Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

172 Zwanzigstes Kapitel.

Sie hier, lieber Graf? sagte der Fürst, Axel die Hand reichend, während er Gustav mit einem Kopfnicken wieder begrüßte; das freut mich, freut mich aufrichtig. Ich sollte das gewußt haben, als ich vor einer Stunde in Griebenitz war und Ihre Eltern in einer etwas kriegerischen Stimmung fand, während Sie hier in aller Gemütlichkeit eine Friedenspfeife mit Ihrem alten Freunde rauchen. Sehr brav! sehr verständig!

Er schüttelte Axel, der sich dankend verbeugte, nochmals die Hand und wendete sich zu Hans und Gustav: Nun aber, liebe Herren, müßt Ihr mir die erbetene Gelegenheit verschaffen, mich Euren Damen präsentieren zu können. Ah, da sind sie!

Hertha hatte, als sie den Fürsten und Hans kommen sah, zuerst in das Haus flüchten wollen, war aber von Isäa zurückgehalten worden, die plötzlich zwischen den Rosenbüschen an sie heran trat und, noch an ihrem Gewande nestelnd, fragte, wer der fremde Herr sei. Auf Herthas Antwort: Fürst Prora! hatte Isäa ihrerseits in das Haus gewollt, und nun war es Hertha, die sie zurückhielt. Man habe sie beide möglicherweise schon bemerkt; der Fürst könnte es mit Recht übelnehmen, wenn man ihn unnötigerweise warten ließe. So hatte sie Isäa bei der Hand gefaßt und führte die sich noch immer Sträubende auf die Gruppe der Herren zu, entschlossen die doch unvermeidliche Gratulations- und Vorstellungsscene lieber sofort über sich ergehen zu lassen und den festen Mut zu prüfen, dessen sie ja von jetzt an auf Schritt und Tritt bedürfen würde.

Sie durfte Isäas Hand freigeben: Gustav war ihnen entgegen geeilt, hatte seiner Frau den Arm geboten und führte sie 173 weiter zum Fürsten. Hertha hatte es erwartet, und daß Hans bescheiden beiseite stehen werde, bis die Reihe an ihn komme. Stand er doch immer und überall beiseite! Sie mochte sich beeilen, die edle Kunst ebenfalls zu lernen; an Gelegenheit zur Ausübung würde es nicht fehlen, wie gleich jetzt!

In der That war der Fürst über den Anblick der schönen Fremden, die da vor ihn trat – mit gesenkten Wimpern, welche sie plötzlich hob, um ihn mit Augen, wie er sie nie zuvor gesehen zu haben glaubte, halb bittend, halb schalkhaft anzublicken – bis zur Erschrockenheit erstaunt. Nur mit sichtbarer Anstrengung gelang es ihm, sich wieder auf die Situation und auf seine Obliegenheiten zu besinnen, während Gustav mit einigen wenigen französischen Worten die Vorstellung einleitete. Mit großer Freundlichkeit, die doch etwas Gehaltenes, ja Feierliches hatte, begrüßte er die Tochter eines berühmten Mannes, dessen eminente Verdienste um sein Vaterland gewiß nur auf kurze Dauer verkannt werden könnten. Es werde ihm, und er dürfe mit Bestimmtheit sagen: sämtlichen Familien der Insel, eine Ehre und ein Vergnügen sein, alles aufzubieten, um sie in der neuen Heimat einigermaßen zu trösten über das, was sie in der alten verloren habe. Aber, er wiederhole es, nur vorübergehend, nur auf kurze Zeit, die noch mehr abzukürzen ihr junger Gatte mit selbstverständlicher Pietät und, wie er zu seinem großen Vergnügen höre, mit bestem Erfolge sich beeifere.

Er hatte Isäas Hand, die er während dieser kleinen Rede an den Fingerspitzen festgehalten, an seine Lippen geführt, welche Huldigung Isäa dadurch erwiderte, daß sie ihm mit einem anmutigen Lächeln eine schöne rote Rose überreichte, die sie vorhin gepflückt, und die der alte Herr unter abermaliger Verbeugung in seinem Knopfloche befestigte.

