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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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210 Vierundzwanzigstes Kapitel.

Er war aufgesessen; sie ritten nebeneinander im Schritt von dem kleinen Platz durch das offene Gatterthor in die Felder, über denen bereits das Abenddunkel lag. Hans hatte den Kopf tief gesenkt und fuhr wie aus einem Traume auf, als Gustav jetzt, das Schweigen unterbrechend, fragte:

Wollen wir nicht traben?

Noch einen Augenblick, erwiderte Hans, bereits wieder mit gesenktem Haupte und dann nach einer Weile:

Du wunderst Dich gar nicht, weshalb ich so lange fortgeblieben?

Und Du fragst gar nicht, wovon ich mich so lange mit dem Wenhak unterhalten, der übrigens schwer geladen hatte?

Ich sah es durch das Fenster und bin deshalb nicht hinein gegangen. Es ist ein Glück, daß es der Frau so gut geht, da kann er denn seinen Freudenrausch in der Stille ausschlafen.

Du bist über die Wenhak'schen Familien-Angelegenheiten völlig au courant, wie es scheint?

Man wußte bei Krauses alles; überdies – ich habe auch den Doktor gesprochen.

So! war denn dort jemand krank?

Hans antwortete nicht gleich. Ich bin doch neugierig, wie er sich jetzt herauslügen wird, dachte Gustav. Und plötzlich schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: das ist dumm! Wenhak kann sich erinnern, daß er mit mir davon gesprochen und es ihm sagen – der Kerl plaudert ja alles aus – dann bist du der Unaufrichtige, der Geheimniskrämer. Komm' ihm zuvor. Spiele 211 den Ehrlichen. Das wird ihm imponieren, und mit der unerträglichen Mentorschaft ist es ein für allemal vorbei.

Er ritt dicht an Hans heran, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte.

Verzeihe, Hans! ich hätte das nicht fragen sollen, wer bei Krauses krank war, ich weiß es, der Wenhak hat in seiner Betrunkenheit alles ausgeplaudert.

Wie ist das möglich? fragte Hans erstaunt. Es ist ja ein Geheimnis für alle Welt, außer für die paar Menschen, die gewiß nichts gesagt haben, wie die Krauses – aus Freundschaft für mich; oder die andern: wie der Apotheker und der Doktor oder die Westphal, die doch auch nichts gesagt haben können, weil sie es nicht dürfen.

Das denkst Du, guter Kerl, erwiderte Gustav im Gönnerton. Du kennst eben die Welt nicht, nicht mal die kleine in Prora, wo man verteufelt leise Ohren hat. Es thut mir leid, daß ich Dir Deinen guten Glauben zerstören und Dich aus Deiner Sicherheit aufschrecken muß. Aber es ist doch besser für Dich, wenn Du die Sache siehst, wie sie liegt; Du kannst dann Dein Verhalten danach einrichten, und wo Du keinen Rat mehr weißt, nun – ich bin auch noch da. Du sollst Dein Wunder erleben, wie geschickt ich Dir sekundieren werde. Auf dergleichen verstehe ich mich trotz einem.

Und Gustav berichtete, was er von Clas erfahren, indem er sich dabei die Rolle eines Menschen zuteilte, der wider seinen Willen hören muß, was ein trunkener Schwätzer ihm aufdrängt.

Hans hatte ihn sprechen lassen, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen. Und auch, als er nun geendet hatte mit nochmaliger Versicherung seiner unbedingten Verschwiegenheit, und daß er ihm schon über die böse Geschichte, die freilich jetzt ganz besonders ungelegen komme, hinüber helfen wolle, dauerte es eine Zeit, bis er seinem schmerzlichen Erstaunen Luft machen konnte.

Gustav, ist es denn möglich! Du traust mir diese Schlechtigkeit zu – daß ich dabei – mit so etwas auf der Seele – das ist hart, Gustav, sehr hart.

212 Verdammt! murmelte Gustav und riß sein Pferd, das gestolpert war, heftig in die Höhe. Es wäre beinahe gestürzt. Ihm aber war es, als läge er der Länge nach auf dem Boden, abgeworfen wie ein Knabe von dem tückischen Gaul der Lüge, den er nicht zu reiten verstand, und Hans saß hoch auf dem stolzen Rosse der Ehrlichkeit und schaute mitleidsvoll auf ihn herab. Verdammt!

Und indem er in der zornigen Verwirrung seiner Seele verzweifelt nach irgend einer haltbaren Ausrede herum griff, an der er sich aus der schmählichen Lage wieder in die Höhe helfen könne, kam ihm, er wußte selbst nicht wie, der Gedanke einer Möglichkeit, die im nächsten Augenblicke zur Gewißheit wurde: Axel mußte der Schuldige sein! Ein paar lascive Worte Axels, vor Jahren über Hanne geäußert, des Jugendfreundes ihm nur zu wohl bekannte Liederlichkeit, der alljährliche Winteraufenthalt desselben in Sundin, die geheime Unterredung, die Hans heute, nachdem der Fürst weg gefahren, noch vor dem Diner mit ihm gehabt, an welchem er anfangs nicht teilnehmen wollte und dann, auf Hans' dringendes Bitten doch teilnahm; sein gedrücktes Wesen bei Tische, das erst beim Champagner der gewohnten selbstgefälligen Sicherheit allmählich wich – das alles flimmerte, zuckte, wie zu einem Blitze zusammenschießend, durch sein Gehirn.

