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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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100 Dreizehntes Kapitel.

Der Aerger hatte Axel das Lachen abgepreßt, und eigentlich war es nur der Ansatz zu einem Gelächter gewesen. Man durfte denn doch, als Kavalier, nicht hinter einer Dame her lachen, mit der man eben ein galantes Gespräch aus dem Stegreif geführt; sonst, bei Gott, dem Uhlenhans wollte ich es beibringen, und ich muß es, und ich werde es – bei Gott!

Axel machte ein paar rasche Schritte den Gang hinab und bog plötzlich in einen schmaleren Quergang, wo er zwischen hohen Himbeerstauden stehen blieb, gerade vor dem Netze einer großen ausgehungerten Kreuzspinne, das in dem lauen Winde hin und her schaukelte.

Es war kein Spaß, mit Uhlenhans anzubinden; es hatte es noch keiner gewagt, soviel sie auch hinter seinem Rücken über ihn spotteten. Jedenfalls mußte man einen plausiblen Grund haben, und durch den der wahre nicht zu deutlich hindurch schien. Es war kein Zweifel, und er hatte es aus dem Mund von Excellenz Lindblad selbst, daß es Hans gewesen, der Hertha gestern Abend zurückgehalten und ihm so die fürchterliche Blamage vor der ganzen Gesellschaft zuwege gebracht hatte, von der schändlichen Scene, die ihm hinterher der Vater gemacht, ganz zu schweigen. Nun, der Alte war betrunken gewesen; aber recht hatte er eigentlich doch gehabt: wenn er Herthas nicht sicher war, durfte er den Ball nicht zugeben, oder doch nicht alle Welt in dem Glauben lassen und bestärken, daß er sich auf demselben mit ihr verloben werde. Aber wer konnte das wissen? Wer konnte ahnen, daß Gustav gerade in dem Moment zurückkommen würde! Und ganz offenbar hatten die Excellenzen und auch 101 sicher Hertha selbst nicht gewußt, daß der Landstreicher mit Frau und Kind seinen Einzug in Prohnitz halten wollte. Aber ganz gewiß hatte es Hans gewußt, wenn er sich auch vor den Excellenzen und Hertha den Anschein vom Gegenteil gegeben – dem heimtückischen Eulenvogel war ja alles zuzutrauen. Welchen Grund mochte er gehabt haben, ihr die beste Partie zu verderben, die sie in Neuvorpommern und Rügen machen konnte? Welchen andern als die helle Bosheit, die schiere Mißgunst! Wie hatte er eben wieder ausgesehen mit dem struppigen Zigeunerbart, dem verschabten Anzug, in welchem man ihn schon seit zehn Jahren kannte, und den Inspektor-Stiefeln, die seit eben so lange nicht geputzt waren. Er konnte freilich sicher sein, daß ihn keine nehmen würde, wenn er den Mut hätte, anzuklopfen; da sollte denn ein anderer nicht besser reüssieren! Bei den Damen! Bei den Bauerndirnen mochte er ja mehr Glück haben – es ging das aus ein paar Andeutungen von Hanne hervor. Wer konnte wissen, ob die Dirne es nicht noch immer hinter seinem Rücken mit ihrem alten Liebsten gehalten! Auf jeden Fall war es sein gutes Recht, daß er sich das Kind nicht so ohne weiteres aufreden ließ. Wollte man sich das gefallen lassen, mochte der Teufel hierzulande den jungen Edelmann spielen! Aber was ging ihn jetzt Hanne an! Um Hertha handelte es sich! Nicht einmal um die! Auf den Knieen konnte sie ihn jetzt bitten, sie zu heiraten, er würde es nicht thun. Um die Rache handelte es sich, die er an den Prohns nehmen mußte, an einem wie dem andern Bruder, wenn Gustav ihm auch eigentlich direkt nichts gethan hatte, außer daß er ihm, früher und später, im Wege gestanden, immer zwischen ihm und Hertha, um dann, aller Welt und speziell ihm zum Spott und Hohn, mit einer jungen Frau zurück zu kommen – bei Gott! einer deliziösen Person! Hatte die ein paar Augen im Kopfe! Und wie sie die Augen zu gebrauchen wußte!

