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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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334 Fünfunddreißigstes Kapitel.

Aus fieberischem Halbschlaf spät erwacht, starrte Gustav in den neuen Tag, der nur gekommen schien, ihm das Elend seiner Lage voll zum Bewußtsein zu bringen. Als wäre mit dem Rausch der Nacht auch der Rausch von ihm gewichen, in welchem er diese ganze Zeit dahingelebt, starrte ihn, was er gethan, vom ersten Moment seiner Ankunft in Prora bis zu der nächtlichen Scene mit Hertha auf der Düne, an, wie das Thun eines Wahnsinnigen. Nur freilich, daß der Wahnsinn schon früher begonnen: in dem Augenblicke, als er seine Rückkehr in die Heimat beschloß. Er hätte eben nicht zurückkehren dürfen, mit einer Frau, die er sich so gewonnen, und die ihn in der Gesellschaft unmöglich machte, sobald man die Wahrheit erfuhr. Nicht bloß in der Gesellschaft! oder hätte er wagen dürfen, Hans, dem Ehrlichkeitskrämer, zu sagen, wie er zu Isäa gekommen, wie er bis zuletzt mit Isäa gelebt? Eine Geschichte also hatte erfunden werden müssen; nun hatte er sich im Ton vergriffen, die Farben zu stark aufgetragen; der verliebte Eifer des Fürsten die Gefahr der Entdeckung der Lüge aufs äußerste gesteigert, so daß es jetzt nur noch eine Frage der Zeit war, wann dieselbe stattfinden würde. Die Reue kam hier zu spät, und – kam überall zu spät: es gab keine Rettung aus dem Wirrsal, als schleunige Flucht.

Aber, wie er jetzt im nüchternen Licht des Tages kalkulierte, doch besser allein, ohne Isäa und das Kind, die ihm nur hinderlich sein würden, im Falle Isäa sich überhaupt zu einem Schritte verstand, welcher der erste in eine Zukunft war, ungewisser, voraussichtlich jammervoller, als die letzte unerträgliche 335 Vergangenheit. Warum sollte sie gehen? Lebte sie ja hier in Herrlichkeit und Freuden! Und ging's damit eines Tages zu Ende, – nun, sie würde sich schon herauszulügen wissen: sie, die Verführte, dem schlechten, gewissenlosen Menschen widerstandslos Ausgelieferte! Wer sollte sich durch ihre Klagen, ihre Thränen nicht rühren lassen! Und nun gar Uhlenhans, der es selbstverständlich für seine heilige Pflicht halten würde, die schmählich verlassene Gattin seines bösen Bruders an dasselbe exemplarische Herz zu drücken, an welchem er bereits die verlassene Geliebte des Verräters mit schützenden Armen hielt!

Gustav lachte höhnisch auf, als ihm die allezeit willige Phantasie den Gedanken sofort in ein Bild verwandelte, und mitten im Lachen brach er ab. Ein anderes Bild stand an der Stelle des ersten: zwei Knaben in einem Bett, über die der Mondschein sein bleiches Licht gießt, und von denen sich der kleinere, jüngere in die Arme des großen, älteren schmiegt – da in demselben Bett vielleicht, in welchem er heute Nacht geschlafen hatte; jedenfalls hatte es an derselben Stelle gestanden. In der ersten Nacht, in welcher sie der Großvater in diese ferne Giebelstube verbannt hatte, wo der Geist von einem betrügerischen Inspektor, der sich da erhängt, umging. Hans war bald eingeschlafen; er aber hatte wach gelegen und den Mondenschein durch das unverhüllte Fenster langsam, langsam an der Wand weiter rücken sehen. Und in dem Schatten hinterher schlich der Inspektor, leise, leise, um ihn zu erwürgen, wenn er bis an sein Bett gekommen sein würde. Die Zähne hatten ihm vor Angst geklappert, und ein Schauer nach dem andern ihn durchfröstelt, während er in Schweiß gebadet dalag. Endlich hatte er's nicht länger auszuhalten vermocht und war, laut schreiend, zu Hans ins Bett geflohen. Der hatte ihn getröstet und gesagt, es gebe keine Gespenster, und er solle ruhig schlafen. Und hatte ihn in seine Arme genommen; und in Hans' Armen hatte er geschlafen bis in den hellen Morgen.

Er fuhr sich mit der Hand über Stirn und Augen und stöhnte laut.

