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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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259 Achtundzwanzigstes Kapitel.

Das Abendrot flutete noch um die tausendjährigen Rieseneichen im Park zu Prora und um die Zinnen des ehrwürdigen Schlosses, als bereits an der Freitreppe die ersten Equipagen der Gäste vorfuhren, denen in kurzen Zwischenräumen andre und andre folgten – ein wunderbar interessantes Schauspiel für die Einwohnerschaft des fürstlichen Marktfleckens, welche sich fast vollzählig hinter den in gemessener Entfernung gezogenen Schranken versammelt hatte, untermischt mit einigen hunderten aus der Nachbarschaft herbeigeströmten Neugierigen. Konnten sie doch hier in aller Bequemlichkeit die Pracht und Herrlichkeit anstaunen, welche ihr Adel bei so festlichen Gelegenheiten zu entfalten pflegte! Und daß diese hier als eine besonders festliche von den Herrschaften angesehen werden würde, hatte man zum voraus gewußt und sah sich auch in seinen Erwartungen keineswegs betrogen. Ja, verschiedene, die der festlichsten aller Gelegenheiten: den großen Sundiner Rennen wiederholt als Zuschauer beigewohnt hatten und also wohl als Kenner gelten durften, auch als solche von den mit begierig horchenden Ohren sie Umdrängenden respektiert wurden, versicherten einstimmig: so etwas Großartiges noch nie erlebt zu haben. Dafür gingen denn ihre Stimmen wieder bei hochwichtigen Einzelnfragen auseinander, was von den Zuhörern übel empfunden wurde, trotzdem einer und der andere unter ihnen meinte, daß der Teufel sich zwischen all den Farben durchfinden möge. Aber auf die völlig sichere Kenntnis derselben kam es doch gerade an, um so mehr, als heute die Herrschaften, nicht wie bei den Sundiner Rennen und auch sonst wohl zu 260 sommerlicher Zeit bei Festen, die sich am helllichten Tage abspielten, in offenen Equipagen, sondern – der späten Ankunftsstunde, der nächtlichen Rückfahrt und auch wohl wegen der Toiletten der Damen – in geschlossenen Wagen saßen, mithin – zumal bei dem raschen Vorüberrollen – die Kenntnis der Personen kaum ein und das andre Mal zur Geltung kam, und man sich eben, um mit Bestimmtheit die Identität der Herrschaften festzustellen, an die Farben der Kutscher und Bedienten-Livreen halten mußte. Dazu noch die buntseidenen Jockeis, wenn, was meistens geschah, mit vieren oder sechsen lang vom Sattel gefahren wurde – den oder die voraus trabenden Vorreiter nicht zu vergessen! Nun kannte ja freilich jedes Kind die Farben und Abzeichen der Diener und Jockeis der Herrschaften aus der nächsten und näheren Umgebung: der Griebens, der Salchows und Malchows, der Krewes und Plüggentins, der Uselins und Nadelitz, der Gerstitz, Silmnitz, Ubechel. Aber dazwischen kamen die Herrschaften aus Pommern; und nun ging die Not an bei den sich widersprechenden Behauptungen der Kenner, von denen die einen schwuren, solange die Sonne sich drehe, hätten die Haselows aus Hahndorf rote Jacken und schwarze Kappen gehabt, während die Kummerows auf Malzen in weiß- und blaugestreiften Jacken und blauen Mützen auf die Welt gekommen seien, während die anderen jede Wette darauf eingehen wollten, daß die Sache gerade umgekehrt liege; und nun gar Dritte sich einmischten und die Verwirrung aufs äußerste steigerten durch die Versicherung, es seien gar nicht die Haselows und Kummerows gewesen, über die man sich streite, sondern die Krossows und Negendanks, da die Haselows abgesagt hätten, und die Kummerows – orange Jacken und schwarze Kappen – unter den allerersten gewesen und bereits seit einer halben Stunde im Schloß wären. Das mochte nun sein oder auch nicht sein, aber sicherlich war es eine Schande, wenn der Herr Präsident von Sydelitz aus Sundin und der neue Steuerrat sich nur einen Wagen spendiert hätten zu einer solchen Gelegenheit mit nur zwei Pferden – und so steifbeinigen Mähren! – da doch die alten Excellenzen auf Prohnitz, die es wahrhaftig nicht 261 übrig hatten, gleich hinterdrein mit vieren lang fuhren, von denen allerdings die beiden Vordermähren augenscheinlich sonst nur vor dem Ackerwagen gingen. Und nun wieder – dicht hinter dem Excellenzen-Wagen, in dem auch das gnädige Fräulein Hertha auf dem Rücksitz gesessen hatte – Kindings, Kindings! paßt auf: da in dem Korbwagen mit den beiden Isabellen – das ist der junge Baron Prohn – der tolle Gustav, – der seit acht Tagen zurück ist, und die junge Frau Baronin, die er aus Griechenland mitgebracht hat, und die ja wohl eine Fürstentochter sein soll und auch wahrhaftig so aussieht. Und den Wagen mit den Doppelponies hat uns' Durchlaucht ihr geschenkt! und sie sagen ja, daß das ganze Fest heute Abend ihr zu Ehren gegeben wird!

