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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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238 Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Nach kurzer Beratschlagung hatte man auf Gustavs Wunsch beschlossen, lieber, als in das entferntere große Norderholz, nach dem Wüsteneier Walde zu fahren, wo man unter den mächtigen Buchen und Eichen und auf dem feuchteren Grund zwischen dem dichten Buschwerk tieferen Schatten und größere Frische erwarten durfte. Auch die Wege im Walde würden nach den heißen letzten Tagen nicht so bös sein, und der Wagen war so elastisch, die Ponies traten so leicht auf – es mußte eine entzückende Fahrt werden.

Gustav hatte gehofft, daß sich Hertha zu ihm auf den Vordersitz setzen solle, während Axel und Isäa den Rücksitz einnahmen. Zu seinem nicht geringen Verdruß fand Isäa: sie hätte den ganzen Morgen noch nichts von Hertha gehabt und dringende Toilettefragen mit ihr zu besprechen; die Herren sollten den Vordersitz einnehmen, wohin sie, da sie heute in den Rollen des Kutschers und Dieners aufträten, auch von Rechts wegen gehörten. Hertha sagte: Isäa sei die Herrin des Wagens; man habe sich ihren Befehlen zu fügen; die Herren protestierten; dann gab auch Axel, durch einen verstohlenen Wink Isäas aufgefordert, nach.

Wie die Damen befehlen, sagte Gustav, ohne sich seine Enttäuschung mehr als schicklich merken zu lassen; aber variatio delectat: ich bedinge aus, daß Isäas Anordnungen nur auf der Hinfahrt Folge geleistet, und mir, als dem legitimen Mitregenten, die Bestimmung der Plätze für die Rückfahrt überlassen wird.

239 Er hatte die Zügel ergriffen und lenkte von der Rampe herab auf den freien Platz vor dem Schlosse, wo er, bevor er in die Allee einbog, die gute Dressur der Ponies, die Lenkbarkeit des Wägelchens und die Virtuosität seiner Fahrkunst in ein paar kunstvollen Volten und Schleifen zur vollsten Geltung brachte vor den erstaunten Augen des von allen Seiten herbeigelaufenen Hofgesindes und zum Ergötzen der Großeltern, die an dem offenen Mittelfenster des Saales standen und hinab grüßten und winkten. Dann ging es in schlankem Trabe die Allee hinab, durch die epheuumrankten Pfeiler des großen Thores auf den Weg nach Neuen-Prohnitz, von welchem, in der Nähe des Gehöftes, der Nebenweg nach Wüstenei und dem Walde abzweigte – immer zwischen wogenden Kornfeldern, in denen zahllose Grillen zirpten, während aus den blauen Lüften der Gesang unsichtbarer Lerchen herabtönte.

Nun war man im Walde angelangt, wo denn freilich das rasche Tempo alsbald gemäßigt und weiterhin im Schritt gefahren werden mußte. Aber auch so gab es auf dem schmalen, schlecht gehaltenen Wege heftige Stöße über eine Baumwurzel hier, in einem Loche dort, das man mitnehmen mußte, wollte man nicht seitwärts in den Graben geraten; an einer anderen Stelle wieder schwankte der sumpfige Boden bedenklich unter dem übergestreuten Reisig, welches als Damm gelten sollte. Isäa beklagte sich laut: ob denn das ein Vergnügen sei? und noch dazu eines, welches man Damen zumute? Gustav entschuldigte sich: das sei im Walde nun einmal nicht anders; übrigens wundere er sich über ihre Empfindlichkeit: es sei dies die allerdings schlechteste Partie desselben Weges, den sie am Montag von Prora her mit Hans gefahren, ohne sich, soviel er wisse, zu beklagen. Isäa erwiderte, sie erinnere sich der Stelle wohl; aber Hans sei zu dem Kutscher auf den Bock gestiegen und habe selbst die Zügel genommen; da sei es so glatt gegangen, wie auf dem Parkett eines Ballsaales. Gustav antwortete mit unterdrückter Heftigkeit, Isäa blieb ihm die Antwort nicht schuldig; Axel wollte sich ins Mittel legen und machte die Sache nur schlimmer, indem er zugab, daß die Damen 240 Ursache hätten sich zu beklagen, aber freilich Gustav nach so langer Abwesenheit im Walde nicht mehr so genau Bescheid wissen könne wie Hans, der täglich in demselben herum streife.

Gustav hielt plötzlich still.

Ich habe nun genug Vorwürfe gehört, sagte er; umkehren kann ich hier nicht, ohne den Wagen zu zerbrechen; weiterfahren will ich nicht, wenigstens nicht mit den Herrschaften. Ich erlaube mir einen Vorschlag. Hier der Fußpfad führt in ungefähr fünfzehn Minuten, an dem kleinen See vorüber, auf die große Straße, in die auch dieser Weg in kurzer Zeit, welche den Herrschaften zu lang scheint, gemündet haben würde. Steigen Sie also, bitte, aus, und machen Sie die kleine Promenade zu Fuß, die Sie schon deshalb nicht gereuen wird, weil gerade um den See herum die schönsten Bäume stehen. Ich fahre inzwischen den Wagen bis zu dem genannten Punkte, der übrigens nicht zu verfehlen ist. Von da können wir den Rückweg über Griebenitz oder Wüstenei machen, jedenfalls so, daß die Damen sich nicht abermals zu beklagen brauchen.

Ein famoser Vorschlag, rief Axel, vom Wagen springend und den Schlag für die Damen herab lassend. Ich kenne den Weg zwar nicht; aber das ist ganz gleich. Kommen Sie, meine Damen!

Isäa hatte sofort seine dargebotene Hand ergriffen und war aus dem Wagen gehüpft.

Nun, mein gnädiges Fräulein, sagte Axel; wollen Sie nicht von der Partie sein?

Er hatte gehofft, daß Hertha, die sich mit keinem Worte an dem Streit beteiligt und also sicher auf Gustavs Seite war, zurück bleiben werde. Zu seinem Verdruß richtete sie sich aber aus ihrer Ecke auf, schwang sich, ohne seine Hand zu nehmen, von der anderen Seite aus dem Wagen und trat zu ihnen.

