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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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184 Einundzwanzigstes Kapitel.

Im letzten Abendscheine desselben Tages saß der alte Prebrow auf Wüstenei vor der Thür seines Hauses bei dem kärglichen Imbiß, den er sich selbst aus dem Wandschrank hatte holen müssen. Vor ihm stand seine Frau und keifte auf ihn ein, während er sich die Miene gab, kein Wort von allem, was sie sagte, zu hören.

Er ist es und keiner sonst, und darauf laß ich mich henken! schloß sie ihre lange Rede.

Möglich! erwiderte er grollend.

Frau Prebrow setzte die Milcheimer, die sie bereits ergriffen hatte, heftig wieder auf den Boden und stemmte die Hände in die Seiten.

Möglich! Und weiter sagst Du nichts, wenn ich Dir die Sache so klar gemacht habe, daß uns' lütt' Christophing da sie begreifen könnte. Möglich! Na, dann ist es ja auch wohl möglich, daß Du die Dirn wieder ins Haus nimmst und ihren Balg dazu. Aber ich sag' Dir –

Halt' Dein Maul und mach', daß Du an Deine Arbeit kommst, oder –

Prebrow hatte die Pfeife, welche er sich inzwischen angezündet, aus dem Munde genommen und die letzten Worte mit einem Faustschlage auf den kleinen, wackeligen Tisch vor ihm begleitet, daß Schnapsflasche und Glas, die darauf standen, zusammenklirrten. Die Frau warf ihm einen giftigen Blick zu, wagte aber außer ein paar hastig gemurmelten Worten keine Erwiderung, nahm die Eimer wieder auf, schrie im Vorübergehen Christophing und Ruding, die an der Entenpfütze spielten, zu, 185 ihr zu folgen und verschwand mit den beiden Jungen an der zerbröckelnden, ginsterübersponnenen Hofmauer, mit ihrer gellenden Stimme hinter Adolf, dem Aeltesten, her scheltend, der ihrer auf der Wiese kaum ansichtig geworden war, als er mit den langen Beinen, die er von dem Vater geerbt, seinen Weg in den Wald nahm.

Prebrow hatte den verschütteten Schnaps im Glase erneuert und rauchte und trank dazwischen still vor sich hin.

Möglich! Dummes Zeug! Der Uhlenhans war's – das wußte er so gut und besser wie die Alte. Aber warum ihr auch noch erzählen, was er heute in Prora erfahren und erlebt, wenn er doch nichts gegen ihn thun konnte. Es war schon dumm genug von ihm gewesen, daß er ihr gesagt, wie er sie vorgestern im Walde von Hans in den Wagen hatte hineinheben und mit ihm davonfahren sehen. Es wäre dann doch noch ein paar Tage verschwiegen geblieben, und er hätte sich's in der Stille zurechtgelegt. Nun mußte er's vom Morgen bis zum Abend hören; nun sollte er weitere Beweise schaffen, daß man den Baron auch ordentlich belangen könnte.

Beweise! Da hätte sie die Dirne nicht gleich vom Hofe prügeln müssen, sie erst ausfragen sollen – ja dann. Aber so. Und belangen! Ich habe mich ja öffentlich von ihr lossagen müssen; welches Recht hätte ich denn noch an ihr! Aber mit dem Weibervolk ist ja einmal keine Vernunft zu reden. Das schlägt und schimpft drauf los und hernach will's wieder kein Wässerchen getrübt haben und spricht von »unserem Kind« und von Beweisen und Belangen – dummes Zeug!

Prebrow nahm die Mütze ab und strich sich über die Stirn.

Es war doch eine dunkle Geschichte, in der so manches gar nicht recht stimmen wollte. Und immer weniger stimmen wollte, je mehr er qualmte und dazu von dem Richtenberger trank. Die verfluchten Weibsen! Alles Malheur kam von ihnen. So ein Kerl wie er, der seine Schule durchgemacht hatte wie ein anderer, und hetzt Rittergutsbesitzer sein müßte mit vier Pferden lang vor der Chaise, wie sie vorgestern nach Griebenitz fuhren 186 – das adelige Rackerzeug. Daß sie Gott verdamme! Einen hatte er mal ausgenommen. Wenn je einen Menschen – ihn hatte er lieb gehabt, bei Gott, als wär's sein eigen Fleisch und Blut gewesen, nur noch viel lieber. Nun möge auch ihn der Teufel holen. Ihn vor allen!

