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Gutenberg > Hermann Essig >

Ueberteufel

Hermann Essig: Ueberteufel - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
authorHermann Essig
firstpub1912
year1914
publisherVerlag der Sturm
addressBerlin
titleUeberteufel
created20060713
sendergerd.bouillon
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Zweiter Aufzug.

Personen:
Frau Weber,  |  Lüstling,
Kaufmann Hecht,  |  Oberst,
Karl,  |  Johanna, Kellnerin,
Selma,  |  Brigitte, eine vom Theater,
Marie,  |  und deren Begleiterin.

Szene: Drei Jahre später. Atelier Karl Webers in der neuen Wohnung seiner Mutter. Ein hohes weites Glashaus mit Schiebevorhängen. Ein alter Eichentisch mit zwei dazu passenden Stühlen, ein altes Sofa, eine Kommode, ein zigeunerhafter Schrank, ein Podium, darauf ein Modellstuhl in der Mitte vom Zimmer, abseits ein glühender Ofen, daneben die Staffelei, Koksbehälter, Feuerhaken, Kochgeschirre auf dem Podium, eine eiserne Bettstelle, mit einem unordentlich gezogenen Vorhang verhängt, ein Tischchen mit Rauchutensilien, Blumen und sonstigem Durcheinander, eine Pfeife und Tabaksbeutel an der Wand. Links zwei Türen, die eine führt vor die Glastüre (Separateingang) die andere (vordere) in den Korridor.

( Karl sitzt am Tische und zeichnet, raucht dazu eine Zigarre, ist sehr vertieft. Draußen schneit's, man sieht über die grauen Dächer der Stadt. Man hört vor der Türe Gelächter und Abschütteln von Röcken, Karl wird darauf aufmerksam.)

Anklopfen (keine Antwort, darum draußen verstärktes Lachen).

Wieder Anklopfen. (Stille.)

Karl. Herein. (.In gedehntem, unauffälligem Ton.)

(Brigitte, eine elegante Dame, mitte der zwanziger Jahre, schwungvoll gekleidet, und ihre einfachere Begleiterin. Beide halten das Lachen an sich, müssen aber damit herausplatzen.)

Brigitte (endlich etwas gefaßt). Sie sind Künstler?

Karl (lacht). – Ja.

Brigitte. Wir haben nämlich erfahren, daß Sie Kunstentwürfe von Schmuckgegenständen machen. (Akzentuiert schnell.) Darf ich fragen, haben Sie die Ohrringe mit den großen Diamanten entworfen?

Karl. Welche?

Brigitte. Wie er tut! – Im Metropoltheater?

Karl. Wegen mir. –

Brigitte (bettelhaft). Machen Sie mir doch auch welche, ja?

Karl. Ich habe Kontrakt, das darf ich nicht.

Brigitte. Sie sind Einer. (Sie dreht den Kopf verführerisch hin und her.) Warum dürfen Sie denn nicht?

Karl. Es ist wahr.

Brigitte. Hat's die Kellnerin Johanna verboten?

Karl (errötend) Wie käme die zu dem Verbot?

Brigitte. Dann machen Sie mir doch, was ich bestelle.

Karl. Ich kann es wirklich nicht.

Brigitte. Kann ich mit Nichts bewegen?

Karl. Was soll's denn sein?

Brigitte. Eine Spange um den Oberarm.

Karl (nimmt rasch das Maß und notiert es). Eine Schlange etwa?

Brigitte. Das geht doch nicht so rasch. Sie haben ja den ganzen dicken Stoff mit gemessen, es ist Ihnen ja gar nicht Ernst, Sie würden Sie mir nie machen. (Sie zieht ihr Pelzjacket aus, das die Begleiterin hält.)

Karl (rasch). Das genügt vollständig.

Brigitte (lacht). Sie haben Angst?

Karl. Absolut nicht.

Brigitte (zieht noch ein leichtes, schwarz seidenes Empirejäckchen mit Aermel aus, so daß sie in einem linienschönen Reformrock mit nacktem Armen, Nacken und Brust, vor Karl steht). Wollen Sie doch messen!

Karl (mißt mit zitternden Fingern).

Brigitte. Nicht da, weiter oben.

Karl (wird ruhiger).

Brigitte. Bitte, noch etwas höher, über der Mitte.

Karl. So. (Er schreibt das Maß auf.)

Brigitte (sieht nach, was er schreibt, den Arm auf seine Schultern gelegt). Warum fragen Sie denn gar nicht, ob es recht ist? Ist denn mein Arm so häßlich?

Karl. Das nicht, aber ich habe sehr viel zu tun. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich die Spange machen kann.

Brigitte. Sie wollten nur meinen Arm sehen?! – Mein Herr, Sie müssen.

Karl. Wie soll ich sie denn machen?

Brigitte. Sehen Sie doch meinen Arm und mich an, und was Sie sonst entdecken.

Karl (mit musterndem Blick). Eine schwarze Schlange mit . . . (Vor sich hinmurmelnd.)

Brigitte (beobachtet durchdringend und lächelt befriedigt).

Karl (begeistert). Ich mache Ihnen etwas Herrliches.

Brigitte (neckend). Wenn ich Ihnen dann verbiete, andere zu schmücken!

Karl (selig). Das dürfen Sie.

Brigitte. Haben Sie mich denn verstanden?

Karl. Wohin darf ich die Zeichenblätter schicken?

Brigitte. Oh, bringen, ist weit interessanter.

Karl. Ist das nötig?

Brigitte. Ihre Mühe können Sie nicht selbst einschätzen.