Axel stand noch immer im Sonnenbrande zwischen den Büschen und hatte bereits die vierte gefangene Fliege der mageren Kreuzspinne in das Netz geworfen. Aus der Gaststube, in deren Nähe er sich befand, ertönte ununterbrochen lauter Lärm. 102 Jetzt wurde das Seitenfenster, das nach dem Garten ging, aufgestoßen, und vier Stimmen auf einmal riefen seinen Namen. Wenn Uhlenhans mit der Gesellschaft zusammen traf, gab es zweifellos einen Skandal. Nüchtern hätte wohl keiner allein den Mut dazu gehabt; aber drei von den vieren waren bereits wieder betrunken, wenn sie überhaupt von heute Nacht her nüchtern geworden waren; und jeder von ihnen hatte geschworen, er wolle bei der nächsten Gelegenheit Uhlenhans den Affront eintränken, den er den Griebens angethan. Nun, so mochten sie ihren Schwur halten! Es schickte sich auch für sie besser, die an der Geschichte nur kameradschaftlich beteiligt waren, als für ihn, der, wenn er vorging, nur bewies, wie sehr er sich geärgert. Da an dem Zaun standen die Pferde – ein Satz über den Zaun, und dann mochten die anderen ihre Schuldigkeit thun!

Hallo! – Axel! – Wo zum Teufel steckt er denn? – Da ist er! – Axel, wo willst Du hin?

Jetzt mußte er bleiben. Aergerlich schlug er mit der Reitpeitsche durch das Spinnennetz, daß die Fetzen im Winde flatterten, und ging in das Haus, wo in der offenen Thür der Gaststube ihn die vier mit gefüllten Gläsern und lauten Rufen empfingen:

Hallo! Was soll das heißen? Läuft im Garten herum und läßt uns die Sache allein ausbaden! – Uhlenhans ist angekommen! – Nun gib ihm seinen Lex! – Trink' Dir erst einmal Kourage!

Die brauch' ich mir nicht zu trinken, wie Ihr, sagte Axel, indem er das ihm dargebotene Glas auf den Tisch setzte.

Er bläst Reträte! rief Albert von Salchow.

Ach was, Reträte! rief Axel. Während Ihr hier nichts Besseres zu thun wißt, als schreien und Rotspon trinken, habe ich schon eine Eroberung gemacht. Kinder! Ich habe sie gesehen! Seine Frau!

Wie? – Wo denn? – Erzähl' doch!

Dann laßt das unsinnige Schreien! Hört!

Und Axel erzählte mit halblauter Stimme, während sich die anderen neugierig um ihn drängten, wie er, als er mit 103 Hinrich Malchow vom Pferde stieg, im Garten eine Dame bemerkt und sich sogleich gedacht habe, das müsse die junge Frau sein. Er habe nichts gesagt, um sich den Spaß nicht zu verderben; sei deshalb vorhin still aus dem Zimmer gegangen und habe sie denn richtig noch im Garten getroffen.

Ist die Möglichkeit! – Laß ihn! – Na, und? – Wie sieht sie aus?

Leute! rief Axel, seine Stimme noch mehr senkend; ich sage Euch, so was haben wir hierzulande nicht! Eine richtige Prinzessin!

Er lügt! schrie Karl von Dumsewitz.

Sag' das nicht noch einmal! rief Axel, dem es sehr gelegen kam, die ärgerliche Verlegenheit, welche er innerlich empfand, hinter einem Zornesausbruche zu verstecken.

Karl von Dumsewitz schlug ein helles Gelächter auf.

Du bist wohl nicht recht klug! rief er. Erzählt der Mensch uns hier lauter Läuschens, und dann soll man noch nicht einmal sagen, daß es Läuschens sind!

Und ich sage Dir, es ist so, schrie Axel; ich habe eine Viertelstunde mit ihr gesprochen –

Griechisch? fragte Ernst von Krewe.

Die griechische Bettelprinzeß soll leben! schrie Albert von Salchow. Hurra hoch!

Hurra hoch! wiederholte der Chor aber- und abermals, und plötzlich schwiegen alle auf einmal.