Guten Abend, Adolf Prebrow!

Guten Abend, Fritz Wiek! Wo kommst Du her?

Der alte Mann hatte den Schmuggler nicht kommen sehen, aber in seinem wettergebräunten Gesichte regte sich nichts. Er rückte nur auf der Bank ein wenig zur Seite für den Ankömmling, der dann auch alsbald von der Erlaubnis Gebrauch machte, und klopfte mit der Spitze der Pfeife hinter sich an das Fenster der Wohnstube.

Aus Deinem Wald, erwiderte Fritz Wiek, hab' Dich schon seit fünf Minuten da von dem Holzstoß aus observiert. Wollte eigentlich lieber nicht auf den Hof, aber Du warst so in tiefen Gedanken – hast Du mich nicht pfeifen hören?

Nein. Was gibt es denn? Du bist doch sonst nicht so scheu.

Bei Gott nicht! Meinetwegen –

Der Schmuggler brach ab. Ein zwölfjähriges Mädchen war auf die Schwelle getreten und fragte, was der Vater wünsche.

Prebrow deutete auf das Glas; das Mädchen verschwand in der Thür, aus der es gleich darauf wieder mit einem zweiten Glase herauskam, das es schweigend auf den Tisch stellte und ebenso ins Haus zurückging.

Die wird so hübsch wie die Hanne, sagte Fritz Wiek, ihr nachblickend.

Also was gibt's? fragte Prebrow, seinem Gaste einschenkend, mürrisch.

Also das gibts, erwiderte Fritz Wiek, den Schnaps hinunterschüttend und ungeheißen sein Glas von neuem füllend. Ich bin nicht allein, hab' einen bei mir, einen Griechen – alten Freund von mir aus dem Mittelmeer, wo er nach Marseille fuhr und da herum für Rechnung seines Schwiegervaters in 187 spe, der auf Tino wohnte – einer der kleinen Inseln da unten – und das Geschäft en gros betrieb, weißt Du, wo's auf ein paar Menschenleben weiter nicht ankam. Haben ihnen das Handwerk bös gelegt; der Alte sitzt, wo ihn weder Sonne noch Mond bescheint und wird wohl baumeln müssen. Hätten den Jungen auch gern beim Kollett gekriegt; war ihm aber nicht beizukommen. Ein höll'scher Kerl, Gott verdamm' mich, der sich vor dem Teufel nicht fürchtet und so viel Grütz im Brägen hat, wie keine zwölf von unseren Däsköpfen zusammen. Valianos heißt er – Johannes Valianos Pannuris – ist aber genug, wenn Du Valianos behältst. Der scharfe Kieker, den sie auf ihn hatten, ist ihm auf die Länge unbequem geworden. So hat er's einmal hier oben versuchen wollen und fährt jetzt für eigene Rechnung, aber unter französischer Flagge, verstehst Du mich, einen schmucken, kleinen Schoner – traf ihn in Sundin, wohin er Korinthen und Oliven aus Griechenland geladen hat. Das heißt, unten hat er für zwanzigtausend Thaler Seide aus Marseille. Ernst Pfahlen in Prora will sie ihm abnehmen – den ganzen Schwamm – aber natürlich, ohne es den Grünröcken auf die Nase zu binden. Ich hab' das Geschäft so weit bugsiert und gedacht, ob Du es nicht vollends in den Hafen lotsen wolltest. Es ist nicht so recht in Deinem Fahrwasser, aber Du hast weniger Mühe davon, als von meinem Rotspon und dem andern. Ich hab' auch schon an Clas Wenhak gedacht – wir kommen nämlich über Prora, Pfahlens wegen, aber zu Wenhak bin ich nicht weiter gegangen. Der Kerl redet zu viel und hat auch nicht den rechten Muck. Nun, so machst Du die Sache allein und verdienst ein tüchtig Stück Geld. Die Ballen werden hier gelandet und bei Dir geborgen – alles wie sonst. Bloß daß sie den Rotspon von Dir aus dem Walde abholen, und Du die Seide bis nach Prora fahren mußt – in einer schönen Fuhre Heu, weißt Du, die Herr Pfahlen bei Dir bestellt hat und gleich auf den Boden schaffen läßt, wo es dann keinem Teufel einfallen wird, sie zu suchen – aber das ist seine Sach'. Willst Du?

