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Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts

Christoph Martin Wieland: Ueber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts - Kapitel 10
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1777
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleUeber die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts
pages32
created20131209
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9.

Wie dem auch sey, nichts bedarf wohl weniger einer ernsthaften Widerlegung, als die Meinung von einer immer zunehmenden Entkräftung der Natur und stetem Abnehmen der Menschheit. Wo man jemals Abnahme gesehen hat, da hat man sie bei einzelnen Völkern gesehen – und immer waren es sittliche Ursachen, immer war es stufenweise Entnervung und Verderbniß durch Tyrannei, übermäßige Ungleichheit, Hoffahrt, Ueppigkeit und zügellose Sitten, was endlich im ganzen Staatskörper diese KachexieVon verdorbenen Säften und Verschleimung entstehende, die Ernährung hindernde Krankheit. hervorbrachte, die sich mit seinem Tod endigte. – Die Verderbniß und Schwäche ging nie ins Unendliche; sie hatte immer ihr gewisses Maß, wie Gesundheit und Stärke auch.

Als es mit den Römern dahin gekommen war, daß der Name Römer, der vormals Königen Ehrfurcht einflößte, bei den Gothen zu einem Schimpfnamen wurde, den kein ehrlicher Kerl auf sich sitzen lassen konnte, – so war es auch aus mit ihnen. Diese ausschweifendsten, raubgierigsten, niederträchtigsten aller Menschen, die das Schändlichste zu thun und zu leiden fähig waren, wurden zuletzt auch die feigsten und wehrlosesten des Erdbodens. – Tiefer ist nie ein anderes Volk gesunken. Aber ihr Verderben war, gleich einer Seuche, die nicht über einen gewissen Kreis hinaus kann, in die Grenzen ihrer Sitten eingeschlossen. Die Gothen, Vandalen, Longobarden, Franken, Sueven und so weiter, die ihre Herren wurden, blieben lange unangesteckt. Das große ungeheure Aas lag und moderte; aber, was noch von gesunden Bestandtheilen übrig war, verlor sich in einer neuen Schöpfung. Neue Völker, neue Namen, neue Reiche, Verfassungen, Sitten und Sprachen gingen aus den Trümmern 343 der alten Welt hervor; und nun fing sich der Cirkel wieder an. Die Römer, denen Horaz so viel Böses weissagte, waren den Römern aus den Zeiten der Coriolanus, Curius, Cincinnatus nicht unähnlicher, als wir heutige Europäer unsern Stiftern und Altvordern sind. Unser Fortgang ins Schlechtere wird, trotz aller unsrer Palliative und Betäubungsmittel, immer sichtlicher. Eine Kraft, die mächtiger ist als wir, stößt uns immer näher gegen jenen Punkt, der noch allen Völkern, die ihn berührt haben, verderblich gewesen ist. Werden wir vielleicht allein die Ausnahme machen?

Aber, was daraus auch werden mag, die menschliche Gattung überhaupt wird nichts dabei verlieren. Andre Völker, die jetzt noch in der Wildheit ihres kindischen Alters herumlaufen, werden ihre Jugendstufe besteigen; unverdorbene, kraftvolle, gutartige Menschen – wenn anders unsre kosmopolitische Neigung, auf dem ganzen Erdenrunde herumzuschwärmen und allen Völkern, von Grönland bis in die Südseeinseln, unsre Künste zu zeigen und unsre häßlichen Krankheiten mitzutheilen, bis dahin noch unangesteckte Menschen übrig läßt – werden die Patriarchen neuer Zeitalter werden; neue Helden, neue Argonauten, neue Orpheen und Ossiane, neue Ritter von der Tafelrunde – kurz, die ganze Geschichte, wie sie Virgil in seiner vierten Idylle in so schönen Versen weissagt, wird unter andern Formen und in andern Gegenden wieder kommen; und in dieser Ordnung der Natur wird sich die Menschheit vielleicht noch lange fortdrehen und von Zeit zu Zeit neu geboren werden, wachsen, blühen, reifen, abnehmen, verderben und dann wieder auferstehen und wieder blühen und wieder verderben, bis die Erde endlich ihre Zeit erfüllt hat, und eine Begebenheit, die alle übrige verschlingt, die Scene schließen wird.

344 Ich will damit nicht sagen, daß diese kreisförmige Bewegung, womit sich die menschlichen Dinge umwälzen, ein wahrer Cirkel sey. Man hat vielmehr Ursache (wie mich däucht), zu glauben, daß es keiner sey. Kein Volk hat jemals die Stufe wieder betreten, von der es einmal herabgefallen, noch durch irgend ein Wunder der Kunst die natürlichen Kräfte wieder bekommen, die es einmal verloren hatte. Die Perser sind nie wieder geworden, was sie unter Cyrus waren; die Athener haben sich nie von ihrem Alcibiades, die Spartaner nie von ihrem Lysander wieder erholen können. Es scheint, die Reihe des Steigens und Fallens müsse nach und nach an alle Völker kommen – welche nicht, wie die Grönländer, Lappen, Kamtschadalen und ihres Gleichen, mit eisernen Banden des Klimas gefesselt, ihr Daseyn im starren Nebel der Dumpfheit, wie halb erfrornen Menschen zukommt, hinträumen.


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