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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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195 Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Hans war in seiner Aufregung über die häßliche Scene mit dem alten Prebrow im Galopp, wie er vom Hofe gesprengt, weiter geritten, ohne zu bedenken, daß er so Gustav bald einholen würde, von dem er sich doch eben erst in guter Absicht getrennt hatte; und so sah er denn, um eine Ecke des Waldweges biegend, den Bruder ein paar hundert Schritte vor sich. Nun war es zu spät, den Fehler wieder gutzumachen; Gustav hatte ihn gehört, sein Pferd angehalten und ließ ihn herankommen.

Da bin ich schon wieder, sagte Hans verlegen.

Und scheinst nach Deinem Aussehen gerade keine Rosen mit dem Alten gepflückt zu haben, erwiderte Gustav. Ich sagte Dir ja gleich, er wird zehnmal lieber den Wald im Besitze des Fürsten wissen als in Deinem. Der Fürst ist ein großer Herr; er kümmert sich nicht um das Detail, hält ja nicht einmal mehr einen Förster auf dem Revier, da keiner Lust hat, dem alten Hallunken zufällig in die Schußlinie zu geraten. Du bist der einzige Mensch, der sich nicht vor ihm fürchtet, und der es mit ihm aufnehmen kann. Das weiß der alte Hallunke recht gut. Wie seid Ihr denn übrigens so schnell handelseinig geworden, Du und der Fürst? Ich denke, Ihr wart im Preise noch weit auseinander?

Um volle Fünftausend, erwiderte Hans, und waren es noch heute Morgen, als Du uns verließest. Ich muß doch annehmen, daß er sich inzwischen von der Richtigkeit meiner Gründe überzeugt hatte, oder er würde nicht eine Stunde später auf mein Gebot von Zwanzigtausend so ohne weiteres eingegangen sein. 196 Ich hatte natürlich nicht wieder davon angefangen, sondern er that es, während ich ihn an den Wagen brachte. Ich war selbst nicht wenig erstaunt. Aber mich nun sperren mochte ich auch nicht, da er mir in so gütiger Weise entgegenkam und es doch, nach meiner Ueberzeugung, ein ehrlicher Handel ist.

Und mit dem Du noch Deine ehrliche Not haben wirst, sagte Gustav leichthin, wäre es auch nur mit dem Prebrow. Was hat er denn eigentlich gesagt?

Er hat mich kaum zu Worte kommen lassen; es hat nicht viel gefehlt und wir wären ernstlich aneinander geraten. Er war aber gewiß betrunken.

Schade, daß ich nicht dabei war; ich hätte ihn Mores lehren wollen. Du bist viel zu gut gegen den Kujon.

Gustav fing an, eine Arie zu pfeifen; für ihn war die Sache abgemacht; in Hans arbeitete es weiter.

Es ist möglich, sagte er, ich bin ihm doch aber auch viel Dank schuldig.

Wofür?

Für all die schönen Stunden, die ich mit ihm durch Wald und Feld gestrichen bin, im Sonnenschein und Regen und Sturm und Ungewitter. Ich hatte damals keinen Menschen, zu dem ich mich halten konnte, außer ihn. Wie oft habe ich mit ihm von einem Stück Brot gegessen, aus derselben Flasche getrunken. Es war ja sein Vorteil, wenn er mich so an sich zu fesseln suchte; aber er hat mich doch auch in seiner Weise lieb gehabt. Ich weiß es. Ich hatte mir einmal bei einem Sprung über eine Hecke schwer das Bein verletzt und lag acht Tage bei ihm. Bei uns zu Hause kümmerte sich niemand um mich; ich glaube, sie wußten nicht einmal, wo ich während der ganzen Zeit war. Da hat er Tag und Nacht an meinem Bette gesessen – es war sein eigenes und elend genug war es – damals schon – und hat mich gepflegt; er und –

Nun? sagte Gustav, als der Bruder stockte, Du wirst Dich doch Deiner, vielmehr unserer rothaarigen Schwärmerei von dazumal nicht schämen. Was ist übrigens aus ihr geworden? Mir deucht, Du schriebst mir vor Jahr und Tag in einem 197 Deiner letzten Briefe, Du habest sie nach Sundin gebracht, als sie bei Deinem Hofschneider in Prora auch nicht gutthun wollte.

Ich erzähle Dir das ein andermal, erwiderte Hans.

Viel Gutes wird es nicht sein; auch dieser Apfel fiel nicht weit vom Stamme. Es liegt in der Rasse.

Die Rasse ist von Haus aus nicht so schlecht, Gustav, sie ist nur allmählich so heruntergekommen, und wir haben auch unser Teil dazu beigetragen.

Nun wird es immer besser! rief Gustav lachend. Jetzt sollen wohl Du und ich daran schuld sein, daß der Alte ein Saufaus ist und die rote Hanne – na, Du scheinst das ja besser zu wissen.