Karl. Oh – doch.

Brigitte (hat sich inzwischen wieder ankleiden lassen). Ich stellte mir einen älteren gelockten Künstler vor, zu dem ich kommen werde, darum mußt ich lachen, als ich herein kam, weil ich etwas viel natürlicheres gefunden habe. Nein – so einen jungen Herrn muß ich mir näher ansehen. Meine Wohnung brauchen Sie nicht zu wissen, ich treffe Sie noch oft. Was machen Sie denn dort? – Sie malen?! Darf man ansehn? (Sie geht zur Staffelei.) Warum so eine wüste?

Karl. Ich kann's nicht besser.

Brigitte. Das glaub ich eben nicht, Sie müßten nur besser nachfühlen. Sie haben ja Angst vor der Schönheit.

Karl. Ich bin noch zu jung, um auszusagen. Sie verstehen das nicht; eigentlich käme das zuletzt, womit ich anfange.

Brigitte. Sie müßten bei mir in die Schule gehn. Ich würde Ihnen helfen. Ich habe die Empfindung, daß Ihnen alles nicht recht gezeigt wird, wie rund, (immer jauchzender werdend) wie fest, wie weich . . .

Karl. Malen Sie?

Brigitte (lacht). Sie – . . . . (im Sington) ich heiße Brigitte. (Plötzlich steif.) Wir müssen gehen. (Unter der Türe, nachdem sie sich vorher wundervoll verbeugt hat.) Viel schöner bin ich doch als die . . . (Sie gibt Karl die Hand.) Geben Sie sich recht Mühe.

Karl. Gewiß.

Brigitte. Auf Wiedersehen.

Karl (schließt die Türe und bleibt eine Weile nachdenklich stehen). Schöner kann es nichts geben. Dieser Arm. So hab ich auch noch keinen gemalt gesehen, wie wenn er einen umhalsen wollte. – Daß solche Weiber schlecht sein sollen, ist kaum zu glauben. – Ich glaub es auch nicht. – (Seufzt und geht an seinen Arbeitstisch.)

(Anklopfen.)

Karl (nach einer Pause). Herein.

(Der Oberst tritt ein in Zivil.)

Oberst. Guten Abend, Karl.

Karl. Herr Oberst, endlich, das erste Mal in dieser Wohnung.

Oberst. Hm, hm, hm, ein ächtes Atelier.

Karl. Man hat mir geraten, gleich recht anzufangen. Nur richtig ausgerüstet, komme man zu einer ersprießlichen Arbeit, das sei richtig gespart, so sagen alle Fertigen.

Oberst. Die sagen so, nachdem sie's anders gehabt haben. Gewöhnlich geht es anders. Karl, 's macht nichts aus. Daß es natürlich gut ist, schön ist, wenn man's Handwerkzeug hat, ist klar. Nur der Kunst, mein ich, sei es egal, die will nur von einer fleißigen Hand praktiziert sein.

Karl. Das bin ich, fleißig, ich denke auch so von meinen Kollegen, die immer von »Hinwerfen« sprechen. »Sie können eben nichts«.

Oberst. Wenn Sie's besser können, dann freut mich's Karl. Bloß mein ich, könnten Sie nicht auch wo anders schaffen? Ich meine, sind Sie an den Ort gebunden? – (Da Karl etwas perplex ist.) Einen Gruß von Ihrem Vater und ob Sie bei ihm wohnen wollen mit Marie?

Karl. Ist der Vater nicht mehr im Gefängnis? Wo wohnt er denn? Hat er sich auf uns eingerichtet?

Oberst. Er freut sich wie ein Kind, bis er seine beiden wieder hat. Karl, hättest sehen sollen, wie er ein bißchen was zusammengetragen hat in seine kleine Wohnung, er hat immerzu gelacht und gesagt: »Wenn das Karl sieht, wenn das Marie sieht«. Karl, ich habe geweint, aber nicht vor ihm.

Karl. Er hat auch recht, mit Vater leben wir gerne. – Aber, aber Herr Oberst sehen Sie, was ich für Ausrüstung nötig habe, sehen Sie bloß die Vorhänge und das Glas an, das wird bei Vater doch nicht gehen.

Oberst. Warum geschieht dem Armen solches Unrecht? Keines von den Seinen gehört ihm an. Daß natürlich seine Frau einen abscheulichen Absagebrief auf seine freudetränenden Zeilen schrieb, und einen frechen die Selma, war ja klar. Aber daß auch sein Karl kein Herz mehr für ihn hat! Vielleicht Mariechen.

Karl. Oberst, ich werde ja sehen, aber mein Herz zerreißt es mir. Wieder so ein Punkt, wo eine grausame Entscheidung kostet. Können denn Vater und Mutter nicht zusammenleben? Ich wußte bis jetzt von gar keiner gegenseitigen Aussprache der Eltern.

Oberst. Von Ihrer Mutter werden Sie niemals was erfahren. Aber Ihre Frau Mutter hat sich hinten herum schon ausgesprochen.

Karl. Was haben Sie denn immer mit meiner Mutter? Sie kennen sie gar nicht, wie sie gesinnt ist.

