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Gutenberg > Hermann Essig >

Ueberteufel

Hermann Essig: Ueberteufel - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
authorHermann Essig
firstpub1912
year1914
publisherVerlag der Sturm
addressBerlin
titleUeberteufel
created20060713
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Fünfter Aufzug.

Personen:
Frau Hecht, gesch. Weber,  |  Lüstling,
Karl,  |  Bleich,
Marie,  |  Hurenmutter,
Johanna,  |  Zwei in Mäntel gehüllte Gestalten,
Brigitte,  |  Erscheinung des Vaters Weber.

Vor der Scene: Oben an der Treppe links die Türe »zu Johanna«, geradezu scharf im rechten Winkel eine namenlose Türe. Nacht.

Karl (erscheint vor der Türe Johannas, pocht und ruft). Johanna –

(Tiefe Stille.)

Karl (wiederholt). Johanna!

(Hierauf regt es sich innen.)

Karl (flehend). Johanna, mache auf!

(Die Türe wird aufgeschlossen. Johanna unter der Türe mit einer Blendlaterne, deren Schein auf Karl fällt. Karl senkt den Kopf und macht eine abwehrende Bewegung, will zugleich vorschreiten.)

Johanna. Um Himmelswillen nicht, du bist ja blutig.

Karl. Johanna – ich darf hinein.

Johanna. Ich schrei um Hilfe, gleich.

Karl. Es ist mir einerlei, was bei dir drinnen ist, bloß muß ich von der Treppe weg, die kracht durchs ganze Haus. Sieh mich doch an.

Johanna. Ich sehe nichts.

Karl. Da! Mein Gesicht. (Hält es gegen die Lampe.) Da! Meine Hände! (Sie sind voll Blut.)

Johanna. Daß du mir's zeigst und extra kommst! Nein, du bist nicht mein Bräutigam, so brauch ich keinen, der's Blut aufwischt.

Karl. Sieht man mir's an, was ich getan habe? Laß mich hinein! Sie kommt mir nach.

Johanna. Du bist übergeschnappt. Was hast du gemacht?

Karl. Es ist mir ausgeglitten. Zwei Teile sind's geworden, der Kopf, siehst ihn?

Johanna. Wen hast du umgebracht?

Karl. Den meinen Vater.

Johanna. Deinen Papa?

Karl. Ist er mir nachgegangen, daß du ihn siehst?!

Johanna. Grad sagst du's. – Schrei man nicht so, das soll doch niemand wissen außer mir, deiner Braut.

Karl. Marie weiß auch, ich bin vor ihr geflohen, sie sprang mir nach und vorhin hat sie mir mit Brigitte den Weg verstellt. Beide kommen, laß mich hinein!

Johanna. Du hättest's nicht machen sollen!

Karl. Johanna, ich weiß es. Johanna, ich weiß es.

Johanna. Du bist ein Vatermörder.

Karl (fällt vor Johanna nieder). Hilf mir, Johanna!

Johanna. Soll ich's heimzahlen, wie du's mit mir gemacht hast? Hä? – Hast du eine Waffe?

Karl. Ich habe nichts mehr, hab's in den Kanal geschmissen.

Johanna. Das sagst du so.

Karl. Nein, es ist wahr, bloß schwimmt mir's Beil hinten nach.

Johanna. Mit einem Beil? Karl, bei mir liegt eins, da kannst nicht herein.

Karl. Ich bitte dich. Sie dürfen mich nicht fangen. Braut!

Johanna. Kannst doch nicht da bleiben, hier muß es reine sein. Reis' über Feld, mit barem Geld.

Karl. Ich kann nicht mehr fliehen, ich bleibe stecken wie im Traum. Es hält mich fest.

Johanna. Bei mir? Ich glaube fast, du liebst mich doch. Im Unglück merk ich's jetzt, da wirst du mürb. An mir soll's nicht fehlen, willst du noch Hochzeit machen?

Karl. Was jetzt von dem?! Ich bin ein Mörder, Johanna, denke doch daran. Ich will Unterschlupf.

Johanna. Mein Schatz bist. Wir fliehen miteinander, hol' dein Geld! Was meinst? Ich kann verstecken, wenn's sein muß unter meinen Röcken.

Karl. Die lupfen hoch.

Johanna. Kaum daß die Scheuen den Anstand verletzen! – D'rum nimm dein Geld ab.

Karl. Johannachen, ich habe keinen Willen, mach du alles!

Johanna. Dein ist's Geld, ich zeige nur den Weg.

Karl. Nimm das Päckchen, (er übergibt es Johanna) dann laß mich schleppen. Jetzt darf ich hinein?!

Johanna. Du machst ja alles blutig, Blut geht nicht raus.

Karl. Blut geht nicht raus, ich hab es auch gemerkt, es läuft nur über einen wie ein Wehr.

Johanna (hat das Päckchen untersucht). Hübsches Sümmchen, Karlchen. Wart, ich besorg' alles.

Karl. Johanna, mache Hochzeit, dann bin ich sicher und viel leichter wird's, es muß der alte Dreck hinaus, Johanna – ich geh 'rein.

Johanna. Wart' nur ein paar Sekunden, ich geh dann mit dir. (Schlägt die Türe zu und spricht von innen.) Karl, geh zu der andern Tür hinein, dort kannst du dich erst waschen.

Karl (im dunkeln). Wie kann ein Mörder auf der offenen Treppe warten? Brigitte und Marie, wenn die kommen! – Vater (Schauder) in dem Himmel, ich kann doch nicht mehr stehen, wo alles lauert.

(Die Türe geradezu wird aufgeschlossen, ein altes Weib wird darunter sichtbar.)

