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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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393 Zweiundvierzigstes Kapitel.

In rascher Folge rollte Wagen auf Wagen die Rampe hinauf; bereits war über die Hälfte der Gesellschaft in dem Saale versammelt, ohne daß weder die alten Excellenzen, noch Hertha oder Hans zum Vorschein gekommen wären. Es sah aus, als sollten Gustav und Isäa, von denen man empfangen worden, allein bleiben, trotzdem sie alle Welt versicherten, die übrigen Mitglieder der Familie würden sofort sich präsentieren, mit Ausnahme allerdings von Hans, der in Geschäften nach Bergen sei und wohl erst später eintreffen werde.

Die Sache ist ganz einfach, sagte die Baronin Nadelitz; dies ist heute eine Gesellschaft von den beiden jungen Leuten, bei denen die alten Herrschaften zu Gast sind, gerade wie wir.

Das Wort cirkulierte und wurde den Dazukommenden sofort mitgeteilt. Man fand die Idee scharmant und erwartete mit Spannung das Eintreten der Excellenzen und Herthas. Daß der ältere Bruder spät oder auch gar nicht kommen würde, wie gestern, war allerdings ein starkes Stück, dessen man sich aber wohl bei Uhlenhans versehen konnte. Ein verzweifeltes Ding das, so einen Querkopf zum Bruder oder Schwager oder gar zum Verlobten zu haben! Man konnte es wahrhaftig Hertha nicht verdenken, wenn auch sie möglichst spät in eine Gesellschaft kam, in der sie kaum etwas anderes zu thun hatte, als indiskrete oder boshafte Fragen nach dem unfindbaren Bräutigam zu beantworten!

Du, Gustav, sagte Hinrich Malchow, der vor einigen Minuten gekommen war, und jetzt den Freund auf die Seite zog. Ich höre, Du läßt Uhlenhans nach Bergen gereist sein. 394 Du solltest das nicht mit solcher Bestimmtheit sagen. Ich kann Dich versichern, in Bergen ist er nicht.

Bist Du da gewesen?

Nein. Aber mein Schäfer hat ihn heute bei Tau und Tag über unsern Dresch in die Gerstitzer Tannen gehen sehen. Ich habe es dem alten Gerstitz, mit dem ich zusammen die Treppe herauf kam, nicht gesagt, – er ist ein guter Kerl, aber darin versteht er keinen Spaß; und würde es auch Dir nicht sagen, nur daß es am Ende ganz gut ist, wenn –

Nun?

Nun die Sache ist einfach die: Sallentin hat zehn Minuten später aus derselben Richtung, in welcher Hans in die Tannen gegangen ist, einen Schuß gehört.

Das ist nicht wahr!

Gustav, bist Du nicht klug? was schreist Du denn so! ich sag' Dir das ja ganz im Vertrauen –

Es ist nicht wahr, wiederholte Gustav mit leiserer Stimme, aber in derselben Erregung. – Der Teufel mag wissen, wer da geschossen hat!

Hinrich zuckte die Achseln.

Beschwören kann ich's nicht, daß er's gewesen ist. Und Sallentin wird sich hüten und sich den Mund verbrennen. Als ich ihm auf den Leib rückte, fiel ihm auf einmal ein, daß er allerdings keine Flinte bei ihm gesehen habe; auch habe der Schuß ein bißchen schwach geklungen von wegen der großen Entfernung. Na, Du kennst das ja. Ich wollte es Dir auch nur gesagt haben, im Falle Du doch am Ende Hans andeuten möchtest, daß er ein anderes Mal wenigstens ein bißchen vorsichtiger sein sollte.

Ich bin gerade wie Dein kluger Schäfer, ich verbrenne mir auch ungern den Mund, rief Gustav mit einem Lachen, das so seltsam klang, und Augen, die so greulich funkelten –

Ich glaube, er ist schon jetzt betrunken, sagte Hinrich zu Ernst Krewe, dem er sofort die eben gehabte Unterredung im Vertrauen mitteilte.

Oder ärgerlich, daß die Alten und Hertha noch immer nicht 395 kommen, erwiderte Ernst; es ist auch dumm: sie bringen sich ganz um den Effekt; es fragt schon jetzt kein Mensch mehr nach ihnen.