Oberst (zieht einen Brief aus der Tasche). Wenn Ihre Mutter schreibt (er liest). »Ich werde mich wohl in deinen dreckigen Käfig einsperren lassen, mir behagt das Gefängnis nicht, deine bisherige Villa, du trauriges Mannsbild, das nichts kann, höchstens betrügen. Ich wollte einen Mann, der Ansehen genießt, und keinen Zuchthäusler. Da könnte jeder Latrinenreiniger mich zu seinen Zwecken begehren wollen. Ja, wenn ich eine Hutzel wäre, aber ich weiß, daß ich eine der schönsten Frauen innerhalb der Ringbahn bin, man hat es mir gesagt, sehr viele edle Herren. Du hast während unserer Ehe nicht einmal meiner Schönheit Genüge getan. Wie werd ich? Leb wohl bei deinem alten Jakob nummero Dreizehn.«

Karl. Wohnt der Vater dort?

Oberst. Sie haben gut aufgemerkt. – Hat Ihre Mutter noch ein Fleckchen Anstand?

Karl. Man muß sie gewesen sein, um urteilen zu können. Sie ist natürlich ganz an ihm verzweifelt, sie hielt »ihren Lothar« für den besten Menschen, und Papa war so.

Oberst. Aber Sie werden doch die Anspielung mit den »edlen Herren« begreifen? Und keine Befriedigung, wenn man drei Kinder gezeugt bekam! Und ihr seht Lothar alle dreie gleich. So eine Frau ist eine S . .

Karl. Sie erlauben sich zuviel, das ist meine Mutter nicht. Durch Sie wäre ich beinahe Schuldiger an einem Selbstmord geworden. Vor meinen Augen steckte meine Mutter den Gasschlauch in den Mund, ich mußte ihn wegreißen.

Oberst. War auch der Haupthahn offen?

Karl. Unmensch!

Oberst. Das kann jeder sagen, wenn der Weisheit Ende ist. Sohn meines Freundes hast auch meinen Freund gekränkt, ich tauschte gern mit ihm, damit er nichts vorgeworfen bekäme. Den Rock des Königs gab ich selbst dafür daran, wie's Leben in der Schlacht. Merkst du noch nicht, daß ich dein Freund sein möchte?

Karl. Merken. Wenn man mir so begegnet und meine Mutter schmäht.

Oberst. Wer hat's gemacht, daß Sie auf diese Art Ihr Geld verdienen?

Karl. Wäre der zu schmähen?

Oberst. Ja, denn diese Art behagt mir nicht.

Karl. Aber mir.

Oberst. Wer hat Sie nur daraus gebracht?!

Karl. Meine Mutter.

Oberst. Was man in diesem Hause fragt, da heißt's »meine Mutter«.

Karl. Ist das ein Fehler?

Oberst. Frage Selma, wer sie zu der gemacht hat?

Karl. Ich fange nicht wieder an.

Oberst. Ganz richtig. Gefiel Ihnen das nicht, Stunden und Studium? Da wäre später mehr herausgeschlupft. Jetzt haben Sie etwas, aber Sie nippen an allem herum, da werden Sie mit der Zeit geschmacklos oder charakterlos. Nur wenn Sie eine bedeutende Fähigkeit haben, ein großer Künstler. Ob Sie die haben?!

Karl. Der Herr Professor behauptet das.

Oberst. Hat Ihre Mutter Sie zu dem geschickt?

Karl. Ja.

Oberst. Armer Angelogener.

Karl. Sie haben Unrecht, würde ich jetzt schon angesprochen, wenn's nichts mit mir wäre?

Oberst. Eine gewisse Begabung soll einen nicht zum Kunstfach treiben. Ich bin ja gar kein Künstler, aber ich habe das Gefühl, als ob da drinnen alles kochen müßte.

Karl. Tut es auch in mir, besonders heut.

Oberst. Aber nicht von selbst, die Damen sind mir begegnet.

Karl. Die Fertigkeit kommt aus mir selber.

Oberst. Warum können Sie dann aber nicht zu Ihrem Vater ziehen? Können Sie dort nicht arbeiten?

Karl. Nein, bei Vater werd' ich gehemmt.

Oberst. Ein Genie kann man nicht fesseln.

Karl. Es erträgt nur keine Fesseln.

Oberst. Wer hat nun Recht?

Karl. Die Hauptsache ist, daß ich bei Vater nicht arbeiten kann, die Mutter kümmert sich nicht um mich.

Oberst. Das ist verdächtig.

Karl. Wasserriecher!

Oberst. Sie kümmert sich um nichts, weil sie warten kann, bis Sie die Mutterhilfe suchen. Das bringt sie fertig.

Karl. Da Sie nicht aufhören, muß ich Ihnen meine Meinung sagen.

Oberst. Nur immer wahr.

Karl. Es kommt mir merkwürdig vor, daß Sie nicht im Sinne meines Vaters, Ihres Freundes, handeln. Sie wollen die Mutter von ihm wegbringen, er will sie haben. Sie versprachen's ihm ganz anders, als Sie' s ausführen. Das ist Ihre Offenheit. Und warum das? Weil Sie sich für den Klügsten halten, weil Sie das eigensinnige Alter haben. Und an Ihre Verschwiegenheit glaub' ich überhaupt nicht. Sie vertragen den Honig wie die Hummel, in viele Ohren, was hat sich Hecht schon sagen lassen müssen. Sie machen's mit den intimsten Familienangelegenheiten wie die Friedhofsklatschweiber. Warum kopieren Sie den Brief der Mutter? Sie lesen gerne vor. Leider vertraut Ihnen mein Vater jeden Hosenknopf an, in der Beziehung ist die Mutter weiter, sie verbirgt sich sogar vor Herrn Hecht und dem haben wir zu danken. Jetzt kapier ich das. Und den hätt' ich beinah' in Stücke gehauen. Wenn Vater und Mutter wieder zusammen gehen, so wird's allein durch ihn, durch sein liebreiches Wesen. Wie liebenswürdig ist der Kaufmann und was für ein Grobian sind Sie. Er kann die Mutter beeinflussen.