Während diese Scene sich abspielte, war Hertha an Hans heran getreten und hatte ihre Hand in seinen Arm gelegt. Sie wollte, wenn der Fürst sich zu ihr wendete, nicht erst ihren Verlobten herbei holen müssen. Blieb doch selbst jetzt sein Blick an der schönen Schwägerin hangen, als handle es sich nur um sie und die Aufnahme, welche sie bei dem von ihm so 174 hochverehrten Fürsten finden würde. Für diese Demütigung konnte sie der Druck nicht entschädigen, mit dem er die Berührung ihrer Hand erwiderte, auch nicht die Begrüßung, welche der Fürst jetzt an sie richtete, und die ihr seltsam kühl, ja gezwungen erschien im Vergleiche mit der Isäa zu teil gewordenen Auszeichnung. Der Fürst seinerseits bemerkte wohl, wie sie sich entfärbte; es war seine Absicht gewesen, sie, die bis dahin mit Recht als der ganzen Gesellschaft erklärter Liebling gegolten, für die Verwirrung zu strafen, welche sie nach seinem und aller Welt Dafürhalten durch ihr Betragen in eben dieser Gesellschaft angerichtet hatte. Nun war die Lektion ein wenig zu stark ausgefallen; und wenn man das trotzige, verwöhnte Kind kopfscheu machte, war vollends keine Hoffnung, daß die Verbindung, zu der sie sich offenbar nur aus eifersüchtiger Kaprice entschlossen, für den armen Hans, dem es doch wirklich zu gönnen war, zum Segen ausschlage.

Er war zu weit gegangen; er mußte das wieder redressieren. Er mußte noch mehr thun: er durfte heute Morgen von hier nicht fortgehen, bis er die mißliche Lage, in der sich die Familie befand, möglichst geschlichtet; vor allem den Zorn der Großeltern beschwichtigt. Er war es dem braven Hans schuldig. Um einer so glänzenden Acquisition willen, wie man sie an der schönen griechischen Fürstentochter machen würde, durfte man wahrlich etwas von der rigorosen Strenge nachlassen.

Ich habe eine Bitte an Sie, meine Herrschaften, sagte er, die allgemeine Unterhaltung, an welcher er nur noch zerstreut teilgenommen hatte, plötzlich unterbrechend. Bleiben Sie hier im Park, und erwarten Sie meine Rückkehr; ich werde Sie hoffentlich nicht zu lange warten lassen. Auch Sie, lieber Graf, bleiben hier! Sie brauchen mich nicht zu begleiten, Hans; ich weiß in Ihrem Hause seit einem halben Jahrhundert Bescheid. Also, meine Herrschaften, à revoir!

Er grüßte und entfernte sich mit langen Schritten nach dem Hause, wo er den Blicken der Nachschauenden in der Thür zum Speisesaale entschwand; ging durch den Speisesaal auf den Hausflur, die Treppe hinauf, über die Korridore und pochte an die Thür eines der dem großen Saale benachbarten Zimmer.

175 Entrez! erwiderte eine schnarrende Stimme von innen.

Der Fürst öffnete, trat ein und schritt auf den Kammerherrn zu, der, auf dem Sofa liegend, in einem Buche gelesen zu haben schien, das er bei seinem Erblicken eilfertig aus der Hand legte, indem er sich zugleich erhob und die seidene Decke von den Knieen schleuderte.

Ein junger Mann muß Glück haben, sagte der Fürst; ich suche Sie, liebe Excellenz, und finde Sie. Nun fehlt nur noch, daß ich Sie so finde, wie ich Sie zu finden wünsche, und der Cäsar ist fertig.

Und wie wünschen mich Durchlaucht zu finden? erwiderte der Kammerherr mit einiger Verlegenheit. Der Fürst, der durchaus das Sofa mit ihm hatte teilen wollen, spielte mit dem Buche, welches aus seinem Versteck unter dem Kissen hervorgeglitten war; und er hatte starke Bedenken, ob der sittenstrenge Herr die Lektüre der Liaisons dangereuses und die vielen Zeichen am Rande bei den besonders pikanten Stellen goutieren würde.

Zuerst so wohl und munter, erwiderte der Fürst, wie wir alten Leute überhaupt sein können, zumal wenn wir uns vor kurzem stark alteriert haben. Und über diesen Punkt bin ich beruhigt – Sie sehen wundervoll aus, Excellenz – werden wahrhaftig mit jedem Tage – ich hätte beinahe gesagt: nach jeder Alteration jünger. Es hat mich auch alteriert – ohne daß es mich freilich verjüngt hätte – trotzdem ich doch erst in zweiter Linie beteiligt war. Freilich in zweiter Linie als der Erste. Denn das lasse ich mir nicht nehmen: von allen wichtigen Ereignissen, die in unserem Kreise vor sich gehen, stärker affiziert zu werden, als die anderen. Ich hoffe, indem ich dieses Vorrecht für mich beanspruche, bei Ihnen auf keinen Widerstand zu stoßen, Excellenz?