Das sagten aber nicht nur draußen hinter den absperrenden Schnüren die kleinen Leute, die nun, da keine Wagen mehr kommen wollten, zum kleinen Teil nach Hause, zum größeren nach einem anderen Platze des Parkes gingen, um von dort aus das Feuerwerk zu sehen, welches auf dem kleinen See an der Hinterterrasse des Schlosses später abgebrannt werden sollte – das flüsterten sich auch in den lichterfüllten Sälen drinnen die Herrschaften einander ins Ohr. Und von der Baronin Nadelitz, die bekanntlich kein Wort vor den Mund nahm, sondern die Geheimnisse anderer Leute stets so bereitwillig zum besten gab, wie gelegentlich ihre eigene – und ihre schlechte Grammatik dazu, – konnte es jeder, der wollte, laut hören. Ja, besonders Pfiffige meinten, die gute Baronin folge dabei nicht sowohl dem Zuge ihres Herzens, als einer speziellen Bitte des Fürsten; oder aber der Fürst, der die Art und Weise der Freundin sehr wohl kenne, habe ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, wovon er wisse, daß es – sicher nicht verschwiegen bleiben werde. Es fragte sich dann freilich: weshalb überhaupt das Geheimnis? Und darauf gab es der Antworten mehrere. Zuerst die Antecedenzien Gustav Prohns, die von niemanden vergessen und von einem Teile der Gesellschaft sicherlich noch nicht vergeben waren, wenn der ältere Bruder auch damals – mit Aufopferung fast des letzten Restes des 262 Familienvermögens – die Schulden des verabschiedeten Leutnants hinterher reguliert hatte. Daß der Fürst selbst nach dieser Seite hin nicht ohne Bedenken gewesen, bewies doch klärlich die diesmalige Abwesenheit der sonst so zahlreich geladenen Offiziere aus Sundin und Grünwald, von denen der eine und der andre an dem früheren Kameraden Anstoß genommen haben möchte! Und wie nun, wenn der Abenteurer – denn das war und blieb er nun einmal – nicht mit der griechischen Fürstentochter zurückgekehrt? oder auch mit ihr, und der Fürst hätte die fremde Schöne nicht, wie jetzt geschehen, in solche Affektion genommen – wie dann? Kein Hahn hätte, so zu sagen, nach ihr gekräht! Sollten doch die alten Excellenzen Lindblad sich mit Hand und Fuß gegen die Schwieger-Enkelin gesträubt und nur um des Fürsten willen, der seine ganze Autorität für sie eingesetzt, nachgegeben haben! Dazu die böse Affaire mit den Griebens, die ebenfalls nur durch den Fürsten soweit applaniert war! Und apropos! wo blieb denn der Baron Hans, der so Hals über Kopf für den jüngeren Bruder einer- und Axel Grieben andrerseits hatte einspringen müssen? Uhlenhans brachten ja bekanntlich keine zehn Pferde in eine Gesellschaft; aber hier, wo es sich speziell um seinen Bruder und seine neue Schwägerin zu handeln schien, und er nebenbei die beste Gelegenheit hätte, sich mit seiner Braut zu produzieren! Er sollte verreist sein, aber wurde mit Bestimmtheit noch erwartet! Man würde ja sehen! Inzwischen sei die Sache auch so schon pikant genug. Und, ob nun auf Wunsch und mit dem Willen des Fürsten, ob ohne seine Absicht und nur infolge des Reizes, den eine neue und ungewöhnliche Erscheinung auf einen sonst geschlossenen Kreis ausübt – jeder müsse zugeben, daß die fremde Schöne mit jeder Viertelstunde mehr in den Mittelpunkt des Interesses rücke, ja bereits völlig in demselben stehe. Wurde doch noch kaum in den verschiedenen größeren und kleineren und kleinsten Gruppen von etwas anderem gesprochen! war doch der Präsident von Sydelitz fortwährend von solchen umdrängt, die sich in aller Eile über den Stand der griechischen Angelegenheiten ein wenig zu unterrichten wünschten! Und – was kaum 263 jemandem aufzufallen schien, und nur von einigen Mißvergnügten bemerkt wurde: überall, wohin man kam, hörte man Französisch sprechen. – Als ob es kein Deutsch mehr gäbe, schrie der alte Graf Grieben die Baronin Nadelitz an. Bloß, weil die, welche so glücklich gewesen sind, ihr vorgestellt zu werden, ihr bißchen Französisch haben heraussuchen müssen; und nun macht es einer dem andern nach, auch, wo sie's unter sich gar nicht nötig haben. Es ist ja lächerlich!