Ich muß wohl schon, sagte sie, da Sie den Weg nicht kennen; ich kenne ihn sehr gut.

Also in einer Viertelstunde! rief Gustav, während die drei bereits den engen Pfad betreten hatten, hinter dessen von beiden Seiten sich herandrängendem Buschwerk die hellen Kleider der 241 Damen alsbald verschwunden waren, und jetzt nur noch Axels laute Stimme die Richtung bezeichnete, in der sie sich entfernten.

Verdammt! murmelte Gustav.

Er hatte es sich so schön gedacht: sie würde sich zu ihm gesetzt haben; er hätte langsam, vorsichtig die böse Strecke zurückgelegt – eine halbe Stunde wäre dafür nicht zu lang gewesen – eine halbe Stunde an ihrer Seite, wo sie ihm nicht ausweichen konnte, wie sie es alle diese Tage gethan, ihn anhören mußte – im tiefen verschwiegenen Walde – und hatte es ihr mit einem flehenden Blick, den er, unbemerkt von den anderen, über die Schulter gewandt, in ihre Augen heftete, gesagt; sie hatte den Blick und die Bewegung seiner Lippen wohl verstanden, und – ruhig, ihr Racker!

Die Peitsche sauste auf die Ponies herab, die sich ungeduldig im Geschirr herumwarfen, und jetzt unter den wütenden Hieben hoch aufbäumten, während seine zornigen Blicke sich bereits nach der andern Seite wandten, wo es in den Büschen knackte und sich bewegte und nun heraustrat: zwei Knaben von etwa zwölf und acht Jahren, zerlumpt, barhäuptig, mit scheuen, neugierigen Augen in den schmutzigen, vom Saft unreifer Heidelbeeren arg beschmierten Gesichtern. Der Jüngere wollte wie eine wilde Katze sofort wieder in die Büsche zurück schlüpfen, aber der Aeltere hielt ihn fest und kam mit ihm auf Gustavs Zuruf heran, dem beim Erblicken der Knaben ein Einfall durch den Kopf geschossen war.

Kannst Du fahren? fragte er den Aelteren.

Das wollt' ich meinen, erwiderte der Junge, dessen Augen unverwandt an dem herrlichen Gefährt hingen.

Und möchtest Du wohl diesen Wagen bis auf den Griebenitzer Weg fahren und weiter links, bis wo der Fußpfad vom See in den Weg fällt? und da auf mich warten?

Die Augen des Jungen blitzten vor Vergnügen.

Und Dir den Thaler hier verdienen?

Der Junge zeigte seine blauen Zähne von einem Ohr bis zum andern.

Dann steig' auf!

242 In einem Nu war der Junge auf dem Sitz, von dem Gustav herabgesprungen, hatte mit der rechten Hand den Thaler ergriffen und in die Tasche seiner zerlumpten Jacke gesteckt, mit der linken die Zügel gefaßt, jetzt auch die Peitsche in die wieder freie Rechte – Hü! – die Ponies sprangen im Galopp an, das Wägelchen flog aus dem Loch, in welchem es zuletzt gesteckt hatte, daß alle vier Räder in der Luft schwebten, – Hot! Hü! – und jetzt abermals durch ein Loch und wieder heraus und fort und weiter in unverminderter Eile – Gustav hätte den tollen Burschen nicht mehr zurückrufen können, auch wenn er es ernstlich gewollt hätte.

Aber nur für einen Moment hatte er daran gedacht.

Mag der Trödel in tausend Stücke gehen; und der Junge sich den Hals brechen! Wo ist denn der andere?

Er blickte sich um: der kleinere Knabe mußte die Zwischenzeit gut benutzt haben: in den Büschen, in die er zurückgehuscht war, regte es sich nicht einmal mehr. Gustav lachte.

Echtes Prebrowblut; sagte er laut.

Es war ihm eingefallen, daß, als er vor drei Jahren fortging, Prebrow ein paar kleine Jungen gehabt hatte; die häßlichen Rangen sahen dem Alten, der in seiner Jugend sehr schön gewesen sein sollte und in seiner jetzigen Verkommenheit noch immer die Spuren davon zeigte, sehr wenig ähnlich; aber sie mochten wohl nach der Mutter geartet sein. Jedenfalls waren es seine Sprößlinge, die aus dem elterlichen Hause, das von dieser Stelle kaum tausend Schritte entfernt sein konnte, eine Exkursion in ihr Revier gemacht hatten. Nun fehlte bloß noch der Alte und es konnte einen schönen Tanz geben.

Aber das ging ihm nur so nebenbei durch den Kopf, während er bereits auf dem Fußpfade hinter den andern her eilte. Sie hatten doch einen größeren Vorsprung, als er gedacht. Vielleicht legten sie die kurze Strecke ohne Aufenthalt zurück, und er holte sie erst an dem verabredeten Punkte ein, wo dann von einem ungestörten Beisammensein mit Hertha wieder nicht die Rede war. Weshalb sollten sie sich auch aufhalten, da ihre Gegenwart ein tête-à-tête, wie es die beiden andern im Sinne 243 gehabt haben mochten, so grausam störte! Das war noch der einzige Spaß an der Sache! Axel hatte vorhin bei dem Zank mit Isäa seine Karten etwas zu offen gezeigt, nachdem er bis jetzt sein Spiel verdeckt genug gespielt hatte. Also darauf sollte es hinaus? Seltsam, wie verblendet er gewesen war, das nicht vom ersten Moment an zu durchschauen! Nun, Axel hatte seine Leidenschaft für Hertha wohl bemerkt; das hatte ihn jetzt so frech gemacht. Und wenn's so war – wenn Axel –

Gustav stand hochaufatmend still: es war ein niederträchtiger Gedanke – gerade Axel! – Und doch: es wäre ein Ausweg. Hertha weiß, daß ich Isäa nicht mehr liebe. Es handelte sich also nur noch darum, daß auch sie wieder frei wird; daß man ihr einen Grund insinuierte, um mit Hans zu brechen – etwas, das ihren Stolz beleidigte, worüber sie nicht wegkäme, – etwas, das die Dankbarkeit, den Respekt und all den Nonsens, durch den sie sich jetzt an ihn gefesselt wähnt, in die Luft schnellte. Die Geschichte mit der Hanne! das wäre so etwas gewesen! sie hatte damals schon immer eine Aversion gegen die Dirn, und sie weiß, daß er sie gern gehabt hat. Aber in die hausbackene Tugend des Duckmäusers ist ja keine Bresche zu legen. Und sie kennt ihn zu gut; sie würde es nicht einmal glauben. Man wird auf etwas anderes denken müssen.