Immer dasselbe schmachvolle Verhältnis der Abhängigkeit, 336 mochte er sich dessen erinnern, was früher war, mochte er sich fragen, wie es nun werden sollte! Wollte er nicht abermals als Vagabund ins Land gehen, mußte er ja wieder zu Hans seine Zuflucht nehmen. Aber ehe ich das thue, will ich hinter dem Zaune verrecken wie ein Hund!

Ein verbissener Trotz war über ihn gekommen, der ihm nach der völligen Entmutigung als eine Wohlthat erschien. Freilich war er ein aufgegebener Mann, wenn er sich selbst aufgab. Aber was zwang ihn dazu? War er seit gestern ein andrer geworden? Hatte er seit Jahr und Tag – ja, im Grunde von jeher – andere Hilfsquellen gehabt, als seinen schnellen Kopf, seinen erfinderischen Geist? War denn dieser elende Winkel die Welt? diese Handvoll bornierter Landjunker die Jury, die endgültig über ihn entscheiden sollte? deren Verurteilung er demütig hinnehmen mußte? Mochten sie von ihm sagen, was sie wollten: daß er vor ihnen zu Kreuze gekrochen, sollten sie nicht sagen dürfen. Wußte er im ersten Augenblicke nicht, wie er sich aus der Klemme helfen sollte, es würde sich schon ein Ausweg finden. Und so sehr pressierte es ja nicht. Ein Zusammenstoß mit Hans war nicht zu befürchten, nachdem er Hertha klüglicherweise das Versprechen abgenommen, ihn nicht zu nennen, wenn es zwischen ihr und Hans zu einer Auseinandersetzung kam. Und die Kolokotronis-Farce mochte trotz alledem noch immer ein paar Tage vorhalten. Das war eine lange Zeit für jemand, der gewohnt war, aus der Hand in den Mund zu leben!

So vollendete er seine Toilette mit aller Sorgsamkeit und begab sich zum Großvater, sich nach dessen Befinden zu erkundigen.

Er traf den alten Mann in fieberhafter Aufregung. Nach einer traurigen Nacht wäre er heute am liebsten gar nicht aufgestanden, oder würde sich doch sofort wieder niederlegen. Aber was dann wohl aus der Gesellschaft würde, der ersten, welche nach Jahren der erbärmlichsten Knauserei und Knickerei auf Prohnitz gegeben werde? Um dem Wirrwarr die Krone aufzusetzen, sei eben die Nachricht vom Felde gekommen, daß »der 337 Herr Baron« nirgends zu finden sei: eine Fortsetzung jedenfalls des gestrigen Ausbleibens vom Feste in Prora! – Und lieber Gustav, glaube mir: es ist nicht bloß seine angeborene bäurische Antipathie gegen den Verkehr mit honetten Leuten, was ihn sich verstecken läßt. Es ist in erster Linie die Furcht, man könne im Namen der Familie, die sich durch ein mesquines Fest blamieren wird, Anforderungen an seine Kasse stellen, über die er eifersüchtiger Wache hält, als Harpagon über seinem Golde. Das ist es: sein niederträchtiger, schmutziger Geiz, mit dem er uns alle, die wir das Unglück haben, von ihm abhängig zu sein, besudelt und zum Hohn und Gespött für die Nachbarn, die Freunde, – zum Sprichwort für die ganze Gegend macht. Arm wie die Prohns! geizig wie die Prohns! Ich sollte mich wundern, wenn Du dergleichen nicht bereits gehört hättest!

Der alte Mann hatte, trotz des heißen Morgens fröstelnd, sich tiefer in den wattierten Schlafrock gehüllt und erschöpft in die Sofaecke zurückgelehnt. Nach der üblen Nacht, noch unter Schmerzen leidend, die er sich zu verbergen bemühte, unfrisiert, ungeschminkt, bot er ein jammervolles Bild tiefen Verfalls, vor dem Gustav erschrak, und das zugleich etwas in ihm erregte, was er sich als Sympathie und Mitleid einzureden suchte, während es, wie ihm sein Verstand sagte, nur die Gemeinsamkeit der Unzufriedenheit mit Hans, des Hasses gegen Hans war; und wenn er jetzt zum Schein das Wort für denselben nahm, er es nur that, sich von dem leidenschaftlichen alten Mann in seinen Empfindungen bestärken zu lassen. Aber der Alte hatte nach dieser Seite seine Galle erschöpft; dafür kam Hertha an die Reihe: die Intrigantin, die Heuchlerin, für die ihre sogenannte Liebe für Gustav nur eine Uebung in der Koketterie gewesen sei, in der Kunst, einen Mann zu erobern, der ihr eine Stellung in der Gesellschaft verschaffte, nach welcher ihr Ehrgeiz von jeher gestrebt.