Prebrow rauchte still vor sich hin.

188 Ich hab' nicht gern mit Ausländern zu thun, sagte er. Das gibt immer Streiterei, schon wegen der Sprache. Nun gar mit einem Griechen.

Der Mann spricht auch französisch, erwiderte Fritz Wiek, und das ist ja Deine Force. Bist ja noch aus der richtigen Franzosenzeit.

Hab's lange nicht gesprochen.

Wird schon noch gehen. Uebrigens will ich ihm auch einen von meinen Leuten an Bord geben. Er läuft hernach Rostock an, wohin ich in vierzehn Tagen von Lübeck komme, da kann er ihn mir wiedergeben.

Wollt Ihr noch heute Abend nach Sundin zurück?

Nein. Mein Schoner ist heute Mittag abgesegelt – durch den Bodden – ist kein so großer Umweg bei dem Südwest – und ist sicherer. Jetzt ist es halb acht. In einer Stunde, denke ich, wird sie auf der Höhe vom Prorer Haken sein; das Boot landet an unserer alten Stelle und bringt uns an Bord. Ich setze ihn bei Grünwald ans Land, von da fährt er morgen mit der Post nach Sundin zurück; ich komme erst zum Herbst wieder, will noch nach England.

Und ein tüchtig Stück Geld, sagst Du?

Gott verdamm' mich! Aber sprich doch mit ihm selber.

Hol' ihn her.

Der Schmuggler ging. Prebrow war sitzen geblieben und stierte in den verlassenen Hof, auf dem nichts Lebendes zu sehen war als ein paar Enten aus dem Pfuhl und ein paar Hühner, die noch auf dem mageren Dung vor dem zerfallenen Viehhause scharrten. Sie mußten bös hungrig sein. Ein tüchtig Stück Geld! Könnt's bei Gott brauchen.

Aber seine Gedanken wollten sich nicht auf das Geschäft richten, das in Aussicht stand. Clas Wenhak hatte heute Morgen in Prora auch von vorgestern Abend erzählt: von Baron Gustav und der schönen jungen Frau, und daß Uhlenhans sich gestern mit Fräulein Hertha verlobt habe, und Durchlaucht heute Morgen ganz früh nach Griebenitz gefahren sei, und der Kammerdiener Pasedag gehört habe, wie Durchlaucht zu der 189 Frau Fürstin gesagt, er wolle die Sache zwischen den Griebens und den Prohns wieder in Ordnung bringen. Hans verlobt! Und in diesem Augenblicke! Das war das Ende von der Geschichte vor zwölf Jahren, als er plötzlich nicht mehr kam und sich nicht mehr um die Hanne kümmerte, die er doch vorher so gern gehabt hatte; und die Hanne sagte, das kleine zehnjährige Fräulein habe es ihm verboten, denn was die wolle, thue der Baron. In Sundin hatten sie sich denn doch wiedergefunden. Welche hatten freilich gesagt, es sei Graf Axel, und dem sah's ja ähnlich, daß er die Hanne hatte so verlumpen lassen; aber seit vorgestern – in seinem eigenen Wagen, nachdem sie sich da hinten im Walde getroffen, wo er jedenfalls auf sie gewartet hatte, wenn es hier im Hause schief gegangen sein sollte, wie es denn auch gegangen war – ja, ja, die Alte hatte recht, er war's gewesen und kein anderer. Aber wenn ich ihn auch nicht vor Gericht belangen kann, wie sie will – büßen soll er mir's doch, der scheinheilige Schuft, der einäugige Schleicher, der –

Ein leises Geräusch von links her machte den Alten aufblicken. Fritz Wiek brachte den Fremden, der aus der Entfernung wie ein Vierziger aussah, aber, als er jetzt an den Tisch trat und grüßend den Hut abnahm, mit seinem glänzenden krausen Haar und Bart und den schwarzen Funkelaugen auf höchstens Fünfundzwanzig taxiert werden konnte. Mit dem ließ sich jedes Geschäft der Welt machen; man mußte nur scharf aufpassen, daß man dabei nicht über das Ohr gehauen wurde.

