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Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts

Christoph Martin Wieland: Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts - Kapitel 2
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1777
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleUeber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts
pages32
created20131209
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1.

Jedes gebildete Volk hat seine fabelhafte und heroische Zeit gehabt, aus welcher seine spätern Dichter den Stoff zu wundervollen Gesängen, Erzählungen und Schauspielen hergenommen haben; eine Zeit von Halbgöttern, Riesen und Helden, gegen welche wir arme Wichtchen der historischen Zeit eine so demüthige Figur machen, daß wir (um so bald als möglich aus der Verlegenheit zu kommen) uns nicht besser zu helfen wissen, als die ganze Geschichte dieser Wundermenschen für Mährchen zu erklären.

Gleichwohl finden sich auf der andern Seite starke Gründe, zu glauben, daß diese Heroen jeder Nation einmal wirklich da waren, wirklich große Menschen waren und Dinge thaten, die wir – weil sie über unsre Kräfte gehen – erstaunlich finden, wiewohl sie ihnen selbst sehr natürlich vorkamen; ja, daß sie in der That noch weit größer, als wohl die meisten spätern Dichter und Romanschreiber in ihrem höchsten Taumel sich einbilden konnten, – und mit Allem dem doch – weder Götter noch Halbgötter, sondern blose Menschen waren, wie wir zu ihrer Zeit und in ihren Umständen ohne Zweifel auch gewesen wären.

Das ganze Geheimniß liegt darin, daß sie noch unzerdrückte und ungekünstelte, noch gesunde, ungeschwächte, ganze Menschen waren.

Wo die Natur noch frei und ungestört wirken kann, da macht sie keine andre als solche: und wenn für jedes policirte 322 und verfeinerte Volk einmal eine Zeit gewesen ist, wo es noch unpolicirt und unverfeinert war; so steigt die Geschichte eines jeden solchen Volkes (seine ältesten Urkunden mögen verloren gegangen seyn oder nicht) bis zu einem Zeitalter hinauf, wo es aus einer Art Menschen bestand, deren Existenz nach einer langen Reihe von Jahrhunderten endlich fabelhaft scheinen muß.

Ein frei stehender Mensch kann sich ausdehnen und wachsen, kann zu dem Grade von Größe, Stärke und Tauglichkeit gelangen, wozu er die Anlage auf die Welt gebracht hat. Damit dieß wirklich geschehe, müssen freilich mancherlei äußere Ursachen mitwirken. Er muß, zum Beispiel, weder an dem, was zur Unterhaltung und Entwicklung seiner Kräfte nöthig ist, Mangel leiden, noch muß es ihm gar zu leicht werden, sich diese Nothwendigkeiten zu verschaffen.

Der armselige Zustand der Bewohner von Feuerland, der ewige Druck gegenwärtiger Noth, ohne Hoffnung, es jemals besser zu haben, ist dem Wachsthum des Menschen zu seiner natürlichen Vollkommenheit eben so nachtheilig und noch mehr, als das allzu freigebige wollüstige Klima von O-Taiti, das seine Einwohner in ewiger Kindheit erhält, oder als die üppige Lebensart einer großen Königsstadt.

Der Mensch, der Alles seyn soll, wozu ihn die Natur machen wollte, muß Alles erdulden können, was ihm Natur und Nothwendigkeit auflegen; aber sein gewöhnlicher Zustand muß überhaupt glücklich, und sein Gefühl für die Freuden des Lebens und das Vergnügen, da zu seyn, muß offen und unabgestumpft seyn. Sein Nacken muß sich nie unter die Willkür eines Andern gebeugt haben; er muß immer unter seines Gleichen, das ist unter Menschen, die nichts sind, als was er auch ist oder werden kann, gelebt haben; aber 323 auch mit bessern, als er ist, damit der Vorzug, den diesen ihre größere Tauglichkeit gibt, ihn immer zur Nacheiferung und zum Wettstreit auffordere.

Alles dieß setzt eine Epoche der Nationalverfassung voraus, wo die Sicherheit mehr das Werk unsrer eignen Stärke und persönlicher Verbindungen als der Gesetze ist; wo Fürsten und Könige nur die ersten unter ihren Pairs sind; wo Jeder gilt, was er werth ist, Jeder wagt, was er sich auszuführen getraut, Jeder so gut oder so böse seyn darf, als ihn gelüstet; wo das Leben eines Mannes das Leben eines Kämpfers ist, eine fortgehende Kette von Existenz nach einer langen Reihe von Abenteuern, ein ewiges Drama, gedrängt voll von Handlung und Zufällen und Wagestücken, voll wider einander rennender oder sich mit großer Gewalt an einander reibender Leidenschaften; wo der Knoten meistens mit dem Schwert aufgelöst, und die Katastrophe immer die Wurzel neuer Verwirrungen wird.

Eine solche Epoche findet sich in den ältesten Jahrbüchern jeder policirten Nation; und könnten wir heutigen Europäer oder vielmehr unsre Abkömmlinge (wie es denn gar nichts Unmögliches ist) vor lauter grenzenloser Verfeinerung und Philosophie und Geschmack und Verachtung der Vorurtheile unsrer Großmütter und Weichlichkeit und Uebermuth und Narrheit es endlich wieder so weit bringen, in Wäldern (wenn es anders bis dahin noch Wälder gibt) einzeln und gewandlos auf allen Vieren herumzukriechen und Eicheln zu fressen; so wird dann auch, über lang oder kurz, die Zeit wieder kommen, wo die Nachkommen dieser neuen europäischen Wilden gerade wieder die freien, wackern, kühnen, biederherzigen Leute seyn werden, deren Sitten und Lebensart Tacitus – seinen nervenlosen Römern zum Verdruß 324 und zur Demüthigung ihrer kleinen flattrigen, gaukelnden, niedlichen Puppenseelchen – in einem so prächtigen Gemälde darstellte.

In einer solchen Zeit, unter einem solchen Volke ungeschliffner, aber freier, edler, starker, gefühl- und muthvoller Menschenkinder müssen freilich die Stärksten, die Edelsten, mit einem Worte, die Besten gar herrliche Menschen seyn. Ganz natürlich, daß das Andenken dessen, was sie waren und thaten, sich Jahrhunderte lang unter ihrem Volke lebendig erhält; daß der Großvater mit verjüngender Wärme seinen horchenden Enkeln Geschichten davon erzählt; daß diese Geschichten in Gesängen und Liedern von einem Geschlechte zum andern übergehen, und daß man desto mehr davon singt und sagt, je weiter sich die Nation von jenem Heldenalter entfernt, je näher sie dem Zeitlaufe der Policirung und Verfeinerung kommt, und je weiter sie darin fortschreitet. Natürlich, daß endlich eine Zeit kommen muß, wo man sich diesen großmächtigen Menschen so ungleich fühlt, daß man an ihrem ehemaligen Daseyn zu zweifeln anfängt und alle seine Einbildungskraft aufbieten muß, um sich eine Vorstellung von ihnen zu machen; daß eben deßwegen diese Vorstellungen unwahr, übertrieben und romanhaft, kurz, daß aus den wahren, großen Menschen der Vorwelt – fabelhafte Götter und Göttersöhne, Riesen und Recken, Amadise und Rolande werden.


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