Ich habe es wohl gemerkt, meine Junge, daß Du Dich noch immer für sie interessierst, rief er, aber wie von Herzen ich dem Menschen gönne, daß Du ihn bei ihr ausstichst, gib es 338 auf, meine Junge! die kleine Hexe ist viel zu klug, als daß sie es, dem Ritter von Habenichts zuliebe, mit dem Herrn Habealles verderben sollte. Das bißchen gelegentliche Schmollen mit ihm sagt gar nichts; das ist wieder eine von ihren Künsten, den scheuen Thyrsis noch verliebter zu machen. Ich wollte Dir das schon immer sagen; und es ist mir lieb, daß ich jetzt die Gelegenheit dazu habe. Und noch eines, lieber Gustav, was ich Dich dringend zu beherzigen bitte. Wenn Du es fertig bringen solltest, Dich auf die Dauer unter das Joch Deines Bruders zu fügen: zwischen den beiden Frauen wird nie auch nur ein leidliches Verhältnis sich herausstellen. Ich sage Dir: Hertha haßt Deine Frau jetzt schon; muß sie hassen, sie, die ihr an Schönheit, Geist, Grazie, und – Du nimmst es mir nicht übel, mein Lieber: an Koketterie tausendfach überlegen ist. Sapristi, mon cher! das war gestern eine Musterleistung, ein Triumph, in welchem ich geschwelgt habe, trotzdem ich Höllenschmerzen in meinen Knochen ausstand. Das übertraf die höchsten Leistungen der berühmtesten französischen Muster! Es war zum Entzücken, wie sie den alten verliebten Gecken an seiner fürstlichen Nase führte: mit diesen unschuldigen Mienen, mit dieser Naivität, die gar nicht begreifen konnte, was die Leute eigentlich hatten! über ihre eigenen Erfolge so große verwunderte Augen machte! Liaisons dangereuses? heh? Liaisons dangereuses – parbleu!

Der Alte war in ein kicherndes Gelächter verfallen, das in einem bösen Husten endete, während er zugleich, stöhnend vor Schmerz, nach dem kranken Knie griff. Gustav wollte die Großmama rufen; der Alte wehrte ab: dann müsse er ins Bett; er wolle nicht ins Bett; er wolle nach langen Jahren der Entbehrung endlich einmal ein paar vergnügte Tage haben, wie gestern, und wie der heutige werden sollte, trotz aller pietistischer Kopfhänger und moralischer Maulwürfe. – Und ein Spielchen müssen wir nach dem Souper haben, Gustav; ein Spielchen in einem separaten Kabinett, unsern Finanzen ein wenig aufzuhelfen, Gustav, meine Junge!

Gustav hatte den völlig Erschöpften, nachdem der Anfall 339 vorüber, auf seine Bitte in der Sofaecke zu einem höchst wünschenswerten Morgenschlaf allein gelassen, und strich durch die von Lärmen erfüllten Zimmer, halb voll brennenden Verlangens, halb voll banger Furcht, Hertha zu begegnen. Statt ihrer fand er die Pahnk, von der er erfuhr, daß Hertha mit dem Koch sich berate, und das Nähere von den Nachrichten, welche Rike vom Felde mitgebracht hatte. Ob er nicht selber einmal hinaus reiten und den alten Stut zur Raison bringen wolle? auch sich nach Hans umsehen, der denn doch nicht ewig ausbleiben könne an einem Tage, wie dieser, wo alle Augenblicke Bestimmungen getroffen werden müßten, die keiner ohne ihn treffen möge, wovon denn das Ende sei, daß alles darüber und darunter gehe?

Gustav hätte gern von der Pahnk herausgebracht, in welcher Stimmung Hertha heute Morgen sei; aber sie, die während der wenigen Minuten, seitdem Hertha sie allein gelassen, bereits vollständig den Kopf wieder verloren hatte, stürmte davon. Er irrte weiter durch die Zimmer, rückte an den Möbeln, kramte an den Etageren – Hertha erschien nicht. Er ließ durch eine der Mägde bei ihr anfragen, ob er ihr guten Morgen sagen dürfe; nach kurzer Zeit kam die Antwort: das gnädige Fräulein bitte um Entschuldigung, sie sei eben sehr beschäftigt. Es war offenbar: sie wollte ihn nicht sehen. Wut im Herzen ging er hinab und klopfte an der Thür von Isäas Zimmer, um durch dieselbe Zoës ärgerliche Stimme zu hören: Die Herrin habe Migräne und streng verboten, sie zu stören.

