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Gutenberg > Hermann Essig >

Ueberteufel

Hermann Essig: Ueberteufel - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
authorHermann Essig
firstpub1912
year1914
publisherVerlag der Sturm
addressBerlin
titleUeberteufel
created20060713
sendergerd.bouillon
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Vierter Aufzug.

Personen:
Frau Weber,  |  Johanna,
Lothar Weber,  |  Brigitte,
Karl,  |  Hochzeitsgäste,
Selma,  |  Musikanten,
Hecht,  |  Gassenvolk,
Lüstling,  |  Untersuchungskommissäre.
Bleich  | 

Scene: In der Brauteltern Garten. Links Garteneingang, Rasen und Wege, im Hintergrund das Haus, an das sich Blumenbeete und Gebüsch lehnen. Rechts auf dem mit Blumen umringten Rondell eine üppige vom Essen zerstörte Hochzeitstafel. Der Garten besitzt lauschige Plätzchen. Links fällt ein halb aufgeblühter wilder Rosenstrauch auf. Am Zaune links Yasmingebüsch. Nach rechts verläuft der Garten unbegrenzt dem Auge. – Heißer Sommerspätnachmittag. An der Tafel sitzen Hecht und Martha, oben vor Kopf, da wo das Rondell wieder zum Weg verläuft. Neben Hecht sitzen Brigitte und Karl, neben der Mutter Selma und Lüstling. Am Tischende sitzt ein Gast, namens Bleich, ein Musenkollege Lüstlings, außerdem sitzen am Tisch die Brauteltern, (gepaartes Fett und Wachs) Freunde und Freundinnen von Frau Weber, (keine Bekannten oder Angehörige von Hecht). Außerdem ein paar alte Onkel und Tanten von ihr. Abseits der Tafel sitzen die Musikanten. Johanna, die Kellnerin, schenkt fleißig ein, da die Gesellschaft noch am Trunk ist. – Beim Aufgehen des Vorhangs spielt die Musik, alles umschlingt und vergreift sich zärtlich, singt selig begossen, pendelt und stößt an. Karl hängt in sich hinein.

(Musik spielt einen Walzer. Gesellschaft singt dazu).

Das ist das Lied der Liebe. –
Verlangen und Begierde.

(Es wird immer wieder angestimmt, bis es verlallt.)

Lüstling (laut). Es lebe die Braut.

Alle (einstimmend). Sie lebe hoch, hoch, hoch.

Karl (wie erwachend). Auf dein inwendig Wohl, Mutter. Mutter, bleib so schön wie heut!

Mutter. Karl, komme her, du schmucker Sohn.

Karl (naht sich). Wo darf ich dich denn küssen, Mutterbraut?

Mutter. Als Knäblein nahmst du meine Brust, die küßt ein Sohn nicht mehr, man hat sie dir verbittert.

Karl. Nicht mehr, als Alter jedem Jungen. Nicht jedes kennt die Mutter später noch. Ich kenne dich. (Er legt den Kopf an seine Mutter.)

Lüstling. Musik! Den Tusch.

(Musik bläst Tusch.)

Alle Gäste (ein erstauntes Beifallsjauchzen).

Karl. Ich wache auf, ich war wie todversunken, ich kenn die Liebe, die mich liebend so gezeugt, und ihr entflieh ich nicht mehr, weil sie mein Herz erfüllt.

Mutter (aufmerksam machend). Dein zweiter Vater . . .

Karl. Ich habe seinen Namen nicht, das ist er nicht, ich bin nur dein, du schöne Erdenmutter.

Lüstling (klopft ans Glas). Seid nicht verbüffelt, es ist kein Mi – mi – raculum.

Karl (wendet sich Selma zu). Und du, mein Schwesterchen, sei du zu mir, wie damals, als du dich vor mir aufgeknöpft, sei mehr als ungebot'ne, gliederkalte, liebesheiße, nahferne Schwester. Ich liebe dich, ich bin von dir betrunken, ich bin dir auf den Leib, auf deine Seele, festgebunden.

Lüstling (brüllt). Musik!

(Musik Tusch.)

Karl (begibt sich an seinen Platz, von Brigitte mit herrlichen, leuchtenden Augen empfangen).

Lüstling (durchbricht die entstandene Pause). Was staunet Ihr? Das heißt man Brudersinn. Das ist nicht unerhört, ist öfters dagewesen. Meint ihr, es sei euch nicht jed' Ding gestattet? Ihr seid doch Menschen, übt die Fähigkeiten. Versöhnung ist Versohnung mit zwei Tupfen. (Rufe). Ei, so was, könnt ihr all vertragen, wenn Sohn und Mutter sich zusammenschlagen. (Rufe.)

Brautvater (mit breitgezogenem Grinsen). Das kommt der Hochzeit gleich.

Lüstling. Herr Vorredner, Sie sprechen runder als ich. Sie haben eine Storchenperspektive. (Rasender Beifall.)

Hecht (lächelt immer vor sich hin).

Ruf (aus der Gesellschaft). Weil er ein Frosch ist. (Beifall.)

Lüstling. Und keiner sein will.

Rufe. Versohnung wünsch ich. (Anstoßen.)

Mutter (spielt die Verschämte an Hecht's Hals).

Lüstling. Bei dieser Unruh konnt ich mich besinnen.
Ich wollt mit meiner Rede lang beginnen.
Ich hab sie mir auf Zettelchen geschrieben,
Da habt ihr sie.
    (Er wirft Konfekt unter die Gesellschaft.)

Brautvater. Mein Wein!

Lüstling. Dann geht er nicht ins Bein. Dort jenen jungen Mann (es tritt Ruhe ein) aus meinen Kreisen hab ich auf sein Verlangen mitgebracht. Ich frage – durft ich das?

Mutter. Natürlich. Nicht wahr, Männel?!

Hecht (nickt). Du hast eingeladen.

Mutter. Warum sitzt er so nahe bei den Füßen? Er mag doch hierher kommen.

Bleich. Herr Lüstling, mein bemooster Freund, hat mich genötigt.

Mutter. Sie sehen wie leidend aus.

Bleich. Es fehlt mir nichts.

