Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

129 Sechzehntes Kapitel

Sie hatte sich von ihm abgewendet und eilte über den Platz nach dem Pfade, der auf der andern Seite in die Tiefe des Parkes führte. Gustav blickte ihr mit finstern Augen nach. Wie schön sie war! Viel, viel schöner noch als damals! Und voller, trotzdem sie schlanker und größer schien: Ein entzückendes, ein wonniges Geschöpf! Und sein kühnes Hoffen wie durch ein Wunder erfüllt: Kaum im Park, in eifriger Ueberlegung, wie er es anstellen solle, sie allein zu sehen, zu sprechen, bevor die andern kämen – sie hier auf dieser einsamen Stelle, ihrem gemeinschaftlichen Lieblingsplatz von früher, und der also noch ihr Lieblingsplatz war.

Im Nu hatte er sie eingeholt und schritt jetzt, nur um ein weniges hinter ihr, die Stufen hinab, die hier an einer steileren Stelle dem Pfade eingefügt waren.

Hertha! sagte er leise und bittend.

Sie ging gleichmäßig schnellen Schrittes weiter, ohne den Kopf zu wenden.

Hertha! wiederholte er in demselben Ton, und dann, da sie ihn noch immer nicht beachten zu wollen schien, jetzt ihr zur Seite, lauter und zornig, drohend fast: Hertha!

Sie blickte nur eben zu ihm auf: Was wünschest Du?

Dir zu sagen, daß Du sehr unrecht handelst. Den schlimmsten Verbrecher verurteilt man nicht, ohne daß man ihm erlaubt, sich zu verteidigen. Thut man es doch, so ist das eben grausam und barbarisch und in Deinem Falle sehr thöricht. Du bist viel zu klug, das nicht einzusehen, wenn Du nur einen Augenblick darüber nachdenken willst. Dein Betragen jetzt ist 130 völlig angethan, meiner Eitelkeit zu schmeicheln, das heißt, gerade das Gegenteil von dem zu bewirken, was Du denn doch zu beabsichtigen scheinst.

Er hätte es nicht erst zu sagen brauchen; sie fühlte es längst und hatte nur vergebens nach der Sicherheit und Geistesgegenwart gerungen, welche man ihr nachrühmte, und auf die sie selbst so stolz war. Nun hatte sie ihm bereits einen Vorteil eingeräumt, den er mit alter Gewandtheit alsbald erspäht und gegen sie benützt hatte, und den wieder gutzumachen sie versuchen mußte. So sagte sie denn, indem sie langsamer ging und zum erstenmale ihm voll in die Augen blickte:

Ich kann Dir nicht verwehren, mein Betragen zu deuten, wie Du willst; und wenn Du durch dasselbe zuerst Deine Eitelkeit geschmeichelt fühlst, so beweist das nur, daß Du inzwischen freilich einiges vergessen hast – mich zum Beispiel – aber ohne dafür etwas von dem zu lernen, was Dir doch, deucht mir, gerade jetzt besonders gut stehen würde.

Bescheidenheit, meinst Du?

So kennst Du wenigstens das Wort.

Du spannst den Bogen zu straff.

Du siehst, er bricht noch nicht.

Dafür wirst Du Deine Pfeile bald genug verschossen haben.

Wenn Du Dich nur getroffen fühlst!

Er lachte laut auf und das Lachen wurde ihm nicht schwer; ihr schlagfertiger Witz entzückte ihn. Auch sie lächelte, wenn auch sehr flüchtig.

Weißt Du, Hertha, sagte er, daß wir beide jetzt einen und denselben Gedanken haben?

Es sollte mir leid thun.

Immerhin! Willst Du es einräumen, wenn ich den Gedanken ausspreche und es auch Dein Gedanke ist?

Ich könnte es, aber ich will es nicht.

So mag unausgesprochen bleiben, was ja auch unaussprechlich ist; aber wir verstanden früher die Kunst, uns die Gedanken vom Gesichte zu lesen; vielleicht verstehen wir sie noch.