Daß das letztere eine Lüge war, davon konnte er sich überzeugen, als er ein paar Minuten später aus der Hausthür trat und vor derselben den Kammerdiener des Fürsten fand, der sich anschickte, auf dem leeren Wagen zurückzukehren, und noch gerade Zeit hatte, dem Herrn Baron mitzuteilen, er habe soeben die Ehre gehabt, der Frau Baronin ein Boukett von Monseigneur überreichen zu dürfen.

Der saubere Handel von gestern Abend zwischen dem hohen Herrn und der Buhlerin wurde also heute Morgen mit frischen Kräften fortgesetzt! Es war doch recht anständig von ihr, daß 340 sie ihn nicht empfangen, und er sich einer Dummheit weniger zu schämen hatte!

Er ging in den Stall und hieß Krischan den Figaro satteln. Krischan sagte, ob der Baron das nicht selber thun wolle; der Herr Baron sehe, daß er bereits aufgeschirrt habe, um für Fräulein Hertha nach Prora zu fahren, und das gnädige Fräulein habe es sehr eilig gemacht.

In Gustav kochte es, aber er hielt an sich und begann, ohne den Alten einer Antwort zu würdigen, das Tier zu satteln, während jener seine Pferde zum Stall hinausführte. Zwischen ihm und dem Alten, der schon bei seinem Vater Kutscher gewesen, bestand eine Feindschaft, solange er denken konnte; dafür war derselbe natürlich ein Intimus von Hans. Sie hielten ja alle zu Hans, der freilich durch seine dumme Gutmütigkeit das freche Volk nur immer frecher machte.

Er saß auf und ritt nach dem Platze, wo er den Statthalter mit den Leuten wußte, deren lange Schar er schon von weitem sich in die Roggenbreiten hineinarbeiten sah. Als er sich näherte, traten ein paar Frauen aus der Reihe ihm entgegen, nach alter Gewohnheit, auf die er sich doch erst wieder besinnen mußte, unter Absagung ihres Spruches ihm ein paar Aehren um den Arm zu »binden«, wofür er sich dann zu bedanken und mit einigen Geldstücken »auszulösen« hatte. Er gab den hübschen Dirnen reichlich, ohne sie, wie ihm schien, dadurch vertraulicher zu machen, und sagte ihnen einige Scherzworte, über die sie lachten, aber offenbar nur, weil ihnen sein Plattdeutsch, das er halb verlernt hatte, befremdlich klang. Aergerlich über sein mißglücktes Auftreten, ritt er zu dem Statthalter heran und sagte ihm, er solle sofort ein halbes Dutzend Leute, Männer und Frauen, die man im Hause und auf dem Hofe dringend nötig habe, hinein schicken.

Ich habe keinen Menschen übrig, sagte Stut, an ihm vorbei nach dem Himmel sehend.

Ich befehle es Ihm, rief Gustav.

Der Statthalter nahm den kurzen Strohhalm, an dem er gekaut hatte, aus dem Munde und entgegnete ruhig:

341 Entschuldigen Sie, Herr Baron! Ich habe nur einen Herrn, der mir zu befehlen hat, und das ist der Herr Baron, Ihr Bruder. Und mein Herr hat mir befohlen, daß ich heute Roggen schneiden und binden lassen soll mit allen Leuten. Und das werde ich mit des Herrn Barons Erlaubnis so lange thun, bis ich andere Ordre von dem Herrn kriege, was bis jetzt noch nicht geschehen ist.

Wenn ich nicht bedächte, knirschte Gustav, daß es hier vor den Leuten ist, so schlüge ich Ihm meine Reitpeitsche um die Ohren. Verdient hat Er's!

Er hatte sein Pferd dicht an den Mann herangedrängt, der aber keinen Zoll zurück wich, sondern, die stämmigen Beine in den hohen Stiefeln nur ein wenig spreizend und die eine Hand wie zufällig an das verblichene Band des eisernen Kreuzes in dem Knopfloch seines blauleinenen Rockes legend, mit bedeutungsvollem Ton sagte:

Es ist auch gut, daß sich der Herr Baron bedenken.