Er war längst schon im Laufschritt weiter geeilt, jetzt den Hügelwall hinauf, welcher an dieser Seite den See umgab. Nun wieder den Wall hinab. Aber der bis dahin wohlgangbare Pfad versumpfte plötzlich in der Nähe des Schilfrandes, der ihm breiter schien, wie vormals. Er wandte sich nach einigen vergeblichen Versuchen wieder aufwärts, auf dem Wall sich einen Pfad zu suchen; es war ein Umweg, den aber die anderen ebenfalls gemacht haben mußten, wenn die unsicheren Fußspuren, die er hier und da in den schwarzen Waldboden gedrückt sah, von ihnen herrührten. Oder hatten sie eine andre Richtung eingeschlagen?

Er stand, wiederum auf eine der kleinen Lichtungen heraustretend, still, sich zurecht zu finden; und hätte vor Freuden fast laut aufgeschrieen. Kaum dreißig Schritte von ihm 244 entfernt, etwas tiefer als er, fast wieder schon am Rande des Schilfes, auf der Wurzel der mächtigen Buche, an den moosigen Stamm lässig zurückgelehnt, saß Hertha. In dem grünblauen Schatten huschten über ihr dunkelblondes Haar verstohlene goldene Lichter an ihrer zierlichen Gestalt hinab bis zu den kleinen Füßen, die aus dem Kleide hervorsahen. Sie hatte den breiten Strohhut abgenommen und neben sich in das Moos gelegt. Den Blick gesenkt auf die beiden Hände im Schoß, schien sie etwas, was sie zwischen den Fingern hielt, eifrig zu betrachten – etwas, das jetzt aufblitzte, wie ein Tautropfen im Grase, den ein Sonnenstrahl trifft: der Diamantring, den ihr gestern Abend Hans geschenkt!

Verflucht! murmelte Gustav.

Seine erste Regung war gewesen, sich ihr zu Füßen zu stürzen, die geliebte Gestalt in seine Arme zu pressen, den Angstschrei der Erschreckten mit seinen Küssen zu ersticken. Jetzt hätte er sie ersticken, erwürgen mögen vor wütender Eifersucht, die seine Liebe zur Raserei entflammte. Aber zu dem Sprung des Tigers, zu dem er schon angesetzt hatte, fehlte ihm plötzlich die Kraft. Der Schlag der Enttäuschung war zu stark gewesen. Er mußte nach Atem ringen in der keuchenden Brust, seine Glieder flogen; instinktiv hatte er neben sich gegriffen nach einem dürren Ast, der knackend brach. Und jetzt hatte sie aufgeblickt. Wäre sie entsetzt in die Höhe gefahren, vor ihm zu fliehen – die Raserei hätte ihn wieder erfaßt; aber sie blieb sitzen: da bist Du ja auch? wo kommst Du denn her?

Es war vorbei. Seine ganze Geistesgegenwart zusammen raffend, versuchte er zu lächeln, während er mit schwankenden Knieen den Hügel herabkam und sich, wie ein schwer Ermüdeter, zu ihrer Seite in das Moos warf.

Verzeihe, ich bin so gelaufen – dachte, Euch einzuholen – habe den Wagen einem Jungen gegeben, der ihn nach der Stelle fahren soll – wo sind denn die anderen?

Axel behauptete, wir müßten rechts um den See. Man kann es ja auch; ich weiß aber, daß es hier näher ist. So habe ich sie laufen lassen – wie bist Du denn aber so plötzlich zu dem Stellvertreter gekommen? es war doch niemand da?

245 Er kam eben, als Ihr fort wart – ein schmutziger Bengel, aber Kourage im Leibe – ich glaube, einer von Prebrows Jungen.

Der Adolf! nun, der wird schon damit fertig werden. Aber ich denke, wir lassen die anderen nicht warten.

Sie hatte nach ihrem Strohhut gegriffen; Gustav legte für einen Moment seine Hand auf die ihre.

Bleibe noch ein wenig! ich bin wirklich ganz erschöpft und – sie werden uns nicht vermissen.

Er hatte es in einem bittern Tone gesagt, zu dem er sich nicht zu zwingen brauchte, – fühlte er sich doch in diesem Augenblicke von Isäa verraten, wie ihm der blitzende Ring da an der kleinen Hand sagte, daß er auch nichts zu hoffen habe von ihr, die zu lieben er sich bewußt war, wie er jene nie geliebt: mit aller Kraft seiner Seele, mit allen Sinnen, mit jedem Blutstropfen, der jetzt in seinem Herzen stockte und es schwer und schwerer machte.

Ich bin der unglücklichste Mensch von der Welt; murmelte er.

Für Hertha war es keine Phrase. Wenn sie nicht in seiner Seele hätte lesen können, in deren tiefstes Geheimnis sie doch zu schauen glaubte – sie brauchte nur in ihre eigene zu blicken, um mitzufühlen, was er in diesem Augenblicke fühlen mußte: die Unseligkeit hoffnungsloser Liebe, vergiftet durch den Gedanken, daß, was sie hoffnungslos macht, kein Recht hat zu sein; dieses Recht verscherzt hat durch die eigne Unwürdigkeit, der man nur nachzuahmen brauchte, um frei zu sein, und doch nicht nachahmen darf, weil damit auch der letzte Trost in all dem Leid schwinden würde: der Trost des Stolzes. Sie fühlte diesen Stolz, ein hilfloses Mädchen; und er, der Mann, zu dem sie einst als zu ihrem Ideal empor geschaut, – er war es ja nicht mehr! aber so klein und schwach, wie er ihr jetzt erschien – das sollte nicht sein; so wollte sie nicht an ihn zurückdenken müssen, wenn sie sich doch nun einmal trennen sollten. Und noch durfte sie ja, Gott sei Dank, zu ihm mit scheinbarer Freiheit sprechen; er wußte ja nicht, wie tief sie beleidigt war, und 246 sollte es auch gewiß nie von ihr erfahren – und auch keiner sonst, außer ihm, der sie beleidigt hatte. Für alle anderen mußte es genügen, daß sie ihn nicht heiraten würde.