Mutter. Dort meine Tochter, Selma, wird sich freuen.

Bleich (geht zu Selma).

Mutter (hinter ihm her, nach allen Seiten abwinkende Bewegung).

Lüstling. Das war meine sinnliche Erkenntnis: die Jugend braucht auch Umgang ihres Alters, sie lernt rasch aus beim knochenalten Meister. Wenn er wie Meerschaum aussieht, ist er leicht zu röten, er darf nur rauchen, seht mich an! Ich hab es nötig, ins Etui zu gehen, man hört zu rauchen auf, auch mit der Meerschaumpfeife.

Mutter. Ich bin die Mutter, will es überlegen.

Lüstling (selbstverständlich). Die Freundschaft halt ich fort, versprech ich Ihnen an dem Hochzeitstage.

Selma. Und dieser Junge soll mir Stunden geben?

Lüstling. Er ist weit geniöser, als er aussieht. Er soll die Probe geben. Spiele auf!

Bleich (nimmt ein Instrument, scheinbar aus der Luft und geigt).

Die Gesellschaft (verfällt in einen trunkenen Tanz, um den Tisch).

Karl (sitzt im Wege, er ist wieder für sich).

Taktmäßige Rufe (beim Tanz). Das ist ja himmlisch . . . himmlisch . . .

Karl (schlägt die Geige auf die Seite, langsam legt sich die Woge). Dort steht ein Mann.

(Lothar Weber, in halb festlichem Anzug, mit einem schönen Blumenstrauß, tritt zur Gartentüre links herein, er bleibt lächelnd in der Entfernung stehen. Eine Menge Neugieriger am Zaun.)

Lothar. Ob sie nicht doch gerührt wird von den Blumen, wenn sie zurückdenkt. Ich will sie auch im Brautstaat wieder sehen.

Rufe. Wer ist das? Wer?

Mutter (erstaunt). Oh, der alte Lotharkarl. Laßt mich doch zu ihm hin.

Karl. Er ist ein Friedensstörer, Mutter, laß mich ihn abfertigen.

Brautmutter. Er mag im Grase Kuchen essen.

Mutter. Das sind doch meine Sachen, er kommt doch wegen mir.

Hecht (erregt). Das darf er nicht mehr.

Mutter. Es wird euch amüsieren.

Lothar (naht ein paar Schritte).

Rufe. Stehen bleiben.

Mutter (geht auf Lothar zu, aufgeblasener als ein Pfau).

Lothar (dem Weinen nahe). Das ist sie, meine Martha.

Mutter (wie mit einem Kinde). Was willst du denn mit deinem Sträußchen? Willst du gratulieren?

Lothar. Martha . . .

Mutter. Ich bin nicht deine Martha, sei bescheiden.

Lothar. Nimm diese Blumen, es soll das Letzte sein, ich komme mit nichts mehr, gar nichts mehr.

Mutter. Was soll ich denn damit?

Lothar. Nehmen. Vielleicht bewahrst du sie dir auf.

Mutter. Nur wenn du »Sie« sagst.

Lothar. Ach, nehmen Sie.

Mutter. Und wenn du mir eine Kußhand gibst, will ich eine davon aufbewahren.

Lothar (tut's).

Mutter (nimmt den Strauß und steckt eine Blume in den Kranz).

Hecht (stampft auf den Boden). Komme her. (Gelächter bei der Gesellschaft.)

Mutter (fast laut). Du wirst warten können.

Karl. Es gibt noch Händel wegen ihm, ich sage dir: »Hinaus«!

Lothar (schimpfend wie der Prophet Elias). Du wirst's noch bereuen.

Johanna (nähert sich ihm, wie fürsorgend). Geh doch, geh doch.

Pöbel (draußen). Lotharkarl, deine Liebste.

Lothar (schimpft im Weggehen gegen den Pöbel). Sie ist nicht meine Liebste. (Er entfernt sich unter dem Geschrei des ihn umhüllenden Pöbels und dem Hohngelächter der Gesellschaft.)

Mutter (nimmt die Blume aus dem Kranz und zertritt sie). Pfui!

Lothar (zurückrufend). Sie haben mir versprochen: aufbewahren.

(Die letzten Worte verschwimmen mit dem fernen Getöse des Pöbels.)

Mutter. Man verspricht viel.

Hecht. Zu was dann den ganzen Auftritt?

Mutter. Er mußte sehen, daß er mein Hanswurst ist.

Brigitte. Was war das für ein Mann?

Mutter. Mein Erster.

Brigitte (erstaunt). Der lebt noch? (Zu Karl.) War das Ihr Vater? Und heißt Weber wie Sie?

Karl (unterhält sich gedämpft mit Brigitte).

Johanna (beschäftigt sich augenfällig in der Nähe).

Lüstling. Musik! Wir schlafen ein, das wird ja ganz gedrückt.

(Gezwungene Gehobenheit. Einige stoßen an und trinken sich zu, die Musik kommt über das Stimmen nicht hinaus, die Gesellschaft ist an dem Punkt angelangt, wo die Mißstimmung und Langeweile ab und zu von einigen Murmlern unterbrochen wird.)

Frau Hecht und Hecht (unterhalten sich um so eifriger).

Hecht. Du hast erst gestern abend gesagt, du wollest ihn nicht mehr plagen, er verdien's eigentlich nicht.

Mutter. Und ich soll zu ihm gehen, wenn ich Heimweh habe, hast du selbst darauf erwidert, weil du selbst aus den eifersüchtig bist.

Hecht. Wie du an unserm Hochzeitstag so reden magst, von eifersüchtig, das gibt's doch nun nicht mehr, wir sind ja Mann und Frau.

Mutter. Darum hast du mich nur geheiratet, weil du glaubst, mich zu fesseln.

Hecht. Das brauche ich hoffentlich nicht, wir sind ja gut zueinander.

Mutter. Darum bist du gut, du fühlst dich in fortwährendem Verteidigungszustand. Gegen wen verteidigst du mich denn? Nenn' mir doch den Namen.

Hecht. Namen? um Namen kann es sich doch nicht handeln?!

