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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9 Zweites Kapitel.

Eine Viertelstunde später war Clas in der Honoratioren-Stube rechter Hand eifrig beschäftigt, einen kleinen Tisch herzurichten für das Abendbrot seines vornehmen Gastes, der unten zu speisen gewünscht hatte, während Lieschen oben für die Frauen und das Kind sorgte. Daß der Herr vornehm sei – unbändig vornehm, war für Clas eine ausgemachte Sache, nachdem sein kluges Lieschen, welchem er auf der Treppe im Vorüberhuschen die Entdeckung zugeraunt, mit bedeutungsvollem Kopfnicken – für lange Reden war keine Zeit – beigestimmt hatte. Woher der Herr kam, wußte Clas zwar nicht, aber von weither war er gewiß, und wer von so weit kam, mußte schon ein großer Herr sein. Nur ein solcher konnte auch auf die Frage, wieviel Zimmer er brauche, gar nicht antworten, dafür aber sogleich die heraufgebrachten Sachen durch den ganzen obern Stock – durch alle vier Zimmer – verteilen lassen, wenn freilich die Sachen selbst nur aus zwei, und nicht einmal großen Koffern und einem halben Dutzend Bündeln bestanden, die in bunte Tücher geschlagen waren, und aus deren einem, als es auf der Treppe aufging, seltsame fremdländische Kleidungsstücke und sonstiger wunderlicher Kram herausgefallen waren. Aber da, von wo die herkamen, mußte das wohl auch bei vornehmen Herrschaften so sein. Von wo sie nur kamen? Gott sei Dank, sah der Herr nicht bloß aus wie ein Christenmensch, sondern sprach auch wie ein Christenmensch, das heißt, wenn die Russen wirkliche Christen waren – Clas konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen. Jedenfalls schien es ihm sehr wahrscheinlich, daß es Russen seien. Er selbst hatte freilich noch keine gesehen, aber 10 in den Brandenburger Hof in Sundin kamen öfters welche, und er erinnerte sich gehört zu haben, daß die Russen alle Sprachen der Welt sprächen und fürchterlich viel Geld hätten.

Clas setzte den Teller, an welchem er wischte, eilig nieder, er hatte hinter sich die Thür gehen hören, der Herr war herein getreten. Clas eilte ihm entgegen. Das Abendessen werde gleich fertig sein, der Herr würde freilich fürlieb nehmen müssen; es sei noch etwas früh im Jahre, der Herr sozusagen der erste Gast – Badegast, meine er. Was die anderen wären – die Herrschaften aus Grünwald und Sundin oder Rostock – kämen erst im Juli. Im vorigen Jahre – dem zweiten nach Herrichtung des Bades – seien schon sechzig dagewesen, zwanzig mehr als das erste Jahr; es könnten in diesem leicht hundert werden – habe Durchlaucht selbst gesagt. Durchlaucht thäte alles, um dem neuen Bade aufzuhelfen – ob es dem Herrn jetzt gefällig sei?

Clas hatte die Schüssel, die ihm Stine bis an die Thür entgegen gebracht, auf den Tisch gesetzt; der Herr, der unterdessen am offenen Fenster gestanden und hinaus geblickt hatte, wendete sich, nahm aber nicht Platz, sondern ging an dem gedeckten Tische vorbei bis an die Wand gegenüber und schien aufmerksam die beiden Lithographien zu betrachten, welche dort hingen, und von denen Clas sofort berichtete, daß sie Se. Durchlaucht und Ihre Durchlaucht die Frau Fürstin Prora darstellten, und im Jahre 1815, also nun schon vor zwanzig Jahren, in Paris von einem sehr berühmten Maler gemalt seien: die richtigen Bilder nämlich, die im Schlosse hingen, in Lebensgröße, und von allen Herrschaften sehr bewundert würden.

