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Friedrich Spielhagen: Uhlenhans - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleUhlenhans
authorFriedrich Spielhagen
year1911
firstpub1884
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleUhlenhans
pages467
created20080823
sendergerd.bouillon@t-online.de
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75 Zehntes Kapitel.

War es ein Traum? War es Wirklichkeit?

Hundertmal hatte es sich Hans an dem nächsten Morgen gefragt, bevor noch die heiße Junisonne die Tropfen, welche von dem Regen der vergangenen Nacht an den Blättern, Halmen und Gräsern hingen, aufgezehrt. Aber es war, als ob mit dem höher steigenden Gestirn Vertrauen zu sich selbst und Lebensmut und Lebensfreudigkeit in seiner Seele wuchsen, daß ihm Himmel und Erde, die altgewohnte Umgebung seiner Felder und Wiesen wie neu, und er sich selbst in einer neuen Welt ein völlig Umgewandelter erschien. Und so mußte er auch wohl den Leuten erscheinen, die auf den Wiesen wacker sich mühten, noch vor Beginn der Kirche die nassen Schwaden umzuwenden, und von denen einer oder der andere verwundert aufschaute, als der sonst so schweigsame Herr heute sich in eine ordentliche Unterhaltung einließ über das Wetter, das jetzt auf Tage hinaus gesichert sei, und mit dem Wetter eine prachtvolle Heuernte, die auch wahrlich not thue nach dem schlimmen Futtermangel der letzten drei Jahre.

Dazu hatte er so freundlich gelächelt und den Braunen fortwährend leise auf den Hals geklopft, daß, als er nun mit einem lauten: Adieu, Leute! fortritt, der Statthalter Stut den Kopf schüttelte und etwas von Nicht-lange-mehr-leben in die Bartstoppeln murmelte.

Es war gegen acht Uhr, als Hans wieder auf seinen Hof kam und dort vor dem Hause bereits die große Chaise halten fand, die er selbst heute in aller Frühe in Alten-Prohnitz zur Abholung des Bruders von Prora beordert hatte.

76 Ein kleiner Leiterwagen für das Gepäck sollte sogleich voraus fahren. Krischan berichtete, er habe seine liebe Not gehabt, um fortzukommen, denn Excellenz habe die Chaise für sich gewollt zu einem Besuche in Griebenitz, und dreimal deswegen in den Stall geschickt. Natürlich habe er sich nicht daran gekehrt – Excellenz könne ja auch einmal in der Halbchaise fahren – aber Wilhelm sei zu Hause geblieben; er solle ja immer zum Dienst der Excellenz sein, habe der Herr Baron befohlen.

Es ist gut, sagte Hans, und ich werde selbst mitkommen.

Er hatte es ursprünglich nicht gewollt, um den Raum im Wagen, der eben nur für die Abzuholenden reichen mochte, nicht unnötig zu verengern; jetzt, da der Diener zu Hause geblieben, konnte er sich im Notfalle zu Krischan auf den Bock setzen oder auch einen Platz auf dem Leiterwagen finden, der eben abfuhr, und dessen Knecht er einen Zettel mitgab, daß er mit der Chaise in einer halben Stunde nachkommen würde. Es war auch nur in der Ordnung, wenn er die junge Schwägerin schon in Prora begrüßte, anstatt hier, wie es seine Absicht gewesen, um sie dann zu Pferde nach Alten-Prohnitz zu begleiten. Krischan sollte also warten, bis er sich zurechtgemacht, es sei noch reichlich Zeit.

