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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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215 Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Das ist heute wieder ein schöner Tag, sagte Hans, als die fünfte Morgenröte nach des geliebten Bruders Heimkehr auf die weißgetünchten Wände seines vorhanglosen Giebelstübchens fiel, und er sich von seinem spartanischen Lager emporrichtete.

Er meinte aber nicht eigentlich das schöne Wetter, das der helle Morgen verhieß, – obgleich er's für seine Fahrt nach Sundin, wo er den vorjährigen, klug aufgespeicherten Weizen endlich verkaufen wollte, recht gut brauchen konnte, weniger für den Roggen, der zu sehr in den Halm schoß und doch noch bis nächsten Montag stehen mußte – er wollte nur den himmlischen Mächten dadurch bezeugen, daß er ihre Güte und Gnade aus vollstem demütigen Herzen zu würdigen wisse; und daß er noch nie so glückselig gewesen sei wie in diesen letzten Tagen, ja, nie geglaubt habe, es könne so viel Glückseligkeit in einem Menschenherzen Raum haben.

Und: Du glücklicher Hans, sprach er wieder zu sich, als er seine einfache Feldtoilette gemacht hatte und – was er jetzt regelmäßig that, – hinterher einen Blick in den vergilbten Spiegel warf, um den auf Anraten Gustavs von dem Barbier in Prora zugestutzten Bart und das modisch geschnittene Haar zu bewundern. Und: nicht wahr, alter Kerl, wir sind glücklich? sagte er zu dem Pferde, als er eine halbe Stunde später in die Felder ritt, um, bevor er wegfuhr, noch einmal überall nach dem Rechten zu sehen. Das heißt, siehst du, jetzt bist du von uns beiden nur noch allein ein alter Kerl; ich bin wieder jung geworden, als ob ich ein richtiger Junge wäre. Und ich mochte laut heraus singen, bloß daß ich fürchte, es würde gar 216 nicht schön klingen, und die Leute würden sich sehr wundern, und Statthalter Stut sagen oder doch denken: er ist heil verrückt. Aber du weißt es: verrückt sind wir gar nicht, oder höchstens, weil wir so glücklich sind. Nun müssen wir aber auch gut und rechtschaffen sein, daß wir es einigermaßen verdienen. Vor allem fleißig, Hans, sehr fleißig, denn siehst du, wir müssen Geld haben, Geld wie Heu.

Und während Hans von den Wiesen, wo der Statthalter Stut mit einem Teil der Leute die durch das Abfahren des Heues schadhaft gewordenen Stellen ausbesserte, nach der Koppel hinüberritt, in die heute ein paar junge Fohlen zum erstenmale gebracht waren, vertiefte er sich in die Einzelnheiten des Geschäftes, das er gestern in Bergen mit dem Justiziarius des Fürsten abgeschlossen hatte. Er wollte den Wald nicht niederschlagen und in Ackerland umwandeln, wie er es sich früher gedacht, sondern rationell beforsten und nur die reichlich vorhandenen brauchbaren alten Bäume fällen und selbst zu Brettern verarbeiten. Der jetzt durch die Zuschüttung des großen Abzugsgrabens verschlammte See würde, nachdem er gereinigt, Wasser genug hergeben, um weiter unten, wo der Graben in den fast versandeten Bach fiel, eine kleine Mühle zu treiben. Das Unternehmen, mit verhältnismäßig so geringen Kosten es herzustellen war, versprach einen guten und dauernden Gewinn abzuwerfen – nicht nur für ihn! es würde viele Hände beschäftigen und ein tüchtig Stück Brot in so manche Hütte bringen, unter deren Strohdach jetzt der bittere Mangel hauste. Der Ausführung stellte sich kein nennenswertes Hindernis in den Weg, vorausgesetzt, daß Prebrow sich gutwillig in die neuen Verhältnisse fügte, die ihm in jeder Beziehung Vorteil brachten. Es war ja offenbar, daß der Schmuggel, den er nach wie vor betreiben sollte und auch wohl sicher betrieb, seinen Mann nicht nährte. Und ein ehrlicher und reichlicherer Erwerb würde ihm auch den verlorenen Halt zurück geben; wie oft hatte er früher gesagt: ich wäre ein braver Kerl geworden, nur daß der Teufel sich in den Kopf gesetzt hat, mein Lebtag Kreisel mit mir zu spielen. Jetzt hatte der Teufel die 217 Gestalt des bösen Weibes angenommen, das dem Alten beständig mit Keifen und Klagen in den Ohren lag und jedes gute Gefühl in ihm erstickte. Er hätte die Hanne nicht von der Schwelle fort und nach Menschengedenken in den Tod getrieben; er hätte, wäre die schlimme Hexe nicht neben ihm gestanden, den Brief nicht ungelesen vor den Augen des Boten zerrissen, der Hans zwei volle Stunden gekostet hatte, um alles recht deutlich und in guten, freundlichen Worten zu sagen, was für den Augenblick gesagt werden konnte. Hielt er ihn selbst für den Verführer, wie es ein paar alberne Menschen in Prora thun sollten? Es mußte wohl so sein, obgleich der Alte sonst doch ein paar scharfe Augen im Kopfe hatte und nicht leicht auf eine falsche Fährte geriet. Nun, am Montag waren die Wechsel fällig, die man Axel nicht länger prolongieren wollte; der alte Graf würde gute Miene zum bösen Spiele machen oder doch jedenfalls bezahlen; Axel hatte die Sache von der Seele und sollte sich dann auch zu der viel schlimmeren bekennen. Das ist er mir, schloß Hans seine Selbstbetrachtung, das ist er uns allen schuldig; wir werden schon dafür sorgen, daß unsern Damen nichts davon zu Ohren kommt. Bin nur neugierig, ob seine Dankbarkeit von langem Atem sein wird; er verbraucht augenblicklich ein bißchen viel davon.

