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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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202 Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Es dauerte für seine ärgerliche Ungeduld viel zu lange, bis aus dem Hause, in dem doch ein Rennen und Rufen war, jemand auf sein Klingeln erschien. Und dann war es nicht einmal Clas Wenhak selbst, sondern der Hausknecht Jochen. Der Herr Baron möge entschuldigen, aber es sei vor zwei Stunden eine lütte Dirn' angekommen, und er wolle es gleich Herrn Wenhak sagen, der eben nach der Apotheke gegangen sei, um etwas für die Frau zu holen, die sich soweit ganz gut befinde; und ob der Herr Baron nicht so lange in dem Gastzimmer vorlieb nehmen wolle, während er das Pferd in den Stall bringe?

Gustav sagte, er werde nicht lange bleiben, das Pferd könne unterdessen draußen angebunden werden.

Er war in die Gaststube getreten, welche eine sommerlich abgestandene, mit dem üblen Nachduft von schlechtem Tabak und Spirituosen durchzogene Luft erfüllte. Aergerlich stieß er die Fenster auf, um die abendliche Frische und den letzten matten Schein der untergegangenen Sonne herein zu lassen. Seine üble Laune war durch den tristen Empfang noch vermehrt. Auch dürstete ihn sehr nach dem langen Familiendiner, bei dem er, seinen Unmut zu verdecken, immerfort geschwatzt, und um seine rebellischen Nerven zur Räson zu bringen, überreichlich von dem Champagner getrunken hatte, welchen der Fürst, kaum zu Hause angekommen, auf einem Eilwägelchen geschickt, und der wirklich noch vor dem Nachtisch eingetroffen war. Der hohe Herr mußte heute in der Gebelaune gewesen sein; oder waren der Wald und der Champagner und die Verwendung bei den Großeltern – war alles nur Isäa auf die Rechnung zu 203 schreiben, die es freilich darauf angelegt hatte, den antiquierten Seladon zu bezaubern? Und dann die Fürstentochter! Respekt!

Er lachte laut auf und brach im tollsten Gelächter jäh ab. Die Komödie ließ sich ja prächtig an, aber würde sie vorhalten? Und was dann?

Unruhig, verdrießlich schritt er in dem halbdunklen Zimmer auf und nieder. Sein Durst wurde immer brennender, als hätte er Asche auf der Zunge. Jochen kam nicht wieder; Clas Wenhak ließ sich nicht blicken. So sah er denn selbst in dem Anrichteschranke nach, wo er neben den Likör-Bouteillen auch ein paar Flaschen Wein und Gläser fand. In Ermangelung eines Pfropfenziehers schlug er an dem Fenstersims einer der Flaschen den Hals ab, schenkte sich ein und leerte hintereinander ein paar Gläser, bevor er sich mit dem Rest in das offene Fenster setzte, den Kopf in die Hand gestützt, brütend, grollend.

Was halfen die Erfolge Isäas und die Aussöhnung mit den Großeltern, und daß er nun um Herthas willen ruhig bleiben konnte, und die brüderlichen Redensarten und die Bonhomie und Freigebigkeit von Hans, wenn er doch sein Vasall blieb und von ihm abhängig, wie er es schon als Schuljunge da drüben im Pädagogium gewesen war und lustig gelebt hatte von dem Taschengelde, das ihm Hans zugesteckt? Was damals im kleinen geschah, würde jetzt im großen geschehen. Das war der ganze Unterschied. Dreifach und vierfach gehörten Hans das Gut und das Vorwerk, und würde ihm der Wüsteneier Wald gehören und so weiter, denn dreifach und vierfach hatte er ihm seinen Anteil von dem mütterlichen Vermögen bereits ausgezahlt, und von dem Vater hatten sie nur Schulden geerbt. Das hatte er freilich alles, alles vorher gewußt; und warum sollte er, wie früher für sich allein, so jetzt für Frau und Kind nicht nehmen, was der andere nicht brauchte und so gern gab? Nicht brauchte? gern gab? Pah! er brauchte es jetzt sehr wohl, der einfältige Mensch, dem es auf seine alten Tage eingefallen war, heiraten zu wollen. Und Hertha heiraten zu wollen! Das war unerträglich, empörend. Der Alte hat ganz recht: bisher sind wir mit Ruten gezüchtigt, jetzt 204 kommt für uns die Zeit der Skorpione. Bisher lebten wir unter dem Regime Hans, jetzt werden wir unter dem Regime Hertha leben. Er freilich auch, er erst recht, die verliebte Eule! Wie er predigen kann – wie ein Buch – ich hab's immer gesagt: Pastor hätte er werden sollen mit seiner christlichen Langmut für Gauner und Dirnen – was wird denn aus der Roten anders geworden sein? Obgleich gewisse Leute, die ich kenne, keine Ursache haben, sich Gaunern und Dirnen gegenüber aufs hohe Pferd zu setzen. Im Hause des Gehenkten, weißt du, Freund Gustav –