Die Drei waren nun doch ins Haus gegangen und saßen in der Stube am Fenster, nachdem Rieke zur größeren Sicherheit an das Thor geschickt war, auf den Weg zu sehen, der dort, von Neuen-Prohnitz kommend, sich um das Gehöft herum rechts in den Wald wendete, wo er hernach wieder in den Hauptweg mündete. Der Alte hatte eine Flasche Wein aus einem geheimen Verschlage genommen, der noch ein paar hundert Flaschen enthielt, die Clas Wenhak morgen bekommen sollte. Fritz Wiek ließ sich den Rotspon schmecken, an dem der fremde Kapitän kaum nippte, wie er denn auch sonst zugeknöpft blieb und, soweit es anging, Fritz Wiek reden ließ, der, mit 190 augenscheinlichem Stolze griechisch, französisch, deutsch durcheinander sprechend und radebrechend, die Einzelheiten des Geschäftes auseinandersetzte. Man hatte sich bald über alles verständigt, bis auf den Anteil, der auf Prebrow abfallen sollte und dem Alten nicht hoch genug schien. Doch auch in diesem Punkte gab Kapitän Valianos bald nach: es komme ihm für diesmal nur darauf an, gute Geschäftsverbindungen einzuleiten; je nachdem ihm das gelinge, werde er dann öfter, vielleicht regelmäßig wiederkehren. Fritz Wiek rieb sich die Hände und stieß auf den geschlossenen Handel an, bei dem auch er zweifellos seinen guten Verdienst hatte, obgleich dieses Umstandes von keiner Seite erwähnt wurde.

Eine zweite Flasche wurde aufgesetzt, eine halbe Stunde früher oder später verschlug Fritz Wiek nichts; war auch eigentlich noch ein bißchen zu hell, um an Bord zu gehen, und so gemütlich hatte er es lange nicht gehabt, obgleich er sich das Leben einzurichten wußte – darin sollte es mal einer Fritz Wiek gleich thun. Freilich, die Weiber müsse man sich vom Halse halten – natürlich nicht en passantau contraire – aber auf die Dauer –

Fritz Wiek merkte, daß er sich festgefahren; der Alte rauchte grimmig vor sich hin, Valianos blickte finster in sein volles Glas. Nun ja, der Alte hatte einen Satan von Frau, dazu die Geschichte mit der Hanne, von der Fritz in Sundin gehört; und der Kapitän schien, wenn er auch nie darüber sprach, nach der Seite auch in einen falschen Kurs geraten. Also Re! Aber was nur gleich? Richtig, die andere Geschichte, die ihm Kaufmann Pfahlen, der sie wieder von seinem guten Freunde Clas Wenhak gehört, vorhin in Prora erzählt, und die er ja dem Kapitän hatte wiedererzählen wollen wegen der schönen Landsmännin, die darin vorkam. Gut, daß er es vergessen; so konnte man doch etwas Neues aufs Tapet bringen, und das auch den Alten interessieren mußte von wegen der nahen Nachbarschaft.