Während Clas so erzählte, war der Fremde abermals an das Fenster getreten, bog sich weit hinaus, schüttelte, sich aufrichtend, den Kopf, that ein paar Schritte nach der Thür, als wollte er das Zimmer verlassen, blieb plötzlich stehen, kam zurück und setzte sich an den Tisch, zur großen Beruhigung von Clas, der bereits den aufgeschnittenen Kälberbraten mit einem Teller zugedeckt hatte, ihn vor dem völligen Kaltwerden zu bewahren.

11 Der Herr nahm rasch ein paar Bissen, leerte das Glas, welches ihm Clas mit seinem besten Rotwein gefüllt, auf einen Zug, und ebenso ein zweites, das er sich selbst eingeschenkt, trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte, griff dann wieder zu Messer und Gabel und begann abermals zu essen, diesmal mit, wie es Clas schien, vortrefflichem Appetit. Darüber verschwand eine Düsterheit, die bis dahin auf seinem Gesicht gelegen hatte. Und war es das, oder fand Clas erst jetzt die Ruhe, sich seinen Gast genauer anzusehen – derselbe schien ihm um ein Beträchtliches jünger als vorhin im Hut und dem langen grauen Staubmantel, ja eigentlich noch sehr jung, ganz im Verhältnisse zu der Frau Gemahlin, der man gar nicht zutrauen konnte, daß sie bereits ein Kind habe. Dabei blitzten die blauen Augen, wenn er gelegentlich von dem Teller aufsah, und ein oder zweimal lachte er zu etwas, das Clas gesagt, kurz und hell – Clas hatte alle Angst und Scheu verloren und ließ, da es ja dem fremden Herrn sichtbaren Spaß machte, seiner Zunge freien Lauf. Bereits hatte er die Verhältnisse der fürstlichen Familie eingehend erörtert und dabei, um dem Gaste zu imponieren, aus den hundert Gütern, die der Fürst auf der Insel besaß, zweihundert gemacht, wozu der Herr – Clas wußte nicht weshalb – wieder in seiner eigentümlichen Weise gelacht hatte. Jetzt war er auf seine eigenen Verhältnisse zu sprechen gekommen: daß er erst seit einem Jahre – nach dem Tode des alten Nimmo, des Bruders vom Landbriefträger – den Gasthof und die Posthalterei übernommen habe – in Pacht von dem Fürsten, dem der ganze Grund und Boden von Prora gehöre – und freilich nicht hätte übernehmen können, wenn er, der aus Sundin sei, nicht eine Frau hätte, die, obgleich auch eine Sundinerin, doch eigentlich von der Insel stammte und unter anderen Verwandten in Bergen und Garz eine verwitwete Tante habe, welche auf einem der Nachbarsgüter hier herum seit vielen Jahren die Wirtschaft führe. Die Tante sei bei der Herrschaft sehr gut angeschrieben, und so habe die Herrschaft ihr – der Tante oder eigentlich ihm – Clas Wenhak – das Geld geliehen, das er, um sein Lieschen freien zu können, 12 und zur Uebernahme des Gasthofes und der Posthalterei hier in Prora gebraucht. Aber er bitte um Entschuldigung, daß er so viel von Dingen spreche, die den gnädigen Herrn freilich nicht interessieren könnten.

Diese letzte Bemerkung aber machte Clas Wenhak, weil der Herr, der bis dahin augenscheinlich aufmerksam zugehört hatte, seit einer Minute oder so erst leise, dann deutlichere Zeichen von Ungeduld an den Tag gelegt, sich über die Stirn fuhr, scharf nach dem offenen Fenster sah und jetzt den Stuhl zurück schob, als ob er sich erheben wollte. Aber er that es nicht, rückte wieder an den Tisch, schenkte sich ein Glas voll, that einen großen Schluck und sagte:

Im Gegenteile; es interessiert mich sehr. Bitte, erzählen Sie weiter! Das muß ja wirklich eine gute Herrschaft sein, und überdies muß Ihre Tante da einen tüchtigen Stein im Brett haben. Lassen Sie nur den Käse – ich esse nichts mehr. Aber geben Sie mal die andere Flasche her – ja, und holen Sie sich auch ein Glas! Keine Umstände!