Dann lachen Sie, lieber Graf, sagte die Baronin; aber schreien Sie nicht so. Das heißt, ich weiß eigentlich nicht, weshalb Sie darüber lachen sollten, als ob Sie noch nie gesehen hätten, wie die Schafe hinterher springen, wenn eins angefangen hat. Das ist bei den Menschen just so. Na, mir ist das ganz egal; von mir verlangt kein Mensch, daß ich anders sprechen soll, als mir der Schnabel gewachsen ist. Und übrigens – setzen Sie sich einmal ein bißchen zu mir, ich will Ihnen was erzählen. Sie müssen Ihren Axel unter die Haube bringen. Ich hab' genau darauf observiert, – auch gestern, als die Prohns bei mir Visite machten – und wer wird denn fünf Minuten später ganz zufällig auf den Hof geritten kommen? natürlich Ihr Axel! Um es kurz zu sagen, lieber Graf: er ist in die ausländische Person bis über die Ohren verliebt. Und das ist auch die Ursach', weshalb er mit den Prohns so schnell Frieden gemacht hat. Na, das ist ja nun nicht so schlimm. Alle Welt ist in sie verliebt, der Fürst obenan; Sie auch, wenn ich Sie recht kenne – ihr Mannsleute seid in puncto puncto all ein Deibel. Aber eben darum nehmen Sie Ihren Axel scharf in den Zügel, daß er nicht über den Strang schlägt, wozu er mächtige Lust hat. Und nun geben Sie Obacht! Es sind hier drei schöne Frauenzimmer, von mir abgesehen, die ich als Witfrau mit fünf lütten Gören nicht mehr mitzähle: die Schönste ist die Ausländische, die doch nun einmal Ihr Axel nicht haben kann; die zweite ist Hertha Prohn, die, sollt' ich meinen, deutlich genug gezeigt hat, daß sie ihn nicht haben will; die dritte ist Ulrike Uselin. Die kann Axel haben, sobald er will – verstehen Sie mich? – und wenn Sie vernünftig sind, so bringen 264 Sie die Sache noch heute Abend mit den alten Uselins in Ordnung; und nun geben Sie mir Ihren Arm und bringen Sie mich zu der Fürstin. Ich sehe ihr an, daß sie mich nötig hat.

In der That hatte sich die Fürstin eben mit einer etwas betretenen Miene, wie es schien, aus einer längeren und lebhaft geführten Zwiesprache mit dem Fürsten wieder zu der Gesellschaft gewandt; der Fürst trat zu dem Präsidenten von Sydelitz, nahm ihn unter den Arm und führte ihn aus der Gruppe, von welcher derselbe umgeben gewesen war, abseits in eine Fensternische.

Ich bin in einer rechten Verlegenheit, lieber Freund, sagte er, und möchte Ihren Rat hören.

Wenn ich in der exceptionell glücklichen Lage bin, Durchlaucht solchen erteilen zu können! erwiderte der Präsident.