Aber sicher nicht, im Gegenteile, murmelte der Kammerherr, immer das Buch im Auge, das der Fürst, es zwischen den Händen drehend, über die Kanten herüber betrachtete, als wollte er die Güte des Einbandes prüfen. – Es war immer meine Meinung: Noblesse oblige!

Eben das wollte ich mir anzudeuten erlauben, erwiderte der 176 Fürst mit einem Anfluge von ironischem Lächeln. Und so gehe ich denn mit erleichtertem Herzen gerade auf die Sache los, indem ich, als der geborene Vermittler bei Differenzen, welche unter uns entstanden sind – sei es im Schoße der einen Familie, sei es zwischen zwei verschiedenen Familien – Sie bitte, sich meine guten Dienste nach dieser Seite – will sagen: nach den beiden genannten Seiten gefallen zu lassen.

Ich wüßte nichts, wofür ich dankbarer sein würde, erwiderte der Kammerherr, bei sich überlegend, ob er dem Fürsten das Buch, das derselbe jetzt auf den Knieen hielt, aus den Händen nehmen dürfe. Der Koup konnte zu leicht mißlingen und dann die Katastrophe beschleunigen. So fuhr er zerstreut fort: Nur fürchte ich, Durchlaucht, daß ich allein beim besten Willen –

Begnügen wir uns vorläufig damit, unterbrach ihn der Fürst lebhaft. Sie haben den besten Willen, und aufrichtig gestanden, ich habe trotz des Anscheines vom Gegenteil, nichts anderes erwartet. Denn – wir sind ja unter uns, Excellenz – wie weit würden Sie auch schließlich mit Ihrer Opposition kommen? Hans ist der Chef der Familie; er ist Vormund von Fräulein Hertha; er ist von dem Gerichte sogar als Kurator über Sie gesetzt. Was von dem Prohn'schen Vermögen noch vorhanden ist, gehört ihm bei Heller und Pfennig; und wenn noch so viel vorhanden ist, haben es die übrigen Familienmitglieder seinem Fleiße und seiner Sparsamkeit zu verdanken. Ich will gewiß nicht wieder alte Wunden aufreißen, Excellenz, um so weniger, als, wie ich heute Morgen in Griebenitz zu hören bekam, noch einige von neuerem Datum zu heilen sind, und von Hans, mit dem ich schon darüber gesprochen, noch heute geheilt werden sollen, so daß Sie Ihrer in diesem Augenblicke besonders lästigen Verbindlichkeiten gegen den Grafen ledig werden. Weiter: auch Gustav, bevor er sich selbst eine Position in der Welt zu schaffen vermag, hängt völlig von seinem Bruder ab; und soviel ich sehen kann, wird er, um zu seinem Ziele, zu irgend einem erträglichen Ziele zu gelangen, dessen großmütige Hilfe noch auf längere Zeit hinaus bedürfen. Ob wohl oder übel, ob nach dem Geschmacke der anderen Beteiligten oder 177 nicht – so liegen die Dinge. Nun ist Hans gegen alles Erwarten – auch gegen das meinige – aus seiner gewöhnlichen Passivität herausgetreten und hat einer, wie es scheint, schon längst gehegten Neigung gegen seine schöne Kousine Ausdruck gegeben. Dadurch ist eine ganz neue Situation geschaffen; aber er ist und bleibt der Herr derselben. Es gibt nur Einen, der mit einigem Anscheine von Recht dagegen Widerspruch erheben könnte: Axel Grieben, und – ich habe ihn eben im amicalsten Verkehr mit den übrigen Mitgliedern der Familie – Sie und Ihre Frau Gemahlin ausgenommen – unten im Garten verlassen. Wenn nun Sie beide – und das ist die Bitte, die ich an Sie richten wollte, und durch deren Erfüllung Sie Ihr Versprechen, mir in meinen Bemühungen entgegen zu kommen, einlösen würden – wenn Sie inmitten dieser Familie erschienen und durch Ihr Erscheinen die inzwischen geschehenen Dinge, die sich doch nun einmal nicht mehr rückgängig machen lassen, sanctionierten – nun, so dürfte ich sagen: ich bin nicht vergebens hier, ich bin vor einer Stunde nicht vergebens in Griebenitz gewesen; es ist mir, Gott sei Dank, wieder einmal vergönnt gewesen, zu der heiligen Ordnung, Einigkeit und Harmonie beizutragen, die durchaus in unseren Familien herrschen muß, wenn wir die dem Adel gebührenden Vorrechte den übrigen Ständen gegenüber würdig behaupten sollen.

