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Gutenberg > Hermann Essig >

Ueberteufel

Hermann Essig: Ueberteufel - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
authorHermann Essig
firstpub1912
year1914
publisherVerlag der Sturm
addressBerlin
titleUeberteufel
created20060713
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Dritter Aufzug.

Personen:
Lothar Weber,  |  Oberst,
Martha Weber,  |  Hecht,
Karl,  |  Lüstling,
Selma,  |  Johanna.
Marie,  | 

Scene: Wohnung des Vaters Weber. Mansardenstube mit einem kleinen Balkon aufs Dach hinaus (die hintere Türe). Das Dach steigt von halber Türhöhe schräg nach vorne. Rechts eine Türe ins Nebenkämmerchen, links Türe ins Treppenhaus. (Treppen hinunter zu den unteren Stockwerken und hinauf zum Boden.) Die Stube hat einfachen Bretterboden, mit Leisten vernagelte Wände, aus Holzbrettern, ebenso die Decke. Die Türe auf das Dach hinaus ist mit Glasscheiben versehen, zu beiden Seiten der Türe kleine Mansardenfenster, durch die der Mond scheint. Durch die Türe tritt man auf einen ungefähr zwei Quadratmeter großen Balkon, dessen Geländer einfache Eisenstangen sind. In der Stube befinden sich ein Tisch, drei Stühle, ein Bett, ein Stiefelzieher, eine Kiste (als Nachttisch), ein Bild von Frau Weber, als Mädchen, über dem Bett. Die Heizung versieht der aus den unteren Stockwerken durchlaufende Kamin. Auf dem Tisch steht eine magere Erdöllampe. In der Kammer rechts schläft Marie. Es ist nach Mitternacht. Die Lampe brennt noch auf dem Tisch. Weber sitzt auf einem Stuhl. Johanna im Unterrock, ihr Oberkleid liegt auf dem verlegenen Bette.

(Lothar Weber, mit eisgrauen Haaren. Johanna.)

Johanna. Wenn du mich anstarrst, geh ich doch nicht, Lothar.

Weber (zitternd). Sie sollen gehen.

Johanna. Es ist nicht weit vom Tisch zum Bett.

Weber. Ich ruf um Hilfe jetzt. (Er ist aufgestanden.)

Johanna. Nach Mitternacht, so zeitig!? Ich bin schon lange da.

Weber. Noch länger laß ich mich nicht quälen. Sie sollen hinaus! Ich will davon nichts wissen.

Johanna. Jetzt fängst du selber an, aha, du bist vom Stuhl aufgestanden, um mit mir zu Bett zu gehen.

Weber (ruft). Karl, zu Hilfe!

Johanna (drohend). Willst du ruhig sein! Muß denn das ganze Haus zusammenlaufen?! Man erschrickt ja ganz.

Weber. Wäre nur mein Karl da, wäre nur mein Karl da.

Johanna. Dein Sohn hat mehr Gehirn, als du verschämter Alter. Wenn man seine fufzig auf dem Buckel hat und so verzärtelt tut, Jesus Maria! Dein Sohn, der weiß schon, wo man die Waden sucht und wo die Nymphen sind. Wenn nun zu dir einmal eine kommt, da schreist du wie besessen. Das wäre wohl die Welt, noch einmal lustig sein. Was will ich weiter? Ich lasse dich in Ruh, sobald du weich gibst. (Sie nähert sich ihm.)

Weber (abwehrend). Ich haue zu.

Johanna. Du! Ich kratze. – Was fällt dir ein?

Weber. Ich habe Sie nicht gerufen. – Das ist meine Stube.

Johanna. Auf die kannst du stolz sein. – Und wenn du mich nicht gerufen hast, so tu so, du hast mehr davon. So hast du nichts und hast denselben Lohn. Was soll der Anstand vor vier leeren Wänden?!

Weber. Dort hängt Martha (zeigt auf das Bildchen). Drinn' schläft mein Kind.

Johanna. So ein Narr! Vor Bildern hat er Angst. Vor mir, die's will, bist doch allein. Wem sieht man seinen Umtrieb mit der Einsamkeit denn an? Dir beispielsweise nicht.

Weber. Ich hab auch keinen Umtrieb mit der Einsamkeit, den haben verschimmelte Weiber.

Johanna. In meinen Augen bist du wie ein Knabe. Der weiß von nichts.

Weber. Mit meiner schweren Bürde schwerer Jahre! Dann hält dein vetterisch Geziefer für reife Männer nur die Rotzlappenstecker, die zur Parade laufen.

Johanna. Bravissimo! Nur aufgewacht, Lothar mit deinem Schimmelhaar.

Weber (aufgerichtet). Kein Spöttchen mehr.

Johanna. Wenn es mir paßt (erneut zudringlich).

Weber. Marie, zu Hilfe!

Johanna (für sich). Ich gab ihr Baldrian. (Stille.) Das wird viel helfen unterm Dach, und so ein Kindchen, das ich mit samt dir unter den Tisch quetsche. – Nun ist's genug, ich lege mich ins Bett.

Weber. Hinweg von meinem Bett!

Johanna. Etwas werd ich dürfen. Du kannst ja bei mir liegen und die Kleider anbehalten. (Sie legt sich hin.)