In der That machte das Erscheinen der alten Herrschaften, die nun endlich Arm und Arm, mit Hertha hinter sich, in den fast gefüllten Saal traten, kaum noch einen Eindruck. Wenn der Kammerherr, wie seine Gemahlin versicherte, eben erst aus dem Bette kam – und verfallen genug sah er aus, bei Gott! – so hätte er lieber gar nicht aufstehen sollen; und wenn Hertha mit demselben bleichen, melancholischen Gesicht paradieren wollte, wie gestern Abend, und ihr sonstiges lustiges Lachen und witziges Plaudern so gründlich verlernt hatte – ja, du lieber Himmel, es hatte sie ja niemand gezwungen zu der tragikomischen Verlobung! und es war sehr unklug von ihr, daß sie die tragische Seite herauskehrte und dadurch die andern geradezu zwang, die komische ins Auge zu fassen und über dieselbe mehr oder weniger gute Witze zu machen. Als ein Beispiel der letzteren Sorte galt es, daß Karl Dumsewitz, auf ein bekanntes Sprichwort anspielend, herum trug, Hertha sähe aus, als könne sie sich an die Lieblingsspeise ihres Herrn Bräutigams nicht gewöhnen; als eines der erstern, daß Albert Salchow, auf ein Sofa deutend, welches fortwährend leer blieb, weil man es für die jeden Augenblick erwartete Fürstin reservierte, mit einem andern landesüblichen Sprichwort ernsthaft behauptete: Da hat die Eul' gesessen!

Dummer Schnack! rief die Baronin Nadelitz; und schiere Eifersucht von den jungen Leuten, von denen jeder an seiner Stelle sein möchte! Und was uns' Durchleuchtings sind – die haben abgeschrieben; eben hat es mir die alte Excellenz ganz in Vertrauen gesagt.

Die Kunde verbreitete sich schnell durch den Saal, aber ohne die bereits sehr animierte Stimmung irgend zu beeinträchtigen. Man hätte es sich denken können: Durchlaucht mußte doch gestern Abend bereits recht unwohl gewesen sein, oder er würde sich nicht unmittelbar vor dem Schluß aus seiner Gesellschaft zurückgezogen haben. Und dann: Durchlaucht war ja trotz 396 seiner strengen kirchlichen Richtung und rigorosen moralischen Grundsätze ein sehr wohlwollender Herr, mit dem es sich, bei nur einiger angewandter Vorsicht, ganz passabel verkehrte, und die Frau Fürstin gar die Liebenswürdigkeit selbst, solange man nicht gegen die Dehors verstieß. Aber amüsanter und vergnüglicher war es doch, wenn man nicht jedes Wort auf die Wagschale zu legen und eine Haltung zu beobachten brauchte wie auf dem Paradeplatz!

Viel amüsanter und vergnüglicher! Mehr als einer sprach es ganz offen aus; alle Welt schien es zu empfinden. Wohin man sah, lachende Gesichter; wohin man hörte, laute, schier überlaute Konversation. Wie hätte es auch anders sein sollen, wenn die beiden jungen Wirte – denn als solche erwiesen sich Gustav und Isäa durchaus – so scharmant waren, mit einer so sichtbaren Liebe ihren Pflichten nachkamen, sich derselben mit so viel Takt und Umsicht entledigten!