Weib (mit hochgehaltenem Licht, mit einladender Gebärde).

Karl (zögert einzutreten).

Weib. Komm herein, du kannst innen warten, sind wer da.

Karl. Verraten bin ich. (Laut.) Zu wem soll ich?

Weib. Zum lieben Heiland nicht, Rindvieh! Zu was denn kamst du her, wenn du nicht willst?

Karl. Du bist ein alter Knochen, drinnen sitzt dein jung-fett Fleisch mit wüst gekreuzten Beinen, das ekelt mir, da geh ich nicht hinein.

Weib. Du könntest froh sein, Blutigen schlägt man die Tür sonst zu.

Karl. Hat dich Johannas Scham herausgeschickt?

Weib. Scham . . . versteh ein Mensch hebräisch. Die Hauptsach', daß du's Mensch kennst.

Karl. Ich werd' ein Stephan, den man steinigt, wenn er sich auf der Gasse sehen läßt, lieber wildes Tier im Kiefernforst.

Weib (vorbereitend). Halt's Maul, man tut dir nichts.

(Fäuste erscheinen durch die Türe und packen Karl.)

Karl. Laßt mich los, ich habe nichts getan.

Stimme (dumpf). 's ist dein Glück.

Karl. Laßt mich los!

Weib (für sich). So geht's zur Hölle einmal. (Laut.) Männchen, sträub' dich nicht.

(Die Türe wird zugemacht, dann Stille. Der Vorhang geht hoch.)

Scene: Innengarten (innerhalb der Wohnung), in der Mitte ein Springquell vor einer Grotte, Tisch und Stühle zierlicher Arbeit in einer Nische, zwei Türen führen links und rechts an der Hinterwand durch Lorbeerbäume in farbig beleuchtete Zimmer, deren Möblierung nicht zu erkennen ist. Auf der linken Seite ist die Türe, durch welche Karl hereingekommen ist, außerdem an derselben Wand eine Tür, die den direkten Zugang zu Johannas Zimmer darstellt. Auf der rechten Seite sind die Fenster mit Läden verschlossen, die Fenster geöffnet. Der Springquell ist mit blauen Lämpchen beleuchtet, man glaubt sich in einer Höhle zu befinden. Karl steht am weiten Becken des Springquells, das von zwei Sandwegen, die zur Grotte führen und in einen Weg zur Flurtüre übergehen, umschlossen ist.

Karl (in fahlblauem Lichte ruft). Johanna . . . (Keine Antwort, als der Schall aus der Grotte.) Sie ruft mich wieder, aber eine andere Stimme . . . die vom Vater. Es schreit aus meiner Hand an meine Glieder. Kommt nun kein Mensch? . . . Bin ich am Höllenloch? . . . So blau sieht's bei den Nymphen . . . Johanna . . . liegst du nackend in der Grotte? . . . Johanna . . . Keine Antwort . . . Du hast mich bestohlen, den Vater hab' ich wegen dir erschlagen, du Frauenzimmer, komme her zu mir! Du Satansgrube! Heute spreng' ich dich.

(Die deutliche Gestalt des Vaters, wie er seine beiden Arme nach Karl ausstreckt, mit dem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht.)

Karl. Weg, Vater! ich bin nicht dein Sohn; ein anderen hat dich erschlagen, den lachst du an.

Vater. Karl, sei doch ruhig

Karl (flehend). Sprich nicht so gütig, Vater. (Er weint laut, kommt aus seinen Phantasien wieder zurück zur Umgebung.)

(Die Erscheinung verschwindet.)

Karl (auffahrend, blitzartig). Hurenweltschrecken . . . Voll im Genuß wird mir die Lüge verdeckt. – Die frißt mich auf! . . . Und du, oh himmlische Erkenntnis löst mich auf. So hängt's zusammen. Die Höhe wirkt die Tiefe, das ist, wo Menschen sind; wo eb'ne Oede liegt, da wohnen keine Menschen.

Musik.

(Karl hört derselben regungslos zu.)

       

Wir wohnen hier, das ist ein Land
Groß, weit, ohne Rand
»Un, liebliche Heimat«.

Es klatscht in dem Schlamm,
Es watet daher –
Der Mann, der die Stille bewacht,
Wenn ein Knochen zum Regen erwacht.

Un, das ist schön
»Knochengesang«,
So tönt bei den Menschen nicht wieder
Das tontote Fleisch um die Glieder.

»Un, lieblichstes Sein.«
Der Schmerz blüht das Glück,
Die Wurzel im Schlamm,
Die Blüten im Unwind »Gesang«.

Karl (spricht vorwurfsvoll). Hört man dort auf? – (Entschlossen.) Oder ich soll dahin. – (Klagend.) Jetzt muß ich sterben, wo ich leben möchte, erwacht vom Tode zum lebendigen Erkennen. – (Erregt.) Ich merk ihn schon, wie er von außen schiebt, mit gelüstiger Wut auf dieses Freudenhaus, wie man mich an die Sonne zerrt, verrückt vor Wollust, um mich hin zu machen, so wie den alten Weber. »Ihr habt ihn vorher schon erschlagen, ich hab ihn nur von Euch befreit.« – Nein. – Ich hab ihn erschlagen, weil ich Marie befreien wollt. »Es war ein edler Grund.«

(Lachen aus der Grotte.)