Oberst. Karl Weber, für Sie war ich allerdings immer überflüssig, für Ihren Vater nie. (Geht hinaus.)

Karl. Es ist besser, Sie gehen, sonst erleiden Sie noch Spott in den Zivilkleidern, wenn Ihre Feindin heimkommt. Den Gekränkten spielt der Getroffene.

Oberst. Getroffen bin ich, aber wie. – Karl, ich möchte weinen, du warst einmal so vernünftig und verständig. (Bleibt unter der Türe stehen.)

Karl. Als unreifer Bursch wurd ich einfach vom Gefühl getrieben. Da wäre ja Instinkt, der Trieb des Tieres, dem hellen Denken überlegen. Mit jedem Tag begreif ich weniger, daß ich in jüngern Jahren auch was treiben konnte. Bin ich denn dem Vater untreu geworden? dem lieben Vater? Nur bei ihm ständig wohnen, kann ich nicht, oft bei ihm sein, ihn unterstützen. probieren kann ich's ja. Werd es tun. Vielleicht zieh ich die Mutter nach, wenn mir das Glück recht hold wird. Wie könnte alles werden, aber lähmen darf man mich nicht immer und immer wieder mit dem Geschwätz »dein Beruf ist verfehlt«. Es kommt doch bloß aus Neid oder Unverstand. Die Abneigung meiner Mutter gegen Sie ist auch auf mich übergegangen, schließlich kommt sie auch dem Vater. Dieses Weisesein und Nichtigmachenwollen, dieses Gerecht- und Heiligseinwollen stößt mich ab. Und mich mit meiner Kunst verdächtigen, als ob ich Weibern nachliefe. Damit umgehen und sich doch rein halten, damit zeigt man sich als Mann, nicht mit dem ewigen Ausweichen. Und wahrhaftig habe ich doch an Mariechen einen so festen Halt. Ach, wenn ich die ansehe, vergehen mir alle gelüstigen Gedanken, ihr zu lieb muß ich stark sein. So wahr ein Gott lebt, will ich mir zur Pflicht machen, Mariechen vor Selmas Schicksal zu bewahren. Und wenn es einen Gott gibt, wird er mich darum nicht verkommen lassen. Dem Vater auch diesen Kummer darf nicht sein. Die Mutter nimmt das Leben nicht so schwer, sie findet sich nach allem zurecht.

Oberst (schnell einfallend). Karl, ich habe genug gehört. Du bist noch sehr konfus. Doch hoff ich noch. Was ist dann die Geschichte mit der Kellnerin Johanna?

Karl. Johanna, wenn sie auch Kellnerin ist, ist ein anständiges Weib, ich habe sie schon so oft überrascht und nie hab ich etwas gesehen. In dem Hause am Graben wollte ich sie fassen, aber als ich hinkam, wusch sie bei den Leuten, denen die Ehrbarkeit zum Gesicht heraus sah. Wie hab ich mich damals meiner Eifersucht geschämt, ich mußte es ihr gestehen, wie weinte sie deswegen. Johanna ist keine wie die andern, warum sollte es in diesem Beruf nicht auch Anständige geben?

Oberst. Man muß lachen. Voll Zweifel scheinst du ja zu sein. Na, dann 'mal so weiter. (Ab.)

Karl (setzt sich an den Arbeitstisch, stützt den Kopf auf, voll Tränen) Ich weiß ja nicht, wo ich hin soll.

(Marie mit einer Bibel. Schulauzug.)

Marie. Du, Karl, der Oberst hat mir einen Kuß gegeben, und hat geweint.

Karl. Was hat er denn gesagt?

Marie. Gar nichts, ich habe auch zu weinen angefangen. Ich war so traurig, wie ich im Schnee so leise lief. Man heißt das melancholisch. Die Glocken von den Pferden tönten so gedämpft. Wenn der Oberst nur nicht krank ist an einem inneren Leiden.

Karl. Es wird wahrscheinlich bald wieder schneien, dann kommt die Dämpfung, die wirkt auf das Gemüt. Du hör einmal . . .

Marie. Was?

Karl. Ach nichts. (Er zeichnet.)

Marie. Karl, meine Schulfreundin hat so ein arges Wort über Selma gebraucht.

Karl. Wie hieß es denn?

Marie. Das ärgste Wort, das es von uns gibt, wie man's nur in der Bibel geschrieben liest. Der Prediger sagte, die Leute haben sich früher nicht besser ausdrücken können, jetzt sage man»Dirne«.

Karl. Das heißt, man schätzt die Dinger jetzt viel höher.

Marie. Karl, ob das wahr ist?

Karl. Marie, ich laß dich nie zu Selma gehn.

Marie (schweigt).

Karl. Gehst du mit zum Vater?

Marie. Gleich.

Karl. Aber nicht mehr ins Gefängnis.

Marie (traurig). Nicht mehr ins Gefängnis? Wohin dann?

Karl. Du bist traurig?

Marie. Im Gefängnis sah Vater wie ein Engel aus.

Karl. Dann willst du nicht mit?

Marie. Doch, aber dann will ich ganz beim Vater bleiben, wenn er nicht mehr eingesperrt ist.

Karl. Dann gehen wir vor Dunkelwerden.

Marie. Nicht gleich?

Karl. Ich muß fertig machen.