Es war wirklich noch reichlich Zeit, aber mit dem Sichzurechtmachen war es eine eigene Sache, wie Hans jetzt bemerkte, als er vor dem alten Schranke stand, der seine Kleider und seine Gewehre enthielt, nur sehr wenige, aber gute Gewehre, und ebenso wenige, aber keineswegs gute Kleider. Ja, recht erbärmliche, wie er sich überzeugte, als er eines der Stücke nach dem andern heraus nahm und nachdenklich betrachtete. Selbst der Frack und die dazu gehörigen Sachen, in denen er bei offiziellen Gelegenheiten erschien, waren, wenn auch gut und sauber gehalten, doch längst aus der Mode. Es hatte ihn das, obgleich er es wußte, nie im mindesten angefochten; jetzt meinte er, der alte Schneider Krause in Prora, der bereits vor fünf Jahren seinen bescheidenen Zweifel geäußert, ob der Herr Baron in diesem Frack den Landstandssitzungen in Sundin beiwohnen könne, habe doch sehr recht gehabt. Indessen um den Frack handelte es sich heute Morgen nicht, wenn sich nur sonst ein 77 passender Anzug härte zusammenstellen lassen. Aber außer dem alten Büffelrock für die winterlichen Jagden, einen oder zwei vertragenen Leinenröcken für die sommerlichen, und dem Reitanzug, den er Sommer und Winter trug, gestern getragen hatte und heute Morgen, weil er eben dalag, noch nicht ganz trocken von dem nächtlichen Regen, wieder angezogen, waren nur noch ein paar Stücke da, ebenfalls von zweifelhafter Güte und jedenfalls in keiner Weise zusammen passend.

So mußte denn Hans sein Sichzurechtmachen darauf beschränken, daß er die auf den nassen Wiesen arg beschmutzten Stiefel mit einem Paar anderer vertauschte, die er sehr ungern trug, weil die Stulpen von einem herausfordernd gelben Leder waren; und vor dem kleinen, verblindeteten Spiegel Haar und Bart in Ordnung brachte.

Und während er sich mit dem groben Kamm, dessen Zähne manch arge Lücken zeigten, abmühte und dabei, wie er es sonst niemals that, sein Gesicht genau betrachtete, sank sein froher Mut, dessen er sich noch eben so dankbar erfreute. Alle Welt trug das Haar kurz und den Bart nur als Backenbart; dazu, wenn der Betreffende Militär gewesen, einen Schnurrbart und auch dann knapp geschoren. Warum hatte nur er seit Jahr und Tag keine Schere und kein Messer gebraucht, so daß ihm das Haupthaar in dicken Locken, an denen jetzt eben wieder ein paar Zinken aus dem Kamm brachen, den Kopf bedeckte, und der Vollbart in häßlichen blauschwarzen Zotteln bis auf die Brust fiel? Und das blinde Auge mit dem weißen Punkt unten auf der Pupille, das ihn so greulich anstarrte und das gesunde Auge mit seinem ängstlich spähenden Blick zu verhöhnen schien – großer Gott, daran hatte sie wohl nicht gedacht! Das hatte sie wohl nicht gesehen, als sie ihm gestern Abend die Arme um den Nacken schlang und sagte, sie wolle die Seine sein, seine Braut, sein Weib, so wahr ihr Gott helfe! Ja, da mußte denn wahrlich der liebe Gott helfen und ein übriges thun.

Er war vom Spiegel weg getreten und stand am offenen Fenster. Vor ihm in dem verwilderten Gärtchen in den Zweigen der verkrüppelten Pflaumenbäume lärmten die Spatzen und die 78 Stare, während über den hier und da zwischen dem langen Gras der Beete emporstrebenden Feuerlilien sich weiße Schmetterlinge wiegten.

Ihr habt's gut, dachte er, euch ernährt der himmlische Vater und kleidet euch, ohne daß ihr etwas dazu thut. Gestern, als ich bescheiden war wie ihr, da war ich reich wie ihr, und wenn nicht glücklich, doch ergeben in mein Los; heute, da ich so hoch über mich hinaus will, bin ich arm, jämmerlich arm, und fühle mich so klein. Aber das hilft nun nicht, Hans, es hilft wirklich nicht. Du hast jetzt neue Pflichten zu den alten, neue große Pflichten und mußt die Ohren steif halten oder du findest nimmer durch. Das wird da drüben einen schlimmen Tanz geben mit dem alten bösen Manne und der schwachen Großmutter. Das wird eine schlimme Begegnung sein zwischen Hertha und Gustav; und wie wird sich Hertha stellen zu der fremden, jungen Frau? Ja, Hans, da wäre noch vieles zu fragen, worauf dir niemand eine Antwort geben kann. Mache lieber, daß du nach Prora kommst!

