Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts

Christoph Martin Wieland: Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts - Kapitel 8
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1777
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleUeber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts
pages32
created20131209
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

7.

Was in unsern Zeiten wegen der Patagonen vorgegangen, gibt uns ein klares Beispiel, wie es, sehr natürlicher Weise, mit den historischen und kosmographischen Vergrößerungen zuzugehen pflegt. Vielen ältern Reisebeschreibern zufolge waren diese Bewohner der westlichen Küste des Magellanischen Landes noch einmal so hoch als Europäer von gewöhnlicher Statur; und dieß bestätigte FrezierFrezier, Ingenieur, geb. zu Chambery 1682, gest. zu Brest 1773, hat sich durch seine Relation du voyage de la mer du Sud dans les années 1711–1714 (Amst. 1717, übers. Hamb. 1745 – eine Ausgabe von 1732 kenne ich nicht) einen Rang unter den besten Reiseschreibern erworben. in seiner 339 Reisebeschreibung von 1732 aus dem Munde verschiedener Spanier, die als Augenzeugen sprachen. Zwei und dreißig Jahre hernach befuhr (bekannter Maßen) der Commodor ByronS. dessen Nachrichten in Hawkesworth's Account T. I. Byrons Reise um die Welt, Leipzig 1769, ist nur eine kleine Nachricht, die, wie Zimmermann sich ausdrückt, nur von einem Schiffschirurgus oder dergleichen verfaßt ist und nie vom Commodore selbst. die Küste, wo diese Titanen zu Hause seyn sollten; er sah sie, und, wiewohl sie ihm noch immer groß genug vorkamenWie leicht die Ueberraschung und das Erstaunen auch den verständigsten Mann zu unmäßigen Hyperbolen bringen können, davon kann uns Byron selbst zum Beispiel dienen, da er sagt: sein Lieutenant, Cumming, der doch selbst sechs Fuß zwei Zoll maß, wäre diesen Riesen gegenüber so klein wie ein Zwerg geworden – und doch betrug der Unterschied höchstens nur drei bis vier Zoll! W., um mit allem Respect, den man seinen Höhern schuldig ist, von ihnen zu sprechen, so fand er sie doch wenigstens um drei bis vier Fuß kleiner, als die Spanier (die das Große lieben) sie gemacht hatten. Der größte, den er unter etlichen Hunderten sah, schien ihm, dem Augenmaß nach, nicht viel kleiner als sieben Fuß. Endlich lernte Capitain Wallis zwei Jahre darauf die nämlichen Riesen kennen, die man, weil sie fast immer zu Pferde sind, eben so wohl hätte zu neuen Centauren machen mögen. Zu gutem Glück hatte er just ein paar Meßruthen bei sich. In solchen Fällen ist nichts über eine Meßruthe, um hinter die eigentliche Wahrheit zu kommen. Man maß die Längsten unter ihnen, und, siehe! es fand sich nur Einer, der sechs Fuß sieben Zoll maß, und etliche wenige von sechs Füß fünf bis sechs Zoll; die meisten hatten nur fünf Fuß zehn Zoll bis sechs Fuß. – Und so schmolz eine Länge, die nach spanischem Augenmaß zehn bis eilf Fuß betrug, in einem engländischen Auge auf sieben und durch die Meßruthe auf sechs bis siebenthalb herunter.

Man muß gestehen, dieß ist immer noch viel, und eine ganze Nation solcher stattlicher Männer, mit Weibern nach Proportion, muß für einen armen Europäer allerdings ein sonderbarer und schauerlicher Anblick seyn. Aber sehr vermuthlich ist die Größe dieser Patagonen auch das non plus ultra der menschlichen Statur; und wenn wir von der angeblichen Größe der Menschen in den Patriarchen- und 340 Heldenzeiten Alles abziehen, was davon auf Rechnung der verschiednen Maße und des Betrugs der Augen und der Lügenhaftigkeit der Wanderer, Seefahrer und Dichter und der Vergrößerung, die jede Sache durch das Fortwälzen aus einem Munde in den andern erhält, zu setzen ist; so wird wohl eine Länge von siebenthalb bis sieben Fuß das Höchste seyn, was die Riesengeschlechter der ältesten Zeit und die stattlichsten Männer der heroischen und ritterlichen zu fordern haben. Hercules hatte, nach der Ausrechnung des Pythagoras, sieben Fuß; eben so viel hatte Karl der Große – wiewohl er diesen Beinamen einer andern Größe zu danken hat. Ich kenne aus der Geschichte keinen dritten Mann zu diesen beiden. Ihre Stärke war in Verhältniß mit ihrer Größe; sie waren unermüdet in Thätigkeit, tapfer in Duldung, mächtig im Streit und mächtig in Frauenliebe. Wie sollten wir also nicht sicher annehmen können, daß die Statur dieser zwei gewaltigsten Söhne des Himmels und der Erde das wahre Maß heroischer Größe und Majestät sey, welches verbunden (wie bei jenen beiden) mit Stärke und Schönheit, diejenige äußerliche Gestalt gibt, die eines Mannes würdig ist, vor dem (nach Shakespeare's Ausdruck) die Natur aufstehen und sagen soll: Das ist ein Mann!


 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.