So meine ich es nicht, erwiderte Hans; nicht Du und ich. Wenn ich »wir« sagte, meinte ich wir vom Adel, und da kann ich freilich unsere Familie in diesem Falle nicht ausnehmen. Auch die Prohns haben sich bei dem Bauernlegen beteiligt, das die Prebrows zu dem gemacht hat, was sie heute sind – sie und viele Hunderte von anderen, deren Nachkommen als elende Kathenleute oder als Knechte und Mägde bei den Nachkommen eben der Edelleute dienen, neben deren Vorfahren ihre Vorfahren als freie Bauern, bei den Feld- und Gardgerichten saßen, ja, in deren Geschlechter ihre Söhne und Töchter oft genug hineinheirateten.

Der Tausend! rief Gustav. Du bist ja inzwischen ein richtiger Gelehrter geworden. Bauernlegen – Feld- und Gardgerichte! Das imponiert mir. Wo zum Kuckuck hast Du denn das alles her?

Was soll man anfangen, wenn man die langen Winterabende so einsam sitzt, erwiderte Hans verlegen. Da gerät man denn an alte Schmöker, wie »der Rügensche Landgebrauch«, welchen ein Herr von Normann, der auf Tribberitz wohnte, im sechzehnten Jahrhunderte verfaßte, und worin er alle diese Verhältnisse, wie sie früher bei uns waren, ausführlich schildert. Da habe ich meine meiste Weisheit her. Ich habe mich aber auch sonst, als ich das Gut übernahm und hernach die Kuratel für die Großeltern, und in den Landstand kam, in den alten 198 Büchern und Akten weiter umgesehen, und wie es dann später allmählich alles so geworden ist. Bis zum dreißigjährigen Kriege ist es noch ganz leidlich zugegangen; dann aber hat das Elend angefangen, und die Willkür und die Plackerei sind immer schlimmer geworden drüben in Pommern und bei uns hier auf Rügen, wo die Schweden ja nun regierten und sich an die alten Gesetze, Herkommen und Rechte nicht viel kehrten, auch wohl nichts davon verstanden und das Oberste zu unterst wendeten, wobei ihnen denn leider der einheimische Adel und nicht minder die großen Herren aus den Städten, die über die Klöster und Kirchengüter das Regiment hatten, nur zu willig geholfen haben. Da fing denn das Bauernlegen an, das heißt, die Dörfer, soweit noch welche da waren, wurden in Pacht- und Rittergüter verwandelt, indem man die Bauern eben zu Hintersassen machte oder zu Kathenleuten, wie wir jetzt sagen, oder sie einfach austrieb ins nackte Elend. Das hat denn im vorigen Jahrhunderte und auch noch im Anfang dieses zu richtigen Bauernaufständen geführt, in welchen sich die armen Leute Luft machen wollten, um freilich nur noch tiefer ins Elend zu geraten. Und auch wohl zu einzelnen schrecklichen Rachethaten an den bösen Herren, die man im Walde totschoß oder in ihren Häusern überfiel und unter Betten erstickte. Mir ist sogar noch aus meiner frühesten Jugend ein solcher Fall erinnerlich oder hat ihn mir Prebrow nur erzählt, was auch möglich ist. Um aber auf den Alten zurückzukommen – so, wie ich sagte, daß es mit vielen einst wohlhabenden Bauern gegangen, wenn auch vielleicht nicht ganz so schlimm, ist es den Prebrows geschehen. Der Großvater von dem Alten auf Wüstenei besaß noch nicht weniger als vier Höfe zu eigen, eben Wüstenei selbst und den Wald dazu, dann unser Neuen-Prohnitz, das damals aber Polchow hieß, und zwei andere, die beide in den fürstlichen Gütern aufgegangen und völlig verschwunden sind. Der damalige Fürst war eben kein guter Herr, und unser Urgroßvater hat es ihm nachgethan und damals auf diese Weise hier und auf Wittow den großen Prohnschen Besitz zusammengebracht. Die Prebrows aber verarmten immer mehr. Der 199 Vater besaß nur noch Wüstenei und den Wald, den er später auch an den Fürsten – den zuletzt verstorbenen, meine ich – verkaufen mußte. Dennoch war er noch immer in seiner Art ein wohlhabender, zum wenigsten kein armer Mann, der sich in Erinnerung dessen, was die Prebrows ehemals gewesen, wacker durchzuschlagen suchte, den ältesten Kindern sogar einen Hauslehrer halten konnte, von dem ich noch profitiert habe, denn mein bißchen Französisch weiß ich zumeist von Prebrow, der es in seiner Jugend ganz gut gelernt hat, sodaß er vor dreißig Jahren, als junger Mann in der Franzosenzeit hierzulande als Dolmetsch und sonst eine wichtige Rolle spielte. Aber eben die Franzosenzeit hat dem Prebrowschen Wohlstand den Rest gegeben; die vielen Kinder sind gestorben und verdorben, nur der Prebrow ist noch übrig, und den hat auch die Franzosenzeit auf dem Gewissen: er hat das wilde unstäte Leben, das er damals jahrelang zu führen gezwungen war, und das ihn weit in der Welt herum bis tief nach Rußland hinein und hernach bis nach Paris getrieben und verschlagen hat, nicht wieder verwinden können. Seine zweite Heirat mit der schlechten, zänkischen Müllerstochter hat ihn vollends zu dem gemacht, was er jetzt ist.