Clas war über die große Ehre, die ihm der vornehme fremde Herr anthat, ordentlich rot geworden; hatte aber natürlich einem so bestimmt ausgesprochenen Befehle Folge geleistet und saß jetzt auf der Kante des Stuhles seinem Gaste gegenüber, der ihm sogleich das Glas bis an den Rand füllte.

So! Und wie heißt die Herrschaft, bei der Ihre Tante ist? Oder sagten Sie es schon?

Trotz seiner Verwirrung und Verlegenheit war es Clas aufgefallen, wie schnell und ohne sich einmal zu besinnen oder gar stecken zu bleiben, der Herr deutsch gesprochen. Es fuhr ihm durch den Sinn, ob derselbe am Ende gar kein Ausländer sei und nur eben eine Ausländerin zur Frau habe. Aber er hatte keine Zeit, diesem Gedanken nachzuhängen: die blitzenden Augen waren so fest auf ihn geheftet; der Herr war nicht gewohnt, lange auf Antwort zu warten, noch dazu von jemandem, dem er so große Ehre anthat.

Baron von Prohn, sagte er, aus Alten-Prohnitz – eine Viertelmeile von hier, es gehört auch noch ein Vorwerk dazu, 13 Neuen-Prohnitz, auf dem halben Wege zwischen hier und dem Gute, das an der See liegt. Der Herr Baron wohnt auf dem Vorwerk.

Wie kommt das? fragte der Gast, ich meine, weshalb wohnt der Herr Baron nicht auf dem Gute selbst?

Das hat er den alten Herrschaften überlassen, das heißt zum Wohnen; denn ihm gehört alles bis auf den letzten Scheunenriegel – von seiner seligen Frau Mutter Seiten her, insofern, als diese ihm das Geld hinterließ, mit dem er wenigstens Alten- und Neuen-Prohnitz zurück kaufen konnte von den fünfzehn, Lieschen sagt zwanzig Gütern, welche die Prohns vordem hier besessen haben.

Die alten Herrschaften, sagten Sie? Wie ist das möglich, wenn die Mutter bereits gestorben?

Die alten Herrschaften sind die Großeltern, das heißt, eigentlich nur die Frau Großmutter, die in zweiter Ehe den Herrn Kammerherrn, Excellenz Lindblad, gefreit hat. Der Herr Kammerherr ist eigentlich aus Schweden und bis zum Jahre 1815, wo wir hier preußisch wurden, als schwedischer Gesandter in Paris und sonst weit herum in der Welt gewesen.

Wie gut Sie Bescheid wissen! Es ist ordentlich eine Freude, Ihnen zuzuhören. Schenken Sie sich doch wieder ein und, bitte, auch mir! Der Vater von dem Herrn Baron ist also ebenfalls tot?

Der Herr hatte sich in seinen Stuhl zurück gelehnt und spielte an seinen Zähnen mit einem goldenen Zahnstocher, den er einem kleinen Etui aus der Westentasche entnommen. Die Zähne waren so glatt und weiß, daß sie in dem Abendlichte, das jetzt rötlich durch das offene Fenster gerade auf den Tisch fiel, richtig schimmerten. Clas meinte, er habe nicht leicht einen schöneren Herrn gesehen und gewiß keinen, mit dem es sich so gut plaudere. Der könnte einem die Seele aus dem Leibe fragen, und man würde nichts dagegen haben.

Jawohl, erwiderte er, schon lange tot, seit fünfundzwanzig Jahren. Ich weiß das alles ganz genau, denn wenn mein Lieschen und ihre Tante zusammen sind, sprechen sie von nichts 14 anderm. Was aber die gnädige Frau war, und meine Tante hatten ganz zu derselben Zeit, sechs oder acht Wochen vorher, ein Kind gehabt. Da konnte denn meine Tante, deren Kind nur ein paar Tage gelebt, das von der gnädigen Frau an sich nehmen, als sich die gnädige Frau, die ein bißchen sehr schwächlich war, vor Schrecken über den Tod von dem gnädigen Herrn hinlegte und starb. Der Herr Baron, der übrigens auch sonst ein wilder Herr gewesen ist, hatte sich nämlich auf der Hetzjagd das Genick gebrochen, und sie brachten ihn getragen, gerade als die gnädige Frau das erste Mal wieder ausging.

