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Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts

Christoph Martin Wieland: Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1777
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleUeber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts
pages32
created20131209
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.

In dem Kreise, worin uns die Natur ewig herum zu drehen scheint, lassen sich gleichsam zwei Pole angeben, wovon der eine den höchsten Punkt der natürlichen Gesundheit, Größe und Stärke des Menschen, und der andere den tiefsten Punkt der Kleinheit, Schwäche, Erschlaffung und Verderbniß bezeichnet. Jedes Volk in der Welt (dünkt mich) ist dazu gekommen oder wird dazu kommen, sich erst auf dem einen und endlich auf dem andern dieser Punkte zu befinden.

Und wo suchen wir nun den ersten dieser Zeitpunkte, den Zenith der natürlichen Vollkommenheit des Menschen? – Wahrlich nicht in den gepriesenen goldnen Altern der Philosophie und des Geschmacks, nicht in den Jahrhunderten Alexanders, Augusts, Leons X. und Ludwigs XIV. Das kann wohl Niemanden mehr einfallen, der diese goldnen Zeiten ein wenig genauer angesehen und nur einen Begriff davon hat, was Mensch ist und seyn kann. Auszierung, Einfassung, Schminke und Flitterstaat macht es nicht aus; etliche gute Maler, Bildhauer, Poeten und Kupferstecher wahrlich auch nicht! Man zeige mir in einem von diesen Jahrhunderten 332 den Mann, der sich vor Karln dem Großen, dem Sohn eines barbarischen Zeitalters (wie wir's, den Griechen nachplappernd, zu nennen pflegen), nicht zur Erde bücken müsse! Man messe (alle Umstände gegen einander gleich gewogen) die Alcibiaden, Alexander, Cäsarn (für die ich meines Orts übrigens allen Respect habe), und neben ihm werden sie kleiner scheinen, wie Lanzelot vom See und seine Genossen neben dem alten Branor, der eines ganzen Hauptes länger war, als sie alle – wie die alte Geschichte sagt.

Ich vergesse nicht, daß es unbillig wäre, Karln die Tugenden seiner Zeit und jenen Griechen und Römern die Untugenden der ihrigen ohne Abzug anzurechnen. Aber es ist auch hier nicht vom persönlichen Vorzuge dieser großen Menschen (wiewohl ich glaube, daß Karl auch von dieser Seite der gewinnende Theil seyn würde), sondern von dem Vorzuge der Zeiten die Rede – und gewiß gebührt er derjenigen, wo man der künstlichern Ausbildung und Aufstützung eben darum nicht bedarf, weil die Natur noch Alles thut.

Ich weiß ungefähr, was sich zum Vortheil der Verfeinerung in Sitten und Lebensart, die wir den großen Monarchien und Hauptstädten, dem Luxus, der Nachahmung der alten Griechen und Römer, dem Handel, der Schifffahrt und so weiter zu danken haben – und was sich gegen die rohe Lebensart und die derben Sitten der Patriarchen-, Helden- und Ritterzeit, sagen und nicht sagen läßt. Es ist eine ausgedroschne erschöpfte Materie, an der ich weder mehr zu dreschen, noch zu saugen Lust habe. Aber hier ist die Frage: in welcher von beiden die Menschheit lautrer, gesunder, stärker und sogar gefühlvoller gewesen sey? – Denn unsere alkoholisirtedurch den höchsten Grad von Weingeist erregte und so oft nur affectirte Empfindsamkeit, die wir voraus zu haben glauben, ist nur ein schwaches Surrogat für die 333 lebendigen, starken, voll strömenden Gefühle der Natur. Oder vielmehr es ist keine Frage: die Sache spricht für sich selbst; und Niemand, so sehr ihn auch die Last unserer Zeit zusammen gedrückt oder der Taumel unserer vermeinten Vorzüge verdumpft haben mag, kann nur einen Augenblick anstehen, auf welche Seite er entscheiden soll.


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