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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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381 Vierzigstes Kapitel.

Um dieselbe Zeit lag Hans am abfallenden Rande des hohen bewaldeten Ufers, hinaus starrend auf des Meeres bleigraue Oede, über deren Rande im Osten eine schwärzliche Gewitterwand langsam sich hob – mit mechanischer Aufmerksamkeit ein einsames Schiff beobachtend, das in einiger Entfernung vom Ufer, mit halben Segeln lavierend, schon seit Stunden nicht aus der Stelle zu rücken schien.

Und auf dem er doch die lange Reise über den Ocean gemacht hatte nach Amerika. Und weiter über Land, so weit, daß die letzten Ansiedelungen hinter ihm lagen und kein Menschenauge mehr in die Einsamkeit seines Urwaldes blickte, an dessen Rande er sich sein Blockhaus zimmerte. Ringsum das Feld, das er der Wildnis abgewonnen, und Gartenland – in geringer Ausdehnung beides, eben groß genug, daß die Ernte eines Jahres für die Mißernte des andern einstehen mochte. Töten wollte er nicht mehr – kein Tier, das friedlich lebte; nur Räuber, mochten sie kommen in Tier- oder Menschengestalt. Die sollten fallen vor seiner alten Büchse. Ohne Erbarmen, wie er ihn hatte töten wollen, der ihm sein Glück und seinen Seelenfrieden und den Glauben an die Menschen und die Heimat und alles geraubt – nur daß er mit ihm unter einem Mutterherzen gelegen, und totbleiche Mutterlippen zu ihm gesagt hatten: sei ihm ein guter Bruder. Nein, die Geschichte von Kain und Abel sollte sich nicht wiederholen. Er hatte ja immer bei sich gedacht: das ist nicht wahr. Und wenn Gott es zugelassen hätte, was er als ein Gott der Liebe doch nicht hat zulassen können, wie könnte ein Bruder den Bruder töten! Dann könnte ich ja auch Gustav 382 töten, und würde es doch nicht, und hätte er mir das Aergste angethan. – Jetzt, da er so nahe daran gewesen, zu thun, was er niemals thun zu können gemeint, – jetzt hatte er wohl an die alte gräßliche Geschichte glauben müssen. Und hatte Abel liegen sehen mit zerschmettertem Haupte, von dem die blonden blutigen Locken in den Aschestaub ringelten, während die schönen schlanken Glieder noch einmal zuckten und dann sich streckten zum Todesschlaf, und er zur Seite stand, der Brudermörder, mit grassen Blicken auf sein Opfer starrend, der Spiele denkend, die er mit ihm gespielt, der Früchte, die er mit ihm geteilt, des Lagers, auf dem sie geschlafen, einer den andern umschlingend; und hatte die mörderische Keule aus den zitternden Händen fallen lassen und war, Verzweiflung im Herzen, hinaus geflohen in die weite Welt. – Ja, deutlich hatte er's gesehen – als wär's da vor ihm geschehen auf der Waldesblöße, an deren Rande er stand; – und hatte die Pistole in die Wipfel hinauf abgeschossen und die Mordwaffe zwischen die Stämme hindurch hineingeschleudert in den Wald; und war nach der anderen Richtung davongeeilt, Gott aus tiefster Seele dankend, daß er ihm gnädiger gewesen, als dem unseligen Kain, den er sich zum grausigen Beispiel auserkoren für die nachkommenden Menschen, wie sie nicht thun sollen, wenn die Versuchung an sie heran tritt.

Und die doch abermals an ihn heran getreten war in anderer Gestalt, als er um die Mittagszeit im tiefsten Walde zusammenbrechen wollte vor Erschöpfung und gern gestorben wäre, nur daß er wußte: es stirbt sich nicht so leicht bei starkem und gesundem Leibe. Da hätte er gern seine Pistole wieder gehabt. Aber eine halbe Stunde davon wohnte der Förster Jasmund, sein guter Bekannter. Eine Erklärung, wie er dahin gekommen, war nicht so schwer; ein Vorwand, um ein Gewehr von dem Manne zu entlehnen, fand sich wohl auch.

So war er zur Försterei gegangen. Der Förster war nicht zu Hause; die junge Frau sehr erstaunt über den seltsamen Besuch zu dieser ungewohnten Stunde, nach dessen Veranlassung zu fragen sie doch nicht wagte. Sie hatte ihm auf seine Bitte Brot und Milch gereicht, und war dann gegangen, ihrem Manne 383 das Essen zu bringen, der in einem entfernten Schlage eine Holzauktion hatte und nicht zu Mittag nach Hause kommen konnte. Da war er denn allein geblieben in dem stillen Hause. Und in der kahlen Stube an der weiß getünchten Wand hing unter anderen Waffen des Försters Büchse geladen. Er hatte sich an den Tisch gesetzt, dem Förster zu schreiben, wo er die Büchse finden würde, und dann bedacht, welche Ungelegenheit er dem braven Manne dadurch bereitete, und welchen Schrecken die arme junge Frau davon haben müßte, die sich so freundlich entschuldigt hatte, wenn sie etwas länger fortbleiben werde, aber der Weg sei weit, und sie könne in ihrem Zustande nicht so schnell gehen, wie wohl sonst.