Der Herr saß noch immer in dem Stuhle zurück gelehnt, aber spielte nicht mehr mit dem Zahnstocher. Er hatte die Augen geschlossen und zuckte jetzt, wie Clas schwieg, ordentlich zusammen.

Das ist ja eine traurige Geschichte, sagte er, aber interessiert mich – wirklich – sehr – fahren Sie fort! Das Kind, das damals seine Mutter verlor, ist jetzt der Herr Baron, von dem Sie vorhin sprachen?

Nein, Herr –

Clas machte eine kleine Pause, um dem Fremden Gelegenheit zu geben, seinen Namen und Titel einfließen zu lassen, und fuhr, da derselbe nur die Augen wie fragend gegen ihn aufschlug, etwas betreten fort:

Der jetzige Herr Baron ist der ältere, der damals schon ein fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein muß, denn er wird jetzt dreißig oder da herum sein: Baron Hans.

Und der ist so gut, sagen Sie?

Ja, Herr, echt gut, das muß ihm sein Feind lassen; er hat aber keinen, denn er thut keinem Menschen etwas zuleide, und einem Tiere erst recht nicht. Und gar Lieschen und ich – na, ich erzähle dem Herrn schon, wie er sich unserer angenommen hat, trotzdem er uns vorher kaum gekannt, bloß um Lieschens Tante willen, und Lieschen ginge für ihn durchs Feuer; und wenn ich 'mal ein Wort gegen ihn sage – ich meine es gar nicht so – bloß, um sie ein bißchen zu necken; aber Gnade mir Gott, wenn ich ihn, daß sie's hörte, so nennen wollte, wie ihn doch jeder Mensch nennt, wenn er von ihm spricht.

15 Nun, und wie nennt ihn jeder Mensch?

Clas warf einen Blick über die Schulter nach der Thür und fuhr in leiserem Tone fort:

Sie nennen ihn Uhlenhans, das ist nämlich Plattdeutsch und heißt soviel wie Eulenhans, weil er nur ein Auge hat, das heißt, er hat ja wohl zwei, bloß daß er nur auf dem einen sehen kann und das andere nicht erst zu schließen braucht wie eine Eule, wenn sie sich die Welt mit einem Auge besehen will. So sagen welche. Andere sagen, weil er so scheu ist wie eine Eule und gar nicht so wie die anderen Herren, was die Adeligen sind, und auch genug von den Bürgerlichen, sondern immer allein und in sich verloren und still, und manche sagen, es ist hier oben nicht ganz richtig bei ihm. Aber das ist nur ein dummer Schnack, er ist ganz hell wach, sagt Lieschen, und ich glaube es auch; zum wenigsten, was so wirtschaften heißt, das versteht er aus dem Grunde, hat's aber auch nötig. Denn was die Prohns sind, die haben ihr Lebtag nicht viel getaugt, gerade so wie der jüngere Herr Baron, sein Bruder Gustav, der –

Clas konnte seinen Satz nicht beenden. Durch das Fenster kam das Geräusch von Pferdehufen und dem Rasseln eines Wagens. Der Herr war mit einem Sprunge von dem Tische auf und an dem Fenster, wohin ihm Clas folgte. Eine große, geschlossene, mit vier Pferden bespannte Chaise, der ein Vorreiter voraus trabte, fuhr sehr schnell quer über den Platz und war nach wenigen Augenblicken auf der entgegengesetzten Seite, wo es in das offene Feld hinein ging, verschwunden.

Das ist Durchlaucht, sagte Clas geheimnisvoll, und Ihre Durchlaucht müssen mit in der Chaise gewesen sein; Durchlaucht selbst fährt immer nur zweispännig und in offenem Wagen, auch in Gesellschaft.