Wir werden gleich sehen. Die Sache ist die. Ich fange da an, wo ich glaube, daß die gute Nadelitz, die ich vorhin mit Ihnen sprechen sah, aufgehört hat, weil sie selbst nicht mehr wußte. Also: ich möchte gern der schönen Griechin eine Aufmerksamkeit erweisen und habe das Nötige, wie Sie gleich hören werden, vorbereitet; nur fehlt es leider bis zu diesem Augenblick an der conditio sine qua non. Sie wissen, es ist heute der Tag der Mündigkeitserklärung des Königs Otto. Ich wußte es, ganz offen gestanden, am Montag Vormittag nicht, als ich in Prohnitz war und die Herrschaften einlud; ich wußte es aber bereits am Nachmittage, als ich einen Packen Zeitungen, der eben angekommen war, speziell nach den griechischen Angelegenheiten durchblätterte. Ich fand nicht nur das Datum des betreffenden Tages, sondern auch eine Aufzählung der Festlichkeiten, die für denselben in Aussicht genommen waren; und daß der junge König, wie es ja üblich ist, seiner wohlwollenden Gesinnung durch eine Amnestie sämtlicher wegen politischer Verbrechen Verurteilten den entsprechenden Ausdruck geben würde. Ich durfte also wohl mit ziemlicher Sicherheit annehmen, es werde sich auch der Vater unsrer schönen Schutzbefohlenen unter den Begnadigten befinden, trotzdem man ja manchmal gerade mit dergleichen wichtigen Personen, der lieben Sicherheit wegen, 265 unliebsame Ausnahmen macht, – wenn Sie wollen: zu machen gezwungen ist. Enfin: ich wollte und mußte Gewißheit über diesen Punkt haben, die ich gehabt haben würde, wäre Carlo Lilien, unser junger gemeinschaftlicher Freund, der die griechischen Verhältnisse so aus dem Grunde kennen gelernt hat, bereits zurück. Und nun erhalte ich an demselben Montage einen Brief von ihm, er sei über Paris gegangen, um meinen Sohn zu begrüßen, und würde frühestens Anfang nächster Woche hier sein. Mein Entschluß war gefaßt: ich schrieb an Excellenz Ladendorf in Berlin, mit dem ich, wie Sie wissen, intim befreundet bin, und bat ihn, sich über den betreffenden Punkt bei dem griechischen Gesandten, oder aus ihm sonst zugänglich sicheren Quellen genau zu informieren und mich das Resultat unverzüglich per expreß wissen zu lassen. Das war am Montag. Und, denken Sie, ich habe die sehnlich erwartete Antwort bis zu diesem Augenblick nicht! Die Fürstin, mit der ich eben noch einmal darüber sprach, bleibt dabei, ich müsse unter diesen Umständen mein, wollte sagen, unser Projekt fallen lassen. Mein Gott, es handelt sich um keine große Sache: nur ein paar kleine, sinnreiche Aufmerksamkeiten, die nur dadurch Bedeutung gewinnen, weil sie à propos sind, und niemand darauf rechnet, und mit deren Detaillierung ich Sie auch deshalb nicht behelligen will. Nun, Lieber, was sagen Sie?

Der Präsident, welcher mit zur Seite geneigtem Kopfe und halb geschlossenen Augen eifrig zugehört hatte, war der Ansicht, daß die Vorsicht Ihrer Durchlaucht, der Frau Fürstin, ja durchaus begreiflich und, in anbetracht der Verhältnisse, besonders in Erwägung der Möglichkeit einer Ausschließung Theodor Kolokotronis' von der Begnadigung, auch völlig rationell und löblich sei; auf der anderen Seite verstehe er aber vollständig, daß der Fürst ungern auf die Ausführung eines Planes verzichte, den ihn sein gutes Herz diktiert habe, und der doch auch, von einer so hochgestellten Persönlichkeit ausgehend, unter so solennen Umständen exekutiert, mithin nicht ohne eine gewisse politische Relevanz, allerhöchsten Ortes möglicherweise sehr angenehm empfunden werden würde. Ob denn Durchlaucht nicht 266 von Excellenz Lindblad oder von dem jungen Baron etwas Gewisses erfahren könne?

Natürlich war das auch mein erster Gedanke, erwiderte der Fürst. Aber Sie kennen ja unsern alten Polonius: Worte, Worte, Worte, wie er sie da eben den jungen Leuten macht. Er war in seinen besten Pariser Zeiten nur immer ein fünftes Rad am diplomatischen Wagen und ist jetzt seit Jahren außer aller Verbindung. Und der junge Baron, der ja natürlich die griechischen Angelegenheiten bis zur Stunde genau verfolgt und in München Verbindungen hat, die bis in die allerhöchsten Kreise hinauf reichen, er war schon neulich und ist noch heute der Meinung, Kolokotronis werde nicht begnadigt werden. Aber natürlich ist er ein schlechter Zeuge; ich meine: sieht er zu schwarz in einer Angelegenheit, die auch die seine ist. Auf ihn würde ich deshalb in diesem Falle zuletzt hören.

Ich weiß nicht, sagte der Präsident mit einem kaum merklichen Achselzucken, ob Durchlaucht doch nicht recht daran thäten, wenn Sie auf ihn hörten.