Karl. Wer lachte da? – Nein, ich hab ihn erschlagen, weil ich nach Marie, nach meiner Schwester, begehrlich war, – weil ich Verbrecher bin, ich spür's an meinen festgebacknen Fingern. (Er betrachtet sie am blauen Licht.) Das ist ja gar kein Blut, das ist die blaue Milch aus seinen Haaren. Die hab ich auch gestreichelt und er meine. (Weinend.) Wie liebte mich mein Vater, den hab ich totgeschlagen! Ich wasch es nicht mehr gern, ich möcht es gern behalten. (Trotzdem beginnt er sich zu waschen, plötzlich springt das Wasser schäumend hoch und blutigrot.) Es glüht, es brennt, ich muß der Mörder sein. Weg, ich werd blutiger, wenn ich mich wasche. (Er weicht zurück.) Johanna, du bist eine Hexe, aber eine feine, glatte, so wie die, die drüben in der Grotte außer Atem schnauben, in schwarze, vorgehalt'ne Mäntel. Was sind das für bekannte Angesichter? »Mutter, Selma.« Und sie kommen mit den Mänteln auf mich zu. (Anrufend.) Legt die Mäntel ab, ich will Euch bloß sehen. Warum schwätzen sie denn gar nichts? Wissen sie denn schon was vorgefallen ist? – Aber um den Vater trauerten sie nicht.

(Mutter und Selma mit zwei in Mäntel gehüllten Gestalten vorbei, Karl duckt sich.)

Karl. Noch am liebsten schlüg ich sie zu tot, weil sie so schweigen, ihr habt sonst doch immer wackelnd schwach gelacht, wenn ihr mit Männern waret. Ach, sie nehmen Abschied.

Mutter und Selma (unter der Türe). Auf Wiedersehen!

(Keine Antwort. Die Gestalten gehen. Lüstling und Bleich treten aus einer der hinteren Türen hervor, sie gehen den beiden entgegen, die von der Flurtüre zurückkommen, sie begegnen sich in Karls Nähe.)

Karl. Ah, der Lüstling ist als Dritter hier, er ist methodistisch angezogen mit langen Polkahaaren, er kommt im Geckengang und drückt die Lust in Kropf, wie theatralisch geht's hier zu, er schwätzt ja auch nichts, er gibt nur beiden seine Hand. Der Schwindsüchtige kommt wie der Marabu aus einem Stall heraus, wie kommen alle vier hierher? Das ist nicht Eure Wohnung.

Alle vier (lachen unter Händeschütteln).

Lüstling. Wir haben gut geschlafen nach den gestrigen Strapazen.

Selma. Nur gar so früh heraus.

Lüstling. Der treue Arbeiter geht in seinen Weinberg. Wir müssen einen neuen Lebenswandel beginnen, sonst kommen wir noch ins Zuchthaus. Die Wohnung hier ist endlich anzumelden.

Mutter. Das war ja Hecht's Sache.

Lüstling. Man darf keinem Toten die schwerste Schuld nachsagen, »nicht anmelden«.

Mutter. Wir müssen sagen, er habe da gewohnt und habe da das Brautbett aufgestellt, ich hab Euch eingeladen, weil mir so bange war allein.

Selma. Lona, du bist ein Engel.

Lüstling. Ich möchte mich in diesen Springquell als Glaskugel begeben und alle Minuten von einem süßen Schuß zerplatzen vor Lachkrampf, weil ich Selmchen so gewohnt schon sprechen höre. Aber ernst, von heut' ab ist Bekehrung, Kinder holt die dunklen Kleider, es ist braver, besser, klüger. Vor allem aufräumen.

Mutter (zu der verdutzten Selma). Man kann auch schick im Trauerrocke sein.

Lüstling. Ganz meine Meinung, schöne Doppelwitwe.

Mutter und Selma (verschwinden durch die Türe rechts hinten).

Lüstling (zu Bleich). Wenn nicht Johanna drüben des Meineids überwiesen wird, und gar noch ärg're Dinge macht, dann wird sich uns're Frau, trotz allen raffinierten Verstandes, nicht rein reden von ihrem Anteil an der Gatten traurigem Ende, und wenn gar aufkäme, daß sie gar so locker lebt »um Geld«. Wie harmlos ist ein Weib, »'s ist selbstverständlich«. Wir Männer rechnen, ich sage nicht, daß das die Weiber nicht tun, aber diese können's. Ein Hauptunsinn ist Mathematik, wie schäumt mein Freund Professor über die Beschränktheit seiner weiblichen Schüler, die keine Wurzel ziehen, sie bleiben mitten stecken. Man bringt auch unser Leben nicht in Gleichungen, so wenig als die Lose in der Trommel. Wie lach ich meinen Freund aus mit der Brille, der schnaubend wie ein Stier Behauptung spuckt. Mathematik paßt für unser Leben, wenn man die Fehler zu den Zahlen macht, dann ist sie Weisheit, aber erster Klasse. Sag »Lüge« ist positiv und fange an zu rechnen.

Bleich. Mozart hat sehr viel Unreinigkeit, er soll auch sehr schlecht gehört haben mit äußerlich wüsten Ohren.

Lüstling. Und doch war er sehr früh stubenrein. Und seine Ohren waren wie die Phonographentrichter. Natürlich er war eben auch nicht mathematisch, du Kirbegeiger. (Er fängt an zu singen mit tiefem Baß.) »O Isis und Osiris.«

Bleich. Da brüllt er wie ein Tier mit Hörnern.

Lüstling. Wie ein vorsündflutlicher Stier auf deutsch, da gefällt er mir am besten.

Bleich. Meister!