Wo ist heute Gesellschaft?

Der Herr war am Fenster stehen geblieben. Clas hatte die dunkle Empfindung, daß die Frage in dem Munde des Fremden ein wenig sonderbar sei; aber freilich, weshalb sollte der Herr, dem es ja so viel Vergnügen machte, sich von ihm erzählen zu lassen, nicht auch danach fragen? Und das war eine so 16 schöne Gelegenheit, dem Herrn zu zeigen, wie gut er in den Häusern und Familien der vornehmen Herrschaften hier herum Bescheid wußte.

Beim Herrn Grafen Grieben auf Griebenitz, antwortete er. Das heißt, der Herr Graf hat noch viele andere Güter hier auf Rügen und drüben bei uns in Pommern und Mecklenburg. Es sind auch schon ein paar Herrschaften von dort heute Nachmittag hier durchgekommen, und sonst ist ja wohl von hier unser ganzer Adel da. Es soll nämlich heute Verlöbnis sein auf Griebenitz, sagen sie, von dem einzigen Sohne, dem jungen Grafen Axel mit Fräulein Hertha –

Mit wem?

Der Herr hatte es, indem er sich jäh umwendete, sehr laut gerufen; Clas meinte, weil er ihn, der eben mit den Tellern arg geklappert, nicht richtig verstanden habe. So trug er denn das Geschirr vorsichtig nach dem Anrichtetisch und sagte:

Mit Fräulein Hertha von Prohn – unserem Fräulein, wie mein Lieschen sagt – die auch auf Prohnitz lebt. Sie ist aber nicht aus dem Hause, sondern eine arme Verwandte, so etwas wie Kousine von Baron Hans, die Tochter von einem Rittmeister von Prohn in Sundin. Das heißt der Rittmeister ist nun schon vierzehn Jahre oder so tot. Er hat nicht viel getaugt, sagen die Leute; aber die Frau Rittmeister soll echt gut gewesen sein – zu gut, sagt unsre Tante, die mit ihr hernach in Prohnitz zusammen gelebt hat, als die Frau Rittmeister nach dem Tode von dem Herrn Rittmeister dorthin gezogen ist als Gesellschafterin von den alten Herrschaften; und es sei eine Sünd' und Schand' gewesen, sagt meine Tante, wie die alten Excellenzen sie gequält hätten – richtig zu Tode. Na, sie ist denn auch nach ein paar Jahren gestorben und liegt hier auf dem Kirchhofe in Prora begraben. Baron Hans hat ihr einen schönen Grabstein setzen lassen, als er an das Regiment kam.

Clas war mit dem Zusammenräumen der Sachen fertig und trat zurück an den Tisch zu seinem Gaste, der bereits wieder Platz genommen hatte und sich eben ein Glas einschenkte. Dabei klirrte die Flasche ein paarmal heftig gegen das Glas, 17 und der Rotwein floß auf das Tischtuch, ohne daß der Herr es zu merken schien.

Und das junge Fräulein will sich heute mit dem Herrn Grafen verloben?

Die vorher so frische helle Stimme hatte einen sonderbaren dumpfen Klang, den Clas kannte. Er mochte getrost drei Flaschen auf die Rechnung setzen, auch wenn es nicht zu einer dritten kam. Guten Mutes nahm er seinen Platz dem Herrn gegenüber ein und sagte:

Ob sie will? Darüber ließe sich viel reden. Einige sagen ja, andere sagen nein, zum Beispiel unsere Tante, die es freilich am besten wissen sollte, da sie das gnädige Fräulein schon als kleines vierjähriges Kind gekannt hat. Aber unsere Tante ist Partei in der Sach', nämlich, weil sie ja die Amme von dem zweiten jungen Herrn Baron Gustav – sie haben ihn immer den tollen Gustav genannt – gewesen ist, und wenn man sich so ausdrücken darf, Mutterstelle an ihm vertreten hat. Nun ist aber zwischen dem Baron Gustav und dem gnädigen Fräulein vom ersten Anfang an eine Liebschaft gewesen, bis der Herr Baron, der mittlerweile Offizier geworden war und in Grünwald bei den Jägern stand, so viel Schulden gemacht hatte, daß er fort mußte. Das heißt, Baron Hans hat hernach alles bezahlt, obgleich es eine greulich große Summe gewesen sein soll; aber für den Augenblick stand die Sache doch wohl schlimm für den jungen Herrn und item, er mußte fort – auf Reisen. – Na, und nun ist er schon drei Jahre auf Reisen und hat auch im Anfang ab und zu geschrieben, aber jetzt seit länger als einem Jahr gar nicht mehr, daß man nicht weiß, ob er noch lebt oder tot ist. Da kann es ja kein vernünftiger Mensch dem gnädigen Fräulein verdenken, wenn sie den jungen Grafen freien will, der, wenn er ins Majorat kommt, beinahe so reich wird wie unsere Durchlaucht; und sie selbst hat keinen roten Schilling und lebt wie die alten Excellenzen aus Baron Hans' seiner Tasche. Aber da hat justement die Eul' gesessen, wie der alte Nimmo sagt. Nämlich, der Baron Hans will es nicht, das heißt, er sagt es nicht, denn viel Reden ist 18 nicht seine Sach'; aber die alten Excellenzen und das gnädige Fräulein wissen recht gut, daß er es nicht will, sagt unsere Tante, und sagt mein Lieschen; und ich sag' es auch, nachdem ich vor einer halben Stunde mit diesen meinen Ohren gehört habe –

Und nun erzählte Clas, obgleich er eigentlich überzeugt war, daß der Herr für sein Teil nicht mehr hörte, was er sagte, oder doch gewiß nicht mehr ordentlich zuhörte – denn derselbe saß gerade wie vorhin, den Kopf aufgestützt und atmete manchmal schwer – wie Baron Hans vorhin mit Durchlaucht vor seiner Thür zusammengetroffen, und wie Se. Durchlaucht gefragt, ob Baron Hans heute nach Griebenitz in die Gesellschaft fahren werde? und Baron Hans geantwortet, er würde es nicht thun; und dann auch gleich auf den Weg nach Alten-Prohnitz geritten sei, wie er jeden Sonnabend thue, um die Leute auszuzahlen. Das würde denn wohl so ein Stündchen dauern; dann sei es für die Gesellschaft zu spät. Und heute gar könne er gewiß nicht wieder vom Hause fort, da er dort – in Neuen-Prohnitz – einen Brief vorfinden würde vom Konsul Livonius, dem großen Kornhändler in Sundin; und Konsul Livonius müsse es höllisch eilig haben, denn der Brief sei expreß gewesen – hierzulande gingen auch die expressen Briefe nicht eilig; und der alte Livonius würde sich schön den kahlen Schädel kratzen, wenn er wüßte, daß Baron Hans seinen expressen Schreibebrief bis zur Stunde noch nicht gelesen habe.

Clas hatte das letzte bereits am Schanktisch gesprochen, die dritte Flasche zwischen den Knieen, vorsichtig den Pfropfen herausziehend, damit der Gast nicht aus seinem Halbschlaf aufgestört werde. Aber der Pfropfen saß sehr fest; Clas mußte bei aller Vorsicht seine ganze Kraft aufwenden; es gab einen lauten Knall. Das war dumm – dachte Clas, denn in demselben Momente hörte er, wie hinter ihm der Herr vom Tisch aufsprang, im nächsten Augenblicke fühlte er eine schwere Hand auf seiner Schulter.

Können Sie mir ein Pferd schaffen? oder einen Wagen? gleichviel – nur schnell – nach Neuen-Prohnitz – sofort!