Sie hob den Kopf und blickte seitwärts auf Gustav, der ebenso wie sie vor sich nieder starrend, die stummen Sekunden achtlos dahinrinnen ließ.

Gustav!

Ja so, sagte er, erschreckend, und wollte sich erheben.

Bleib! sie mögen warten; ich habe Dir etwas zu sagen. Schon vorhin, – auf der Fahrt – habe ich es mir überlegt, und jetzt steht es ganz klar vor mir: Du mußt fort von hier.

Er blickte sie starr an.

Du bist erstaunt?

Nicht im mindesten; ich wußte es seit der ersten Minute; ich glaubte nur nicht, es von Dir hören zu müssen.

Gerade von mir. Von wem sonst? Wer wüßte besser als ich, wie es um Dich steht, wie es in Dir aussieht; und deshalb wiederhole ich: Du mußt fort und sobald wie möglich. Nicht um meinethalben – ich spreche jetzt nicht von mir – hernach vielleicht, oder ein andermal; ich spreche nur von Dir. Du liebst mich – wieder oder noch – gleichviel. Ich mache Dir kein Verbrechen daraus, und ich glaube, keine an meiner Stelle thäte es; oder, wenn sie's thäte, so löge sie. Aber ich kann keine Freude an Deiner Liebe mehr haben – das ist vorbei – einmal für allemal; und Dich macht sie noch unglücklicher als Du es schon ohnedies bist. Denn unglücklich bist Du; darin hast Du freilich recht. Aber unrecht hast Du, als ein Mann, es zu sagen, oder es so zu sagen, wie vorhin: in jämmerlicher Verzweiflung, als gäbe es daraus keinen Ausweg. Natürlich ist keiner da, wenn Du nicht danach suchst, oder den nicht einschlagen willst, der sich von selbst bietet. Dein Ausweg ist, daß Du wieder in die große Welt mußt, in die Du gehörst. Was willst Du hier? Von der Gnade Deines Bruders leben, wie die Großeltern, und wie ich es nur schon zu lange gethan habe? das darfst Du nicht; und ihm in der Arbeit helfen, so daß Du Dir sagen dürftest: ich verdiene mir wenigstens das Brot, – 247 das kannst Du nicht. Du hast keine Lust und kein Geschick zur Wirtschaft – jeder schlechteste Inspektor würde für eine Handvoll Thaler jährlich mehr leisten als Du. Ueberdies: ich kenne Hans' Verhältnisse genau: er spricht die Unwahrheit, wenn er Dir sagt, daß er genug für alle verdient. Er hat schon die größte Not gehabt, die Großeltern in dem Rest von Luxus so weiter leben zu lassen. Einen zweiten Hausstand, wie Du ihn führen möchtest, und Deine Frau jedenfalls würde führen wollen, tragen die Güter nicht, die zusammen nur ein mäßiges Gut ausmachen, das trotz Hans' Arbeit noch lange nicht schuldenfrei ist.

Aber ich habe Dir schon gesagt, rief Gustav, daß ich vom ersten Augenblicke entschlossen gewesen bin, nicht hier zu bleiben! Weshalb verlierst Du darüber so viel Worte?

Du würdest nicht heftig werden, wenn ich sie verloren hätte; ich meine, wenn Du wirklich entschlossen gewesen oder geblieben wärest. Ich finde es auch sehr begreiflich, daß Du nach der Unruhe Deiner letzten Jahre Dir auch einmal die Ruhe hier gefallen läßt, wo Dir und Deiner Frau alles entgegenkommt, alle Welt sich bemüht, euch das Leben angenehm zu machen.

Ich sollte meinen, sagte Gustav grollend, Du wüßtest am besten, welches Leben ich hier führe: das Leben in der Hölle kann nicht unangenehmer sein.

So verlierst Du gewiß nichts, wenn Du gehst, erwiderte Hertha schnell; Du kannst nur gewinnen, in erster Linie Dich selbst wieder. Gustav, ich meine es gut; ich wiederhole: ich denke bei dem allen nicht an mich, nur an Dich. Thu' das nur auch ein wenig! denke daran, wie Du von jeher dies unser eingeschränktes Leben mit seinen elenden Interessen von einem Tage zum andern verachtetest; die einfachen, stillen Menschen verhöhntest, mit denen Du hier in ewigem Einerlei so fort vegetieren solltest; Dich hinaus sehntest in die weite Welt; von Gefahren träumtest, die Dich da erwarteten, und die Du bestehen und Dir so ein Leben nach Deinem Sinn schaffen wolltest: ein großes, mächtiges, Deiner Thatkraft, Deiner Gaben würdiges. Es waren Deine letzten Worte, Gustav, damals, als Du gingst. Ich habe sie in treuem Gedächtnisse behalten; 248 ich habe Dich mit meinen Wünschen, meinen Hoffnungen begleitet; ich habe nicht an Dir gezweifelt, wenn aus Deinen Nachrichten auch nichts von der Erfüllung der großen Pläne zu lesen war; wenn Du auch das wilde Leben nur fortzusetzen schienst, das Du hier geführt, und das Dich von hier getrieben. Ich dachte: er muß sich austoben; er hat den festen Punkt nur noch nicht gefunden, wo er einsetzen kann; aber er wird ihn finden. Und daran hielt ich mich, als Du vor einem Jahr plötzlich zu schreiben aufhörtest, und wir nur wußten, Du seiest nach Griechenland gegangen. Ich sagte mir: jetzt ist er ernstlich am Werke; jetzt hat der Kampf für ihn begonnen; er schweigt, weil er nicht eher sprechen will, als bis er sagen kann: ich habe mein Versprechen eingelöst, und ich habe gewonnen. Dann, als Dein Schweigen immer länger währte, kam die Sorge und der Zweifel und die bange Ahnung: er hat verloren. Und Gustav – ich darf es jetzt ja sagen, – die noch viel bangere: er hat dich vergessen, – vergessen müssen, um zu gewinnen. Wußte ich doch, daß Du der Mann warst, Deinem Ehrgeiz, wenn er einmal entflammt war, alles zu opfern – auch Deine Liebe. Unterbrich mich nicht! ich habe mich nach der Stunde gesehnt, wo ich Dir das alles würde sagen dürfen, und ich bin noch nicht fertig. In diesen letzten Monaten des bangen Harrens, das von Tag zu Tag qualvoller wurde, – nun ja, es mochte auch Trotz sein und gekränkte Eigenliebe – nenne es, wie Du willst – vor allem aber, ich schwöre es Dir, es war der Gedanke, der sich immer tiefer in meine Seele bohrte: du darfst ihm nicht im Wege stehen; du mußt ihm die Bahn frei machen; du mußt ihm die Verlegenheit ersparen, dich auf die Seite schieben zu müssen, dir die Beschämung, dich auf die Seite geschoben zu sehen. Hätte ich gewußt, wo Du zu finden warst, ich würde es Dir geschrieben haben, und daß Du auf die Gräfin von Grieben weiter keine Rücksicht zu nehmen brauchtest. Und nun kamst Du; und ich mußte erfahren, daß die Wirklichkeit, wenn sie vor uns steht, freilich anders aussieht, als wir sie uns gedacht. Wie es mich gepackt und wie im Wahnsinn geschüttelt, und was ich in diesem Wahnsinn –