Lüstling. O–i–u–o–i– (in der Melodie). Das wirst du nie verstehen, das kommt so aus dem Kern vom Jammerholz, so wie bei Selma. Du kriegst selbst dieses Weibchen nie, weil du nie wagst, auf deiner Geige drunter hineinzukratzen. Es sind geheime Dinge um die Kunst. Die Laien glauben ihr die Harmonie als Gesetz schneiden zu können und zu müssen, aber ich sage dir, »Kunst ist so undefinierbar wie die Rinde am Backsteinkäs'«, sie ist nämlich das Beste.

Bleich. Meister!

Lüstling. Ich weiß, ich weiß, da sitzt jemand. Karl (barsch). Nehmt Euch in acht. Ich bin niemand. Ihr habt es nicht gesehen.

Lüstling. Die Fledermäuse unter seinem Dach.

Karl. Es gibt kein Dach.

Lüstling. Karl Weber.

Karl (aufgebracht). Ich heiß nicht so, ich heiße nicht. Wenn einer noch einmal den Namen sagt, so mach ich Menschenbeef aus ihm.

Bleich (zu Lüstling). Lassen Sie doch den Narren.

Lüstling. Das ist er nicht, den hat man auch geliefert. Die härtesten Nerven muß doch eigentlich der Teufel haben, daß er nicht gut wird, weil Ueberteufel leben.

(Mutter und Selma kommen schwarz angekleidet.)

Lüstling (zur Mutter). Seht dahin!

Mutter. Mein Sohn! wie kommst du her?

Karl. Frag lieber »wo«.

Mutter. Du kommst mir eigen vor.

Karl. Ich bin mein eigener Herr, doch du bist Gegenstand, ein fleischern Spielzeug, hätt' ich noch ein Beil, den armen Vater schlug ich schon tot.

Mutter. Was! Sag's!

Selma. Ich hab' es gleich gedacht.

Karl. Ich mach es an dir vor, wenn du neugierig bist, du Schandenmutter, Starenhaus, meinen flachen Beilhieb müßtest du pfeifen hören und seinen masten Klang auf deinen Schweinskopf. Wend' dich ab! Ich befehl es dir, sieh weg, du siehst mich nicht mehr an.

Mutter (wendet sich ab, feig, mit finsterem Schuldblick).

Mutter. Du hast's getan. (Kühner.) Was soll ich für dich büßen? Mörder!

Karl. Du hast es mich geheißen.

Mutter. Ich? Ja, lüg auch noch.

Karl. Du hast es mich geheißen. (Er geht in Flehton über.) Mutter, habe Freude, du hast sie auch, daß du ihn nie mehr sehen wirst, daß er so verrecken mußte, habe Freude und verbirg mich vor den Menschen, sonst werd' ich hingerichtet vor allen Leuten.

Mutter. Du hast gemordet, du hast Schuld auf dir. Ich werde nicht zur Hehlerin, ich muß mich sauber halten.

Karl. Mutter, du bist nicht sauber, gehst mit allen Männern. Wenn es nur männlich ist, so hat es Reiz für dich.

Mutter. Das ist erfunden. Frauen sind mir lieber und noch lieber Mädchen, meine Selma, Johanna, . . . Karl, du bist ein Mörder, dir kann man nichts vortragen.

Karl. Du bist Verbrecherin, so gut, wie ich Verbrecher, das weißt du auch. Ein Mann ist auch dein Sohn, nimm ihn zu dir.

Mutter. Geh zu Johanna!

Karl. Johanna will mich nicht.

Mutter. Bist vorher von mir weggelaufen mit Marie. Wenn die zu mir kommt, wenn sie artig sein will, bist du auch als artiger Sohn willkommen.

Karl. Nur wegen Euch hab' ich ihn totgeschlagen, weil ich Euch liebte. Mutter, hast es gestern doch gewußt. Ich liebe, was ich totschlug und was mich vergräbt.

Mutter. Es ist ja wahr, wir haben uns recht warm versöhnt, du sollst deine Mutter kennen lernen.

Karl. Und, Mutter, wann? Ich brenne so nach dir.

Mutter. Wenn's an der Ordnung ist, du bist mein Karl.

(Johanna tritt durch die zweite Türe links.)

Johanna. Karl, bist gewaschen? Komm zu mir herüber, man sieht noch keinen Hemdszipfel, da kommen wir noch weit.

Karl. Ich bleibe da. Dich hab' ich ausgenötigt, Dirne.

Johanna. Dirne, ich? Ich halt bei deiner Mutter ehrsam Haus.

Karl. Weil's meine Mutter ist, Johanna geb es auf.

Mutter (zu Johanna). Johanna, daß du schweigst, sonst schweig' ich nicht mehr. Bei unserer Art wird viel versteckt gehalten.

Johanna. Ich merk mir schon. (Sie will in ihr Zimmer zurück, wird durch die Meldung der Alten zurückgehalten.)

(Das alte Weib schlurkt daher von der Flurtüre.)

Weib. Zwei Frauenzimmer aus der Freundschaft.

Mutter. Aus der obern ober untern?

Weib (krächzend). Brigittchen und ein Busselchen, ei!

Karl. Die kommen nicht herein! Sie suchen mich.

Mutter. Mach auf, Mutterchen, eh sie die Treppe wieder 'nuntergehen. Wenn wir nicht wollen, kommt auch nichts hinaus.

Johanna (zur Mutter). Heut' geh' ich an Brigitte, laß Kaffee aufsetzen, laß decken, Kuchen her!

Mutter. Wenn das die Selma tun mag?

Selma. Johanna . . .

Mutter. Dann wird sie stutzig.

Bleich. Ich helfe Ihnen, Fräulein.

Lüstling. Das ist ein Schuß, Sir.

(Selma und Bleich gehen hin und her und decken den Tisch. Die Alte schlumpt wieder nach der Türe.)