Auf deutsch: Sie raten mir ab! rief der Fürst, seinen Aerger hinter einem Lachen versteckend.

Ich kann wenigstens nicht direkt zuraten; erwiderte der Präsident, in Erwägung –

Verzeihen Sie, ich sehe dort die alte Gräfin Kummerow ganz allein stehen, sagte der Fürst, sich aus der Fensternische mit einer Eile in den Saal wendend, die dem Präsidenten ein diskretes Lächeln entlockte, während er bei sich sprach: die Baronin Nadelitz hat recht; er ist in die schöne Frau verliebt. Und die liebe Fürstin denkt: principiis obsta! und widersetzt sich einer Demonstration, die ja auch wirklich ridikül ist, sie mag nun bestehen, worin sie will. Indessen, man wird es mit keinem verderben dürfen.

Er näherte sich der Fürstin, die inzwischen mit Herrn von Lindblad geplaudert hatte, welcher sich jetzt empfahl. Sie winkte dem Präsidenten, den nun leer gewordenen Platz auf dem Sofa an ihrer Seite einzunehmen und sagte:

Ich möchte nun endlich auch Ihr Urteil hören, lieber Freund.

267 Durchlaucht wollen nur noch die Gnade haben, hinzuzufügen, worüber.

Sie scherzen, lieber Freund.

Ich würde mir das nur erlauben, wenn Durchlaucht mich dazu invitierten, was nach der ernsten Miene Eurer Durchlaucht nicht der Fall zu sein scheint.

Mache ich eine ernste Miene? so kann es nur vor Verwunderung sein, daß der klügste Mann der Gesellschaft die Erklärung einer Frage fordert, auf die jeder andere sofort geantwortet haben würde. Aber nun im Ernst: wie finden Sie sie?

Wenn Durchlaucht, wie ich nach der Richtung Ihres Blickes schließen zu dürfen glaube, die junge Baronin Prohn meinen, so finde ich, daß sie gegenüber der ausgezeichneten Aufnahme, welche ihr hier die Gnade Eurer Durchlaucht gewährt, wenigstens eine vortreffliche Haltung beobachtet.

Ich bin durchaus Ihrer Meinung, sagte die Fürstin; sie nimmt die Huldigungen mit einer Bescheidenheit entgegen, die in meinen Augen den Zauber vollendet, welchen ihre wunderbare Schönheit notwendig auf alle ausübt. Und durch die sie mich speziell zu Dank verpflichtet, denn das wollten Sie doch wohl mit Ihrem ›Wenigstens‹ andeuten.

Ich hatte allerdings etwas derart im Sinn, sagte der Präsident.