Mutter. Um was denn? Ich kenne dich. Wenn man da hineinsehen könnte (macht eine entsprechende Bewegung), du bist mein dummes Männel. Immer soll man etwas verheimlichen. Sogar auf den halben Idioten bist du eifersüchtig.

Hecht. Es ist ja gar nicht wahr.

Mutter. Auf wen dann sonst?

Hecht (schweigt). Es ist was anderes.

Mutter. Schon wieder etwas anderes?

Hecht. Du hast wegen mir die Ehe gebrochen, das kannst du wieder tun.

Mutter. Da heiratest du mich?

Hecht. Ach höre auf, ich will nicht mehr darüber nachdenken.

Mutter. So ein unerquickliches Gezerfe. Habe dein Weib gern, dann braucht es keinen andern.

Hecht. Und dann . . .

Mutter. Noch mehr drückt dich?

Hecht. Die Johanna kommt alle Augenblicke zu dir und immer, wenn ich weg bin.

Mutter. Da red ich nichts, das ist mir wirklich zu gemein.

Hecht. Also doch.

Mutter (lauter). Das soll man nicht vermuten, auf was du anspielst. Warum zeigt mich denn nie eine an? – (Ruft.) Johanna.

Hecht. Sei doch ruhig.

Mutter. Dann sage so etwas nicht. Ich soll etwas mit der Johanna haben? Ich könnte auf Johanna eifersüchtig sein, du warst doch auch bei ihr.

Hecht. Martha! Wie kannst du das denken? Du weißt doch, was ich bei ihr tat. Wir konnten damit nur zusammen kommen.

Mutter. A, wer weiß?

Hecht. Du beleidigst mich.

Mutter. Nun sieh bloß, er ist zartfühlend und ich als Weib soll mir alles gefallen lassen.

Hecht. Ich habe gar nicht deine Freundschaft gemeint.

Mutter. Natürlich.

Hecht (wegwerfend). Ach.

Mutter. Ich glaube fast, wir hätten uns lieber nicht trauen lassen sollen.

Hecht. Martha! Hast du vergessen, daß es unser ehrlichster Wunsch war?

Mutter. Nein.

Hecht. Wenn ich vorhin angefangen habe, so war's bloß aus Mitleid mit dem Alten, er stand so da, als ob ihm in dir die Sonne entgegenstrahlen würde, wie wenn er dich noch einmal ganz in sich aufnehmen wollte, damit er den Eindruck nicht verwische.

Mutter. Du weinst ja beinah. Ich kann nichts dafür, warum willst du denn mein Mitleid mit Gewalt erregen? Ich bin froh, wenn ich Ruhe habe. Ich kann's unmöglich abändern, was geschehen ist. Reut dich denn etwas?

Hecht. Das mit der Kellnerin.

Mutter. Warum gerade das, wo wir gar nicht in Person beteiligt sind?

Hecht. Ich glaube, sie war meineidig.

Mutter. Nicht so laut, das wäre ja schrecklich.

Hecht. Nicht, als ob wir wieder von einander müßten, aber es wäre eine Sünde gewesen, den alten Mann so zum Schändling zu machen.

Mutter. Das sage ich auch, es war doch für uns auch nicht angenehm, so mit in der Oeffentlichkeit herumgezogen zu werden.

Hecht. Wenn wir nur nicht hereinfallen durch die Meineidige, ihr fällt alles ein.

Mutter. Wir sind ja zwei, und einer Meineidigen glaubt man nichts.

Hecht. Wenn sie sagt, wir haben sie bestochen.

Mutter. Haben wir das? Es war doch in Form einer Wette, die zustande kam, weil du den alten Weber bei ihr über die Berge lobtest.

Hecht. Es ist ja wahr. Wenn aber der Oberst mit dazu kommt und manches aufdeckt, zwischen uns.

Mutter. Dem lege ich persönliche Gehässigkeit in die Schuhe. – Der hatte eine stete Wut, weil er mich nicht bekam.

Hecht. Ist das nachzuweisen?

Mutter. Wenn ich das beschwöre, daß er mich vor Jahren angegriffen hat, tätlich, mich aber nicht zwang.

Hecht. Das ist mir ganz neu. – Kommt immer mehr heraus?

Mutter. Nun ist es alles.

Hecht (guckt starr zu Boden).

Mutter (weint). Das wollte ich aufs Sterbebette aufheben.

Hecht. Nun weiß ich, daß du stets gelogen hast.

Mutter. Zank nicht so heftig, die Gäste merken es.

Hecht. Sie sollen sich empören. (Er schlägt ans Glas, alles ist aufmerksam, er erhebt sich, Frau Hecht will ihn niederhalten.) Hier, meine Frau, hat mich stets angelogen.

(Allgemeines Gelächter.)

Hecht. Kann es denn niemand hören, nicht mein Bruder?

Rufe. Er wollte ja nicht kommen.

Hecht. Dann höret Ihr's! (Er zieht einen Revolver aus der Tasche und schießt sich nieder.)

(Wilde Flucht aller Gäste, auch der Frau, nur Karl bleibt.)

Mutter. Er ist verrückt geworden.

(Die Sonne blutet, man sieht den feurigen Horizont durch die Bäume blitzen.)

Lüstling (treibt alle ins Haus).

Karl (allein). Weil sie betrunken sind, da rennen sie davon. Hecht, bist du hin? Wahrhaftig war's ihm ernst. Was hat er bloß gemacht? Daß du dich ja aus Qual zu tot geschossen hast, weil dich dein Weib so schmählich hintergeht. Und die ist meine Mutter. Nun läßt sie dich allein im Drecke liegen. Auch dich hat schließlich mein Vater auf dem Gewissen, nun wird er voll ein Dackel werden. Nur seine Weiber kriegt er nimmer klein, die Schönheit ihrer Leiber macht ihnen Bahn. Du armer Hecht, die Mutter mußt' Versorgung haben, du warst gut dazu. Auf ihren Abweg kam sie durch den Vater, darüber streit' ich nicht. Die Missetat frißt dem Alten den Verstand, und Marie, dieses einzig Menschgeschöpf, hält bei ihm aus, weil er sie bannt mit seinen grauen Haaren. Die glänzige Haut, die durch die dünnen Haare scheint, möcht' ich am liebsten über seine Ohren ziehen.