Lüstling. Ich habe einen Krankenbesuch in der Nacht gemacht, da haben Sie den Kaffee etwas früher gekocht. Brigitte soll mich nicht erkennen, ich mach eine spitze Nase über breit-rasierten Affenlippen und spreche mit lachendem Vogelstraußenblick so sanft und monoton, ich richte Sie in Ihrer Trübsal auf, Frau Hecht oder Weber?

Mutter (lachend abwägend). Weber . . . Hecht . . .

Lüstling. Gnädige Frau, das ist feudal.

Karl. Das ist doch keine Posse, wenn die kommen und auf mich deuten, denket auch an mich.

Lüstling. Man macht aus Posse, Pose. – Herr Namenlos, schweig, wenn du's fertig bringst, bis sie getrunken haben.

Karl. Das kann ich nicht, ich zittere zu sehr. Ich kann Marie nicht sehen, Brigitte auch nicht.

Johanna. Dann trifft sich's schön.

Lüstling. Und zittern darfst du auch, aber schweigen sollst.

Mutter (zu dem durch die Türe lugenden Weib). Sind Sie noch draußen?

Weib (murmelnd). Ihr könnt's vertreiben . . .

Johanna. Ich will es lieber vorher holen. (Geht rasch durch ihre Türe ab.)

Lüstling. Der Tisch ist bald gedeckt, es sieht ganz bürgerlich aus, wenn man die Erdöllampe draufstellt.

Mutter. Die Erdöllampe, hörst du, Selma!

Selma (holt sie aus dem Hinterzimmer).

Lüstling. Mit Erdöl wollt ich die Erde anzünden und Erdöl ist so zahm.

Selma (hat die Lampe auf den Tisch gestellt). Jetzt kann man hereinlassen.

Lüstling. Wir müssen schon dabei sitzen.

Mutter. Johanna braucht aber lange . . . Jetzt kommt sie . . .

(Johanna kommt mit gelüfteten Nasenflügeln und Lamaaugen zurück.)

Johanna. Von mir aus, fertig. Alle Plätze müssen besetzt sein, auch der von Karl, hinten in der Ecke.

Karl. Ich kann nicht sitzen.

Lüstling. Vorwärts! Es pressiert!

Karl (läßt sich schieben).

Mutter. Noch mehr in die Ecke, hinter die Lampe! So . . . ernst tun!

Alle (setzen sich).

Johanna (gießt Kaffee ein).

Karl. Das ist kein »Tun« . . . ich möchte fort.

Mutter (winkt). Mache auf!

Weib (schließt die Türe auf, innen Ruhe und gespannte Aufmerksamkeit).

Lüstling. Mit den Löffeln klappern.

Weib (durch den Türspalt). Was wünschen die Damen?

Brigitte. Wohnt hier nicht Frau Hecht?

Weib. Hm.

Marie. Meine Mutter.

Karl. Das war Marie . . . Ich kann's nicht hören . . .

Lüstling. Schweig!

Weib (mit Katzenfreundlichkeit). Kommen Sie nur herein!

Mutter (mit erhobenen Händen über den Tisch). Es ist besser, es wäre verdächtig. –

Karl (kauert sich in der Ecke zusammen).

Mutter. Ich will empfangen.

Lüstling. Nicht zu rasch. Es muß aussehen, als ob wir gestört würden.

(Brigitte und Marie treten ein und bleiben an der Tür stehen. Sie betrachten das Bild, Marie klammert sich an Brigitte.)

Mutter (entgegengehend). Seid herzlich willkommen!

Brigitte. Frau Hecht . . .

Marie. Mutter, Mutter, dort sitzt er ja. Wir müssen fort. Brigitte, komm, wir müssen fort.

Mutter. Es hätte mich gefreut, wenn ihr das Frühstück bei mir nähmet . . . Ich bin so schwer gebrochen, da wärt ihr mir ein aufrichtiges Labsal . . .

Marie. Wir können nicht, es sitzt ein . . . ein . . . Bruder dort.

Brigitte. Marie, fasse dich, wir wollen ihn erst reden hören, ob er's ist.

Marie. Ich kenn den Bruder doch.

Brigitte. Ob er der . . . ist?

Marie. Ich geh nicht hin, geh du allein.

Mutter. Warum ist denn Marie so verstört?

Brigitte. So komme doch . . . Frau Hecht, ich nehm es an.

Mutter. Marie war immer so eigensinnig.

Marie (ruft zu Brigitte, die eben im Begriff ist, Platz zu nehmen). Brigitte, ich geh' fort!

Mutter. Mariechen, was ist denn mit dir?

Marie. Mutter, Mutter, du willst es nicht hören . . . . Es ist von Vater etwas.

Mutter. Da dich's drückt, so sag's mir ruhig.

Marie Ich bin jetzt allein. Der Vater ist gestorben.

Mutter. Was du sagst? Gestorben?

Marie. Ja. (Weint.)

Mutter. Sei doch stille, erzähl es mir hier neben, daß sie nicht so sehen und hören. (Sie gehen hinter Bäume, Marie blickt stier auf Karl.)

Johanna (hat mit geschicktem Griff das Gift in die Kanne geworfen).

Brigitte (hat sich gesetzt). Danke sehr, ich trinke ganz gern einen Kaffee, ich bin schon sehr lange unterwegs. (Sie beobachtet dabei Karl, dieser sitzt regungslos.)

Lüstling. Da sind Sie gewiß recht müde. In Berlin sind alle Wege weit. Zumal bei Nacht, zu Fuß.

Brigitte. Ich habe lange gesucht.