Hans mußte lächeln, wie er jetzt an die Geschäftigkeit dachte, mit der Axel sich während dieser Tage aller Welt in Prohnitz angenehm zu machen gesucht hatte, in erster Linie Gustav und seiner schönen Frau, deren Lob er auf allen Gütern in der Runde verkündete, um ihnen, wenn sie dann zur Visite kamen, den besten Empfang zu bereiten. Als ob man an einem solchen hätte zweifeln können! Die Mißstimmung, welche noch hier und da gegen Gustav von früher her übrig geblieben sein mochte, verflog vor seiner hellen Stimme und herzgewinnenden Liebenswürdigkeit wie Nebel vor der Sonne. Und nun gar die schöne Griechin, die Fürstentochter! Es war zum Lachen, wenn Axel erzählte, wie die jungen Damen in Malchow, weil Gustav und Isäa den Tag vorher bereits in Salchow gewesen waren, beschlossen, sie, wenn sie kämen, diese Zurücksetzung 218 schwer fühlen zu lassen; und wie sie dann, nachdem der Besuch noch keine Stunde gedauert, Isäa sämtlich zu Füßen gelegen und ewige Freundschaft geschworen. Dergleichen Scenen hätten überall gespielt; die viertägige Visitenfahrt in der Nachbarschaft, sagte Axel, sei zu einem richtigen Triumphzug geworden, wie er hierzulande noch nicht dagewesen; das Fest morgen in Prora sei, – wie es denn notorisch nur zu Gustavs und Isäas Ehren gegeben würde, – nur als der würdige Abschluß desselben zu betrachten und werde auch von aller Welt nicht anders angesehen. – Dann sind Isäa und ich verbraucht, hatte Gustav gesagt, und die Reihe kommt an Hans und Hertha.

Ueber die sonnige Koppel zog ein Schatten, und ein Schatten zog über Hans' heitere Seele. Es war doch recht ungeschickt und plump gewesen, daß er sich für sein Teil dagegen verwahrt hatte. War es ein Scherz, so hätte er es ebenso nehmen sollen; handelte es sich, wie es doch der Fall, um etwas, das nur in der Ordnung und mit Sicherheit zu erwarten war, wie durfte er von sich weisen, worauf Hertha vollkommen Anspruch hatte, und dessen Ausbleiben – nach dem Triumphe der schönen Schwägerin – doppelt kränkend für sie sein würde. Daran hätte er denken sollen und nicht an sich, und ob dergleichen nach seinem Geschmack war oder nicht. Er hatte das dann ja auch bald gefühlt, aber doch erst, als es zu spät gewesen, und Hertha mit einem erregten Tone, der scherzhaft sein sollte, sagte: Ihr seht, daß Ihr jetzt und in Zukunft vor unsrer Konkurrenz vollkommen sicher seid. Und dann war sie aufgestanden, mit den Großeltern Whist zu spielen, und hatte, als er bald darauf ging, ihm nur eben die Fingerspitzen gereicht und kaum von den Karten aufgeblickt, trotzdem sie wußte, daß er sie vor morgen Abend nicht wiedersehen würde.