(Lüstling kommt ans dem Hans zurück. Es wird dunkler.)

Lüstling. Ich habe das Rasen in die Gesellschaft gebracht, darum rannt ich mit, jetzt kehre ich zurück und will den Schaden ansehen. Gut getroffen. Wieder einmal einer. Ich führe eine Liste mit Rubriken, man heißt das Statistik, die mache ich. Es ist verdammt, ein schönes Weib zu haben, ich kenne sie und muß den Geist von Ihrer Mutter ehrlich schätzen. Wenn diese Frau nicht das Beste wird, so staune man nicht.

Karl. Ich wünsche, daß sie sehr geschmeidig wird. Doch brauch' ich keinen Vortrag, weiß so viel, wie Sie.

Lüstling. Weit mehr! Das glauben alle jungen Leute.

Karl. Ich bin nicht jung. Wir müssen ihn begraben.

Lüstling. Ohne Polizei? Wie unerhört.

Karl. Was braucht es außer ihm noch and're Leichen?

Lüstling. Der Gedanke ist verbreitet, aber die Gerechtigkeit läßt sich kein Festessen nehmen.

Karl. Ich spielte herzlich gern der Obrigkeit den Streich.

Lüstling. Wir könnten Freunde werden.

Karl. Ist nicht nötig.

Lüstling. Und warum nicht?

Karl. Wenn ich allein bin, verraten mich keine Freunde.

Lüstling. Hab' ich von diesem Mord etwas verraten? Im Gegenteil, ich schloß das Haus ab, damit die Stadt kein Tönchen jetzt erfährt, damit sie innen ruhig tanzen können.

Karl. Tanzen? Das darf nicht sein, das gibt ein schlimmes Ende.

Lüstling. Dann fällt nichts auf.

Karl. Und doch haben Sie im Sinn, Verräter zu werden, es ist das Ihr Charakter.

Lüstling. Niemals, schwör' ich Ihnen, da müßt ich schon einmal gelogen haben.

Karl. Sie haben gehöhnt, darnach geh' ich. Und Ihnen war es gar nicht recht, mich hier zu treffen.

Lüstling. Gesucht hab' ich Sie, direkt gesucht, das schwör' ich.

Karl. Sie haben's meiner Mutter zugeschoben.

Lüstling. Einbildung. Ich hab' es doch gesehen, daß ein Oberst in Uniform ihm gegenüberstand und ihm eins hineinknallte. Das kam und ging wie ein Gespenst.

Karl. Ich glaube, Sie sind das Gespenst, das die Gespenster sieht. Wo ist der Schuß? (Zeigt den Revolver.) Im ganzen hat er fünf und vier sind da. Und wieviel Schüsse sind gefallen?

Lüstling. Zwei.

Karl. Die haben Sie gehört. Ich hörte einen. Doch lohnt es sich, Zeugen aufzurufen.

Lüstling. Macht keinen Pausch damit, ich habe Unohren.

Karl. Was für Ohren?

Lüstling (würdig). Ich höre was vom Un schallt, Hecht ging's gerade so. Er hat den Oberst vor sich stehen gesehen und konnte nicht entwischen. Fieberschweiß.

Karl. Woher willst du das wissen, Tastenkatze?

Lüstling. Ich hab ihn ja gesehen, siehst du mich?

Karl. Das wär noch schöner, »unsichtbarer Zentner«.

Lüstling. So sah ich ihn. Sieh mich doch an. (Verschwindet.)

Karl (suchend). Teurer Freund!

Lüstlings Stimme. Karl.

Karl (wendet den Kopf). Ja. – Marie, wo bist du?

Lüstlings Stimme. Bei meinem Vater.

Karl (wischt seine Stirne ab). Oder Hecht, hast du mir gerufen? Nein, er schweigt, er sägt mit seinem Blut den Weg entzwei. Ich muß mich fassen, ich bin sein Mörder nicht. Es raschelt hinter mir im Rosenstrauch. »Ihr Rosen, gehet auf, ich muß euch blühen sehen.«

(Rosenstrauch voll aufgeblüht in magischem Licht.)

Karl. Es sind wie lauter Wunder, was ich vernehme, ich habe noch kein Weib so tief betrachtet, so will ich Frauenleiber vor mir liegen sehen, wie diese Rosen, die sich schmiegen an die volle Luft. Und wo ich da beginne, wird der reine Wuchs sich biegen, in diese Formen meiner schwelgenden Begierde.

(Brigitte tritt auf, nackt vor Karls Augen, von den Dornen des Strauchs berührt.)

Karl. Was regt sich noch dahinter? Es windet sich ein Hals durch und zwei Achseln, und edle Arme, die aus verborgenem Born entlang den Hüften gleiten und Linien mir bezeichnen, lang zur Erde. Wie gibt dem Schritte jede Rose nach. Die Dornen gleiten an den weichen Gliedern ab und fangen doch die Spitzen voll mit süßem Blut. Nun stehst du vor mir, Weib, die Schlange kältet deinen Arm und lebt durch deine Wärme, der Stein in ihrem Kopf, er funkelt durch dein Leben; ich kann es nur mit meinen Händen sagen, wie schön du bist. Komm mir doch nah genug. Du hast dem Rosenstrauch sein Licht genommen, weil du ihn überstrahlst mit deinem Fleisch.

Brigitte. Karl, ich komme zu dir, du bist so allein. Was hast du nur, daß du dich einsam machst? Das Tanzen mag ich auch nicht. Die Stunde, wo wir uns treffen wollten, ist so langsam gekommen, Karl, hinter diesem Strauch, – jetzt sind wir da.

Karl. Brigitte, küsse mich, ich will die Liebe, die du zu mir hast, so gerne haben. Das sind die schönen Arme und dein schlanker Hals, ich will die Achseln und den Nacken küssen, du hast mir erst gezeigt, wie schön das alles ist.

Brigitte. Karl, ich hatte keinen andern Wunsch, als dir mich ganz zu geben.