So, so! sagte er, das erschrockene Pferd auf den Hals klopfend, siehst Du, das kommt davon, wenn man sich gehen läßt. – Ich danke Dir, Hans; Du hast es mir sehr leicht gemacht. Ich wollte Dir den Beweis liefern, wie unrecht Du daran thust, anderer Leute – sagen wir Axels Sünden auf Deine Schulter zu nehmen; und in welch schlimmen Verdacht Du Dich durch die Gutmütigkeit bei allen Menschen gebracht hast, die Dich nicht so gut kennen wie ich.

Verzeihe mir, Gustav, sagte Hans demütig.

Darum handelt es sich nicht, rief Gustav, bei aller Freude ob des gelungenen Streiches voll höhnischer Verwunderung über des Bruders kindliche Leichtgläubigkeit; es handelt sich um Dich, von dem ich nicht will, daß die Leute über ihn die Köpfe 213 zusammenstecken und ihm Dinge zumuten, an die seine Seele nicht gedacht hat. Glaube mir, lieber Hans, ich kenne die Welt besser als Du – leider! – Aber sie ist nicht danach angethan, um als gutmütiger Märchenprinz in ihr herum zu spazieren und den anderen, die nicht rein halten, vor den Thüren zu fegen. Hat Axel sich die Geschichte eingebrockt, mag er sie ausessen. Ich werde ihm seinen Standpunkt schon klar machen.

Nein, Gustav, sagte Hans, ich bitte Dich. Es würde wie ein Vertrauensbruch aussehen – er würde nie glauben, daß Dich Dein Scharfsinn allein auf das Richtige gebracht hat. Erscheint es doch auch mir wie ein Wunder, wie Du es so schnell herausgefunden. Axel hat den besten Willen. Es ist in unserem Interesse, daß sich zwischen ihm und seinem Vater keine neuen Schwierigkeiten erheben. Da es jetzt ja leider so gekommen und das arme Kind totgeboren ist, wird der Alte, wie ich ihn kenne, es auch weniger schwer nehmen, wenn wir es nicht ganz und gar vor ihm verheimlichen können, was mir um Axels und auch um der Hanne willen das Liebste wäre. Mit dem armen Mädchen selbst hat es nichts auf sich, sagt der Doktor – ein paar Tage, dann wollen wir sehen, was weiter zu thun ist.

Und inzwischen ist mein guter Hans in den Mäulern von Leuten wie Clas Wenhak.

Der alberne Schwätzer!

Und der Alte auf Wüstenei?

Ich muß jetzt annehmen, daß er mich in Verdacht hat. Ich werde ihm schreiben – zu sprechen ist ja vorläufig nicht mit ihm – daß er sich irrt und in kurzer Zeit alles erfahren soll. Er hat sich freilich sehr unväterlich gegen die Unglückliche betragen, aber man muß dem armen, verstörten Manne manches zu gute halten.

Natürlich! Und wenn es noch jemand anders erfährt: – Du weißt, wen ich meine.

Sie wird nichts davon hören – wer sollte ihr davon sprechen? Und fände sich jemand – nun, Gustav, Du selbst, sagst Du, hast es nicht für möglich gehalten, nicht einen Augenblick; und sie – ei, Gustav, ich soll wieder darauf anbeißen, daß Du 214 mich noch einmal auslachen kannst. Aber so dumm ist der Hans denn doch nicht.

Und Hans lachte in seiner stillen, behaglichen Weise, als ob Gustav den prächtigsten Scherz gemacht habe, und Gustav lachte laut, daß Hans ihn diesmal doch herausgefunden.

Sie hielten vor dem Thore von Neuen-Prohnitz.

Ich komme nicht noch einmal mit hinüber, sagte Hans, ich muß endlich den Brief an Livonius schreiben – wegen des Weizens, weißt Du – entschuldige mich drüben. Gute Nacht! Und, Gustav, laß den Figaro ordentlich abreiben, er hat heute tüchtig heran gemußt.

Er drückte Gustav kräftig die Hand.

Nicht wahr, Gustav?

Was?

Das war heute trotz alledem ein schöner Tag.

Er lenkte vorsichtig über den holprigen Damm in den dunklen Hof; Gustav ritt im Schritt hinter der Scheune hin; dann, als er sich außer Gehörsweite wußte, gab er dem müden Gaul mitleidslos die Sporen und jagte zwischen den zischelnden Roggenbreiten auf die Lichter zu, die ihm aus den Fenstern von Alten-Prohnitz durch die finstere Nacht entgegen schimmerten, wilde Worte, wie sie ihm seine wahnsinnige Leidenschaft auspreßte, durch die Zähne murmelnd, dazwischen höhnisch auflachend über den dummen Uhlenhans, der sich einbildete, das holde Vögelchen könnte jemals in seine unwirtliche Höhle flattern.

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