Weber (wagt nicht hinzutreten). Die legt sich mir dahin, wie eine reisefertige Sau. Hab ich die kleine Wohnung nicht für mich gekauft? Wenn es zum Morgen geht, dann steht Mariechen auf. (Er geht an die Kammertür, die verschlossen ist.) Verschlossen! (Halblaut.) Mariechen – Mariechen.

Johanna. So eine Rohheit, das Kind aus dem Schlaf wecken, was willst denn bei ihr?

Weber. Hier darf nicht abgeschlossen sein.

Johanna. Warum denn nicht?

Weber. Ich muß wissen, ob sie lebt.

Johanna. Man hat doch keine Ruhe. (Erhebt sich und schließt die Kammertüre mit dem hervorgeholten Schlüssel auf). Ich will nur sehen, ob du das fertig bringst, das Kind zu wecken.

(Beide verschwinden, Johanna hat die Lampe genommen. – Klopfen an der Stubentüre, Stille, weggehende Schritte.)

Weber (kommt zurück, hinter ihm Johanna). Ach, wie das Kind schläft, mein Mariechen, wär ich doch ein Kind.

Johanna (mit der Lampe, für sich). Der Schlaf ist gar nicht echt, du schwacher Alter. (Laut, sie setzt die Lampe nieder.) Jetzt lösch ich aber aus, ich will schlafen. (Sie löscht aus und legt sich krachend auf das Bett.)

Weber (hat sich auf einen Stuhl gesetzt und nickt allmählich ein, der Mond scheint auf seinen weißen Scheitel).

Johanna (schnarcht).

Weber (von Zeit zu Zeit sprechend). Ich hab mich an der Wohnung so gefreut, nun muß ich dieses wüste Stöhnen hören. – Wenn ich was Spitziges nähme! Ich kann doch sagen, »sie hat mich überfallen«. Nur darf sie dabei nicht im Bette liegen. (Er zieht eine Petroleumkanne hervor.) Jetzt hab ich's in der Hand. Ich zünd mein Stübchen an und gieß das Oel gerade über sie . . . (Das Schnarchen stockt, draußen nahende Schritte.) Sie hat's verdient. – Und wenn Mariechen mir verbrennt. (Stützt den Kopf auf und sinkt in Schlaf.)

(Stille. – Klopfen an der Stubentüre. – Stille . . . Wieder Klopfen – Stille, weggehende Schritte hinauf auf den Dachboden.)

Weber (auffahrend). Es hat gepocht. (Rufend.) Ist jemand draußen?

(Keine Antwort.)

Johanna (verschlafen). Wer wird auch klopfen? Bei dir ist nichts zu finden.

Weber (für sich). Sie ist eine Diebin, die sich versteckt.

(Stille, nach einer Weile Rutschen übers Dach.)

Weber. Sie kommen übers Dach.

Johanna (hochgerichtet). Wer kommt?

Weber. Kein Zögern mehr. (Er will die Stubentür aufreißen, sie ist verschlossen.) Die Türe auf, du schwarzes Tier.

Johanna. Nun wird er Schmollis.

Weber. Licht! Wo sind die Streichhölzer? Gib mir die Streichhölzer, ich renn dir auf den Leib.

Johanna. Das möcht ich ja.

Weber. Wär doch mein Karl da, er würf' dich weg, wie eine tolle Katze.

Johanna (gegen das Dach). Das wird hier immer toller. Still!

(Stille. Räuspern außen, man sieht vor der Balkontüre eine Gestalt.)

Weber. Es ist vor der Tür.

Johanna (leis, gespenstig). Ich habe nichts gesehen.

Weber. Da, er kommt heran, mit seinen Augen schneidet er durchs Glas.

Johanna. Es ist doch Nacht, wie soll man Augen sehen?

(Klinkton an der Türe.)

Weber. Er kommt herein.

Johanna. Die Türe ist verriegelt. Da hast du Streichholz. (Sie wirft das Oberkleid über sich und will durch die Zimmertüre fliehen, findet aber den Schlüssel nicht sogleich.) Hast du den Schlüssel weggenommen? Nimm dich in acht! (In diesem Augenblick wird die Türe hereingedrückt und die Gestalt schiebt sich herein.)

(Karl in Mantel und Hut.)

Karl. Ist jemand wach, dann mach' er Licht. Mir war's doch so. Seit wann habt ihr denn Angst? 's ist traurig genug, daß man da draußen nächtigt, ich habe Johanna diesmal nicht gefunden, »sie bediene heute nicht«, wer weiß, wen sie bedient. Es sticht mich nicht umsonst so tief da drinnen. Wie gerne läg' ich zu Marie hin, sie ist wie frischer Waldboden, aber man getraut sich nicht, so was zusammenzulegen, wo's doch wäre, wie Schlaf am rieselreinen Funkelbach.

Weber (stammelt). Karl.

Karl. Vater, wachst du?

Weber. Karl, ich bring' kein Licht, ich bin an dir erschrocken.

Karl. Es hat mich draußen gefroren.

Weber. Ich bin so froh, daß du gekommen bist, du mußt mir helfen.

Karl (entdeckend). Wer ist da, Vater? Wer ist hier?

Weber. Karl, hab' Geduld . . .

Johanna. Man will mich verraten! Lothar, tu's nicht.

Karl. Es hat mich übers Dach wie Gier geschoben. Ich mußt es ahnen, daß hier Unfug ist.