Karl. Wie sonderbar, daß du dich selber gibst, als Weib dich anbietest, wo du die Schönste bist von allen. Wie kommt das? Will mich die mindere Schönheit durch Verdecken zum Ausreißen zwingen?

Brigitte. Karl, deine Leidenschaft verirrt sich überall, nimm mich, ich bin wie du. Wenn du es wüßtest, wie mein Heimweh drückt, wenn ich dich leiden seh. Karl, ich möchte dich zu meinem Liebsten. Ich kann noch schöner sein, als ich jetzt bin, wenn ich erst dein bin.

Karl. Brigitte, du hast mich schon lange.

Brigitte. Ich wein vor Glück, Karl.

Karl. Ich bin ein Schuft, ich habe dich angelogen. Ich habe meinen Ring an eine andere schon vergeben. Eh' ich ihr offen mein Versprechen zurückgab, darf ich dich nicht berühren.

Brigitte. Löse das Versprechen jetzt, so lange wir hier weilen, lös es mit mir.

Karl. Wär das ein Recht?

Brigitte. Du hast sonst nicht das Herz, den Ring zurückzugeben. Wenn du von meiner Liebe ganz erfüllt bist, ist dir's wie beim Spiel.

Karl. Was soll ich tun? Die Mutter hat uns verlobt.

Brigitte. Wenn du das fühlst, was wir beide wünschen, so bleibst du bei mir und gehst nicht mehr davon. Du stürmst nicht mehr mit Wut entgegen allem. Es wird dir klar, was du zu tun hast. Warum willst du nicht mich? Nur das gewöhnliche, niedere Frauenzimmer? Ich kann dich nicht begreifen, daß du nicht zu mir kommst, wo ich dir alles offen sage und mich dir zeige, vor deinen großen Augen. – Ach komm doch nieder. (Sie zieht Karl mit auf den Boden.)

Karl. Ich darf das nicht, du sprichst nur süß zu mir.

Brigitte. Du bist ein Jüngling und darfst alles. Kann man nicht jung sein dürfen, wenn man's ist? Die Lüge machen bittere Leute, die ihre Tugend reut.

Karl. Du trägst die Schlange als Symbol.

Brigitte. Weil ich den schönen Arm selbst innig liebe und ich mich freue, wie sich die so glatt hinunterschlängelt. Wenn du's nicht willst, daß ich den Schmuck trage, so werf ich ihn weg. (Bewegung dazu.)

Karl (abwehrend). Nicht, laß sein, ich hab ihn dir gegeben.

Brigitte. Dann hast du mich für schlimm gehalten. Das bin ich nicht.

Karl (steht auf, Brigitte richtet sich mit hoch). Ich will kein Narr sein und mich überreden lassen. An einer, die sich bietet, kann kein Anstand sein. Und magst du noch so schön sein.

Brigitte. Soll ich dir sagen, was deine Braut für eine ist?

Karl. Ein anderes mal, du dichtest was zusammen.

Brigitte. Soll ich wirklich gehen?

Karl. Ja.

Brigitte. Ich laß dich nicht gern mit dem Ding allein.

Karl. Johanna kommt, geh doch.

Brigitte. Karl, ich bin traurig, die betrügt dich. Sag ihr, du liebest mich, dann gib ihr deinen Ring und zieh den ihren ab. (Geht.)

Karl. Daran denken will ich, geh. (Für sich). So feindselig kann sie also doch sein, mein Brigittchen.

(Johanna in der weißen Kellnerinschürze.)

Johanna. Wie, du bist da?

Karl. Du kommst doch wegen mir.

Johanna. Ich laufe dir nicht nach.

Karl. Warum kommst du dann?

Johanna. Ich wollte mich erholen, ich glühe ja.

Karl. Hast du so getanzt? Dann ist das hier der rechte Ort, sich zu erholen, wo ein Toter mufft.

Johanna. Liegt er noch da? Das wundert mich. Herr Lüstling sagte, er sei fortgeschafft. Dir gefällt es übrigens auch bei ihm, was hat denn dich hierhergezogen?

Karl. Eine Dame.

Johanna. Du kannst mich nicht mit etwas ärgern. Ich laß dir deine Dame! mach's eben wie du. Es war sehr schön da drinnen.

Karl. Johanna, reiz mich nicht. Wenn ich dir ja das glaubte, so wär's dein letztes Wort gewesen. Du redest so lang, bis du bei ihm liegst im nassen Grase. Sieh, wie sich's liegt.

Johanna. Wer stand denn da bei dir?

Karl. Eine Dame.

Johanna. Darf ich dich so bedrohen? Wie du mich wegen Einbildungen?

Karl. Ich sagte, wenn's so wäre.

Johanna. Bist du denn eigentlich mein Schatz?

Karl. Das weißt du.

Johanna. Mein Schatz steht nicht bei Damen, sondern ist bei mir.

Karl. Da du mich nie anhörst, so muß ich meine Sonderwege gehen.

Johanna. Glaubst du, das hätt' ich nicht gewußt?

Karl. Und du läßt mich ganz ruhig laufen, so sehr liebst du mich und so viel Anstand besitzest du?

Johanna. Ich soll den Anstand opfern, das ist dein Verlangen. Verlangt das auch ein Bräutigam von seiner Braut? Das spart man auf die Brautnacht auf, und da ist es noch nicht einmal sehr anständig, sich gleich zu besuchen, wenn's Haus von Gästen wimmelt.

Karl. Wenn du bisher ganz keusch gewesen wärest. (Aufgeregt.) Du weißt, wie ich dazu kam. Nun wir zusammengehen, bist du voll Scham. (Mit Hohn.) Es scheint mir aus Berechnung, du glaubst, ich habe mich verlobt, um dich zu zwingen. Oder verschließt du dich, weil du glaubst, mich zwingen zu können, dich zu heiraten? Von Liebe kann ich jedenfalls gar nichts in dir entdecken.

Johanna. Die Liebe muß man suchen.

Karl. Das hab' ich doch schon tausendmal. Wie hab' ich dich bestürmt und an dir herumgefleht, denk' an die langen Abende. Doch nie, gar nie hast du mich aufgenommen. Mit Küssen wurd' ich überschüttet, aber Liebe war das nicht.

