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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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374 Neununddreißigstes Kapitel.

Seit einer halben Stunde hielt bereits die Chaise vor dem Häuschen der alten Schneidersleute, zum unermeßlichen Staunen der Schustersfrau Blank und der Dienerfrau Pasedag, die rechts und links in den Thüren ihrer Häuschen standen und sich ihre Ansichten und Vermutungen über den merkwürdigen Fall durch ein mannigfachstes Mienen- und Gebärdenspiel mitzuteilen versuchten. Zusammenzukommen wagten sie nicht, trotzdem sie nur durch einen so kleinen Zwischenraum getrennt waren. Sie hätten zu diesem Zwecke an der Chaise vorbei gemußt, und da beide, als sie den Wagen hörten, zu gleicher Zeit an die Thür gestürzt waren, hatten sie auch gleicherweise gesehen, daß Excellenz allein hinein gegangen, und das gnädige Fräulein, welches ihr aus dem Wagen und dann die Trittstufen hinauf geholfen, wieder in den Wagen gestiegen war. Also befand sie sich noch in demselben und würde eine etwaige Zusammenkunft jedenfalls in dem rechten Sinne gedeutet und übelgenommen haben, was denn selbstverständlich der Frau Blank die Leute-Kundschaft von Neuen-Prohnitz gekostet, und Frau Pasedag, die ihre älteste Tochter als Ausgeberin in Alten-Prohnitz anzubringen hoffte, um die hochwichtige Gunst der jungen Herrin gebracht hätte.

Unterdessen war Hertha die halbe Stunde wie eine Ewigkeit erschienen. Die Großmama hatte ja gewiß recht und es war unaussprechlich lieb und gut von ihr, daß sie, anstatt ihrer, mit Hanne reden wollte; aber Hanne war so klug und keck und die Großmama so gläubig und mild – das war ein ungleicher Kampf; und doch hing alles von dem Ausgang desselben ab. Endlich!

375 Die Großmama erschien in der Hausthür und kam, gefolgt von den alten Leuten, die Stufen herab. Die alten Leute hatten sehr betretene Mienen; auf den Wangen der Großmama lag eine lebhafte Röte, daß sie, trotz der heute noch nicht aufgelegten Schminke, um zehn Jahre jünger aussah. Ihre sonst so matten, eingesunkenen Augen blickten klar und energisch; und so klang ihre Stimme, als sie im Einsteigen Krischan zurief: nach Neuen-Prohnitz! und daß Er ordentlich zufährt!

Die Wagenthür hatte sich kaum hinter ihr geschlossen, als Hertha rief:

Hans ist unschuldig!

Wie die Sonne am Himmel, sagte die alte Dame; es ist kein wahres Wort an all dem schändlichen Gerede. Aber, laß uns erst von dem Pflaster herunter; man versteht ja sein eigenes Wort nicht.

Hertha lehnte sich in ihre Ecke zurück, überwältigt von einem seltsam gemischten Gefühl. Sie hätte aufjauchzen mögen, und dabei war ihr, als wäre etwas in ihr zerbrochen und auf immer zerstört, und als müßte sie darüber in lautes Weinen ausbrechen. Die Großmama aber schien ganz erfüllt von der Freude über ihren Erfolg. Dachte sie denn nicht daran, daß, wenn Hans unschuldig war, eine fürchterliche Schuld auf Gustav fiel? Oder gab es eine Möglichkeit, die Hans unschuldig ließ, ohne Gustav schuldig zu machen?

Ihre angstvollen Blicke hingen an dem erregten Gesicht der Großmama, die, sobald das Klappern der Wagenräder im Sande der Landstraße schwieg, sich zu ihr wandte und eifrig sagte:

Kein wahres Wort, Herthing! Aber so sind die Menschen: einem anderen was Schlechtes zuzumuten, das kostet sie gar nichts, und hätten sie selbst in ihrem Leben nur Gutes von ihm erfahren. Die Krauses sollten sich schämen; ich habe es ihnen auch gesagt. Wenn ich auf sie gehört hätte, wäre ich gar nicht zu der Hanne hinauf gegangen: Excellenz, wir wissen gar nichts; er hat sie uns gebracht am Sonnabend vor acht Tagen; und kein Wort weiter gesagt, als: pflegt sie gut und ängstigt sie nicht mit Reden! Excellenz, das haben wir gethan: wir haben sie gut 376 gepflegt, und sie mit keinem Worte gefragt. Und sie hat auch kein Wort gesagt, und – na, und so weiter, Herthing, was soll ich Dir das alberne Geschwätz wiederholen! Ich hatte genug davon und habe mich zu der Hanne hinauf führen lassen, die schon aus dem Bett war, aber noch recht kümmerlich aussah. Du kannst Dir denken, daß ich ihr nicht mit harten Worten zugesetzt habe – es ist nicht meine Art: sie war auch ohnedies über mein Kommen so erschrocken, – ich hatte genug zu thun, um sie nur erst einmal zu beruhigen. Sie ist nicht schlecht das Mädchen, nur sehr leichtsinnig, und – Herthing, ich kann Dir das nicht alles wiedererzählen, was sie mir nun unter Thränen gebeichtet hat. Es ist auch nicht nötig. Den Brief hat sie verloren auf der Stelle, wo Du ihn gefunden hast. Sie hat sich das Leben nehmen wollen an dem Morgen, das arme Geschöpf, und hätte es gethan, wenn Hans nicht im letzten Augenblicke dazu gekommen wäre. Sie hat mir auch die anderen Briefe von ihm – Du weißt, wen ich meine – gezeigt, ich habe sie aber nicht gelesen – wozu auch? – ich wußte ja nun genug. Nur den letzten Brief, sagte sie, müsse ich lesen, weil daraus klar hervor ginge, daß sie bis zur Stunde – der Brief war von heute Morgen – immer in der Angst gelebt habe, er – Du weißt, wen ich meine – würde sich ganz von ihr zurückziehen, sobald sie seinen Namen nenne. Ich wollte erst nicht – habe auch überdies meine Brille nicht bei mir – aber sie bat so sehr, und da habe ich ihn mir von ihr vorlesen lassen. Es war denn freilich, wie sie sagte. Er – du weißt, wen ich meine – ist ein sehr, sehr schlechter Mensch, der sich noch dabei über unsern guten Hans lustig macht, und – ja, Herthing, ich kann es Dir nicht ersparen – es ist so, wie wir gefürchtet haben. Gustav hat ihm dabei geholfen. Gustav hat alles gewußt; und der andere schreibt, er würde, da er selber nicht zu kommen wage, Gustav bitten, der mit ihr das weitere besprechen solle.

Also darum, murmelte Hertha, darum!

Was, mein Kind?

Hertha konnte es nicht sagen: daß Gustav ihr das Versprechen abgenommen, ihn nicht zu nennen, wenn sie Hans sein 377 Wort zurückgeben würde. Wäre ja dann doch der Verrat sofort an den Tag gekommen! Und hatte so zu seiner Grausamkeit und Undankbarkeit noch die Feigheit gesellt! Und sie hatte ihn geliebt!

Was wolltest Du sagen, Kind? fragte die alte Dame noch einmal.

Hans darf es nie erfahren! rief Hertha, die Hände von den kalten Wangen nehmend, die ihr doch zu brennen schienen.

Um Gotteswillen nicht! entgegnete die Großmama. Es würde sein Tod sein. Er ist wie sein Großvater. Der war die Liebe und Großmut und Gutmütigkeit selbst – gerade wie Hans. Nichts brachte ihn aus der Fassung, nur die Lüge! Ich erinnere mich einmal – ein Freund, in den er sein ganzes Vertrauen setzte – er vertraute freilich aller Welt – hatte ihn getäuscht – er geriet darüber ganz außer sich – in einen fürchterlichen Zorn – ich glaube, er hätte den Mann getötet, wäre er zur Stelle gewesen. Und doch war es nur ein Freund! Nein, nein, Du hast recht: um Himmelswillen darf Hans es nicht erfahren! Aber weshalb sollte er auch! Mit dem andern Musjö laß mich nur sprechen: er wird gern weiter den Mund halten.

Und was soll mit Gustav werden? fragte Hertha mit gepreßter Stimme.

Der muß fort – das ist klar, erwiderte die alte Dame sehr energisch; ich will ihn nicht mehr sehen, Du kannst ihn nicht mehr sehen – wir sind nicht schuld daran. Ich werde ihm das schon klar machen; Du darfst Dich natürlich nicht hinein mischen – darein erst recht nicht. Die Hauptsache vor der Hand ist, daß Hans auch nicht einmal auf den Gedanken kommen kann, was wir denn eigentlich in Prora gewollt haben. Die Krauses und Hanne habe ich einstudiert; wir werden sagen, daß wir in Prora noch etwas für die Gesellschaft zu besorgen gehabt haben und gekommen seien, ihn abzuholen. Eben deshalb wollte ich über Neuen-Prohnitz. Es sieht ja ganz wahrscheinlich aus. Er wird auch schon nicht fragen; er wird glücklich sein, Dich zu sehen; und so soll es trotz alledem für ihn 378 ein schöner Abend werden – und auch für Dich, Du armes Kind – ein besserer wenigstens, als Du noch vor einer Stunde gedacht hast.

Und wenn Hans noch immer nicht zurück ist? fragte Hertha.

Er ist es sicher; erwiderte die alte Dame.