Das Rappfüllen machte einen kecken Luftsprung und stand dann wieder so sicher auf den Beinen: mit den großen, glänzenden Augen, dem wundervollen Kopf, der breiten Brust, kurzgestellt mit kräftigen Schenkeln und feinsten Fesseln – das gab ein kapitales Reitpferd für Hertha – Rappen waren so ihre Leidenschaft – ich möchte bloß deshalb Fürstin von Prora 219 sein, um mir so viel Rappen, wie ich Lust hätte, kaufen zu können, hatte sie einmal als Kind gesagt.

Lieber Gott, ich denke ja nur an sie bei allem, was ich thue; thue es nur für sie. Und hab' schon so manches gethan, wovon ich kaum weiß, ob ich es verantworten kann, das mir wenigstens hernach auf der Seele gelegen hat wie ein Unrecht und auch wohl nach menschlichem Ermessen eines war. Die herrliche Komtesse Ulrike! Wenn ich eine andre lieben könnte, die wär's gewesen. Und wäre jetzt seit vier Jahren verheiratet, als ein steinreicher Mann, und hätte mit dem Gelde viel, viel Gutes bewirken können, und sie, die so brav ist, würde mir redlich dabei geholfen haben. Aber es ist einmal mein Schicksal, daß ich nur die Eine lieben kann. Hier an dieser selben Stelle habe ich noch vorigen Freitag, als es so regnete, gestanden und gewünscht, ich läge da unten in der schwarzen Erde, und die Weiden wüchsen auf meinem Grabe und ich brauchte sie nicht mehr im Winde zischeln zu hören und die Tropfen nicht mehr zu sehen, die von den Blättern in den schwarzen Graben fielen. Und heute: es ist nicht, weil heute die Sonne so prächtig scheint – ich hab' so ein Regenwetter früher wohl recht gern gehabt. Aber ich hatte eben nichts mehr gern und nichts mehr lieb, und keine Freude an der Arbeit. Und da in der Brust war es so dumpf und hohl und doch so schwer, als läge darauf der große Stein von unserm Hünengrabe. Ich könnte es ja auch wohl nicht fassen und ertragen, wenn sie mich liebte, wie ich sie. Das wird nie sein, aber es wird schon eine Zeit kommen, wo sie das bißchen Gute in mir mit freundlich lieben Augen ansieht; wie sie mich gestern Abend ansah, als ich ihr den Ring von unsrer seligen Mutter an den Finger steckte. Das hatte ich doch wider mein Erwarten ganz gut fertig gebracht und mußte mich eine halbe Stunde darauf so ungeschickt betragen! Wüßte ich nur, wie ich es wieder gutmachen könnte! – Hast recht, Brauner! warum sollst du dich hier für meine Dummheit von den Fliegen quälen lassen!

Das sonst so geduldige Tier hatte bereits ein paarmal gescharrt; Hans ritt im Trabe nach dem Hof zurück, er wollte 220 die Garzer Post nach Sundin von Prora aus benutzen. Der Wagen, der ihn dorthin bringen sollte, hielt bereits angespannt vor der Thür. In der Thür stand Gustav.

Das ist hübsch von Dir, sagte Hans, dem Bruder die Hand schüttelnd; ich glaubte, ich würde heute Morgen keinen von Euch mehr sehen. Oder willst Du mit? Das wäre prächtig.

Nein, sagte Gustav, ich kann nicht; wir müssen heute notwendig noch ein paar Besuche machen. Ich wollte über etwas mit Dir sprechen – mir Deinen Rat erbitten – hast Du noch ein paar Minuten Zeit?

Ich brauche bloß in den Wagen zu steigen, sagte Hans, sonst bin ich fix und fertig. Die Post kommt erst in einer Stunde durch Prora.

Sie hatten sich auf die Bank an den schiefen steinernen Tisch gesetzt. Gustav nahm ein Briefchen aus der Tasche, das er entfaltete.

