ungeduldigen Pferde zu halten.

So kam in die Gesellschaft ein sichtbares Schwanken, von welchem auch, die gern geblieben wären, angelockt wurden, dem Beispiele derer zu folgen, die entweder offen aufbrachen, wie die Baronin Nadelitz, die laut erklärte, daß keine zehn Pferde sie halten sollten, oder ein verstohlenes Fortgehen vorzogen, wie die alten Griebens, nachdem sie vergeblich ihren Axel zum Mitkommen zu überreden gesucht hatten. Es war augenscheinlich, daß innerhalb der nächsten zehn Minuten die ganze Gesellschaft sich aufgelöst haben würde, hätte nicht Gustav, nach der improvisierten Estrade stürzend, auf der die Spielleute postiert waren, denselben zugerufen, mit der Musik zu beginnen. Die Klänge eines lustigen Walzers erschollen durch den Saal; die jungen Herren eilten auf die jungen Damen zu, die nicht lange gebeten zu werden brauchten; die Mütter riefen: aber 404 nur einen Tanz! während sie sich bereits nach einem guten Platze umsahen, von welchem aus sie den Ball überwachen könnten; und die Väter und Gatten, nachdem sie, die Hüte in den Händen, noch ein wenig auf der Schwelle gezögert, einer nach dem andern in den Spielzimmern zu einer längst ersehnten Partie Boston oder L'hombre verschwanden.

Gustav hatte die erste junge Dame, die ihm zur Hand kam, ein unbedeutendes junges Mädchen, ergriffen und herumgewirbelt und ließ sie jetzt stehen, um auf Komtesse Ulrike zuzueilen, die in einer etwas förmlichen Weise dankte: sie sei im Begriffe aufzubrechen, habe sich Isäa bereits empfohlen und warte nur noch auf Hertha, um derselben Adieu zu sagen. Gustav erwiderte mit einer nicht minder förmlichen Verbeugung und trat vor Hertha auf die Seite, die eben aus den Zimmern des Großvaters zum erstenmale wieder in den Saal kam. Die geflüsterte Unterredung der beiden Damen währte kaum eine halbe Minute; dann beugte sich die stattliche Komtesse, Hertha zu umarmen, und rauschte aus dem Saal. Hertha wandte sich und sah sich Gustav gegenüber, der sie erwartet hatte. Hertha zuckte zurück und wollte an ihm vorüber. er trat abermals vor sie.

Du willst wieder fort?

Ja.

Wäre es nicht höflicher, ich meine gegen die Gesellschaft, – wenn Du bliebst?

Sie sahen einander in die plötzlich bleich gewordenen Gesichter; und jetzt begegneten sich ihre Augen. Herthas waren fest auf ihn gerichtet mit einem fremden kalten Ausdruck, aus den seinen sprühte zorniger Haß.

Ich habe keine Zeit, höflich zu sein, erwiderte sie mit sichtbarer Anstrengung, ruhig zu bleiben. Der Großvater ist viel kränker, als Du vorzugeben für gut findest. Du hättest die Gesellschaft nicht zum Bleiben auffordern sollen.

Ich danke Dir für die gütige Belehrung. Ich glaubte bis jetzt, daß im Interesse der Gesellschaft eine kleine Lüge erlaubt sei.

Eine kleine oder große – das kommt wohl für Dich auf eines heraus.

405 Der Abscheu vor dem Verräter hatte es ihr entrissen. Nun, da sie's gesagt und in seinem wutverzerrten Gesicht das Eingeständnis seiner Schuld sah, war es die Angst um Hans, die sie mit fliegendem Atem weiter sprechen ließ:

Wo ist Hans? er muß erfahren haben, daß Du mich belogen und ihn betrogen hast. Deshalb kommt er nicht; das überlebt er nicht, und Du bist sein Mörder!

Und Du nicht bei Sinnen!

Gustav lachte höhnisch auf; ein paar junge Herren, welche jetzt erst Hertha gesehen hatten, kamen herbeigestürzt, sie zum Tanz aufzufordern; sie entschuldigte sich mit einigen unverständlichen Worten und eilte der Korridorthür zu, in deren Nähe, abseits von den Uebrigen, die kurze Scene zwischen ihr und Gustav stattgefunden hatte. Die jungen Herren wandten sich zu Gustav, ihn zu fragen, was denn das zu bedeuten habe? erhielten aber keine Antwort von ihm, der mit bleichem verstörtem Gesicht an ihnen vorbei mitten durch die tanzenden Paare nach der andern Seite des Saales stürzte, wo Axel eben mit Isäa zum Walzer antrat. Er berührte seine Schulter:

Auf einen Augenblick!

Sofort zu Diensten! rief Axel und walzte davon.