249 Sie strich sich wild mit beiden Händen über das Gesicht, wies aber seine Hand, die nach der ihren greifen wollte, zurück und fuhr mit bewegter Stimme fort, die aber alsbald wieder größere Festigkeit gewann:

Du warst nicht als Sieger gekommen, aber auch nicht als Besiegter: hattest nur nach einem mächtigen Anlauf das Ziel nicht ganz erreicht. Und daraus ist Dir kein Vorwurf zu machen. Du konntest nicht wissen, daß der Vater Deiner Frau so bald von seiner Höhe stürzen würde. Auch hättest Du Dich ja zurückziehen können; ich darf Dich nicht tadeln, daß Du es nicht thatest. Ich frage nicht, wie weit Großmut und Liebe im Spiele waren, als Du Deinen Einsatz verdoppeltest und die Tochter des gefangenen Patrioten zu Deinem Weibe machtest; ich muß doch wohl annehmen: zu einem guten Teil. Aber auch, wenn Du nur gerechnet hättest, – die Berechnung ist nicht so schlecht. Fürst Prora hat nicht bloß uns gegenüber, sondern überall behauptet, daß der Vater Deiner Frau bei der Mündigkeitserklärung des Königs, die ja wohl bald bevorsteht, in den Vollbesitz seiner Güter und seiner Rechte eingesetzt werden würde. Du behauptest das Gegenteil: der junge König könne nicht einen zum Tode verurteilten Mann, den er selbst vor kurzem erst zur lebenslänglichen Gefangenschaft begnadigt habe, frei geben – der Widerspruch sei zu groß. Ich verstehe das nicht; aber ich glaube, daß der Fürst hier klarer sieht, als Du, der Du die Verhältnisse wohl besser kennst, aber auch gerade deshalb befangen bist, und nur vielleicht nicht zu hoffen wagst, um Dir eine Enttäuschung zu ersparen. Aber, wenn auch die Begnadigung nicht sofort erfolgen sollte – darin hat der Fürst gewiß recht: der junge König kann einen Nationalhelden nicht ewig im Gefängnisse lassen: es ist – ich wiederhole die Worte des Fürsten – nur eine Frage der Zeit. Und in der Zwischenzeit darfst Du und brauchst Du ja, Gott sei Dank, nicht müßig zu sein. Du sagst, daß der Auftrag, den Dir der König von Bayern an den Oldenburger Hof gegeben hat, ein rein privater sei, zu dem Du Dich selbst erboten, da Du doch einmal in Deine Heimat zurückkehrtest und gelegentlich ja auch nach 250 Oldenburg hinüber reisen könntest. Mag sein und auch, daß es damit keine Eile habe, und daß Du Deine Verhältnisse hier ordnen und von unserm Adel erst, sozusagen, wieder in Ehren aufgenommen sein mußtest, bevor Du in Oldenburg mit der nötigen Sicherheit auftreten konntest. Gut. So laß das Fest morgen beim Fürsten noch über uns ergehen – es ist die glänzendste Gelegenheit für Deine Zwecke; – laß uns auch am Montag unsere Gesellschaft geben – sie wird, – abgesehen davon, daß wir sie am Ende den Leuten schuldig sind, – Dich wiederum in einer völlig befestigten Position zeigen; aber dann, Gustav, mußt Du fort.

Und Isäa? und Eua? fragte Gustav.

Isäa mußt Du mitnehmen, auf alle Fälle; erwiderte Hertha eifrig. Das versteht sich von selbst. Ich – nun ja – ich darf und will und kann die Verantwortung für sie nicht übernehmen. Ich mag sie zu hart beurteilen: wenn ich es thue, ist es ihre Schuld. Es scheint, daß sie nicht leben kann, ohne zu erobern. Aber eben deshalb gehört Ihr beide zusammen, viel besser und viel mehr, als Ihr zu ahnen scheint. Es kommt nur darauf an, daß Ihr Euren Ehrgeiz zusammenthut, und Euch ein würdiges Ziel steckt, anstatt, wie jetzt, Eure Gaben, jedes für sich, an nichtige Zwecke zu verzetteln. Und da mußt Du eben die Initiative ergreifen, die Führung übernehmen; Isäa hat alles dazu, Dir zu folgen und nicht bloß das. Sie hat vielleicht nicht viel gelernt, oder meinetwegen: sie ist sehr unwissend – wofür sie nebenbei nichts kann bei ihrer wunderlichen Erziehung. Sie ist leichtsinnig, leichtfertig, wenn Du willst; aber sie ist auch bis zu einem hohen Grade gutmütig, glaube ich; und ganz gewiß ist sie sehr klug, zehnmal klüger als ich; wunderbar beredt, wenn sie will – mit einem Worte, ganz die Frau für einen Mann, der sich durch schwierige Verhältnisse bewegen soll, noch dazu durch solche, in welchen, wie an den Höfen, die Frauen eine so große Rolle spielen. Du mußt mir zugeben, daß ich recht habe.