Lüstling. Und haben doch endlich gefunden. »Suchet, so werdet ihr finden«.

Brigitte. Man möchte nicht immer. (Trinkt.)

Lüstling. Wir Menschen werden es aber immer wieder erfahren, wie herrlich die Worte der Schrift sind.

Brigitte. Ja, wenn Sie's wüßten. Sie sehen übrigens ganz anders aus als gestern und reden ganz anders.

Lüstling (sich räuspernd). Es kommt einem nach Festen doppelt zum Bewußtsein, wie hinfällig das Leben ist.

Johanna (mit Spannung auf Brigitte blickend).

Brigitte. Finden Sie nicht, daß der Kaffee sehr stark ist?

Lüstling. Ich kann es nicht finden.

Brigitte. Ich werde ganz erregt.

Lüstling. Wollen Sie nicht etwas gehen? Sie sind zu schnell zur Ruhe und Stärkung gekommen.

Brigitte. Herr Weber, wollen Sie mich begleiten bei einer Zimmerpromenade?

Karl. Brigitte, das kann nicht mehr sein.

Brigitte. Ich habe wirklich Schwindel, Sie müssen mich stützen, ich spreche nicht wie gestern, Karl.

Karl (wird von Lüstling hochgezogen und Brigitte an den Arm gegeben, Karl läßt seine Arme schlaff hinunterfallen, Brigitte hängt sich mit beiden Armen fest an Karl).

Marie (auf Karl losstürzend). Du bist der Mörder!

Karl (steht fest auf Marie gerichtet, Brigitte wird von Lüstling gehalten).

Marie. Karlbruder, schlag mich nicht auch tot.

Karl (schweigt).

Marie. Karl, du hast es getan?

Karl. Wegen dir.

Marie. Weil du mich auch umbringen willst.

Karl. Weil ich dich für mich haben wollte und dich der Vater hatte.

Marie. Dann kannst du mich ja haben, mach's wie mit Vater.

Mutter. Du willst nicht verstehen, sei fein wahr, du kannst nicht fliehen, kleine Schwalbe, du hast mit deinem Vater etwas gehabt.

Karl (heftig). Mutter, schweige! – Nein.

Mutter. Soll ich noch deutlicher werden? Dein Vater hat dich benutzt.

Marie. Laßt mich hinaus! (Sie versucht vergebens die Tür zu öffnen.)

Lüstling (zur Mutter). Ich wollte sie gewinnen, so wird's nichts.

Brigitte. Ist zugeschlossen? Marie, halte mich. (Brigitte sinkt auf eine Bank.)

Karl. Marie, bleibe.

Marie. Ach, Bruder, schließ mir auf und lasse mich hinaus, dann lieb ich dich noch einmal, wenn du so sanft Marie sagst.

Karl. Marie, bleib da.

Marie. Du bist ein Mörder, nicht mehr dieser Bruder. Ich hab dir früher auf das Wort gefolgt. Was hast du nur getan, daß du den Vater erschlugst? Du lieber Bruder sag es mir.

Karl (leidenschaftlich). Ich wollte dich. Marie, du gehst nicht wieder, du bist in meiner männlichen Gewalt; du zitterst dich zu Tod, das nützt dir nichts, Marie, du bist nach mir hereingekommen, hier werd' ich beschützt und du mit den Geschwistern wohnest bei der Mutter. Du siehst das Licht nicht mehr, ehe du erträgst, was uns verbindet. (Zerrt Marie an sich und küßt sie.)

Marie. Eh du mich tötest, komm ich nicht zu dir.

Karl. Ich liebe dich, Marie, hör mich an, ich bitte dich, du mögest mir vergeben.

Marie. Vergeben, dir? Dir vergeben?

Karl. Marie, erbarm dich, sonst stürz ich mich hinaus und laß mich offen köpfen.

Marie. Laß mich gehen, daß ich den Vater begraben kann, auf seinem Grabe will ich dir vergeben.

Karl. Du willst nur fliehen.

Brigitte (auffahrend). Karl, jetzt das letzte Mal halte mich doch fest.

Karl. Ich soll halten?

Brigitte. Karl, komm hinaus! (Reißt Karl mit sich und bricht zusammen.)

Johanna. Sie stirbt. Rat', wer's gewesen ist.

Brigitte (leise rufend). Karl . . .

Johanna. Hat sie nicht Karl gesagt?

Mutter. Ja, ja, du Schlaue, aber weil sie ihn haben will.

Karl. Wie viele müssen sterbend nach mir rufen? – Hab' ich die Schuld an dir? Oder war dein Ruf, Verlangen? (betrachtet Brigittens Leiche.)

Marie. Karl, laß mich gehen, mir geht's sonst wie Brigitte. Draußen will ich umfallen, nicht hier, wo meine Mutter . . .

Mutter. Sprech es aus, du wirst's noch grade so machen.

Marie. Nicht, wenn ihr mich aufs Bett schnallt.

Lüstling. So lange ich lebe, werden Sie geliebt und treu gepflegt, ich bin Ihr Seelensorger.

Marie. Ins Verbrechen.

Lüstling. Wie schrecklich. Ich bitte Sie nur eines. Halten Sie zum Bruder, warum soll er die edle Tat so sündig büßen? Er hat Sie von dem schlechten Vater befreit.

Marie. Mein Vater war so gut, und ihr seid alle schlecht.

Lüstling. Das sagt die Jugend.

Johanna. Bleibt Brigitte liegen?

Mutter. Das wär noch schöner, du hast sie vergiftet, leg sie zu dir hinüber.

Lüstling. Was, Johanna gab ihr Gift?

