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Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts

Christoph Martin Wieland: Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts - Kapitel 7
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1777
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleUeber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts
pages32
created20131209
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

Wie alle Meinungen der Menschen, selbst die ungereimtesten, sich immer auf irgend eine Thatsache stützen; und wie wir Sterbliche fast immer nicht durch das, was wir sehen, sondern durch das, was wir daraus schließen, betrogen werden: so scheint es auch hier ergangen zu seyn. Man bemerkte von einem gewissen Punkte bis zu einem andern eine stufenweise Abnahme; und nun schloß man: die Menschen haben also immer abgenommen und werden immer abnehmen, haben schon zu Homers, ja schon zu des Patriarchen Jakob Zeiten abgenommen, sind folglich desto größer und vollkommner gewesen, je näher sie dem Ursprung der Menschheit waren, und werden desto schlechter, je weiter sie sich davon entfernen. Und nun ließ man die Einbildungskraft ausrennen.

Ich will – um die Sache durch ein etwas kurzweiliges Beispiel zu erläutern – nur bei einem einzigen Vorzug verweilen, den ein fast allgemeiner Glaube den Menschen der ältesten Welt einräumt – nämlich den Vorzug einer ungeheuren körperlichen Größe. Wir wollen sehen, was wohl an der Sache seyn mag, und mit welchem Grunde sich daher auf die Abnahme der menschlichen Gattung schließen läßt.

Nach dem Berichte der Talmudisten war Adam, selbst nach dem leidigen Fall (wodurch er auch in diesem Stücke 335 unendlich viel verlor) noch immer neunhundert Ellen hoch, so daß ein Swiftischer Brobdignak gegen ihn nur ein Lilliputter gewesen wäre. Die Araber (nach der Erzählung des Wanderers Monkonys) machen sich keinen viel kleinern Begriff von der Größe unsrer ersten Stammältern; denn sie zeigen bis auf diesen Tag drei Berge oder Hügel in der Ebene von Mekka, auf deren Einen Eva ihren Kopf und auf die beiden andern (welche zwei Musketenschüsse weit von jenem abstehen) ihre Knie bei einer gewissen Gelegenheit gestützt haben sollDictionnaire de Bayle, article Adam. W.. – Doch man weiß, daß die Morgenländer starke Liebhaber vom Vergrößern sind. Wir wollen uns also an einen neuern abendländischen Gelehrten halten, der sich viele Mühe gegeben hat, auf den Grund der Sache zu kommen.

Herr Nicolaus Henrion, Mitglied der Académie des Inscriptions zu Paris im ersten Viertel dieses Jahrhunderts, ein Mann, der eine große Stärke in den morgenländischen Sprachen besessen haben soll, arbeitete viele Jahre Tag und Nacht an einem großen Werke über Maße und Gewichte aller Zeiten und Völker des Erdbodens. Es war seine Lieblingsbeschäftigung; aber, je mehr er Entdeckungen machte, und je tiefer er sich in die alte Welt hineingrub, je mehr wuchs seine Arbeit ins Unermeßliche; und so überraschte ihn der Tod, eh' er damit zu Stande kommen konnte. Der Umstand, daß alle Völker von jeher mit Füßen gemessen haben, brachte ihn auf Untersuchung der verschiedenen Größe des menschlichen Fußes, und diese auf Ausmessung der ganzen Größe der Menschen in verschiedenen Zeitaltern. Im Jahre 1718 brachte er der Akademie eine chronologische Tabelle der Verschiedenheiten der Länge des menschlichen Körpers, von Erschaffung der Welt an bis zur christlichen Zeitrechnung, so wie er sie nach seinen vermeinten Entdeckungen 336 ausgerechnet hatte. Vermöge derselben hätten sich zwar die Rabbinen um etwas verrechnet; jedoch bliebe unsern Stammältern immer noch eine sehr ansehnliche Länge. Adam war, nach Henrions Tabelle, einhundert drei und zwanzig Fuß neun Zoll Pariser Maß, und Eva einhundert und achtzehn Fuß neun und drei Viertel Zoll lang; beide also ungefähr achtzehn bis zwanzig Fuß länger, als der berühmte Koloß zu Rhodus. Bei der neunten Generation zeigte sich bereits eine merkliche Abnahme; Noah hatte schon zwanzig Fuß weniger als Adam: und bei der neunzehnten schrumpfte das Menschengeschlecht vollends zu wahren Zwergen ein; denn Vater Abraham maß nur noch sieben und zwanzig bis acht und zwanzig Fuß. Nun wurden die Zeiten immer schlechter, so daß für Mose nur dreizehn und für den thebanischen HerculesDer nach Frerets Berechnung (Memoir. de l'Acad. des Inscr. Tom. VII. p. 485) ungefähr zweihundert Jahre später ist als Moses. W. kaum zehn Fuß blieben. Alexander der Große mußte sich an sechs Fuß begnügen lassen; und Cäsar (zu dessen Zeiten man die Größe eines Mannes schon lange nicht mehr nach Füßen ausmaß), Cäsar konnte ein großer Mann mit fünfen seyn.