Johanna. Weil du mich nur zeitweise versuchst, darum halte ich mich zurück.

Karl. Wenn ich das dauernd machte, mich so grausam innerlich zerwühlen, um dich dahin zu bringen, dann wäre ich schon vor Wochen zu den Toten.

Johanna. Dahin bringen, das ist es, was du willst. Die Liebe gibt sich das von selbst.

Karl. Warum dann zögerst du? Wir sind nun hier allein.

Johanna. Ja, liebst du mich etwa? Ich glaub' es nicht und schwörst du tausendmal, das fühlt ein Weib am Herzen, nicht am Schwur.

Karl. Warum dann fühlst du's nicht? Ich habe dir vergeben, war das nicht Liebe?

Johanna. Wenn du mir's täglich vorhältst?

Karl. Du müßtest durch mich besser werden, hoffte ich.

Johanna. Ich will ja gar nicht besser werden.

Karl. Wir fahren Karussell und kommen nie zusammen.

Johanna. Wenn du zuviel verlangst, dann wird es so.

Karl. Johanna, hier hast du deinen Ring!

Johanna (nimmt ihn).

Karl. Ich will den deinen.

Johanna. Den kriegst du nicht.

Karl. Warum? Reut dich's?

Johanna. Dann hätt' ich deinen nicht genommen.

Karl. Warum gibst du mir dann den deinen nicht?

Johanna. Ich sehe in die Zukunft.

Karl. Du meinst, ich hol' ihn wieder? Nie. Oder willst du zwei Goldringe haben?

Johanna. Warum machst du das eigentlich? Das wußtest du vorher, daß wir nicht zueinander passen. Du bist aus besseren Kreisen, und ich bin Kellnerin, das ist es ja bloß, was dich sticht.

Karl. Nun ja, schwätz, was du Lust hast, mich liebt eine andere.

Johanna. Mich haben auch schon andere gewollt als du, Schlechtgewachsener.

Karl. Ich habe wohlgebaute Glieder, und die mich liebt, ist schöner auch als du.

Johanna. Du hast bloß eine Wut, daß ich dich nicht herlasse.

Karl. Wie bäurisch du dich ausdrückst, wie wenn wir Tiere wären.

Johanna. Jetzt bin ich nicht mehr fein genug, mach daß du fortkommst. Ich schicke dir den Ring zurück.

Karl. Dann gib ihn gleich.

Johanna. Karl, das hätt ich nie gedacht, daß du nur beabsichtigt hast, ein paar Wochen mit mir zu spielen. Ich hatte meine ganze Hoffnung auf dich gesetzt, ich ließ mich durch dich vom Wasser zurückhalten.

Karl. Das war sehr töricht von mir. Und nachher kam mir meine Retterrolle lächerlich vor.

Johanna. Ich hab es wegen dir aufgegeben, deinen Vater um Mitleid anzuflehen, das hast du nur getan, um deinem Vater Unannehmlichkeiten zu ersparen.

Karl. Johanna, das ist falsch. – Weine nicht. Wenn du nur einmal zeigen wolltest, daß du mich liebst.

Johanna (mit irrer Gebärde). Dann zwingst du mich, das Heiligste, was ich mir vornahm, zu brechen, »ganz keusch zu leben, bis du mit Karl dich trauen läßt«. Ich wollt es dir nie so laut sagen, daß du mir wie mein Heiland bist.

Karl. Wenn du mich so betrachtest, will ich es nicht haben. Ich will ein Weib, das feurig lieben kann, so wie Brigitte, meine neue Braut.

Johanna. Daß die dir mehr gefällt als ich, das nehm ich dir nicht übel, das darf ich nicht, ich liebe sie zu sehr. Ich kann dir sogar meinen Glückwunsch nicht versagen. Karl, so bevorzugt bin ich nicht, das weiß ich selber.

Karl. Du liebst sie? Und wenn sie dich haßt?

Johanna. Dann weiß ich nicht warum. Es tut mir weh, das zu erfahren.

Karl. Johanna, du bist großherzig, vergib mir. – Ich wollte dich nur prüfen.

Johanna. Wie lange prüfst du mich? Ich hab das satt, das macht mich krank. Ich kann dir diesmal nicht vergeben. Hier hast du deinen Ring mit deinem Namen.

Karl. Ich nehm ihn nicht. Noch einmal, nur noch einmal behalte ihn.

Johanna. Wenn du nie mehr das Verlangen an mich stellst.

Karl. Ich tu das nicht mehr.

Johanna. Das hast du oft gesagt. Gibst du dein Ehrenwort?

Karl. Johanna, wenn du's willst.

Johanna. Komm, einen Kuß. (Sie küßt Karl.) So. Wirst du's auch halten?! – – Jetzt darf ich aber nicht vergessen, dir zu sagen, warum ich herkam.

Karl. Ich glaubte, das zu wissen.

Johanna. Kennst du das Gerücht nicht, das umgeht?

Karl. Welches?

Johanna. Von . . .

Karl. Von wem?

Johanna. Ich sage es nicht.

Karl. Dann liebst du mich auch nicht, dann ist's doch aus mit uns.

Johanna. Das ist besser, als wenn du Dummheiten machst.

Karl. Ich, Dummheiten?

Johanna. Deine Mutter hat es mir gesagt, ich soll dir doch einen Wink geben, du könnest etwas dagegen machen.

Karl. Warum sagst du's dann nicht?

Johanna. Es könnten mehr als Dummheiten werden.

Karl. Wenn's mich betrifft.

Johanna. Dich nicht direkt, dann kann ich's also sagen. – Dein Vater habe Marie seit ein paar Tagen eingesperrt, vermutlich damit sie nicht plaudern kann.

Karl. Ist das Gerücht? – Nein, Wahrheit ist's. Ich trau's ihm zu. Wieviel Uhr ist es?

Johanna. ungefähr elf Uhr.

Karl. Wenn's zwölf Uhr schlägt, dann denke an mich. Sag's auch der Mutter. Ich zeig's dem grauen Kopf.