Seine Gedanken, seine Phantasien verwirrten sich. Er sah sich in den vornehmen Spielklubs von Neapel, Nizza, zuletzt in dem adeligen Cercle in München, Bank legend, gewinnend, verlierend – meistens gewinnend, in rauschendem Leben – mit Isäa, die er damals noch liebte, und die ihn wohl auch noch liebte, oder sie hätte nach jenem unglücklichen Abend, an welchem er die Bank gesprengt hatte, um dann die übernommene zweimal hintereinander gesprengt zu sehen, ihm nicht ihren Schmuck zum Versetzen gegeben; und als die Summe zerflossen war wie die anderen, selbst den lachenden Rat erteilt, die echten Perlen und Steine mit unechten zu vertauschen. Sie werde auch mit Imitationen schön genug sein, zumal sie noch keinen gefunden, der es fertig gebracht, über der Bewunderung ihrer Augen bis zu der ihres Schmuckes zu gelangen. Beim Himmel, ihre Augen waren heute grad so schön wie damals! Höchstens, daß sie dieselben noch ein wenig besser zu gebrauchen wußte, wenn das möglich war. Fünftausend Thaler hatten sie heute dem Fürsten schon gekostet, diese schönen Augen, den Korb Champagner nicht mitgerechnet. Weshalb nicht versuchen, sich noch einmal in sie zu verlieben. Groß war die Chance nicht – es las ein jedes längst zu deutlich in des andern Seele – aber immer doch noch besser, als sich von dem hochmütigen Ding nasführen zu lassen. Daß sie keine Spur von Liebe für Hans empfindet, alles nur Komödie ist, die sie mir zum Spott und Hohn spielt – und wenn dieser verfluchte Krätzer Gift wäre – ich tränke ihn darauf bis zum letzten Tropfen! – 205 Endlich, Sie grinsender Pavian, wo zum Teufel stecken Sie denn?

Clas Wenhak war mit einem zweiarmigen Leuchter, auf dem die Kerzen bereits brannten, in das Zimmer getreten. Gustav hatte auf den ersten Blick gesehen, daß der Mann betrunken war. Er lachte immerfort, während er mit rollenden weinseligen Augen und lallender Zunge dem Herrn Baron erzählte, welche große Freude ihm sein Lieschen gemacht, und daß die lütte Dirn zehn Pfund wiege und alles so glücklich gegangen sei – Lieschen habe nicht einmal gewollt, daß zu ihrer Tante geschickt würde – die so wie so jetzt in Prohnitz schwerlich werde abkommen können. Aber du lieber Gott, was trinken der Herr Baron denn da! Den Zehngroschenwein! Und eine ganze Flasche! Da muß der Herr Baron schon erlauben, daß Clas Wenhak ihm einen besseren vorsetzt von der guten Sorte, von der ich dem Herrn Baron auch verschaffen kann, soviel er haben will, wenn sich der Herr Baron erst hier wieder eingewohnt und seinen eigenen Haushalt in Gang hat.

So, sagte Gustav, und woher bezieht Ihr denn den Wein?

Er saß auf demselben Platze wie vorgestern Abend, vor sich eine Flasche von dem echten Rotspon, welche Clas aus einem untern Fache des Anrichteschrankes genommen. Doch nötigte er heute den Mann nicht zum Sitzen. Es machte ihm Spaß, zu sehen, wie mühsam sich derselbe auf den Beinen hielt und von Zeit zu Zeit die beiden roten Fäuste auf die Tischkante stemmte, als wolle er seiner Rede größeren Nachdruck geben, in Wirklichkeit aber nur nach einem festen Halt suchte. Ueberdies, Hans konnte jeden Augenblick kommen; es war sehr fraglich, ob sein Liberalismus, der mit einem betrunkenen Bauer Mitleid hatte, auch vor einem angetrunkenen Wirt standhielt.

Bezieht Ihr den Wein? lallte Clas, indem er dabei pfiffig zu lächeln versuchte; ja, Herr Baron, das muß so lange ein Geschäftsgeheimnis bleiben, bis der Herr Baron selber mitmacht.

Mitschmuggelt, warf Gustav hin.