Der Fürst hatte die letzten Worte in einer Erregung gesprochen, welche sich der Kammerherr leicht erklären konnte: die letzten Nachrichten über das dissolute Leben des jungen, der diesseitigen Gesandtschaft in Paris attachierten einzigen Sohnes desselben sollten in letzterer Zeit ganz besonders betrübend gelautet haben. Und nun fehlte nur noch, daß der Mann in dieser larmoyanten Stimmung sich einen passenden Text aus dem vertrackten Buche in seiner Hand nahm! Bemerkte er doch nicht einmal das Ausbleiben einer Antwort, die er an dieser Stelle erwarten mußte, sondern fuhr, in womöglich noch größerer Erregung fort:

Glauben Sie mir, lieber Freund, es gibt schlimmere Dinge in der Familie, als die getäuschte Hoffnung einer glänzenden 178 Verbindung, welche wir einer armen jungen Verwandten zugedacht, oder die Rückkehr eines Enkels aus der Fremde an der Seite einer, allerdings für den Augenblick vermögenslosen, meinetwegen für immer ihres Vermögens beraubten jungen Ausländerin, die, nach allem, was ich höre, ihm nicht nur ebenbürtig, sondern an Rang weit überlegen ist. Es gibt da Möglichkeiten – Möglichkeiten, vor denen man schaudert – es gibt liaisons – und unsere jungen Männer von heute sind nur zu geneigt, solche einzugehen – liaisons –

Wollen wir gehen, Monseigneur? sagte der Kammerherr. sich halb erhebend und versuchend, dem Fürsten, wie um ihn von einem lästigen Gegenstande zu befreien, das Buch aus der Hand zu ziehen, das jener aber eigensinnig festhielt, indem er eifrig weiter sprach:

Liaisons dangereuses, wie sie in jenem abscheulichen Buche, das vom Henker hätte verbrannt werden sollen, bevor sich noch ein Mensch die Hände und die Seele damit besudelt, geschildert sind; es gibt –

Verzeihung, Monseigneur, wenn ich Sie nochmals zu unterbrechen wage: ich möchte doch vorher meiner Gattin –

Sie haben recht: wir müssen aufbrechen. Nur einen Moment: sowohl Sie als Ihre Frau Gemahlin sind von den Verhältnissen Gustavs und den Beziehungen –

Völlig unterrichtet. Gustav hat uns gestern, da wir ihn nicht empfangen wollten, in einem längeren Briefe –

Vortrefflich. Auch daß er mit einer geheimen Mission seiner bayrischen Majestät an den Oldenburger Hof – nein? Nun dann darf ich ebenfalls nicht davon sprechen; aber ich bin überzeugt, es wird ihm nichts schaden, wenn er sich bei diesen seinen ersten Schritten auf der glatten diplomatischen Laufbahn von einem alten erfahrenen Meister leiten läßt. Und noch eines, was dem Kenner und Bewunderer der Frauenschönheit doch auch nicht ganz gleichgültig sein wird. Aber das hieße sich eine Ueberraschung vorweg nehmen. Also, gehen wir zuerst zu Ihrer Frau Gemahlin!

Der Fürst erhob sich schnell; das Buch glitt ihm aus den 179 Händen und fiel auf den Teppich. Die beiden Herren bückten sich zu gleicher Zeit danach und stießen unsanft mit den Köpfen aneinander, daß sich dem Kammerherrn die gekräuselte Perücke arg verschob: Mille fois pardon, Monseigneur – ce livre détestable!

Und er schleuderte den Band, den er glücklich erhascht hatte, in die fernste Ecke des Zimmers. Der Fürst lachte.

Ah! Das jugendliche Ungestüm! Armes Buch! Und hat mir doch gute Dienste geleistet: ich muß eben, wenn ich überzeugend soll sprechen können, etwas zwischen den Fingern drehen. Wo finden wir Ihre Frau Gemahlin?

Ich verließ sie im Saale.

Sehen wir dort nach!

Sie durchschritten das Nebenzimmer und erblickten, die Thür zum Saale öffnend, die alte Dame in der Fensternische sitzend. Die auf dem Schoß gefalteten Hände, die Stellung des weit vornüber und etwas zur Seite geneigten Kopfes ließen unschwer erkennen, daß sie in tiefen Schlaf versunken war. Der Fürst, der zuerst eingetreten, legte den Finger auf den Mund, schob den Kammerherrn, zu dessen Verwunderung, wieder durch die Thür zurück, die er leise schloß.