Johanna. So eilt das nicht.

Karl. Soll ich noch eine Nacht verstreichen lassen? – Marie, die ich nicht wagte . . . die ich wollte, liebte . . .

Johanna. Du wirst doch nicht etwa deinem Vater auf den Kopf schlagen?

Karl. Ich kann auch das. Es ist noch besser, du hast recht. (Ab durch die Gartentüre.)

Johanna. Ich habe die Mitteilung zur rechten Zeit gemacht, ich will die Taschen meines Herrn ein wenig plündern. (Sie macht sich ans Werk und läßt von Zeit zu Zeit einen Gegenstand aus Hechts Taschen hinter ihrem Korsett verschwinden.) – Vergessen hab' ich hoffentlich nichts, ich kenne Männeranzüge im großen ganzen. Zusammenräumen, das sieht fleißig aus und gehört zu meiner Pflicht. (Sie räumt die Tafel auf.).– Ich werde wohl einen Trauring hergeben, der vierundzwanzig Mark gekostet haben soll. Beide hab' ich jetzt, sind achtundvierzig Mark, die hab' ich und er hat nischt: den Mann hat's. Das Weberchen ist mir so pipe, so pipe. – (Zu Hecht.) Ist's nicht? Du zappelst wohl? (Schüttelt den Kopf.) Es hat sich zu kalt in seine Taschen gegriffen. – Nur die Brigitte braucht ihn nicht, diese fromme Hure. Na, die vergift' ich einmal noch, sonst verrät sie mich, die schöne Hexe. Mit diesem Fang wäre sie endgültig herausgewesen, nachdem sie zweimal körnig hereingefallen ist. Drum mach' ich das um Geld und nicht um Liebe. Was soll denn das Geheule von der Güte? Meine Güte! Am Ende werd' ich's los, natürlich wäre es nett, wenn es ein Schnippchen vorher gäbe, er hat so ein Depot auf der Rentenanstalt, das müßt' er einmal holen gehen, sonst fällt es noch der lieben Mutter zu. Da kommt sie schon. Wer ist die Bessere, ich oder meine Freundin? Ich habe zuerst nach dem armen Toten gesehen.

(Frau Hecht erscheint.)

Frau Hecht. Hast du nach Hecht gesehen? Ist er schon steif? Damit er nicht mehr aufspringt gegen mich. Wenn er erwachte, würd' er vielleicht der Meinung sein, daß er hätte »mich« erschießen sollen. Aber so hat es eben ihn gebissen. Das sollte mich vielleicht auch noch bekehren, das ist die große Eitelkeit bei dieser Selbstmördern.

Johanna. Untersucht habe ich ihn noch nicht. So wird man sich indeß nicht stellen, daß man heraus ins feuchte Gras liegt und frierend zuhört, wie es walzt und flötet.

Frau Hecht. Was hättest du so lange dann getan? Du hast ihm doch etwas genommen?

Johanna. Ich, nehmen? Was ich nicht verdiente? Was denkst du von mir, Lona?

Frau Hecht. Zum erstenmal mein neuer Name, den wir morgen an die Türe nageln wollen.

Johanna. Es wäre nicht nötig, den Namen zu ändern. »Martha«. Man erwartet etwas Eigenartiges bei dem soliden Namen.

Frau Hecht. Das freut mich riesig, daß du daran erinnerst. – Aber wir nehmen doch alle, sei doch offen.

Johanna (zitiert falsch). Nulla regina sine exceptione.

Frau Hecht. Hast du dich nicht versprochen?

Johanna. Nein, so hab' ich's gelernt, ich hätte sogar Schauspielerin werden sollen.

Frau Hecht. Da gehört nicht bloß Verstellung dazu, sondern auch Ekstase.

Johanna. In die gerat ich gleich.

Frau Hecht. Dann will ich lieber vorher fragen, hast du die Tasche auf dem Hintern nicht vergessen?

Johanna. Hat er dort was Besonderes? Dann wollen wir nachsehen.

Frau Hecht. Ich will das selbst machen, du könntest unterwegs davon verlieren.

Johanna (für sich). Wie konnt ich die vergessen, ich Ochse!

Frau Hecht. Aber kalt ist's da drin.

Johanna. Ja? Da könnt ich nicht hineinlangen.

Frau Hecht. Es darf nichts fallen, mir ist es, als würden wir behorcht.

Johanna. Es ist auch seltsam, wie wenn er schon ginge. Er macht sich sicher fertig auf zwölf Uhr.

Frau Hecht. Du mußt mir auch noch Angst machen, wenn ich gerade hineingreife.

Johanna. Ich hätte keine Angst, aber Karl ist hinauf zum Alten.

Frau Hecht (ganz Ohr). Ist er?! Wann ist er zu ihm hinauf?

Johanna. Um elf Uhr. Jaso, er sagte überhaupt, ich soll dir sagen, du sollst um zwölf Uhr an ihn denken.

Frau Hecht (schweigt).

Johanna. Es ist nicht anders.

Frau Hecht. Wie weit ist's noch auf zwölf?

Johanna. Es wird gleich schlagen.

Frau Hecht. Es ist nicht mehr drin, man hat's gestohlen. Soll ich dir in die Taschen fahren?

Johanna. Ohne Zögern, bitte, sieh nur nach.

Frau Hecht (fährt mit beiden Händen in Johannas Taschen). Du hast ja gar nichts, aber eine Hitze. (Sie küßt Johanna.) Johanna, wir ziehen nah zusammen.

Johanna. Auf denselben Stock, du rechts, ich links, und zwischen uns lassen wir wieder die Wand durchbrechen.

Frau Hecht. Dann bleiben wir da wohnen, wo wir uns bisher im Geheimen amüsierten. Zu was dann ausziehen? Uebrigens habe ich ein Testament. Bedenke, so jung und schon vor der Hochzeit ein Testament machen! Ist das nicht edel?

Johanna. Ich hätt's ihm fast nicht zugetraut.

Frau Hecht. Aber ich. – Selma wohnt von jetzt ab mit mir, da mußt du d'ran denken.

Johanna. Dann sei recht Vormund! Ja gewiß!

