Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

21 Drittes Kapitel.

Um dieselbe Zeit, als Baron Hans in schweren Gedanken aus Prora fort ritt, hielt auf der Rampe vor dem Herrenhause in Alten-Prohnitz der Wagen, welcher die Excellenzen und Fräulein Hertha nach Griebenitz zu dem Ballfest bringen sollte. Krischan auf dem hohen Bock klatschte ungeduldig mit der langen Peitsche; Wilhelm, der an der Brüstung der Rampe lehnte, sagte: Das hilft Dir nichts, Krischan, Du mußt eins ordentlich knallen.

Das hilft auch nichts, sagte Krischan.

Dann müssen wir eben warten, sagte Wilhelm.

Ja, sagte Krischan, das müssen wir.

Krischan klatschte leise weiter; Wilhelm hatte sich auf die Brüstung gesetzt und baumelte mit den Beinen.

Krischan, sagte er, hast Du Dich aber heute schön gemacht!

Du ja auch, sagte Krischan.

Wilhelm nahm seinen Hut ab und schob die große Kokarde mehr nach vorn.

Na, Krischan, sagte er, wunderschön sehen mir beide nicht aus: er könnte uns wohl ein paar neue Monturen spendieren.

Für unsere Alten sind sie noch lange gut, sagte Krischan.

Für die Alten! Aber unser Fräulein! Du Krischan, glaubst Du, daß was d'raus wird?

Wie soll ich das wissen, sagte Krischan. Glaubst Du denn?

Wilhelm schüttelte den Kopf.

Nein, Krischan, sagte er, ich glaub' nicht. Gestern waren sie ja wieder den ganzen Abend da. Die alten Herrschaften spielten mit unsern Alten Boston, und was der junge Herr 22 Graf ist, der saß daneben wie Butter an der Sonne, und guckte zu und schieläugte zwischendurch nach unserm Fräulein, die an dem andern Tische saß und eine Häkelei oder so was zwischen den Fingern hatte. Und dann blinzelte der alte Herr Graf dem jungen zu, er sollte doch zu ihr gehen. Der that es denn ja wohl und wollte mit ihr eine Unterhaltung anfangen – reden kann er ja, das muß ihm sein Feind lassen – aber weit kam er doch nicht; sie lachte ihm immer justement ins Gesicht, und dann stand sie auf und ging hinaus.

Nun wird mir das aber zu arg, sagte Krischan.

Er holte mit der Peitsche aus und knallte, daß die beiden Braunen zusammenschraken, der Hofhund wütend zu bellen begann, und eine mächtige Flucht Tauben, die sich auf dem nahen Scheunendache im Abendschein sonnte, mit klappernden Flügeln sich hob und über den Hof zu kreisen begann. Ein Fenster in dem Mittelbaue des oberen Stockes, gerade über der Rampe, wurde aufgestoßen, ein weißer Kopf fuhr heraus und eine zitternde Stimme rief ärgerlich:

Lass' Sie doch den abscheulich Spektakel, Sie dumme Kerl!

Das Fenster klirrte wieder zu. Da hast Du Deinen Senf, sagte Wilhelm. Der alte, schwedische Aff'! sagte Krischan. Und beide lachten.

Der Kammerherr, nachdem er das Fenster zugeworfen, drohte noch mit der geballten Faust, trotzdem man die Geste von unten so wenig sehen, wie seine durch die Lippen gezischten Worte hören konnte: »La vile canaille! les brutes, les – bah! la bêtise de se facher! ça agace les nerfs et – dérange le costume!«