Johanna (zündet die Lampe an).

Karl (erschrickt).

Johanna. Ja, ich bin da. (Blickt Karl an, dann senkt sie die Augen.)

Weber. Denk ja nichts Falsches, Karl.

Johanna. Das wollt ich Ihnen nie gestehen, daß ich Ihren Vater liebe.

Karl (verbissen). Das ist das Schlimmste.

Johanna (angstvoll schweigend, läßt Tränen fallen).

Weber (steht wie festgenagelt, er bringt nichts hervor).

Karl. Weg! Die Tränen reizen mich. (Bestimmt.) Ich sehe dein Gesicht nie mehr! Nirgends. Sonst mach ich dich zu Fetzen.

Johanna (kann nicht hinaus). Er hat mich eingeschlossen.

Karl (hinter ihr drängend). Durch die Wand!

Johanna. Ich sagte ja, wir kommen nie zusammen. (Ratlos den Ausgang suchend.)

Karl. Hinunter über den Balkon! Ich schieße, springe!

Johanna (hält zitternd vor der Nacht). Und spring' ich in die Nacht, ich klatsche auf den Asphalt zerschmettert auf. (Sie bricht zusammen.) Erbarmung! Der ist schuld. (Auf den Vater deutend.)

Weber. Karl, sie hat mich wie aus Wollust die ganze Nacht gequält.

Karl. Gequält. Du wirst es doch nicht Qual nennen, dies Geschöpf, du lügst, du hast geschwelgt. Und wenn das Schwelgen weh tat, war der Schmerz die Lust. Um diesen Schmerz meinen Neid und Haß auf dich, gelüst'ger Vater, Lüstling versteckter, Heiligtuer, Ehebrecher und Betrüger! (Gegen Johanna gewendet.) Rennst du noch nicht hinab? Dein Hengst springt dir wohl nach. Hä, der wollt ich Liebe aus den Rippen pressen, der tagverhängten Nacht, die lieber welkes Zeug erquickt, als junge Kraft, ekler Austernschleim. (Er gibt Johanna einen Fußtritt.)

Johanna (aufspringend). Deine jugendliche Anmaßung schätzt dich nur zu hoch. Wo mich die Liebe hinhält, da fließt auch mein Brunnen. Daß du ihn welk nennst, dafür kann ich nicht. Des Mannes Alter ist des Weibes Jugend.

Weber (zu dem abgewandten Sohn). Sie ist mir gestern abend auf den Hals gelaufen, ich kenn' sie nicht einmal, wie du, sie will sich nur vor deiner Wut retten. Ich bat, flehte, befahl, frech blieb sie hier, Karl glaube mir. Daß ich sie liebe, Karl, das glaubst doch nicht, ich dein alter Vater, der weiß geworden ist. Was schimpfst du mich? Ich rief nach dir, was half's? du warst nicht da.

Karl. Warum hattest du mir kein Bett gerichtet?

Weber. Ich hatte ja kein Geld, ich dachte wohl, du kaufest es, du bringest deines mit, du verdientest doch viel Geld.

Karl. Daß ich nicht gerne durch die Kneipen schlumpe, wußtest du, und ließt mich trotzdem von dir laufen. Und mit Verdienen ist's nichts mehr. »Ich sei undankbar gegen meine Mutter«, sagte mir mein höflicher Prinzipal. – Du ließt mich laufen, seh's warum.

Weber. Karl, ich konnte bis jetzt nicht mehr zusammenbringen. Karl, du kannst nicht zu viel verlangen, es geht mir so schon herb.

Karl. Mein Vater bist du und hast für mich zu sorgen, bis daß du blutest. Du bist bequem und faul und hast mir kalt nachgeguckt.

Weber. Karl! Ich bat dich, da zu bleiben.

Karl. Ich konnte doch nicht bei Marie schlafen. Warum tat ich's nicht! Warum soll ich alleine Sitte haben?!

Weber. Du bist wie dein Vater.

Johanna. Wenn du nicht lügen würdest, Lothar. Muß ich zu Tod geschlagen sein?!

Weber. Karl, hörst? Sie nennt mich du. So frech.

Karl. Zum Schatze sagt man »du«. –

Weber. Karl, komm doch zu dir.

Johanna (die Hände ringend). Muß ich denn totgeschlagen sein?

Karl. Nein. Sieh, wie feig du bist, die mich so niederträchtig zappeln ließ. Wenn er die Wahrheit sagt, lauf du als freies Vieh! (Die Faust ballend.) Und doch am Ende schlag ich dich tot.

Johanna. Wenn Lothar kein Mitleid hat, dann kann ich auch von Ihnen kein's erwarten. Sie hab ich beleidigt, aber er verbot mir doch, davon zu sagen.

Karl. Behalt sie doch getrost, mein Vater, behalte sie, warum denn jetzt auf einmal schimpfen und verleugnen? Mich hast du los, mein Vater. Zu einem alten Lecker sag ich Vater!

Weber. Du hättest mich rufen hören sollen, hättest hören sollen, was ich ihr sagte, was du tätest, wenn du da wärst. Und jetzt hilfst du ihr und deinen alten Vater kränkst du. Lauft alle weg von eurem Vater, er weiß sich schon zu helfen.