Gustav antwortete nicht sogleich. Er war, als sie schwieg, wie aus einem bösen Traum aufgeschreckt, nur daß es kein 251 Traum, sondern bitterste Wirklichkeit war, die hohnlachend vor seinen starren Augen stand: die Wirklichkeit der Lüge, in die er sich verstrickt – wie ihm jetzt vorkam: mit der gedankenlosen Leichtfertigkeit eines Schulknaben. Sollte er ihr die Wahrheit bekennen? und daß alles, was sie da für seine Zukunft geplant, Seifenblasen seien, die ein Hauch zerstören mußte? Ihr das bekennen, um derenwillen er doch die Lüge, mit der er vorher nur gespielt, zur wirklichen Lüge gemacht, die jetzt wie ein schneidiges Schwert über seinem Haupte hing an einem Faden, der jeden Augenblick reißen konnte? Ja, wenn sie ihn liebte! was verzeiht ein Mädchen nicht dem Geliebten! Und wenn sie sich so in seine Schuld hätte mit hineinziehen lassen, um so besser – um so leichter würde sie ihm weiter folgen, folgen müssen, und wäre es in die Gemeinsamkeit des Untergangs. Aber sie hatte keine Sehnsucht, unterzugehen, sie hatte klug das sichere Teil erwählt, und – hatte gut reden und vernünftigen Rat erteilen!

Er wollte ihr das sagen; aber er fühlte, daß er sich nicht würde beherrschen können, und wollte lieber alles über sich ergehen lassen, als eine Scene hervorrufen, die zu einem entschiedenen Bruche führen mußte.

Das wäre Isäa, sagte er; ich könnte Dir gar manches darauf erwidern, aber es sei darum: Isäa wird mit mir gehen. Und was soll aus Eua werden?

Ich habe natürlich daran gedacht, erwiderte Hertha; und bin der Meinung, Ihr laßt das Kind besser hier. Ihr würdet Euch mit ihm weniger frei bewegen können, und – offen gestanden – ich glaube, Ihr würdet es nicht vermissen. Es scheint ihr hier gut zu bekommen; sie sieht jetzt schon viel besser aus, als an dem ersten Tage. Eure Wärterin wird sich ja nach und nach in die Situation finden, und wenn nicht, sich gefallen lassen müssen, Eua der Großmama zu überlassen, die nichts sehnlicher wünscht, und mit Hilfe unsrer Pahnk die Kleine besser pflegen wird, als Ihr es bei Eurem ruhelosen Leben bisher zu thun im stande waret.

Es scheint, daß Du von dem Kinde so wenig wissen willst, wie von seinem Vater; sagte Gustav.

252 Weil ich von mir nicht spreche?

Die zwei feinen perpendikulären Falten, welche, wenn sie ernst und eifrig sprach, sich zwischen ihren Brauen zu bilden pflegten, und die Gustav während dieser Unterredung hatte kommen und wieder verschwinden sehen, vertieften sich, und ihre geradaus blickenden Augen nahmen jene dunkle, stahlblaue Farbe an, welche bei ihr einen Sturm in der Seele verkündete und begleitete, als sie langsamer und leiser als bisher fortfuhr in einem schwingenden Ton, der aber doch etwas seltsam Festes und Eindringliches hatte.

Ich spreche nicht von mir, weil ich nur noch kurze Zeit für Eua sorgen könnte.

Ich wußte nicht, daß Ihr so bald heiraten würdet, entgegnete Gustav, der nicht anders meinte, als sie brauche diesen Aufwand von Kraft, um ihm die Nähe ihrer Hochzeit anzukündigen und womöglich jeden Einwand, den er wagen würde, von vornherein zurück zu weisen.

Nur so lange, sprach sie in demselben Tone weiter, als hätte sie seine Einrede nicht gehört: bis es mir möglich gewesen ist, eine Stelle als Gesellschafterin oder Erzieherin zu finden; – wenn es irgend sein kann, weit von hier – im Auslande – und ich habe schon gedacht – und sage es Dir deshalb jetzt schon – daß Du mir dabei behilflich sein kannst.

Gustav saß starr vor Erstaunen. Was war das? Sie wollte fort? heute, nachdem sie seit gestern Abend den Ring trug, der da an ihrem Finger blitzte? Was war geschehen zwischen gestern und heute, trotzdem sie Hans nicht gesehen und gesprochen hatte? zwischen ihnen beiden unmittelbar nichts vorgefallen sein konnte? und doch etwas vorgefallen sein mußte? Also nicht unmittelbar! also – sollte es das sein? die Pahnk war, bevor sie wegfuhren, längere Zeit bei ihr auf dem Zimmer gewesen – und war gestern in Prora gewesen – es konnte nur das sein!

Das Herz hämmerte ihm in der Brust. Es war die furchtbarste Lüge, im Vergleich zu der alles, was er je in seinem Leben und was er noch eben gelogen, Kinderspiel war. Aber 253 er würde ja nicht direkt zu lügen brauchen. So war es keine richtige Lüge. Was konnte er für ein Mißverständnis, das andre durch ihre Schwatzhaftigkeit herbeigeführt hatten, wenn es dann auch die beiden trennte, und – Hertha frei machte für ihn – für ihn.

Ich danke Dir für Dein Schweigen, sagte Hertha; ich konnte mir denken, daß Du es wußtest. Und ich nehme Dir auch nicht weiter übel, daß Du mich nicht gewarnt hast: Ihr Männer seid ja wohl in diesen Dingen zum gegenseitigen Schweigen verpflichtet; und gar Du durftest nicht sprechen mit der Last der andern Verpflichtungen, die Du gegen ihn auf dem Herzen hast.