Er war vor einen der hohen Spiegel zwischen den Fenstern getreten und kräuselte, sich nahe an das Glas beugend, an ein paar Löckchen seiner weißen Perücke über der Stirn; zupfte an dem vielgefalteten Jabot, den bis fast auf die Handspitzen fallenden Manschetten; stäubte mit dem großen rotseidenen Taschentuche an dem über und über mit Gold bordierten blauen Frack, den schwarzen Kniehosen; trat ein paar Schritte zurück, nahm die goldene Lorgnette vor die Augen und betrachtete lange und 23 wohlgefällig sein Bild, indem er bald das rechte, bald das linke Bein ein wenig vorschob und die Fingerspitzen der linken Hand jetzt oben und dann wieder unten zwischen die Knöpfe der langschößigen, weißseidenen Weste steckte. Jetzt hatte er es gefunden. Er warf dem Spiegelbilde eine Kußhand zu; schritt, die Füße vorsichtig setzend, durch den Saal, weiter durch zwei daran stoßende Zimmer, klopfte an die dritte Thür, öffnete auf ein von drinnen noch eben vernehmlich kommendes Entrez! und trat ein in dem Augenblicke, als sich seine Frau vor dem Toilettenspiegel erhob, ihm entgegen zu gehen. Eine Zofe, die der alten Dame beim Ankleiden geholfen, raffte ein paar Sachen zusammen und verschwand durch eine Tapetenthür nach der entgegengesetzten Seite.

Charmant, magnifique! sagte der Kammerherr.

Er hatte die Pose angenommen, die ihm eben vor dem Spiegel so wohl gefallen.

Tournez, s'il vous plait! Vraiment ravissant, Madame!

Die alte Dame drehte sich lächelnd um sich selbst, bis sie dem Gemahl wieder das Gesicht zuwendete. Der ließ die Lorgnette fallen, wehte, wie vorhin seinem Spiegelbilde, der Gattin eine Kußhand zu, indem er dabei verliebt mit den Augen zwinkerte, worauf er eine tiefe Verbeugung machte, welche die Dame mit einem nicht minder tiefen Knix erwiderte.

Ich bin glücklich, sagte sie, ebenfalls auf französisch, daß ich meinem Herrn Gemahl noch immer ein wenig gefalle.

Noch immer! ein wenig! und mir gefallen! Madame, wenn ich nicht den Vorzug hätte, bereits Ihr Gemahl zu sein und Madame wäre frei – beim Himmel, dies wäre der Augenblick, wo ich die Kühnheit fände, um diese teure Hand anzuhalten.

Böser Schmeichler!

Ich bin keiner; ich sage zum Beispiel nicht, daß Sie vollkommen sind, oder Sie würden es doch nur sein, wenn Sie mir verstatten wollten, das Rot dieser zarten Wangen noch um eine leiseste Nüance zu erhöhen.

Ich fürchtete, da wir noch halb bei Tage ankommen –

24 Fürchten Sie nichts, Madame, und erlauben Sie mir; ich verstehe das besser als Ihre Kammerzofe.

Er führte die alte Dame an den Toilettentisch zurück, wo er sie wieder Platz nehmen ließ, sich der dort aufgereihten Toiletten-Gegenstände bedienend, um mit großer Geschicklichkeit die angedeutete Verschönerung auszuführen; weiter an den gebauschten Achseln des schweren, braunen Brokatkleides, an der mit einer Diamant-Agraffe befestigten weißen Straußenfeder, welche die hohe Toque übernickte, zu nesteln und endlich zu erklären, daß es jetzt nur noch an einem Salon von Königen fehle, um der Schönheit und dem Geschmacke einen würdigen Triumph zu bereiten.

Die alte Dame seufzte.

Mein lieber Freund, sagte sie, Sie sprechen von vergangenen Zeiten. Die Tage von Fontainebleau, von Trianon kommen nicht wieder, und gar heute ist mein Herz keineswegs in siegesfroher Stimmung. Im Gegenteile. Ich habe ein Vorgefühl, daß unsere Hoffnungen sich nicht erfüllen werden.

Aber das ist unmöglich, Madame, rief der alte Herr.