Von dem Fürsten, sagte er.

Ich sehe es an dem Siegel, sagte Hans.

Du hast doch ein merkwürdig scharfes Auge.

Daß ich nicht wüßte, was ich mit noch einem anfangen sollte, sagte Hans, behaglich lachend. Aber was schreibt er denn? französisch? Du, Gustav, übersetze mir das lieber gleich!

Wie Du willst; also ungefähr: Madame –

An Deine Frau?

Natürlich! Also: Madame! Es war in alten Zeiten – und ist hoffentlich noch heute – der schöne Brauch in Ihrem schönen Heimatlande, daß man Fremden ein Gastgeschenk bot, um ihnen die Freude zu beweisen, welche sie durch ihr Kommen erregt haben. Erlauben Sie, Madame, dem nordischen Barbarenfürsten und seiner Gemahlin, den Sitten Ihrer Vorfahren nachzueifern, und nehmen Sie, was Ihnen zugleich mit diesem mein Hausmeister überliefern wird, freundlich entgegen, als ein Geringes, um mit Homer zu sprechen – hier kommen ein paar griechische Worte – das einen Wert nur hat in der Gesinnung der liebevollen Freundschaft, mit der es geboten wird von einer Matrone und einem Greise, Madame, der den Jahren nach 221 überreichlich Ihr Vater sein könnte, und der sich deshalb zu nennen wagt Ihren väterlichen Freund, Bewunderer und Verehrer

Erich Fürst zu Prora.

Der liebe alte Herr! sagte Hans.

Aber Du fragst gar nicht, um was es sich handelt; sagte Gustav, den Brief wieder zusammenfaltend.

Ja so, sagte Hans; was ist es?

Ein allerliebster mit Kissen und Lehnen von blauer Seide gepolsterter Korbwagen, bespannt mit zwei wundervollen isabellenfarbenen Doppel-Pony-Hengsten, das Sielgeschirr wieder mit blauseidenen Troddeln und Quasten, und Silber über und über.

Hans nickte und sagte: Kenne ich! er hat es in Berlin machen lassen; der Wagen ist aus Grünwald – von Sallentin – die Ponies vom Amtsrat Schwarbe aus Gülzow – eigentlich wollte er der Fürstin zu ihrem Geburtstage am vierzehnten ein Geschenk damit machen, was die Fürstin übrigens weiß. Unter uns: sie hat die Einzelnheiten alle selbst angegeben – und sich sehr darauf gefreut – die gute alte Dame; – aber so ist sie immer – eine Seele von einer Frau.

Ja, ja, sagte Gustav ungeduldig. Die Frage ist nur: dürfen wir – darf Isäa es annehmen?

Hans schaute verwundert auf: Weshalb denn nicht? Sie haben Euch doch nur eine Freude machen wollen. Wir haben uns den Champagner, den er am Montag schickte, doch auch schmecken lassen.

Ein Korb Champagner und ein Korbwagen mit Doppelponies – das ist denn doch ein Unterschied!

Für den Fürsten nicht, er hat das eine mit so gutem Herzen gegeben, wie das andere. Aber was sagt denn Deine Frau?

Isäa! sie hat mich eben zu Dir geschickt.

Und Hertha?

Ich habe sie heute Morgen noch nicht gesehen.

Die Großeltern?

Die Großmama ist Deiner Meinung; der Großpapa nicht. 222 Er meinte, wir sind nicht in der Lage, die vielen Freundlichkeiten, die uns von allen Seiten bewiesen werden, zu erwidern; und müßten uns deshalb zurückhalten. Ich bin ganz seiner Ansicht; und daß wir unter anderem die Einladungen, die uns von allen Seiten kommen, abzusagen haben; am liebsten gingen wir auch morgen nicht zum Fürsten; aber das wird sich nun wohl nicht mehr vermeiden lassen, besonders, wenn wir auch noch heute sein Geschenk annehmen.

Hans nickte. Gustav hatte ja recht – von seinem Standpunkte. Die vielen Beweise von Freundlichkeit aus der ganzen Nachbarschaft mußten ihn freilich drücken, solange er fortfuhr, sich als ein Schiffbrüchiger – er hatte das Bild schon wiederholt gebraucht – zu betrachten, der in dem Hafen der Familie eine letzte Zuflucht sucht.

Weißt Du was, Gustav?