Frau Hecht. Sie ist doch meine Tochter.

Johanna. Mehr Freundin, die geduldet wird.

Frau Hecht. Wer von uns zwei Beiden rechnet dann ab?

Johanna. Das muß zusammen geschehen.

Frau Hecht. Ich schenke dir Vertrauen, ich habe mich ja gerade von deiner Wahrheitsliebe überzeugt.

Johanna. Wir sind großartig. (Sie umhalsen und küssen sich.)

Frau Hecht. Nicht wahr?

Johanna. Das ist unsere schönste Stunde heute, wo wir uns in den Armen liegen und uns für immer bekommen.

Frau Hecht. Kommt dort nicht jemand?

Johanna. Es ist besser, du bleibst allein da, für die trauernde Witwe nimmt sich das vorzüglich aus.

Frau Hecht. Geh' rasch, durch die Gartentür, erwarte mich bald.

Johanna. Das paßt mir. – Weine jetzt! (Ab).

Frau Hecht. Trag's heim! Es ist dein Anstandserbteil; vergrab's! Ich weiß den Platz; stehle die Krone auch vom andern Adler im Reichskanzlergarten, ich hab's gesehen. Du kommst ins Zuchthaus schneller als durchs Strahlrohr einer Feuerspritze, dann wirst du arm, wie eine rasierte Aeffin. Brigitte kam schon zu mir, wegen deinem Meineid, da fang' ich lieber selbst den Prozeß an, damit Brigitte meine Ohnmachtskette auch für echt hält. Halt mit dem Lüstling dicke Freundschaft, der will die Marie, und darum fliegt er emsiger als ein Bienerich von dir zu mir, denn ich kann nur das Töchterlein ihm schaffen, gnädig schenken. Wenn du dann im Zuchthaus bist, und während sie dich womöglich im Krampfkasten zähmen, nehme ich dir auch weg, was du von meinem »teuren Toten« gekriegt hast. Lüstling ist gegen mich liebreicher als ein Federbett mit »Braunen«. Hecht hat mir sein Metall und Kunstholz vermacht. Karl ist mein genialer, unmaterieller Sohn. Selma meine dumme Tochter. Marie meine Reserve. Das ist meine Burg, »ich möchte fast den Choral singen«. Ich werde steinreich, dann krieg' ich immer wieder Männer, und meine Bälge erben mich einmal, wenn ich's verjubelt habe. (Pause, es schlägt auf der Kirche dreiviertel zwölf Uhr.) Jetzt muß ich dann an Karl denken, es hat dreiviertel geschlagen. Karl, mach es gut, gerat in deine Wut! womöglich schlag dem Alten über seinen Nischel, dann mag er weiter knieen und um mich betteln. Der Mann meint ja wunderwas von sich, daß ich für ihn da sein soll. Das war Kinderei mit seinem »lieb sein«, was rechte Menschen sind, die sind sinnlicher als Tiere. Ich werde doch kein Herzklopfen kriegen, das wäre neu. Was soll das sein? Ich habe doch nie etwas von ihm gewollt. Warum klotzt mich das Bild, das ich fortwährend in mir herumtrage, auf einmal so unverschämt an? das weint ja alles zusammen. Meine Kinder und alles! Höret doch auf, sehet hinum! Hecht, bleibe liegen! Hecht, bleibe liegen! Hecht, steh nicht auf! Du sollst ja Gesellschaft kriegen. Ich möchte es wenigstens. Gerade wegen dem Falschen hast du dich erschossen. Der Oberst hat mir nichts getan, der kriegerische Schulmeister. – Karl hat die Türe eingedrückt, ich hab's gespürt. (Mit heftigem Pressen der Hand aufs Herz.) Wie mag's da aussehen?! Schlägt's bald? schlag, schlag, schlag. (Pause, es schlägt zwölf Uhr.) Ich denk an dich, ich will beten. (Betet.) Herr Jesus, Gottes Sohn, dreieiniger Gott, allmächtiger Herr, hoffentlich geht's gut. Wir tun es, weil wir gerecht sind. Wir wollen überall deinen Ruhm zu unserem täglichen Brot. (Während des Gebetes schlagen ringsum alle Uhren.) Karl, was machst du? (Aufschreiend.) Der ist ja gespalten, der Kopf! (Sie packt sich krampfhaft mit der Hand im Nacken, grunzend.) Karl, er ist vor dir geknieet, dir geht es schlimm. (Pause, vor dem Garten Fackelschein und viele Schritte, knarrende Wagenräder.)

(Beamte und Leichenträger mit Sarg erscheinen, Lüstling unter ihnen, mit furchtbar erschütternder Niedergeschlagenheit.)

Frau Hecht. Sie kommen und holen mich! (Beim Sichtbarwerden der ersten Uniformen.) Was wollt ihr da?

Beamter. Sind Sie Frau Hecht?

Frau Hecht. Ja, ja, ich bin's. Was wollt ihr denn von mir?

Beamter. Ihr Mann liegt hier?

Frau Hecht. Ja, da. (Deutet hin, einstweilen hat sich ein Kreis von der Totenschau gebildet.)

Beamter. Bleiben Sie nur ruhig, gnädige Frau. Wir haben die Pflicht und den Auftrag, das Unglück in Augenschein zu nehmen.

Frau Hecht. Dieses entsetzliche Unglück. Alles über mich!

Beamter. Meine herzliche Teilnahme möge Sie beruhigen.

(Die Hochzeitsgesellschaft kommt jubilierend mit Lampions in den Garten heraus.)

Frau Hecht. Die Gäste wissen's nicht, ihr Jubel foltert mich.

Beamter. Den Platz absperren! Die Leute haben nicht den mindesten Takt.

Frau Hecht. Doch, wenn Sie's wüßten.

Beamter. Ich seh's, der Fall liegt klar, Sie sollen den schrecklichen Anblick nicht länger haben. Totengräber!

Lüstling (schluchzend). Danke schön . . . n . . .

(Totenstille, nur das Gehen und Arbeiten des Totengräbers und seinem Gehilfen ist hörbar.)


(Vorhang.)

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