Clas hätte beinahe die aufgepfropfte Flasche fallen lassen, aber der bisherige Schrecken war doch rein gar nichts im 19 Vergleiche zu dem, der jetzt über ihn kam: einen Wagen nach Neuen-Prohnitz – und das Gesicht dazu – als ob Baron Hans plötzlich anstatt seiner schwarzen Augen blaue bekommen hätte – die Stimme gar –

Herr Gott des Himmels, rief Clas, Sie sind doch nicht am End' –

Ja, ja, Sie dummer Kerl, der Sie das endlich kapieren! Setzen Sie Ihren Rotspon hin und machen Sie, daß Sie in den Stall kommen. Sie haben doch Pferde.?

Ja gewiß, Herr –

Sprechen Sie meinen Namen nicht aus, oder ich schlage Ihnen den Schädel ein! Hören Sie? Auch nicht gegen Ihre Frau, bis ich zurück bin – hören Sie –

Ja, ja, Herr –

In zehn Minuten–ich will unterdessen oben Bescheid sagen. Den Menschen, der mich fährt, werde ich selber instruieren – sagen Sie nur vorläufig nach Jagdschloß – das ist auf demselben Wege – in zehn Minuten. Sind Sie noch nicht fort?

Die letzten Worte sprach er bereits auf dem Flur, wohin er Clas, ihn immer am Arme haltend, mit sich fortgezogen hatte. Jetzt sprang er, drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf. Clas, sich den Arm reibend, an welchem er noch jeden Finger des Barons fühlte, lief nach dem Hofe, Jochen Bescheid zu sagen, daß er die Braunen, die glücklicherweise eben vom Felde gekommen waren, wieder aufschirrte, während er selbst den Holsteiner aus dem Schuppen zog. Herr Gott, Herr Gott, war das ein Mensch! Na, wenn sie ihn damals schon den tollen Gustav genannt hatten, vernünftiger war er unterdessen nicht geworden. Und die Bescherung da oben, und das gnädige Fräulein in Prohnitz! Du meines Lebens, wird das einen Aufstand geben! Und alles unter Lieschens Augen, die keine Ahnung von der Geschichte hatte, während er – er hatte es ja gleich heraus gehabt, nur so gethan, als ob – na, wart' Lieschen, du kommst mir wieder mit: schweig doch still, Clas! Du weißt ja von gar nichts, Clas! Das war ein Hauptspaß! Jochen, bist Du denn noch nicht parat!

20 Komm' schon! sagte Jochen.

Clas half die Braunen vor den Holsteiner bringen; und so waren denn wirklich kaum zehn Minuten vergangen, als derselbe, mit Jochen auf dem ersten Sitz, vor der Thür hielt. Baron Gustav kam heraus. Er trug jetzt einen weiten, dunklen Mantel, dessen Kragen er noch dazu in die Höhe geschlagen hatte, so daß man von seinem Gesichte, in welches er eine mit feinem schwarzen Pelz besetzte viereckige Mütze tief hinein gezogen, wenig oder nichts sehen konnte. Im Begriffe, in den Wagen zu steigen, hob er den Kopf. Ein ungeheurer Schwarm Krähen kam mit deutlich vernehmbarem Rauschen der unzähligen Flügel und vieltönigem Gekrächze in der Richtung nach dem fürstlichen Park von den Feldern her über den Platz gezogen; für den Moment war der rötliche Abendhimmel zu Häupten von der schwarzen beweglichen Wolke völlig verdunkelt; dann wurde die Wolke lichter, der Himmel war wieder klar, es kamen nur noch einzelne nachgeschwingt.

Baron Gustav hatte den Fuß vom Wagentritt genommen und, wie es wenigstens Clas schien, mit einem sonderbaren Blick zu dem Gewimmel oben aufgeschaut. Nun machte er eine Bewegung, daß Clas nicht anders meinte, als er habe sich eines andern besonnen und wolle wieder ins Haus zurück. Aber dann murmelte er etwas, wovon Clas nur »Pah! dummes Zeug!« verstand, und war mit einem Sprunge im Wagen.

Fort! und was die Mähren laufen können!

Jochen hieb kräftig auf die Braunen; der Holsteiner rasselte über das holprige Pflaster davon.

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