Ich habe eine Idee, eine deliziöse Idee! sagte er flüsternd, die Sie mir ausführen helfen müssen. Bitte, erwarten Sie mich hier! Ich bin in fünf Minuten zurück; aber ich verpflichte Sie, Sie rühren sich nicht vom Fleck – nicht vom Fleck!

Er war zu der nach dem Korridor führenden Thür hinaus; der Kammerherr vernahm von draußen her nur noch ein paar Momente den vorsichtigen Schritt des Eilenden; dann tiefste Stille.

Und da stand er, der sich nicht rühren sollte und doch hätte um sich wüten und die Stille mit lauten Flüchen zerreißen mögen. Wie ein Schuljunge, den man in die Ecke geschickt, düpirt, genasführt, übertölpelt – er, der Diplomat, der mit dem großen Kaiser persönlich unterhandelt, mit Talleyrand Hand und Handschuh gewesen – von diesem Duodezfürsten, diesem obersten von ein paar Dutzend anderen Krautjunkern, der es auf 180 der staatsmännischen Leiter nicht weiter gebracht hatte, als bis zum Provinzial-Landtagsmarschall und ein Französisch sprach wie eine vache espagnole! Was hatte er hören – was sich sagen lassen müssen! Abhängigkeit – Kuratel – die unbezahlten Spielschulden sogar bei Graf Grieben, für die er einen Ehrenschein ausgestellt, der kassiert werden sollte, sobald die Verlobung zwischen Axel und der störrischen kleinen Person publiziert. Pest und Hölle! Mit dem liederlichen Gustav hätte sich ja paktieren lassen, würde man fertig geworden sein, sich arrangiert haben, schon wegen der deliziösen jungen Frau. Aber Ja und Amen sagen zu müssen zu dieser Schändlichkeit, dieser Infamie des niederträchtigen Knickers, der ihm die Portionen zumaß und das Taschengeld zuzählte – Tod und Verdammnis! Sich nicht einmal sträuben, Bedingungen stellen zu dürfen, an Händen und Füßen sich gebunden zu haben – alles in der kindischen, ganz aberwitzigen, nachträglich völlig unbegreiflichen Furcht, von dem alten Betbruder über der Lektüre eines Buches ertappt zu werden, mit dem er sich so oft über die Misère dieses Lebens unter den Bauerntölpeln weg getäuscht. Nein, er wollte sich nicht zu der sentimentalen Komödie hergeben, die der Provinzial-Pascha zu arrangieren gegangen war, um auch einmal den Bel-esprit zu machen – auf seine Kosten! Pest! Er in der Rolle des gemütlichen düpierten Hausvaters zum Gelächter der ganzen Gesellschaft – da sind sie schon!

Es knarrte die Treppe herauf, es rauschte den Korridor daher – kaum daß ihm noch Zeit blieb, das zornverzerrte Gesicht in freundliche Falten zu legen, Jabot und Manschetten zurecht zu zupfen und von der Nähe der Thür bis in die Mitte des Zimmers zurück zu treten, um den Eintretenden in würdiger Haltung und mit wohlwollend ernster Miene das Bild eines alten Mannes darzubieten, der wohl Ursache hätte, zu zürnen, aber aus angeborener Milde verzeihen will.

Die Thür nach dem Korridor wurde geöffnet, nur der Fürst schaute herein, eilfertig sprechend:

Kommen Sie, kommen Sie, vielmehr gehen Sie – dort – durch die Thür von vorhin – auf den Fußspitzen, wenn ich 181 bitten darf, und fassen Sie hinter dem Stuhle der Frau Gemahlin Posto, womöglich, ohne sie zu wecken oder doch nicht früher, als wir durch die Thür nach dem Vorsaal eingetreten sind. Es sind dort alle versammelt – auch Axel Grieben hat sich auf meinen Wunsch angeschlossen, selbst das reizende Kind ist in der Prozession. Machen Sie Ihre Sache gut. Wir können Ihre Bewegungen verfolgen und die Sekunde abpassen; die Thür nach dem Vorsaal ist nur angelehnt.

Scharmant! Deliziös! murmelte der Kammerherr. Gott! Wie sich die Gute freuen wird!