Karl. Aber schuld sind wir nicht, wenn du dich selber umbringst, behaupte das nicht, du hast deinen Sohn auf dem Gewissen. Was soll ich tun, wenn gar alle Menschen Teufel sind?

Weber. Das darfst du dem Teufel nicht glauben.

Karl. Wie meinst du das?

Weber. Karl, nicht alle gehören ihm, aber die da. Wenn die bald unten ankäm, würden sie in der Hölle Kirchweih feiern.

Johanna. Dann auch deine Marie, wenn alle Teufel sind, die an dir hangen.

Karl (wie vom Blitz getroffen). Marie, wo ist Marie?

Johanna (hält Karl von der Kammertüre zurück). Er hat ihr Baldrian gegeben, damit sie schläft.

Karl (zum Vater). Schurke! (Er stößt die Tür ein, daß das Schloß hinausfährt.) Da sitzt sie hoch im Bett und taumelt noch im Gift. Marie, wach auf, du bist für mich, ich hab es mir geschworen.

Weber. Karl, frag sie, ob ich ihr Gift gegeben habe.

(Marie taumelt im Hemd halbwach heraus auf ihren Vater zu, sie umklammert ihn und sieht mit großen leeren Augen auf Karl.)

Marie (im Schlaf). Sie kommen . . .

Karl. Von deinem Vater weg, der wollte dich vergiften.

Marie. Tut doch das Weib fort!

Karl. Du siehst nicht klar. Das Weib will nichts von dir, aber dein Vater, er hat dir Gift gegeben.

Marie. Vater gab mir nichts.

Karl. Du würdest nicht so taumeln.

Weber. Jetzt hörst du auf, das Kind wird noch verrückt.

Karl. Marie, so wach doch auf, ich muß Gewißheit haben, ich will dich etwas fragen.

Marie. Das Weib ist ja noch da.

Karl. Sie tut dir nichts, ich bin dein Bruder Karl. Gab dir der Vater Gift?

Marie. Du bist nicht mein Bruder; tu das Weib weg, Karl. Frag den Vater so.

Karl (zu Johanna). Beschwörst du's?

Johanna. Ja.

Marie. Karl, laß mich los!

Karl. Laß Marie los! – Vater! – Ich sage es nie mehr, nein.

Weber. Ich brauch' dir nicht zu folgen.

Karl (ruhig). Wir wollen schon sehen.

Johanna. Ich will fortgehen. Sie dürfen sich mit Ihrem Vater nicht wegen mir streiten, er will mich doch nicht mehr.

Karl. Wo willst du hin?

Johanna (schweigt).

Karl. So viele wegen einem grauen Kater. Meine Mutter will sich ersticken und ich mich . . ., laß doch das Wasser fließen. Er lacht schon wie der Mond, ich sage dir, du gehst mit mir, und dich Mariechen hol ich auch zu mir.

Marie. Karl, du hast einen Rausch.

Johanna. Ich gehe fort, ich halt das nicht so aus. (Sie schließt die Türe auf, ruft mit Pathos zurück.) Lothar, dir kommts noch.

Karl. Warum soll ich betrunken sein?

Marie. Weil du nicht bei uns bleibst, bei mir und Vater.

Karl. Marie, du bist in verbrecherischen Händen, ich kann es dir nicht sagen, was der Alte tat, das war seine Liebste.

Johanna (löscht im Warten die Lampe aus, es ist Dämmerung).

Marie. Und deine ist sie schon geworden; ich glaubte, ich sei deine.

Karl. Du bist es auch. (Er will sie küssen.)

Marie. Ich laß mich nicht mehr küssen.

Karl (unheimlich). Dann warte ich.

Weber. Marie, hab' keine Angst, laß sie doch laufen.

Karl. Johanna, warte, wir gehen gerade nicht.

Johanna. Bleiben Sie, ich kann es nicht. (Sie öffnet die Türe und erschrickt vor Frau Weber und Kaufmann Hecht und drückt sich abseits ins Zimmer.)

(Frau Weber und Hecht, gekleidet wie im zweiten Akt. Es ist bald Tag, düsterer Wintermorgen.)

Weber (freudig erstaunt). Martha, du kommst zu mir?

Mutter. Ein bißchen früh, aber ich wußte, daß es dich freut. (Süßlich.) Für Mann und Frau gibt es keine Zeit.

Weber (unter Tränen). Ach, meine Martha!

Karl (steht an der Türe unter heftigen Bewegungen gegen seine Brust).

Weber. Das hätt' ich nicht gedacht, so ein Glück.

Mutter. Du wolltest mich, ich wär' auch von allein gekommen. Mein letzter Brief war nur so getan.

Weber. Kinder, kommt doch her. Jetzt bleibt's beim Alten. Ich hätt's allein ja gar nicht ausgehalten.

Marie (kommt heran). Guten Morgen, Mutter.

Mutter. Hast du gut geschlafen? Wo schläfst du denn?

Marie. Da in der Kammer.

Weber. Es ist ein wenig eng.

Mutter. Das Einschränken konnten wir wahrhaftig lernen. Zu was das viele Geräte? Japanisches ober gar chinesisches. Wenn wir nur redlich durchkommen und gute Kinder haben. Karl ist schon eine tüchtige Stütze.

Weber. Karl, hörst du's?

Mutter (leise zu Hecht). Das muß ein Lump sein, dem der Taubenschlag genügt.