Man hatte Isäa bereits gestern ihren Triumph gegönnt; heute mußte man sich sagen, daß man von ihren wahren Vorzügen doch nur eine sehr entfernte Ahnung gehabt habe. War gestern das Lob ihrer Schönheit und Bescheidenheit auf allen Lippen gewesen, so flossen dieselben heute über von Bewunderung ihres bis zum Uebermut neckischen Wesens und ihrer fabelhaften Gewandtheit. Sie, die heute doch eigentlich erst zum zweitenmale in dieser Gesellschaft war, kannte jeden – sogar bei Namen! – hatte für jeden ein anmutiges Wort und – ein deutsches Wort! Man traute seinen Ohren kaum. Wo in der Welt hatte sie denn das über Nacht herbekommen, sie, die gestern nur französisch sprach, um derentwillen eine Gesellschaft von hundert Personen französisch – und Himmel! zum Teil welch Französisch! – gesprochen hatte! Nun ja, gestern war man Gast gewesen in einer Staatsgesellschaft bei dem anerkannt Ersten; heute war man im eigenen Hause unter seinen Gästen – da durfte, da mußte man sich von einer harmloseren, gemütlicheren Seite zeigen! Und abermals mit einem Erfolge, ganz anderer Art freilich, aber der dem gestrigen wahrlich nicht nachstand! Wie entzückend klang aber auch das Deutsche aus ihrem 397 kleinen rosigen Munde – so drollig und doch zugleich so zierlich-vornehm, als hätte jedes Wort sich, um von diesen schönen Lippen gesprochen zu werden, noch besonders geputzt. Und als die Zauberin nun gar mit schalkhaftem Lächeln einige plattdeutsche Redensarten, die sie den Leuten abgelauscht, hinein zu mischen begann, war der Beifall unermeßlich. Man kam von allen Seiten herbei, das Wunder zu hören, eine Silbe nur zu erhaschen; man umdrängte die Unvergleichliche, wohin immer sie mit ihren schwebenden Schritten kam, wo immer sie verweilte in einer jener Stellungen, von denen man nicht wußte, ob dieselben mehr anmutig oder würdevoll waren, und welche die Damen zum größten Amüsement der Herren bereits erfolglos nachzuahmen suchten.

Freilich, wenn das wunderbare Wesen in der fröhlichsten, mitteilsamsten Stimmung oder, wie die alte Gräfin Uselin mit einem ihrer wunderlichen, vermutlich aus ihrer englischen Muttersprache hergenommenen Ausdrücke sagte: »in der Gebelaune« war, durfte man sich darüber wundern, nach dem, was man gestern aus dem Munde Seiner Durchlaucht von der günstigen Wendung gehört hatte, welche in den Geschicken ihres Vaters, also doch auch in ihren eigenen Geschicken eingetreten war? Gestern noch eine arme Verbannte, angewiesen auf die Großmut ihres wunderlichen Schwagers, heute die gefeierte Erbin ihres berühmten, in seine fürstlichen Ehren und vor allem in sein fürstliches Vermögen wieder eingesetzten Vaters. Und dies Vermögen sollte kolossal sein, mußte kolossal sein, wenn der alte Kolokotron nicht weniger als fünfzig Schlösser auf seinem Gebiete zählte und eine Armee von zehntausend Mann auf die Beine bringen konnte, wie er es während der griechischen Freiheitskriege wiederholt gethan haben sollte. Gethan hatte! Der Präsident von Sydelitz hatte es gestern erzählt, und der mußte es doch wissen! Nun wahrhaftig, der tolle Gustav konnte einen solchen Schwiegervater brauchen! Ein verteufelter Kerl, der Gustav! einer von denen, die, wie junge Katzen, immer auf die Beine fallen! Wie war er vor drei Jahren von hier gegangen: ein geschwenkter Leutnant mit Hinterlassung eines dicken Packetes 398 uneingelöster Ehrenschuldscheine! – wie schien er vor acht Tagen heimgekehrt zu sein: ärmer, wenn das möglich war, als er gegangen; dazu beladen mit Weib und Kind – eine richtige Zigeunergesellschaft – man erzählte sich ja darüber die wunderbarsten Dinge – und heute! Nun, man sah es ihm freilich an, daß ihm das Glück ein wenig, oder auch ein wenig sehr zu Kopfe gestiegen war! Die geschwollenen Adern an den Schläfen, die funkelnden Augen, das nervöse Lächeln um den Mund, die rastlose Vielgeschäftigkeit, mit der er fortwährend durch den Saal, die Zimmer eilte, hundert Gespräche anfangend, von denen er keines zu Ende führte, für jeden eine Frage habend, auf welche er die Antwort nicht abwartete – mein Gott, der rechte Aplomb, die wahre Contenance – das lernt sich nicht an einem Tage, das kommt so mit der Zeit, das will geübt sein! – Und daran wird er's nicht fehlen lassen! Das leibhaftige Abbild seines Vaters! – Jawohl, heute rot, morgen tot! – Aber, gnädige Baronin! – Ei was, sterben müssen wir alle, Ihr mögt nun sagen, was Ihr wollt: der sieht mir so aus, als ob ihm der Tod schon im Nacken säße! – Er ist Ihnen nun einmal antipathisch. – Weiß ich gar nicht, was das ist. Ich weiß nur, daß ich es nicht hübsch von Euch finde, daß Ihr alle jetzt vor dem goldenen Kalb – ich will damit niemand gemeint haben – auf den Knieen liegt, und keiner an den guten Hans denkt, dem die jungen Leute doch zu verdanken haben, wenn sie heute eine so flotte Gesellschaft geben können. – Aber, Gnädigste, warum kommt er nicht in die Gesellschaft? Das ist doch seine Schuld! – Möglich! Aber es gefällt mir nicht, dabei bleibe ich!