Auf den Zehen – er wußte sich ja beobachtet – durchmaß er die Breite des Saales bis zu dem Fenster, während jeder seiner tänzelnden Schritte ihm Höllenschmerzen in dem kranken Knie aufwühlte. Er hätte vor Scham und Wut den Fürsten, der ihn zu dieser Rolle gezwungen, die anderen dort in der angelehnten Thür, die sich sicher über ihn lustig machten, mit tausend Toden morden können, und –

Meine Liebe, erwache! Sieh' doch, wer da Dich zu begrüßen kommt!

Die alte Dame öffnete die Augen. Wachte sie? Träumte sie? Sie fuhr sich mit den Fingern über die Wimpern und blickte wieder hin. Das Bild war unverändert. Fürst Prora, der die junge Schöne, die sie vorhin im Garten gesehen, und die Gustavs Frau war, am Arme hatte; ihr Gemahl selbst – er stand doch noch eben hinter ihrem Stuhl – der lächelnd Herthas Arm in den seinen nahm; die beiden Brüder Hand in Hand; ein schönes Kind, getragen von einer seltsamen alten Frau – Graf Axel, bescheiden in einiger Entfernung –

Meine Kinder! wollte sie rufen, aber die Stimme versagte ihr. Sie vermochte nur die Arme zu öffnen, in die sich Hertha laut aufweinend stürzte, während die fremde Schöne still an ihrer Seite niederknieete, Hans die Rührung zu bemeistern suchte, indem er dem Bruder kräftig die Hand schüttelte, der Kammerherr die des Fürsten mit zwinkernden Augen an die Brust drückte und Axel, da sich niemand um ihn kümmerte, die Uhr an der Kette vor den Augen des Kindes tanzen ließ.

182 Das danke ich Ihnen, Durchlaucht! schluchzte die alte Dame, dem Fürsten die Hand entgegen streckend, welche dieser galant küßte, indem er mit Nachdruck erwiderte:

Geben wir Gott die Ehre, liebe Freundin! der nicht wollte, daß diese alte und edle Familie der bösen Welt ein Bild der Zwietracht gebe, sondern sein oberstes Gebot achte, welches da lautet: Kinderchen, liebet einander!

Er schaute sich triumphierend um; sein Blick blieb auf Isäa haften, die eben das Kind, welches sie der Amme abgenommen, mit anmutiger Gebärde der Großmutter auf den Schoß legte. Sie ist berauschend, sprach er bei sich, man muß sie auf jede Weise protegieren.

Er trat einen Schritt vor und sagte:

Und wollen Sie wirklich, verehrte Freundin – mein vortrefflicher Freund – meine jungen Damen – Sie lieben, guten Freunde – die geringen guten Dienste anerkennen, welche ich mit Gottes Hilfe hier zu leisten im stande war, so thuen Sie es dadurch, daß Sie am nächsten Sonntag sich meine Gastfreundschaft auf Schloß Prora gefallen lassen. Ich habe den Ehrgeiz, und wenn Sie wollen, ein wenig die Pflicht, der Erste zu sein, der unseren Nachbarn und Freunden, die ich als eine große Familie betrachte, das hohe Glück verkünde, das der gnädige Gott Ihnen gewährte, indem er zusammenfügte, was uns Kurzsichtigen getrennt schien; zurück gab, was wir schon als verloren betrauern zu müssen glaubten; es doppelt zurück gab – in der Gestalt dieser schönen jungen Dame, die ich als die Unsere begrüße, und welche die Unsere bleiben soll, auch wenn die Wolken verschwunden sein werden, die ihr die Heimat für – hoffen wir, nur kurze Frist – zur Fremde machten.

Er hatte Isäas Hand, welche er bereits bei den letzten Worten ergriffen, an die Lippen geführt. Verloren in dem Nachklange seiner Rede und der Bewunderung von Isäas zauberhafter Schönheit, verweilte er so lange in dieser Situation, daß Gustav und Axel sich gegenseitig zuzwinkerten und der Kammerherr das rotseidene Taschentuch wiederholt in die Augenwinkel drückte, sein faunisches Grinsen zu verbergen.

183 Es schien, als ob der Fürst die paar Sekunden, welche der Handkuß zu lange gedauert, wieder einholen wollte. Er verbeugte sich mit einer gewissen verlegenen Hast nach allen Seiten; bat, daß niemand sich durch sein Fortgehen derangieren möge, außer Hans, dem er noch ein paar Worte zu sagen habe.

Hans, der inzwischen das Kind auf den Armen geschaukelt, gab es der Wärterin zurück und folgte dem Voranschreitenden aus dem Saale.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.