Karl (schweigt, besieht den Boden).

Mutter. Er hat scheint's andere Gedanken. (Zu Karl.) Willst du dich selbständig machen?

Karl (schweigt).

Mutter. Seit wann gibst du mir keine Antwort mehr?

Karl. Weil die Versöhnung doch nicht lange hält, keine fünf Minuten.

Mutter. Dazu haben wir zuviel durchgemacht. Ich habe sogar Herrn Hecht bewogen, mitzugehn, die Männer sollen sich einmal kräftig anblicken. Wir wollen nichts hinübernehmen.

Weber. Herr Hecht, es hat mir grimmig weh getan, aber ich hab's erdrückt. Ich war ja schuld, man darf sich nicht vergittern, das mag kein Weib.

Hecht. Sind Sie froh, daß Sie ein schönes Weib haben, das ist auch ein Stolz.

Karl (für sich). Obergauner! (Laut zu Hecht.) Sie sind ja gleich daran, wie mein alter Herr.

Hecht (zuckt zusammen).

Mutter. Karl, sagst du das wieder?

Karl (ausweichend). Er sei nicht besser als mein Alter; noch besonders fühlen zu geben, braucht er nicht. (Wütend zu Hecht.) Mir sagten Sie das nicht, mein Weib ist mein Weib. (Auf den Vater zu.) Soll ich es machen wie du und das Gestohlene zurücknehmen?

Weber. Die Mutter war mir treu. (In aufgeregtem Ton.)

Karl (zu Hecht). Wie er lacht unter der Haut, der Raubfisch. (Zum Vater.) Du trägst ja seine Schuppen.

Mutter und Hecht (wechseln fortwährend Blicke).

Hecht (zu Karl). Sie sind mir Luft. Sie reden was und nehmen es zurück.

Mutter (zu Karl). Man lernt dich immer wieder anders kennen. Du verhöhnst ja alle Welt, jetzt deinen Vater, dann Herrn Hecht, dann mich. Weil die Männer sich versöhnen wollen. Du Staatsanwalt! (Apathisch.) Du bist ein ungeratener Sohn von viel zu guten Eltern.

Karl. Dann bin ich wenigstens noch echt. Ich sag dir, Mutter, Rührung und Gefühl sind Kinderstubenkunstprodukt, was soll ich mich von euch gerührt betropfen lassen? Ihr habt ja alle keinen Ernst, ihr streicht einfach das Geschehene aus, du Mutter fragst nicht einmal darnach.

Mutter. Nach was soll ich denn fragen, drückt dich was? – Die schwarze Metze dort? mit so was kommst du natürlich nicht, du darfst nicht meinen, weil wir arm sind, dürfst du reich sein, echt reich. Das kannst du wo anders besorgen.

Weber. Mutter, laß ihn doch, wir kommen nicht dahinter. Das Weib ist schon die ganze Nacht bei uns.

Karl (aufgerichtet). Bei dir.

Mutter. Laß Lothar reden.

Weber. Du Martha, wenn ich zitt're beim Erzählen, sei mir gut, du hast mich ja erlöst, du sorgst, daß sie hinaus kommt.

Mutter. Keine Worte, die Wohnung hast du gemietet, wenn's auch wie nichts ist, aber unser Hausrecht haben wir. Was guckst du denn so stets? Karl, schaff das Ding hinaus, wir kriegen ja die Läuse unters Dach.

Karl. Mich geht sie gar nichts an.

Mutter. Marsch!! gehen Sie hinaus, wir halten keine Schlafmädchen.

Johanna. Ich gehe nicht.

Mutter. Das Ding wird frech, das schnappt nach mir.

Weber (hält Marthas Arm).

Mutter. Laß mich nur, ich bin Frau und kann kein Neben leiden.

Johanna. Ich würd noch ärger brüllen. So etwas!

Mutter. Sie Aas!

Johanna. Ich bin kein Aast. (Gedehnt.)

Karl. Aas heißt's, Aas.

Mutter. Ja Lothar, was sollen wir denn machen? Sie geht einfach nicht. (Sie ergreift Hechts Stock.) Den nehm' ich jetzt . . .

Johanna. Dann kommen Sie in's Gefängnis; man hat mich herbestellt.

Mutter (dumpf). Wer?

Johanna. Mein Geliebter.

Mutter (kurz). Wer?

Johanna (sinkt flehend nieder). Lothar, ich wußte es ja nicht, daß du verheiratet bist. (Gegen die Mutter.) Er hat mich ins Unglück gestürzt, ich setzte meine Hoffnung auf ihn, ich sollte ihm das Haus halten und später seine Frau werden, er hat mich in gemeinster Weise ausgenützt, ich flehe um Gottes Erbarmen, daß man mich nicht einfach hinausstößt, ich komme um, ich habe meine Stellung aufgegeben, ich bin heimatlos geworden, das weiß nur der. (Sie deutet auf Karl.) Der wollte mich für sich haben, ich durfte aber nicht auf ihn hören, weil ich mich seinem Vater schon lange in die Arme geworfen hatte. Ich wollte seinem Alter aufhelfen, er hat mich angelogen, nun stößt man mich hinaus, wo ist da noch Gewissen? Ich appelliere nicht ans Gericht, sondern an eure Barmherzigkeit, daß ihr mir helfet.

Karl. Steh auf, ich halt zu dir.