Marie. Karl, warum kommt eigentlich Papa nicht heim, wenn er wieder frei ist. Darf er denn nicht? Oder will er nicht?

Karl. Die Mutter will ihn nicht mehr.

Marie. Das würde ich mit meinem Manne nie tun. Und Vater ist doch der beste Mensch der Erde, viel besser als die Mutter selber.

Karl. Beide sind unsere Eltern.

(Mutter und Hecht, Mutter voran, beide von der Straße.)

Mutter (sieht Karl prüfend an).

Karl. Guten Abend, Mutter.

Mutter. Du rufst mir doch sonst immer das Neueste entgegen, eh ich Atem kriege, es ist ja so verdammt hoch.

Karl. Bitte, gewöhnlich beacht ich 's gar nicht, wenn jemand hereinkommt.

Mutter. Ich muß wohl anklopfen?

(Hecht und die Mutter legen ihre Mäntel auf einen Stuhl ab.)

Karl. Warum bist du denn so gereizt?

Mutter (zu Marie). Von dir ist man's ja nicht anders gewöhnt.

Marie (reicht die Hand hin). Guten Abend, Mutter. (Sie erhält dafür eine Ohrfeige, muß weinen.)

Hecht. Das nenn ich ungerecht, seine Laune an andern hinauszuprügeln.

Mutter. So lange sie bei mir ist, hat sie anständig zu sein, das Ding, wo immer nur zum Vater will (bäffend) Vater, Vater.

Hecht. Sie versteht das noch nicht, daß sich die Mutter dadurch zurückgesetzt fühlt.

Marie. Ich will ja heute gehen, schlag mich doch vorher nicht noch halbtot.

Mutter (in Wut). Heißt du das halbtotgeschlagen? Du Balg.

Karl. Diese Schweinerei hört auf. Gott sei Dank ist heut der letzte Tag.

Mutter. So, darum seid ihr so frech, wer weiß, wer da als da war, womöglich der Vater selber – hat er auch nichts gemaust?

Karl. Gemeine Gesinnung. (Er packt seine Sachen auf dem Tisch zusammen.)

Mutter. Jetzt weiß ich's immer noch nicht, wer da war, das ist meine Wohnung.

Karl. Es kann dir genügen, daß wir zu ihm gehen. Die Sachen (stößt sie von sich) brauche ich nicht, ich mause dir nichts.

Mutter. Meine Kleider hast du immer noch an.

Karl. Was fällt dir eigentlich ein, so zu lügen. Das viele Geld, das du von mir bekommen hast, ist alles nichts – dein bißchen Lumpenkrust aber.

Mutter. Wenn ich nicht wäre, hättest du keinen Pfennig verdient.

Karl (niedergeschlagen). Also kann ich doch nichts.

Hecht. Hört doch auf damit, die Mutter sprach ja sonst das Gegenteil, das wissen Sie gut.

Mutter (weinerlich). Es war ja nur, weil ich ahnte, daß Karl einfach von mir fortläuft. Jetzt habe ich ihn einmal kennen gelernt, wie er über mich denkt. Wenn man einfach davon laufen will, kein Dank und nichts. Nun weiß ich, was für ein Haß gegen mich in dir ist.

Karl. Es ist eben nicht recht von dir, daß du nicht mit dem Vater zusammenleben willst, nur dann zeigst du dich als unsere treue Mutter.

Mutter. Woher weißt du denn das?

Karl. Vom Oberst.

Mutter. Der alte Wackelkopf war wieder da, dann ist es kein Wunder.

Karl. Im Gegenteil, ich habe mit ihm gebrochen.

Mutter (listig). Es sieht aber nicht so aus.

Karl. Es kommt mir jetzt mehr darauf an, ob er nicht recht hatte. Du hast's gegen uns, hauptsächlich gegen deine Jüngste angedeutet.

Mutter. Warum soll der Rockwechsler nicht auch einmal recht haben. (Hecht lacht, die Mutter spricht sich in Erregung.) Ich geb es zu, er hat recht. Ich will mich scheiden lassen, ich will einen andern heiraten, ich will meine Kinder nicht mehr, außer Selma und dir (zu Karl), das soll das Gericht entscheiden. Ich will mein Leben noch genießen, ich will keine Monatsfrau werden und mich vor aller Welt so blamieren, woher stamm ich denn?! Und er, schlüge mich ja doch in der ersten Nacht aus Eifersucht zu tot.

Karl. Vater hat also Grund zur Eifersucht, du hast Angst vor ihm.

Mutter. Bei jedem freundlichen Lachen im Gefängnis glaubte ich, er wolle mich erdolchen oder erwürgen. Sein Freund sagte ihm ja, daß ich mit dem Kaufmann gehe. Mit Herrn Hecht bin ich heimlich längst verlobt, ich kann ja gar nicht mehr zurück, sieht das denn niemand ein? Ich habe ihm Briefe geschrieben, worin ich alles offen bekenne, der Mann läßt mich aber nicht los, der Mann hat ja keine Ehre. »Er liebe mich zu sehr«, aber er will mich nur erwürgen.

Karl (wie tröstend). Er will dir vergeben, damit du ihm auch vergibst. Denkt doch beide an Eure Kinder, was sollen wir Waisen mit lebendigen Eltern anfangen? (Weich.) Mutter!

Mutter. Ich will mich scheiden lassen. – Er muß sich scheiden lassen, wenn ich in Scheidung lebe. – Es muß sein.

Karl. Herr Hecht könnte doch das Verlöbnis wieder auslösen.

Hecht. Ich wollte Martha stets bewegen, nur um der Kinder willen.