Marie (über Brigitte gebeugt). Brigitte, warum ging ich mit dir hier herein, zu dieser Mutter?

Mutter. Das muß man sich beizeiten überlegen.

Marie. Ihr habt den Willen ein Verbrechen an mir zu begehen? Karl, hilf mir du, du sollst dann alles haben, laß mich hinaus, wenn's nicht anders geht, so geh mit mir.

Karl (hört nichts).

Johanna. Ich kann sie nicht alleine tragen.

Mutter. Dann ziehe sie hinein, ich rühr nichts Totes an.

Marie. Karl, hörst du mich nicht?!

Karl. Ich seh dem Scheusal zu.

Johanna. Du bist ein größeres. Es sieht wohl nicht gut aus, wenn ich so schleife?

Karl. Meine Brigitte, die war doch mein; sie wird nicht weggeschafft!

Johanna (dicht vor ihrer Türe angekommen mit der Leiche). Ich laß sie liegen.

Mutter. Karl, du hältst das Maul hier.

Lüstling. Man sollte besser sehen.

Mutter. Selma, mach die Läden auf, laß einmal Sonnenlicht herein.

Karl. Macht doch nicht auf! Ich halt kein Sonnenlicht aus.

Marie. Dann siehst du mich, wie ich zu dir bitte, Karlbruder gehst du mit?

Karl. Marie, du bittest nur aus Angst, du mußt aus Liebe bitten, so wie ich dich bat, heute und sonst immer für mich in jahrelangen Tagen.

Selma. Zu was auch Licht? 's ist doch nicht aufgeräumt.

Mutter. Ich sage, öffne! Selma, sei kein Gänschen. Johanna zögert mit der Last, dir treib ich es hinein. Du hast einen Meineid geschworen, Johanna.

Johanna. Du hast mir Geld gegeben.

Mutter. Ich? Geld? Zum Schwören? Das ist ein doppelter Meineid.

Johanna. Ich bitte dich, denk an unsere Freundschaft, ich kann von dir verraten.

Mutter. Von mir? Das wird viel nützen. Du hast vergiftet.

Johanna. Ich bitte dich, verrate nichts von mir, ich hab dir viel getan.

Mutter. Zähl es auf!

Johanna. Wenn ich sie zu mir hinüberlege, dann sagst du nichts.

Mutter. Wenn man nicht schon auf dich wartet.

Johanna (entschlossen, höhnisch). Dann laß ich sie dir.

Mutter. Jetzt sieht man's, wie du bist, das wolltest du ja immer. Ich habe Zeugen, hier Lüstling und hier alle.

Johanna (wieder schmeichelnd). Bist noch gut? Ich nehm sie mit.

Mutter. Kannst sie ja zudecken drüben.

Karl. Halt! bis ich draußen bin. Brigitte, lebe wohl! Marie, sag auch Adieu.

Lüstling (gewalttätig). So geht das nicht. Ihr kommt nicht hinaus. Machet doch hell, damit er sieht, wie's draußen ist.

Mutter (öffnet die Läden, die grelle Sonne scheint herein). Uh, wie die Menschen auf der Straße toben um dieses Haus. Sie suchen dich, mein Sohn.

(Man hört das laute Summen, Rauschen und Rufen der Menge.)

Karl. Laß mich hinaussehen, wie die Sonne brennt! Ich höre meinen Namen aus Millionen Stimmen. Marie, geh du allein! Marie, leb wohl! (Er sticht sich nieder.)

Mutter (will einen Schritt zur Abwehr machen, hält aber inne und sieht weg mit zugehaltenen Augen, erst langsam hat sie Mut, auf Karl zu blicken).

Marie (über Karl gebeugt). Karlbruder, wie soll ich hinaus?

Lüstling. Das ist nicht nötig, Jungfrau, du bleibst am liebsten hier bei seiner Leiche.

Marie. Karl, laß den Dolch los, halt ihn nicht so fest!

Lüstling. Der bleibt in seiner Hand. (Er zieht Marie weg.)

Marie. Barmherziger Gott! Gibt es denn keine Hilfe?

Mutter. Wie's jetzt hier aussieht! (Zu Lüstling leise.) Johanna muß gleich festgenommen werden.

Lüstling. Ich sorge schon.

Marie. Wenn ich verrückt werd, laßt ihr mich dann gehen?

Lüstling. Das tut dem Jüngferchen nicht Abbruch.

Marie (zum Fenster hinaus, Lüstling hält sie fest, drückt ihr den Mund zu). Hilfe! Hilfe! Hil . . .

Lüstling. Ich will dir schreien.

Marie. Dann töt mich wenigstens. Das Sterben muß nicht schlimm sein, Karl liegt still. Und auch Brigitte hat nicht geschrieen.

Johanna. Nun hat dein Karlchen sein Brigittchen.

Mutter (auffordernd). Jetzt kommt man schon herauf. Das sind Tritte, als ob sie gleich das ganze Haus zertreten wollten. (Zu Johanna.) Nehm deine Puppe weg, geh du zu dir hinüber!

Johanna. Es reicht nicht mehr.

Stimme (draußen). Oeffnen im Namen des Gesetzes!

Mutter. Das tun wir nicht, die Leiche muß noch weg. (Zur Alten.) Mach die Kette vor.

Lüstling. Und Marie ist noch da. Das geht mir viel zu rasch. Wir müssen öffnen, sonst wälzen wir's nicht (leise murmelnd) auf Johanna ab. Gute Gewissen sind überhaupt stets offen. Oeffnen!

Weib (hat aus Feigheit und Naseweisheit schon aufgeschlossen). Der kommt schon durch.

(Der Oberst tritt ein.)