Johanna. Das kann ich nicht, das verbietet mir das Gewissen, mir ist auch nicht zu helfen. (Mit pathetischem Sprung hinaus.)

Karl (will ihr nach, hält aber und schlägt hinter ihr die Türe zu, dann steht er still, den Kopf in den Händen).

Mutter. Habt ihr das verstanden?

Hecht. Ja.

Weber. Daß man so lügen kann.

Mutter (langsam, wie eine Tigerin auf den Vater zu, unterdrückt, leis). Daß man so lügen kann. Wer hat gelogen?

Marie (schreit entsetzt auf). Mutter!

Karl (rührt sich nicht).

Weber (zaghaft). Ich weiß nicht, wie sie heißt.

Mutter (langsam). Wie heißt denn du?

Weber. Mutter . . .

Mutter (scharf). Du?

Weber. Mutter, ich muß dir doch erzählen.

Mutter. Ich laß mir nichts erzählen, Hurenkerl!

Weber (möchte sprechen).

(Pause.)

Mutter (sich schüttelnd, mit Gischt). Wir sind geschieden.

Weber (zaghaft). Mutter, hör doch . . .

Mutter. Ich höre ja, du bringst bloß nichts heraus.

Marie. Das Weib ist gestern abend gekommen und ist nicht wieder gegangen. Vater hat sie nicht hinausgebracht.

Mutter. Natürlich, Goldlöckchen. Hast du's mit angesehen?

Marie. Zum Teil.

Mutter. Das, woraufs ankommt, hast du nicht gesehen, da warf man dich ins Bett.

Karl. Und gab ihr Baldrian, dem Kind, meinem Herzensschwesterlein.

Mutter (mit aufgerissenen Augen). Was? Wer?

Karl. Der Weiße.

Marie. Ihr braucht nicht so zu tun, es ist mir nichts geschehen. Und was ich nicht hätte sehen sollen, war die Qual vom Vater.

Mutter. Das heißt sie »quälen«, ihr wißt doch was.

Marie. Du kannst es offen sagen, daß du »Dein Lieben« meinst. Du hast sonst auch davon vor mir geredet.

Karl (bewundernd vor seiner Schwester). Marie, Marie, ein einz'ger Mensch.

Mutter. Ist die beherzt, die wird noch Rechtsanwalt.

Karl. Marie, du schiltst mich nicht mehr. Du bist mein einziges, das mich auf die Füße stellt.

Mutter. Dich giftet sie auch noch an?

Marie (zu Karl). Wenn du dem Vater glaubst.

Karl. Marie, hab Einsehen, soweit siehst du nicht. Du weißt noch nicht, daß hinter Wangen harte Knochen sitzen, die, um die Lust zu spüren, furchtbar freveln müssen!

Weber (zu Marie). Red' nichts, sie sind schlimm.

Mutter. Verbietst du ihr den Mund? Wir finden den Richtigen trotzdem. Der darf schwören. Um Gottes willen, daß er nur noch sprechen kann, hat niemand aufgepaßt, wohin sie ist?

Hecht. Ich bin ja Zeuge.

Mutter. Doch wäre es besser, man hielt sie auf. Karl oder du.

Hecht. Zu was denn?!

Mutter. Und Karl zeugt auch um der Wahrheit willen. Wir rufen zum Allmächtigen, der soll zwischen uns entscheiden. (Mit gravitätischer Bewegung.)

Weber. Der da droben hört euch ja nicht, ihr seid ja meineidig.

Mutter. Habt Ihr gehört?

Hecht (nickt).

Weber. Ihr wollt es werden, wenn ihr mich nicht hört.

Mutter. Du sprichst ja nicht. (weinerlich emporringend.) Ich wäre dankbar, wenn es das Machwerk einer Intrigantin wäre.

Karl (rasch). Das denkst du? Warum denn aber? Wegen mir doch nicht, im Gegenteil, ich war ihr schlimmer als der Tod.

Mutter. Glaub das einstweilen.

Karl. Mutter, ich habe sie geängstigt.

Hecht. Wir haben auch Erfahrung in Verstellung. Und der Sinn?

Weber. Die Bosheit findet im Verbrechen ihren Sinn.

Karl. Ich laß mich nicht bereden. Wie kann mein Va – – (Hält inne.)

Weber. Sprech's nur aus, denken tust du's doch.

Karl. Ich denke es nicht. (Abwehrend.) Er versteht es, uns herumzubringen. Mit seinen weißen Haaren macht er das.

Mutter. Der Eid darf uns nicht hinaus. Sonst leben wir im Elend, in zerfressender Ungewißheit, in friedlichem Zank. Bei jeder Liebesregung müßt ein kalter Schauer zwischen uns sein.

Weber. Du, Mutter, muß das sein? Du warst im Gefängnis anders.

Hecht (zuckt zusammen, für sich). Er hat kein Recht mehr auf sie, das hab ich nie bedacht.

Mutter (zu Hecht). Herr Hecht, was ist?

Hecht. Nichts.

Mutter (zu Weber.) Du fürchtest dich davor?

Weber. Nein, Mutter, fürchten nicht. Aber ich werd alt und krank, wenn ich nun wieder warten muß.

Mutter. Doch muß es sein, Lothar, es wird dann nachher wieder besser.

Weber. Sie wollte sich vor Karl retten, glaub es doch, Martha.