Gustav war auf derselben Stelle stehen geblieben, mit stieren Blicken die Tanzenden verfolgend. In seiner Brust kochte es; seine Wangen brannten, als wäre jedes ihrer Worte ein Schlag gewesen. Belogen – betrogen – das von ihr! ihr, um deretwillen er gelogen, betrogen! Wie sie ihn hassen mußte! wie er sie haßte, haßte, haßte! Rache, Rache! an ihr – an dem langen Schuft da, der ihn verraten hatte! dem er die Liebschaft mit Isäa eintränken wollte! sie mußte jetzt wieder ihm gehören! Das war auch Rache an der andern! – wo sind sie geblieben? da an der Thür – was bedeutet das? sie lassen sich los – Isäa nimmt das Tuch vor das Gesicht – er öffnet ihr die Thür – was soll denn – da kommt der Schuft –

Entschuldige, lieber Gustav! Deine Frau – Nasenbluten – recht fatal, aber sie wird gleich wieder – Du wolltest mir etwas –

406 Du hast es Hertha gesagt!

Was?

Daß ich es die ganze Zeit gewußt habe – das mit Hanne und Dir und Hans!

Ich gebe Dir mein Ehrenwort, ich habe über die Geschichte nicht eine Silbe mit Hertha gesprochen. Wie hätte ich das auch gekonnt, ohne mich selbst bloßzustellen? Denk' doch nur einen Augenblick nach! Wir sprechen morgen weiter darüber. Ich muß Dir jetzt Adieu sagen; habe den Alten versprochen, bald nachzukommen –

Dann will ich Dir noch ein Wort auf den Weg geben: Du bist ein Schuft.

Danke vorläufig. Das übrige wirst Du morgen hören, wenn Du wieder nüchtern bist. Adieu!

Axel hatte sich auf den Hacken umgedreht, seine lange Gestalt bewegte sich vorsichtig durch die Tanzenden, die jetzt in einem wilden Galopp durcheinander wirbelten, nach der Thür. Dort wandte er sich noch einmal, zögerte ein paar Momente und war hinaus.

Gustav stierte ihm nach.

Hat gedacht, ich würde es ihm abbitten – es ist ja auch Unsinn – er kann ihr es nicht gesagt haben – und habe einen Feind mehr – wie Isäa es wohl nehmen wird? – pah! Eifersucht – das schmeichelt den Weibern immer – Champagner! – Champagner! – Sie da! bringen Sie – so, das ist recht!

Er nahm von dem Diener, der mit einem großen Präsentierbrett heran trat, eines der gefüllten Gläser, leerte es auf einen Zug, raste mit einer Dame, die er ihrem Tänzer fast wegriß, durch den Saal; und dann war er bei den Spielern, ohne zu wissen, wie er dahin gekommen. – Ein kleines Pharao? Das ist recht! – ich halte auf den König – hundert Thaler! – Da sind sie! noch einmal: zweihundert! – Pah! Unglück im Spiel, Glück in der – fünfhundert! – Was gibt's? was willst Du?

Die Damen wünschen eine Française! sagte Hinrich 407 Malchow, ich kann sie nicht mehr zustandebringen, wenn ihr alle weglauft –

Ich komme gleich – noch einmal fünfhundert!

Gustav, bist Du verrückt! auf der Stelle kommst Du! Entschuldigen die Herren!

Hinrich hatte die Banknoten, die Gustav aus der Tasche gezogen und auf den Tisch geworfen, zusammengerafft, dem Widerstrebenden in die Tasche gestopft und zog ihn mit sich zurück in den Tanzsaal. Die Paare fingen an sich zu ordnen – es fehlte nur noch eine Dame. –

Wo bleibt denn Deine Frau?

Ist sie noch nicht wieder hier? ich werde sie holen!

Aber Du mußt sofort wiederkommen!

In einer halben Minute!

Er stürzte aus dem Saale auf den Korridor, von dem die Seitentreppe nach dem schmalen unteren Flur führte, an welchem Isäas drei Zimmer lagen. Auf dem Flur brannte kein Licht – die dummen Menschen – alle Abende und gerade heute nicht! – Er tappte sich an der Wand hin, bekam einen Thürgriff in die Hand und öffnete. Es war ein sonst unbewohntes Zimmer, wo er sich zum Ball umgezogen hatte, die Unbequemlichkeit des Treppensteigens zu seinem Dachstübchen zu vermeiden. Da lagen seine Sachen – zum Teufel! die Pistole mitten auf dem Tisch – bin ich denn schon vorher betrunken gewesen? – was sollen die Leute denken?

Er hatte die Pistole, für die er sich in dem kahlen Zimmer vergeblich nach einem Versteck umsah, in die Tasche gleiten lassen, den Leuchter mit dem fast schon erlöschenden Licht ergriffen und war wieder auf dem Korridor, jetzt vor der Thür in Isäas Schlafzimmer. Die Thür war verschlossen: Isäa!

