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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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324 Vierunddreißigstes Kapitel.

Isäa hatte Zoë in die Küche geschickt, endlich für das weinende Kind die Milch zu holen. Die Alte war ungern gegangen: auf alle ihre Fragen hatte sie in der Nacht, als sie die Herrin in das Haus zurück begleitete, und jetzt wieder entweder keine Antwort erhalten, oder eine solche, die ihre brennende Neugier durchaus nicht befriedigte. Isäa beendete langsam die angefangene Morgentoilette, froh, daß sie wenigstens für kurze Zeit vor der Geschwätzigen Ruhe hatte, gegen die sie sich klüglich in Schweigen hüllte, um die eigene innere Unsicherheit nicht allzu deutlich zu verraten. Wie sollte sie sich entschließen? wie konnte sie überhaupt zu irgend einem Entschluß gelangen, solange sie in völliger Ungewißheit über die Wirkung war, welche die Entdeckung der Komödie, die sie ihm vorgespielt, auf den Fürsten haben würde? Das war für den Augenblick die wichtigste Frage, von deren Erledigung alles abhing. Gab der alte Herr seinem Unwillen, seinem Zorn nach, trieb er es, indem er die Lüge aufdeckte, zu einem öffentlichen Eklat – nun, so blieb freilich nichts übrig, als das Versprechen, durch welches sie heute Nacht Valianos beglückt hatte, einzulösen, und sich von ihm aus einer Situation retten zu lassen, die nach allen Seiten unhaltbar geworden war. Fand der alte Herr in seinem verliebten Herzen nicht den Mut, sofort mit ihr zu brechen – und sie hoffte mit einiger Zuversicht, daß er ihn nicht finden würde – blieb mithin das Geheimnis für ein paar Tage, oder auch nur für einen Tag gewahrt, galt es die Entscheidung der zweiten Frage: wird Axel sich bereden lassen, die 325 gemeinschaftliche Flucht, zu der er sich gestern halb und halb bereit erklärt, heute ins Werk zu setzen? That er es – nun denn: lebe wohl, Valianos! auf Nimmerwiedersehen trotz des süßen Feuers deiner Küsse! – That er es nicht – aber er würde es thun; er mußte es thun – er, der Einzige von den Dreien, auf den man bauen konnte, was man ungefähr eine Zukunft nennen durfte. Wäre doch nur erst die Entscheidung von Prora da!

Und da kam sie in der Gestalt Baptistes, des französischen Kammerdieners, der seinen Herrn und sie gestern bei Tisch bedient hatte. Eben ging er unter dem Fenster, an welchem sie stand, vorüber, bedächtigen Schrittes, ein ungeheures Boukett in den Händen. Augenscheinlich wollte er zu ihr. Sie warf einen Blick durch das Zimmer: hier konnte sie nicht einmal einen Diener empfangen. So huschte sie denn in das Vorzimmer, warf ein paar Garderobestücke, die auch dort auf den Stühlen und am Boden lagen, in eine Ecke und rief auf das Klopfen, das jetzt an der Außenthür erschallte, ein leises: Entrez!

Baptiste trat unter tiefer Verbeugung herein: er bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn er Madame so früh störe. Aber man habe ihn hierher gewiesen, damit er sich des Auftrages von Monseigneur entledigen könne, dies in die eigenen Hände von Madame abzuliefern.

Unter abermaliger tiefer Verbeugung bot er ihr jetzt das Boukett, in welchem er, erst vor der Thür, ein kleines Billet derart angebracht hatte, daß es Madame sofort sehen mußte.

Sie hatte es sofort gesehen. Sollte sie es in Gegenwart des Mannes öffnen?

Ueber den Rand des Bouketts, das sie ihm abgenommen, und in welches sie jetzt, wie um den Duft der herrlichen Blumen einzuatmen, ihr Gesicht drückte, warf sie einen Blick in Baptistes Augen – ein paar grauer stechender Augen, die sich vor ihrem Blick keineswegs niederschlugen, sondern nur ein wenig zusammendrückten und listig zwinkerten. Isäa war entschieden. Ob der Mann von seinem Gebieter ins Vertrauen gezogen war – wie wohl möglich; ob er es erraten oder erlauscht hatte – jedenfalls wußte er, um was es sich handelte. 326 Vor ihm brauchte sie sich nicht zu genieren; es wäre thöricht, vielleicht gefährlich gewesen, hätte sie's gethan.