Und Fritz Wiek schob sich einen frischen Priem in die Backe und erzählte von Adolf Prebrows Nachbar, dem Baron Hans Prohn, den sie den Uhlenhans nannten, weil er nur ein Auge 191 habe, mit dem er auch bei Nacht besser sähe als andere Leute, die auch nicht gerade blind seien, mit ihren beiden Augen bei Tage; und seinem Bruder, dem tollen Gustav, der in die weite Welt gelaufen sei, nachdem er zu Hause nicht gut gethan und vorgestern mit Frau und Kind zurückgekommen – aus Griechenland, Kapitän Valianos! – und so das übrige, soweit er es behalten. Aber es schien ihm, als ob er mit der schönen Geschichte, von der, nach Kaufmann Pfahlens Versicherung, ganz Prora seit vorgestern Abend sprach, bei dem Alten keine besondere Fahrt mache: der verzog keine seiner verwetterten Mienen und dampfte ruhig weiter. Bei dem Griechen verfing es besser. Der rückte sich in den Hüften zurecht und lehnte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und stierte ihn an, daß die schwarzen Augen in dem Halbdunkel funkelten. Ja, diese Griechen! Schufte waren sie alle und betrogen einer den andern, daß es nur so eine Art hatte; aber was so ins landsmännische Gefühl schlug – und handelte es sich um einen Hobelspan, den ein Fremder aus Griechenland mitgenommen, und nun gar um ein schönes Weib, noch dazu um eines aus einer ihrer berühmten Familien – da schlug denn gleich das Feuer zum Schornstein heraus. Was störte ihn denn die hübsche dumme Dirne im besten Erzählen!

Rieke hatte die Thür aufgerissen: es kämen zwei Herren von Neuen-Prohnitz her – der eine sei der Herr Baron.

Der Alte war so jäh aufgesprungen, daß er fast den wackeligen Tisch mit Flaschen und Gläsern umgeworfen hätte, und aus der Stube gestürzt zu nicht geringem Erstaunen von Fritz Wiek, der die zähe Kaltblütigkeit des Mannes aus Erfahrung kannte und für die Aufregung gar keinen Grund sah. Gab's doch in dem alten Hause Schlupfwinkel genug, einem lästigen Besuche aus dem Wege zu gehen, falls die gemeldeten Herren wirklich vorsprechen wollten, was noch gar nicht einmal wahrscheinlich war. Und die Herren waren doch keine Grünröcke!

Fritz Wiek hatte sich in der Nähe des Fensters postiert, so daß er, ohne selbst gesehen zu werden, alles sehen konnte, was auf dem Hofe vorgehen würde, wo der Alte jetzt stand, dem 192 Hause den Rücken zuwendend, mit dem Gesichte nach dem Eingange, welcher dem Hause gerade gegenüber lag, und an welchem die Herren vorbei oder durch welchen sie kommen mußten, wenn sie auf den Hof wollten.

Da waren sie auch schon: der eine, größere, schwarze sicher der Baron Hans, Uhlenhans, und ein anderer, etwas kleiner, mit hellerem Gesichte, der denn wohl der Bruder von dem Baron, der tolle Gustav, war. Die Herren hielten am Eingange, in dem Lichte der untergehenden Sonne, die ihnen gerade in die Gesichter schien. Der ältere schien dem jüngeren etwas zu sagen, worauf dieser weiter ritt und hinter der Scheune verschwand, während jener in den Hof bog und auf Prebrow zukam, der sich nicht vom Flecke rührte und die Arme, die er über dem langen Rücken gekreuzt hatte, nicht auseinander nahm, als ihm vom Pferde herab eine Hand entgegen gehalten wurde.

Was in den folgenden Augenblicken zwischen den beiden geschah, entging Fritz Wiek; seine Aufmerksamkeit wurde auf Valianos gerichtet, der unmittelbar hinter ihm gestanden hatte, ihm plötzlich die Hand auf die Schulter legte und, als er sich umwendete, ein Gesicht zeigte, so bleich und verzerrt und mit so greulich funkelnden Augen und zuckenden Lippen, daß er, der doch meinte, es mit dem Teufel selbst aufnehmen zu können, wie ein Schiffsjunge erschrak.

Aber, bevor er noch fragen konnte, was denn das bedeute und was der Grieche da in seiner Sprache durch die knirschenden Zähne murmelte, mußte er schon wieder nach dem Hofe blicken, wo der Alte ein wahres Gebrüll ausgestoßen hatte und, indem er des Barons Pferd mit der einen Hand in die Zügel griff, mit der andern den Reiter vor die Brust packte, der seinerseits dem Tiere die Sporen gab, daß es sich hoch aufbäumte und der Alte rückwärts taumelte. Im nächsten Momente war der Reiter aus dem Hofe gesprengt, dafür stand Valianos, den er gar nicht das Zimmer hatte verlassen hören, neben dem Alten, unter heftigen Gebärden auf ihn einsprechend und wiederholt in die Richtung deutend, in welcher die Herren, erst der eine und nun auch der andere, davongeritten waren.