206 Clas riß die Augen auf.

Was glotzen Sie mich so verwundert an, Sie Stockfisch? rief Gustav. Denken Sie wirklich, ich wüßte nicht, woher Ihr Vorgänger, der alte dicke Nimmo, seinen Rotspon hatte? Sie sind ja nur in die Kundschaft eingetreten! Und den Prebrow kenne ich doch schon ein bißchen länger als Sie. A propos, Prebrow! Wie geht es der Hanne?

Clas wiegte den schweren Kopf und lallte: Schlecht! Sehr schlecht!

Hab' ich mir immer gedacht, sagte Gustav.

Wird wohl draufgehen! schluchzte Clas.

Oho! sagte Gustav.

Viel zu früh, lallte Clas, die Hände aufstützend und langsam den Kopf von einer Seite zur andern wiegend – totes Kind – Milchfieber, Herr Baron, Milchfieber – sehr gefährlich – Apotheker, Herr Baron, Apotheker – wissen alles, besser als die Doktors – aber sage Lieschen nichts – Gott bewahr' mich – könnte Todesschreck haben – sagt' uns' junger Herr Doktor – höllisch gescheit – Axistent, Herr Baron, Axistent gewesen in Grünwald – trinkt bloß ein bißchen – thun andere Leute auch – sage aber Lieschen nichts – Gott bewahre – hab's dem alten Krause in die Hand versprochen, Herr Baron – in die Hand.

Gustav, für den das Gespräch mit dem Trunkenen bis dahin nur ein elender Zeitvertreib gewesen war, hatte hoch aufgehorcht. Die Hanne hier – in einem solchen Zustande – bei den Schneidersleuten, wie es schien – den alten Protégés von Hans – sein Streit vorhin mit Prebrow, der sich fast an ihm vergriffen hätte – und über die Hanne hatte er nicht sprechen wollen – die Hanne, seine einstige Flamme –

Das zuckte durch Gustavs Kopf, während Clas mit hoch auf die niedrige Stirn gezogenen Brauen und ausgestrecktem Zeigefinger sich selbst noch einmal im stillen zu demonstrieren schien, daß er seinem Lieschen nichts davon sagen dürfe. Aus dem wirren Kopfe war alles heraus zu bringen, falls er, woran doch nicht zu zweifeln, noch mehr wußte.

207 Er schenkte ein zweites Glas voll, das Clas zur Vorsorge hingestellt hatte, und sagte:

Setzen Sie sich, Wenhak; haben heute einen schweren Tag gehabt. So, auf das Wohl von Ihrem Lieschen und der zehnpfündigen lütten Dirn!

Danke, Herr Baron, danke schön! sagte Clas, der von der erhaltenen Erlaubnis bereitwilligen Gebrauch gemacht hatte; werde nicht verfehlen, Lieschen die hohe Ehre –

Er klirrte an Gustavs hingehaltenes Glas, wobei er sich die größte Mühe gab, nichts zu verschütten, und trank mit feierlicher Bedächtigkeit.

Grüßen Sie sie von mir, sagte Gustav, aber Sie haben recht, kein Wort von der armen Hanne! Ueberhaupt, je weniger über die Geschichte gesprochen wird, desto besser.

Clas nickte.

Der alte Prebrow weiß natürlich alles? warf Gustav hin.

Natürlich alles, wiederholte Clas. Das heißt eigentlich wohl erst seit heut' Mittag – nämlich –

Clas wendete den Kopf über die Schulter.

Es ist kein Mensch weiter da, sagte Gustav, und mir können Sie alles sagen. Also erst seit heute Mittag? Nämlich –

Nämlich ich hatte an ihn geschrieben, von wegen –

Clas brach ab und sah seinen Gast mit blödem Lächeln an.

Von wegen – ich weiß schon, sagte Gustav. Weiter!

Clas grinste und nickte. Gustav hätte ihm am liebsten sein Glas an den Kopf geworfen. Hans konnte jeden Augenblick kommen; es war sonderbar, daß er so lange blieb. Um so verdächtiger wurde die Geschichte. Er mußte einen entscheidenden Versuch machen, den Mann zum Reden zu bringen.

Nun erzählen Sie ordentlich, sagte er, oder ich nehme an, Sie wissen selber nichts.

Oho! sagte Clas.

Oder können es nicht mehr zusammenbringen.

Zusammenbringen! Oho, Herr Baron! Ich nicht zusammenbringen? Das wäre noch schöner, Herr Baron! Nun aber geben Sie Achtung, Herr Baron!