So unterließ sie denn den kleinen Ueberraschungsschrei beim Erblicken des Billets, welchen sie bereits auf der Zunge gehabt hatte, und führte es nur an die Lippen, bevor sie es öffnete, und las:

Schloß Prora. Nachts 2 Uhr.

Ich habe versprochen, mich nicht weiter einzumischen. Ich vermag es nicht. Ich vermag nicht, Sie – o, mein Gott, muß ich das entsetzliche Wort schreiben: zu verurteilen, ohne Sie gehört zu haben. Sagen Sie mir, daß alles, was jemand, den Sie nicht kennen, der aber Sie und Ihre Verhältnisse in der Heimat zu kennen behauptet – nein, nein! weshalb Sie weiter locken auf dem abschüssigen Wege! – es kann keine Lüge sein – der Charakter meines Gewährsmannes schließt diese Möglichkeit völlig aus; es kann kein Mißverständnis obwalten – dazu sind seine Angaben zu exakt – dennoch, dennoch – ich beschwöre Sie, wenn Sie es können, sagen Sie mir ein Wort, das mir den Glauben an die Menschheit zurück gibt. Können Sie es nicht – und großer Gott, Sie werden es nicht können! – fliehen Sie! fliehen Sie aus einer Gesellschaft, in der Sie nicht länger weilen dürfen! Sie werden einen diskreten Weg zu finden wissen, auf welchem Sie die Wünsche eines Herzens begleiten werden, das Sie zerrissen haben, das aber nicht aufhören wird, für Sie zu beten.

Isäa faltete langsam das Blatt zusammen und blickte Baptiste wieder in die zwinkernden Augen.

Glauben Sie, daß Monseigneur eine Antwort erwartet?

Ohne Zweifel, Madame. Ich darf noch mehr sagen: Monseigneur würde außer sich sein, wenn ich ohne Antwort zurück käme. Wollen mir Madame einen Rat verstatten?

Sprechen Sie!

Es kann uns hier niemand hören?

Niemand.

Und Madame wird mir nicht zürnen, was ich – in der 327 einzigen Absicht, Madame aus meinen schwachen Kräften einen Dienst zu leisten – sagen werde?

Ich werde Ihnen nur dankbar sein.

Baptiste trat einen Schritt näher und sagte mit noch leiserer Stimme, als mit welcher er schon bis jetzt gesprochen hatte:

Legen sich Madame nicht aufs Leugnen; es würde nichts helfen: ich habe aus dem Nebenzimmer die ganze Unterhaltung zwischen Monseigneur und Herrn von Lilien Wort für Wort belauscht. Herr von Lilien ist dann sofort wieder abgereist – er hat notwendig in Sundin zu thun – und vor ihm hätte Madame bis auf weiteres Ruhe. Aber das nützt Madame nichts: seine Angaben waren zu bestimmt, Monseigneur ist von dieser Seite nicht mehr beizukommen. Madame wird dem Wunsch Monseigneurs, oder, sagen wir: dem Befehl, von hier zu gehen, – es steht doch wohl dergleichen in dem Billet? – wohl oder übel folgen müssen. Indessen –

Baptiste schwieg und schien seinen Hut, den er langsam in der Hand drehte, nachdenklich zu betrachten.

Indessen?

Indessen: Madame braucht sich damit nicht gerade zu übereilen. Monseigneur ist von dem Unwohlsein, das ihn gestern Abend so plötzlich befiel, noch nicht völlig genesen. Er wird sich deshalb von jemand, der großen Einfluß auf ihn hat, – verstehen Sie, Madame? – unschwer bereden lassen, möglichst bald, vielleicht noch heute – nach dem Jagdschloß überzusiedeln, um dort in völliger Abgeschiedenheit – selbst ohne die Gesellschaft der Frau Fürstin – verstehen Sie, Madame? – inmitten der Wälder seine derangierten Nerven zu restaurieren. Der einflußreiche Jemand würde dafür sorgen, daß der Aufenthalt dort sich mindestens auf eine Woche berechnet. So lange hätte Madame also jedenfalls Zeit, bevor sie definitiv von hier aufbricht. Verstehen Sie, Madame?