Er nahm die breitschirmige Mütze mit der Landwehrkokarde ab, und wandte sich wieder zu den Leuten, von denen auch die zunächst Befindlichen glücklicherweise entfernt genug gewesen waren, um eben nur Augenzeugen der Scene gewesen zu sein.

Gustav blickte ihm finster nach, schwankend, ob er den angefangenen Streit fortsetzen solle. Dann warf er das Pferd herum und sprengte in Galopp über die Stoppeln zwischen den Hocken hin, auf den Weg nach Neuen-Prohnitz. Hans mußte doch endlich einmal nach Hause gekommen sein. Er fühlte sich ganz in der Stimmung, ihm jetzt gegenüber zu treten, ihm zu sagen: Das sind deine Leute, über die ich gemeinschaftlich mit dir Herr sein soll; so erkennen sie meine Mitherrschaft an! Ich danke dir für deine gute Absicht und das erbärmliche Leben, das ich unter solchen Umständen hier führen würde. Heute ist der letzte der elenden Tage, die ich, Gott sei's geklagt, hier zugebracht habe. Morgen früh bin ich weit von diesen verdammten Lehmklößen, die mein Fuß niemals wieder hätte betreten sollen. Gib mir noch ein paar hundert Thaler, daß ich nicht gleich zu betteln brauche, es sollen die letzten sein, die du an mich wegwirfst.

342 Mit einem Ruck hielt er das Pferd an. Wenn Hans nun doch nicht zurück war – vielleicht nach Bergen zu seinem Anwalt – wo in aller Welt sollte er sonst sein? – vor heute Abend nicht zurück kam –

Er griff in die Tasche. Da war der zweite Schlüssel zu dem Sekretär. Hans hatte ihm denselben gleich am ersten Tage gegeben: er solle nehmen, soviel er brauche. Es waren in der letzten Zeit nur noch ein paar hundert Thaler darin gewesen; aber vorgestern hatte Hans gesagt: ich bringe morgen einen großen Sack voll Geld! – Wenn der jetzt auch in dem Sekretär war!

Mit ein paar hundert Thalern kommt man nicht weit; ich zum wenigsten nicht, wenn ich auch allein bin. Mit ein paar Tausend – geradewegs nach Nizza – in ein paar Wochen hat er den Bettel mit Zinseszinsen wieder, und ich bin mein eigner Herr.

Tief aufatmend hielt er still und blickte düster auf die Strohdächer des Hofes, die jetzt, bereits dicht vor ihm, von dem Sonnenschein übergossen, ans dem Grün der Bäume und Büsche hervor ragten.

Wenn ich wüßte, daß er nicht da wäre!

Er fuhr zusammen: aus dem Eingang in den Hof, der ihm zugekehrt war, trat ein Mann. Es war nicht Hans: ein Knecht, der raschen Schrittes auf ihn zu kam. Der Statthalter hatte ihn vor einer Viertelstunde hineingeschickt, nachzufragen, ob der Herr noch immer nicht zurück sei. Der Herr war nicht zurück. Frau Riekmann wisse gar nicht, was sie davon denken solle.

Der Knecht schritt weiter. Gustav setzte sein Pferd langsam wieder in Bewegung und wandte es plötzlich.

Nein! das soll er von mir nicht sagen dürfen!

Im Trabe ritt er an dem Knecht vorüber bis zu der Stelle, wo der schmalere Weg nach dem Gehöft, von dem Kommunalwege, welcher direkt von Alten-Prohnitz nach Griebenitz führte, durchschnitten wurde, und dann auf diesem weiter. Wenn die Auseinandersetzung zwischen Axel und seinem Vater, wie zu vermuten stand, bereits stattgefunden hatte und gut verlaufen war, 343 mußte Axel augenblicklich über eine bedeutende Summe verfügen können. Jedenfalls war es unverfänglich, wenn er heute Morgen in Griebenitz vorsprach, oder Axel abholte, der ja so wie so herüber kommen wollte.

