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Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts

Christoph Martin Wieland: Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1777
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleUeber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts
pages32
created20131209
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3.

Man erlaube mir hier eine kleine Abschweifung, die uns nicht weit von der Hauptsache führen soll.

In den Zeiten der Entnervung der Menschheit durch Ueppigkeit und alle übrige Folgen des Reichthums und der höchsten Verfeinerung oder UeberspannungDieß Letzte war eigentlich der Fall der Römer: aber die Folgen von beiden sind am Ende ziemlich ähnlich; nur daß Erschlaffung aus Ueberspannung bei Weitem ein schlimmerer Zustand ist als Schwäche aus Verfeinerung. W. ist es weniger die körperliche Schwäche, als die Abwürdigung und Entkräftung der Seelen, die Stumpfheit ihres innern Sinnes für das wahre Große, was sie gegen die herrlichen Naturmenschen der Vorwelt so klein erscheinen macht. Wie sollten sie das Vermögen haben, zu thun, was diese vermochten, da sie nicht einmal fähig sind, das Große in den edelsten Gesinnungen oder Handlungen derselben zu fühlen?

Plutarch hat uns in seinem Leben des Pompejus ein sehr auffallendes Beispiel hiervon aufbehalten, das einen Zug von Achills Betragen in der großen entscheidenden Scene der Ilias betrifft. Um meine Leser darüber selbst urtheilen zu lassen, muß ich diese Scene mit zwei Worten in ihr Gedächtniß 328 zurück rufen. Die Trojer alle haben sich vor der Wuth des Achilles hinter die Mauern ihrer Stadt geflüchtet; die Thore sind verschlossen; nur der einzige Hektor ist außer den Mauern zurück geblieben, entschlossen, zu sterben oder dem Zerstörer seines Volkes das Leben zu nehmen; das griechische Heer steht in einiger Entfernung gegenüber, und die Götter schauen schweigend vom Olymp herab. Hektor, unerbittlich dem Flehen seines Vaters und seiner Mutter, steht und erwartet den kommenden Feind. Aber, indem Achilles, »dem Gott der Schlachten gleich, in seinem Harnisch, der wie lodernd Feuer oder wie eine Morgensonne Strahlen wirft, den furchtbaren Speer in seiner Rechten schwingend, auf ihn zugeht,« – überfällt ein ungewohntes Entsetzen Hektorn; ihm entsinkt der Muth, der ihn zur letzten Hoffnung seines unglückseligen Volkes und Hauses machte; er kann den Anblick des Stärkern, der über ihn gekommen ist, nicht ertragen, er flieht. Dreimal jagt ihn Achilles rund um die Mauern von Troja, und so oft der verstürzte Hektor, Hülfe von den Seinigen zu erhalten, sich innerhalb eines Pfeilschusses den Thürmen nähern will, treibt ihn jener wieder ins offene Feld gegen die Stirne des griechischen Heeres zurück – winkt aber zugleich den Seinigen mit dem Kopfe und wehrt ihnen, mit Pfeilen nach Hektorn zu schießen, »damit nicht ein Anderer ihm den Ruhm wegnähme, Hektorn erlegt zu haben, und er nur der Zweite wäre.«