Und hatte auf das leere Blatt geschrieben: »Zur Taufe für das Erwartete und Glück und Segen!« und hatte ein paar Goldstücke, die er noch von der Reise in der Tasche fand, daneben gelegt, und, ohne noch einen Blick auf die Büchse an der Wand zu werfen, die Stube und das Haus verlassen.

Und war wieder in den Wald gegangen. Er mußte doch einen Plan fassen, und im Walde hatte er immer seine besten Gedanken gehabt. Freilich heute auch schon recht schlimme; und, wenn er sich die auch von Stund' an glücklich abwehrte, die guten wollten darum doch nicht kommen.

Die kamen erst, seitdem er hier auf der Uferhöhe lag, und dem einsamen Schiff verdankte er sie. Ja, das war das richtige: fern, möglichst fern, wo keiner ihn auch nur mit den Blicken fragen würde: was haben sie dir gethan? und er dann, wenn auch nur im Herzen, wieder hätte denken müssen, woran er nicht mehr denken, woran er nicht mehr erinnert sein wollte.

Und deshalb durfte er auch keinen mitnehmen von denen, die er sonst wohl gern mitgenommen hätte, und die ihm auch wohl auf sein erstes Wort gefolgt wären: Frau Riekmann, den treuen Stut, den alten Krischan und – ja, noch eine ganze große Gesellschaft alter lieber Gesichter, die er schmerzlich vermissen würde.

Und doch wohl am Ende entbehren lernte.

Aber die lieben jungen Gesichter, die Gesichter der Kinder 384 mit den hellen Blicken aus blauen und aus braunen Augen, und dem fröhlichen Lachen, das er nicht hören konnte, ohne daß ihm das Herz im Leibe mitlachte – ja, daß er auch die nun missen sollte – das würde die Einsamkeit erst wirklich zur Verbannung machen.

Und in die er doch gehen mußte, wollte er nicht töten.

Sich selbst oder ihn! Sie konnten nicht mehr beide leben in derselben Welt.

So mochte er denn bleiben in der alten, und weiter lügen und trügen und jedes Heiligste schänden, das es gibt in der Menschenbrust.

Und nicht vergessen, Gott zu bitten, daß er ihn nicht wieder in diesem Leben zusammenführen möge mit dem Bruder, dem er das gethan!

Wieder rauschte es in den Buchenkronen, aber lauter als vorhin von einem Windstoße, der vom Meer kam, vor sich her über die grauliche Fläche weißlichen Dunst breitend, in welchem das einsame Schiff bereits verschwunden war. Auf dem kieselbesäeten Strand begannen die Wellen dumpf donnernd aufzuschäumen. Ein paar große Möven, die schon stundenlang unter ihm gefischt hatten, hoben sich und zogen eiligen Fluges an den Kreidefelsen hin zu einer sicheren Stelle.

Er hatte sich erhoben und reckte die steif gewordenen Glieder.

Als er heute früh aus dem Fenster seiner Wohnstube stieg, hatte er ja nicht gedacht, daß er sein Haus jemals wieder betreten würde.

Er mußte es nun doch, wenn auch kaum auf längere Zeit als heute Nacht. Er wollte nur der guten Riekmann, die sich sicher schon um ihn grausam geängstigt hatte, lebewohl sagen; und daß sie es in seinem Namen den paar andern sagen sollte. Und wenn er dahin komme, wohin er wolle, werde er es ihr vielleicht schreiben und sie möge es dann wieder den paar andern sagen. Versprechen könne er es nicht. – Dann wollte er von dem Gelde im Sekretär so viel nehmen, als nach seiner Berechnung zu der Reise und zu der ersten Einrichtung drüben nötig schien. Und nicht mit einem Gedanken wollte er daran 385 denken, was aus dem Rest, was aus seiner Wirtschaft, was aus dem übrigen werden würde. Das hatte er sich zugeschworen. Und er würde seinen Schwur halten und die für ihn Toten ihre Toten begraben lassen.

Er wußte nicht genau, wo er sich befand; es mochten am Strande entlang wohl zwei Meilen nach Alten-Prohnitz sein – ein mühsamer Weg über das Gerölle der Kiesel oder durch tiefen Sand; aber immer noch besser und sicherer als hier oben durch den dichten Wald bei zunehmender Dunkelheit, die ihm bereits jetzt zu schaffen machte, während er in einiger Entfernung vom jähen Rande sich zwischen den Stämmen hin einen gangbaren Pfad suchte.

Doch dauerte es, wie er voraus gesehen, nicht lange, bis er auf eine Schlucht traf.

Zwischen mächtigen Farrenwedeln, jetzt über versumpfte Stellen hin, jetzt auf festgelagerten oder lockeren Steinen am Rande des Wässerchens abwärts kletternd, erreichte er den Strand, den er nun in der Richtung von Alten-Prohnitz weiter verfolgte. Er mußte dort, wenn er nicht abermals einen weiten Umweg machen wollte, durch den Park. Aber er durfte ja sicher sein, daß es um diese Stunde dort so einsam sein würde, wie hier, wo er keine andere Gesellschaft hatte als die Strandläufer, die unsichtbar vor ihm her mit klagendem Pfeifen in der Brandung flatterten.

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