Aber die ängstlichen Gedanken wollten ihn nicht los lassen, als er jetzt in der Chaise den Weg nach Prora fuhr. Es war, als ob es die Chaise ihm anthäte, daß ihm so heute alles wieder in die Erinnerung kam, und er es nicht von sich weisen konnte. Er hatte nicht wieder in der Chaise gesessen, seit er vor fünfundzwanzig Jahren hinter dem Sarge her fuhr, der seine Mutter nach Prora auf den Kirchhof trug. Damals hatte er auch zum erstenmale seinen Stiefgroßvater gesehen, der mit der Großmutter zum Begräbnis gekommen war, um dann nicht wieder weg zu gehen, und als sein und des eben geborenen Bruders Vormund ihr väterliches Vermögen zu verwirtschaften und zu verspielen, wie er sein eigenes bereits verwirtschaftet und verspielt hatte. Eine böse, böse Vormundschaft für zwei verwaiste Knaben – zumal für einen so wilden, unbändigen wie Gustav! Und er selbst, war er nicht auf dem besten Wege gewesen, ein Tagdieb und Schlimmeres noch zu werden, als er mit dem langen Prebrow – ein zwölf- bis vierzehnjähriger Junge – Tag für Tag und wie manche halbe Nacht durch die 79 Felder und Wälder und über die Strandwiesen strich, und manchmal wochenlang nicht nach Hause kam, sondern da drüben lebte auf dem verfallenen Büdnerhof von Wüstenei mit dem alten, schlechten Manne? Niemand hatte dagegen Einspruch erhoben, ja, er hatte später oft gedacht, daß der Großvater das heillose Treiben begünstigte, und wenn er gerade bei Laune und Kasse war, den jungen Vagabunden überreichlich mit Geld ausstattete, damit er es – was er denn redlich that – dem alten Vagabunden als Lehrgeld zutrug. Das hatte ja schon recht gute Frucht getragen, und es war eine Zeit gewesen, wo die begehrlichen Augen und das lustige Lachen der roten Hanne ihm Tag und Nacht keine Ruhe ließen – eine kurze Zeit nur, Gott sei Dank! – dann war aus der Wolke, die ihm das Hirn umnebelte, der Unschuldstern, der sich Hertha nannte, hellen Glanzes hervorgetreten, um nicht wieder zu verschwinden, sondern heller und heller zu glänzen und zu leuchten Jahre um Jahre – zu seiner bitteren, immer bittereren Qual, die sich nun, wenn dies alles kein Traum war, in Wonne verkehren sollte.

Guter Gott, wie ist es doch nun so ganz anders gekommen, als ich es mir gedacht! Noch gestern Abend, als ich ihn wieder in den Armen hielt. Ja, Hans, gesteh' dir's nur, das Herz war dir doch schwer, daß sie nun endlich in wenigen Minuten für immer vereinigt sein sollten. Und seine Braut von gestern ist heute deine Braut, und du auf dem Wege, ihr die Frau zuzuführen, um derentwillen der Leichtsinnige sie vergessen hat – Frau und Kind und ihn selbst, den Gatten und Vater, – wenn es auch ein wunderlich Stück ist, sich den Gustav als Vater vorzustellen. Und nun wir alle unter einem Dache – nein, Hans, das geht nicht, geht wahrhaftig nicht: du wirst in Neuen-Prohnitz mit Hertha wohnen. Das heißt, Hertha in dem verfallenen Kathen – ist ja rein unmöglich! – Und Gustav mit seiner jungen Frau, die eine Fürstentochter ist, das ist doch eben so unmöglich. Wir werden mindestens ein neues Haus bauen müssen. Aber wovon, Hans, wovon? Die neue Doppelwirtschaft wird schon so viel mehr kosten – das kannst du dir doch an den fünf Fingern ausrechnen.