Und dennoch, mein Freund! Denken Sie an ihr Betragen gestern Abend – den Abend vor der Verlobung!

Es war abscheulich.

Aber nicht viel anders als sonst. Und wenn wir ehrlich sein wollen, lieber Freund: sie hat noch niemals Ja gesagt. Das Ganze ist aus dem Stadium des Wunsches auf unserer, der Erwartung, der Hoffnung auf Seite der Griebens noch niemals hinaus gekommen; noch niemals hat sie auch nur mit einem Worte ihre Zustimmung gegeben.

Aber sie hat doch auch nicht Nein gesagt.

Sie hat uns eben reden, gewähren lassen, da sie viel zu höflich ist, uns zu widersprechen.

Erlauben Sie mir die Bemerkung, Madame, daß eine derartige Höflichkeit der Teufel holen möge.

Der alte Herr hatte das mit einer Heftigkeit gesagt, die seine erkünstelte Haltung jäh durchbrach, und vor der die alte Dame sichtbar zusammenschrak.

25 Nein, nein, fuhr er fort, indem er mit kleinen, nervös trippelnden Schritten durch das Gemach hin und wieder zu gehen begann. Sagen Sie das nicht, ich will es nicht hören – es macht mich toll. Es wäre das Grab dreijähriger, unausgesetzter, unerhörter Anstrengungen der feinsten Diplomatie. Erinnern Sie sich, daß anfänglich der Graf, die Gräfin nichts von der Partie wissen wollten, daß ich mir hunderte Male sein unerträglich schlechtes Spiel und sein noch viel unerträglicheres Organ habe gefallen lassen, um ihn für unsere Absichten günstig zu stimmen. Und was will denn die junge Dame? Einen Prinzen von Geblüt? Sie sollte uns doch auf den Knieen danken, daß wir ihr zu einer solchen Partie verhelfen, nachdem sie ihr Herr Galan in so heilloser Weise kompromittiert hat.

Olaf, es ist mein Enkel, sagte die alte Dame bittend.

Um so schlimmer für Sie, die Sie mit kompromittiert sind. Oder – ja, so ist es. Gestehen Sie, Madame, Sie denken weniger an die junge Dame, die ich für viel zu vernünftig halte, um nicht doch zuletzt Ja zu sagen; auch nicht an den jungen Taugenichts, der niemals oder als ein von Gott und Menschen aufgegebener Vagabund wieder kommen wird – Sie denken nur an Monseigneur, Ihren ältesten Herrn Enkel, und daß wir uns durch diese Verbindung Monseigneurs allerhöchste Ungnade zuziehen könnten.

Sagen Sie, zuziehen würden, mein Freund, erwiderte die alte Dame. Er liebt nun einmal diesen seinen einzigen Bruder; ja, wir müssen sagen, er liebt nichts auf der Welt außer ihm. Er wird, solange er kann, dem Bruder die Braut bewahren. Und er ist ihr Vormund!

Wie er der unsrige ist! rief der Kammerherr; wie er der Herr ist, von dessen Gnade wir leben! Madame, soll ich Sie denn immer wieder an das Unwürdige dieses Zustandes erinnern? Und daß wir, es koste, was es wolle, versuchen müssen, aus demselben zu entfliehen? Und daß wir es nur auf diese Weise können, indem wir ein Mädchen – eine blutarme, aus Barmherzigkeit in diesem Hause von uns aufgenommene Waise – durch eine glänzende Verbindung, die wir ihr vermitteln, zur höchsten Dankbarkeit verpflichten?

26 Die alte Dame schüttelte den Kopf.

Wer steht uns dafür, sagte sie, daß sie diese Dankbarkeit beweisen wird? Ich fürchte, sie ist kein dankbares Gemüt. Oder auch nur wird beweisen können? Sie wissen, die Griebens sind von einem schmutzigen Geiz, der Sohn wie der Vater. Und Sie mögen von Hans sagen, was Sie wollen, geizig ist er nicht. Er ist sehr genau, freilich, aber doch nur für seine Person; er schränkt sich auf jede Weise ein, während er uns –

Das Geld zum Fenster hinaus werfen läßt. Sprechen Sie es doch aus, Madame! Sprechen Sie es doch aus!