Bitte, fahren Sie fort!

Ich habe nur noch weniges hinzuzufügen. Wenn Madame den Wunsch, das Bedürfnis hätte oder die Verpflichtung fühlte, 328 doch nicht von hier zu scheiden, ohne vorher Monseigneur noch einmal persönlich für seine Huld und Güte gedankt zu haben, würde der Jemand, glaube ich, es einzurichten wissen, daß Madame den kurzen Weg nach dem Jagdschloß nicht vergeblich machte, auch ohne daß sich Madame vorher hätte anmelden lassen. Und ich müßte mich sehr irren, Madame, oder diese Entrevue wird – wenn Madame anders, wie ich doch anzunehmen mir erlaube, von freundlichen Gesinnungen gegen Monseigneur erfüllt ist, – das künftige Verhältnis zwischen Madame und Monseigneur in einer Weise regeln, welche geeignet wäre, jene Gesinnungen, die ja im Grunde seines Herzens von Monseigneur geteilt werden, zu einem adäquaten Ausdruck zu bringen.

Baptiste hielt jetzt seinen Hut fest in den Händen und blickte Isäa frech in die Augen. Eine sonderbare widerwärtige Empfindung, die ihr ganz neu war, überkam Isäa; aber sie hütete sich, derselben auch nur mit einer Miene Ausdruck zu geben.

Ich danke Ihnen, sagte sie. Warten Sie, bitte, bis ich die Antwort an Monseigneur geschrieben; es soll nicht lange dauern.

So lange es Madame gefällt; sagte Baptiste.

Isäa ging in das Schlafgemach, an den kleinen Schreibtisch, den ihr Hertha so zierlich hergerichtet, und den sie noch nie benutzt hatte. Bedachtsam, mit der kleinen Handschrift, deren Eleganz man in der Pension immer belobt und bewundert hatte, schrieb sie:

Monseigneur! Was Ihnen Herr v. L. mitgeteilt hat, den ich gestern beim Fortgehen im Vestibül stehen sah, ist natürlich alles wahr. Ich flehe nicht um Gnade, die Sie mir nicht gewähren können; ich nehme auch die Gnadenfrist, um die ich bitte, und die Sie, ich weiß es, mir nicht versagen werden, nur an im Interesse Monseigneurs und der Gesellschaft, welche ich nicht freiwillig aufgesucht habe, und die ich ohne Kummer verlassen würde, wäre es nicht um einen. Um den edlen Mann, der gestern die Worte zu mir sprach: wärest Du der Armen Aermste und wärst Du des letzten Bettlers Kind . . . und 329 damit das Aeußerste gesagt zu haben glaubte und in seinem Sinne auch gesagt hat. Ich danke ihm dafür jetzt, wie ich ihm immer danken werde. Er konnte ja nicht wissen, daß, bettelarm sein, noch nicht das tiefste Unglück ist. Noch einmal: ich danke Ihnen!

Sie überlas die Zeilen nicht wieder, aus Furcht, es möchte sie gereuen, was sie geschrieben, und sie etwas anderes dafür setzen, was vielleicht klüger war; siegelte hastig und zog ein Schubfach auf, in welchem sie ihre kleine Barschaft hatte. Sie nahm davon, was von Gold dabei war, und kam mit dem Billet und dem Golde zu dem Manne im Vorzimmer.

Dies für Monseigneur, und diese Kleinigkeit für Sie.

Baptiste hatte das Billet in der inneren Tasche seines Fracks geborgen und hielt die Goldstücke einen Augenblick in der Hand.

Ich weiß wirklich nicht, Madame, –

Nehmen Sie auf alle Fälle!

Baptiste verbeugte sich und ließ die Stücke in seine Weste gleiten.

Und nicht wahr, Madame: der Brief ist nur die Antwort auf den Brief von Monseigneur? Von dem, was ich mir anzudeuten erlaubte –

Kein Wort.

Ich wußte es: Madame ist nicht minder klug, als sie schön ist. Sie darf auch das andre getrost mir überlassen; ich habe das Gold nur in der Hoffnung genommen, daß Madame mir Gelegenheit geben wird, es zu verdienen.