Die Gruppe, welcher die Baronin Nadelitz jetzt den breiten Rücken wandte, steckte die Köpfe zusammen. Die schlechte Laune der originellen Dame hatte wohl einen anderen Grund! Man wußte, daß sie mit großem Eifer die Verlobung Axels und der schönen Komtesse Ulrike Uselin betrieb, und wollte bemerkt haben, daß die Sache, trotz der Zustimmung der beiderseitigen Eltern, keinen rechten Fortgang nahm. Komtesse Ulrike war mit ihrem von der englischen Tante ererbten eigenen Vermögen unabhängig und pochte auf ihre Unabhängigkeit. Der arme Axel mußte 399 das heute empfinden, nachdem er gestern beim Fürsten einen Vorschmack davon gehabt haben sollte. Es war ja ein Hauptspaß, wie er fortwährend um sie herum war, und sie ihn niemals sah! – Da eben wieder! – Wo denn? – Da in der Ecke – sie sitzt mit Hertha und scheint die Verlassene zu trösten. Sehen Sie, Axel macht seinen tiefsten Diener hinter dem Rücken der Komtesse, die sich schon wieder zu Hertha gewandt hat. – Das heißt: er hat sie zu Tisch führen wollen und sich einen Korb geholt. – Augenscheinlich! à propos: zu Tisch! ich dächte, es wäre endlich Zeit! – Wo wird denn gegessen werden? – In den Kabinetts, die nach dem Garten liegen; lauter kleine Tische! – Aha! wie gestern bei Durchlauchts! – Aber hoffentlich ein bißchen lustiger. – Da werden eben die Thüren aufgemacht. – Darf ich Ihnen den Arm bieten, meine Gnädige? – Sehr obligiert! Sind Sie engagiert, liebe Eveline? – Nein. – Ich wollte eben die Gnädige darum bitten! – Das ist ja prächtig. Wir vier bleiben natürlich zusammen. – Und bilden eine scharfe Ecke! – Fi donc, Baron! – Mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung der Damen, selbstverständlich! – Die Ihnen nicht gewährt werden wird! – Nous verrons! –

Die beiden Damen der jungen Herren mußten ihre Bewilligung nachträglich denn doch gewährt haben und die anderen ebensowenig grausam gewesen sein, denn überall in den Kabinetts an den kleinen Tischen entzündete sich eine Heiterkeit, die schnell zur Lustigkeit wurde und hier und da zu lärmendem Uebermut ausartete. War auch das ganze Arrangement, wie einzelne Spötter bemerkten, nur eine Imitation des fürstlichen Soupers von gestern – man gab allgemein zu, daß die Imitation gut, die Speisen vortrefflich und die Weine exquisit seien. – Kein Wunder freilich, wenn, bis die Silberflotte aus Griechenland angelangt, Durchlaucht in Prora Küche und Keller aufgethan! – Ach was, Durchlaucht! Den Chateau la Rose kenne ich! Der stammt noch aus dem Keller von Gustavs Vater. – Sie vergessen, daß zu eben diesem Keller die alte Excellenz fünfzehn Jahre lang den Schlüssel geführt; da dürfte denn wohl nicht viel darin geblieben sein. – Ja wahrhaftig, der verstand's! – 400 Und versteht's! – Na, es ist ihm zu gönnen nach den sieben mageren Jahren unter Uhlenhans' Kuratel! – Pst, da kommt Gustav! er hat keine Dame engagiert, um überall sein zu können! – Hierher, Gustav! Hauptkerl! Das ist ein famoser Abend! – Soll noch famoser werden! Eben kommen die Musici – Habe sie expreß von Sundin verschrieben! Also, meine Herren, im Interesse der Damen! – Wir sollen schon aufstehen? fällt uns gar nicht ein. Hier, angestoßen, Gustav! – weg ist er! Wie denken die Damen –? – Still! Da redet einer! Wahrhaftig, der alte Grieben! – Natürlich! der Fürst hat ja gestern auch geredet! Still doch! – Das wird ein Hauptspaß!