Wie ein zweischneidig Schwert fuhr es ihm in das Herz: Last der Verpflichtungen! Wie oft hatte er unter dieser Last geseufzt! Jetzt oder nie konnte er sie abschütteln – mit einem Wort! mußte er das Wort sprechen, wenn noch ein Funke von Ehre in seiner Seele lebte!

Laß uns gehen! sagte Hertha.

Bleib!

Er hatte es in heiserem Tone herausgestoßen; er wollte es sagen, die Wahrheit sagen – die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er griff nach ihrer Hand, um sie festzuhalten und fühlte bei dem krampfhaften Druck hart zwischen seinen Fingern den Ring an ihrem Finger.

Ich weiß, daß sie darüber sprechen – in Prora – ich habe auch davon gehört, aber –

Spar' Dir das übrige! rief Hertha, ihre Hand aus der seinen reißend und aufspringend; ich will kein Aber, hier ist kein Aber – das trennt ihn und mich auf ewig.

Auch Gustav hatte sich aufgerichtet; es lag ihm wie Blei in den Gliedern; mechanisch folgte er der zierlichen Gestalt, die vor ihm her zwischen den Stämmen dahinglitt. – Sie will nicht hören – es ist nicht meine Schuld, murmelte er.

Sie hatten sich so kaum eine Minute durch den Wald bewegt, als sie in einem Gebüsch zur Rechten Axels Stimme vernahmen und gleich darauf ihn selbst erblickten, eifrig 254 bemüht, das dicht verschlungene Gezweig für Isäa, die ihm auf dem Fuße folgte, auseinander zu biegen. Auch er hatte sie jetzt gesehen und rief ein schwächliches Hurrah, das Isäa mit einem Schmerzensruf beantwortete, da ein elastischer Zweig, welchen der Erschrockene zur Unzeit losgelassen, sie empfindlich getroffen. Endlich hatten sie sich herausgearbeitet, beide sehr erhitzt, Isäa mit zerfetztem Kleide und augenscheinlich ein wenig verdrießlich; Axel mit eingedrücktem Hut, Schrammen im Gesicht und an den Händen, verlegen lachend:

Ja, mein Gott, wer konnte das denken – ich bitte tausendmal um Entschuldigung, Madame – die verdammten Dornen – aber wo kommen Sie – wie kommst Du hierher? Sind Dir die Ponies weggelaufen? – das fehlte noch gerade!

Beruhige Dich, sagte Gustav; der Wagen erwartet uns an der richtigen Stelle. Aber wie kommt Ihr hierher? das heißt: Du kannst uns das unterwegs erzählen; wir haben keine Zeit zu verlieren. Hertha, Du kennst ja den Weg am besten!

Hertha war bereits voran geschritten; Isäa, die wirklich erschöpft schien, hatte sich in Gustavs Arm gehangen; Axel hielt sich in der Mitte, bald nach vorn zu Hertha, bald über den Rücken gewandt, zu Gustav sprechend.

Gott, gnädiges Fräulein, wären wir doch Ihnen gefolgt! Aber, ich Unglücklicher, war so fest überzeugt, daß es links herum näher sei! Ist's auch wohl, wenn der abscheuliche Sumpf nicht wäre. Weiß der Teufel, wie sich das hier verändert hat – war noch im vorigen Frühjahr hier mit dem Fürsten auf dem Schnepfenstrich – na, wir sind schön hineingeraten! Deine arme Frau, Gustav, – nicht wahr, Madame? – Endlich sind wir glücklich durch die schlimmste Stelle, und ich habe für die gnädige Frau ein trockenes Plätzchen gefunden, auf dem sie sich ein bißchen ausruhen konnte – es that Ihnen not, gestehen Sie es nur, Madame, – und haben da kaum fünf Minuten gesessen –

Keine fünf Sekunden! rief Isäa.

Oder Sekunden – ich weiß es wirklich nicht. Plötzlich springt Madame mit einem Schrei wieder auf und sagt ganz ängstlich –

255 Ich habe gar nichts gesagt – unterbrach ihn Isäa; ich bin nur fortgelaufen.

Richtig – Sie liefen fort – ich hinterher; und sagten, als ich Sie eingeholt, Sie hätten jemand gesehen, einen Mann, – der hinter einem dicken Baume auf der Lauer gestanden habe mit einem Gewehr – hörst Du, Gustav? mit einem Gewehr – auf uns, will sagen: auf mich angelegt.

Dummes Zeug; sagte Gustav.

Sagte ich auch, rief Axel, das heißt: ich suchte Deiner Frau begreiflich zu machen, daß sie sich getäuscht haben müsse –

Ich habe mich aber nicht getäuscht, rief Isäa: ich habe das Gewehr ganz deutlich gesehen.

Auch den Mann? fragte Gustav.

Auch den, erwiderte Isäa, wenigstens, daß es ein Mann war, – mit einem schwarzen Bart.

Dann kann es Prebrow nicht gewesen sein, sagte Gustav; vielleicht ein Förster des Fürsten. Warum hast Du Dich nicht überzeugt, wer es war, Axel?

Wie konnte ich das, rief Axel, wenn Madame so schnell vor mir herlief, daß ich kaum zu folgen vermochte! Ueberdies, Deine Frau behauptete, der Kerl habe sich, als sie aufgeschrieen – sehen Sie wohl, Madame, daß Sie geschrieen haben! – eiligst davon gemacht. Ich hätte ihn also schwerlich gefunden.

Und dann?

Nun und dann sind wir querwaldein geirrt, bis wir Euch glücklicherweise fanden, – das heißt, gnädiges Fräulein, dies hier ist auch gerade keine Gartenpromenade!

Wir sind sogleich durch; sagte Hertha, die letzten Büsche auseinander biegend und sich über den trockenen Graben schwingend, in den Axel hineinstieg, um Isäa, die Gustav losgelassen hatte, hinüber zu helfen.