80 Hans rieb sich sorgenvoll die Stirn und hatte plötzlich den Schlag geöffnet und war hinaus gesprungen. Krischan solle nur weiter fahren, er wolle den Richtweg durch den Wald gehen und werde noch vor Krischan auf dem Kreuzungspunkte dicht vor dem Ausgang sein. Krischan holperte auf dem bösen Wege weiter, Hans schlug sich in den Wald.

Er hatte kaum ein paar rüstige Schritte auf dem elastischen Boden gethan, als ihm der Mut, der ihn eben so schmählich verlassen wollte, wieder zurück kam. Es war nun einmal nicht anders: er konnte nicht frei atmen mit einer Decke über sich, sie wäre denn mindestens so hoch wie ein Waldesdach, durch das der Himmel überall herein blaute. Würde sie das wohl so recht begreifen und fassen? Sie machte gern einmal einen schnellen Ritt; aber so durch den Wald, durch das Feld zu schweifen, um sich zu erfüllen mit all dem Wundersamen, was es da zu hören und zu sehen gibt, das war doch wohl ihre Sache nicht: der drollige Sprung des aufgescheuchten Hasen da über den Weg, das ringelnde Schlüpfen der Schlange dort durch den dichten Lattich den Bord hinab in den wassergefüllten Torfgraben, der lustige Schlag des Finken in der Rotbuche links, das warnende Krächzen der Krähe auf dem Wipfel der Tanne rechts – das war doch wohl nicht die Augen- und Ohrenweide für sie. Weshalb denn auch? Wie herrlich stand ihr gestern das weiße Kleid und die blaßrote Kamelie in dem Haar! Und daß sie es wußte und ihre Freude daran hatte und daran gehabt hätte, wenn sie hernach im Ballsaale von Griebenitz die allerschönste gewesen sein würde – und die Gesprächigste und Witzigste, um die sich alle gedrängt hätten, die Jungen und die Alten – nein, Hans, das kannst du ihr nicht verdenken. Und wenn sie nun in Zukunft leben soll mit dir, mußt du die Unbehilflichkeit und Schwerfälligkeit abthun – ein bißchen wenigstens; die blöde Schweigsamkeit vor allem und – die groben Kleider. Richtig. Du fährst ja bei Schneider Krause vorbei. Da kannst du schnell hinein springen und dir einen Anzug – ein paar Anzüge bestellen – das Maß wird der Alte ja wohl noch haben. Du darfst schon einmal etwas an dich wenden, 81 nachdem du seit fünf Jahren keinen Pfennig für deine Garderobe ausgegeben. Und überhaupt mit der Pfennigfuchserei geht das nicht mehr; muß im großen ausgegeben, so muß auch im großen verdient werden.

Hans stand still und schaute mit den prüfenden Augen des Käufers in den Wald. Der Fürst hatte ihm das Stück schon ein paarmal angeboten – es lag dem Fürsten auch ganz unbequem, während er es von Neuen-Prohnitz sozusagen vor der Thür hatte. Jawohl, just wie der Prebrow von Wüstenei hinter seiner Thür. Das war ein schlimmer Nachbar, um so schlimmer für ihn, als er gegen den alten Wilddieb nicht verfahren konnte wie der Fürst, der ihn schon ein paarmal vor Gericht gebracht hatte, ohne den Schlauen freilich jemals überführen zu können. Nun, so mochte denn der Alte die Rehe vollends abschießen – ihm kam es ja nur auf den Wald an, der abgeholzt werden sollte, und trotz des hohen Preises, den der Fürst forderte, ein tüchtig Stück Geld eintragen mußte, wenn's ihm auch arg ans Herz gehen würde. Kannte er doch jeden alten Baum von Kindesbeinen an und war mit den jungen selber groß geworden!

Aber das sind Kindereien, Hans. Du darfst nicht immer nur an dich denken wie bisher; darfst nicht, wie bisher, dein Herz in der Hand tragen, daß jede Krähe daran picken kann. Nein, nein, Hans! Du hast jetzt für so viele zu sorgen und mußt hart werden gegen die anderen, die dich nichts angehen – Hallo! Da konntest du auch die alten Stiefel anbehalten!

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