Meine Damen und Herren! kreischte zum dritten- oder viertenmale der Graf, der, mit hochrotem, ärgerlichem Gesicht, das Glas in der Hand, neben Isäa, seiner Dame, stand.

Ich werde mich kurz fassen –

Bravo!

Dieses schöne Fest –

Bravo! da capo! – Aber so seien Sie doch still! – Unschicklichkeit. – Bitte, ging das auf mich? – Allerdings! – Wir werden uns nachher – Ruhe! – Stille! –

Nach dem tosenden Lärmen war eine verhältnismäßige Stille eingetreten. Der Graf hatte sich, wie gestern der Fürst, in die Thür des Kabinetts gestellt, so, daß er möglichst gut gesehen und gehört werden möchte.

Meine Damen und Herren, begann er von neuem mit einer Stimme, die sich bereits heiser geschrieen hatte; ich werde mich also kurz fassen. Dieses fröhliche Mahl darf nicht zu Ende gehen, ohne daß wir ein Hoch ausbringen auf diejenigen, welche – Wenn ich sage: diejenigen, welche – so wissen Sie, wen ich damit meine. Also: füllen Sie Ihre Gläser! Diejenigen also, welche uns dieses fröhliche Mahl, will sagen: überhaupt dieses schöne Fest –

Der Redner hatte sich plötzlich unterbrochen und umgewandt. In dem Kabinett hinter ihm klirrte und polterte es; und jetzt ein halb unterdrückter Angstruf, der auch von denen im zweiten Kabinett gehört wurde. Die in den anderen, welche glaubten, 401 der Graf habe nur aus Heiserkeit nicht weiter schreien können, oder er habe, wie gewöhnlich, den Faden verloren, und ihm die Beschämung ersparen wollten, stießen jubelnd an und riefen ein Mal über das andere: hoch sollen sie leben: Gustav und seine schöne Frau! hoch! hoch! während man sich auf jener Seite um den ohnmächtigen Kammerherrn bemühte. Oder war er tot? Er hatte sich bereits erhoben gehabt, das Glas in der Hand, augenscheinlich, um sofort auf den Redner zuzueilen und ihm zu danken, als das Glas aus der zitternden Hand auf den Boden fiel, und er in seinen Stuhl zurück gesunken war – zum Entsetzen seiner Gattin, die an demselben Tische ihm gegenüber gesessen. Bereits waren einige herzu gesprungen, Beistand zu leisten, andere stürzten aus dem Kabinett, den Lärmenden, noch immer Hoch! Rufenden Ruhe zu gebieten, und vermehrten dadurch nur den Wirrwarr. Denn da Rufe in Rufe hinein schallten, Fragen und Antworten sich beständig kreuzten, die Befragten selbst Genaueres nicht wußten, entstanden die verschiedenartigsten Gerüchte auf einmal, während einige jüngere Herren, die dem Weine allzu eifrig zugesprochen, alles nur für einen schlechten Spaß erklärten, den Gustav sich ausgedacht, um sie von ihren behaglichen Sitzen und den erst halb geleerten Flaschen zu vertreiben, bis denn auch die Ungläubigsten zuletzt merkten, daß irgend etwas vorgefallen sein müsse, und nun den andern nach in den großen Saal eilten, dort zu erfahren, was denn eigentlich die unliebsame Unterbrechung ihrer Freude veranlaßt habe.

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