Scharf und schärfer reitend, war er in kurzer Zeit bis zur Ecke des Prohnitzer Waldes gelangt. Er hielt im Schatten der letzten Tannen den triefenden Gaul an und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Jenseits der gewaltigen Weizenbreiten, durch die sich weiter der Weg zog, schimmerte aus den Laubmassen des Parkes das Griebenitzer Schloß, hier und da ein Stück seiner Fassade zeigend: eine Ecke des mächtigen Balkons über dem säulengetragenen Portal, eine Flucht der mit grünen Jalousieen geschlossenen Fenster des oberen Stockwerkes mit seinen prächtigen Gesellschaftssälen. Und jenseits des Schlosses wieder Weizenbreiten an Weizenbreiten und Wiesen und Busch und Wald. Und so immer weiter – zwei Stunden kann ich auf meinem Grund und Boden in gerader Linie traben, hatte der Graf in seinem schauderhaften Französisch gekräht, als er mit Isäa drüben Visite machte; und wenn der alte apoplektische Schreihals eines Tages am Schlage starb, war Axel der Herr.

Axel! welche äußere Begabung oder welches innere Verdienst hatte Axel vor ihm, daß er in diesem ungemessenen Reichtum schwelgen durfte, während er hier, auf geliehenem Gaul, mit leerer Tasche, am Waldesrande lungerte: ein wahrer Ritter von Habenichts, der richtige Buschklepper, der nicht wußte, wovon er morgen leben würde, er mußte es denn stehlen! Axel, der Spieler, der Trinker, der Frauenjäger – der Mensch, der vom Knabenalter an jedem Laster gefröhnt hatte, – wie andere Leute freilich auch, – nur, daß er noch jedes in den Schmutz seines Geizes niederdrückte! dem die genossene Lust nur eine halbe war, hatte er sie nicht halb so billig gehabt, wie die Kameraden! und eine ganze erst, wenn sie ihm nichts gekostet! Und der doch Schulden in solcher Höhe aufgehäuft! wie mußte der schlechte Zahler da geschwelgt haben! Und hatte deshalb nicht nötig gehabt, als ein Ausgestoßener in die weite Welt zu gehen; sich durch die Welt zu lügen und zu trügen, um sich zuletzt in 344 all dem Lug und Trug zu fangen, wie ein Kramtsvogel im Sprenkel!

Er lachte laut auf, daß es aus der blauen Dämmerung in dem Waldesdom hinter ihm widerhallte.

Ein Spaß war doch dabei! Isäa machte die Rechnung ohne den knickerigen Wirt! Wunderlich, daß die Schlaue noch nicht darauf gekommen war! erst darauf kommen würde, wenn es zu spät war und der beleidigte Gatte über alle Berge: du hast ja nicht hören wollen; es vorgezogen, bei deinen guten Freunden zu bleiben – nun sieh' zu, wie du ohne mich mit ihnen fertig wirst! Ja, beim Himmel! er durfte es ruhig riskieren, und ihr eine gemeinschaftliche Flucht vorschlagen. Sie würde Nein sagen, und er hatte dann auch nach der Seite ein leichtes Gewissen!

In der Ferne zwischen dem sonnenbestrahlten wogenden Kornmeere erhob sich eine Staubwolke, aus der ein Reiter auftauchte, um jetzt hinter einer Reihe Weiden am Wegesrande zu verschwinden und, nun schon in größerer Nähe, wieder zu erscheinen: Axel. Er mußte es sehr eilig haben: schon nach wenigen Minuten kam er bereits den Weg, welcher sich an dieser Stelle durch einen Einschnitt hob, herauf galoppiert und parierte sein keuchendes Pferd.

Donnerwetter! ich hatte Dich gar nicht gesehen. Du hast mich richtig erschreckt. Wie kommst Du denn hierher?

Ich wollte eben zu Dir.

Dann habe ich Dir ja ein gut Stück Weges erspart; ich wollte zu Euch.

Sie hatten sich die Hände gegeben; Axels Blick hatte dabei nur sehr flüchtig Gustavs Gesicht gestreift, der seinerseits dem Freunde, an dessen Seite er jetzt ritt, scharf auf Mund und Augen spähte. Offenbar war Axel die Begegnung nichts weniger als lieb; die Fragen nach dem Befinden der Großeltern und der Damen kamen zögernd und halb verlegen heraus; als er selbst mitteilte, daß Isäa Migräne habe und niemand sehen wolle, zuckte der lange Schnurrbart auf einer Lippe, die sich scharf über einer rechtzeitig unterdrückten Antwort zu schließen 345 schien. Hatte Axel sagen wollen: für mich wird sie zu sprechen sein?

Und wie ist es heute Morgen abgelaufen? fragte Gustav, eine längere Pause unterbrechend.

Heute Morgen? ach so! mit dem Alten, meinst Du. Nun ganz gut – selbstverständlich!