Ich wußte es; erwiderte die Fürstin, und hätte es gewußt, auch wenn ich Sie eben nicht mit meinem Gemahl beobachtet hätte. Nun, es ist ja glücklicherweise durch das Ausbleiben des Briefes aus Berlin dafür gesorgt, daß die kleine Phantasie des Fürsten durch die jetzt unbenutzt bleibenden Transparente nicht zu deutlich hindurch scheint. So bin ich denn über heute Abend vollkommen beruhigt. Wir werden hernach still soupieren – dann ein kleines Feuerwerk – nota bene ohne Transparente! – ein Spielchen für die älteren Herrschaften, ein paar Gesellschaftsspiele für die jüngeren und basta! für heute. Aber, lieber Freund, ich denke an morgen und die folgenden Tage, überhaupt an die Zukunft; und da bin ich nicht ohne Sorge. Sie werden mich nicht mißverstehen. Das Beispiel des Fürsten 268 ist ja selbstverständlich in unsern Kreisen maßgebend; ich höre, daß von allen Seiten großartige Feste vorbereitet werden, oder doch in Aussicht genommen worden sind: morgen in Prohnitz, dann in Griebenitz, bei Malchows und so weiter – alles zu Ehren der jungen Baronin Prohn. Ich finde das übertrieben, außer Verhältnis. Sie ist eine Fürstentochter – diese griechischen Fürstlichkeiten haben für mich allerdings einen etwas exotischen Beigeschmack, aber – chacun à son goût – sie soll von unserm Rang sein. Gut. Können wir sie distinguieren ohne uns nach anderer Seite der bedenklichsten Inkonsequenzen schuldig zu machen? Die Prohns sind eine alte Familie, fast so alt wie wir; aber, wenn sie nicht total verarmt sind, so haben sie es dem Baron Hans zu danken, der darüber hat zum Bauer werden müssen, obgleich ja freilich mein Gatte manchmal im Scherz behauptet, er kenne außer sich selbst überhaupt nur noch einen Edelmann auf der Insel, und das sei Baron Hans. Er hat eben ein Faible für die Prohns. Würde er sich sonst so angelegen sein lassen, den alten Vaurien von Kammerherrn, nachdem er sich, ich weiß nicht wie oft, in der Gesellschaft unmöglich gemacht, immer wieder zu rehabilitieren und zu halten, bloß weil er eine verwitwete Baronin Prohn zur Frau hat? Würde er den älteren Bruder mit dieser väterlichen Freundschaft beehren? dem jüngern so leicht seine Extravaganzen verzeihen? das höchst fragliche Benehmen der schönen Hertha gegen Axel Grieben freilich nicht ganz korrekt, aber verzeihlich finden, da sie ihn doch einmal nicht geliebt habe? Ich bitte Sie, lieber Freund! als ob sie von jeher für Baron Hans, und nicht, wie es doch jedes Kind weiß, für den jüngeren Bruder geschwärmt hätte, dessen Benehmen gegen das arme Mädchen wiederum nichts weniger als exemplarisch ist! Mit einem Worte: in den äußern und innern Verhältnissen der Prohns ist so manches, was es geradezu verbietet, sie aus dem bescheidenen Hintergrunde, in welchen sie das Schicksal gerückt zu haben scheint, geflissentlich – ich möchte sagen: gewaltsam herauszuziehen, bloß deshalb, weil eine junge, schöne und, zugegeben, vornehme Ausländerin in sie hineinheiratet, deren Vater ich weiß 269 allerdings nicht welches Verbrechen gegen seine legitime Regierung im Kerker verbüßt, aus dem ihn nur die Gnade seines Königs erlösen kann. Wie nun, wenn dieses erhoffte Evenement nicht stattfindet? unser guter und uns bis heute so gnädiger König die ungemessene Ovation, welche wir der Tochter eines Staatsverbrechers in einem befreundeten Lande gemacht haben, übel vermerkt – lieber Freund, ich gestehe Ihnen, ich habe bereits den ganzen Abend mit diesem trüben Gedanken gekämpft, und da haben Sie denn die Erklärung für meine ernste Miene von vorhin, die von Ihrem Scharfblicke nicht unbemerkt geblieben ist. Aber ich sehe, es soll zur Tafel gegangen werden. Bitte, geben Sie mir Ihren Arm, ohne Furcht, ältere Rechte zu verletzen. Der Fürst hat sich für heute Abend die Freiheit von aller Etikette ausbedungen und nur zwei Tische zu reservieren befohlen, an deren einem er mich zu sehen wünscht, während er selbst an dem anderen Platz nehmen wird – Sie raten, an wessen Seite!

Dem Präsidenten wurde die passende diplomatische Antwort auf die in halb scherzhaftem, halb ironischem Tone vorgebrachte Frage zu finden erspart, denn in diesem Augenblicke kam der Fürst aus dem anderen Saale, am Arm Isäa führend, zu welcher er die hohe Gestalt in freundlichem Plaudern, das zugleich etwas ausgesprochen Ehrfurchtsvolles hatte, hinab beugte, indem er zugleich die übrigen Gäste mit Blicken und gelegentlichen Gesten ermahnte, sich ihm anzuschließen. Auf Isäas zarten Wangen lag eine feine Röte, während sie, mit gesenkten Wimpern, gleichmäßig leichten Schrittes an der Seite des erlauchten Wirtes dahinschwebte, in ihrer einfachen schwarzseidenen Robe, ohne anderen Schmuck als eine dreifache Perlenschnur um den Hals und eine andere, die durch das dunkle Haar geschlungen war, ein Bild anmutigster Bescheidenheit bietend, das selbst die wenigen Widerwilligen entwaffnete, und einem und dem anderen in den sich von allen Seiten herandrängenden Scharen der Verehrer ein Murmeln des Beifalls entlockte, welches, wie diskret auch immer, dennoch das leise Ohr des Fürsten erreichte. Er beugte sich noch 270 tiefer zu seiner Dame und flüsterte, die kleine, auf seinem Arme ruhende Hand für einen Moment an seine Brust drückend: Sie sehen, teures Kind, ich habe kein anderes Vorrecht, als die Bewunderung aussprechen zu dürfen, die Sie bei jedermann erregen.

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