193 Ich glaube, die sind beide verrückt geworden, sagte Fritz Wiek, na, laß sie! Man wird ja hören, welche Tarantel sie gestochen hat.

Er hatte sich wieder an den Tisch gesetzt und sich ein Glas vollgeschenkt, durch das Fenster die beiden weiter beobachtend, die sich allmählich zu beruhigen schienen, wenn sie auch noch eifrig genug miteinander sprachen, die Köpfe dicht zusammen und ein paarmal nach dem Fenster sich umblickend, als ob sie sich versichern wollten, daß sie nicht gestört würden.

Sie sind heil verrückt, sagte Fritz Wiek.

Und er nahm das beinahe allen Ernstes an, als sie nach einer geraumen Zeit endlich wieder in das Haus und in die Stube kamen; und Valianos, der noch immer blaß war, aber doch sonst sein gewöhnliches Gesicht hatte, sagte, er habe sich die Sache anders überlegt. Es sei doch besser, daß er ein paar Tage hier bleibe und den Strand und die Terrainverhältnisse ordentlich kennen lerne. Herr Prebrow wolle ihm für die Zeit Gastfreundschaft gewähren. Im übrigen bleibe alles bei der Verabredung.

Es ist gut, sagte Fritz Wiek. Ihr beide habt etwas Besonderes vor, wobei Ihr mich nicht haben wollt. Das ist klar. Also in vierzehn Tagen in Rostock, Kapitän! Und gute Verrichtung. Adjes, Prebrow! Auf Wiedersehen im Herbst!

Er reichte beiden die Hand. In der Thür wendete er sich noch einmal; sie standen schon wieder wie vorhin auf dem Hof, die Köpfe dicht bei einander, im Begriffe, das unterbrochene Gespräch wieder aufzunehmen.

Heil verrückt, murmelte Fritz Wiek und schloß die Thür.

Valianos war an das Fenster getreten, um sich zu überzeugen, daß der Kamerad sich wirklich entfernte; dann kam er zu seinem Gastfreund zurück, faßte seine Hand und sagte in feierlichem Tone:

Schwört mir bei der Mutter Gottes oder was Euch sonst heilig ist, daß Ihr mir helfen wollt, als ein ehrlicher Mann, meine Rache zu nehmen an dem Schurken Goustabos, der mich 194 so tief gekränkt und beleidigt hat, wie ein Mann einen Mann kränken und beleidigen kann.

Mein Schwören würde Euch nicht viel helfen, erwiderte der Alte finster, denn ich glaube nicht an Eure Mutter Gottes und auch an sonst nichts, wobei ich schwören könnte. Aber was unsereiner versprochen hat, das hält er; und ich habe Euch schon gesagt, daß mich der andere beleidigt hat, wie Euch der Bruder, und ich meine Rache an ihm haben will, wie Ihr an jenem. So gehen unsere beiden Geschäfte zusammen und sind eigentlich nur ein Geschäft. Und hört, Kapitän, ich sehe da meine Frau kommen. Ich habe Euch gesagt, ich will bei dem Geschäfte keinen Lohn für mich, und dabei bleibt's, und Ihr sollt das Geld wieder haben. Aber zählt die fünfzig Louisdor doch da lieber auf den Tisch, damit sie dieselben sehen kann, wenn sie hereinkommt, und wir Frieden im Hause haben, so lange Ihr mein Gast seid.

Der Grieche nickte und trat an den Tisch, zu thun, wie ihm sein Wirt geheißen, während dieser aus der Stube ging, seiner Frau entgegen, ihr zu sagen, daß jemand gekommen sei, in Geschäften – sie könne sich denken, in welchen – und acht Tage bei ihnen bleiben werde – es könnten auch ein paar mehr werden. Und das Geld für Kost und Logis läge schon in der Stube auf dem Tisch.

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