Baptiste hatte mit einem Ansatz von Lächeln auf den schmalen Lippen sich zum letztenmale – nicht so tief wie vorher – verbeugt und das Zimmer verlassen. Isäa ging in das Schlafgemach zurück und schob den Riegel zum Vorgemach zu – sie wollte von dieser Seite für's erste nicht wieder gestört sein, und Zoë hatte in das anstoßende Kinderzimmer einen Eingang von der anderen.

Sie hatte sich niedergesetzt, den Kopf in die Hand stützend. Wieder überkam sie die seltsame widerwärtige Empfindung von 330 vorhin, die ihr ganz neu gewesen war und sie zum erstenmale in ihrem Leben beinahe um die kühle Ruhe gebracht hätte, in der sie sich einzig wohl und in ihrem Elemente fühlte. Was war das nur gewesen? Es konnte nichts anderes sein: was sie bis heute gethan, sie hatte es gethan, weil sie es gewollt; weil es ihr Vergnügen machte, dies zu thun und nichts anderes; frei, wie der Vogel in der Luft, ihrer Laune zu folgen, wohin immer diese Laune stand. Und war sie darüber in mißliche Lagen geraten, so hatte ihr es wieder Vergnügen gemacht, sich aus denselben zu lösen und aufzuschwingen durch eigene Kraft. Nie hatte sie sich, außer zum Schein, in den Willen eines anderen gefügt; nie in den Menschen etwas anderes gesehen, als ihre Werkzeuge – mehr oder weniger gefügig, mehr oder weniger brauchbar, vielleicht auch unbrauchbar, – gleichviel: aber ihre Werkzeuge doch. Hier zum erstenmale in ihrem Leben hatte ihr ein andrer seinen Willen aufzwingen wollen; war sie in Gefahr gewesen, diesem Zwange zu unterliegen. Und die Sklavin zu werden eines Sklaven, eines schlauen Schurken, der sie als Werkzeug brauchen wollte, um durch sie über seinen Gebieter zu herrschen. Geliebte eines Fürsten – nun, sie selbst hatte ja daran gedacht! aber durch die Gnade seines Kammerdieners – nimmermehr! Und dann! daß sie so an den Fürsten geschrieben, es war nicht bloß, um jenes abscheuliche Gefühl los zu werden, – es war auch das Klügste gewesen. Was der Mensch da in seinen glatten Zweideutigkeiten vorgebracht – es war ein altes Lied: er hatte es schon wer weiß wie oft gesungen für frühere Herren, für seinen jetzigen ganz gewiß zum erstenmale. Es mochte ja sein, daß der alte Mann in die Schlinge gegangen wäre. Und sie hätte dann auf einem entfernten Schlosse, auf einem einsamen Gute in der Verborgenheit gelebt – ein Leben ohne Glanz, ein Vegetieren nur – und das irgend eines schönen Tages sein klägliches Ende finden würde, wenn der alte Mann, fern von ihr, dem Zauberbann entrückt, sich auf sich selbst besann und seine Pflichten, die ihm offenbar heilig waren, die er nur in einer Stunde des Rausches, wie gestern, hatte vergessen können. Nein, nein! der gute 331 alte Mann hatte es wohl um sie verdient, daß er nun doch mit nicht allzu bitteren Gefühlen an sie zurückdenken durfte: mit Wehmut, sehnender Trauer, vielleicht tiefem Schmerz, nur mit Verachtung nicht. Das war auch ein Sieg – der einzige, den sie über den Greis davontragen konnte, und der überdies den Vorteil hatte, daß die Bahn frei geworden, die Bestimmung ihres Lebens wieder in ihre Hand gegeben war.

Valianos oder der andere?

Valianos!