Hans schwieg und fuhr nach einer Pause mit bewegter Stimme fort:

Und siehst Du, Gustav! das ist der Grund, weshalb ich dem alten Manne nicht gram sein kann, obgleich er mir schon seit Jahren aus dem Wege geht und mich grimmig haßt, wie ich es eben erst wieder gesehen habe. Aber ich denke, ich besänftige ihn schon noch. Er muß ja einsehen, daß ich es gut mit ihm meine, vor allem, daß er die größten Vorteile davon hat, wenn der Wald rationell beforstet wird und seine Wiesen, die jetzt völlig versumpfen, wieder in richtige Kultur kommen. Aber ich langweile Dich mit den Geschichten, Gustav.

Gar nicht, rief Gustav, aus seinen Gedanken aufschreckend; ich meine nur, daß Du die Rechnung ohne den Wirt machst.

Wieso?

Ich meine, daß der alte Sünder – verzeihe, wenn ich 200 Deinen Schützling trotz Deiner Lobrede so despektierlich bezeichne – sich als Wilddieb und Schmuggler viel besser steht, als er sich als Dein Förster, wozu Du ihn machen zu wollen scheinst, irgend stehen kann.

Wie es mit ihm steht, erwiderte Hans, du lieber Himmel! Ich dächte, Du hättest mit einem Blick auf den elenden Hof genug gesehen: es ist ja ein wahrer Jammer! Aber, Gustav, weshalb sagst Du »Dein« Förster? Und sprichst überhaupt immer, als ob Dich unsere Angelegenheiten gar nichts angingen?

Was nennst Du unsere Angelegenheiten?

Hans hielt sein Pferd an und sagte in schmerzlichem Erstaunen:

Was ich so nenne? sonderbare Frage: was ich so nenne? Nun eben alles – alles!

Laß uns zureiten, sagte Gustav, es wird sonst dunkel, bevor wir in Prora sind, und an den Rückweg müssen wir doch auch denken. Ich weiß freilich nicht, wie lange Du bei Deinem Hofschneider zu thun haben wirst.

Er hatte sein Pferd wieder in Trab gesetzt, Hans ritt ihm eine Zeitlang schweigend zur Seite, dann sagte er:

Du willst mir ausweichen, Gustav, bist überhaupt heute schon den ganzen Tag, der doch ein so schöner, ein wahrer Glückstag für uns alle ist, so – so – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll – aber es macht mich sehr traurig.

Du guter Kerl, rief Gustav lachend, hast wohl noch nicht genug in den Kopf zu nehmen, daß Du Dir auch darüber Gedanken machst! Ich bin ein wenig nervös und abgespannt – das Faulenzerleben in München hat mich heruntergebracht, ich muß erst wieder reiten lernen; übrigens, Du vergißt, daß wir heute Morgen bereits drei oder vier Stunden im Sattel waren.

Aber weshalb bist Du denn jetzt nicht zu Hause geblieben?

Du wolltest mich nicht haben – ich sah es wohl und – Du kennst meinen Eigensinn, gerade deshalb bin ich mitgeritten. Nein, im Ernste, Hans, es wurde mir zu enge im Schlosse wie es im Liede heißt, ich mußte oder wollte mir Ruhe reiten. Axel war fort, Du wolltest fort, und das ewige Gegakel mit 201 den Frauenzimmern – das macht einen ja ganz elend. Und die Aussicht auf einen Thee mit unseren Großeltern, nachdem wir das Vergnügen bereits zwei Stunden bei Tische gehabt, und ich die Geschichte des famosen Empfanges in Fontainebleau, bei dem sich der Großpapa das Kreuz der Ehrenlegion und die Großmama – vermutlich aus Freude darüber – eine Ohnmacht holte – nein, mon cher, die Geschichte heute Abend vielleicht noch einmal, nachdem ich sie seit meinem vierten Jahre auswendig weiß – c'était plus fort que moi. So, das war ein regelrechter Trab, und – da sind wir. Ich will bei der hochwichtigen Konferenz nicht stören und reite unterdessen nach dem »König von Preußen«. Mir klebt die Zunge an dem Gaumen. Also auf Wiedersehen.

Er reichte Hans, der vor dem Häuschen der alten Schneidersleute abgestiegen war und den Zügel seines Pferdes um den Pfosten des Gartengitters geschlungen hatte, die Hand und trabte das ungepflasterte Gäßchen hinauf über den kleinen Platz bis vor den Gasthof.

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