Er hatte, die untersten Stufen schneller hinabschreitend, sich 131 plötzlich umgedreht und schaute, so vor sie hintretend und sie am Weitergehen hindernd, ihr in die Augen, mit glühenden Blicken, vor denen sie im tiefsten Innern erschrak, und die sie doch aushalten mußte, wollte sie seiner Kühnheit nicht weitere Nahrung geben. Es kam ihr eines zu Hilfe: er schien ihr nicht mehr so schön als sonst. Die früher trotz aller Kraft und Kühnheit feinen und weichen Züge waren männlicher, aber auch gröber geworden, wie die warmen frischen Farben des Gesichtes brauner und undurchsichtiger. Dazu gab ihm der Kinnbart, den er jetzt zu dem dunkler und dichter gewordenen Schnurrbart trug, etwas Fremdes, das durch den ausländischen Schnitt seines Anzuges noch vermehrt wurde. Aber sie fühlte auch sehr deutlich, daß sie dieser Hilfe bedurfte: was er an Schönheit etwa verloren, hatte er offenbar an jenen Eigenschaften gewonnen, durch die er schon damals alle anderen Menschen in ihren Augen so weit übertraf. Und nun, im Vollgefühle seines wagenden Mutes, seiner Gewandtheit und Redekunst, hatte er sich von den anderen getrennt und war ihnen vorausgeeilt, um sie zuvor zu sehen, zu sprechen, seine Sache bei ihr zu führen. Wie gut es ihm bereits gelungen – das furchtbare Klopfen ihres Herzens sagte es ihr, während sie, all ihre Kraft zusammenraffend, ohne mit den Wimpern zu zucken, ihm in die funkelnden blauen Augen schaute und sich zuschwor, lieber auf der Stelle zu sterben, als ihm seinen Triumph einzugestehen.

Mit der Schnelligkeit des Blitzes war das alles durch ihre Seele gefahren und hatte den erlöschenden Mut von neuem entzündet. Als wollte sie ein lästiges Insekt von sich verscheuchen, bewegte sie die Hand und sagte, an ihm, der ihr bestürzt Raum gab, vorbei auf den breiteren Parkweg und weiter schreitend:

Halte uns nicht auf! Hans wird unterdessen mit den Deinen angekommen sein. Wo hast Du sie verlassen?

Nirgends, das heißt: Hans war noch nicht da; ich bin gegangen – auf dem Feldweg über die Dünen – sie wissen nicht, wo ich bin.

Sie freute sich innerlich über den verdrossenen Ton seiner Antwort; und auch das andere war, wie sie vom ersten Moment 132 vermutet: er hatte keine Ahnung von dem, was zwischen ihr und Hans geschehen war.

Wissen nicht, wo Du bist? sagte sie, und werden nun auf Dich warten! Das ist denn doch stark für einen Familienvater! Aber Du bist es von jeher gewohnt, Deine Geschäfte von Hans besorgen zu lassen. Der Arme ist ja noch die halbe Nacht für Dich auf den Beinen gewesen, da darf er freilich nicht schon heute aus der Uebung kommen. Apropos! wie wird sich denn Hans mit Deiner Frau verständigen? Sie ist eine Griechin, wenn ich recht gehört habe? Hans spricht, soviel ich weiß, nicht griechisch.

Isäa spricht französisch.

Verzeihe, daß ich daran nicht dachte! Eine Prinzessin – natürlich! – und Isäa heißt sie? Ein schöner Name! Sie soll ja auch sehr schön sein, sagt Hans. Aber mit dem Französischen wird Hans –

Sie spricht auch ein wenig Deutsch.

Gott sei Dank! Denn mit dem Französischen, wollte ich sagen, würde Hans nicht weit kommen. Ihr werdet Euch an die Großeltern halten müssen, die allerdings vorläufig noch etwas pikiert scheinen. Ihr dürft ihnen das nicht übelnehmen. Du weißt, sie sind ein wenig altfränkisch, halten etwas auf Formen; und so waren sie gestern, als Hans die Nachricht von Deiner Rückkehr brachte, nicht gerade erfreut, trotzdem sie nicht einmal wußten und – ich habe sie seitdem nicht gesprochen – bis zu diesem Augenblick noch nicht wissen, daß Du nicht allein gekommen bist. Ich bin wirklich begierig, wie sie die große Neuigkeit aufnehmen werden; man wird sie ihnen, fürchte ich, sehr vorsichtig mitteilen müssen.

Sie hatte es über sich gewonnen, diese Bitterkeiten in einem gelassenen Tone zu sagen, ja mit einer scheinbar wohlmeinenden Wärme. Er bebte innerlich vor Zorn, während er sie doch zugleich hätte an sich reißen und die schönen höhnenden Lippen mit wütenden Küssen bedecken mögen. Dennoch gelang es ihm, ihre Ruhe nachzuahmen, als er jetzt sagte:

Ich danke Dir für Deinen guten Rat und auch sonst im 133 voraus für alles, was Du in unserm Interesse thun wirst. Es ist nach allen Seiten eine schwierige Lage, in der wir armen Heimatlosen uns befinden; aber wenn jemand im stande ist, uns diese Lage zu erleichtern, so bist Du es, noch mehr als Hans. Er ist ja die Liebe und Großmut selbst; aber Du bist auch großmütig; und glaube mir, wenn ich das nicht wüßte, nicht davon überzeugt wäre, wie von meinem Leben – ich hätte mir lieber eine Kugel durch den Kopf geschossen, als hierher zurückzukehren, trotzdem ich keine Zuflucht mehr auf der Welt hatte.