Keine Antwort kam. Er lief nach dem Kinderzimmer rechts und rüttelte an einer verschlossenen Thür; er stürzte nach dem Wohnzimmer links, um abermals an einer verschlossenen Thür zu rütteln; und wieder zurück nach dem Schlafzimmer: Isäa! und wieder keine Antwort. War das Nasenbluten ein Vorwand gewesen? War sie ihm zuvorgekommen?

408 Mit dem letzten Flackern der im Sockel verschwälenden Kerze war es durch sein Gehirn gezuckt; in demselben Moment hatte er mit einem Fußtritt die alte Thür aus dem morschen Schloß gesprengt, und war in das Zimmer gestürzt, aus welchem Zoë durch die Thür, welche in das erste Zimmer, neben welchem der schmale Gang in den Garten führte, entweichen wollte. Mit einem Satze war er bei der Alten, hatte sie am Nacken gepackt, in das Zimmer zurück, auf die Kniee gerissen: wo ist Isäa? ich töte Dich: wo ist Isäa?

Die Alte rang sich verzweifelt die würgenden Hände vom Halse und keuchte:

Laß mich! bei der Mutter Gottes: ich will Dir alles sagen!

Er hatte sie freigegeben; sie richtete sich von den Knieen auf, am ganzen Körper schlotternd von der ausgestandenen Todesangst, mit heiserer Stimme rufend:

Sie ist fort mit ihrem Buhlen, dem Grafen!

Wohin?

Ich weiß es nicht. Sieh zu, da findest Du's vielleicht –

Sie deutete nach dem offen stehenden Sekretär, auf dessen Platte ein Licht brannte zwischen in der Hast aus den Kasten herausgerissenem Kram aller Art: wertlosen Schmucksachen aus Griechenland, Bändern, Schleifen, zerrissenen Billets – von seiner Hand! – und da ein heiles – von einer anderen Hand: »Ich habe versprochen, mich nicht weiter einzumischen. Ich vermag es nicht – ohne Sie gehört zu haben – sagen Sie ein Wort – – Sie werden es nicht können – fliehen Sie aus einer Gesellschaft, in der Sie nicht länger weilen dürfen – – Sie werden einen diskreten Weg zu finden wissen – – – E. P.« – Erich Prora!

Ein heiseres Lachen brach aus seiner Kehle, während er das Billet in der bebenden Hand zerknitterte. Dies hatte der Kammerdiener heute Morgen gebracht! Sie hatte alles gewußt! und hatte sich einen Weg aus der Gesellschaft, in der sie nicht länger weilen durfte, gesucht – einen diskreten Weg! und er hatte ihr noch auf den Weg geholfen, als er Axel zur Thür hinaus warf!

409 Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn: Dummkopf! und das jetzt, wo ich der Herr bin! sie, der keiner widerstehen kann, die mir alles und alle zurück gewinnen würde –

Sein Blick irrte durch das verödete Zimmer – über das unberührte Bett – heute Nacht! – so betrogen, so elend dumm! – sie muß zurück –

Er fuhr herum nach einem knarrenden Geräusch – die Alte hatte davonschleichen wollen – war bereits durch das Wohnzimmer an der Außenthür. Im Nu hatte er sie eingeholt, sie an dem struppigen Haar ergriffen, wieder in das Zimmer gezerrt:

Du weißt, wo sie ist – Du würdest sonst nicht ihr nach wollen – heraus damit – oder der Teufel –

Mit wütender Kraft hatte die Alte sich losgerissen. In dem Licht von der Kerze auf dem Sekretär nebenan funkelten ihre Augen wie einer wilden Katze:

Ich weiß es: auf dem Berge hinten im Park unter der großen Eiche – sie warten dort auf den Wagen.

Er hatte sie auf die Seite gestoßen und war hinaus, nicht darauf achtend, daß die Alte hinter ihm her aus dem Zimmer, aus dem Hause stürzte, nur daß sie einen anderen Weg durch den Park einschlug, rennend, springend, durch die Büsche brechend, mit der Schnelligkeit und Kraft eines gehetzten Raubtieres, ob sie womöglich noch vor ihm auf dem Platze sein würde, von dem sie vorhin erst zurückgekehrt, Isäa, die allzulange auf sich warten ließ, zur Eile anzutreiben, – auf dem Platze, wo Valianos ungeduldig harrte, und dem Verführer, der anstatt der Verräterin kam, einen süßen Empfang bereiten würde! Stoß zu, Valianos! triff ihn, Valianos! ich will dir helfen, wenn ich noch zur rechten Zeit komme!

 << Kapitel 42  Kapitel 44 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.