Schade daß die Akademie der Aufschriften uns nicht wenigstens einen Theil der Gründe und Belege hat mittheilen wollen, womit Henrion diesen merkwürdigen Maßstab der Menschheit ohne Zweifel zu rechtfertigen im Stande war. Man hätte sie doch wohl in seinen nachgelassenen Papieren finden sollen. Insonderheit hätte ich sehen mögen, aus was für Gründen er uns hätte begreiflich machen wollen, wie, zu einer Zeit, da die menschliche Gattung schon auf zwölf bis dreizehn Fuß eingeschrumpft war, die Kinder Enaks noch so ungeheure Popanze seyn konnten, daß die israelitischen Kundschafter sich selbst gegen jene nur wie Heuschrecken vorkamen4. B. Mose 15..

337 Der Abbé Tilladet hatte der Akademie schon lange zuvor (im Jahre 1704) eine Abhandlung über die Riesen vorgelesen, worin er aus heiligen und profanen Scribenten bewies, daß es in den ersten zwei Jahrtausenden Riesenvölker gegeben habe, und daß nicht nur Adam und die ersten Patriarchen, sondern auch die Anführer der morgenländischen Colonien, die nach und nach die Abendländer bevölkert haben, insgesammt Riesen gewesen.

Einige Jahre darauf nahm Mahudel die Frage wieder auf, und weil ihn däuchte, daß Tilladet die Sache ein wenig zu leichtgläubig und seichte behandelt habe, so untersuchte er sie, in der echten Shandyschen Manier, als ein Naturkundiger, Zergliederer, Mechanicus, Geschichtsforscher, Kunstrichter, Staatsmann, Moralist, Oekonomist u. s. w., und so fand sich denn freilich, daß die Männer, die, mit einer Fichte statt des Stabes in der Hand, über Berg und Thal daher schritten und denen, wenn sie ins Meer hineingingen, das Wasser kaum bis an die Kniekehlen reichte, bei genauerer Ausmessung zu ganz leidlichen Ungeheuern wurden, so wie das fürchterliche weiße Gespenst, das uns die Haare zu Berge stehen machte, beim Lichte besehen und mit Händen betastet, zu einem unschuldigen – Hemde wird. Dieß gilt nicht nur den Mährchen solcher Geschichtschreiber, wie zum Beispiel der Mönch HelinandEin Chronikschreiber aus dem Anfange des dreizehnten Jahrhunderts, auf dessen Glaubwürdigkeit die schöne Erzählung beruht von der Entdeckung des Grabes des vom Virgil besungenen Prinzen Pallas, Evanders Sohn, und wie man dessen Leichnam zweitausend dreihundert Jahre nach seiner Beerdigung noch unversehrt gefunden, und wie er, da man ihn an die Stadtmauer zu Rom angelehnt, um den ganzen Kopf über die Mauer emporgeraget habe, und so weiter. Welches Alles ihm der ehrliche Alfons Tostat, Bischof von Avila, umständlich und getreulich nachsagt. Dieser Tostat ist der große Vielschreiber, dem man nachgerechnet hat, daß er, um die sieben und zwanzig dicken Folianten, woraus seine Werke bestehen, bei Leibesleben zu Stande zu bringen, seine Kindheit abgerechnet, jeden Tag wenigstens fünf Bogen schreiben mußte. Wer einen so dringenden Beruf zum Schreiben hat, dem bleibt freilich keine Zeit zum Denken übrig. W. und sein leichtgläubiger Nachschreiber Tostat; nicht nur der Höhle des Polyphemus, dieses berühmten Cyklopen, der nach Fasels Versicherung zweihundert Ellen lang war und zu Drepano in einer Höhle wohnte, die der Jesuit Kircher (der sie gemessen) sieben bis acht Fuß hoch befunden; nicht nur dem sechs und vierzig Ellen langen Skelet des Orion in Kreta (beim Plinius), welches die Kritik mit gutem Fug auf sechs Ellen heruntersetzt, und das 338 auch dann noch immer für eine Reisebeschreibers-Lüge groß genug ist; selbst Goliath und König Og von Basan, für deren ungeheure Statur wir ein sehr ehrwürdiges Zeugniß haben, sinken ohne Nachtheil der Autorität desselben nach Mahudels Berechnung zu einer unsre Einbildungskraft weniger ermüdenden Länge herab. Kurz, seiner bescheidenen Meinung nach, sind zwölf Fuß das Höchste, was man irgend einem Riesen zuzugestehen schuldig ist; und die beglaubte Geschichte stellt keinen Einzigen auf, der dieses Maß überschritten hätte.

So wenig dieß auch denen vorkommen mag, die von einem zweihundert Ellen langen Kerl wie von der alltäglichsten Sache von der Welt sprechen: so dünkt mich doch, Mahudel habe den festen Punkt der wahren kolossalischen Größe des Menschen noch viel zu hoch gesetzt, und man habe, um der Mythologie und Geschichte alle Billigkeit zu erweisen, nicht nöthig, sie über sieben Fuß anzunehmen; denn die höchst seltnen Ungeheuer, die dieß Maß überschritten haben möchten, verdienen, wenn die Frage von höchster natürlicher Vollkommenheit ist, eben so wenig in Betracht zu kommen, als die zwei- oder dreiköpfigen Mißgeburten.


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