Nun? erwiderte Gustav, über die plötzliche Frage verwundert Hans anblickend, dessen Gesicht vor Befriedigung über den ausgezeichneten Einfall, der ihm soeben gekommen war, ordentlich strahlte.

Wir müssen auch eine große Gesellschaft geben – vor den andern, eine ganz große Gesellschaft. Es ist absolut notwendig. Ueberall in der Welt, wenn ein Mitglied der Familie nach langer Abwesenheit zurückgekehrt ist, gibt man ein Fest – ein Freudenfest. Und Du bist nicht einmal allein gekommen; Du hast uns Deine Frau mitgebracht. Ein Doppelfest also, und wenn ich dabei noch an – an – Du weißt, was ich sagen will – denke, ein dreifaches. Es ist eine Schande, daß mir das erst jetzt einfällt, aber ich bin in solchen Dingen so ungeschickt. Nicht wahr, Gustav, so wollen wir es machen und möglichst bald: übermorgen! Ich wollte dann eigentlich mit dem Roggenschneiden beginnen, aber das schadet nichts. Zum Abend bin ich frei, und für das andre wäre ich Euch nur im Wege. Du verstehst ja, so was prächtig einzurichten; die Damen werden Dir gern helfen, und der Großpapa – das ist sein Fahrwasser! Du wirst Deine Freude an ihm haben; er kann Dir über alles und jedes Auskunft geben, was Dir etwa 223 inzwischen fremd geworden sein sollte. Bitte, lieber Gustav, thu' mir die Liebe, und arrangiere das! Aber sogleich, heute noch, während ich in Sundin bin. Ich bringe einen furchtbaren Sack voll Geld mit – von Livonius – für den Weizen. Zu sparen braucht Ihr nicht, es muß ganz großartig werden!

Hans' Auge strahlte; Gustav hatte Mühe, ihm nicht geradeaus in das ehrliche Gesicht zu lachen, der nicht merkte, daß diese Gesellschaft in Alten-Prohnitz bei allen – Hertha ausgenommen, die sich indifferent gezeigt – beschlossene Sache, und er eigens zu dem Zweck herüber gekommen war, ihn zur Einwilligung zu bestimmen, wozu denn die Angelegenheit des fürstlichen Geschenkes, für welches das Dankschreiben längst nach Prora unterwegs war, sich als ein passendes Mittel bewährte.

So erhob er denn, bloß um den Schein zu retten, einige Einwände, auf die Hans nicht hören wollte. Die Damen könnten in derselben Toilette erscheinen, die sie sich zu dem Fest morgen zurecht gemacht. Die beiden Feste seien eigentlich eins, und es dürfte deshalb auch kein voller Tag dazwischen vergehen. Eine ganze Reihe von Einladungen könne man morgen mündlich anbringen. Er freue sich auf morgen, werde zur rechten Zeit zurück sein, wenn vielleicht auch nicht so früh, um sich ihnen in Alten-Prohnitz anschließen zu können. Keinesfalls solle man auf ihn warten.

Und wie steht es denn mit dem neuen Frack, den Dir der alte Krause bauen sollte?

Hans, der den Fuß schon auf dem Wagentritt hatte, zog denselben erschrocken zurück und machte ein betretenes Gesicht:

Herr Gott, sagte er, das habe ich nun schon zweimal rein vergessen, auch inzwischen nicht wieder daran gedacht – ich hatte soviel anderes im Kopf – und bis morgen Abend – das ist für den Alten unmöglich.

Vielleicht in Sundin?

Richtig in Sundin: Du weißt doch für alles Rat! natürlich! aber nun leb' wohl, lieber Junge, und grüße sie in Prohnitz! Auf morgen! Fort!