Mutter (zu Hecht). Das hätte dir gepaßt.

Karl. Es wäre vernünftiger, Mutter.

Mutter. Das begreifst du nicht.

Karl (heftig). Dann war das Verhältnis kein reines.

Hecht (eifrig). So wahr ich hier stehe, nicht der kleinste Makel.

Mutter. Du lügst, du bringst mich nicht so los.

Karl. Mutter, was ist wahr?

Mutter (gedämpft, scheu). Das geht den Sohn nicht so viel an wie mich.

Karl. Herr Hecht, mir ekelt's vor Ihnen, natürlich wollten Sie für Ihr Geld etwas haben, das mußte ich mir ja sagen.

Hecht. Sie vermuten vielleicht zu viel. Durfte ich nichts daran setzen, um Ihre herrliche Mutter zu gewinnen? Ich habe keinen sehnlicheren Wunsch, als mich Ihren Mann zu nennen. Ist es aber nicht auch meine Pflicht, eine Frau an ihre Kinder zu erinnern und darum auf deren Besitz zu verzichten?

Mutter. Ein großartiger Diplomat.

Karl. Dann durften Sie nicht anfangen.

Hecht (für sich, unruhig). Ich durfte es nicht lassen, sonst hätte sie ein anderer gehabt. (Laut.) Ja, Martha, sprech ich nicht aus deinem Herzen? Denkst du nicht zehntausend mal täglich an deine Kinder? Wie viel von deiner Liebe ging mir darum verloren.

Mutter. Du wolltest nur zum letztenmal versuchen, mich wieder von dir loszuschieben. Wo dir das Standesamt näher kommt, möchtest du abrücken.

Karl. Mutter, du bist unnötig mißtrauisch. Herr Hecht liebt dich, das glaub' ich ihm jetzt. Aber Mutter, du solltest dir's aus dem Sinn schlagen. Es kommt nichts Gutes aus der Scheidung, kein Mensch weiß dann wohin.

Mutter. So kann nur ein unreifes Bürschchen sprechen und wie schlecht so eine Predigermahnung dem Sohn der Mutter gegenüber steht. (Bestimmt.) Ihr schafft mich nicht zum Weber.

Karl. Du hast dich auch nicht sonderlich ausgenommen »Martha«.

Mutter (zu Hecht, flehend). Wenn du mich wirklich lieb hast, wie du sagst, so behalte mich bei dir. Wenn nur Lothar endlich Einsehen hätte, daß ich nicht gegen Liebe handeln kann und Liebe zu ihm heucheln. Ich haß ihn ja.

Karl. Du haßt auch deine Kinder.

Mutter (barsch). Marie, ja.

Mariechen (fängt zu weinen an).

Karl. Mariechen, weine nicht, wir sehen, wir gehen besser heim zu deinem Vater. (Zieht seinen Mantel über und setzt den Hut auf).

Mariechen (geht so, wie sie gekommen ist).

Mutter. Lebt wohl, Ihr beiden, der Vater mag Mariechen lieben.

Karl. Besinn' dich noch einmal, tu's uns zu lieb.

Mutter. Besinnt ihr euch, von mir fortzugehen?

Karl und Mariechen (zotteln ab).

Mutter (zu Hecht). Du hast dich wieder nett gezeigt. Du hast mich über. Am liebsten hätt' ich's vor den Kindern gesagt, daß du noch keine Nacht aus meinem Bette warst, seit Lothar verhaftet wurde. Es hat mich sehr gekitzelt, das recht sinnlich hinzusagen. Ich fürchtete bloß, Karl haue dir den Schädel ein. Verdient hättest du's. Du hast mir die Heirat versprochen, das wirst doch wissen. Ich käme dir, daß du d'ran denken würdest.

Hecht. So bist du also, so abscheulich könntest du an mir handeln. (Für sich.) Wenn ich nicht fortmach, werde ich fortgemacht.

Mutter. Wenn du so an mir handeln willst?! Dafür wäre der Tod für dich noch zu gelind. Was hast du mir geschworen, »Liebe, Treue«. Was hast du Verbrecherisches ausgesonnen, mit Lothar, weil du mich haben wolltest. Zufällig hat er ohne dich umgeschmissen oder auch nicht. Und jetzt . . .

Hecht. Schlimm genug, daß du darauf eingegangen bist.

Mutter. Dein Wille war's, du sagtest, du bringest dich um, und so weiter. Und ich tat dir den Willen, weil ich dich liebte.

Hecht. Du glaubtest doch nicht im Ernst, daß ich zum Selbstmord griffe.

Mutter. Ich hielt dich für zu feig, ich will nicht lügen. Aber damals (leidenschaftlich) war es mir willkommener Grund zum Ehebruch, weil ich dich haben wollte.

Hecht. Was hab' ich nun davon? Du liebst mich lang nicht mehr so leidenschaftlich.

Mutter. Glaubst du? (Sie küßt ihn heftig.)

Hecht. Warum sprichst du dann so oft so entsetzlich roh?

Mutter. Ach was, wenn du mich los sein willst.

Hecht (drückt sie an sich). Das will ich nicht, es schleicht nur manchmal die Eifersucht über mich.

Mutter. Du bist doch nicht wie Lothar. (Sieht ihm von unten verklärt in die Augen, sie hat sich auf einen Stuhl gesetzt.) Du darfst nicht eifersüchtig sein, damit fängt das Unglück an.

Hecht. Ich wehre mich dagegen, aber ich bringe die quälenden Gedanken nicht los, besonders wenn du so lieblos sprichst.