Mutter (ärgerlich gereizt). Was wollen Sie hier?

Oberst. Nichts.

Mutter. Das hoff' ich, Sie haben sich versehen. Gehen Sie hinaus, Sie sind kein Gesetz.

Oberst (ist auf Marie zugetreten). Marie, was tust du hier? Marie, schämst du dich nicht? – Mußt du dich schämen, Marie?

Marie (blickt auf und deutet auf Karl). Karl . . .

Oberst. Marie, was tust du hier? – Sag mir die Wahrheit.

Marie. Um Hilfe schreien.

Oberst. Und ich komm zu spät. – Und Karl liegt da. Marie, warum du nicht?

Marie (deutet auf Lüstling). Der ließ mich nicht . . .

Oberst (verabscheuend). Und diesem Faulbaum! (Auf Lüstling losgehend.) Kerl, das war zu viel.

Lüstling. Wenn's nur schön war, die Jungfrau so zu haben, den unverdorbenen Leib.

Oberst. Marie, da lebst du noch? – Ich kann dich ihm ja ruhig lassen.

Marie (hervorstoßend). Ich schäme mich, daß ich hier gefunden werde.

Oberst. Das lügst du jetzt.

Mutter. Die ist nicht anders, als wir Beide andern, die ist nur abgefeimter. Oberst, sie hat den Lüstling sogar gebeten.

Oberst. Marie, warum redest du denn nicht?

Marie. Karl hat sich erstochen und Brigitte haben sie vergiftet.

Lüstling. Bitte, die dort. (Auf Johanna zeigend.)

Oberst. Das habe ich nicht gefragt. Du weichst mir aus.

Lüstling. Sie hat's ja zugegeben.

Marie (preßt es kurz und schrill heraus). Oberst!

Mutter. Nun los, wir möchten selbst hören, was du sagen willst.

Marie. Karl hat den Vater vor meinen Augen erschlagen. (Sie ringt nach Luft.)

Oberst. Marie, warum bist du hierher gelaufen?

Marie. Er soll mich auch erschlagen. – Und Karl hat's nicht getan, der liebe Bruder. (Gegen die Mutter losfahrend.) Das sind Bestien, die lügen. Sie lügen, Oberst. – Oberst bist nichts wert, daß du mir nicht mehr traust. – (Gegen Lüstling loseifernd.) Das ist ein Teufel, der hat Mißtrauen auf dich eingeatmet. – Nie will ich mehr die Marie sein, hier hast du ein Büschel Haare. (Sie reißt sich diese aus.)

Oberst. Mariechen, komme zu dir.

Marie (schweigt).

Oberst. Ich kann nichts dafür.

Marie (schweigt).

Oberst. Was ist in dem armen Kind heraufbeschworen? Sie kommt nicht mehr zurecht. Mariechen rede. – Du gehst doch mit mir? – Marie komme. (Er nimmt sie an die Hand.)

Lüstling. Das wäre. So was laß ich mir von dir nicht stehlen.

Oberst. Schweige! Ich bin . . . du kennst mich. Mach freie Bahn! Mir widerstehst du nicht.

Lüstling (weicht aus).

Oberst (geht mit Marie, die er an der Hand führt, hinaus).

Lüstling (schäumt hinten nach, faucht und spuckt aus). Ich bin ein hypnotisierter Satan, pfui mich! eklig!

Mutter. Kannst nichts.

Lüstling. Hab' ich meinen Ruhm verloren? Warte, Mama, ich will dir schon zeigen, was ich kann. Du sollst noch mindestens drei Ehemänner kriegen.

Mutter. Das ist was rechtes!?

Selma. Wie viele ich?

Johanna. Und ich?

Lüstling (zu Johanna). Du kannst dich einbalsamieren lassen, Schwarze, drüben warten sie auf dich, ein großer Vogelbauer wird schon zugerichtet.

Johanna. Da räch' ich mich! (Sie will zur Flurtüre hinaus.)

Lüstling (packt sie und stößt sie durch ihre Türe). Nicht dort hinaus, geh da hinein!

Mutter (vergnügt). Und ob die da liegt, das verdirbt uns nichts.

Lüstling. Mein ich auch. Wir bleiben einander treu, du Bleicher auch, wir haben einander sehr lieb. Bloß eine Wut hab' ich, daß ich dein Töchterchen nicht habe.

Mutter. Wenn du noch dreimal mich zur Jungfrau machst?

Lüstling. Das wird ein Spaß, ich schaff' wir immer wieder mein Vergnügen.

Mutter. Noch dreimal ehelichen, dann zum Delirium! Selma, bring ein Schnäpschen nach der Last.

Selma (geht und kehrt noch vor Schluß mit der Schnapsflasche zurück).

Weib (an der Türe). Uh, uh. Johanna wird gefesselt, sie hat einem den Helm ins Gesicht gefräst.

Mutter. Da muß ich sehen. (Sie spitzt durch die Türe.) Ach wie rein bin ich, wie gnädig!

Lüstling (macht einen Kratzfuß). Gnäd'ge Frau!

Mutter. Aufgepaßt, wir kriegen jetzt Besuch. – Jammert, jammert, klaget, weinet! – (Noch rasch zusammenfassend.) Johanna und Karl waren verlobt, die haben gegen den Vater operiert, Brigitte hat Karl geliebt, darum hat sie Johanna vergiftet.

Lüstling. Habt ihr aufgemerkt? – Weib, weine auch! Rasch rasch, sie kommen. – Schnaps weg!

Selma (verschwindet, eben gekommen, mit der Schnapsflasche wie ein Dieb).


Ende.
 

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