Man hatte den Weg erreicht, auf welchem wirklich in geringer Entfernung der Ponywagen hielt, wie man sich, als man heraus kam, überzeugte, in einem üblen Zustande: das zierliche Gestell über und über mit schwarzem Schlamm bespritzt, der auch bis auf die seidenen Polster geflogen war; das 256 blanke Geschirr besudelt, die Ponies selbst triefend von Schweiß, unruhig unter der Peitsche, deren lautes Knallen man schon vorhin gehört hatte, und die der Junge, der seelenvergnügt auf dem Vordersitz saß, nun, als die Herrschaften herantraten, wie zum Abschied noch einmal auf die geängsteten Tiere herabsausen ließ, um zu einem letzten kräftigen Knall auszuholen, der laut in den stillen Wald hinein schallte.

Ich werde Dich lehren, die Tiere zu schinden! rief Gustav, den ahnungslosen Jungen, der vom Sitze herunter gesprungen war, an der Brust packend und mit dem schwanken Ende der Peitsche, die er ihm aus der Hand gerissen, ein paar derbe Schläge versetzend.

Laß ihn! rief Hertha heftig. Was kann er dafür? Du allein bist schuld.

Das Wort will ich Ihnen nicht vergessen, rief die tiefe Stimme des alten Prebrow, der, wie aus dem Boden gewachsen, plötzlich neben ihnen war und jetzt mit drohend erhobenem Arm auf Gustav, welcher den Jungen bereits losgelassen hatte, zuschritt.

Sie sind wohl verrückt, sagte Gustav, ohne sich zu rühren, den Alten mit großen Augen anherrschend.

Danken Sie Gott, daß ich es nicht bin; sagte der Alte, indem er langsam den Arm sinken ließ.

Gustavs Lippen verzogen sich zu einem höhnischen Lächeln, indem er sich zugleich kurz umdrehte und zu den Damen sagte:

Bitte, steigen Sie ein! So! Du kannst nun auch kommen, Axel! Nun säßen wir ja wohl! Allez!

Er wandte den Wagen, dabei den Alten, der unbeweglich stand, umkreisend, und fuhr im Trabe in der Richtung von Griebenitz davon. Es war der längere und sonnigere Weg, wenn er hernach nicht wieder in den schlimmen Waldweg, den sie gekommen waren, einbiegen wollte; aber der andere hätte an Wüstenei vorbei geführt, und er verspürte keine Lust, durch den Anblick des verfallenen Hofes an den grimmigen Alten und die häßliche Scene, die er eben mit ihm gehabt, erinnert zu werden, oder die anderen, zum wenigsten Hertha, daran zu erinnern.

2570 Prebrow hatte dem sich rasch entfernenden Wagen noch ein paar Sekunden nachgeblickt, dann wandte er sich wieder in den Wald, aus dem er vorhin herausgetreten war und schlug auf demselben Pfade, welchen er gekommen, den Rückweg nach seinem Hofe ein. Es war kaum zehn Minuten her, daß er denselben verlassen hatte. Von einer Feldarbeit, bei der ihm Adolf hätte helfen sollen, ärgerlich über das Ausbleiben des Jungen, zurückkehrend, hatte er von dem Jüngsten, der spornstreichs nach Hause gelaufen war, gehört, was ihm und dem Adolf im Walde Merkwürdiges begegnet. Seine Frau war dazu gekommen: sie habe, was Christophing erzählt, Herrn Valianos, der dabei gestanden, verdolmetschen müssen, so gut sie es verstanden. Was er verstanden, wisse sie nicht; aber er sei wie ein Verrückter in die Stube an den Gewehrschrank gerannt, und mit der Büchse hinten zum Hause hinaus, wieder in den Wald, aus welchem er doch erst vor kaum fünf Minuten zurück gewesen. Was das alles zu bedeuten habe? Ueberhaupt habe sie jetzt genug von der Geheimthuerei; sie wolle wissen, was in ihrem Hause vorgehe. – Er hatte sie weiter keifen lassen und war ebenfalls in den Wald gelaufen nach der Stelle zu, wo der Wagen warten sollte. Der unsinnige Mensch! am hellen lichten Tage! in Gegenwart womöglich des Jungen, damit doch gleich alles herauskäme und er als Mithelfer und Mitschuldiger in die Geschichte verwickelt würde! Nun, der Grieche hatte sich, wie ja vorauszusehen gewesen, im Walde verlaufen, war jedenfalls nicht zum Schuß gekommen, wenn's auch schade darum war. Der hochmütige Junker! wie er da vor mir gestanden, mit den frechen Augen – ganz wie sein Vater, der Taugenichts! – Als wenn einer von ihnen was taugte und je getaugt hätte! Aber sie sollen's büßen! ich will es ihnen eintränken – einem wie dem andern. Ich hab's zu sicher haben wollen, ohne mir die Finger zu verbrennen. So geht es freilich nicht: mit dem Kopf durch die Wand! aber ich finde es schon – ich finde es schon.

Bereits zwischen den lichter stehenden Bäumen, in unmittelbarer Nähe seines Hofes angelangt, blieb er stehen. Er hörte 258 es hinter sich im Walde knacken – es mußte der Grieche sein. Er konnte ihm hier ungestörter die Vorwürfe machen, welche der Unvorsichtige reichlich verdient hatte, und ihm den Plan mitteilen, der ihm eben gekommen war, als er daran dachte, daß morgen Abend die ganze Gesellschaft von Alten-Prohnitz in Prora beim Fürsten auf dem Ball sein werde, von dem bereits die ganze Gegend seit drei Tagen sprach. Der Junge, der hinter dem schweigsamen Vater hergegangen war, in gemessener Entfernung, möglichst leise auftretend, sich wundernd, weshalb er die sicher erwarteten Schläge nicht sofort bekomme, und von Zeit zu Zeit in die Tasche der Weste fühlend, ob der Thaler noch da sei, der ihn über das Unvermeidliche trösten würde, hatte ebenfalls Halt gemacht, und schlüpfte, da er den fremden Herrn zwischen den Bäumen hervorkommen und sofort mit dem Vater in ein heimliches Gespräch geraten sah, wieder in den Wald zurück, entschlossen, dort bis zum Abend zu bleiben und zu hungern, da er aus Erfahrung wußte, daß der Vater, wie wild er auch werden konnte, die an einem Tage nicht ausgeteilten Prügel am folgenden selten nachholte.

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