Mutter. Eigentlich denke ich anders, als es herauskommt.

Hecht (kniet und weint). Ich leide daran.

Mutter (hat den Kopf des Weinenden im Schoß). Also so schrecklich leidest du, daß du weinst? Du kannst mir glauben, das bringt mich noch unter den Boden, dieses Mißtrauen. Von Lothar will ich deswegen weg, weil ich daran merke, daß er mich nicht liebt. Und du machst es wieder so. (Weint ihrerseits.)

Hecht (erregt). Du darfst nicht mehr zurück. Ich bringe es auch soweit, daß er mit der Scheidung einverstanden ist. (Erhebt sich.)

Mutter. Sag, warum zanken wir uns eigentlich?

Hecht. Wir tun es auch nicht mehr.

Mutter. Wir sagen oft so und doch immer wieder.

Hecht. Sobald ich dich von Recht im Bette habe.

(Anklopfen. Hecht und Frau Weber gehen aus der Umarmung.)

Mutter. Das wird Johanna sein. (Kurz.) Ja.

Hecht. Herein!

Johanna (ein sehr einfach, beinahe ärmlich angezogenes Frauenzimmer mit ganz einfachem Hut, kräftige Figur, mit geheimnisvollem Gang, eigentlich ein Zigeunertypus, kann furchtbar pfiffig lachen, hervorragend mimen, lügen, ohne einmal anzustoßen, wenn sie verliebt guckt, hat sie Lamablick, redet in stets bescheidenem Ton). Sie haben mich hergebeten, Herr Hecht. Bin ich zur rechten Zeit gekommen?

Hecht. Auf die Minute.

Johanna. Das ist sehr wesentlich.

Mutter (absichtlich zu Hecht). Du hast die Wahl gefehlt.

Johanna. Weil ich so bescheiden bin? Das ist die giftigste Gebärde.

Mutter (lobend). Satan!

Johanna (nimmt auf das Lob hin eine lächelnd aufgerichtete Haltung gegen Hecht ein).

Hecht. Es ist wahr, wir müssen zur Sache schreiten. – Wollen Sie eine Nacht bei Herrn Lothar Weber wagen?

Johanna. Wenn gnädige Frau gestatten?

Mutter (fast plump). Welches Untersinnen!

Johanna. Er hat mich schon vor Jahren nah gekannt.

Mutter (Aufregung heuchelnd). Ich wollte es nochmals hören. Es raubt mir den Verstand, daß er so ruchlos war. Geliebte Johanna, du wußtest damals nicht, wer er war.

Johanna. Er nannte sich Doktor Krösus, da ich Doktor Krösus nicht kenne, so hielt ich ihn für millionenreich.

Mutter (schlägt die Hände zusammen). Er zeigte sich erkenntlich, darum mußten wir darben. Dahin kam das Geld. Hast du's noch, Johanna?

Johanna (pfiffig lachend). Ich könnte reich sein.

Hecht. Beruhige dich, er wird es schon bereuen, wenn er vor's heilige Gericht kommt, beschmutzt wie ein Lump. Er, der tat, als wäre er König Bells Sohn, als er hatte und wie ein Märtyrer, als er nichts mehr hatte. Martha, du mußt es ertragen, wenn Johanna ihm einen Dienst erweist, sie hat ein Recht darauf, ihm behilflich zu sein in seiner Frauenlosigkeit.

Johanna. Zu was denn alles der Schein? Wir sind intim. Verdien ich nicht mein Geld?! Sie haben auf die Keuschheit nur gewettet.

Mutter (mit einem leisen Wink auf Hecht). Man will nur deuten, was die Richter fragen können.

Johanna. Die Hauptsache ist, daß ich heute eine Nacht bei ihm bin und morgen gewesen bin. Und wenn er fromm wird, werd ich frömmer.

Mutter. Sein Widerstand hat sich verschärft bei diesem Tugendhelden. Es wird ihm aber wenig nützen, daß er gut war.

Johanna. Soeben hörte man, daß er es nicht war.

Hecht. Wenn es dir leid tut, Martha, läßt man's bleiben. Ich würde nicht gern mit Lügnerinnen zu tun haben.

Johanna. Ich bitte um mein Angeld.

Hecht. Warum muß man dich mit Geld zum alten Schatze treiben? War er es nicht? Oder bist du deiner Wette sicher?

Johanna. Mein Geschmack hat sich verändert. Und Herr Hecht will mich zur Unzucht verleiten, wo ich doch gar nichts mehr berühren wollte, seit ich mit Karl (Blick gesenkt) – –.

Mutter. Wenn's nicht gelingt, dann gibt's nichts weiter.

Johanna. Das sagt man nicht.

Mutter. Gib ihr hundert Mark.

Hecht (händigt ihr die Summe ein).

Johanna. Ich hole morgen tausend, sonst kann ich nicht in Brillanten schwören. Ich rate, seid nicht geizig, sonst werd ich ethisch.

Hecht (wischt den Schweiß von der Stirne).

Mutter. Dann bist du aber zufrieden, Schöne, meine Hochzeit ist auch noch eine Gelegenheit.

Johanna. Ich komme dann zur Morgentoilette, wenn Sie verheiratet sind.

Mutter. Bist du geschickt?

Johanna. Sie dürfen mich nur rufen, gnädige Frau. (Ab.)

Mutter. Für die haben wir nicht zu viel gegeben.

Hecht. Was ihr zuletzt spracht, war Geflunker. Was will sie bei der Morgentoilette?

Mutter. Frauen lernen sich allerlei.