Karl. Darum ist sie zu dir hingesessen und hat auf mich gewartet.

Mutter. Karl, du bedeutest das nicht in der Sache, was du dir einbildest.

Weber. Karl, du bist schuld, daß die Mutter nicht da bleibt, du hättest tun sollen, was ich dich bat.

Karl. Wie kann ich gegen mein Erkennen mich versündigen?!

Mutter. Kann Lothar so was tun? sagt mir doch.

Weber. Ich könnt' es auch nicht, niemals, nie. Bedenke, wie ich war, nur stets um dich besorgt, daß dir nichts fehlen soll, ich war der Finger deines Aug's, das mußte ich büßen, ich hab' betrogen, nur für dich.

Mutter. Gewußt hab' ich das nicht.

Weber. Ich mein das anders, ich wollte nur zeigen, wie sehr ich dich liebe.

Mutter. Dann konntest du's auch auf andere Art. Das ist's, was mich wurmt.

Weber. Mutter, Mutter, denke, wie ich sprach. Wie glänzten meine Augen, wie war ich selig, wenn du wieder freundlich wurdest.

Mutter. Es schien wahrhaftig so, als ob ich dir das Höchste wäre.

Weber (kniet vor sie). Du bist's auch heute noch, ich muß dich haben, das ist mein einziges Verlangen. Du wirst doch wieder mein. Als du ganz mein warst, gabst du mir die Kinder, das geht mich allein an; so wird es wieder.

Mutter. Es tut mir wohl, daß du so vor mir liegst und bittest, aber hab' ich Ehre, wenn ich darauf eingeh'? Du mußt warten können.

Weber. Wie denkt denn ihr Kinder?

Marie. Du dauerst mich, steh' wieder auf, Vater. (Er steht auf.)

Karl. Man darf nicht weich sein, gerecht vor allem. Man kann das nicht von mir verlangen, daß ich der Einsicht entgegen handle. Für mich ist's keine Kleinigkeit. (Zur Mutter.) Du, Mutter, bist dem Sohn nichts mehr wert, wenn du jetzt zu ihm läufst.

(Selma und Lüstling, wie im zweiten Aufzug, schneiden durch ihr Kommen der Mutter die Rede ab.)

Selma (salopp). Wie alt bist du geworden, Papachen! Ich wollte mich nur zeigen, was aus mir geworden ist, sieh nur, wie schön ich alles habe.

Weber (wendet sich ab).

Mutter. Das find' ich aber unrecht, sie hat es doch verdient.

Weber. Auf was für eine Art –.

Mutter. Wenn du gleich so denkst, wie muß es in dir aussehen. Das Kind kommt in aller Freude hergehüpft und bringt noch ihren Meister mit, der wird sich sehr mokieren.

Weber. Mit zweiundzwanzig ist man kein Kind mehr.

Lüstling. Das ist man so gewohnt von alten Leuten. (Mit maulvoller Vespersprache.) Sie trauen guten Kleidern wenig gutes zu. Und umgekehrt wär' gut geraten. Einem anständigen Menschen ist es nicht wohl, wenn er nicht jeden Tag einen neuen Anzug anhat. (Mit veränderter Stimme.) Herr Lüstling ist mein Name und Geschäft.

Weber. Ich will nichts davon hören von dem Geschäft.

Lüstling. Verzeihung, ich hab' mich an den Namen so gewöhnt, daß ich es nicht mehr anders kenne; mein Genie hängt damit eng zusammen.

Weber. Ein anderes Mal, doch bloß nicht heut.

Lüstling. Als Lehrer Ihrer weitbekannten Tochter sprech' ich. Ach, diese Stimme, jedes Wort, ganz von der Mutter, und alle Sitten und Gebräuche nach mütterlichem Vorbild. Mit dieser Frau, da können Sie's ertragen. (zwinkert der Mutter zu.)

Hecht (ist nervös berührt).

Lüstling. Und eine Stub' voll Not, die bringt Ihnen flugs noch einen Sohn.

Mutter. Da schämt man sich beinah'.

Lüstling. Ist was zu schämen d'ran?

Mutter. Man muß lachen, wo der hereinplatzt. Und es paßt sich gar nicht, Herr Lüstling. – An einen Sohn denkt niemand jetzt.

Lüstling. Niemand? Vielleicht doch wer mitunter. Dort steht ja schon ein Sohn, der sich von euch hinwegknurrt. Der wird's beweisen, daß er's ist.

Mutter. Er redet ja kein Wort und zum Beweisen braucht man Worte.

Lüstling. Selma schweigt auch, weil sie so abgeblitzt ist.

Selma. Ich habe eine Wut.

Lüstling. Warum?

Selma. Daß ich hierhergekommen bin und mich noch extra anzog, mehr als Feiertag.

Lüstling. In diesen Kleidern wird man wieder gehen, die Kleider sind mehr für Staub und Straße, zu Hause braucht man wenig oder gar nichts um. Ans Paradies hätt' man sich schnell gewöhnt, in manchen Häusern ist man's auch. Wer älter ist als jung, hat's sicher miterlebt, zum Beispiel die Frau Mutter.

Mutter (leis zu dem beunruhigten Hecht). Schatz, er meint uns. Und meinen Mann, den Grambleichen, an Sinnliches zurückerinnern! Wie kann er das? (Vorwurfsvoll.)