Sie mußte sich gestehen, daß ihr die Kühnheit des Mannes mächtig imponiert hatte, der für seine Liebe sein Leben in die Schanze schlug, und in dem Ueberschwang seiner Leidenschaft ihr jede Bedingung, die sie gemacht, ohne Zögern gewährt hatte. Aber – abgesehen davon, daß sie in eine Existenz zurück geschleudert wurde, die ihrem Geschmacke so wenig zusagte, und aus der sie sich damals von Goustabos so leichten Sinnes hatte entführen lassen – waren Valianos todesverachtender Mut und seine glühende Liebe nicht wiederum Ketten, deren Druck sie bald genug empfinden würde? und gehorchte sie nicht, wenn sie ihm folgte, doch wieder nur einem Zwange? dem Zwange der Furcht vor dem sicheren Tode, wenn sie ihm nicht folgte? Wahrlich, das durfte denn doch nur im äußersten Falle sein, in dem Falle, daß der andere Weg sich als unmöglich erwies. Es würde sich bald genug entscheiden, und mußte sich auch bald entscheiden, oder es blieb eben nur das Aeußerste. Welch Glück, daß sie Axel das Versprechen abgenommen, heute Vormittag noch zu guter Stunde sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen! Er hätte eigentlich schon hier sein müssen. Indessen: er kam sicher. Inzwischen galt es, die Wachsamkeit der Alten einzuschläfern und sie über das wahre Ziel zu täuschen.

Es würde nicht schwer halten. Hatte doch die Alte heute Nacht hier in diesem Zimmer wie eine Mänade gerast vor Freude, daß ihre Wonne, ihr Leben wieder ausgesöhnt sei mit dem lieben, dem herrlichen, dem unvergleichlichen Valianos! und wieder vor Zorn gerast, daß sie nicht mehr, daß sie nicht 332 sofort alles erfahren sollte, was zwischen ihnen verabredet sei! Und sie heute Morgen, es endlich zu erfahren, umschlichen, und umbettelt, wie ein gieriger Hund: wirst du mir's nicht sagen, Schatz? traust du deiner alten Zoë nicht? – Ich bin noch so müde, laß mich! – Wie kannst du müde sein, während mir die Adern klopfen, als hätte ich feurigen Chierwein, anstatt des Blutes darin! – Später, Zoë, später! –

Nun mochte sie ihre Gier stillen. Heute Abend noch, Zoë! – O, der Wonne! – Mitten heraus aus dem Fest der trunkenen Barbaren! – Daß sie die Hölle verschlinge! – Auf sein Schiff, das unserer am Ufer harrt, mit vollen Segeln hinaus aufs Meer – nach Marseille, wo er seine Handelsfreunde sprechen muß; dann nach Alexandrien, Kairo, Bulak, – in seine schimmernde Villa am Nil! – O, daß die Segel eures, unsres Schiffes Flügel wären des Adlers! – Und Goustabos? – Die Fünfe in seine Augen! und daß sein Vater zum Teufel gehe! – Er hat längst keinen Vater mehr, Zoë, du weißt es. Aber sein Kind – Eua? wirst du es verlassen können? – Wenn du es kannst! – Ich muß. Sieh, Zoë, er liebt mich so: er will es mitnehmen, es soll sein Kind sein. Aber was glauben die Männer nicht versprechen zu dürfen, wenn sie verliebt sind! Nach einem Jahr – nein, Zoë – um Euas willen! Die lange Seefahrt würde ihr sicherer Tod; und sie gedeiht hier so gut, bei der frischen, kräftigen Milch. Und sie wird trotzdem einen Vater haben – den Einäugigen, weißt du, der sie immer auf den Armen wiegt, so oft er ihrer habhaft werden kann, und der dich vorgestern fast geschlagen hätte, als er dich ihrer achtlos fand. Wie denkst du darüber, Zoë? – Wie mein Schatz befiehlt, wie mein süßes Leben will!

Ein Lächeln zuckte um Isäas Lippen. Es war doch eine Lust, so mit den Menschen spielen zu können: die einzige Lust, um derentwillen es sich zu leben verlohnte!

Die Alte, welche sie schon seit einiger Zeit in dem Kinderzimmer hatte rumoren hören, war mit ihrem Geschäfte fertig und öffnete leise die Thür.

333 Isäa hob den Kopf, wie jemand, der aus tiefem Nachsinnen plötzlich aufgeschreckt wird.

Bist Du's, Zoë? Komm' her, Alte! setze Dich zu mir. Es geht mir noch wüst im Kopf herum. Ich kann keine Klarheit hineinbringen. Du sollst Deiner Isäa sagen, was sie thun soll!

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