Wer die Ilias auch nur mit dem mäßigsten Antheile von Menschensinn gelesen hat, muß fühlen, daß Achilles nicht Achilles hätte seyn müssen, wenn es ihm in diesem glorreichen entscheidenden Augenblicke hätte gleichgültig seyn sollen, ob die Seele seines Freundes Patroklus und aller übrigen Griechen, welche Hektor zum Orcus gesendet hatte, durch 329 ihn oder einen Andern gerochen würde, und Troja durch seine oder eines Andern Hand fiele. Gleichwohl (spricht Plutarch) fanden sich LeuteEr sagt uns nicht, wer sie waren; die Rede ist aber von denen, die den Pompejus wegen eines gewissen wirklich unedeln Verfahrens in dem Kriege mit den Seeräubern tadelten. Wahrscheinlich waren es nicht weise Römer, wie Dacier meint, sondern Graeculi, Moralisten von Profession, von den scharfsichtigen Herren, die den Wald vor den Bäumen nicht sehen können. W., die in diesem Gefühl und Betragen des Achilles etwas unendlich Kleines fanden. »Achilles, sagten sie, thut hier nicht die That eines Mannes, sondern eines thörichten, nach Ruhm schnappenden Knaben.« Die feinen Moralisten! Nach dem hohen Ideal dieser Schulmeister hätte es Achillen gleich viel seyn sollen, wer Hektorn erlegte, er oder Thersites, wenn die That nur gethan würde; denn »dem Weisen ist's ja nie um sich, sondern immer nur um die Sache selbst zu thun!« – O die Gräculi, die Gräculi! Wie sehr Achill zu beklagen ist, daß er kein Stoiker war! daß er zu früh in die Welt kam, um bei einem Chrysippus oder Posidonius in die Schule zu gehen und zu lernen, was für eine kindische Sache es um die Leidenschaften ist! – Freilich, in den wilden Zeiten, worin er das Unglück hatte geboren zu werden, wußten die Leute noch wenig von guter Lebensart. Da zankten Könige und Feldmarschälle sich noch im bittersten Ernst um – eine hübsche Dirne, geriethen um so einer Kleinigkeit willen in solche Wuth, daß sie, mit Hintansetzung aller Wohlanständigkeit, einander schimpften, wie die Karrenschieber. – Da setzte sich der göttliche Achill ans Ufer hin und weinte wie ein kleines Mädchen, daß ihm Agamemnon seine Puppe genommen, oder (was in den Augen eines stoischen Schulmeisters auf Eines hinaus lief) daß ihm die Griechen seinen verdienten Antheil an der Beute, an deren Gewinnung er sein Leben gesetzt, wieder weggenommen und ihn dadurch beschimpft hatten u. s. w. Welche Thorheiten! welche Kindereien! Und der einfältige Homer, der selbst Kind genug war, aus solchen Kindern seine Helden zu machen, ließ sich so wenig davon träumen, wie irgend eine große Natur 330 ohne Leidenschaft seyn könnte, daß er auch sogar seine Götter mit eben so läppischen Leidenschaften begabte – wofür ihm dann auch Plato, Cicero und so viel andere große Männer (die zwar weder Iliaden gethan, noch Iliaden gedichtet haben) nach Verdienen den Text gelesen haben! – Doch, freilich, was können am Ende Homer und seine Helden dafür? Sie trugen die Last ihrer Zeiten, wo die Menschen noch waren, wie sie die bloße Natur macht – wie sie in dem groben ungeschliffenen Zustand eines Volkes, das noch Nerven hat, seyn können. Ach. die Nerven, die Nerven! die sind immer (wie Herr PintoIsaak de Pinto, ein portugiesischer Jude, der erst in Frankreich und dann in Holland sich niederließ, wo er im Haag 1787 starb, ist durch mehrere Schriften nicht unrühmlich bekannt. Das Werk, worauf Wieland hier anspielt, ist gegen das berüchtigte Système de la Nature gerichtet: Précis des argumens contre les Matérialistes, avec des nouvelles réflexions sur la nature de nos connoissances etc. Uebers. Frankfurt und Leipzig 1776. weislich bemerkt hat) an allem Uebel schuld! Man kann daher nicht genug eilen, sie ihrer unbändigen, so viel Unheil in der Welt stiftenden Schnellkraft zu berauben! Denn, haben wir nur diese erst einmal weggeschwelgt oder wegphilosophirt oder weggetändelt oder, auf welche Art es sey, außer Activität gesetzt: dann räckeln wir uns hin und, weil wir keine Nerven mehr haben, um zu lieben oder zu hassen, vernunften oder faseln wir über die Herrlichkeit der Wesen ohne Sinne und Leidenschaften; – und, weil wir keine Nerven mehr haben, etwas zu unternehmen und auszuführen, beweisen wir, daß der Weise weder Hand noch Fuß regen, sondern blos zuschauen müsse; und, weil wir ohne Nerven sind und in dem Staate, worin wir zu leben die Ehre haben, auch keine nöthig haben, sondern Drahtpuppen, nervis alienis mobilia lignadurch fremde Nerven bewegliches Holz, sind, schwingen wir uns über die parteiischen kleinfügigen Bürgertugenden hinweg und – schwatzen von allgemeiner Weltbürgerschaft. – Kurz, je mehr wir durch die Abschälungen und Abstreifungen, die man mit uns vorgenommen, verloren haben, je spitzfindiger werden wir, uns zu beweisen: daß ein Mensch desto vollkommner sey, je abgestreifter er ist, das ist, je weniger er zu verlieren hat; so 331 daß einer erst dann ganz vollkommen wäre, wenn er gar nichts mehr zu verlieren hätte, das ist, wenn er gar nichts mehr wäre; – welches bekannter Maßen das höchste Gut gewisser Fakirn und Schüler des FohiFohi, nach der Meinung der Chinesen der Stifter ihrer Monarchie, wird hier, wie sehr oft, mit dem indischen Religionsstifter For oder Fo verwechselt. Sterbend offenbarte dieser seinen Schülern: es gebe kein anderes Grundwesen aller Dinge als das Leere und das Nichts, daraus sey Alles entstanden, dahin kehre Alles zurück, und darin endigen sich alle Hoffnungen. Dem Grundwesen gleich zu werden und zu diesem Ende nichts zu thun, nichts zu wünschen, nichts zu empfinden und nichts zu denken, wird von den strengen Anhängern dieser Lehre für des Menschen höchstes Ziel geachtet. in Indien und allerdings ultima linea rerum, die unterste Stufe der Abnahme des menschlichen Geschlechts ist, der wir, leider! zwar immer näher und näher kommen, sie selbst aber vermuthlich doch niemals völlig erreichen werden.


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