208 Clas rückte seinen Stuhl näher an den Tisch.

Also! sagte Gustav.

Also! sagte Clas, mit stieren Augen vor sich niederblickend; wir sind heute Mittag hinten im Garten – er kommt nämlich nicht gern in das Haus – und stehen am Zaune, wo es nach Krauses geht, wissen der Herr Baron – kommt die Westphal. – I, sage ich, Frau Westphal, wo wollen Sie denn hin? Ich denke, Sie sind bei Lieschen. – Damit hat es noch Zeit, sagte sie, ich muß erst einmal zu Krauses. – Sie sind wohl nicht gescheit, Frau Westphal, sage ich, die alte Frau! – Ach was, alte Frau, sagt sie, um die handelt es sich nicht. – Um wen denn? frage ich. – Weiß ich nicht, sagt sie; aber der alte Krause ist eben selber hier gewesen, und ich müsse gleich kommen. Damit läuft sie weg, und richtig, zu Krauses hinein! Steht auf einmal der Alte vor mir – nämlich, er hatte sich vor der Westphal hinter den dicken Birnbaum retiriert – und macht ein Gesicht – ich sage Ihnen, Herr Baron! – Was haben Sie, Prebrow? sage ich. – Es ist die Hanne, sagt er. – Sie sind wohl nicht recht klug, sage ich, wo soll denn die hierher kommen? – Das heißt, Herr Baron, warum sollte sie nicht? Aus Sundin war sie ausgekratzt, und der Alte hatte sie ja schon in der Zeitung aufbieten lassen. Indem kommt die Stine und holt mich zu Lieschen, die mir den Schlüssel zum Wäschschrank geben wollte. Den hatte sie nämlich bis zuguterletzt behalten und weinte nicht schlecht, als sie nun doch damit herausrücken mußte. Ich werde ja wohl darüber den Alten ganz vergessen, bis nach einer Stunde die Westphal zurückkommt und mich beiseite nimmt und sagt: er hat mir aufgelauert, und ich hab' ihm alles gesagt, weil er doch der Vater ist; es ist wirklich die Hanne und so und so. Und Ihnen sage ich es auch, bloß damit Sie es keinem Menschen weiter sagen, posito, es sollte doch darüber geredet werden –

Zum Beispiel vorhin in der Apotheke, sagte Gustav.

Ist kein Name genannt worden, sagte Clas; bei Gott, Herr Baron, von mir nicht –

Aber von den anderen?

209 Clas kraute sich hinter dem Ohr.

Ist wohl möglich, Herr Baron; aber sehen Sie, Herr Baron, bei der größtmöglichen Verschwiegenheit – hier, in Prora – es hätte ja wohl noch eine Zeitlang gehalten, aber jetzt –

Sehr richtig, sagte Gustav, jetzt ist es mit dem Geheimnisse vorbei. Aber wer in aller Welt kann denn ein so großes Interesse daran haben, daß die Sache geheim bleibt?

Clas blickte wieder über die Schulter, bog sich dann über den Tisch und flüsterte:

Der Herr Baron müssen kein sterbendes Wort sagen, der Herr Bruder –

Genieren Sie sich nicht, sagte Gustav, ich bin ja mit ihm deshalb hereingekommen, er ist eben jetzt bei ihr.

Clas stierte vor sich hin, er konnte partout nicht begreifen, wie es zuging, daß der Baron zuerst alles fragte und hernach alles wußte. Wie war es nur menschenmöglich? Er brachte es nicht heraus.

Wir sind nämlich alle Menschen, murmelte er weinerlich. Alle, Herr Baron, alle – auch der Herr Bruder –

Auch der, bestätigte Gustav.

So ein seelensguter Herr, schluchzte Clas, bringt sie vorgestern Morgen selber hin – in seinem eigenen Wagen – wie eine Prinzessin, hat Frau Krause zu Frau Westphal gesagt – bei Gott, Herr Baron, wie eine Prinzessin, hat sie gesagt –

Still!

Pferdehufe klapperten vor dem offenen Fenster. Bist Du da, Gustav? fragte Hans' tiefe Stimme.

Komm' sofort! rief Gustav zurück. Bleiben Sie nur hier, Wenhak, ich will Sie schon entschuldigen.

Aber kein Wort, Herr Baron, lallte Clas, auf den Stuhl, von dem er sich hatte erheben wollen, zurücktaumelnd. Wir sind alle Menschen, alle –

Bringen Sie ihn zu Bett, sagte Gustav zu Jochen, der eben in der Thür erschien. Gute Nacht! – Ich komme schon, Hans!

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