Hecht. Nähere Bekanntschaft wünsch ich nicht mit der Person.

Mutter. So etwas. Bist du auf Frauen eifersüchtig?

Hecht. Geschwätz.

Mutter. Es muß schon so sein, warum tätest du dann so komisch?

Hecht. Warum helfe ich eigentlich Lothar ins Unglück?

Mutter. Du hast ihn schon einmal hineingebracht.

Hecht. Es war nur mein Gerechtigkeitsgefühl und heute ist es dasselbe. Ich will einen zurückliegenden Fall von Ehebruch wiederholen lassen, damit er ein neuer ist, ich versetze eigentlich nur die Zeit. Was tue ich also Unrechtes? sage selbst. Und für ihn wird's ja nur Glück.

Mutter (lächelt).

Hecht. Faktisch ist es kein Unrecht.

Mutter. Eigentlich ist's ja ein Unterschied.

Hecht. Wieso denn? Das sehe ich nicht ein.

Mutter. Man sagt das eben so, du weißt doch.

Hecht. Nein, wenn ich's dir nur klar machen könnte. (Stutzig.) Du, ich habe die Kellnerin noch etwas zu fragen. (Er zieht den Mantel an.)

Mutter. Was die gesagt hat, stimmt schon, bloß deine Logik nicht.

Hecht. Und trotzdem ist es besser. (Er geht fort.)

Mutter. Geh nur, ich weiß ja schon. Ich mach es mit dir nicht besser. (Sie nimmt ihre Kleidungsstücke auf und will nebenan gehen, da wird die Türe schon von der anderen Seite aufgeklinkt. Selma mit Lüstling prallen mit ihr zusammen.)

Mutter. Wie kamt ihr in die Wohnung herein?

Lüstling. Für alle Dinge gibt es einen Schlüssel, wer den besitzt, muß alles öffnen können.

Mutter. Ja, das erklärt mir nichts.

Selma. So hat er's auch mit mir. Ich muß willfahren allem, was er tut.

Mutter. Natürlich, wenn er's tat, hast du willfahren.

Selma. Es gibt nichts mehr Geheimes zwischen uns.

Lüstling. Und also keinen Vorwurf, abgemacht.

Mutter. Wie bei der Stimmgabel, du schlägst sie an und sie gibt deinen Ton von sich.

Lüstling. Das ist gesprochen, ganz experimental. Wie mitgemacht, schon eh' man ein's geboren. Da wir schon d'ran sind, sie kriegt kein reines A, es tut zu sehr gedehnt, wie müdes Gähnen, oft wie durch Nasenschlangen, ganz französisch oder schwäbisch. Nur kann es diese Rasse auch mit Willen rein. Woher mag das nur kommen, ist das wohl ererbt, sie gibt doch wohl den Ton, den ihr Mama gegeben.

Mutter. Da bitte, nein. Bei allem anderen, ja.

Lüstling. Das ist noch kein Beweis. Die Stimmgabe soll leben.

Mutter. Sie sprechen ja ganz kindisch, ganz schanbacherisch.

Selma. Was haben Sie urplötzlich auch zu klagen? das konnten Sie mir nach der Stunde sagen.

Lüstling. Schanbacherisch war's nicht. »Stimmgabe« und »Stimmgabel« sind verwandte, aber ganz verschiedene Dinge. Die güt'ge Mutterfreundin meiner Selmafreundin wollte ich nicht verletzen. Auf Fastnacht wollte ich nur etwas zurechte machen. Ich spiel den Doktor und muß untersuchen, ob sich der Mutterkehlkopf schon im Halse findet. Ich lade beide ein zum Maskenball, die Mutter soll dann Tochter und die Tochter Mutter sein. Dann fragt die Mutter, wie klingt dieses A? dann sag ich, ganz exzellent und überirdisch rein, gerade wie bei dir, mein Tochtermutterlein, so süß. Ah, ah.

Selma. Auf die Entscheidung bin ich sehr gespannt.

Mutter. Es gibt ja keine, Dumme, man kann mich lieber aus dem Spiele lassen.

Lüstling. Ich muß die Mutter kennen.

Mutter. Wenn's sein muß, dann, doch nur im Kehlkopf, bester Doktor.

Lüstling. Wenn ich ihn gleich am Maskenrande finde.

Mutter. Sagt's aber meinem Bräutigam fein nicht, er ist auf Aerzte ganz revolverisch.

Lüstling. Käm' er nur gleich, da kommt er schon.

Mutter (rasch). Habt ihr gehorcht?

Lüstling. Nur ich, ich find, »es glückt«.

(Hecht kommt zurück, macht ein saueres Gesicht.)

Lüstling (eilends). Die gnädige Frau verbot mir im Moment, Ihnen zu sagen, daß sie sich im Kehlkopf untersuchen lassen will, weil sie zuweilen einen Druck fühlt, weil Sie sonst glaubten, daß sie Schwindsucht habe.

Hecht. An so was hätt ich nie gedacht. Wie stellst du mich hin?

Lüstling (zu Frau Weber). Also sehen Sie.

Hecht (leise zu derselben). Es bleibt dabei.

Mutter (hat die Aufmerksamkeit Hecht zugewandt).

Lüstling. Es sind doch alle Männer eifersüchtig, von jenem Tag ab, wo sie sich binden, an die von Hause Losgebundene. Komm, Selma, laß ihm sein saueres Gesicht.

(Beide ab.)

Hecht. Was will denn der?

Mutter. Man muß es dir ansehen.


(Vorhang.)

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