Hecht. Aus Ihrem Mund kommt's wie halbgebroch'ner Wein.

Weber. Martha, du hast ein tief Gefühl.

Lüstling. Ich spreche von der Zukunft, ihr seid kopfhängerische Sentimentalgeiger.

Karl. Der amüsiert mich trotz der überschwenglichen Frechheit. Was er schwätzt, das versteh ich. Euch versteh ich nicht. Er sagt deutlich, Mutter sei eine . . . (Ermattet.)

Lüstling (laut). Heitere Seele.

Karl. Mutter, ich krieg dich lieb. Merkst du's Mutter oder merkst du's nicht? Wenn dann dein Mann nicht Recht kriegt, zieh ich wohl zu dir.

(Hecht und der Vater in verschiedenartig erregter Bewegung.)

Mutter. Wenn das mein Bräutigam gestattet.

Hecht (fühlt sich beruhigt).

Lüstling. Der Bräutigam.

Weber. Saget das nicht wieder. (Er ringt nach Atem.)

Lüstling. Der Bräutigam, holla, lacht ihn doch aus, »er lebe hoch«.

(Hecht wird von Lüstling und Karl und Selma in die Höhe gehoben.)

Mutter. Es ist wohl Zeit zum Aufbruch, laßt ihn gehen, er weint ja schier.

(Sie verschwinden wirr durcheinandergeballt.)

Karl (noch einmal zurücktretend). Mariechen, du kommst mit, du bleibst bei keinem Hurenkerl.

Marie (sieht mitleiderregend auf Karl). Karl, was ist mit dir?

Karl. Marie, du sollst es wissen, wenn du dich jetzt auch an den Alten klammerst. Ich will sie aufdecken, daß sie sich nicht verbergen können, das wässert meine Zähne, Marie, du Herzensliebste. Marie, die Liebe ist kein Frevel. Dem Alten laß ich seine Beute nicht. (Ab.)

Weber (weint). Von wem ist das gekommen? Das ist die Strafe dafür, daß ich unterschlagen habe. Man will nichts von mir wissen, ich bin wie Pest. Daß ich alles meinem Weibe geopfert habe, ich habe mich für nichts geschätzt. Aber ich kam doch nicht weg von ihr, als es noch Zeit war. So zahlt man's heim, wenn man sich aufgeopfert hat. (Schluchzend.) Oh, oh, Mariechen, du bist auch von Martha, nein, die Mutter ist nur in schlechte Hände gekommen, wir müssen sie retten.

Marie. Du kannst das nicht, Vaterchen. Wir bleiben für uns.

Oberst (sieht zur Türe herein).

Marie. Es hat jemand zur Türe hereingeguckt.

Weber (will die Türe zudrücken). Es soll kommen, wer Lust hat, nur diese nicht. (Schon tritt der Oberst entgegen.)

(Der Oberst wie im zweiten Aufzuge.)

Oberst. Guten Morgen, alter Freund. Du weinst? (Gibt Weber und Marie die Hand.)

Marie (macht sich endlich mit Tränen Luft).

Weber. Frage nicht.

Oberst. Wer war denn da? Der Gerichtsvollzieher kann hier nichts holen, das ist das größte Glück eines Sterblichen. Da sieht's ja schmutzig aus, wie auf einem Tanzboden, habt ihr denn getanzt?

Weber (abwehrend). Martha war da.

Oberst. Das ist nichts Gutes.

Weber. Und alle andern.

Oberst. Auch Karl?

Weber. Der war der Aergste.

Oberst. Er ist nichts wert.

Weber. Er hatte stets Gemüt.

Oberst. Das ist was Negatives.

Weber. Meinst du, ich wisse noch, was sie von mir wollten?

Oberst. Auslachen. Stimmt's?

Weber. Und Martha hat eine Dirne bei mir angetroffen.

Oberst. Pechvogel.

Weber. Sie war ja nicht bei mir, sie ist nur eine Nacht dahingesessen und hat mich geplagt.

Oberst. Kennst du sie?

Weber. Nein.

Oberst. Dann läßt dich hoffentlich dein Weib in Ruhe, wenn sie dir Bosheit zumutet.

Weber. Das ist mein Unglück.

Oberst. Das Gegenteil.

Weber. Ich kann nicht ohne sie leben, ich schreibe noch ein paar Zeilen, daß sie nicht daran glauben soll.

Oberst. Geb dich nicht so herab und rutsch auf den Knieen vor ihr.

Weber. Das tat ich schon.

Oberst. Da ist sie aufgeschwollen, das war Triumph.

Weber. Ich darf das Weib nicht umkommen oder verkommen lassen, das wäre mir das ärgste.

Oberst. Ihr selber nicht. Warum dann dir? Tu's nicht! du verkommst selbst dabei.

Weber. Man darf nicht an sich denken.

Oberst. Lothar, du mußt doch allmählich zur Vernunft kommen. Oder hast du den Bekehrungswahnsinn? Freund, bei dir hat alles Schwätzen keinen Wert. Du bringst höchstens noch Marie aus dem Gleise.

Marie (lachend den Kopf schüttelnd).

Weber. Da hab ich keine Angst, nicht wahr, Marie.

Oberst. Ihr tut ja, als ob ihr Engel wäret.


(Vorhang.)

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