An der offenen Thür kam Hans vorüber. Trotz seines Vorsatzes, die Trunkenen nicht zu beachten, hatte er doch unwillkürlich nach dem Lärmen geblickt. Sein Gesicht, das er ihnen ganz zuwenden mußte, war noch ernster gewesen, als sonst, und aus seinem Auge hatte eine Mahnung und eine Warnung gesprochen, welche die drinnen sehr wohl verstanden.

Da geht er hin, sagte Albert von Salchow leise.

Und singt nicht 'mal! sagte Karl von Dumsewitz, und versuchte ein Lachen, in das keiner einstimmte.

Nun? sagte Ernst von Krewe zu Axel mit einer Betonung, die derselbe sehr gut verstand.

104 Ich dächte, jetzt wäre die Zeit, fügte Albert von Salchow bedeutungsvoll hinzu.

Leute, laßt die Hetzerei! sagte Hinrich von Malchow.

Sonst versteht am Ende Uhlenhans den Spaß nicht, rief Ernst von Krewe.

Hält Axel für eine Maus, sagte Albert von Salchow.

Und schnappt ihn über, ehe er noch ganz zu Loch gekrochen ist! rief Karl von Dumsewitz.

Der Spaß war zu gut. Die ganze Gesellschaft schlug ein Gelächter auf; selbst von Malchow lachte, was Axels Wut überschäumen machte.

Du solltest Dich was schämen, Hinrich, schrie er den Freund an; und wenn Ihr anderen denkt, daß ich mich von Euch hetzen lasse, wie ein Hase –

Ist recht! – Beiß' ihn in die Stulpenstiefel! – Hetz! hetz!

Mit Euch sprech' ich noch! schrie Axel, zum Zimmer hinaus rennend und die Thür ins Schloß schmetternd, während das Gelächter der Gesellschaft hinter ihm her schallte.

Er brauchte nicht erst nach Hans zu suchen, der unmittelbar vor der Hausthür an dem bereits geöffneten Schlage der Chaise stand.

Haben Sie einen Augenblick für mich Zeit, Herr Baron?

Axel hatte es mit fliegendem Atem gesagt; Hans wendete sich langsam und heftete seinen Blick auf den Frager, der vergeblich versuchte, in das große, glänzende, stille Auge zu sehen.

Nur für einen Augenblick, setzte er stockend hinzu.

Hans nickte und ging von dem Wagen fort, unter dem Fenster des Gastzimmers vorüber, bis an die Ecke des Hauses. Dort blieb er stehen, wendete sich zu Axel, der ihm schweigend gefolgt war, und sagte:

Sie wollen Streit mit mir anfangen. Ich gebe Ihnen zu, Sie haben einigen Grund, böse auf mich zu sein. Ich bin gestern nicht zu Ihrer Gesellschaft gekommen und die Veranlassung gewesen, daß auch meine Kousine nicht kam. Das ist richtig; aber ich habe ihr nicht zugeredet, zu Hause zu bleiben; sie hat es aus freien Stücken gethan, nachdem sie durch mich Gustavs Ankunft 105 erfahren. Sie müssen das begreiflich finden. Ich denke, diese Erklärung wird Ihnen genügen.

Axel hatte, während Hans sprach, die bittere Verlegenheit, in der er sich befand, hinter einer zornigen Miene zu verbergen gesucht, indem er dabei von einem Fuß auf den andern trat, mit der Spitze der Reitpeitsche an den Stiefel klopfte und an seinem langen Schnurrbart nagte, ohne den Mut zu finden, seinem Gegner in das Auge zu sehen. Dafür hatte er den Blick verstohlen über die Fenster des Gastzimmers schweifen lassen und sehr wohl die Freunde bemerkt, die, zu einem Haufen zusammengedrängt, von einer möglichst gesicherten Stelle aus mit langen Hälsen und neugierigen Gesichtern zu ihm und Hans hinüber stierten. Er durfte nicht unverrichteter Sache zu ihnen zurück kommen.

Durchaus nicht, ganz und gar nicht! stieß er hervor. Um so weniger, als ich Ursache habe, anzunehmen, daß Ihnen mit dem Vorwande, Fräulein Hertha von unserer Gesellschaft fern zu halten, sehr gedient war. Sie sind in der Angelegenheit von Anfang an gegen mich gewesen.

Ich leugne das nicht, sagte Hans.