Sie hatte sich in die Ecke zurückgelehnt mit geschlossenen Augen und war, obgleich sie gerade jetzt die böseste Stelle im Walde passierten und der Wagen manchmal heftig stieß, nach einigen Minuten eingeschlafen. Hertha fand es begreiflich genug – es war ja fast ein Wunder, daß die schwache alte Frau die Anstrengung und Aufregung dieser Stunden nur soweit ausgehalten – dazu die brütende Schwüle, die hier, im tiefen Walde, doppelt drückend war. So saß auch sie denn nun still in ihrer Ecke, von Zeit zu Zeit in das nickende Gesicht blickend, aus dem jetzt jede Spur von Farbe entwichen war und das nun doppelt welk und verfallen erschien; sich voll Bitterkeit fragend, ob es sich verlohne, jung zu sein, und all die Herzenskämpfe bestehen zu müssen, wenn dies das Ende; wünschend, sie möchte auch so schlafen können; sie möchte tot sein, ein für allemal Ruhe zu haben vor dieser Qual, um sich dann wieder, mit brennenden Augen, die nichts sahen, vor sich hin starrend, ganz in diese Qual zu versenken: O, der bodenlosen Schlechtigkeit, des schwarzen Verrates, in dessen Abgrund ich mich von dem Unseligen habe ziehen lassen, um mich nie wieder daraus erheben zu können. Nie! das kann Hans mir nicht vergeben, wenn ich es gestehe. Und gestehe ich es nicht – erfährt er es nicht von einem anderen – ich weiß es doch, daß ich ihm das zugemutet, seine großherzige reine Liebe so mißachtet, so beschmutzt habe – ja, sag' es dir nur wenigstens selbst! und daß du nie wieder offen ihm in das edle Gesicht sehen kannst, vor seinem treuen Auge immer und immer deine Augen niederschlagen mußt! Jetzt erst muß ich fort von hier; jetzt, wo ich jeden Blutstropfen dafür geben würde, könnte ich es wieder gut, könnte ich ihn damit glücklich machen. Und soll ich jetzt sagen: ich liebe dich nicht! Und zu all dem Leid noch die Kränkung fügen, und die nun auch wieder eine Lüge wäre?

379 Sie schrak aus ihren trostlosen Gedanken auf: war denn das schon Neuen-Prohnitz? und in den nächsten Minuten sollte sie vor ihm stehen!

Der Wagen rollte über das holperige Pflaster. Die Großmama rieb sich die Augen. Ich glaube, ich habe geschlafen. Wo sind wir denn?

Sie hielten vor dem kleinen Hause, an welchem Thür und Fenster offen standen. Niemand ließ sich sehen, auch nicht auf dem Hof, der totenstill im fahlen Lichte der sinkenden Sonne lag, welche als ungeheure Kugel blutrot in gelblichem Dunste über dem Scheunendache hing. Nur die Sperlinge schrieen in dem dichten Gezweig der Linden. Krischan klatschte ein paarmal mit der Peitsche: niemand erschien. Hertha sprang aus dem Wagen und wollte im Hause nachsehen. Da kam der halbtaube Boslaf von dem Pferdestall herbei gehinkt. Es sei kein Mensch auf dem Hofe außer ihm; Frau Riekmann sei mit dem Abendbrot für die Leute auf das Feld gefahren.

Und der Herr?

Der alte Mann hielt die Hand an das Ohr. Hertha mußte die Frage lauter wiederholen und erschrak vor der eigenen Stimme: es hatte in der tiefen Stille wie ein Angstschrei geklungen.

Ja so, der Herr! sagte der Alte, weiß ich nicht. Hier ist er nicht gewesen.

Vielleicht auf dem Felde?

Der Alte schüttelte den Kopf: glaub' ich nicht. –

Er ist sicher schon drüben bei uns, sagte die Großmama aus dem Wagen heraus. Komm', Kind; es ist die höchste Zeit.

Hertha war wieder eingestiegen, sie wagte nicht zu bitten, jetzt noch nach dem Felde hinaus zu fahren. Es war ein großer Umweg, wie sie wußte, und sie war überzeugt, Hans würde nicht dort sein. Aber ebensowenig glaubte sie, daß er, ohne erst hierher zu kommen, direkt nach Alten-Prohnitz gegangen sein sollte. Wie wenig er auch auf sein Aeußeres gab, er konnte doch nicht in dem Anzuge, mit dem er über Land gewesen, in der Gesellschaft erscheinen. Sollte er die Gesellschaft ganz vergessen 380 haben? Unmöglich war das bei ihm nicht, aber, wenn auch: wo war er seit dem frühesten Morgen?

Sie hätte es gern laut gefragt; aber eine unbestimmte Angst, die beständig wuchs, schnürte ihr die Kehle zu. Sollte die Großmama ihre Angst teilen? Auch sie sprach kein Wort, und Hertha bemerkte, daß sie wiederholt mit einem eigentümlichen Ausdruck seitwärts nach ihr blickte und dann that, als ob sie an ihr vorüber nach der blutroten Sonne geschaut habe, die, nur noch zur Hälfte sichtbar, in den Dunst tauchte, welcher jetzt wie ein graues Tuch sich von dem Himmel über die Erde zu breiten begann.

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