Er schwieg ein paar Momente, obgleich er keine andere Antwort erwartet hatte, als das ungläubige Lächeln, das er, verstohlen seitwärts blickend, um ihre Lippen zucken sah, und fuhr in demselben Tone stiller Resignation fort:

Und dann hatte ich – wie soll ich es nur ausdrücken? – Hoffnung ist nicht das richtige Wort – es klingt, als ob ich es gewünscht hätte. Aber ich mußte erwarten, daß inzwischen etwas geschehen, worin ich nur den gerechten Ausgleich meiner – nun ja: meiner Untreue gesehen haben würde. Du weißt, was ich meine!

Ein Schrecken durchfuhr sie. Wußte er es doch schon? Aber wie konnte er es wissen, wenn er Hans seit gestern Abend nicht wieder gesprochen hatte?

Sie war unwillkürlich stehen geblieben, am Ausgange der hochgewölbten schattigen Buchenallee. Vor ihnen, im Glanze der Sonne, das große Rondel mit den Blumenrabatten, zu welchem die Freitreppe aus dem Gartensaal hinabstieg. An den Fenstern des Saales waren die Jalousien herabgelassen, ebenso wie das leinene Schutzdach vor der offenen Thür. Ihr Blick war auf die Thür gerichtet. Wenn er inzwischen gekommen war, da jetzt heraustrat aus dem dämmerigen Raume, im Parke nach ihr zu suchen; sie hier erblickte, an der Seite des Verräters – in seiner Gegenwart sie sich wiedersehen würden zum erstenmale seit gestern Abend – unter seinen verwunderten, hohnvollen Augen sie sich zu dem bekennen müßte, wozu sie sich gestern verpflichtet – es war ja nur seine gerechte Strafe – und doch!

Wie sehr sie sich auch zu beherrschen suchte, die Erregung, 134 in der sie sich befand, war ihm nicht entgangen. So hatte er endlich den verwundbaren Punkt berührt! Sie war im Grunde nicht besser gewesen, als er; hatte ihn verraten, wie er sie; sich nur ein bißchen länger gesträubt – das war der ganze Unterschied!

Sich mit untergeschlagenen Armen an den Stamm der letzten Buche lehnend, an ihrer Verlegenheit sich weidend, während doch die Eifersucht in seinem Herzen raste, sprach er mit bebender Stimme weiter:

Es ist auch ganz in der Ordnung, würde gegen die Natur sein, wenn es anders wäre. Das sagte ich mir auch sofort, als ich gestern zuerst davon hörte – aus dem Munde des jungen Wirtes in Prora, der es freilich, als der Mann von der Nichte unserer alten Pahnk, wissen mußte und es mir als Dessert nach dem Kalbsbraten zum besten gab. Und dann von Hans. Er wollte es allerdings in Abrede stellen, bevor er wußte, daß ich das Recht verscherzt, mich darüber zu betrüben, und räumte es hernach nur zögernd ein. Der gute Kerl! Er meinte, es würde kein Glück für Dich sein, und Du würdest einen Menschen wie Axel niemals lieben können; er sei nicht gut genug für Dich. Ja, wer ist denn das in Hans' Augen! Ich wäre es auch nicht gewesen, trotz aller seiner rührenden Liebe zu mir. Und darin hat er recht, tausendmal recht. Aber von der Liebe und Güte allein können wir Menschen nun einmal nicht leben, Du am allerwenigsten! Du bist nicht umsonst der Liebling des Großvaters und seine gelehrige Schülerin gewesen. Er war immer empört über unsere aussichtslose Liebe; er sagte, Du seiest geboren, um zu herrschen; Du hättest eine Königin werden müssen. Da ist denn allerdings ein reicher Majoratsherr nur ein faute de mieux – ein Spatz, den man in der hübschen kleinen Hand festhält, weil der Arm nicht ganz langt bis zu der Taube auf dem Dache. So sagte ich auch Hans, und Hans . . . .