Und Sie denken, ich soll mir ruhig gefallen lassen, rief Axel, daß ich zum Gespötte aller Leute hier umherlaufe und mir von meinem eigenen Vater sagen lassen muß, man habe mir den Stuhl vor die Thür gesetzt? Oder denken Sie etwa, ich werde nach dem Affront von gestern Abend thun, als wäre nichts vorgefallen? So naiv bin ich denn doch nicht. Wenn ich vorher für das Fräulein nicht gut genug war, so halte ich mich meinesteils für zu gut, den Lückenbüßer für Ihren Herrn Bruder zu spielen. Das können Sie nur Ihrer Fräulein Kousine sagen. Sie sind ja wohl ihr Vormund?

Ja, sagte Hans, seit vier Jahren und –

Er stockte und fuhr in leiserem Tone, fast zögernd, fort mit gesenktem Blicke, während ihm eine dunkle Glut in Stirn und Wangen schoß:

Seit gestern Abend ihr Verlobter.

Axel glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Er trat 106 einen Schritt zurück und starrte Hans in das Gesicht. Seine erste Regung, laut aufzulachen, verging ihm vor dem stillen Glanze des großen Auges, das er jetzt wieder fest auf sich gerichtet sah.

Ich gratuliere, sagte er ironisch.

Ich kann Ihnen nicht danken, denn Sie meinen es nicht ehrlich, erwiderte Hans. Es wäre auch ungerecht, wollte ich es von Ihnen verlangen.

Er lüftete den Hut und wendete sich zum Gehen in dem Augenblicke, als Isäa, zur Fahrt fertig, in der Thür erschien und, auf der obersten Stufe stehen bleibend, mit einem Lächeln in den Augen und auf den Lippen ihn heran winkte.

Das ist der Weg, wie du dich rächen kannst, sprach Axel bei sich.

Mit ein paar Schritten hatte er Hans eingeholt.

Herr Baron, sagte er, noch einen einzigen Moment! Ich habe unrecht, und ich bitte Sie um Verzeihung. Hätte ich gewußt, daß in dieser Zeit zwischen Ihnen und Fräulein Hertha – aber ich konnte das nicht wissen – und, wie gesagt, ich bitte, vergessen Sie, was ich in einer wohl verzeihlichen Aufregung eben gesprochen, und erlauben Sie, daß ich mich Ihrer Frau Schwägerin, deren Bekanntschaft ich vorhin gemacht, empfehle.

Hans legte ein wenig zögernd seine Hand in die, welche ihm Axel bot. Es kam ihm überraschend; aber, wenn es Axel ehrlich meinte, hatte er kein Recht, ihn zurück zu weisen. Wurde doch so manche Verlegenheit aus dem Wege geräumt, Gustav und Isäa der Eintritt in die Gesellschaft wesentlich erleichtert; auch der armen Hanne mochte es zu gute kommen, wenn er mit Axel in gutem Vernehmen blieb – ihr vor allem!

Ich danke Ihnen, sagte er, Axels Hand kräftig drückend.

Die in der Gaststube hatten zu ihrer Verwunderung eine Scene beobachtet, welche dem von ihnen erhofften Ausgang des Wortwechsels so wenig entsprach. Und sie blieben starr vor Erstaunen, als sie nun weiter sahen, wie Axel mit dem Hute in der Hand an die junge, schöne Dame, die sie jetzt zum erstenmale 107 erblickten, heran trat und ihr in den Wagen half. Nach ihr, zusammen mit Hans, der Alten, die noch wunderlich genug, aber im Vergleich mit vorhin ganz manierlich aussah und ein in weiße Schleier gehülltes Kind in den Armen trug. Zuletzt schüttelte er Hans selbst, bevor derselbe in den Wagen stieg, nochmals wiederholt die Hand, rief Krischan ein donnerndes »Fort!« zu, worauf sich die Chaise in Bewegung setzte, wendete sich nach dem Fenster und blickte mit einem überlegenen Lächeln in den Verwunderten hinauf:

Seht Ihr nun, daß Ihr alle auf dem Holzwege waret! Komm', Hinrich; ich habe den Sack voll Neuigkeiten für Dich; Ihr anderen müßt warten, bis Ihr einmal weniger rote Köpfe habt!

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