Der Kammerherr hatte die letzten Worte in den höchsten Tönen gekreischt; er stampfte mit dem Fuße und griff dann stöhnend mit beiden Händen nach dem gichtischen Knie. Die alte verschüchterte Dame trippelte auf ihn zu und umfaßte ihn; er wies sie unwillig zurück.

Lassen Sie, Madame! Ich muß mich auf meine alten Tage daran gewöhnen, allein zu sein, allein zu stehen.

Aber teuerster Freund! teuerster Freund! sagte die alte Dame, wir sind ja vollkommen d'accord, vollkommen! Ich will ja nichts, was Sie nicht auch wollen. Es ist ja mein höchster Wunsch, und gerade deshalb bin ich so ängstlich, so besorgt. Es wird hoffentlich heute alles nach Wunsch gehen. Die Kleine wird sich geschmeichelt fühlen durch den Glanz eines Festes, das nur ihr zu Ehren arrangiert, dessen Königin sie, sozusagen, ist. Unser junger Freund ist hinreichend von uns bearbeitet, um endlich ihr gegenüber den Mut zu finden, an dem es ihm doch wahrlich sonst nicht gebricht. Er wird das entscheidende Wort sprechen; wir werden die herrliche Gelegenheit benützen, dem Worte sofort die vollste Oeffentlichkeit zu geben. Die Sache ist dann ein Fait accompli, gegen das selbst mein Enkel nichts einzuwenden haben kann. Ein wenig Geduld, mein Freund; ein wenig von der Kunst der Diplomatie, die Sie ja so meisterlich verstehen, und Sie sollen sehen, wir bringen heute Abend eine Braut heim. Aber jetzt lassen Sie uns gehen, es ist die höchste Zeit. Hertha erwartet uns gewiß längst. Sehen Sie!

Die Zofe war eingetreten, um zu melden, daß das gnädige 27 Fräulein fragen lasse, ob Excellenzen bereit seien? Die alte Dame ergriff den Arm ihres Gemahls, nicht um sich, sondern um ihn zu stützen, der den Schmerz im Knie noch nicht ganz überwunden hatte. Doch ließ er sich in der Gegenwart der Dienerin die Schwäche so wenig wie möglich merken, versuchte vielmehr den gewohnten tänzelnden Schritt anzunehmen, während jene vor ihnen her die Thüren öffnete. Seine üble Laune war bereits verflogen; die Anspielung auf seine diplomatische Kunst hatte auch diesmal die gewöhnliche schmeichlerische Wirkung nicht verfehlt; überdies hatte er auch für seine Gattin verborgene, dringendste Ursachen, zu wünschen, daß das eben besprochene Arrangement zustandekam. Jetzt sah er es im Geiste zustandegekommen; sah sich in dem großen Saal des Griebenitzer Schlosses, er selbst der Mittelpunkt der gratulierenden Herren, an ihrer Spitze Fürst Prora, während seine Gattin an dem andern Ende des Saales die Glückwünsche der Damen entgegen nahm. Er lächelte bei dieser schönen Illusion, drückte galant den Arm, auf den er sich stützte, und lächelte abermals, als der Druck verständnisinnig erwidert wurde.

So waren sie, durch den großen Mittelraum schreitend, beinahe bis an die auf den Flur und zur Treppe führende Thür gelangt, als diese, in dem Momente, da die voran schreitende Zofe die Hand auf den Drücker legte, von außen geöffnet wurde. In dem Rahmen der Thür, dunkel auf dem lichten Hintergrunde des von dem Abendscheine erfüllten Flurraumes, stand Hans.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.