Sie hatte kaum noch gehört, was er sagte; drinnen im Speisesaal hatte sie es sich bewegen sehen – mehrere Personen – eine Frauengestalt in hellen bunten Gewändern – die große dunkle Form eines Mannes – sie waren gekommen!

Ihr starrer Blick hatte ihn, dessen heiße Augen an ihr 135 hingen, zuletzt aufmerksam gemacht. Er wendete sich nach dem Schloß, als eben Hans aus der Thür unter das Schutzdach trat, sein Auge gegen die Sonne bedeckend. Und jetzt hatte er sie gesehen. Er wendete sich in den Saal, während Isäa heraustrat, sich umblickend, bis Hans sie in die Richtung gewiesen, um ihr dann den Arm zu bieten und sie die Stufen hinab und zwischen den Beeten dahin zu führen, wo die beiden standen, die wohl in ihr Gespräch zu vertieft oder von der Sonne geblendet waren, da sie weder seinen Ruf noch Wink beachteten.

Sie hatten die Kommenden nur zu wohl bemerkt. Gustavs finstere Augen blitzten zu jenen hinüber und hefteten sich dann auf das bleiche Mädchen an seiner Seite. Wie schön sie war! und wie er sie liebte! Was waren die Qualen, mit denen sie ihn eben gefoltert hatte, gegen die Wonne ihrer Nähe! Und hätte sie ihn so gequält, wenn sie ihn nicht noch immer liebte – trotz alledem! Er beugte sich näher an sie und sagte mit leiser, vor Leidenschaft bebender Stimme: Heirate Axel nicht! Um Deinetwillen! Um meinetwillen! Laß mir Zeit! Ich bin zu allem entschlossen, wenn Du mich nur noch ein wenig liebst. Ich – ich liebe Dich wahnsinnig, grenzenlos! ich –

Er wagte nicht weiter zu sprechen; sie waren schon zu nahe, so nahe, daß Hertha die Einzelheiten des Gesichtes, an dem ihr Blick sich festgebohrt, unterscheiden konnte. Der Atem stockte ihr in der Brust. Das erst war der Verrat! das erst ihr Todesurteil: diese süße, zaubermächtige Schönheit, von der sie überstrahlt werden mußte wie der Mond von der Sonne! Und die Wunderschöne kam schwebenden Schrittes näher und näher – ein holdes Lächeln auf den sanft schwellenden Lippen, in den braunen, weichen Augen! Und er sprach ihr von Liebe, er, der diese Huldgestalt sein nannte!

Da ist unsere neue Schwägerin, sagte Hans mit glückstrahlendem Lächeln, das sofort wieder verschwand. Er hatte die tiefe Blässe bemerkt, die ihr Gesicht bedeckte, ihre starren Augen; und, Isäas Arm fahren lassend, mit einem großen Schritte an sie herantretend, rief er angstvoll: Um Gotteswillen, Hertha, was ist Dir?

136 Nichts, nichts! murmelte sie. Nun ist alles wieder gut. Hans, Hans!

Sie hatte sich, an Isäa vorüber, in seine Arme geworfen, und blieb so ein paar Sekunden, ihren Kopf an seine Brust pressend.

Ihn wieder los lassend, aber eine seiner Hände in ihrer Hand behaltend, trat sie, jetzt mit flammenden Wangen und einem seltsamen Lächeln um die zuckenden Lippen vor Isäa hin, reichte ihr die freie Hand und sagte auf französisch:

Ich sehe, Sie wissen es bereits. So werden Sie verzeihen, daß ich erst ihn und dann Sie begrüße. Seien Sie mir willkommen!

Sie wendete sich zu Gustav um, der seitwärts stand, blassen Gesichtes, mit stieren Augen, wie ihr Gesicht, ihre Augen noch eben gewesen waren.

Und auch Du verzeihe, daß ich es Dir noch nicht gesagt habe! Ich wollte Dich überraschen; ich wußte, daß Du Dich freuen würdest. Nun aber, willst Du uns nicht Glück wünschen?

Von Herzen! murmelte Gustav, indem er sich Hans in die Arme warf.

Umarmen auch wir uns! sagte Hertha, die schöne junge Dame, die noch immer kein Wort gesprochen hatte, umschlingend: Wollen Sie mich ein wenig lieb haben?

De tout mon coeur! erwiderte Isäa, Herthas Kuß zurück gebend.

Ich hatte sie immer geliebt! flüsterte Hans in Gustavs Ohr. Du bist zufrieden?

Kannst Du fragen? murmelte Gustav.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.