Gestern noch war es Dir gar nicht so selbstverständlich. Indessen: ich gratuliere.

Danke! Der Alte war sogar sehr gemütlich, wollte schon lange gesehen haben, daß ich etwas derart auf dem Herzen hätte; habe mich nur noch etwas zappeln lassen. Mit einem Wort: ganz scharmant, sogar spendabel: habe mehr bekommen, als ich brauche.

Das kannst Du ja dann einem guten Freunde zukommen lassen, der es sehr nötig braucht.

Einem guten Freunde?

Zum Beispiel mir.

Brauchst Du Geld?

Ein bittres Lächeln schürzte Gustavs Lippen.

Gott sei Dank, nein; erwiderte er. Und dann wärst Du auch der letzte, an den ich mich wenden würde.

Das dürfte ich übelnehmen; aber es ist mir lieb, daß Du kein Geld nötig hast; ich könnte Dir beim besten Willen nichts geben, ich meine nicht sogleich. Du weißt, man beichtet seine Schulden niemals ganz; ich habe es heute Morgen auch nicht gethan, – dummerweise; und wenn ich alles abwickeln sollte, was ich nicht gebeichtet, so hätte ich ebensoviel Tausend zu wenig, wie jetzt scheinbar zu viel.

Du verteidigst Dich so eifrig, als ob meine Versicherung, daß Du der letzte sein würdest, von dem ich mir helfen lassen möchte, Spaß gewesen wäre. Ich kann Dich versichern, es war mir ausnahmsweise bitterer Ernst damit.

Da Du darauf zurück kommst, muß ich wohl oder übel fragen, was Du damit sagen willst?

Du brauchst Dich nicht zu echauffieren; es ist nichts, was Dich beleidigen könnte. Ich möchte nur vermeiden, was doch 346 bei dem freundschaftlichen Verhältnis, in welchem Du nicht bloß zu mir, sondern zu meiner Frau stehst, möglich wäre: daß böse Zungen hinterher sagten, Du habest Dein Geld nicht dem Freunde, sondern dem gefälligen Ehemann geliehen.

Eine flammende Röte entbrannte auf Axels mageren Wangen. Er hielt den Schimmel an und rief:

Dann thue ich freilich wohl besser, Dir hier Adieu zu sagen!

Gustav lachte hell auf.

Nimm es mir nicht übel, Axel; aber mit Deiner sonst ganz leidlichen Logik ist es heute schwach bestellt. Kann denn ich dafür, was die Leute sagen würden? und ist es nicht meine einfache Pflicht, so zu handeln, daß sie es nicht sagen können? Ueberdies, wäre ich dumm genug, eifersüchtig zu sein, so hätte ich ein wirksames Mittel für meine Leiden in Bereitschaft: ich würde eben sofort mit Isäa abreisen, wie ich es in kurzem auch ohne das thun muß.

Du hast die Oldenburger Affaire noch immer nicht aufgegeben?

Ich denke nicht daran. Du weißt, ich wollte mir hier nur von Euch eine Quittung über meine Rehabilitierung in der Gesellschaft holen, die ich am Oldenburger Hofe präsentieren kann. Du wirst mir zugeben, daß ich sie gestern in optima forma empfangen habe.

Gewiß! zweifellos! Du kannst nicht mehr verlangen – es war ein kolossaler Succeß – ein Triumph. Und Du willst Deine Frau mitnehmen?

Wenn Du eine solche Frau hättest, würdest Du eine – so kluge Frage gar nicht thun.

Sage ruhig: eine so dumme! Du hast recht; völlig recht. Es ist freilich eine richtige Kalamität für uns: euch beide auf einmal zu verlieren! Der Fürst wird außer sich sein.

Er wird schon wieder zu sich kommen. Entre nous: seine Rokoko-Galanterie ist nicht ganz nach meinem Geschmack. Und ich kann des alten Herrn Betragen nicht so einfach korrigieren, wie ich es bei jedem andern bereits gethan hätte.

Ohne Zweifel, ohne Zweifel, murmelte Axel mit einem 347 stieren Blick über die Ohren seines Schimmels weg, während um Gustavs Lippen ein höhnisches Lachen zuckte. Wenn es auch in seinem Verhältnisse keinen Sinn hatte, den Beleidigten herauszukehren, so war es doch eine Wollust, den Beleidiger, ohne daß er sich wehren durfte, durch Spott und Hohn in dieselbe qualvolle Stimmung hinein zu martern, die in der eignen Brust wühlte.