224 Es war nun doch so spät geworden, daß der nähere Weg über Wüstenei genommen werden mußte. Die Pferde griffen tüchtig aus; Hans hätte wieder singen mögen, so glücklich fühlte er sich. Jetzt würde doch Hertha nicht mehr sagen können – gesagt hatte sie es ja nicht, aber ganz gewiß gedacht: daß er ein Duckmäuser sei, der nicht wisse, was sich für den Bräutigam eines so schönen Mädchens schicke. Sollte auch wohl ein bißchen Eifersucht gegen Isäa dabei im Spiele sein? Unmöglich! Man macht ja der schönen Frau ganz unbändig den Hof – eben wieder das prachtvolle Geschenk vom Fürsten; aber wie hat sie Isäa bei ihrem Anzuge für morgen geholfen und es ihr überhaupt in jeder Weise im Hause behaglich zu machen gesucht! Wie bekümmert sie sich um das Kind, das wirklich etwas vernachlässigt wird, und erinnert dadurch Isäa auf die zarteste Weise an ihre Pflicht! Sie werden sich schon lieben lernen, wenn sie es nicht schon jetzt thun; gerade so wie wir Brüder uns lieben. Ich sehe gar nicht ein, warum wir nicht alle zusammen in dem großen Hause sollten wohnen können. Gustav wird schon Freude an der Wirtschaft finden und wenn nicht, – nun, so wirtschafte ich für ihn mit, für alle – es soll ein prachtvolles Leben werden. Was ist denn das? halt mal still, Krischan!

Hans war mit einem Satze aus dem Wagen und lief auf den Wald zu, der hier auf geringe Entfernung an den Weg herantrat, und an dessen Rande er am Fuße und im Schatten eines Baumes ein weißes Packet hatte liegen sehen, in welchem sich etwas bewegte, das nichts andres als ein Kind sein konnte. Isäas Kind, wie ihm sofort eine Ahnung sagte, die auch alsbald bestätigt werden sollte. Denn in diesem Moment kam zwischen den Bäumen die alte Zoë herbei gelaufen, während die Gestalt eines Mannes, von dem sie sich eben erst getrennt haben konnte, im Rücken sichtbar wurde, um dann in dem dichten Unterholz so schnell zu verschwinden, daß Hans hätte glauben können, sich getäuscht zu haben, nur daß er deutlich die Büsche sich bewegen sah und es ein paarmal knacken hörte. Seine erste Regung war, den Fliehenden zu verfolgen; aber 225 der Vorsprung des Mannes, wer es auch immer sein mochte, war zu groß, und inzwischen hatte er die Alte erreicht, die das Kind aufgenommen und ihn mit tückischen Augen, aus denen doch auch der Schrecken und die Angst deutlich genug sprachen, anstarrte. Sie mochte in seinen Mienen lesen, daß er sie am liebsten niedergeschlagen hätte. Aber bereits hatte er sich auch gesagt, daß hier mit Zorn und Gewalt nichts auszurichten sei; daß die eigentlich Schuldige die Mutter selbst, welche ihr Kind einer so unzuverlässigen, verdächtigen Person anvertraute; er für den Augenblick nichts anderes thun könne, sondern bis morgen warten müsse, um dann mit Gustav zu überlegen, wie dergleichen in Zukunft zu verhindern.

So deutete er denn nur schweigend, – reden konnte er ja mit der Hexe nicht – nach Alten-Prohnitz, von dem das Herrenhaus in einiger Entfernung aus den Parkbäumen hervorragte. Ueber das runzlige Gesicht der Alten zuckte ein böses Lächeln, dann aber verneigte sie sich in der ihr gewohnten Weise, nahm das Kind fester in die Arme und ging mit großen, kräftigen Schritten über die Wiese davon, während Hans zu seinem Wagen zurückkehrte und den Knecht weiter fahren hieß, der nun erzählte, er habe die Alte, als er gestern auf dem Felde gewesen, zu dieser selben Stunde an dieser selben Stelle getroffen, zusammen mit Prebrow; und er habe sich gewundert, wie sie dahin komme und was sie mit dem Alten zu schaffen habe, den sie doch wohl so wenig verstehe, wie er sie.

Auch Hans sagte sich, daß der Mann, der es so eilig hatte, fort zu kommen, Prebrow gewesen sein müsse. Aber als er nun zwei Minuten später an dem Hofe vorüber fuhr, saß der Alte, ein Gewehr putzend, vor der Thür. Es war unmöglich, daß er in der kurzen Zwischenzeit bis dahin gelangt sein konnte. Die Sache wurde immer rätselhafter für Hans. Er hätte gern einen Versuch zur Lösung des Rätsels gemacht und Prebrow angesprochen, aber der Alte hatte ihn aus dem Wagen kaum erblickt, als er, die Gewehrstücke auf den Tisch werfend, sich eiligst erhob, in das Haus trat und die Thür hinter sich zuwarf.

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