Und wie stehst Du nun eigentlich mit der Hanne? begann er von neuem. Heute war ja wohl der Termin, bis zu welchem Dir Hans seine Verschwiegenheit zugesagt hatte?

Es ist gut, daß Du davon anfängst; erwiderte Axel. Du erinnerst Dich, wir waren übereingekommen, die Sache möglichst in Ruhe –

Und auf Hans sitzen zu lassen, unterbrach ihn Gustav.

Nun ja, wenn Du es so nennen willst, fuhr Axel fort; indessen, offen gestanden, mir war dabei nicht ganz wohl zu Mute. Es ist eigentlich etwas illoyal gegen Deinen Bruder – er könnte es wenigstens mit Recht verübeln, wenn ich seine Güte länger, als für mich unumgänglich oder doch wünschenswert war, in Anspruch nähme. Ich will ihm das heute sagen, und –

Ich bitte mir aus, daß Du den Mund hältst! rief Gustav heftig.

Ich verstehe Dich nicht; sagte Axel.

Die Sache ist sehr einfach, fuhr Gustav fort. Ich habe, wie Du recht gut weißt, auf Dein Konto mitgelogen. Es kostete mich ein Wort, die Leute in Prora, die mit Fingern auf Hans weisen, über den wirklichen Vorfall aufzuklären; ich habe es nicht gethan. Das könnte nun Haus wieder mir verargen, wenn es zur Sprache kommt; und ich wünsche, während der wenigen Tage, die ich voraussichtlich nur noch hier bin, mit Hans in Ruhe und Frieden zu leben. Ich denke, Du wirst das begreifen.

Nun ja, erwiderte Axel sehr verlegen; ich begreife das schon. Indessen, wenn Hans heute selbst von der Sache anfängt und darauf dringt, daß ich hervor trete?

348 Es sieht das Hans gar nicht ähnlich. Und einer Bitte Deinerseits, noch einige Tage zuzulegen, wird er gern nachkommen.

Gut. Und wenn die Hanne selbst mit der Wahrheit herausrückt?

Das ist, nach ihrem ganzen bisherigen Verhalten, äußerst unwahrscheinlich. Sie steht offenbar noch unter dem Druck Deiner Drohung, Dich gänzlich von ihr zurück zu ziehen, wenn sie nicht reinen Mund hält. Ich weiß mit Bestimmtheit, daß sie es bis jetzt gethan hat und sich in der Rolle, in die sie durch Hans' Einmischung geraten ist, sehr gut gefällt. So ein bißchen Komödienspiel war von jeher ihre Leidenschaft. Von ihrer Seite wird also sicher nichts geschehen ohne Deine Erlaubnis. Und ich wünsche eben, daß Du diese Erlaubnis nicht gibst. Ich denke, daß ich mich vollkommen klar ausgedrückt habe.

Mein Gott, ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen, rief Axel mürrisch, und dachte mit Schrecken daran, was wohl Gustav sagen und was er thun würde, wenn er den Inhalt des Briefes kennte, den er vor einer halben Stunde der Milchfrau, die nach Prora fuhr und in dem Hause der Krauses gut bekannt war, zugesteckt hatte, unter strenger Ordre, ihn nur der Hanne selbst einzuhändigen.

Sie hatten inzwischen den vorspringenden Wald umritten. Der Anblick der Leute, welche in der Entfernung auf dem Felde arbeiteten, bot Axel die erwünschte Gelegenheit, ein anderes Thema anzuschlagen.

Ich sehe, Ihr seid schon beim Schneiden, sagte er; wir wollen morgen anfangen; aber Hans ist uns immer mindestens einen Tag voraus. Und dabei wollt Ihr heute eine große Gesellschaft geben! Na, Ihr seid ja Eurer zwei: Du für die Gesellschaft, Hans für den Roggen.

Vorläufig bin ich für beides, erwiderte Gustav. Hans ist nach Bergen zu einem Termin – in der Waldsache, weißt Du. Und dabei fällt mir ein, daß ich Dich bitten muß, allein weiter zu reiten. Ich habe in Neuen-Prohnitz noch einiges zu erledigen. Auf Wiedersehen also in höchstens einer Stunde.

349 Wenn ich dann noch da bin!

Oder auf heute Abend!

Er winkte mit der Reitgerte und bog in den Weg nach Neuen-Prohnitz, während Axel auf dem nach Alten-Prohnitz weiter ritt.

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